Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schlagwort-Archiv: Horror

Führt der Weg in den Matsch in die Freiheit?

Die Diskussion hier weiter unten, die um den Horror-Film sich dreht, die lässt mich nicht los. Manche Werke dieses Genres gucke ich ja wirklich gerne, wahrscheinlich, weil so offensichtlich ist, daß es sich um Angstbewältigung handelt, wenn man sich auf sie einläßt  – und wenn als eigentlich extrem ängstlicher Mensch vom Leben man ständig zu deren Bewältigung getrieben wird, ob man nun will oder nicht, dann schreibt sich das ein in’s Freizeitverhalten.

Bin ja der festen Überzeugung, daß Fußballgucken eigentlich auch Angstbewältigung ist. Braucht man nur mal hinhören auf das Raunen und Stöhnen, das bei gegnerischen Chancen durch das Millerntor rollt. Und wie oft fällt es doch, das Tor für den Gegner. So lernt man: Hey, auch wenn die Bösen gewinnen, überlebt man trotzdem, sogar Jahre in der Regionalliga.

Genau das ist im Horror-Film freilich für meisten Protagonisten anders – mal abgesehen vom „Final Girl“. Aber Fussball ist ja wie Horror auch eine Simulation ganz anderer Konflikte. Insofern ist beides auch sowas wie ein Gegenprogramm zum ideologisch gesättigten Geschnulze.  Eine Heldenreise gibt es auch, aber keine, die zur sittlichen Reife führt, sondern zum reinen Überleben – manchmal muß die Blutgrätsche halt sein. Auch im Horror-Film hat man sich all die schrecklichen Eigenschaften und Fähigkeiten zuzulegen, die das Böse auszeichnet – das ist als Metapher zum Hineinsozialisertwerden in die Realwirtschaft ganz gelungen.

Tolle Texte zum Thema sind in „On Rules & Monsters“ enthalten, habe ich gestern verschlungen, einige davon. Eine Hommage an „Buffy“ ist enthalten, wo es ein wenig scheint, der Autor würde gerade über den „Ring der Nibelungen“ schreiben und nicht über eine Teenie-Serie. Er hat aber recht: Ein dolles Epos war das, und zudem ganz großes Fernsehen. Habe ich auch gerne geguckt. Im Ausstellungskatalog zu seiner Werkschau in der Hamburger Kunsthalle begeistert sich auch Daniel Richter nicht umsonst für die Vampirjägerin und ihre Freunde und Feinde. Für den verlinkten Rezensenten des „Ikonenmagazins“ ist das natürlich alles kalter Kaffee, so ist das in Fällen der reinen Distinktion. Dabei ist doch viel wichtiger, daß ich Spike immer more sexy fand als Angel. Aber egal.

Schön gruselig wird in den Essays auch der soziopolitische Kontext der Filme erläutert: Wie gerade die Vietnam-Generation das Splatter-Genre zu neuen Höhen trieb, Wes Craven und solche, dessen Filme ja nicht nur ich als Meisterwerke der jüngeren Filmgeschichte begreife. Zitiert wird die Fragestellung „Wenn das richtig ist, was ist denn dann falsch?“, die die Filmer angetrieben habe.

Angesichts derer ich mich frage, wieso in Deutschland sowas eigentlich so ganz am Rande nur stattfand. Klar, Buttgereit, der wird auch erwähnt, Schlingensief – aber auch etwas „größerer Bühne“, gab es da neben „Anatomie“ ernstzunehmende Versuche? Lieber rezensent des Ikonenmagazins? Habe ich da wieder was nicht mitbekommen?  Ebenso klar und zwnagsläufig ist, daß in „Anatomie“ eine faschistoide Brüderschaft das Morden anleitet, wenn man das Verdrängte, Tabuisierte, Ausgestoßene thematisieren will, dann stößt man hierzulande halt schnell auf Nazi-Varianten – so glaubt man zumindest zunächst. Doch in der Hinsicht macht es der Film, den ich ja großartig finde, genau richtig: Natürlich haben die noch Seilschaften in der Hand, und da man hierzulande wohl gar nicht anders kann, als sich mit dem Kino der 50er und frühen 60er zu beschäftigen, wenn man populär agieren will, ist diese „Lösung“ halt genau richtig, man denke nur an „Die Mörder sind unter uns“ und „Rosen für den Staatsawalt“  – weil ja alle wissen, daß das Faschistoide gerade NICHT verfehmt, verdrängt und ausgegrenzt ist, sondern in diversen Mitten der Gesellschaft wohnt.

Deshalb wittern es ja alle irgendwo bei Netz-Diskussionen und hauen es sich dann wechselseitig um die Ohren: Die einen setzen links mit rechts gleich, um von davon abzulenken, daß sie selbst die Mitte sind; die anderen wittern es im Kapitalismus, bei dem sie aber trotzdem ganztägig mehr oder minder fröhlich mitmischen.

So ist auch kein Zufall, daß dann in Teil 2 von „Anatomie“ dann karrieregeile Produktdesigner die Heerschar des Bösen bilden: Wohl eine Selbstreflexion der Filmemacher aus Zeiten der pränatalen Diagnostik, mit der das Diktat bestimmter Vorstellungen des „Populären“ eben bestens harmoniert.

Weil „Grün ist die Heide“ eben bis heute so prächtig dominiert, daß selbst „Dresden“ in Unschuld auferstehen konnte, ist es ja bis heute so einfach, in Deutschland Asylrechtsparagraphen abzuschaffen, sich von Schwulenverbänden dominiert zu fühlen und sich bereits islamisiert zu wähnen. Und genau deshlab klappt’s hier nicht mit dem Horrorfilm: Man kommt nicht klar mit dem Ausgegrenzten, so wenig, daß man es man es noch nicht mal als Monstrum über die Leinwand spazieren lassen möchte.

Selbst die Verfilmung des Treibens des Kannibalen aus Rothenburg, zum Glück für die Massen ein Homo,  galt hier als Persönlichkeitsverletzung, und man fragt sich ja, ob man das gut finden soll. Und aus welchem Repertoire man dann eigentlich die Monstren schöpfen könnte.

ProSieben hat das gerade mit „Gonger“ versucht, ein komplett unlogisches und in sich widersprüchliches Drehbuch in wirklich spannende und coole Bilder zu überführen. Einfach mal ’ne alte Nordsee-Legende aufleben lassen, fuck it all, muß doch auch mal ohne Nazis gehen. Als hätte nicht E.T.A. Hoffmann auch Edgar Alan Poe beeinflusst, als wäre „Der Schimmelreiter“ kein Klassiker. Als Ansatz gar nicht nur doof, Problem ist ja nur, daß in all den wundervollen Mythen die Nazis selbst bereits gewildert hatten – ich kann gar nicht „Werwolf“ schreiben, ohne an sie zu denken.

Gut, so Perverse wie den Haarmann, die buddelt man gerne wieder aus, aus Mengele macht man dann vorsichtshalber sowas wie Hannibal Lecter und enthistorisiert in so. Anstatt den „Marathon Man“ ganz, wie sich’s gehörte, auf die „eigene Kultur“ zu beziehen. Geht ja auch anders.

Ja das Feld ist vermint, weil die historische Dimension des Horrors immer schon ihm inhärent ist. Doch während die Amis auf Abu Ghraib mit „The Hostel“ reagieren, ist ein Film, der den ganz realen Horror eines Oury Jalloh in eine Wiedergänger-Rache-Geschichte überführte, einen Polizisten nach dem Anderen bringt der einfach um, im deutschen Kino irgendwie undenkbar, und mir wird auch ganz mulmig, das zu schreiben.

Warum eigentlich? Probleme damit, Pop auch mal als Reflexion zu begreifen? Zu ernst der Hintergrund, zu respektlos dem realen Opfer gegenüber? Dann lieber Sagen und Mythen, die scheinen harmloser? Wäre ein gemeuchelter Politiker, der seinen terroristischen Mördern im Knast erscheint, nicht trotzdem eher Anstoß einer Debatte als immer nur Aust? Oder ist „Grün ist die Heide“ doch noch zu dominant, weil man zu gute Gründe hat, sich selbst nicht zu trauen? „Sich selbst nich trauen“ – eigentlich ein klassischer Horror-Plot, schön psychoanalytisch – alleine all die Stories mit den Horror-Autoren, deren Alter Ego real wird oder die slbst anfangen zu metzeln und es gar nicht merken … feiges Deutschland, sowas nicht zu erfinden. Oder gibt’s das schon, und ich hab’s nur nicht gesehen?

Aber überlassen wir Christoph Spehr das letzte Wort. Der ist laut Gloassar Abgeordneter der Linksfraktion in Bremen, und dessen Text in „On Rules an Monsters“ gefällt mir gut. Alleine schon wegen des herrlichen, philosophischen Auftaktes, der als Überschrift über fast allen Blog-Diskussionen stehen könnte, die ich in den letzten 3 Jahren so geführt habe, vor allem über meinen eigenen Beiträgen:

„Es ist Teil des bürgerlichen Snobismus und der hierarchischen Kultur, daß wir an die Überlegenheit abstrakter, unpersönlicher Sprachen glauben. Das Emotionale, das Persönliche, das Körperliche gilt gemäß den Dogmen, die wir lernen, als Verunreinigung der Erkenntnis, als Matsch auf der Windschutzschiebe. Aufklärung und Erziehung helfen uns, die Scheibe frei zu wischen. Nur leider ist draußen nichts zu sehen, weil die Erkenntnis im Matsch steckt, von dem wir uns mit großem Pomp frei gemacht haben. Es hat uns die umständlichen Wege der Wittgensteinschen Sprachphilosophie, der Psychoanalyse, der feministischen Analyse unserer Denkgebäude gekostet um zuzulassen, dass Denken nie abstrakt ist. „Unser Verstand ist wesentlich körperlöich. Denken ist größtenteils unbewusst. Abstrakte Konzepte sind im Wesentlichen Bilder und Metpahern.“ Das sind die drei Sätze, mit denen Geogre Lakoff und Mark Jiohnson ihr Werk „Philosphy in the Flesh“ beginnen.

(…)

Dass die Grundhaltung, die uns in unseren akademischen Systemen gelehrt wird, die Arroganz des Klassenwissens ist, das in vierzehn wortreichen Semstern im Wesentlichen nur eines lehrt: die Sprache des Alltags, unsere eigenen Sprachen, zu verachten und zu verlernen. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der kapitalistische Markt und seine Demut vor dem Profit uns lehren, zu diesen Sprachen zurückzukehren. Weil man sonst an der Kinokasse keinen Reibach macht.“

Christoph Spehr, Honeycomb World, Gesellschaft und Utopie im zeitgenössischen Horrorgenre. in: Moldenhauer/Spehr/Windszus (Hg.): On Rules and Monsters, Essays zu Horror, Film und Gesellschaft, S. 175-176

Also rein in den Matsch. Plot-Vorschläge erbeten.

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