Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schlagwort-Archiv: Arbeitsagentur

War voll heute bei der „Agentur“

Die Vorhut von 2,7 % Wirtschaftsschrumpfung wohl.

Und ich kann diesen Gestus manchen Personals da physisch nicht ertragen. Bei allem Verständnis dafür, daß das echt kein lustiger Job ist.

Was die ganzen Leute sich anhören müssen in einem Tonfall von mancher Sachberarbeiterin, nee:

„Jetzt gehen Sie bitte in die Wartezone und füllen erst mal die Stellungnahme aus, wieso Sie zu den letzten zwei Terminen nicht erschienen sind!“

„Haben Sie denn überhaupt in den letzten zwei Jahren zwölf Monate gearbeitet? Na, das scheint mir aber nicht so. Das stellen wir schon noch fest.“

Fast staatsanwaltlich, die Attitüde. Okay, andere sind auch supernett. Kommt ja nicht nur auf die Systeme an, sondern auch darauf, was der Einzelne draus macht.

Viel szeniges Volk war da, um sich zum neuen Jahr oder auch kurz davor (einer zum 25.12.)  arbeitslos zu melden. Wohl Internet-Prekariat und sowas, durchaus jüngere Leute, so um die 30, mit diesen Hip Hopper-„Schiebermützen“-Kappen, ganz trendy.

 

Bemerkenswerterweise ist der einzige von uns 3 Gesellschaftern, der sich den „Gründungszuschuß“ und das „Überbrückungsgeld“ nicht holt, jener mit der Banker-Karriere in seiner Vergangenheit. „Ich war noch nie beim Arbeitsamt!“, sagt er.

Na, das wird sich bei solchen Lebensläufen auch bald ändern … im konkreten Fall aber nicht!

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Bin ich demnächst mein eigener Klassenfeind?

Man fragt sich ja schon sowas.

Wo ich seit heute einerseits offiziell dazu gehöre, mich also arbeitslos gemeldet habe das erste Mal in meinem Leben. So konnte ich wenigstens mal direkte Einblicke in das, worüber ich hier immer blogge, gewinnen.

Der Termin zuvor, da war ich richtig positiv überrascht aufgrund des kompetenten und hilfsbereiten Gegenübers, der Dame für die Existenzgründer. Auch sie hatte sich zwar so eine seltsame Erzieherinnen-Attitüde angeeignet, so einen eingeübten Witz, aber Gott, was soll man auch tun, wenn man da annähernd attentatsgefährdet diese ganzen Frischverletzten einsammelt und zu nötigen hat. Kenne ja aus eigener Erfahrung diese distanzierende Frische im Umgang mit anderen, die auch Pflegekräfte sich aneignen – immer ein wenig so, als müsse man ein unwilliges Kind per antrainierter Motivationskunst dazu animieren, sich doch noch die Zähne zu putzen. War aber alles in Ordnung, fühlte mich gut beraten und wußte danach Bescheid, und all die Menschen in den Behörden müssen ja auch für ihren psychischen Haushalt sorgen, gerade die.

Ein ganz anderes Kaliber die Frau K. heute. Da schlug dieser Pädagogen-Habitus fast – aber auch nur fast – um in einen Hauch von Hohn der Macht. Auch mit ihr möchte nicht tauschen, sie fertigt halt jene ab, die sich arbeitslos melden, keine Ahnung, wie viel das so sind am Tag – ständig neue Gesichter mit den immer gleichen Fragen, und sie steckt ihnen die immer gleichen Broschüren in die Finger und spricht die immergleichen Sätze. Da nun tiefes Verständnis zu erwarten, das wäre ja auch wirklich zu viel verlangt. Das hält ja kein Mensch aus.

Trotzdem: Da schien latent dieses a priori entmündigen durch. Dieser faschistische Gestus des „Du hast hier gar nix zu melden!“ Da spürte man das „Du“ im „Sie“, jenes, das z.B. schwarze Taxifahrer alltäglich zu hören bekommen, selbst wenn sie hart auf die 50 zugehen. Mit zusammengebissenen Zähnen schwang da ein „Ja, was glauben Sie denn eigentlich?“ mit, als ich zu fragen wagte, ob das denn jetzt auch schon der Antrag auf’s Arbeitslosengeld sei. Natürlich nicht! Was denken Sie denn! Da kommen Sie bitte noch mal wieder, und dann sagt man Ihnen schon, ob sie überhaupt Anspruch haben und wie viel und wie lange sie das bekommen!

Daß ich überhaupt gewagt hatte, meine Existenzgründungssachbearbeiterin anzumailen, das lockte dann einen bösen und zugleich irritierten Blick hervor. Und bei der Anmerkung, wirklich hilfreich gemeint, daß ich all die Broschüren doch wirklich lesen solle, bevor ich unterschreibe, daß ich sie gelesen habe, da schwang sie mit, diese Drohung, der bis auf Milliarden-Erben die Gesamtbevölkerung sich ausgesetzt sieht: Da stehen nämlich all die möglichen Sanktionen drin, auf liberal heißt ja sogar sowas „Anreiz“. Der Anschluß-Termin wurde dann auch arrangiert, ohne daß ich gefragt wurde, ob ich da auch Zeit habe. Meine Zeit gehört jetzt ja denen. Kenne ich, zuvor gehörte sie meinem Arbeitgeber.

Ja, zwischendurch war sie ganz normal freundlich und hilfreich, ich will jetzt gar nicht zu sehr meckern, war schon okay, und wer weiß, auf wen die da so trifft den ganzen Tag.

Gibt im Improvisationstheater die Regel „Wenn einer Niedrig-Status spielt, dann begebe sich der andere in die Rolle des Hoch-Status“. Ein wenig war das so, ging fröhlich hin und her – noch, noch, war ja erst mein zweiter Termin,  einigermaßen status-sicher kann ich ja temporär den Spieß umdrehen, und sie eben genau so. Blödes Spiel. Das gäbe es in der klassenlosen Gesellschaft nicht. Und wer jetzt auf Orwells „Farm der Tiere“ verweist, der wird gelöscht.

Nun sieht’s ja aktuell in meinem Fall so aus, als sei das alles wirklich nur ein Übergang, toitoitoi, nachts liege ich wach. Kann mich auch und vor allem über die Unterstützung von Handelskammer und den staatlich-privaten Interferenzinstitutionen so rein gar nicht beschweren, das rief reibungslos, das lief glatt und völlig selbstverständlich. Die Konditionen sind fair, die Zumutungen, was das Einbringen von Eigenkapital betrifft, die sind zu wuppen. Klar, „hafte“ mit allem, was ich habe, aber wenigstens habe ich ja was dank Eltern im öffentlichen Dienst.

Was für mich durchgängig die Pointe ist: Diese ganzen Misch-Institutionen, die eigentlich weder in der liberalen noch in der linken Theoriebildung eine Rolle spielen, von denen bin ich aktuell wirklich ganz angetan. Da, wie im Amt, wo nur Staat agiert und Leute, die immerhin jahrelang durchaus relevant abgedrückt haben, erst mal zum Objekt gemacht werden, da fühlt sich das wirklich Scheiße an. Jene Instanz jedoch, die auch Ahnung von Privatwirtschaft haben muß, um Anträge zu genehmigen, die bringt den nötigen Respekt auf und zeigt sich hilfreich.

Die Banken: Ohne persönliche Kontakte eines Mitgesellschafters hätten wir da weit größere Probleme gehabt, solche, die wirklich jeder Grundlage entbehrten, wir sind super aufgestellt und bieten genug Sicherheiten.

Alle anderen Institutionen des „Zwischenreiches“jedoch: Super.

Da stimmt was nicht in der Beschreibung institutioneller Gefüge, die so kursieren – daß diese „Staat/Wirtschaft“-Dichotomie Blödsinn ist, das ist ja eh ebenso offenkundig wie der Quatsch vom „Volk der Unternehmer“, ein dümmeres Posting habe ich ja selten gelesen.

In der klassisch-marxistischen Analyse jedoch, soweit sie mir bekannt ist, geht das Gerangel rund um das „Eigentum an Produktionsmitteln“. Das trifft auf meine Zukunft nicht zu: Die paar Computer und Schreibtische, die ich meinen potenziellen, zukünftigen Angestellten (grusel, was schreib ich da?) hinstelle, das bißchen IT und Miete, das ließe sich auch in einem lustigen Zirkel aus guten Freunden von zu Hause arrangieren, wenn das nicht in der Außenwirkung schlecht ankäme. Geht ja eher um Haftungsfragen und administrative Möglichkeitsbedingungen wie Gesellschaftsformen einerseits, um meine Kontakte und mein Know How andererseits, daß die Interferenzzone mich so großartig unterstützt und mir diesen Schritt ermöglicht. Ansonsten läuft fast alles, was mit Produktionsmitteleinsatz zu tun hat, über Dienstleister.

Bin ich demnach eigentlich demnächst mein eigener Klassenfeind? Oder ist das eher sowas wie das Handwerk einst?