Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schlagwort-Archiv: Rätsel Konservatismus

Rosamunde Pilcher oder wo der Mainstream wirklich wohnt

„Die Gleichstellung der so genannten Schwulen-Ehe mit einer normalen Ehe zwischen Vater und Mutter etwa gehört tendenziell ebenso unabdingbar zu diesem neuen Konzept des Menschlichen dazu wie die völlige Freiheit der Entscheidung zur Abtreibung in jedem Monat der Schwangerschaft. Abtreibung ist hier ein Menschenrecht. Natürlich kann ein Embryo deshalb kein Mensch sein. Und so weiter. (…) „Ganz Gallien“ scheint also besiegt. Ganz Gallien? Nein! In einem winzigen Winkel Europas, im Zwergstaat des Vatikans, hat der Papst noch einmal gewagt, in seinen weißen Gewändern jenes ältere Menschenbild Europas und der Christenheit in Erinnerung zu rufen, das es zu verteidigen gelte, wenn die Menschheit nicht insgesamt großen Schaden nehmen wolle. „

 

Na ja, die katholische Kirche sich als von Asterix, Obelix und Majestix bevölkert vorzustellen, das verweist allenfalls auf das Artifizielle ihrer Selbstinszenierung und auf sonst gar nix – und dieses barocke Schauspiel ist ja schon ganz großes Theater. Reinster Camp. Lauter Männer in bodenlangen Kleidern, mit Goldschmuck behängt und echt schrillen Hüten auf der Halbglatze – dagegen ist dieses Ascott-Ballett in „My Fair Lady“ ein schlichtes. Immerhin gibt es keine bösen Blicke, wenn zwei die gleiche Mütze tragen.

Haben die denn Angst da im Vatikan, daß ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könne? Daß es die Römer waren, gegen die Gallier, diese Heiden mit ihrer Vielgötterei, einst kämpften, das sei noch erwähnt, weil es eigentlich peinlich für DIE WELT ist, wenn ihre Schreiberlinge so schiefe Bilder wählen und noch nicht mal deren Assoziationsspielraum berücksichtigen. Ich glaube nicht, daß Herr Ratzinger viele Gemeinsamkeiten zwischen sich und Miraculix, einem keltischen Druiden, feststellen würde. Außer vielleicht ein ganz klein wenig hinsichtlich des Kostüms. Und wenn Rom einst auch Christenverfolgung praktizierte, so hat sich das  ja irgendwann geändert.

Was nun aber Konservative ständig dazu treibt, sich analog zu Mehrheiten in bretonischen Besatzungszonen zu gebährden, das verstehe ich einfach nicht. Haben sie diese trizonesische Besatzungserfahrung nicht verarbeitet? Da hat ja auch nicht jeder verstanden, daß er gerade befreit wird …

Am bezeichnendsten einst diese ziemlich lustige Reportage des Süddeutschen Rundfunks, in der irgendein Bürokrat behauptete, ein Herr Gender habe das „Gender-Mainstreaming“ erfunden. Scheint ja geradezu totalitäre Herrschaft auf die Köpfe auszuüben, diese Gender-Theorie. Egal, wen in der U-Bahn ich frage, jeder kann die Butler so aufsagen wie einst das „Vaterunser“. 

Im fernab des Bible-Belt gelegenen Kalifornien hat jüngst eine Mehrheit sich gegen die Homo-Ehe ausgesprochen. In Spanien waren Hunderttausende auf den Straßen, um gegen die rechtliche Absicherung alternativet Formen der Partnerschaft zu demonstrieren, weil sie ihre eigene Form als höherrangig begreifen wollen, „ich bin halt doch was Besseres, ätsch!“ – oder einfach anderen  nicht Spaß noch Liebe gönnen? Der „Scarlett Letter“ war ja immer auch ’ne Form von Mißgunst.

In Lettland wurden jüngst CSD-Demonstranten mit Fäkalien beschmissen. In Polen gab Boykott-Aufrufe gegen Ikea, weil diese ein schwules Pärchen in ihrem Katalog abgebildet hatten. Und dann dieser dämliche Hinweis allerorten, daß es im Iran doch viel schlimmer sei. Ja, klar ist es da schlimmer, und na klar, noch geht’s mir hier außerordentlich gut. Hätte nur auch gerne, daß das trotz Herrn Badde so bleibt. Der will das aber nicht. Der findet sich besser.

Diese Attitüde des Widerstandskämpfers, in Blogs wie PI ja bestens erprobt, gegen einen imaginierten Mainstream ist reines Posing – es ist immer noch die Kirchensteuer, die administrativ erhoben wird, nicht die Finanzierung von Zentren für schwule Jugendliche; es sind immer noch die Vertreter von Kirchen, die z.B. in Rundfunkräten sitzen. Öffentlich-rechtliche Sender haben Kirchenredaktionen, keine speziellen für „Homosexuelle“. Könnte man jetzt ewig weiter durchspielen, aber wie kommt der Herr Badde denn eigentlich zu seinen seltsamen Ansichten? Alleine schon diese verräterische Formulierung „normale Ehe zwischen Vater und Mutter“ – als sei diese Institution Partnerschaften mit Kindern vorbehalten.

Kein Wunder, daß der Mann als ersten Kommentar den folgenden provoziert:

„Schwule = Aids-Gefahr sagt:
In Deutschland sind 90% der Aidskranken Schwule.

Über Blutspenden können auch Heteros angesteckt werden.

Schwule sind natürlich deshalb eine Gefahr für die Gesundheit der normalen Menschen. „

 

Was erfahrungsgemäß eine Äußerung jenseits des Mainstreams ist … ebenso wie diese in allen Bevölkerungsschichten so oft so freundlichst formulierte Aussage „Nee, das ist mir jetzt zu schwul!“. Was kein Mensch jenseits irgendwelcher Feuilletons und Blogs der Neuen Rechten  in der Pose des Widerstandskämpfers äußern würde, sondern im sicheren Bewußtsein dessen, daß im Notfall er es ist, der Normalo, der der Tunte auf die Fresse haut und auch sowas wie ein natürliches Recht verspürt, dieses zu tun. So als Teil des Mainstreams – weil „schwul“ das Bedeutungsfeld „Looser“, „Opfer“, „Mädchen“, „deviant“ so praktisch bündelt.

Aussagen und Attitudes wie im Falle dieses Blogs sind mir somit schlicht ein Rätsel.

„Konservatismus entspricht nicht mehr der Gangart der aktuellen Gesellschaft und Regierung.
Er ist nicht mehr dem gesellschaftlichen Mainstream zugehörig, sowie in vielen Bereichen nicht mit der politischen Korrektheit, -der sogenannten political correctness- vereinbar.

Aus diesem Grunde wird versucht, dieses unbequem gewordene Thema mundtot zu machen und aus dem gesellschaftlichen Konsens zu drängen.

Dies bin ich nicht mehr bereit hinzunehmen, denn ich fühle mich in meinem im Grundsatz verfassten Recht auf Meinungsfreiheit beschnitten.

Dass dies keine Einbildung ist, zeigen mir gleich mehrere Dinge.

Zum einen, ein aufmerksames Studieren der Presse und der gesellschaftlichen, politischen Geschehnisse.““

 

Was studiert der denn da eigentlich? Den imposanten ZDF-Mehrteiler „Die Deutschen“? Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen? „Willkommen bei Carmen Nebel“ (tolle Frau, übrigens!)?

Wenn man sich auf die Leitartikel in SZ und FR konzentriert, dann mag man ja so einen Eindruck bekommen, aber schon bei „Niedrig & Kuhnt“ sieht die Sache ganz gewaltig anders aus. Wie in fast jedem x-beliebigen Krimi. Die enorme Bedeutung von „Brokeback Mountain“ bestand gerade darin, daß normalerweise keine schwulen Cowboys durch Hollywood-Filme reiten. Und die paar schwul-lesbischen Randfiguren in irgendwelchen Daily Soaps, sorry – zwei der drei mir bekannten Hauptfiguren in Sendungen nach 20.15 h wollte keiner sehen. Dann lieber die „Traumhochzeit“ in allen Mutationen. Sei ihnen ja gegönnt. Aber wer oder was wird denn da unterjocht?

Aber wahrscheinlich meint das Konservative Blog ja ganz andere Themen als das, was dem Haider ja auch gefiel. Aber was denn eigentlich? Nation und Demographie und Einwanderung finden Erwähnung. Als sei nicht Usus seit der WM, inständig zu behaupten, so ganz locker und partymäßig hätten die Deutschen sich und ihre Fahne wieder lieb. Als sei der Aufstand nicht gewaltig gewesen, als Ströbele jüngst sein Unbehagen an den Flaggenmeeren bekundete. Gibt es überhaupt noch relevante Einwanderung seit der Asylrechtsabschaffung? Und gerade gegen die ja recht christliche Familienzuführung im Falle türkischer Sippen polemisiert der Konservative doch am lautesten und erläßt erst mal Gesetze, welche Tante draf und welcher Neffe nicht. Und regt sich noch drüber auf, daß diese „nur unter sich blieben“ und sich „nicht integrierten“. In was denn dann? In Familienwerte und die Ehe zwischen Mann und Frau? Machen sie doch recht häufig.

Wo leben diese Leute eigentlich? Gucken die kein fern? Die 8Oer, wo noch Boy George, Marc Almond  und Bronski Beat in den Charts sich tummelten, die sind doch vorbei … aber Polarkreis 18 machen mir zumindest Hoffung. Ja, auch Rosenstolz. Würden die nur nicht so fürchterliche Musik machen … da gibt’s in der katholischen Kirche oft bessere.

Advertisements