Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

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Die wahrhaft deutsche Volksfront hat in Hessen einmal mehr gesiegt – eine Frage der Moral?

Also die traditional hierzulande wirksame Volksfront zwischen den Völkischen (Unterschriftensammlung gegen doppelte Staatsbürgerschaft und Anti-Ypsilanti-Al-Wazir-Wahlkampf z.B.) und den Wirtschaftslobbyisten.

Ist ja eigentlich auch weder überraschend, noch wirklich schlimm, weil sich mit der SPD nun auch nie irgendwas ändern wird, und kann man jammern, wenn TINA gilt? Kein Wunder, daß die Walhbeteiligung noch weiter weg gesackt ist, wenn doch immer die gleichen siegen, und wenn’s mal andere sind, diese die Politik der Immergleichen nur noch drastischer betreiben.

Die SPD  ist ja tatsächlich endgültig unwählbar geworden. Eigentlich ja schon seit Schröder, aber seitdem sie nun auch noch zu blöd war, ein wenigstens rudimentär linkes Bündnis auf die Beine zu stellen da in Hessen, braucht man sie ja tatsächlich nicht mehr.

Kann es trotzdem nicht ertragen, nun ausgerechnet Westerwelle grienen zu sehen, also jemanden, der mit Leuten wie Koch und Rüttgers zu koalieren bereit ist, von „Charakter“ sprechen zu hören. Da könnte ja glatt auch Frau Goetsch sich dergleichen zusprechen.  Charakter im positv wertenden Sinne, meine ich. Ansonsten haben die ja schon alle einen. Wie Weine. Und wenigstens ist der Guido seiner Schuhsohle ein Stück näher gekommen.

Und wo in Hessen neulich so ganz plötzlich wieder so viel von „Gewissen“ die Rede war – meines wurde immerhin einst amtlich geprüft – , und bezugnehmend auf eine Diskussion weiter unten, seinen hier mal kurz die „Stufen der Moralentwicklung“ nach Lawrence Kohlberg zitiert und zur Diskussion gestellt, mehr als Flucht in den Elfenbeiturm bleibt ja nicht angesichts der Realpolitik:

„Autoritätsmoral:

Stufe 1 – Gehorsam-Strafe-Orientierung

Stufe 2 – Naiv egoistische Orientierung


Gruppenmoral:

Stufe 3 – „Prima Kerl“-Orientierung

Stufe 4 – Ordnungs- und Pflichtbewußtseinsorientierung


Grundsatzmoral:

Stufe 5 – Legalistische Vertragsorientierung

Stufe 6 – Gewissens- und Prinzipienorientierung“

Der Übergang von 5 zu 6 ist übrigens der von vertragstheoretischen Erwägungen zu Kant, der auch eine moralische Motivation, die in seinem Fall einen vernünftige ist, herzuleiten versuchte, während die reine Vertragsmoral darauf verzichten kann. Für Ayn Rand-Fans und solche, die Pflichten gegenüber sich selbst postulieren, sei erwähnt, daß die Höherstufigkeit hier aufwärts zählend behauptet wird.

Fand das früher mal alles gut und richtig und weiß nun auch nicht mehr, was ich von diesem Modell halten soll. Bezogen auf die Debatte weiter unten, die ja dann doch einer noch genaueren Erläuterung bedarf, sei die Reaktion auf dieses Modell von Carol Gilligan, Mitarbeiterin Kohlbergs, auch zitiert – sie sieht neben der Kohlbergschen Sicht – „Gerechtigkeitsperspektive“ – noch eine „weibliche“ als alltägliche wirken, eine, die ich mit zunehmendem Alter immer plausibler finde:

Die Gerechtigkeitsperspektive

Die Gerechtigkeitsperspektive stellt das Selbst des Individuums in den Vordergrund. „In einer Gerechtigkeitsperspektive hebt sich das Selbst, als moralische Instanz, als Gestalt gegen einen Hintergrund sozialer Beziehungen ab“ (Gilligan, 1991, S.84)

Beurteilt werden die eigenen Ansprüche und die des/der Anderen nach einem allgemein gültigen Standard der Gleichwertigkeit und der gleichwertigen Beachtung von Rechten und Regeln. Im Mittelpunkt des moralischen Konflikts steht die Frage „Was ist gerecht?“. Wahrung von Rechten und Erfüllung von Pflichten sind die inhaltlichen Ansprüche einer Gerechtigkeitsethik. Die Gerechtigkeitsorientierung rekurriert in erster Linie auf Chancengleichheit und gerechter Verteilung von vorhandenen Ressourcen. Bedürfnisse von Ego und Alter werden unter dem Anspruch von Objektivität gegeneinander abgewogen. „Gerechtigkeitsmoral ist rigide an der exakten Einhaltung situationsunabhängig vorweg abstrakt und allgemein festgelegter Rechte und Pflichten orientiert“ (Nunner-Winkler, I, S.13). Die Fähigkeit, leidenschaftslos zu urteilen als Kennzeichen dieser Objektivität betrachtet. „Innerhalb einer Gerechtigkeitsperspektive [wird] Unparteilichkeit als das Kennzeichen reifen moralischen Denkens betrachtet“ (Gilligan, 1991, S.97).

Die Fürsorgeperspektive

Im Vordergrund der zweiten moralischen Orientierung steht die Beziehung und das Gefühl für Verantwortung im Vordergrund. „In einer Fürsorgeperspektive wird zur Gestalt die Beziehung, die das Selbst und die Anderen definiert.“ (Gilligan, 1991, S.84) Im Zusammenhang der Verantwortlichkeit anderen gegenüber sind Wahrnehmung und Reaktion auf die Bedürfnisse anderer Mittelpunkt des moralischen Dilemmas. Die Frage „Wie soll ich reagieren?“ stellt die Problematik von dem Zusammenhang einer veränderten Perspektive und der dadurch bedingten Veränderung der gesamten Situation am deutlichsten dar. „Aus einer Fürsorgeperspektive […] ist Unparteilichkeit gerade das moralische Problem“ (Gilligan, 1991, S.97). Die Position des Betroffenen einnehmen und die Situation von mehr als einem Standpunkt aus zu betrachten ist kennzeichnend für die den Aspekt der Fürsorge. „Inhaltlich hegt es bei der Fürsorglichkeitsmoral um Verantwortlichkeit und Fürsorge für andere, d.h. darum, Leid für andere zu vermeiden, zu verhindern, zu lindern (Nunner-Winkler, I, S.13). Das Abwägen von Für und Wieder unter Berücksichtigung der persönlichen Beziehung machen Unparteilichkeit geradezu unmöglich. Fürsorglich orientierte Menschen reagieren kontextsensitiv und flexibel. Die Konfliktlösungen richten sich meist nach den konkreten Umständen und den zu erwartenden Folgen. „Die moralische Schwäche der Frauen, manifest in einer scheinbaren Diffusion und Konfusion des Urteils, ist somit untrennbar von der moralischen Stärke der Frauen, der vorrangigen Bedachtnahme auf Beziehungen und Verantwortungen“ (Gilligan, 1993, S.27).

Die Auseinandersetzung mit Kohlberg findet sich im Verlinkten gut dargestellt – Danke, Petra Höfels!

Prinzip statt Mensch, so könnte man die Alternative auch formulieren, und betrachtet man Prinzipienreiter von Lenin bis Friedman, dann fragt man sich ja schon, ob eine Dosis weiblicher Moral nicht viel Unheil verhindert hätte.

So, und das beziehe man jetzt auf das Wahlergebnis in Hessen 😉 …

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