Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

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Programmatisches zum neuen Jahr: „Sie mögen es nicht, wenn Musik mehr ist als Musik.“

Das kann als Jahres-Motto sich angeeignet werden. Statt teuflischen Neujahrsansprachen von dem Dämon in Rom – kommt, ihr Jungs aus „Supernatural“, helfet!!! – sind die von gewichtigen Pop-Päpsten aufschlussreicher. Ist mir nie zuvor aufgefallen, daß Diederichsen auch mit Habermas operiert; so, wie er’s im verlinkten Text tut, tut er’s gut.

Habe eh kuriose Wochen der antizyklischen Lektüre angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise hinter mir. Nix mit Elend, Ökonomie und so, was ja nahe läge – eher ahnend denn wissend, daß das Feld des Politischen aktuell umgepflügt gehört, weil die dichotomischen Parolen der letzten Jahre nicht mehr funzen . Und daß da nur Pop im vom Diederichsen genannten Sinne helfen kann. Neben Nörglers konkurrenzlosen Marx-Exegesen, versteht sich.

Genau deshalb fand ich es ja so blödsinnig, nun den McKinseyschen „Griff zur Seele“ zu proklamieren: Da kommt McKinsey gar nicht hin, wo Pop wirken kann. Diese Vampir-Berater haben allenfalls die Seelen über-faszininierter Theoretiker im Griff und jene depperter Harvard-Buisness-School-Absolventen.

Vertiefte mich stattdessen in Warhols „POPism“ und bekenne, ihn, von dem ich bisher oft dachte, er sei an allem schuld, durchaus lieb gewonnen zu haben mit seinem tuckigen Humor und seiner hinter Naivität versteckten Boshaftigkeit. Las endlich die „Schönheitslinie“ von Hollinghurst zuende, ein seltsames Buch über die bigotten Thatcher-Jahre, bei dem sich ein High Society-Event an den nächsten schwulen Sex auf Koks reiht – bis trotz Tanz mit der eisernen Lady auf einer glamourösen Silberhochzeit der Konservatismus über dem Helden zusammen bricht. Habe  die Lektüre von „Kill your Friends“ ebenso begonnen wie jene der Texte von Lester Bangs, beides herrlich wüst, dreckig und böse  – alles Lektüre-Tipps zum nächsten Jahr, und wenn Blogs einen Sinn haben, dann ja unter anderem den des Lektüre-Protokolls als Vorbereitung von Kritik.

Was diese Bücher eint, das ist ihr Kommentar zum Pop: All der Tratsch, Gossip und die Witzchen bei Warhol, die finsteren Porno-Sequenzen in „Kill your friends“, die eitel-neurotische Selbstbespiegelung der 80er-Jahre-Tory-Upper-Class inmitten traditionaler, jene der schwerreichen Emporkömmlinge in pompös-postmoderner Architektur bei Hollingshurst sowie die seltsam betrunkene Interview-Nacht von Lester Bangs mit Lou Reed, die im wesentlichen so geschildert wird, daß der angreifen wollende Journalist als letzten Trottel sich schildert, der dargestellte Rockmusiker wie ein überlegen-abgehobenes, aber hochinspiriertesKind in Manager-Händen erscheint – sie alle brechen genau die Oberflächen, auf denen sie schneidend Schlittschuh laufen, mit Bravour. Und erscheinen mir aktuell ungleich politischer als alle „Staat versus Markt“-Diskussionen, deren Absurdität in der Finanzkrise endgültig zu sich selbst kam.

Insofern ist Diederichsen zuzustimmen: Verschwindet Pop als Öffentlichkeit ungehört in Nischen, wird Kritik Accessoire, und der Staatsmarktkapitalismus hat gewonnen. Abschaffen kann Pop ihn nicht, aber brechen und reflektieren – dann, wenn man ihn läßt. Sollten alle Blogger mal wieder ernst nehmen. In Diederichsens eigenen Worten:

 

„Pop-Musik im emphatischen Sinne als eine experimentelle kritische Öffentlichkeit aber unterläuft diese kulturelle Segregation (die zwischen High und Low-Art, MR) immer wieder. Dabei entstehen auch jede Menge Monster und akuter Irrsinn. Aber solche Extravaganzen sind besser als die versteinerten Verhältnisse, in denen sich das Stahlbad des Fun und der Erbauung gegenüberstehen wie einst in Adenauers Abendland.

(…)

Nicht mehr die Ausgewogenheit der Kräfte ist das Problem, sondern der Zusammenhalt des Öko-Systems Pop. Das Internet bietet den Kräften der Differenzierung eine grenzenlose Spielwiese. Tatsächlich gedeihen die Nischen und Extremismen der Pop-Musik besser denn je. (…) Was fehlt, sind die Medien, Kanäle und Formate, die die Extreme auf das Ganze zurückbeziehen und damit das möglich machen, was auch für die Pop-Musik-Öffentlichkeit entscheidend ist: Kritik.“