Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schlagwort-Archiv: Love is the answer

Liebe, Popkultur und den FC St. Pauli lesen ….

„“Wenn wir ein Buch lieben“, schrieb Catherine Simpson kürzlich, „lesen wir voller Energie. Wir glauben, das geliebte Buch würde uns, wenn es ein Mensch wäre, umarmen. Unser Gefühl ist intensiver als bloßer Spaß, einschneidender und heftiger als Freude,  viel umfassender als Zerstreuung. Wir sind dem geliebten Text dankbar, daß es ihn gibt. Solche Bücher haben etwas von den aufwühlenden Reizen einer Liebesbeziehung an sich und vermitteln so das Gefühl, in einer anderen Welt als der zu leben, die uns sonst beschränkt. Wir erleben ein Hin- und Herschwanken zwischen Kontrolle und Selbstaufgabe, einen vergnüglichen und tröstenden Tanz und die Befriedigung von verborgenen Bedürfnissen.“ (Stimpson 1990, 958)

Dem ist lediglich hinzuzufügen, daß die Romantik des Lesens auch die Populärkultur bestimmt: Platten und Filme, Autos und Fernsehshows, Sportteams und Designerklmaotten werden geliebt.“

Simon Frith, Das Gute, das Schlechte und das Mittelmäßige. Zur Verteidigung der Populärkultur gegen den Populismus, in: Roger Brumley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hrsg.): Cultural Studies, Grundlagentexte zur Einführung, S. 213, Lüneburg 1999

Da stellt sich dennoch die Frage: Was unterscheidet ein Auto von einer Platte, ein Sportteam von Designerklamotten?

Weihnachtscamp und braun-weiße Adventssiege: Love is the answer!

Schade, daß ich das „Lullaby Fur Kinder“ von Paul Wellers „22 Dreams“-Album online nicht gefunden habe. Das lief hier gerade in meinem i-pod, und mir wurde ganz braun-weiß um’s Herz, so schön ist das …

„Der Track“ ist zwar eigentlich reinster Kitsch, ein Piano-Stück mit Hollywood-Streichern dahinter, hängend, aber so wunderschön. Wie dieser Film gestern, „O Tannenbaum“, der ab 22.00 h auf dem MDR lief, eine Wiederholung. Mit Jutta Speidel sogar. Ein Reißbrett-Weihnachtschinken: Ein Wasserrohrbruch im Mietshaus am heiligen Abend. Zwei Wohnungen völlig durchnässt, nur das Penthouse vom Vermieter, einem misanthropen Anwalt, oben drüber nicht.

Also „besetzen“ sie dessen Luxus-Appartement, um dort gegen seinen Willen Heiligabend zu feiern, die anderen Bewohner: Ein Weihnachtsmann spielender Homo samt Modell-Lover, die alleinstehende Omi samt vorwurfsvoller Mutter, die sich um ihren Enkel kümmern muß, weil die Tochter an der Nachttanke arbeitet. Ein echtes Rührstück, aber soooooo schön … und immerhin hatte es ja sowas wie Solidarität und Mitmenschlichkeit zum Thema.

Ach, ich liebe die Rührseligkeit in Dunkelrot und Gold der Vorweihnachtszeit!

Wo man auf nach Mandeln und Schmalzkuchen und Glühweingewürz riechenden Weihnachtsmärkten ’ne Krakauer isst, die einem von verpickelten Jünglingen, aufgeregt hüpfend, als „Eine St. Pauli-Wurst, eine St. Pauli-Wurst!!!“ kredenzt wird. Wegen des braun-weiß-roten Schals halt, den ich trug, hat er erkannt und richtig zugeordnet.

Der meinte das völlig freundlich, der Jüngling da unweit des Mönckebergbrunnens,  wohl nicht ahnend, daß sie gestern ein wenig gespielt haben wie die Würste, unsere Jungs. Und da mochte ich die Vorweihnachtszeit auf einmal gar nicht mehr, es war einfach so dermaßen scheißekalt im Millerntorstadion, daß ich wie immer um diese Jahreszeit zitternd beschloß, mein Budget für Obdachlose mal deutlich aufzustocken.

Man, da hat selbst das kalte Bier, daß mir, kaum daß der Becher leer war, immer wieder neu gereicht wurde, gar nicht so richtig geschmeckt. Und dieses Spiel, na, reden wir nicht weiter drüber. Ja, wir haben gewonnen, ich bin saustolz auf unsere Helden in braun-weiß, daß sie auf Platz 5 stehen und eine vom Ergebnis her jetzt schon formidable Hinrunde gespielt haben. Nee, trotzdem, herzerwärmend war das alles nicht …

Ein reines Gestocher im eiskalten Regen, in der zweiten Halbzeit zwar etwas besser – aber wieso so viele Fußballzuschauer und Menschen überhaupt was gegen „warme Brüder“ haben, das erschließt sich mir nicht, weil, wäre das Stadion voll davon gewesen, vielleicht hätte es ja was gebracht, einen plötzlichen Temperaturanstieg oder so. Inmitten eiskalter Heten für Wärme und Erleuchtung sorgen, das ist ja auch ’ne Form von Sinnstiftung.
Gerade deshalb mag ich dieses Licht in der Stadt allerorten, eigentlich ist das nämlich allerfeinster Camp. Wenn’s so ab Vier dann düster wird, wird halt für Leuchten gesorgt: Weil unsereins ja eigentlich zu den „Creatures of the Night“ gehört. Wenn auch mit den Jahren immer seltener. Inmitten von Glitter-Licht und Flitter-Look in Düsternis zu starren, kitschige Musik im Ohr, ja, manche Phasen meines Lebens beschreibt das schon ganz gut 😉 … jetzt hat doch glatt ’nen Kumpel sein Büro direkt neben dem ehemaligen „Tuc Tuc“. Das ist da, wo Nina Hagen sich auf dem Bürgersteig wälzend mit Rechtsradikalen pürgelte, die „Schwule klatschen“ wollten, und da ist jetzt ’ne Kindertagesstätte drin. Also da, wo immer um Mitternacht der „Wiener Walzer“ eingespielt wurde und man zu „Gimme a man after midnight“ dann manch Sehnsucht entwickelte.

Ja, liebe, dezimierte Leserschar, das Leben ist manchmal so simpel, da braucht auch gar niemand ironisch werden jetzt hier.

Hoffentlich freuen sich die Kids, die jetzt on diesem Dancefloor krabbeln, wirklich auf Weihnachten! Und machen morgens voller Begeisterung ihren Adventskalender auf! Und lieben es auch, an Elternhänden über Weihnachtsmärkte zu streifen und da wahrscheinlich heißen Kakao zu trinken, ganz geblendet von der Lichterpracht …

„Aber denk doch an die Energieversorgung!“, nö, nix da, mein interesseloses Wohlgefallen richtet sich gerne ganz kindlich auf all die Leuchten und Lichter. Kann die Leute gar nicht verstehen, die angesichts all der erleuchteten Balkone und Wohnzimmerfenster ablästern und meinen, sich über den „Kitsch“ erheben zu müssen. Ist eine Travestie der Städte und deshalb gut!

Mir wird dann immer ganz heilig um die Seele, wenn ich das sehe, und wenn ich nicht gerade auf harten Stadionbänken friere, dann wird mir auch ganz warm um’s Herz.

Leben ist ja nur schön, wenn das Akustische und das Visuelle, die zwei beiden,  durch einen hindurchgehen können wie Kälte auch, so vom Prinzip her nur, nicht von den zu vergleichenden Empfindungen, die dabei raus kommen.

Von daher verkünde ich hier ganz vorweihnachtlich: Love is the answer, die Antwort zur Musik, zum Licht und zum FC St. Pauli auch dann, wenn man trotz  Sieg mal so gar nicht euphorisch durch’s Leben taumelt – und wer das nicht hört und sieht, der hat ’ne Raute statt ’nem Herzen.

Mobilität versus „sich neu erfinden“

„Dann zählt jeder Kilometer doppelt. Rauf aufs Rad, runter vom Rad: Die Erfahrung, das Mobilität erkauft werden muss, macht man eben viel unmittelbarer, wenn man den Preis in Schweißtropfen bezahlen muss anstatt mit der Kreditkarte an der Zapfsäule. „Immerhin“, sagt Schuster, „ist Sonne besser als Regen.““

Sonne statt Reagan, das hat ja auch Josef Beuys damals gesungen, der meinte das aber ganz anders. Ist das eigentlich eine stete Erfindung meiner selbst durch Andere, wenn ich per Funk von einem Ort zu anderen gejagt werde? Formen die mein Verhalten – und BIN ich dann mein Verhalten?

Ja, ja, die Fragen sind uralt, und sie stellen sich ja auch, wenn mein Tagesrhythmus durch Kunden-Anrufe und verkürzte Brustmuskulatur, durch langsam sich stauchende Bandscheiben am Computer bestimmt ist. Und für das Herz-Kreislauf-System und die Verdauung ist das ja auch nicht gesund. Und für die Augen. Leben ist Verschleiß, für manche jedoch erheblich mehr …. ach Gott, ein altes Möbel bin ich auch.


Wie is’n das: Karrikieren die auf den Fitness-Fahrrädern eigentlich die Daseinsform des Fahrradkurriers?

„Wenn Du liebst“ singt Klaus Hoffmann hier gerade – ja. Love is the answer. Wirklich.