Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

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Wie ist es, eine braunweiße Fledermaus zu sein?

„Ich hab den Ball ziemlich gut getroffen und gepasst hat der Schuss dann auch ziemlich gut.“

Ja, und das hat Gründe.

Rouwen Hennings hat nämlich zuvor den Aufsatz von Thomas Nagel gelesen, „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein“. Das wirkte. Das saß. Das hat auf seiner Instinktebene etwas wach gerufen, per Ultraschall, versteht sich.

Und da wir von Platon wissen, dass Erkennen Wiedererinnern ist und die Menschheit, wie mittlerweile allseits bekannt ist, von Fledermäusen, nicht von Affen abstammt, wie oft fälschlich angenommen, hat Rouwen Hennings einfach das Prinzip der Echoortung erinnert, unbewusst Ultraschall-Laute ausgestoßen und zudem antizipiert, dass das, was von Florian Bruns zurück kam, bedeutete „Ich duck mich gleich!“. Jedes Echo hat schließlich seine Semantik, und alles ist Information.

So konnte er die Lücke exakt ermitteln für seinen traumhaften Freistoßschuss. Wenn er an dieser Fähigkeit weiter arbeitet, dann gibt es bald keinen Fehlpass mehr! Und einmal danach hat es ja noch geklappt: Er wusste den leeren Raum genau zu nutzen, per Echoortung ermittelt, an dem er stehen musste, um erneut einzunetzen. (Wie großartig übrigens, mit was für einem leidenschaftlichen Willen die Mannschaft nach dem 1:1 die erneute Führung sofort erzwang – „Nö, so nicht!“. Toll!)

Das ist ja auch das eigentliche Geheimnis des Supports im Stadion: Das Echo der Objekte und Subjekte auf dem Platz definiert die Zwischenräume, die  dem Ball seinen Weg ermöglichen. Das kann freilich auch mal schief gehen, z.B. wenn „Aufwachen, Aufwachen!“ gerufen wird, entsteht automatisch Echosalat. Das isses ja, was Stani uns eigentlich vermitteln wollte.

Oder auch, wenn Haupttribühnen einfach so abgerissen und ich vertrieben werde, dann verschiebt sich das ganze Spiel nach rechts (von der Nord aus gesehen). Konnte man in der ersten Hälfte gut verfolgen, weil sich der akustische Raum bis zum Wirtschaftsgymnasium verlagert. So kann auch aus Versehen ein vorübergehender Heimkomplex entstehen, weil die ganze Ortung erst Mal neu gelernt sein will. Und zudem so viele heimatlose Menschen nach Jahren des gemütlichen Kuschelns auf windgeschützten Dorfverein-Bänken sich plötzlich verfroren in zugigen Höhen fernab des Spiels wieder finden und schon überlegten, trotz der so überragenden Leistungen der Mannschaft einfach mal eine Rückrunde auszusetzen.

Aber diesmal, oh Wunder, wurde es im Spielverlauf immer lauter selbst in diesen menschenfeindlichen Exilregionen auf den von sibirischen Winden gebeutelten Ecken der Nordtribüne. Dank dieser Möglichkeit, neue Klangräume wahrzunehmen und sich nicht immer einfach nur dahin zurück ziehen zu müssen, wo es am lautesten ist, ganz egal, auf welches Tor man gerade spielt wird – daran ist natürlich weiter zu arbeiten, aber ein paar Großchancen gab es ja noch auch auf unserer Seite, leider auch Nakis Gegentor -, kurz: Allmählich scheint sich die Mannschaft an die neuen Echoverhältnisse zu gewöhnen, und „die Nord“ wird lauter.

Und klar, damit das genetische Fledermaus-Erbe in uns allen wach werden und wir präziser mit den Ultraschallfrequenzen der eigenen Gesänge arbeiten konnten, musste erst einmal Dunkelheit das Fluchtlicht umgeben, da fühlt man sich halt wohler, um das wir uns scharrten wie die Motten, das steckt ja auch noch irgendwo, schließlich stammen Fledermäuse von Motten ab und schlafen nur aus Abwehr gegen dieses Erbe im Dunkeln. Mach ich ja auch mein Leben lang schon meistens so. Na ja, früher oft auch nicht. Da war ich noch näher an meinem Ursprung.

Und fliegen haben wir sowieso erst durch eine Missinterpretation religiöser Texte verlernt, weil böse Machthaber, die diese missbrauchten, uns weis machten, nur Andere könnten Engel sein und das Fledermaus-Erbe sei böse. Da hatten die fernöstlichen Weisheiten westlicher Macht doch wieder was voraus, und das trotz Konfuzius:

„In China gilt die Fledermaus als Symbol für Glück und Gewinn. Dies spiegelt sich in dem chinesischen Wort „fu“ wider, welches zugleich „Glück“ und „Fledermaus“ bedeutet. Als fünf Fledermäuse („wu fu“) wurden Fledermäuse häufig als Stickerei auf Kleidungsstücken oder als runder Talisman um einen Lebensbaum angeordnet, wo sie außerdem für ein langes Leben, Reichtum, Gesundheit und einen leichten Tod standen.“

Na, und was hier im repressiven Abendland wieder draus wurde, das kann man auch bei Wikipedia lesen. All der wundervolle Eros wurde Vampiren aufgelastet und fristete Jahrtausende ein Schattendasein – interessant auch die folgende Passage:

„Dieser entstand vermutlich aus der christlichen Vorstellung heraus, dass die Haare von Frauen Dämonen bzw. allgemein „das Böse“ anziehen.“

Dabei weiß doch auch der Batman-Mythos die Frage nach Erbsünde psychoanalytisch hochplausibel zu beantworten: Aus einer heilen Fantasiewelt heraus, in der Imagination und Geborgenheit den Alltag prägen, treffen wir eines Tages auf das Böse und wollen, tief traumatisiert, anschließend das Gute. Ganz einfach. Wenn das mal keine religiöse Erfahrung ist! Nix da Macht, Herr Papst – darum geht es: Liebe!  Nachdem ich eben „Findet Nemo“ (toll!) geguckt habe, ist mir diese traumakompensierende Funktion der Imagination nur noch deutlicher geworden.

Kann freilich auch nach hinten los gehen, die Sache mit der Imagination: Wenn man als Schiri sich in Halbzeitpausen eine kleine Dosis LSD verabreicht, nur mal so zum Ausprobieren, mutmaßlich freilich nur, und dergestalt gepimpt auf einmal frei imaginiert, ja, von freien Imaginationen geradezu überwältig wird und es plausibel findet, dass der Herr namens Miller diesen übermächtigen und blutrünstigen Uhu mit dem gebleckten Schnabel aus reiner Selbstverteidigung mal eben so umschubst, dann gibt man halt keinen Elfmeter.

Das muss auch hart sein, wenn man von derartigen Fehlwahrnehmungen geprägt inmitten des echodefinierten Raumes sich bewegt und einem nichts anderes bleibt zur Gegenwehr als pfeifen, um die Visionen zu bannen – mit dem Spielverlauf hatten die Pfiffe in Halbzeit 2 ja erkennbar nichts zu tun -, weil das Unbewusste aufbricht und einem vorgaukelt,  Spielerohren würden seltsam wachsen und Federn ansetzen und Augen groß und rund und furchterregend und die Nummern auf greifvogelartigen Schwingen geprägt sein, Spielerzähne blinkten blutig wie Raubkatzenzähne und plötzliche Impulse, Insekten jagen und fressen zu wollen, bedrohten das eigene Ego: Keine einfache Situation.

Dummerweise hatte nämlich auch der Schiri „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein“ von Thomas Nagel gelesen, und auf LSD wirkt das, na, schon eigentümlich.

Später in den Katakomben, wo straffe Fussballerkörper unter warmen Duschen lecker sich räkelten, plapperte er aunaufhörlich, dass der Stadionneubau doch völlig fehlkonzipiert sei. Das ginge so doch nicht. Die Pfiffe von den Rängen für Herrn Miller und sich selbst hatte er für Ultraschall von Artgenossen gehalten, und die würden doch nicht sitzen, sondern hängen wollen! Mit dem Kopf nach unten!

Diese Vorstellung, sie ließ ihn gar nicht mehr los, erzählte man mir, diese Fantasie, wie  lauter Braunweiße kopfüber hängend Fahnen schwenkten, andere hielten die Flügel eingeklappt, und, egalitär wäre das ja schon, keine Sitz- noch Steh-Plätze, lauter Hänger nebeneinander  – man raunte sich zu „Psychiatrie in Eppendorf“ angesichts dieser Visionen des Schiris, aber als zu den abschließenden Gesängen, sie hallten durch die Stadt wie eine Messe, ich habe es gehört, annähernd erfroren, schwer erkältet und wohlig erschöpft nach einem tollen Fussballabend der Sorte „Hausmannskost mit Pfiff“ – 2:1! -, über das Heiligengeistfeld rutschend, als genau in dem Moment, da ich mitten auf der Glacischaussee fast lang hingschlug und mir wünschte, einfach über sie hinweg flattern zu können, das Batmann-Symbol am Himmel erschien, eine muskulöse Gestalt mit Maske und Umhang die Szene eindrucksvoll betrat und ihn, den Schiri, den Joker, unter den Arm klemmte und an einem im Nirgendwo befestigten Seil nach Gotham City schwebte, da wussten alle, dass das mit der Psychiatrie nicht mehr nötig sein würde. Da ist wegen der Vogelscheuche ja eh kein Platz mehr. Und alle feierten weiter.

PS: Ironie des Blogger-Lebens: Just in diesem Moment, da ich meinen Text noch mal lese vor dem Veröffentlichen, tönt ein Film-Dialog aus dem Fernseher, ProSieben „Menschen werden nicht von Fledermäusen umgebracht!“. Kein Witz!

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Wie man sich fühlt …

Es ist kein Zufall, dass ich nach dem Spiel das erste mal seit Jahren wieder im „Toom Perstall“ war. Weil man immer der kleine Teenie auf dem Schulfhof bleibt, innerlich, der Angst hat, schlicht auf die Schnauze zu bekommen, wenn er zeigt, wen und was er begehrt. Dass er gemobbt und gemieden wird. Das geht nie weg, das bleibt. Da ist der FC St. Pauli eine heilsame Erfahrung.

Im Perstall ist es zwar jetzt alles anders, weiß gar nicht, ob man noch „Katharina“ zu ihm sagt. Die ist tot, eine schwer übergewichtige Transe mit tiefer Stimme und schief sitzender Perücke, die den Raum hinter dem Thresen völlig ausfüllte und den Laden betrieben hat. Man munkelte über sie, sie würde ein Doppelleben als Journalist in Wien führen. Man mußte immer aufpassen, daß sie wirklich korrekt Geld heraus gibt; irgendwo an die Wand geschmiert war eine Karrikatur von ihr mit Dollar-Zeichen in den Augen. Damals, als es nur die Music-Box mit Hanne Wieders „Circe“, Hildegard Knefs „In dieser Stadt“  und Heinz Erhardts „Fährt der alte Lord fort“ gab und nur vereinzelt ausgewählte, aktuelle Hits. Gibt Lieder, bei denen ich immer an diesen schmalen, verqualmten, überfüllten Raum denken muß, „Englishman in New York“ von Sting zum Beispiel. An die Pferdegeschirre an der Wand, die verranzten Bänke und die zerfetzten Plastikdecken auf den Tischen, die vollgeschreibene Clowand, wo ich einst ein Max Goldt-Gedicht hinterließ, „Könnten Bienen fliegen“. Wo ich mich in Sylvesternächten halb ausgezogen auf dem Clodeckel wieder fand und immer wieder die Geschichte erzählt bekam, daß ich beim Nachhausegehen mit einem damals noch sehr attraktiven Max beim Pinkeln am einzigen Gebüsch weit und breit auf der Stresemannstraße einfach umkippte und dort schlafen wollte – „Ja, ich habe Dich dann gerettet“, wieder und wieder erzählte Max mir das. Der Tequilla halt, fiese und verwerfliche Sauf-Geschichten, die einen Heidenspaß machten 😉 …

Auf dem Nachhauseweg kam ich immer am legendären „Penny“ vorbei, damals mit dem FC St. Pauli natürlich sympathisierend, aber ansonsten an Fussball desinteressiert. Gibt ja dieses herrliche „Sie waren, sie bleiben, sie sind“ von But Alive. Da sitzt der Fan vorm Penny, der Fankneipe, und die Zeile „nach Auswärtsniederlagen falle ich oft in ein tiefes Loch, wach am nächsten Morgen auf und denk: Ich lieb‘ sie doch“, na, in der dieser grauenhaften ersten Halbzeit gestern fiel sie mir wieder ein, die Zeile, auch wenn das ja eine Heimspielniederlage war, die sich da anbahnte. 0:2 nach 5 Minuten, und das ausgerechnet gegen Rostock. Leute also, vor denen mich die starke Antifa rund um Hamburgs Kiez immer beschützt hat.

Wie gut erinnere ich mich daran, wie damals nach dem WM-Endspiel 1990 binnen kurzem die Reichskriegsflaggen die Stresemannstraße unappetitlich garnierten und hinterher alle erzählten, die Polizisten hätten noch in der U-Bahn-Station den Nazis den Weg zum „Spar“ gewiesen, das dann gestürmt wurde. Hätte das nicht einen Hinterausgang gehabt, wer weiß, ob das alle überlebt hätten – Eisenpfeiler und Fahrräder flogen durch die Scheiben. An Wochenenden nach HSV- oder auch St. Pauli-Spielen mußte man unsinnige Umwege gehen, wenn man zum Beispiel in „Or“ wollte, weil die Nazi-Hools am Hans-Albers-Platz sich ballten und vorgaben, die Hafenstraße stürmen zu wollen. Im Alltag jedoch wußte ich: Meide Bergedorf und Harburg, aber rund um den Kiez bist Du sicher. Konnte auf offener Straße Händchen halten oder mit Typen knutschen, nur vor mancher Prostituierten mußte man aufpassen, die fanden das geschäftsgefährdend 😉 …von Polizisten fühlte ich mich diesbezüglich nie beschützt.

Und gestern randalierten sie nun vor dem Spiel rum vorm Stadion, die, die mein Leib, mein Leben bedrohen. Sehr offensiv und explizit sogar. Und saß inmitten eines Stadions, wo Transparente über die Geraden geschoben wurden, „Es grüßen die schwulen Hamburger“ und „Schwulenhass: In Rostock Normalität“. Eine Reaktion darauf, daß beim Hinspiel in Rostock deren Fans glaubten, Gesänge gegen schwule Hamburger würden beleidigen. Denen spielte man vor dem Spiel „All you need is love“; als ich gerade in’s Stadion lief, riefen alle „Arschloch“, da lief nämlich „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten.

Und dann lagen wir so früh zurück. Das war wirklich der Tiefpunkt meiner bisherigen St. Pauli-Fan-Karriere. Unsere Manschaft hatte schlicht Angst, selbst der sonst so megacoole Rothenbach fing an, zitternd herumzutapsen, wenn der Ball auf ihn zurollte. Abwechselnd liefen sämtliche Spieler gleichzeitig zum Ball, wie in der E-Jugend, die linke Seite blieb so dauerhaft verwaist; oder sie liefen vor ihm weg, wichen zurück, auch der später so grandiose Hoilett und Trojan sowieso. Sako wurde immer an der gleichen Stelle umgeschubst, jener Sako, der noch im Hinspiel mit Affenlauten bedacht wurde. Es war einfach nur schrecklich. Es war demütigend, niederschmnetternd, beängstigend, grausam, daß nun ausgerechnet diese Truppe, die für Rassisten auf den Rängen spielt (nein, sie sind es nicht alle, aber es gibt sie dort sehr wohl sehr lautstark) unsere Mannschaft so dermaßen verunsichert und fertig machte. Ich hatte das Gefühl, als würde meine ganze Kultur, die ich in Hamburg seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe, von der Hafenstraße, dem Subito und dem Dschungel über das Toom Perstall, das „Or“, das Café unter den Linden, das O-Feuer fast jeden Mittag, die Ominpräsenz von Wappen und Totenkopf im Viertel, Benny und sein „Viva con Agua“, die Musik von Kettcar, Fettes Brot und Tocotronic, der Blick auf die Elbe, die Domschenke, als würde all das mit Füßen getreten und von unseren Spielern jenem Mob, der uns schon immer abfackeln wollte, preisgegeben und ausgeliefert.

Wir alle haben in der Halbzeit nichts mehr erwartet. Überlegten, ob wir nicht lieber irgendwo ein Bier trinken wollen. Waren fertig. Litten. Versanken in Resignation. Rissen gequält Witze.

Dann diese tatsächlich ziemlich spektakulär aussehende Pyro-Show der Rostocker in der Halbzeit mit dem dämlichen Transparent „Hansa Hooligans“. War eindeutig für Filmteams und Fotografen ausgeleuchtet: Schwarze Figuren auf zaun und durchscheinender Banner vor Feuerschein.

Zugleich stellte man fest, daß Trojan und Ludwig zum Glück rausgenommen wurden, und die Boys in Brown standen inmitten des Nebels im Mittelkreis, man spürte es: Das wollen die sich nicht bieten lassen. Das lassen sie nicht zu. Nicht am Millerntor. Das können sie uns und sich nicht antuen. Boll zum Beispiel hat genau das dann ja später auch im Interview bestätigt. Es geht einfach nicht, daß Leute, die unsinnigen, sexistischen Quatsch über den „femininen Muschipups“ auf Transparente schreiben (habe ich wie alle anderen gar nicht verstanden, worum’s da wirklich ging) und bei deren „Sieg!“-Rufen man das „Heil“ einfach mithört, daß diese ausgerechnet bei uns die große Show abziehen.

Zum Wiederanpfiff war eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz. Es war unglaublich. Es war großartig. Gerade noch die tiefstmöglichen Tiefen durchlitten, und dann so ein Höhenflug. In Sachen Fallhöhe einfach nicht zu toppen. Fussballgott Brunnemann gab den Antreiber, Hennings das Frettchen, das sich festbeißt, Hoilett den Super-Dribbler – und als Sako den Elfer versenkte, war ihm die Genugtuung anzuspüren. Was habe ich ihm und uns und der ganzen St. Pauli-Historie das gegönnt!!! Dann diese beiden wundervollen Tore von Hoilett, Tore, über die jede Mannschaft sich wegärgert – wundervoll, dass gerade die schwarzen Spieler trafen! Ist sogar dem NDR aufgefallen.

Es war wie eine Wiederauferstehung, es war so triumphal, so giganstisch, so gewaltig, eine Explosion all dessen, was am St. Pauli-Mythos wahr ist! Die Chöre nach Schlusspfiff, den Rostockern um die Ohren gesungen, „Nie mehr zweite Liga“ – ich hasse sonst Anti-Gesänge, aber das, das kam so zu Recht so von Herzen, da hat das Herz von St. Pauli wieder im Punkrock-Rhytmus geschlagen und gebebt und gelebt.

Und dann wollte PA, der Arsch, kein Bier mehr mit mir trinken gehen, und Ring2 war irgendwo im Schnee. Dann bin ich in’s Toom Perstall gegangen, Erinnerungen pflegen. Und obwohl meine wilden Zeiten dort eher von ’88 bis ’93 waren, ich ewig nicht da war (früher habe ich sogar Schoko-Nikoläuse zu Weihnachten geschenkt bekommen, von Vera, die jetzt wieder Werner ist) hat Marion hinter der Bar mich sogar wieder erkannt. Und ich fühlte mich ganz zu Hause …

Liebe, Popkultur und den FC St. Pauli lesen ….

„“Wenn wir ein Buch lieben“, schrieb Catherine Simpson kürzlich, „lesen wir voller Energie. Wir glauben, das geliebte Buch würde uns, wenn es ein Mensch wäre, umarmen. Unser Gefühl ist intensiver als bloßer Spaß, einschneidender und heftiger als Freude,  viel umfassender als Zerstreuung. Wir sind dem geliebten Text dankbar, daß es ihn gibt. Solche Bücher haben etwas von den aufwühlenden Reizen einer Liebesbeziehung an sich und vermitteln so das Gefühl, in einer anderen Welt als der zu leben, die uns sonst beschränkt. Wir erleben ein Hin- und Herschwanken zwischen Kontrolle und Selbstaufgabe, einen vergnüglichen und tröstenden Tanz und die Befriedigung von verborgenen Bedürfnissen.“ (Stimpson 1990, 958)

Dem ist lediglich hinzuzufügen, daß die Romantik des Lesens auch die Populärkultur bestimmt: Platten und Filme, Autos und Fernsehshows, Sportteams und Designerklmaotten werden geliebt.“

Simon Frith, Das Gute, das Schlechte und das Mittelmäßige. Zur Verteidigung der Populärkultur gegen den Populismus, in: Roger Brumley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hrsg.): Cultural Studies, Grundlagentexte zur Einführung, S. 213, Lüneburg 1999

Da stellt sich dennoch die Frage: Was unterscheidet ein Auto von einer Platte, ein Sportteam von Designerklamotten?

Ganz großes Theater!

Der Vorhang fiel, und keine Fragen offen: Gewonnen! Platz 5! 27 Punkte!

Dann doch.

Zu Standing Ovations und „Bravo!!“-Rufen (das war ich) zelebrierten die Boys in Brown vor der Südtribüne nach dem furiosen Finale eine Verbeugung auf jenem  Rasen, der die Welt bedeutet, wie sie formschöner auch ein Opernensemble nicht zustande gebracht hätte: „Da capo!“ nach der Winterpause!

Soweit es Heimspiele betrifft, eine Vorstellung der diesjährigen Tournee haben wir ja noch beim FSV Frankfurt vor uns, wo unter anderem Jahrhundertstürmer Cenci spielt, glaube ich … von der Bedeutung für den Fußball deutscher Ligen ist der ungefähr so gewichtig wie Katze Bulat. Falls sich an den noch jemand erinnert. Eigentlich ’n süßer Typ. na ja, die Rolle des Torwarts füllte er dann doch nicht so dolle aus …

Mit weitaus mehr Bedeutung aufgeladen hat Fatmir Vata manches Spiel – unermüdliche Kämpfer auf kurzen, krummen, dicken Beinen wie den mag ich ja. Ein echter Charakterdarsteller, der mit dem Alter nichts an Ausstrahlung eingebüßt hat. Eine echte Rampensau.

Der faßte den Plot des heutigen Stücks treffsicher und publikumswirksam zusammen:

„Hab eben auf NDR-info ’nen Kurzinterview mit Vata gehört, der in der 80. dachte, dass „wir heute gewinnen: aber dann wechselt Stanislawski, und dann kommt da diese lange Kerl …““


So schrub’s soeben jemand im St. Pauli-Forum. Der lange Kerl, das war mein Lieblingsspieler Morike Sako, und der traf zum 2:2 und bereitete das 3:2 vor: Also, das war schon Spitze, was Chef-Dramaturg Holger Stanislwaski sich da ausgedacht hat.

Nachdem der erste Akt – also,  laut Drehbuchseminar, und für’s Theater trifft’s ja mittlerweile wohl nicht minder zu, wenn nicht gerade Tschechow oder Heiner Müller oder Beckett oder so dargeboten werden, hat der erste Akt ja Emphatie durch Kennenlernen mit dem zentralen Protagonisten zu schaffen.

So passte dann auch meine Lieblingsspieler Florian Bruns nach einem filigranen Sololauf durch 95% der gegnerischen Abwehr unmittelbar nach Anpfiff haarscharf vor das nicht minder gegnerische Tor, doch mein Lieblingsspieler Marius Ebbers verfehlte nur knapp. Hätte man die Sequenz auf S. 12 des Skriptes geschoben, dann wäre das auch falsch gewesen – es muß ein starkes Bild am Anfang sein,  damit der Zuschauer hineingezogen wird. Ach, komm, lieber Leser, ob nun TV, Theater oder Film, das ist doch schnurz, wenn’s um Fußball geht 😉

Die weitere Handlung ergibt sich prinzipiell aus den antagonistischen Kräften, auf die der Held trifft – das machten die Koblenzer heute ziemlich super: „couragiert“, stand auf der Kicker-Seite, seien sie gewesen,  ich würde eher sagen, brandgefährlich waren die, allen voran Vata und Cha, das war schon enorm, was die so machten.

Nächste Regel ist dann ja, daß jede Szene vom positiven zum negativen Pol kippen solle, und umgekehrt, hat Herr McKee oder wie der heißt, der aus „Adaption“ mit Nicholas Cage, in „Story“ geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.


Pointe der heutigen Inszenierung: Dieser Verlauf wurde nicht plump hollywoodesk-kleinteilig in schnellen Szenen-Wechseln, wie filmisch montiert, zelebriert. Vielmehr setzte man auf die Wurzeln, die Basics, eben das, was in diesem berühmten Zweitausendeins-Lehrbuch, heißt der Syd Field, der Mann, der das geschrieben hat?, geschildert wird, in Reinform: Einfach eine gaaaaaanz lange Szene nach der Introduction von der 10. bis zur 39. Minute, und dann eine weitere gaaaaaaanz lange Szene von der 39. bis zur 78. Minute, garniert mittendrin durch einen 11-Meter, der Koblenz voll und ganz zu gönnen war.

In der 39. Minute  fiel nämlich das 1:1, nachdem zu siegessicher die eigentlichen Helden des Abends in der zehnten Minute in Führung gingen und eigentlich ganz gefällig spielten. Jedoch immer durchsetzt war diese Szene 1 des zweiten Aktes – klare Vorausdeutung, macht jeder gute Krimi so  – mit Drohgebärden des Antagonisten. Auch das kann man ja in all diesen „Wie schreibe ich ein Drehbuch?“-Lektüren lernen: Erschaffe nicht den klischeehaften Bösewicht! Gebe dem Antagonisten sympathische Züge – lass ihn Katzen lieben oder für seine schwerkranke Tochter die Verbrechen begehen oder eben einfach maximal engagiert Fussball spielen, und das hat der Rapolder heute super hingekriegt.
Durch das Vorziehen des Midpoints um etwa 6 Minuten, den Ausgleichstreffer eben exakt so lange vor der Halbzeit, Wahnsinns-Timing, war die zweite gaaaaaanz lange Szene dann wirklich avantgardistisch: Stolpern, stümpern,  sich-doof-stellen, wackeln, wanken, watscheln, also keinerlei Anbiedern an das Publikum. Das sang trotzdem. Eigentlich ist ja jedes Spiel am Millerntor ein Musical, und die Moll-Töne und die Dissonanzen des Ensembles  konterkarierten die Chöre auf den Rängen mit „That’s the way – aha, aha, – we like it – aha, aha“.

Ein ironischer Kommentar geübter Millerntor-Gänger, der dann – erst Tusch, dann heben die Hörner an zum furiosen Finale, siehe oben – durch eine wahrlich zündende Idee des gewieften Theatermachers Stanislawski, Nomen est Omen, hähähä, der hat halt auch seine „Method“, beantwortet wurde:  Der dritte Akt.

Der Clou: Man führe die Hauptfigur des Dramas erst in der 78. Minute ein. Was ein Auftritt! Wer wirklich Charisma hat, zieht das Publikum halt gleich in seinen Bann, der Antagonist wurde zum Zuschauer degradiert – degradiert? Woher kommt diese blöde Formulierung eigentlich? War super heute, Zuschauer zu sein!!! -, und Morike Sako brauchte nur 6 Minuten, bis technisch brilliant, sowas wie ein hohes C in der Oper war das, nicht etwa Gläser zum Zerspringen, doch den Ball in’s Tor er brachte.

Die SMS-Antwort auf meine Berichterstattung zum 2:2 von den besten Plätzen des Hauses, Haupt-Tri-Bühne, Block 10, hinaus in die weite Welt, die nicht zusehen konnte und doch teilhaben sollte:

„Was fuer’n Drama!“

Und, lassen wir ihn, P.A., der diese Zeile schrub, der heute, arbeitend den Konjunktureinbruch bekämpfend, leider nicht dabei sein konnte und draußen bleiben mußte, den Siegtreffer kommentieren:

„War gerade mit dem Hund draussen und habe das Tor und YNWA gehört. Gänsehaut!“

Wobei zu betonen ist, daß der Schanzenpark doch ’n ganzes Stück entfernt vom Stadion liegt …. und YNWA ist natürlich das berühmte „You’ll neever walk alone!“, das unser letztes Heimspiel-Musical dieses Jahres angemessen ausklingen ließ.
Was ein Jahr 2008 am Millerntor! Nur eine Niederlage, als es um nix mehr ging – selbst Hoffenheim haben wir geschlagen, und überhaupt: Solche Songs lassen sich eben nur auf den FC St. Pauli und seine Hauptdarsteller, unsere Fußballgötter, umdichten. Einfach statt „I Love you Baby!“ „FC St. Pauli“ singen, liebe Leser, sofern ihr noch nie im besten Haus am Platz hier an der Elbe wart! Denn Hamburg ist braun-weiß!

Weihnachtscamp und braun-weiße Adventssiege: Love is the answer!

Schade, daß ich das „Lullaby Fur Kinder“ von Paul Wellers „22 Dreams“-Album online nicht gefunden habe. Das lief hier gerade in meinem i-pod, und mir wurde ganz braun-weiß um’s Herz, so schön ist das …

„Der Track“ ist zwar eigentlich reinster Kitsch, ein Piano-Stück mit Hollywood-Streichern dahinter, hängend, aber so wunderschön. Wie dieser Film gestern, „O Tannenbaum“, der ab 22.00 h auf dem MDR lief, eine Wiederholung. Mit Jutta Speidel sogar. Ein Reißbrett-Weihnachtschinken: Ein Wasserrohrbruch im Mietshaus am heiligen Abend. Zwei Wohnungen völlig durchnässt, nur das Penthouse vom Vermieter, einem misanthropen Anwalt, oben drüber nicht.

Also „besetzen“ sie dessen Luxus-Appartement, um dort gegen seinen Willen Heiligabend zu feiern, die anderen Bewohner: Ein Weihnachtsmann spielender Homo samt Modell-Lover, die alleinstehende Omi samt vorwurfsvoller Mutter, die sich um ihren Enkel kümmern muß, weil die Tochter an der Nachttanke arbeitet. Ein echtes Rührstück, aber soooooo schön … und immerhin hatte es ja sowas wie Solidarität und Mitmenschlichkeit zum Thema.

Ach, ich liebe die Rührseligkeit in Dunkelrot und Gold der Vorweihnachtszeit!

Wo man auf nach Mandeln und Schmalzkuchen und Glühweingewürz riechenden Weihnachtsmärkten ’ne Krakauer isst, die einem von verpickelten Jünglingen, aufgeregt hüpfend, als „Eine St. Pauli-Wurst, eine St. Pauli-Wurst!!!“ kredenzt wird. Wegen des braun-weiß-roten Schals halt, den ich trug, hat er erkannt und richtig zugeordnet.

Der meinte das völlig freundlich, der Jüngling da unweit des Mönckebergbrunnens,  wohl nicht ahnend, daß sie gestern ein wenig gespielt haben wie die Würste, unsere Jungs. Und da mochte ich die Vorweihnachtszeit auf einmal gar nicht mehr, es war einfach so dermaßen scheißekalt im Millerntorstadion, daß ich wie immer um diese Jahreszeit zitternd beschloß, mein Budget für Obdachlose mal deutlich aufzustocken.

Man, da hat selbst das kalte Bier, daß mir, kaum daß der Becher leer war, immer wieder neu gereicht wurde, gar nicht so richtig geschmeckt. Und dieses Spiel, na, reden wir nicht weiter drüber. Ja, wir haben gewonnen, ich bin saustolz auf unsere Helden in braun-weiß, daß sie auf Platz 5 stehen und eine vom Ergebnis her jetzt schon formidable Hinrunde gespielt haben. Nee, trotzdem, herzerwärmend war das alles nicht …

Ein reines Gestocher im eiskalten Regen, in der zweiten Halbzeit zwar etwas besser – aber wieso so viele Fußballzuschauer und Menschen überhaupt was gegen „warme Brüder“ haben, das erschließt sich mir nicht, weil, wäre das Stadion voll davon gewesen, vielleicht hätte es ja was gebracht, einen plötzlichen Temperaturanstieg oder so. Inmitten eiskalter Heten für Wärme und Erleuchtung sorgen, das ist ja auch ’ne Form von Sinnstiftung.
Gerade deshalb mag ich dieses Licht in der Stadt allerorten, eigentlich ist das nämlich allerfeinster Camp. Wenn’s so ab Vier dann düster wird, wird halt für Leuchten gesorgt: Weil unsereins ja eigentlich zu den „Creatures of the Night“ gehört. Wenn auch mit den Jahren immer seltener. Inmitten von Glitter-Licht und Flitter-Look in Düsternis zu starren, kitschige Musik im Ohr, ja, manche Phasen meines Lebens beschreibt das schon ganz gut 😉 … jetzt hat doch glatt ’nen Kumpel sein Büro direkt neben dem ehemaligen „Tuc Tuc“. Das ist da, wo Nina Hagen sich auf dem Bürgersteig wälzend mit Rechtsradikalen pürgelte, die „Schwule klatschen“ wollten, und da ist jetzt ’ne Kindertagesstätte drin. Also da, wo immer um Mitternacht der „Wiener Walzer“ eingespielt wurde und man zu „Gimme a man after midnight“ dann manch Sehnsucht entwickelte.

Ja, liebe, dezimierte Leserschar, das Leben ist manchmal so simpel, da braucht auch gar niemand ironisch werden jetzt hier.

Hoffentlich freuen sich die Kids, die jetzt on diesem Dancefloor krabbeln, wirklich auf Weihnachten! Und machen morgens voller Begeisterung ihren Adventskalender auf! Und lieben es auch, an Elternhänden über Weihnachtsmärkte zu streifen und da wahrscheinlich heißen Kakao zu trinken, ganz geblendet von der Lichterpracht …

„Aber denk doch an die Energieversorgung!“, nö, nix da, mein interesseloses Wohlgefallen richtet sich gerne ganz kindlich auf all die Leuchten und Lichter. Kann die Leute gar nicht verstehen, die angesichts all der erleuchteten Balkone und Wohnzimmerfenster ablästern und meinen, sich über den „Kitsch“ erheben zu müssen. Ist eine Travestie der Städte und deshalb gut!

Mir wird dann immer ganz heilig um die Seele, wenn ich das sehe, und wenn ich nicht gerade auf harten Stadionbänken friere, dann wird mir auch ganz warm um’s Herz.

Leben ist ja nur schön, wenn das Akustische und das Visuelle, die zwei beiden,  durch einen hindurchgehen können wie Kälte auch, so vom Prinzip her nur, nicht von den zu vergleichenden Empfindungen, die dabei raus kommen.

Von daher verkünde ich hier ganz vorweihnachtlich: Love is the answer, die Antwort zur Musik, zum Licht und zum FC St. Pauli auch dann, wenn man trotz  Sieg mal so gar nicht euphorisch durch’s Leben taumelt – und wer das nicht hört und sieht, der hat ’ne Raute statt ’nem Herzen.