Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Einheit symbolischer und ökonomischer Ordnungen und wieso die AfD eine Bonzenpartei ist

Verblüffung. Irritation. Verwunderung.

Jeden Tag auf’s Neue packt mich dieser hypnotische Reigen, den vor allem der Social-Media-Konsum erzeugt. Dieses wirre Sein in der Zeitlichkeit, das keinen Raum mehr findet. Des Gebanntsein von Tweets und Postings bei Facebook und anderswo. Dieses Eintauchen in die Geschwindigkeiten von Information und Kommentar, Reiz und Reaktion.

News und Emotion verdichteten sich in den letzten Jahren zur Deutungshölle, in der Rhythmen von Mem, Slogan und Assoziation total geworden sind.

Erfolgreich ist, wer Unsinn so verdichtet, dass es im Widerstreit der Sem- und Bild-Kaleidoskope und Infodump-Lasershows, inmitten des Rotierens um die längst verlorenene Zeit zum Stillstand des Denkens führt.

Sich möglichst fix in die Imanenzebenen des Feldes kopieren, in dem all die auch nur noch in gequirlten Sinngefügen sich Positionierenden ihre Messages derart flackern und irrlichtern lassen, dass jede so entspringende Erzählung an irgendeinem Punkt jene attackiert, die ausgeschlossen daneben stehen und angesichts des weißen Rauschens ihre Hilflosigkeit diktiert bekommen. Liest sich wie Kulturkritik für Anfänger, ist aber so.

Die faden Snacks, das gedankliche Fast-Food der versammelten Feuilleton-Clowns und ihrer Instant-Interventionen zirkuliert als das, was Jaceques Derrida und im Anschluss Mark Fischer und andere als „Hauntology“ bezeichneten: Ein Geistern, ein Spuk des Untoten in Denken und Diskurs. Eine funkelnde Projektionsflähe, deren Retro-Logik das auspart, was anknüpfungsfähig wäre. Gäbe ja auch Geister und Gespenster, die mit Jacques Derrida entwicklungsfähig wären. Die sind aber abgetaucht in verschwörungstheoretsiche Sümpfe so oft.

Die Rechte hat dieses Spiel rund um Meme perfektioniert, wenn sie alle bannt in ihrem Spiel der fortwährenden Attacke. Um noch die auflammenden Erinnerungen an fürchterliche Phasen der Historie in die Logik märchenhafter Heimatfilme zu überführen und so Linderung zu suggerieren, wo doch nur Gräber lauern und Zombies wesen.

Der Witz ist ja: Es war eben nicht „die Postmoderne“, Mehr von diesem Beitrag lesen

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Da weiter machen, wo der „Women’s March“ aufhörte: Für mehr Gendern und weniger toxische Männlichkeit

Aktuell mühe ich mich in den Artikelfolgen ein wenig darum, noch einmal zu subsummieren, was im letzten „Jahr nach Trump“ liegen geblieben ist.

Blicke ich zurück auf die Themen mit dem größten Konfliktpotenzial in der Geschichte dieses Blogs, so waren dieses immer auch feministische und lesbische Perspektiven und alles rund um Judith Butler., was zu Brüchen führte. Das zog so krasse Reaktionen nach sich, dass es Kommunkation verunmöglichte (im aktuellen Zusammenhang lasse ich Butlers Positionen zu Israel einfach mal außen vor).

Es zeigt sich hier eine deutlich erkennbare Querfront: Um das, was die neue Rechte als „Gender-Wahn“ bezeichnet und auch in linken Blogs mittlerweile, Birgit Kelle und ähnlichen zustimmend, ebenso als „Gender Gaga“ abqualifiziert wird.

Damit die Männer wieder die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen, den großen Denkern, ja auch gebühre. Wo sie sowieso schon immer nur und grundsätzlich auf das Bezug nehmen, was andere Männer geschrieben haben. Es sei, denn, es ist zu kritisieren. Ist ja auch auffällig in linken Szenen.

Insofern halte ich es auch nicht für einen Zufall, dass die Frage nach den den Toiletten für trans*Personen rund um die Wahl Donald Trumps Mehr von diesem Beitrag lesen

KONSERVATISMUS, NEOLIBERALISMUS UND BÜRGERLICHKEIT: Dobrindt und das „3. Reich“

„Die Agenda 2010 gleiche einer »institutionellen Angstmobilisierung«. Sie habe massiv minderheitenfeindliche Tendenzen und den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte befördert, konstatieren die Autoren Sigrid Betzelt und Ingo Bode.

Mit Hartz IV habe die Politik systemische Risiken individualisiert, heißt es. Das System bedrohe Lohnabhängige bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder Krankheit gefährdeten den gesamten bis dahin erarbeiteten Lebensstandard. Betroffene passten sich einerseits vermehrt an. Andererseits entstehe Kontrollverlust und Wut.“

Mag als merkwürdiger Einstieg erscheinen bei dieser Überschrift. Da „wir“ nun freilich, was Diskussionslage, Topoi und auch Wählerverhalten betrifft, längst tief in Analogien zur Schlußphase von Weimar verstrickt sind, sollte auch aufeinander bezogen bleiben, was eben zusammen hängt: Die klassische „soziale Frage“, wie sie sich tatsächlich stellt, und die nationalkonsevativ-bürgerlichen Ideologien, die von ihr ablenken sollen.

Der Text zu bürgerlichen Schwulen, die Ende der Weimarer Republik ordentlich dabei mitmischten, bei alledem, was, bürgerlich unterstützt sich auch als Lösung der „sozialen Frage“ behauptete, der kommt noch, keine Sorge. Wie gewichtig sie da waren, das sei mal dahin gestellt, dazu gibt es aber auch Publikationen aus queeren Kreisen. Und auch damals gab es schon solche wie Jens Spahn.

Erst mal freilich ein Text zu den statistisch relevanteren Kreisen. Also die, für ein Dobrindt Mehr von diesem Beitrag lesen

Ich mag dieses Wort nicht in die Überschrift nehmen. Siehe 4. Zeile.

Wo ich nun schon dabei bin, all das raus zu schreiben, was im letzten Jahr liegen geblieben ist, widme ich mich doch einfach noch mal einem dieser neuen „Halt gefälligst die Schnauze“-„Argumente“ aus innerlinken und linksliberalen Debatten: Der so genannten „Identitätspolitik“.

Mit Mark Lilla an der Spitze ersetzte das Stichwort in vielen Diskursen den Platz, den zuvor „PC“ inne hatte (dank an @accalmie für den Hinweis): Wenn die Argumente fehlen oder es einfach zu anstrengend erscheint, sie sich anzueignen, dann wird zum Schlagwort gegriffen. Einem Claim oder Mem, das wie eine rote Karte zu zücken sei, um wieder die alte Diskursordnung herzustellen. Folgt der gleichen Logik wie die jener Trump-Wähler, denen das zu viel wurde mit Serien wie „Transparent“ und sogar noch einer schwulen Figur in „Riverdale“ (mit der die Autoren absolut nichts anzufangen wissen), mit Oscars für „Moonlight“ und Kritik an der toxischen Maskulinität der Gamer.

Wie auch im Falle der Rechten halte ich es freilich für wenig hilfreich, nun den Vorgaben der Kontrahenten und Gegner (und schlimmeren) auf den Leim zu gehen. Die allseits hämisch kursierenden Stories von „Oppression Olympics“ zu kommentieren hieße auch schon, dem Zwangs- und Repressionssystem Mehr von diesem Beitrag lesen

Regime der Angst und Story-Telling

„Aber sich Ruhe zu gönnen, durchzuatmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, das fällt den meisten von uns schwer. Das liegt daran, dass fast alle Menschen den starken Glauben besitzen, dass sie sich ihren Wert als Mensch erst verdienen müssten. Wenn das Grundeinkommen ihnen plötzlich vermittelt, dass sie auch leistungslos wertvoll sind, dann macht das die Leute skeptisch“

Es gab dazu mal einen Song ausgerechnet von Heinz-Rudolf Kunze: „Die Leute denken, Du schiebst ’ne ruhige Kugel“. Einer über Arbeitslosigkeit. Die Sicht auf dieses Thema, also wie mensch sich nun innerhalb und außerhalb der Beschäftigungsverhältnisse versteht, verschiebt sich derzeit ein wenig; da genügt ein Blick den ausufernden Coaching- und Ratgeber-Markt (ja, gruseligerweise oft im Kopp-Verlag) oder sich bei Youtube ein wenig durchzuklicken.

„Sei Du selbst!“, „Selbstliebe“, „Entdecke Deine wahre Berufung!“ – so was erzeugt Bestseller im einem Segment dessen, was unter „Esoterik“ verstanden wird. Kann als grauenhaft empfunden werden. Als Symptom freilich eines kollektiven Unbewussten, das noch keine politische und ökonomische Theorie gefunden hat oder wenn, dann mit Sicherheit genau die falsche, ist die Lektüre dennoch möglich.

Ebenso lauschen einem Eckart Tolle, der altindische Weisheiten recyclet und appropiiert, weltweit  mehr Leute als Beatrix von Storch oder der CSU und ihrer Mischung aus Anheizen der Furcht, um als Löschmittel Autoritarismus mit dem Diskurs-Wasserwerfern hinterher zu spritzen. Enthält Brechmittel.

Tolle lehrt, dass es das Ego, das ständige Story-Telling der Mind-Machine sei, das, von Angst befeuert, allerlei Grauen in der Welt erzeuge, wenn es zu Handlung schreite. So bevorzuge das Ego Gedanken, die Furcht erregten, und erhielte sich so in einem fortwährenden Geplapper am Leben. Um Herrschaft über die jedem Menschen inne wohnende Stille und  die Möglichkeit des Friedens auszuüben. Um das zu verkünden, sitzt er gelegentlich bei Ofrah Winfrey vor Millionenpublikum und wird geliebt und gesucht.

Es kann von diesem Zweig der Esoterik nun gehalten werden, was immer auch gewollt wird. Der Schatten, jungianisch verstanden, läuft tatsächlich auch immer mit. Insofern landet eine jede, ein jeder, ein jedes von Tolle-Videos (die auch mein Lieblingsschwarm Clueso immer mal zitiert 😀 ) verhältnismäßig schnell bei übelsten Verschwörungstheorien.

Meine Lieblingsvariante ist derzeit, das die „New World Order“ Schwule benötige (u.a., um Leihmütterschaft und Eugenik zu etablieren), es diese aber Mehr von diesem Beitrag lesen

Jahresmotti: Nicht mit Rechten reden, sondern stattdessen über Solidarität. Unter anderem mit Geoffroy de Lagasnerie

Das Jahr der Schockstarre ist nun endlich vorbei. 2017: Das Grauen!

Ein Jahr, da nach der Wahl Donald Trumps zum Prädidenten der USA das allmähliche Einsickern vermeintlicher „Einsichten“ in die Gründe, die zu seiner Präsidentschaft führten, auch in den Diskursen der Irgendwielinken ein allzu gruseliges Klima erzeugte. Eines, das sich auch in meine beruflichen Zusammenhänge derart bedrohlich einschlich, dass zumindest in mir eine Art Lähmung sich ausbreitete.

Es ist den Rechten ja vieles gelungen; vor allem aber, dass sie eine Art vorauseilenden Gehorsam erzeugten. Weil bei vielen die Angst sich breit machte, dass ihre Interventionen, die stets einsetzen, wenn sich irgendwer irgendwoaus guten Gründen gegen sie wehrt, zuschlagen könnten.

So dass als Effekt eine Debatte, ob denn nun „mit Rechten reden“ geboten sei oder auch nicht, auf einmal alles dominiert – und wer sagt „Nö, deren Programmatik besteht nun mal genau darin, mir die Schnauze zu verbieten, mich symbolisch und ökonomisch zu vernichten und meinereins allenfalls noch dann ein wenig relevant zu finden, wenn es pauschal gegen den verallgemeinerten und entindividuiierten Muslim“ geht“, wird sofort mit allerlei Diskursdiebstahl aus genuin linken und linksliberalen Zusammenhängen, mit Gramsci-, Habermas- und Foucault-Verdrehungen angegriffen: Meinungspolizei! Ausgrenzung! Mundtot machen! Diskurverweigerung! Faschismus! Linke Hegemonie! Systemsklaven! Die wahren Faschisten seien schon immer vor allem die Linken gewesen und alles andere nur Selbstverteidigung. Fehlt immer nur noch der Zusatz im Geiste Noltes, dass es schon irgendwie richtig war, dass Hitler „uns“ vor denen schützte …

Andere wiederum denken zumindest, wenn einer wie ich schreibt, mittlerweile: Du neoliberaler Selbstoptimierer. Gerade solche wie Dich braucht doch der Kapitalismus, Mehr von diesem Beitrag lesen

Vom „frommen Tanz“ ans Millerntor: FC St. Pauli – Hannover ’96 0:0

Nein. Nein, ich vermisse es nicht. Nicht die Sommer, als ich den mich umgebenden heterosexuellen Anbahnungsreigen am Baggersee nicht ertrug und stattdessen unter mein Hochbett kroch, Klaus Manns „Frommen Tanz“ und James Baldwins „Giovannis Zimmer“ lesend. Träume von Nähe, Träume von Körpern, Träume vom Du. Vermisse auch nicht frühlingshafte Radtouren zum Würmsee, keinen Herbstspaziergang mit Mutter in der Eilenriede (herbstliche Besuche bei B. in Lindwedel oder K. in Gailhof waren aber zum Teil schon ganz schön, K.s Hund hieß Billy und ich war in ihn verknallt), nicht das Streifen und Schlurfen durch Lindens winterliche, existentialistische Tristesse, damals, als wir noch The The, The Cure und The Smiths hörten. Als ich allein unter Heten dem Abitur mich näherte. 

Vermisse nicht, mit den grünen ÜSTRA-U-Bahnen in die City zu fahren, aufbrechend aus der Trabantenstadt, am alten Wasserturm vorbei und das Reihenhaus, die „Neue Heimat“-Siedlung mit ihrem bräunlichen Putz an den Häusern, 3-stöckig, 6 Wohnungen, Straße um Straße ähnlich bis gleich, und die vertrauten Geräusche der Fernbahnlinie im Ohr, das dröhnende Starten und Landen der Flugzeuge ein wenig weiter nördlich ebenso hinter mir lassend. Um zwischen der Betonwüste am Kröpcke und pittoresken Altstadtgassen herum zu irren und auch nicht zu wissen wie, was oder warum überhaupt. Obgleich doch Sartre mich gelehrt hatte, der Mensch erschüfe sich selbst durch Handlung. Aber wie nur? War deprimiert Bauhaus (oder der Streisand „Yentl“) hören „Handlung“?

Ich meine mich zu erinnern, damals, am 1.4. 1987, da herrschte Schneechaos am Bahnhof in Hannover, die Züge fuhren nicht oder Stunden zu spät – vielleicht war das auch ein anderes Mal, der Tag des Aufbruchs zur Zivildienstellensuche?, und ich vermische Etinnerungen; dieses Gefühl von Bangen und Hoffen, vor allem Hoffen, das kann ich als Nachhall noch fühlen, wenn ich das will. An diesem Tag verließ ich Hannover, brach auf in eine bessere Zukunft. In eine neue Stadt. Eine, wo tatsächlich keiner mich und ich keinen kannte. Völliger Neustart.

Ich fand mich zunächst im Schwesternwohnheim am Rande von Harburg wieder, Unterbringung durch den Dienstherren, der Bürgerrechte enthoben und dem Staat vollends unterworfen, bis zum „Zivi-Lehrgang“ in „Rufbereitschaft“, Ausharren mit Blick auf das AKH Harburg und inmitten dieser 16qm in Frustration mich auflösend – letztlich sah es da zwischen Eißendorf und Heimfeld so anders auch nicht aus als in dieser Verlängerung der niedersächsischen Landeshauptstadt, da, wo ich aufgewachsen war. Ich litt einen Monat im Off und zog anschließend in eine WG am Neuen Pferdemarkt: Das Leben ging auf. Es lockte Spaß und Sinn. Und ich wollte nie mehr zurück.

`96, das spielte in den ersten zwanzig Jahren keine Rolle, so unangenehm wirkte der Verein. Allenfalls als Karriereziel für jene, die in Sportvereinen sich aufrieben und 3 mal wöchentlich gegen den Ball traten, die hofften, aus der Vorstadt ins Zentrum zu gelangen – Fans waren die aber auch nicht. Ich kann mich an keinen einzigen `96-Fan auf der ganzen Schule erinnern; und das war ein Schulzentrum mit immerhin 3500 Schülern. Einer aus meiner Klasse fuhr nach Hamburg zu seiner Tante, um zum HSV zu gehen, mein Bruder trug Werder Bremen-Schal, Bayern-Fans gab es schon damals überall, halt die, die immer auf der Siegerseite stehen wollten. Mein Vater fieberte mit dem MSV Dietz, wie Duisburg damals genannt wurde, und wenn ich Pech hatte, begegnete ich in jenem Bahnhof, der an Wochenenden des nachts No-Go-Area für alles Langhaarige, Punkige, für Obdachlose und Nicht-Weiße war, besonders die Passerelle darunter, weil von der Bahnpolizei flankiert Nazi-Skins alles als „anders“ Identifizierte mit Baseballschlägern ins Krankenhaus prügelten, also, dort begegnete ich manchmal, wenn zufällig tagsüber es mich in die City trieb, ’96-Fans: Ein übler und übel riechender, aggressiver Haufen von Kuttenträgern. Fussball-Anti-Werbung. 

Da machte jeder, der ein wenig Würde bewahrt hatte oder aber auf sich aufpassen musste, einen großen Bogen drumherum. Später wurde der Verein, glaube ich, hipper, manch Freund, der sonst nichts zu tun hatte, ging nun zum Amüsement ins Stadion, ohne sich Fan zu nennen – und mein Paten-Neffe auch. Event. Mal was los in der Stadt. Was ja so wenig dort gar nicht ist. Einen Mangel an Konzerten in meiner Jugend kann ich zum Beispiel nicht beklagen.

Spult sich halt alles ab in in mir, wo mein „30 Jahre Hamburg“ naht 😉 … das, was zum Glück hinter mir ich ließ, lief als Film in blassen Farben vor mir ab, als ich auf meinem angestammten Haupttribünensitz Platz nahm und nach links sah, wo mutmaßliche Hanoveraner, vielleicht auch Wunstorfer und Wennigser, hüpften und komische Handchoreos vollführten und zumindest ganz schön laut waren. 

Das Spiel: Verfahren, der Schiedsrichter bekam es nie in den Griff. ’96 folgte der Strategie des permanenten Fouls – kurioserweise sogar immer an der gleichen Stelle. Vor unserer Trainerbank, immer wieder neu und sogar noch nach dem Seitenwechsel blieb das konstant der Bereich, in dem das taktische Foul vollstreckt wurde. Unsere Jungs sahen sich zumeist außerstande, über die Strafraumgrenze des Gegners zu gelangen und liefen dort in sich ähnelnden Situationen sich immer wieder aufs Neue fest. Wie Hannover es in diese Regionen der Tabelle geschafft hatte, blieb mir zumindest ein Rätsel – Union Berlin spielte klar besser. Lienen sah ein intensives Spiel, ich eher eines, das zerhackt, zerstückelt und geschreddert nicht so recht reifen und erblühen wollte. Gegen Ende der ersten Halbzeit bis ca. zur 80. Minute der zweiten Halbzeit, spielten die Boys in Brown dennoch kraftvoll auf; schon zuvor hatte es schöne Kombinationen trotz hannöverscher Haudraufgrätschreinschmeißum-Taktik von unseren Jungs gegeben, die Passsicherheit scheint mir ganz im Gegensatz zur Hinrunde gefestigt zur gelebten Erfahrung statt scheiterndem Versuch mutiert zu sein. Cool! Als Bouhaddouz sich hinter die Spitzen, derer eine er ja nominell ist, fallen ließ, kam Schwung ins Spiel – der erst abebbte, als Hannover so einen charmant Blondierten einsetzte, dessen Einsatz und Können für viel Gefahr und beinahe noch unsere Niederlage sorgte. Ging noch halbwegs, aber eben nur halbwegs gut aus. Nun kann auch nicht jedes Spiel solche Intensitäten liefern wie gegen Karlsruhe oder auch Union, aber frohlockend ging ich nicht aus dem Stadion. Eher mit einem „Da fehlte was“-Gefühl.

Nach Hannover sehnte ich mich beim Anblick der ’96-Fans schon mal gar nicht zurück … obgleich es im „Café Caldo“, Samstags auf dem Flohmarkt am „Hohen Ufer“ oder im „Bad“, fast noch in den Herrenhäuser Gärten, doch hinter dem Schnellweg versteckt ein altes Schwimmbad, zum Club umgerüstet, wo wir im Sommer auf Terrassen sitzend zum Open Air-DJ-Set das leere Schwimmbecken betrachten konnten, auch erfüllte Zeiten gab.

Auch wenn ich auf dem „Bad“-Parkplatz nach einem „Psych-„-Konzert, eine Subkultur, an die sich auch kaum noch wer erinnert, das Auto meiner Mutter, mit dem ich unterwegs war, zertreten und von Springerstiefeln malträtiert des nachts nach dem Disco-Besuch auffand: Komplett hinüber der orangene Golf, die Karosserie zerdellt, verbeult, deformiert. Vermutlich, weil eine Friedenstaube darauf klebte. Ist ja nicht so, dass Attacken auf so genannte „Gutmenschen“ ein neues Phänomen wären … heute können, müssen aber ja nicht, solche der mögliche ideologische Hintergrund von „Scheiß St. Pauli“-Rufen sein. Und manchmal greift ein ganzes Stadion diese Rufe auf und gibt sie amüsiert und lautstark zurück. 

Und ich weiß dann, wo ich jetzt zu Hause bin … 

Pyro sieht super aus: FC St. Pauli – Union Berlin 1:2

Seit Freitag sitze ich da, sinnierend, grübele im Laufen durch die wohlvertraute Stadt, suche Sprache, verkatert im Bette liegend: Wie fassest Du in Worte, oller Momo, was beim Heimspiel so alles sich in Dir bewegte, weil auf dem Platz vor Dir noch viel mehr aber so was von los war?

Endlose Texte seit einem Jahrzehnt beinahe verfasse ich zu „Wer will schon ungebrochene Helden?“, zur Intensität des Dionysischen, zur Magie, ja, bis hin zum Schamanismus trieb das Trommeln des Denkens mich. 

Nun ist Üblichkeit des Wahrnehmens, die Schablonen bisheriger Erfahrungen dem neu Erlebten aufzuprägen. Aber Üblichkeiten sind ja nur manchmal gut. Je nachdem. Und will das denkende Schreiben sich dem entziehen, so hat es immer neu zu reagieren, um das Einzigartige, das Ereignis nicht verbal platt zu trampeln. In den Fällen, da das Ereignis statt findet und nicht nur Struktur, Zitat oder Klischee sich endlos variierend wiederholen.
Das Formatierende erschlägt eben jenes Geschehen, das es abzubilden behauptet. Und was Du aus Strukturen machen kannst, lernst Du u.a. in der Jazz-Improvisation.

Zumindest wird es mir gelingen, wenn ich ja so weiter schreibe, kaum Leser zu finden. Deshalb einfach mal eine Überschrift, die Reaktionen etwas wahrscheinlicher macht. Das „Lieschen Müller“, das Henry Nannen einst als ideale Leserin für den „Stern“ und so erdachte, ist ein Konstrukt der allgemeinen Meinung vieler Medienmacher: Das Publikum will nur das, was es schon kennt. Bloß nix Neues. Das Vertraute sei stets zu gewähren. Alles andere verstöre ja nur. Pyro-Diskussionen sind so ein Fall. Da geht es gar nicht um den Austausch von Argumenten, sondern dass sie allesamt so gewöhnt sind. Wie ein eingelaufenes Paar Schuhe oder der Weg zur Arbeit. Wie Rosenkranzbeten und Wochentage. 

Doch, ein Gedankenexperiment: Du gehst das erste Mal ins Millerntor und siehst ein Spiel wie am Freitag. Die Spannung, die in der Luft knisterte und sich schon beim Einlauf derart eindrucksvoll entlud, also, ganz ehrlich, diese Mischung aus „Oje, Gefahr, es brennt!“ und „Wow, Wahnsinn, was ein Look, und das auch noch über so einem Banner, was ist denn das hier bitte, das ist ja infernal grandios!“ würde doch als gelebter Widerspruch genau die Energie versprühen, die das Spiel auch antrieb. Langweilig war es nun wirklich nicht.

Würde mensch so ein Spiel zum ersten Mal sehen, manches wäre vermutlich leicht verständlich – dass zum Beispiel visuell klar identifizierbare Menschengruppen, die Einen in braun, die Anderen in Weiß, sich um einen Ball kabbeln und versuchen, ihn in je unterschiedliche Richtungen zu bewegen. Ich denken, das würde recht schnell klar. Die homerotische Kompenten ist auch unübersehbar. Würde auch das Bier dazu schmecken, weil das erste Mal es über die Zunge rinnt und im Rachen verschwindet? Ich glaube, mein erstes Bier hat mir nicht geschmeckt. Aber unter solchen Bedingungen könnte das anders gewesen sein.

Was jedoch problemlos selbst für Haupttribünensitzer erfahrbar gewesen wäre: Da kochen die Emotionen. Das erste Mal seit langen, dass die auf ihr Sitzenden in Teilen schon während des Spiels standen, angetrieben vom Geschehen auf dem Platz – genauer nach Heerwagens Glanzparade gegen den einsam auf ihn zustürmenden Unioner. Da riss es sie von den Sitzen, entfesselt, entflammt, entrückt vor Verzücken. Womit nur einmal mehr klar gestellt wäre, wie schwer es ist, ohne Vorannahmen die Einzigartigkeit eines Ereignisses zu beschreiben. Etwas schleicht sich da immer ein. Zunächst Namen für etwas und für jemanden. 

Dabei sind Verben erkenntnistheoretisch wie auch grammatisch viel wichtiger. Gibt ja Sprachen, wo das Subjekt ganz im Verb verschwindet. Und so haben unsere Jungs auch gespielt gegen diesen perfektionierten Mannschaftsmaschinenkörper von Union Berlin, das wohl aktuell stärkste Team der Liga. Aber so kraftstrotzend, wie die auftraten, ästhetisch betrachtet: Wahnsinnig spielstark, aber sexy war das nicht wirklich. Zu gelungen kann ja auch abturnen, wenn die Brüche fehlen und das Individuum (mal ab vom hübschen Torwart) zu verschwinden droht.

Was bei der Mannschaft allerdings hervorragend funktionierte, sah bei den Schlaparaden der Fans nur Scheiße aus. Ja, auch, wenn ich es das erste Mal gesehen hätte, dieses, ich spar mir jetzt die gröberen Vergleiche, ein wenig wie beim Keulen einst in der Sportgymnastik inszenierende Gleichmaß der Armbewegungen beim kreisförmigen Wirbeln eines Schals: Es hätte mir nicht gefallen. Da würde ich mich nicht wohl fühlen in so einem Block. Geht mir aber genau so, wenn ich durch Köpenick laufe. Obwohl ich sogar „Wir sind ooooooho St. Pauli“ dort vor mich hin sang 😀 … zur Kompensation des Aufenthaltsortes. Ganz unabhängig von auswärtsspielbedingten Reisen.

Das zeitweise unberechenbare Wirbeln dieser Typen in den braunen Tirkots hingegen: Die Dramaturgie hätte sich mir sogar ohne jede Fussballkenntnis offenbart. Erst beeindruckt vom Gegner, war ich auch; dann saß ihnen der Trotz, anschließend der Wille im Nacken und sie wurden ganz Verb: Die reine Tätigkeit. Action! Cool. 

Selten eine Niederlage so genossen. Diese fortlaufende Steigerung, bis zum Schluß sogar der Ausgleich möglich war, und das so quirlig immer größere Löcher in das System der Unioner rennend (um den Systembegriff allmählich mal zurück zu erobern): Wow! 

Also, ich bin lange nicht mehr so „drin“ gewesen in so einem Spiel. Diese Momente, wo über das Erlebnis die Subjekt/Objekt-Spaltung sich aufhebt und das Involviertsein ins Fiebern, Fühlen, Feiern derart durchdringend wird, dass ich vor Begeisterung SMSsen an P.A. schreibend schon gar nicht mehr merkte, dass ich gerade eine Treppe herunter ging … wenn die virtuellen Welten plötzlich ähnlich aufsaugen wie die realen, dann geschieht’s: Der Mensch verfehlt eine Stufe, stolpert und stürzt. 

Nun habe ich ein Loch im Knie meiner Lieblingjeans, aber dafür einen grandiosen Abend verlebt. 

Der Riss im Stoff wird mich nun, so lange ich sie trage, an dieses Spiel erinnern, und das freut mich sogar – ein Spiel, für das ich mich bei den Boys in Brown bedanken möchte. Ihr habt die Einzigartigkeit und das Ereignis ans Millerntor zurück geholt. Das tut sehr, sehr gut.

Zum internationalen Frauenkampftag

Nachrausch als Spielbericht: FC St. Pauli – KSC 5:0

 

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Allmählich ebbt der Nachrausch ab. Das Aufwallen der Gefühle beruhigt sich zu Kümmel-Anis-Fenchel-Tee und Jazz-Sounds aus dem Radio.

Die Bilder jedoch, sie flimmern noch und wirken nach – die Jubelnden, die Begeisterten, die Erleichterten, die Entfesselten auf dem Platz und drumherum tanzen auf der inneren Leinwand des Erinnerns weiter und haben Spaß. Was ein Abend! Was ein Fest!

Misstrauisch gen Stadion gelaufen. Bei der Tabellensituation, wird das was?

Puh – bestimmt eher nicht. Zu viel Druck. Zu wichtig, das Spiel. Zu schön die Möglichkeit, oberhalb des Strichs in der Tabelle zu landen und die Anderen Mehr von diesem Beitrag lesen