Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ruuuuuums!

20131008-204022.jpg

Jetzt schreibe ich so lange wenig bis nichts, und dann gleich zwei Texte an einem Tag.

Es bewegt sich was im Metalustversum.

Wie immer in Phasen, da ich das Privileg genießen kann, mal einfach so zweckfrei kreativ sein zu können. Ohne Konzessionen an antizipierte Kunden- und Publikumswünsche. Die treiben eh nur in die Stagnation.

Außerdem bewältige ich gerade ganz produktiv etwas nicht. Etwas, das ich nur aus Büchern, Filmen, von Tonträgern kenne.

Einen dieser mythischen ästhetischen Räume, die sich wohl nicht nur in mir fort schreiben, sondern auch in Anderen.

Das Jazz-Szenario vom Be Bop bis hin zu Coltranes „Love Supreme“ ist so eines, ein ästhetisches Phantasma, das meine Sinne und Gedanken bewohnen, das in meiner wirren Birne stark mit Sartre und dem frühen Existentialismus, mit dem ersten Teil von „Die Zeit der Reife“ verknüpft ist. Aber auch ein wenig mit dem abstrakten Expressionismus, de Kooning, kann jeder googeln, Pollock. Und seltsamerweise auch mit Picasso. Derer sind alles virtuose Weltzugänge, die ganz auf Spontanität, dem Jetzt gründend Erfahrung selbst als produktiven und kreativen Prozess, jede Zuschreibung, jede systemische Unterwerfung zu transzendieren und wieder ganz man selbst in Ton, Farbe und Wort zu werden. Ohne je an „Unmittelbarkeit“ oder Geschichtslosigkeit zu glauben.

Und dann, irgendwie viel postmoderner und strukturalistischer und doch mit dem anderen verknüpft, nicht umsonst hörte Basquiat viel Be Bop, das New York so in etwas ’76 bis ’82. Schwule Szene vor AIDs. Als die reinen Punker schnell als das erkannt wurden, was sie waren, der Post-Punk stattdessen Zeichen setzte und inmitten von Disco, Funk, dem frühen Hip Hop, New Wave, Vorläufern der House-Music, aber auch den B52s, diese so unerhört visionäre Ursuppe so vieler folgender Entwicklungen sich formierte, eine Madonna, eine Debbie Harry, Africa Bambaata, Kurtis Blow, Kid Creole und so viele mehr durch das damals billige New York turnten und sogar bis in ein Reihenhaus in einer niedersächsischen Vorstadt ausstrahlten. Wo ein Jung-Öko irgendetwas aufnahm, was bis heute so unabgegolten scheint. Ich mochte Blondie immer lieber als Patti Smith.

Und dann male ich Jahrzehnte später mal wieder und gebe mir, irgendwie doch beeindruckt von all den guten Zeichnern auf dem Kunstmarkt, die vielleicht doch nur besser mit dem Beamer umgehen können, Mühe, mal wieder zu üben, wie man das richtig macht und nicht immer gleich in diese gezielten Unwirklichkeiten abzudriften wie sonst. Fange an mit Ovalen und Drittelungen und Hilslinien, ungefähr wie oben, lege brav ein Mallehrbuch daneben, versuche, mal wenigstens halbwegs korrekt das Hell und Dunkel und Licht und Schatten zu reproduzieren, und dann guckt mich plötzlich diese Frau an:

20131008-210410.jpg

Kennt die wer? Ich habe mich richtig erschrocken, als die da plötzlich war.

Das ist ja irgendwie auch korrekter als das, was ich sonst so male. Die ganze philosophische Maschinerie in meinem Kopf wurde angeworfen: Wenn aus einem abgemalten Hilfslinienkonstrukt wie aus dem Nichts ganz plötzlich was entstanden ist, was nun aber Abbild von nichts und niemandem ist, aber da, wie auch Romane, Symphonien und Filme – wieso kleben dann eigentlich immer alle an der Wirklichkeit, wie sie ist? Proklamieren „There’s no Alterntive!“, fordern Anpassungen an dies und das – dabei gäbe es wohl weder Staubsauger noch Theaterstücke, gäbe es nicht so etwas wie schöpferische Möglichkeiten, die aus der Vorstellung und dem Spiel auch das Bessere entwickeln könnten. Das Freie. Das Zwanglose. Das eben „Du sollst Dir kein Bildnis machen!“ im Sinne des Vermeidens der Abbildhaftigkeit interpretiert, um neue Erfahrungsräume zu ermöglichen. Und sei es die Lektüre von Stephen Kings ES. Angstbewältigung.

Auf der Suche eben danach lande ich geradezu zwangsläufig in den oben skizzierten, ästhetischen Phantasmen in meinem Kopf, wo sie ganz anders leben als in der historischen Wirklichkeit. Blättere parallel in Kunstzeitschriften und wundere mich so vor mich hin. Toll ist, wie massiert z.B. Indien und China immer präsenter werden. Nicht toll ist, und da lasse ich mich korrigieren, dass z.B. Picasso offenkundig, man korrigiere mich, vergessen wurde als Bezugspunkt. Nicht toll ist, dass aus de Kooning und Rauschenberg da so was wie Jonathan Meese wurde. Ansonsten ist da so viel so, gerade in Deutschland so … ach, mir fehlen die Worte, bieder?, daran knapse ich, weil das auf mich bei meinen Zeichenübungen ja auch wirkt. Diese ganze Leipziger Sauce halt, auch viel Belehrtsein über Linie, Fläche nd Abstraktion, Pseudo-
Prokation und Scheinironie – aber irgendeine Wucht, ein Spiel, eine Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, die nicht zitiert, sondern Probleme aufgreift, umwandelt – wie gesagt, ich werde immer unsortierter, je länger ich darüber nachdenke.

Und dann, ruuuuuuuums, Jean-Michel Basquiat. Klar googel ich dem hinterher, wie auch Keith Haring. Ich habe die Originale ja gar nicht gesehen, blättere in einem Ausstellungskatalog – ruuuuuuums. Da bricht die pure Verzweiflung auf, weil man das einfach nicht machen kann, was der da gemacht hat. Also als ich, Momo Rulez oder auch im wahren Leben.

Aber er hat, und WIE!

Das, was so krakelig erscheint, ist ja derart sophisticated, gesättigt, stellt „reale“ Verhältnisse von Innen und Außen, Farbe und Linie, Vorder- und Hintergrund, Schrift und andere Zeichen, Zeichnung und Malerei, schwarz und weiß, europäische und US-Kunstgeschichte in Relation zu vielfältigen afrikanischen und karibischen Traditionen so was auf den Kopf, bringt es durcheinander, kombiniert es in frei flottierende Bezüge hinein – wie konnte so ein junger Typ all das SEHEN und dann noch mit so viel Witz, teils fast schon Hohn und doch auch Heiligkeit, Spiritualität, und dem Spiel mit Erwartungen versehen? Und derart verdichten?

Er hat das ja auch nicht lange überlebt.

Aber all dieser gefällige Streetart-Kram, diese ganzen tollen Zeichner, diese ganze immament-europäische Sauce wird so trivial verglichen damit.

Da sitzt man voller Energie und Lust vor seinen Farben und weiß gar nicht, wo der eigene Standpunkt eigentlich ist angesichts dessen. Der haut einem ja die Füße weg. Seinen kann man nicht einnehmen, und alle anderen lacht er aus. Gerade die, die mir möglich wären.

Das sind die großen Chancen im Leben.

Ich danke dem Universum dafür 🙂 … und Jean-Michel Basquiat. R.I.P..

7 Antworten zu “Ruuuuuums!

  1. Erik P. Hauth Oktober 8, 2013 um 9:43 pm

    Du hast sie also in die Welt gesetzt, oder sichtbar gemacht? Eine ‚Welt somit der Bereich, in dem nicht nur alle Dinge existieren, die es auch ohne uns gibt, sondern auch alle die Dinge und Tatsachen, die es nur mit uns gibt.‘ – also in diesem Fall Deinetwegen. 😉 Bin ja heute morgen zufällig über Markus Gabriel gestolpert, und kenne mich damit garnicht aus, musste aber sofort an Dich und Deinen Zugang zur Erfahrung durch Musik und Farben denken, als er über den Film sprach.

  2. momorulez Oktober 8, 2013 um 10:11 pm

    Markus Gabriel musste gerade erst mal googeln 😦 – hatte auch nicht mit bekommen, dass der mit Zizek zusammen gearbeitet hat.

    Was ich hier treibe, ist im Grunde genommen ein sehr viel flacher weiter treiben dessen, was Merleau-Ponty und Sartre unter Phänomenologie verstanden haben, und davon dann eine sehr selektive Lesart. Und halt immer Geschichte und Foucaults Machtanalytik mit einbeziehend. Philosophiehistorisch hat sich Foucault ja deutlichst distanzierend auf die beiden bezogen, ich glaube aber, dass man sie als Antwort auf ihn lesen kann.

    Und ich hoffe immer, dass das somit auch eine Antwort auf Rassismen ist. Bei Basquiat wirst Du als erstes meistens „Graffiti“, „Sampling“, „Hip Hop“ „hat auf der Straße gelebt“ lesen. Während bei Gerhard Richter niemand nach Herkunfstbedingungen fragt, allenfalls Flucht aus der DDR oder so (falls er das überhaupt war, der geflüchtet ist). Basquiat WAR Rassismus Unterworfener, habe gerade gelesen, dass er noch als millionenschwerer, weltweit gehypeter Künstler ständig kein Taxi bekam – weil schwarz.

    Das ist auch Thema in den Bildern. Was anderes wird aber immer unterschlagen. Seine Auseinandersetzung mit Picasso, mit Rauschenberg, aber auch diese geniale Hybridität, das mit „afrikanischen“ und karibischen Zugängen zu konfrontieren ohne jede Hierarchiebildung.

    Ich glaube nur nicht mehr, dass ein abstraktes Referat begreifbar macht, was z.B. er da vollzogen hat. Dann passiert so was wie der deutsche, akademische Jazz. Man kann das auch nicht kopieren oder klauen, wie das beim Soul oft geschieht.

    Man kann aber über seine eigene Erfahrung mit Farben, Tönen usw. inmitten der eigenen Popkulturhistorie in seiner Differenz anerkennen und sich fragen, was man daraus dann macht. Das halte ich tatsächlich auch für eine politische Vision. Weil das ein Weg ist, sich Erfahrungen Anderer nicht zu verschließen. Also das, was Neumann verlernen musste, um Karriere zu machen. Die den meisten Leuten einfach irgendwann genommen wird.

    Wenn Du mit Deiner Tochter „Oh when the Saints“ übst oder Jolly Rouge-Fahnen bemalst, bist Du ja auch drin. Und irgendwann treiben sie es Dir aus, und das Drama beginnt.

  3. Erik P. Hauth Oktober 8, 2013 um 10:13 pm

    [audio src="http://http-ras.wdr.de/CMS2010/mdb/ondemand/weltweit/fsk0/17/178195/warumesdieweltnichtgibt24072013wdr3_1757263.mp3" /]

  4. Erik P. Hauth Oktober 8, 2013 um 10:20 pm

    Ich werde noch zum Anhänger der grammatiklosen Erkenntnis. 😉

  5. Erik P. Hauth Oktober 8, 2013 um 10:23 pm

    „Bei Basquiat wirst Du als erstes meistens “Graffiti”, “Sampling”, “Hip Hop” “hat auf der Straße gelebt” lesen.“ – wogegen er sich ja auch posthum noch wehren muss.

  6. momorulez Oktober 8, 2013 um 10:35 pm

    Ja, und ich für ihn 🙂 – ich hätte früher „grammatiklose Erkenntnis“ vehement zurück gewiesen; und Ernst Tugendhat, über den ich u.a. meine Magisterarbeit grschrieben habe, hat im vorprädikativen Wahrheitsbegriff Heideggers den Grund für dessen Affinität zum Faschismus gesehen. Auch Benjamin beschrub Faschismus als Ästhetisierung des Politischen und forrderte im Gegenzug eine Politisierung des Ästhetischen.

    Das würde ich auch gegen den Gabriel einwenden – „Du sollst nicht auspionieren“ ist keine Wahrheit, sondern eine wohlbegründete Handlungsregel. Da besteht dann doch die Gefahr, das Wahre auch für das Gute zu halten. Andere Sachen, wie die „Sinnfelder“, hat er aus der Phänomenologie. Und ich würde Kunst auch nicht als „Wahrheit“, sondern dann, wenn sie gut ist, als Erkunden von Kreativitäts- und somit Freiheits-, also auch Möglichkeitsspielräumen im Weltbezug und Bezug zum Anderen verstehen in einem bestenfalls nicht-instrumentellen Sinne. Emphatische Offenheit ist halt auch ein Ethos.

  7. momorulez Oktober 10, 2013 um 8:25 am

    Kündige dann schon mal ein Referat über den Basquiat-Aufsatz von Bell Hooks – hier eine Rezension zur meines Wissens einzigen deutschsprachigen Rezension –

    http://kritisch-lesen.de/rezension/wie-medien-und-kultur-rasse-produzieren

    an. Ungemein spannend, kriege hinsichtlich mancher Aussagen oben auch eine rein, gut so.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s