Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schlagwort-Archiv: 3-Akt-Schema

Ganz großes Theater!

Der Vorhang fiel, und keine Fragen offen: Gewonnen! Platz 5! 27 Punkte!

Dann doch.

Zu Standing Ovations und „Bravo!!“-Rufen (das war ich) zelebrierten die Boys in Brown vor der Südtribüne nach dem furiosen Finale eine Verbeugung auf jenem  Rasen, der die Welt bedeutet, wie sie formschöner auch ein Opernensemble nicht zustande gebracht hätte: „Da capo!“ nach der Winterpause!

Soweit es Heimspiele betrifft, eine Vorstellung der diesjährigen Tournee haben wir ja noch beim FSV Frankfurt vor uns, wo unter anderem Jahrhundertstürmer Cenci spielt, glaube ich … von der Bedeutung für den Fußball deutscher Ligen ist der ungefähr so gewichtig wie Katze Bulat. Falls sich an den noch jemand erinnert. Eigentlich ’n süßer Typ. na ja, die Rolle des Torwarts füllte er dann doch nicht so dolle aus …

Mit weitaus mehr Bedeutung aufgeladen hat Fatmir Vata manches Spiel – unermüdliche Kämpfer auf kurzen, krummen, dicken Beinen wie den mag ich ja. Ein echter Charakterdarsteller, der mit dem Alter nichts an Ausstrahlung eingebüßt hat. Eine echte Rampensau.

Der faßte den Plot des heutigen Stücks treffsicher und publikumswirksam zusammen:

„Hab eben auf NDR-info ’nen Kurzinterview mit Vata gehört, der in der 80. dachte, dass „wir heute gewinnen: aber dann wechselt Stanislawski, und dann kommt da diese lange Kerl …““


So schrub’s soeben jemand im St. Pauli-Forum. Der lange Kerl, das war mein Lieblingsspieler Morike Sako, und der traf zum 2:2 und bereitete das 3:2 vor: Also, das war schon Spitze, was Chef-Dramaturg Holger Stanislwaski sich da ausgedacht hat.

Nachdem der erste Akt – also,  laut Drehbuchseminar, und für’s Theater trifft’s ja mittlerweile wohl nicht minder zu, wenn nicht gerade Tschechow oder Heiner Müller oder Beckett oder so dargeboten werden, hat der erste Akt ja Emphatie durch Kennenlernen mit dem zentralen Protagonisten zu schaffen.

So passte dann auch meine Lieblingsspieler Florian Bruns nach einem filigranen Sololauf durch 95% der gegnerischen Abwehr unmittelbar nach Anpfiff haarscharf vor das nicht minder gegnerische Tor, doch mein Lieblingsspieler Marius Ebbers verfehlte nur knapp. Hätte man die Sequenz auf S. 12 des Skriptes geschoben, dann wäre das auch falsch gewesen – es muß ein starkes Bild am Anfang sein,  damit der Zuschauer hineingezogen wird. Ach, komm, lieber Leser, ob nun TV, Theater oder Film, das ist doch schnurz, wenn’s um Fußball geht 😉

Die weitere Handlung ergibt sich prinzipiell aus den antagonistischen Kräften, auf die der Held trifft – das machten die Koblenzer heute ziemlich super: „couragiert“, stand auf der Kicker-Seite, seien sie gewesen,  ich würde eher sagen, brandgefährlich waren die, allen voran Vata und Cha, das war schon enorm, was die so machten.

Nächste Regel ist dann ja, daß jede Szene vom positiven zum negativen Pol kippen solle, und umgekehrt, hat Herr McKee oder wie der heißt, der aus „Adaption“ mit Nicholas Cage, in „Story“ geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.


Pointe der heutigen Inszenierung: Dieser Verlauf wurde nicht plump hollywoodesk-kleinteilig in schnellen Szenen-Wechseln, wie filmisch montiert, zelebriert. Vielmehr setzte man auf die Wurzeln, die Basics, eben das, was in diesem berühmten Zweitausendeins-Lehrbuch, heißt der Syd Field, der Mann, der das geschrieben hat?, geschildert wird, in Reinform: Einfach eine gaaaaaanz lange Szene nach der Introduction von der 10. bis zur 39. Minute, und dann eine weitere gaaaaaaanz lange Szene von der 39. bis zur 78. Minute, garniert mittendrin durch einen 11-Meter, der Koblenz voll und ganz zu gönnen war.

In der 39. Minute  fiel nämlich das 1:1, nachdem zu siegessicher die eigentlichen Helden des Abends in der zehnten Minute in Führung gingen und eigentlich ganz gefällig spielten. Jedoch immer durchsetzt war diese Szene 1 des zweiten Aktes – klare Vorausdeutung, macht jeder gute Krimi so  – mit Drohgebärden des Antagonisten. Auch das kann man ja in all diesen „Wie schreibe ich ein Drehbuch?“-Lektüren lernen: Erschaffe nicht den klischeehaften Bösewicht! Gebe dem Antagonisten sympathische Züge – lass ihn Katzen lieben oder für seine schwerkranke Tochter die Verbrechen begehen oder eben einfach maximal engagiert Fussball spielen, und das hat der Rapolder heute super hingekriegt.
Durch das Vorziehen des Midpoints um etwa 6 Minuten, den Ausgleichstreffer eben exakt so lange vor der Halbzeit, Wahnsinns-Timing, war die zweite gaaaaaanz lange Szene dann wirklich avantgardistisch: Stolpern, stümpern,  sich-doof-stellen, wackeln, wanken, watscheln, also keinerlei Anbiedern an das Publikum. Das sang trotzdem. Eigentlich ist ja jedes Spiel am Millerntor ein Musical, und die Moll-Töne und die Dissonanzen des Ensembles  konterkarierten die Chöre auf den Rängen mit „That’s the way – aha, aha, – we like it – aha, aha“.

Ein ironischer Kommentar geübter Millerntor-Gänger, der dann – erst Tusch, dann heben die Hörner an zum furiosen Finale, siehe oben – durch eine wahrlich zündende Idee des gewieften Theatermachers Stanislawski, Nomen est Omen, hähähä, der hat halt auch seine „Method“, beantwortet wurde:  Der dritte Akt.

Der Clou: Man führe die Hauptfigur des Dramas erst in der 78. Minute ein. Was ein Auftritt! Wer wirklich Charisma hat, zieht das Publikum halt gleich in seinen Bann, der Antagonist wurde zum Zuschauer degradiert – degradiert? Woher kommt diese blöde Formulierung eigentlich? War super heute, Zuschauer zu sein!!! -, und Morike Sako brauchte nur 6 Minuten, bis technisch brilliant, sowas wie ein hohes C in der Oper war das, nicht etwa Gläser zum Zerspringen, doch den Ball in’s Tor er brachte.

Die SMS-Antwort auf meine Berichterstattung zum 2:2 von den besten Plätzen des Hauses, Haupt-Tri-Bühne, Block 10, hinaus in die weite Welt, die nicht zusehen konnte und doch teilhaben sollte:

„Was fuer’n Drama!“

Und, lassen wir ihn, P.A., der diese Zeile schrub, der heute, arbeitend den Konjunktureinbruch bekämpfend, leider nicht dabei sein konnte und draußen bleiben mußte, den Siegtreffer kommentieren:

„War gerade mit dem Hund draussen und habe das Tor und YNWA gehört. Gänsehaut!“

Wobei zu betonen ist, daß der Schanzenpark doch ’n ganzes Stück entfernt vom Stadion liegt …. und YNWA ist natürlich das berühmte „You’ll neever walk alone!“, das unser letztes Heimspiel-Musical dieses Jahres angemessen ausklingen ließ.
Was ein Jahr 2008 am Millerntor! Nur eine Niederlage, als es um nix mehr ging – selbst Hoffenheim haben wir geschlagen, und überhaupt: Solche Songs lassen sich eben nur auf den FC St. Pauli und seine Hauptdarsteller, unsere Fußballgötter, umdichten. Einfach statt „I Love you Baby!“ „FC St. Pauli“ singen, liebe Leser, sofern ihr noch nie im besten Haus am Platz hier an der Elbe wart! Denn Hamburg ist braun-weiß!

Advertisements