Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Wissenschaft

Die vorkritischen Gegner der Gender-Theorien: Alexander Kissler glaubt das alles nicht …

Eine so ganz und gar nicht neue Form vermeintlicher Kritik an etwas ist, es als Religion behaupten.

Oft machen das sogar jene, die in den Fällen, da Religionen offen diffamieren, dieses unter dem Banner der „Religionsfreiheit“ für schützenwert erachten. Walter Benjamin hat den Kapitalismus als Religion eher kryptisch beschrieben; zum mit Neocon-Think-Thank- Munition bewaffneten Arsenal ehemaliger Pro-Bush-Blogger gehörte es, wahlweise den Sozialstaat, den Klimawandel, die Kritik an Konzernpolitiken und realwirtschaftlichen Prozessen, somit alles, wo Gegenargumente fehlten, zur „Religion“ zu verklären.

In Deutschland vernichtet man ja gerne bürokratisch, so ist es hier anders als ich Frankreich bisher noch nicht angesagt, wie die Bilderstürmer einst Bibliotheken zu attackieren, in denen Werke der Gender-Theorie ausliegen. Aus diesem Geiste des Nichtwissenwollens freilich nährt manch Publizist sich ebenso. Ermordet hat man hier auch noch niemanden, der für die Homo-Ehe eintrat; homophobe Gewalt und massenmediales Mobbing Heranwachsender wird dennoch eifrig betrieben.

Ganz und gar faszinierend plump und weltabgewandt geschieht die Fortsetzung dessen – nun wieder mit Bezug auf die Gender-Theorien –  im Cicero. Unter Berufung auf „unser aller Steuergelder“ begibt Alexander Kissler sich tief ins Reich des vorkritischen Katholizismus, um gewitzt ausgerechnet die Erben Kants der Religiosität zu bezichtigen. Nun hat auch dieser die Vernunft beschränken wollen, um dem Glauben Raum zu schaffen, aber Herr Kissler hat sich offenkundig gar nicht mit ihm beschäftigt, um ihn als Chiffre dennoch zu beschwören und Lügen, äh, Vorurteile schlecht recherchiert zu verbreiten:

„Die Gender-Religion befindet sich im vorkritischen Zustand. Sie hat keinen Spinoza, keinen Kant, keinen Schleiermacher erlebt. Sie ist wieder das, was einmal der Fall war: ein hermetisches Lehrgebäude aus kanonisierten Dogmen.“

Schein-Journalist, der er mutmaßlich dem Text zufolge ist, zeigt Kissler sich zumindest als unwillig, diese „Dogmen“ mal ausführen im Sinne ernstzunehmender Belege. Er thematisiert stattdessen gesellschaftliche Wirkungen wie den „Queer History Month“ und ein Interview. Ich vermute, er verwechselt die Systematik der Gender-Theorien und die der Neoklassik entstammenden Volkswirtschaftslehren, die tatsächlich mit einer solchen Axiomatik arbeiten und oft wie eine mathematisierte Kosmologie wirken.

Inwiefern eine Verflüssigung der Grenzen zwischen Homo und Hetero als normativ, also menschlich-gesellschaftlich wirksame Konzepte nun ein „Dogma“ darstellen, das erläutert er nicht. Ist es nicht eher das Gegenteil?

Stattdessen attackiert er die Erben Kants mit dem Argument vermeintlicher „Ineffizienz“. Als wäre nicht nach Kant gerade nicht-instrumentelles Denken jenes, das intersubjektive Freiheit ermögliche – ja, eben jene Formulierung des Kategorischen Imperativs, die den Mensch nicht als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst behandelt. Aber Freiheit ist Herrn Kissler vermutlich nur dann wichtig, wenn es darum geht, Diffamierungen als „Meinung“ zu verteidigen.

Nun geht es es, so ganz deutlich wird das nicht im Text, aber vermutlich auch um so etwas wie „Wahrheit“, nicht Moral oder Freiheit. Was ihm dabei entgeht, dass im Gegensatz zu ihm die Gender-Theorien in ihrer Vielfalt sich ganz und gar im kantisch-kritischen, erkenntnistheoretischen Paradigma bewegen, obgleich sie nicht mentalistisch vorgehen.  Sie soziologisieren und historisieren u.a. auf Michel Foucault aufbauend eben das, was „Erkenntnis“ GESELLSCHAFTLICH erst ermöglicht, was dabei angerichtet wird – und nehmen die Unterscheidung zwischen Ding an sich und Erscheinung ernster als all die denkfeindlichen Katholizisten, Naturalisten und Biologisten, die die Publizistik gerade zukleistern.

Die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ist institutionell manifestiert im Falle der Wissenschaftsgeschichte und gesellschaftlich wirksam z.B. in den Geschlechterverhältnissen – wie, das untersuchen dann die Gender-Theorien. Und die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände von Erfahrung. Diese Bedingungen sind gesellschaftlich-historisch Gewordene. Die Gender-Theorien fragen nach eben diesen Bedingungen in jenen Bereichen, da sie aufzuspüren sind – z.B. in Texten –  und hinterfragen so Methodiken und unhinterfragte Vorraussetzungen traditioneller Forschung, ganz im Sinne Kants. Um diese aus ihrem dogmatischen Schlummer zu erwecken.

Anders als Kant mühen sie sich freilich nicht um ein transzendentales Programm, sondern arbeiten  z.B. im linguistischen Paradigma. Oder analysieren das Performative. So what? Eine Dogmatik kann ich da nicht erkennen.

Dogmatisch sind Konzepte wie Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität als Naturzweck usw.. Und das ja nun nicht im wissenschaftlichen Sinne – weil es Organe gibt, die der Fortpflanzung dienen können, heißt das ja noch lange nicht, dass all die anderen „Naturzwecke“ wie Spaß, Liebe, Schönheit irgendwie sekundär wären. Die sind auf Ebene der Motivation, der Handlungsgründe, auch maßgeblich.

Das ist ja die andere Pointe im Werke Kants, der Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft: Sich selbst die Gründe für Handlungen geben zu können, ohne von den Sinnen affiziert zu sein, ist Freiheit. Da das Reich des Intelligiblen dennoch auf die Sinnenwelt gerichtet ist, ohne die es auch nichts zu erkennen vermöge, kann es auch immer wieder gute Gründe für Lust geben, die niemandem schadet. Und die biologische Ausstattung zu so genannten „homosexuellen Praktiken“ haben übrigens auch alle Menschen. Probiert mal! Nur dass man nur einmal in die Quantenphysik gucken könnte, um einen naiven Biologismus schon wieder aufzulösen.

Herr Kissler findet das alles im Gegensatz zu seinen eingestreuten Namens-Chiffren nicht relevant, obgleich er das spaßorientierte Ausgeben von Steuergeldern für Feuerwerke an der Alster, die ja nun auch keine Effizienz für sich beanspruchen können, nicht kritisiert. Womit ich nun meinerseits keineswegs die Gender-Theorien mit Feuerwerken vergleichen will, sie sind aber umfassender wissenschaftlich, als eine Verengung auf Nützlichkeit dieses je sein könnte.

Alleine schon die Prämisse der vermeintlichen „Evaluation“, die er verlinkt, ist ja falsch – „Forschung von Frauen über Frauen“. Dieses ist ein Hinweis auf den monströsen Mist, den die Realgeschichte der Wissenschaft als männliche, verfügenwollende verbrochen hat: Nämlich das Männliche, Weiße, Heterosexuelle als das Allgemeine auszugeben und den Anderen den Raum des Spezifischen zuzuweisen. Das ist aber wissenschaftlich falsch, weil es auf Ausgrenzung von Sphären des Sozialen als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis beruht und somit nur Teile dessen, was relevant ist, in den Blick geraten. Den Gender-Theorien geht es zudem schon auch darum, wie Vorstellungen von Männlichkeit sozial wirksam werden. Da können „Evaluationen“ noch so lustig polemisieren.

Aber diese Attacken auf das Fortsetzen des Kritischen Geschäfts eines Immanuel Kant sind letztlich ja selbst im Vorkritischen verortet und im Religiösen erst recht: Das sind die impliziten Rekurse auf Naturrechtslehre, einem höchst dogmatischen, vatikanisch verordneten Weltbild, dass der Ex-Papst dreist allen Religionen verordnen wollte.

Dieses ist nun gerade das, wogegen ein Kant sich wandte, weil er eine naive Vorstellung von Natur als unmittelbar zugänglicher nun gerade attackierte und die Naturgesetzlichkeit als Regel der Vernunft selbst begriff – im Rahmen einer sich selbst kritisierenden Vernunft, nicht des vermeintlich Offenkundigen. Da kommt dann auch nix Effizientes bei raus außer, eher, so Popper, dass man allenfalls falsifizieren könne. Wiederum eine Figur, die die Gender-Theorien methodisch vielfältig aufgreifen, ihm auch dahingehend folgend, dass Weiteres zur Natur Kant sich für die „Kritik der Urteilskraft“ aufsparte, eben seiner Begründung der Ästhetik, nicht der Wissenschaft im naturwissenschaftlichen Sinne. „Interesseloses Wohlgefallen“. Rums! Ist ja gar nicht effizient oder nützlich. Was dann häufig Thema ist in den Gender-Theorien; Judith Butler kommt nicht zufällig aus der Literaturwissenschaft.

Insofern mag man Kisslers in den 50ern bereits verreckten, ästhetischen Naivität vielleicht noch so etwas wie Meinungskraft zugestehen – mit kritischer Wissenschaft hat sein Text nix zu tun.  Und was anderes als „Ich glaub nicht an die Gender-Theorie“ schreibt er ja auch gar nicht, er, der Religiöse.

Worum ging es noch? Um Klobürsten?

Oder Kissenschlachten?

„Unser Überlebenskampf ist eure Kirmes“ hat neulich treffsicher und claimfähig eine schwarze Kommentatorin hier ins Blog geschrieben.

Das habe ich mir gemerkt, und es schießt mir unaufhörlich durch den Kopf, wenn ich Twitter und Facebook verfolge.

Völlig berauscht von der eigenen Kreativität wandelt man den vermeintlichen „Kampf gegen die Polizei“, „das System“ oder was auch immer zum eigenen Abenteuerspielplatz. Ich finde die Aktionen auch witzig. Es tritt nur völlig in den Hintergrund, um was es ursprünglich mal ging. Da ist die Senatspolitik einfach voll aufgegangen.

Born und Neumann verheizen weiter ihr Personal, auf deren Rücken mutmaßlich Privatfehden gegen das, was als „linke Szene“ vorgestellt wird, ausgetragen werden. Personal, derer nicht wenige auch schwer verängstigt durch das Viertel fahren – während sie sich zuraunen, wie eine Kollegin vom Verkehrsschild fast aufgespießt worden wäre,  hätte sie nicht die Panzerung getragen. Und warten darauf, dass Böller in die Mannschaftswagen fliegen. Ich finde nicht, dass es Gründe gibt, sich darüber lustig zu machen oder das gar gut zu finden. Ich finde das Scheiße.

Neumann und Co hingegen freut es vermutlich; der Coup ist ihnen geglückt: Noch im Herbst bei einer Demo mit ca. 15.000 Teilnehmern, da die Polizei sich äußerst zurückhaltend zeigte, strahlte auf einmal die Möglichkeit einer anderen Flüchtlingsmöglichkeit unter Führung (!!!) der Flüchtlinge selbst auf ganz Deutschland, wenn nicht Europa aus.

Dann ließen es Exekutive und manche Demonstrierende Hand in Hand  krachen, und schwups war die Stabilität wieder her gestellt:  Teile der linken Szene konnten sich wieder selbst zum am schwersten unterdrückten Opfer des Systems stilisieren. Wenn mal weiter gehend Marginalisierte zu viel Aufmerksamkeit beanspruchen, kommen damit manche ja nicht klar und legen kurzerhand Flora, Esso-Häuser und Bürgerkriegsflüchtlinge in Gedanken zusammen, um anschließend selbst ein bißchen Bürgerkrieg zu spielen und danach wieder ins Seminar, die Werbeagentur oder den Job in der annähernd ausschließlich von Weißen besuchten, linken Kneipe zu verschwinden.

 Ja, es gibt tatsächliche Opfer von Polizeigewalt, und das ist zum Kotzen, und den Opfern gilt alle Emphatie.

Dass nunmehr aber sogar bei dem „Wir sind mehr!“-Facebook-Auftritt völlig unreflektiert von „Bürgerrechten“ die Rede ist, die eben STAATSBÜRGERRECHTE sind und nicht die allgemeinen Menschenrechte, auf die die Refugees sich nur berufen können, ja, es spricht Bände. Eine sofortige Einbürgerungsforderung habe ich da nicht gelesen. Ich erhebe sie hiermit.

Die Reflektierteren aus der Szene, nicht zufällig jene, die Diskrimierung auch tatsächlich am eigenen Leibe erlebt haben, gehen stattdessen mit ihren Kindern in Polizeiwachen, um diesen die Angst vor der Polizei zu nehmen. Weil viele der Kids gerade unter Schock stehen, wenn sie sie sehen, wie mit den Freunden ihrer Eltern von Polizeiseite umgesprungen wird. Und erfahren dort von denen, die täglich vor Ort ihren Job tun, dass diese genau so angekotzt sind vom Verhalten der Polizeioberen wie auch dem Agieren der Bereitschaftspolizei. Jahrelang erworbenes Vertrauen seil mit einem Schlag zerstört worden.

Hätten mal allesamt auf die Mahnungen der Refugees im Vorfeld gehört:

„Wir wollen gerne die Gelegenheit ergreifen um über Gewalt zu sprechen, denn als Kriegsflüchtlinge aus Libyen waren wir Opfer von mehr als genug Gewalt.

Die brutale NATO-Intervention hat uns alles genommen, was uns lieb war. Wir verloren unsere Familien und verloren alles aus unserem früheren Leben. Wir erlebten Gewalt auf dem Mittelmeer und viele von uns liegen tot auf dem Meeresboden. Die unmenschliche Gewalt der Ungerechtigkeit dauerte in Italien an, wo wir unter körperlich und psychisch verheerenden Bedingungen lebten. Das Leben auf den Straßen Hamburgs; Kriminelle genannt zu werden; die Verweigerung grundlegender Menschenrechte; von der Polizei gejagt zu werden wie Tiere – das ist auch Gewalt. Was wir jetzt brauchen, ist eine Heilung von unseren gewalttätigen traumatischen Erfahrungen. Wir brauchen die Möglichkeit, unsere Leben wieder aufzubauen.

Deshalb wollen wir Alle bitten, Gewalt aus einer umfassenderen Perspektive zu betrachten. Dies bringt uns Alle näher an die Wahrheit.“

(Quelle: http://lampedusa-in-hh.bplaced.net/wordpress/stellungnahme-zu-aktuellen-themen-bezuglich-unserer-politik-diskussion-um-gewalt/ – irgendwie lässt WordPress mich gerade nicht anders verlinken, formatieren geht auch gerade nicht richtig)

Ja, natürlich geht das insbesondere auch an die Polizeiführung, die, so scheint es, mutmaßlich absichtlich die Lage eskalieren ließ.

Dennoch habe ich nirgends eine Verbindung zwischen dem, was nun temporär und ausnahmsweise auch mal weiße Mittelständler im Rahmen des Gefahrengebietes erleben, und der totalen Entrechtung der Refugees und anderer PoC in Deutschland, die fortwährend Radial Profiling erleben und gezielt von der Polizei kriminalisiert werden, gelesen. Dabei bräuchte man dazu nur mal zuhören. Das ist gar nicht so schwierig, wird aber weitestgehend vermieden.

So zum Beispiel auch von der HfbK. Ganz großartig veranstaltet sie nun auch mal ein Symposion zum Zusammendenken von Kunst- und Kolonialgeschichte, was dem gesamten Lehrplan ansonsten nicht anzumerken ist. (Quelle: http://www.hfbk-hamburg.de/fileadmin/user_upload/diverse/blackbox_lampedusa_programm.jpg). Und formuliert dort in der Beschreibung mal eben so ganz im von Sinne Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, wenn auch in Anführungszeichen, man wolle die Beziehung zum „dunklen Kontinent“ vermutlich „erhellen“. Na super. „Herz der Finsternis“ ist nicht nur die Blaupause für den Film „Apokalypse Now“, sondern auch für einen zutiefst rassistischen Erzählrahmen.

Auch die Assoziationen zu „Blackbox“ dürften ähnlich ausfallen; irgendetwas, wo man nicht rein gucken kann und auch nicht will, wie das Veranstaltungsprogramm belegt. Ist aber dunkel.

Sind zwar erfreulicherweise sehr viele Frauen, aber eben nur ein PoC-Vortragender. Die Lampedusa-Gruppe Hamburg bräuchte vermutlich gerade mal eine halbe Stunde, um das gleiche Wissen aufzubereiten; mit akademischen Weihen versieht man freilich lieber Weiße, damit das Spiel auch ja so weiter geht wie bisher. 

Das soll jetzt gar nichts gegen die einzelnen Referenten sagen. Man sehe zum Beispiel mal bei ulrikebergermann.de/pages/aktuell/total.php nach. Wirklich guter Text, ich zitiere:

„Allgemeines und Besonderes, Eigenes und Fremdes, Original und Wiederholung: solche Paare formatieren, was wir über Arbeit von Medien denken – und generell, was wir über die Struktur von Wissen denken. Die modernen Wissenschaften entfalteten sich zusammen mit kolonialen Praxen. Ein enlarged knowledge bringt Weltbilder hervor, die aus dem Inbeziehungsetzen von Universalismen und Partikularem entstehen, von Globalem und Lokalem. Medien sind hierin: Transmittier, Produkte, Agenten. Sie erlauben das Vermessen, das Verfestigen von Maßstäben, die Zirkulation widerständiger Botschaften. Dass „die Medien“ als sortierende, verbindende die Globalisierung begleitet und befördert haben, ist unmittelbar einsichtig – weniger aber die Situiertheit des europäischen Denkens in der Aufklärung/Koloniserung, in dem auch die Medienwissenschaft zu Hause ist.“

Nun wäre es ja schön, wenn diese Erkenntnis sich auch in der Reflektion der je eigenen Wissenschaftspraxis wieder spiegeln würde. Pustekuchen. Noch die Kritik am von White Supremacy beherrschten System bleibt Weißen vorbehalten, und die anderen dürfen putzen gehen, als Küchenhilfen schuften oder von der Polizei gejagt werden. Ich durfte diese völlige Blindheit gegenüber der eigenen Disziplin neulich auch in der HfbK erleben, wenn auch vor allem bei Soziologen und Medienwissenschaftlern – solchen, die vermutlich in ihrer Jugend auch mal bei einer Flora-Party waren.

So zeigt man beim Symposion den mit dem Oscar prämierten Kurzfilm „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquardt vom Anfang der 90er Jahre, weil der am Lerchenfeld zufällig über österreichische Filmemacher lehrt, und lädt gerade mal einen (!!!) PoC-Vertreter ein. Obgleich doch „Experten“ in der Ankündigung behauptet werden.

Filme aus Togo oder Namibia? Warum denn, wenn es um deutsche Kolonialgeschichte geht? Dabei wäre der koloniale Blick und die Reaktionen vor Ort darauf ein spannendes Thema für die Dokumentarfilmer. 

Charmant auch ein taz-Interview mit der geladenen Künstlerin HM Jokinen:

„taz: Arbeiten Sie auch mit mit der (!!!) Black Community zusammen?

HKM Jokinen: Ich bin bundesweit und auch in Ghana vernetzt und arbeite auch mit Schwarzen KünstlerInnen zusammen. Ich hoffe, dass es uns auch in Hamburg gelingt, zu kooperieren. Beim sogenannten Tansania-Park in Jenfeld hat der Bezirk einen weißen Beirat für die Entwicklung eines Erinnerungskonzeptes eingesetzt. Kritische Stimmen wurden nicht zugelassen. Wenn Hamburg es ernst meint mit postkolonialen Erinnerungsorten, müssen selbstverständlich vor allem Schwarze Menschen (das ist da wirklich groß geschrieben, das schwarz, MR) beteiligt werden. Und für diese Arbeiten müssen Fördermittel bereit gestellt werden. 

(Quelle: http://www.taz.de/!101761/)

Recht hat sie!

Nur: Geladen ist HM Jokinen, nicht die Schwarzen KünstlerInnen, mit denen sie vernetzt ist. Der ich gar nichts will, auch Ulrike Bergermann nicht. Das ist ja gut, was sie machen.

Es ist aber völlig absurd, wenn ihre Erkenntnisse keinerlei Folgen für das Aufstellen des Symposions haben.

Doch man kann sich sicher sein: Im Publikum wird die Klobürste geschwenkt!

Noch eins drauf setzen ganz und gar Kreative in St. Georg:

„Der Vorstand des„Kulturprojekt B20“ ist voll kreativer und engagierter Menschen, die hier ehrenamtlich mitarbeiten. An Projekten mangelt es daher nicht: Im B20 wurde eine Fahrradwekstatt eingerichtet; in der Volksküche wird täglich für die mobile Suppenküche mit Lebensmittelspenden gekocht und bald kann man wieder in dem Umsonstladen Kaufrausch Kleider, die man nicht mehr benötigt, tauschen. Zudem möchte der Verein das Gebäude weiterhin verschönern und im Erdgeschoss eine Art Diskoraum mit Beleuchtung aufbauen. Diesen und andere Räume soll man für bestimmte Anlässe und Zeiträume „mieten“ können. So haben sich für die nächsten Monate schon einige Künstler angekündigt, die im B20 ausstellen wollen. Der ehrenamtliche Verein unterstützt außerdem die Gruppe “Lampedusa in Hamburg“. Schon bald soll ein einwöchig stattfindender Deutschkurs mit eventuell abschließender Essensrunde realisiert werden.“

(Quelle: http://hh-mittendrin.de/2014/01/lang-lebe-das-kulturprojekt-b20/)

Bei der Performance der Refugees in der St. Pauli-Kirche – bei deren Zusammenfassung ich die Thalia-Beteiligung mit voller Absicht weg gelassen haben – war aber so was von spürbar, dass natürlich sie froh sind, ein Dach über dem Kopf und was zu essen zu haben. Sie wollen mit Sicherheit auch weiterhin deutsch lernen. Aber ich bin mir sicher, sie strotzen nur so vor Ideen, dieses B20 ganz zu bespielen. Eigentätig und in eigener Verantwortung.

Michael Neumann fragte mit der ihm eigenen Gewitzheit in irgendeinem Interview, was denn bitte aus den Refugees werden solle, wenn sie bleiben könnten. Sollten die ewig in der Kirche leben?

Sie haben darauf geantwortet: Sie wollen hier arbeiten, Wohnungen mieten, ihre Qualifikationen aktiv  einbringen und nicht nur für das Schlafen und Essen existieren.

Die, die die Demo am 21.1.2. ausriefen, hatten auch eine Antwort: Esso-Häuser und Flora bleiben! 

Na, super. Dann mal auf zur Kissenschlacht.

Ein alter Blog-Wegbegleiter berichtet aus Umea!

Berichtet von Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Wäldern, Seen, Fitneßcentern (kritisch) und der schweigenden Macht des Küchenutensils – diese:

„(…) konzentriert das kulinarisch Mögliche auf den Pol der materiellen Verfügbarkeit und gekonnten Handhabung“. 

Welcome back in der Blogosphäre!

Wo einstige „liberale“ Kontrahenten mittlerweile schlapp gemacht haben und sich einbilden, sie hätten alles gesagt (dabei wissen sie nach Bankenkrise, Griechenland usw. vermutlich einfach nur insgeheim, dass das, was sie vertreten haben, schlicht falsch war), machen wir derweil weiter und verbinden Theorie und Leben – der eine mit Saxophon und passivem Fussballgenuss, der andere mit zwei Kochplatten, ohne Schneebesen, aber bestimmt bald mit Gitarre und Musik-Apps 🙂 … und Forschung rund um männliche Selbstbilder, ganz auf den Spuren Michel Foucaults in Uppsala. Nur eben in Umeå. Die Mittsommernacht naht …

„Wir wünschen uns, dass die genannten Denkrichtungen in Zukunft im Bereich der Philosophie an der Universität Hamburg in Forschung und Lehre in angemessener Form vermittelt werden“

Manchmal, von Nostalgie erfasst, surfe ich hin zu dem Philosophischen Seminar der Universität Hamburg und trauere.

Ich hatte das große Glück, in den späten 80ern dort zu studieren, in die frühen 90er hinein. Das war eine Zeit, wo man fast von einem Philosophie-Boom sprechen konnte, die „Postmoderne-Debatte“ ebenso prägend war wie jene rund um die Systemtheorie und die Analytische Philosophie. Rückblickend muss freilich konstatiert werden, dass es auch eine Zeit der Renaissance liberaler Philosophie war – am deutlichsten wurde dies in „Faktizität und Geltung“ von Jürgen Habermas. Feministische Perspektiven wurden zwar nichts systematisch gelehrt, aber auch nicht abgeblockt, so zumindest meine Wahrnehmung, und von Lehrenden wie Anke Thyen auch vertieft. Die Butler-Rezeption setzte gerade erst ein. Die Postcolonial Studies freilich waren noch nicht bemerkt worden, Namen wie Gayatri Chakravorty Spivak, Edward Said, Stuart Hall oder Frantz Fanon waren unbekannt. Fragen wie jene nach Kulturimperialismus, Eurozentrismus usw. waren dennoch prägend, zumeist über die französische Philosophie vermittelt.

Allerdings stagnierte die Debattierlust bereits zu meiner Studienzeit. Der Weggang von Herbert Schnädelbach markierte da schon eine irrevidierbare Zäsur. Lehrende wie Martin Seel zogen sich eher auf die „reine Philosophie“ zurück, die Künne-Schüler pflegten ihren weltverschlossenen Elitarismus der Wittgenstein-Lektüre, und was auch Bernhard H.F. Taureck wurde, das weiß ich gar nicht.

Mittlerweile sind zum Zwecke der Depotenzierung der Philosophie meines Wissens diese den Geschichtswissenschaften angeschlossen; „zu meiner Zeit“ waren sie Teil der Sozialwissenschaften. Und letztere sind, so meine ich verfolgt zu haben, den Wirtschaftswissenschaften unterworfen.

Jedes Mal, wenn ich nun nachschauen gehe, packt mich eine Mischung aus Wut und Traurigkeit angesichts des kärglichen und eher auf Philosophiegeschichte verengten Angebots. Für mich immer ein Symptom der Austreibung des Denkens, der Kritik und der Reflektion aus der Gesellschaft auch im Allgemeinen.

Dass nunmehr ein Brief wie der folgende den Weg in die Öffentlichkeit findet, erstaunt nicht und erhält hiermit die vollumfängliche Unterstützung eines Absolventen eben dieses Fachbereichs:

„Sehr geehrte Verantwortliche des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg, […]

der Lehrplan des Philosophischen Seminars der Universität Hamburg ist zur Zeit stark durch Perspektiven der analytischen Philosophie geprägt. Die Bereiche der Kritischen Theorie, des Poststrukturalismus sowie der feministisch geprägten Philosophie sind im Lehrplan nicht enthalten. Damit werden drei weitverzweigte und vielbeachtete philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts vollständig ausgeklammert, die in aktuellen ästhetischen, sozialphilosophischen und politischen Diskursen eine tragende Rolle spielen.“

Diese gedanklichen Säuberungsaktionen im universitären Bereich zerdeppern gesellschaftlich schon zu viel; gut, dass die Studierenden opponieren.

Lehraufträge nehme ich gerne entgegen 😉 …

Die literarische Haltung zum Anderen als Modus der Emphatie (auch mit sich selbst)

Angeregt einerseits durch einen Text von Bersarin, andererseits von Nadine Lantzsch, aber auch durch die Versatzstückhaftigkeit der rein normativ, aber nie am Tatsächlichen orientierten Rhetorik des Hamburger Innensenators Neumann greife ich mal eine Diskussion wieder auf, die sehr dominant war in der Philosophie der 80er Jahre – die aber älter ist.

Habermas hat es einst den „Gattungsunterschied“ zwischen Literatur und Philosophie genannt, Foucault immer den Gegendiskurs der Literatur thematisiert; auch Rorty hat das literarische Schreiben am Leitfaden Nietzsches und Derridas in „Kontingenz, Ironie, Solidarität“ eindrucksvoll diskutiert.

Die Frage ist dahingehend zu erweitern, wie man denn nun sich Wirklichkeit annähert und welche Form der Darstellung welche Art der Wahrheitsgeltung und auch Wirkung zu entfalten vermag. Weil, so meine These, paradoxerweise im Fiktionalen mehr sag- und darstellbar ist als im Theoretischen, und das auch deshalb, weil man sich – teils in der in der grammatischen Form der 3. Person beim „personalen Erzählen“ – in die Perspektive der 1. Person versetzen kann und eine Haltung zur Figur, die man erfindet, wie im Falle der 2. Person einnimmt. Und weil man etwas verständlich machen kann, was theoretisch an dem Punkt, wo quantifiziert wird, nicht mehr möglich ist: Menschliches Erleben.

Das spielt seit Einstein, Heisenberg und Schrödinger auch in die Naturwissenschaften hinein; jene Naturalismen, die bevorzugt von der  Rechten in Anspruch genommen werden, formulieren ja zumeist einen metaphysischen Realismus, der mit Wissenschaft wenig gemein hat.

Bersarin und Nadine kommen da deshalb mit rein, Mehr von diesem Beitrag lesen

„In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden“: Zum Kassenrollenwurfurteil

Lang, lang ist es her, da las ich einen Text, in dem Umberto Eco prognostizierte, die so genannten „westlichen“ Gesellschaften könnten sich perspektivisch in ein neues Mittelalter wandeln: Befestigte Städte und Klöster und viel „Pöbel“ drumherum. So könnten sich die Besitzenden gegen die Besitzlosen, die dennoch mittels Steuern, Konsum etc. als Melkvieh herhalten müssten, abschotten.

Niklas Luhmann hat in einem Vortrag einst ähnliches zum Thema Exklusion ausgeführt – wie die Dysfunktionalen, die in den verschiedenen sozialen Systemen Recht, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. nicht benötigt würden, im Falle brasilianischer Städte in die Favellas abgeschoben würden. Dort führte das später zu dem anderen raumlogischen Sozialordnungsprinzip neben dem Ausschluss: Dem Einschluss. Die Favellas wurden einfach eingemauert.Um die, die sich Wohnungen und Häuser leisten können, zu schützen.

Das Interessante an Luhmanns Denken zumindest so, wie ich ihn verstanden habe, ist, dass er das Ganze anhand der System-Umwelt-Beziehung erläutert. Auf der einen Seite das an Selbsterhalt und permanenter Selbsterzeugung  orientierte System, das durch seine Operationen zugleich eine undifferenzierte und als ungeordnet erlebte Umwelt zu beherrschen und zu verwerten trachtet.

Das ist ein eigentlich der Biologie entlehntes Modell, das jedoch nicht biologistisch ist, und kann am Ernähren und Verdauen sich verdeutlicht werden. Vielleicht ist das auch gar nicht Luhmanns Denken sondern das, was ich mir aus seinen Texten zusammen gereimt habe 😀 – gerade weil mir diese Phänomene nach jahrelanger Zusammenarbeit mit großen Organisationen, von denen man mal als Umwelt, mal als Systembestandteil „bearbeitet“ wird, wohlvertraut sind.

Auch jeder, der einmal Mehr von diesem Beitrag lesen

„Die Macht kommt von unten“

Das waren Zeiten! Damals, Ende der 80er – die Diskussion rund um „Postrukturalismus“ und „Postmoderne“ wurde mit erbarmungsloser Heftigkeit an Universitäten, auf Kongresses und in Aufsatzsammlungen geführt. Mein Einstieg in die akademische Philosophie, nachdem zuvor ein eher lebensweltlich-praktisch verstandener Sartre meine Misanthropie nährte, war ein Vortrag von Herbert Schnädelbach zu Michel Foucaults „Die Ordnung der Dinge“, „Das Gesicht im Sand“ hieß der. Eigentlich steckte da alles drin, was später mein Studium prägte – Schnädelbach neckte zwar den allseits dominanten Jürgen Habermas, schmiss sich aber auf dessen Seite im Zuge der Verteidigung von „DIE VERNUNFT“ in der Vielfalt ihrer Stimmen, da zumeist die philosophische Postmoderne und ihre Vertreter als Vernunftkritik rezipiert wurden. Das Thema ist keineswegs gegessen, sieht doch z.B. der Pro-Westler und der Antideutsche Hand in Hand mit der CIA die „westliche Kultur“ ganz hegelianisch als die Verwirklichung des Vernünftigen in Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wirtschaftssystem, was weniger „zivilisierten“ Völkern und Kulturen notfalls per kriegerischer Handlung eingebombt werden müsse.

Nun hatten zuvor bereits Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ die sich historisch entfaltende Vernunft als zerstörerisch in ihrer instrumentellen Form gedacht – sie diene dazu, sich Mensch und Natur gefügig zu machen, beides zu beherrschen, somit sei sie nach dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie zum Prinzip totaler Herrschaft geworden. Dieses „Umschlagen“ zeige sich im „Positivismus“, bei dem ganz wie einst im Mythos Begriff und Sache wieder zusammen fielen und ganz wie einst der Magier nun der Wissenschaftler Macht und Herrschaft über Leben und Dinge auszuüben trachtete. Im Zuge der Ökologiebewegung wurde diese Kritik an der „Naturbeherrschung“ wieder populär, die in Regenwaldrodung und Meeresverschmutzung ganz rational das Leben zerstörte. Eine nicht mehr marxistische, an den Erfolg technischen Fortschritts, also der Produktivkraftentwicklung glaubende, sich links verstehende Kapitalismuskritik wurde möglich und wirkungsmächtig.

Nichtsdestotrotz hatte eine ganze Generation akademischer Lehrer rund um Jürgen Habermas im Gefolge von Adornos „Negativer Dialektik“ versucht, erweiterte, nicht-instrumentelle Vernunftbegriffe zu formulieren. Und dann kamen diese ganze Studenten, lasen die Poststrukturalisten und die „Dialektik der Aufklärung“ neu und setzten mit Foucault auf eine Kritik der Macht, die der Vernunft, der Rechtsentwicklung, der Geschichte westlicher Demokratien, ja, die Menschheitsgeschichte durchdrungen hätte, gerade im Zuge der Etablierung all dessen, woran man getreu Adenauer folgend irgendwie zu glauben gewohnt war, nicht äußerlich sei. Die Entwicklung der Humanwissenschaften habe die ach so hehre, bis zum Grundgesetz fort geschrittene Rechtsentwicklung schlicht unterlaufen, so schrub Foucault z.B.. Weil gar nicht mehr der Richter Recht spreche, sondern der psychiatrische Gutachter, zum Beispiel, und für Sicherheitsverwahrung plädiere.

Während man sich auf Gewaltenteilung wer weiß was einbildete, fand in der realhistorischen Entwicklung nur eine fortschreitende Disziplinierung und Normalisierung von Gesellschaften statt – in Schulen, Fabriken, der Psychiatrie und den Gefängnissen. Ganz rational würde die Bevölkerung bürokratisch erfasst und dazu gebracht, sich gewissermaßen selbst zu disziplinieren, um nicht in den Sog  von Umerziehungsinstitutionen wie Gefängnis oder Psychiatrie zu geraten. Fortschreitende Überwachung würde internalisiert und so erst Subjektivität erzeugt, indem man sich an möglichen Sanktionen orientierte, die man vermeiden wollte – ich bin das, was Lehrer und Chefs über mich sagen, die über mich Buch führen, Zeugnisse ausstellen usw.

Um diese Maschinereie zu ölen, wurde abweichendes Verhalten gezielt produziert: Z.B. in dem Wissen über die „Delinquenz“. Was sind das für „Milieus“, in denen sie entsteht? Die Sozialwissenschaft stand Statistik bei Fuß, um auf diese Gruppen einzuwirken. Und so was wie Dorgenkriminalität, auch gut zu gebrauchen bei der Finanzierung von Geheimdiensten, sorgt für einen stets präsenten Pool von Delinquenten, ebenso die Institution Gefängnis, bei der jeder weiß, dass sie „Kriminalität“ tradiert, nicht etwa verhindert. So ist permanent die Masse präsent, gegen die sich die „Rechtschaffenden“ abgrenzen können.

Die Ergebnisse der Humanwissenschaften, das Wissen über die „Devianten“, wirkt eben auch auf die Normalsierten: In stetem Abgrenzungsdruck zu den erforschten „Populationen“ regulierte sich ihr Verhalten. Das Wissen wurde allseits verbreitet, begründete Gesetze, also Interventionsbefugnisse wie die Entmündigung und Psychiatrisierung „hysterischer“ Frauen, ermöglicht. Wer will das dann schon noch sein?

Was ergänzend zur Folge hatte, dass Männer auch ja nicht weibisch-hysterisch sein wollten und sich entsprechend bürgerlich-kontrolliert verhielten, immer ganz realistisch die Wahrheit im Visier. Untersucht und erzeugt wurde in den Forschungseinrichtungen Wissen über die Abweichenden, die im „Bauch“ der Normalverteilung gerieten nicht ins Scheinwerferlicht – mussten sich aber stets hüten, da nicht rein zu geraten. Der Bundestrojaner könnte ja was finden.

So weit sehr grob die Story in „Überwachen und Strafen“. Revolutionär waren daran zweierlei Thesen: Wissen hat Machtwirkungen, und Macht ist produktiv, nicht repressiv. Sie bringt etwas hervor: Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster. Und mächtig sind diese deshalb, weil sie eben wirken, auf Personen und deren Verhalten. Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, „reine“ Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an „Wahrheit“ gekoppelt ist? Anders in manchen Formen der marxistischen Ideologiekritik, wo man noch Nicht-Entfremdetes hinter den Tücken der Herrschaft wittert, IST ein jeder durch diese Prozeduren zu dem geworden, als was er sich versteht. Da gibt es keine irgendwo verortete Eigentlichkeit mehr.

Und man kann nur Gegenmacht erzeugen, andere Bilder, Wissensformationen und Praktiken dem entgegen stellen, um die, die Zentren unserer Kultur und Gesellschaft, unseres Institutionengefüges sind, sozusagen durch Pluralität zu entmachten. Das brachte dann im Gegenzug den berühmten Beliebigkeitsvorwurf hervor.

Das hat ganz schön schockiert, damals. Gender- und Queer-Theory wie auch postkoloniale Studien knüpften dort an, indem sie das Wissen über Schwule und Lesben, Frauen und Kolonisierte, das auch in Alltagssituationen sich reproduziert, problematisierten. Weil keiner, der zu den Kolonisierten, patriachal annektierten oder heteronormativ als das Andere dessen Hervorgebrachten gehörte, drumherum kam, sich in seiner Sozialisation mit eben diesen „Bildern“ auseinanderzusetzen und sich dazu zu verhalten – eine Möglichkeit, die Foucault erst in seinem Spätwerk einräumte. Und diese Machtwirkungen sind überall, also nicht nur an Formationen wie Staat oder Firma gekoppelt.

Es gibt das berühmte „Die Macht kommt von unten“-Zitat Foucaults, was gerade Linke sehr empörte: Die sind doch die Unterdrückten! Ja, auch, Foucault operiert nicht völlig außerhalb des Raumes der marxistischen Kritik: Z.B. die städtebauliche Veränderung wie in Paris oder Hamburg, da unübersichtliche und unkontrollierbare „Elendsquartiere“ abgeräumt oder mit Boulevards durchzogen wurden, sind Teile einer umfassenden Sozialdisziplinierung, um die überhaupt erst ab jetzt gedachte „Bevölkerung“ dem kapitalistischen Wirtschaften zur Verwertung zugänglich zu machen. Die ganze auf „Fortpflanzung“ zentrierte Sexualwissenschaft, die alle nicht dieser dienlichen Formen pathologisierte, und wer will schon krank sein?, hatte im Hintergrund die Notwendigkeit des Bevölkerungswachstums zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Man zeige mir einen Wissenschaftszweig, der nicht unter dem Druck eines solchen „Wozu?“ stünde. Dennoch reproduziert sich überall dort, wo die dieses „Wissen“ eingesickert ist, die Machtwirkung und wird mittels sozialer Kontrolle weiter gereicht :“Ist ja voll schwul, ey!“.

Das alles hat Denker wie Habermas sehr aus der Fassung gebracht. Zwar hatte der selbst noch in der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ vor der „Kolonisierung der Lebenswelt“ durch administrativ-bürokratische Systeme ebenso wie jener kapitalistischen Wirtschaftens gewarnt und Verrechtlichungstendenzen gegeißelt, aber bei ihm gab es immer die „gute Vernunft“, die sich in Geltungsansprüchen im moralischen und deskriptiven Sinne und auch hinsichtlich der eigenen „Authentizität“ äußern würde, die in Sätzen wie „ich finde es richtig, dass …“ oder „es ist der Fall, dass …“ oder „Ich fühle wirklich, dass …“ artikulierte. Diese stifteten sozialen Zusammenhalt und würden helfen, Handlungen zu koordinieren.

Im Fall sozialer Normen, die moralische Implikationen haben, ist er, fast, um sich vor Foucault zu retten, zu einer recht waghalsigen Konstruktion übergegangen: „Die kontrafaktsiche Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation“. Oder aber „der herrschaftsfreie Diskurs“. Soll heißen: Man stelle sich vor, es würde um eine Regel gerungen wie „Du sollst nicht töten!“ Doch, Diktatoren schon! Nein! Doch! Um nun zu einem Ergebnis zu kommen, habe man sich vorzustellen: „Wie würde (!!!) die Diskussion laufen, wenn die Interessen ALLER Beteiligten und Betroffenen gleichermaßen Berücksichtigung fänden? Wenn alle die gleichen Mitspracherechte hätte, es kein Machtgefälle zwischen ökonomisch Starken und Schwachen, Männern und Frauen gäbe“ usw..

Im Gegensatz zu anderen war Habermas schon klar, dass solche Situationen nie und nirgends gegeben sind; dennoch ist es für ihn ein Verfahren, die Allgemeingültigkeit einer Norm zu begründen. Und Vorbild war zu allem Überfluss noch die Diskussion zwischen Wissenschaftlern und des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“. Allgemeingültigkeit deshalb, weil eben überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, der Universalisierbarkeit, Begründungen vorgenommen werden können, sonst sind sie nicht vernünftig.

Das für ihn so Fiese an Foucaults Sicht der Dinge ist, dass das, was der als Machtwirkung eindrucksvoll beschrieben hat, auf der Ebene der Gründe wieder auftaucht, durch Human- und Sozialwissenschaften generiert: Weil wir ja wissen, dass Schwule unglücklich und Kopftuchmädchen durch ehrenmordende Brüder bedroht und Frauen so emotional sind, können die den Standards, die da formuliert sind, gar nicht gerecht werden und sind a priori von der Debatte auszuschließen oder aber Gegenstand der Debatte, also der zu begründenden Norm: Sei lieber nicht schwul, die sind eh allesamt suizidal. Das wurde auf breite Bevölkerungsgruppen angewandt, manche von denen wurden mal eben vernichtet: Eh zu unzivilsiert, die Hereros.

Weil es eben bestimmte Voraussetzungen gibt, die zur Partizipation voraus setzt: Bei Habermas einfach sprach – und handlungsfähig. Doch wurde im Gegensatz zur „kontrafaktischen“ Konstruktion bei ihm in der historischen Realität gerne mal Sprach- und Handlungsfähigkeit auch lediglich eingeschränkt behauptet: Bei Frauen und „Wilden“ zu Beispiel.

Ja, ein langer Text, um dieses seltsame Phänomen herzuleiten, dass man in real assymetrischen Konstellationen – also einer ist schwul, der andere hetero, einer Mann, die andere Frau, eine ist schwarz, der andere weiß  – ständig auf die Annahme stößt, man würde in „herrschaftsfreien Räumen“ diskutieren. Tut man nicht, weil im Sinne Foucaults allesamt systematisch andere Prägungen erfahren hat, die unterschiedliche Arten von Gründen hervor bringen. Die, die das glauben, man operiere in herrschaftsfreien Räumen, tun so, als sei das, was Habermas geschrieben hat, eben keine explizit kontrafaktische, nie und nirgends realisierte Situation, sondern „natürliche“ Gesprächsvoraussetzung. Was falsch ist. Und dafür muss man schon einen Wahrheitsanspruch erheben, um das behaupten zu können. Und so kam es zur These vom „performativen Widerspruch“.

Aber auch an der Konstruktion selbst ist etwas grundfalsch: Da taucht auf der Ebene p („dass p“, „x ist richtig, weil p“) die subjektive Erfahrung auf und nicht auf der Ebene der Sprecherposition – so, als könne man da von sich und sich und seinen Erfahrungen abstrahieren, indem man sie zum Gegenstand einer Diskussion macht.

Das ist ein ganz interessantes Phänomen, betrachtet man, was bei den Umkehroperationen passiert: Weiße, heterosexuelle Männer zumeist sind ja eifrigst und gerne dabei, das Verhalten gegenüber Frauen, Schwarzen und Schwulen zu diskutieren, deren Empfindungen also auf der p-Ebene anzusiedeln und dann über deren Berechtigung oder auch nicht zu lamentieren. Sie fühlen sich aber, gelinde gesagt, selten wohl, wenn die ihren da auftauchen – sie diskutieren ja im Sinne des Allgemeinen über das Besondere.

Nur, ganz plötzlich dann wird ihr Empfinden sogar maßgeblicher Gegenstand der Diskussion, wenn Mensch Homophobie, Rassismus oder Sexismus thematisiert und diese bei ihnen selbst vermutet. Dann geht es ab, und das geht gar nicht. Obwohl doch endlose Diskussionen über die Berechtigung von Empfindungen angesichts ganz realer Traumata der „Gegenstände“ ihrer Diskussion ständig und überall statt finden. Also, symetrisch ist das nicht … und vor allem wird die gesamte Foucaultsche Ebene einfach ausgeblendet. Als würden alle mit gleichen Erfahrungen in eine Diskussion gehen. Die Umkehr gibt es auch: Dass Schwule vehement abstreiten, von Homophobie geprägt zu sein, zum Beispiel. Ist ja auch gefährlich in dieser Kultur, darüber zu sprechen – die Sanktionen können sehr hart ausfallen. Ausschluss ist da die häufigste und harmloseste.

Paradox an der Nummer ist, dass im Grunde genommen nur human- und sozialwissenschaftliche Mittel als Gegengift erscheinen – zum Beispiel der permanente Nachweis der realen Benachteiligung von Frauen. Nur dass, wenn sie so verfährt, Frau immer weiter unter Rechtfertigungs- und Beweispflicht gestellt wird, und die Männer-Mehrheit in der Wissenschaft, den Medien usw. schon den „Gegenbeweis“ antreten wird … da hat man sie. Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.

Besser ist, die Prämissen anzugreifen. Die Kategorien selbst.  Die Unterscheidung hetero/homo z.B. bei der Fragestellung schon anzugreifen. Doch wieder erscheint dann etwas ganz seltsames: Die ganzen vollends Aufgeklärten kommen mit „spielt doch gar keine Rolle, ob nun schwarz oder weiß. Du Rassist!“ um die Ecke. Wie praktisch.

Im Grunde genommen bin ich nun als Ex-Habermasianer eher wieder bei der postmodernen Ansicht gelandet, dass man vielleicht gar nicht so viel auf die Argumentationen schielen sollte. Da gewinnen eh immer die Normalen, die Nicht-Abweichungen (Männer betrachten Frauen oft als Abweichung vom allgemeingültigen, männlichen „Prinzip“, hat ja auch christliche Tradition), die alles dafür tun, ihre Privilegien zu verteidigen (nein, nicht alle).  Sondern vielmehr auf die Literatur, vielleicht auch den fiktionalen Film zu setzen. Vielleicht hat die „Rocky Horror-Picture-Show“ doch mehr bewirkt als  Michel Foucault.

Und ansonsten Nischendasein.

Und die Forderung nach der sozialen Revolution. Weil sich im Falle des von Klassismus Betroffenen gerade die Frage nach der Partzipation an Diskussionen, bei denen sich Bildungsbürger die „ideale Sprachsituation“ vorstellen, schon aufgrund eines ganz anderen Pools von Gründen und Sprachformen eh zumeist auf der Strecke bleiben. Mit diesem Text könnten sie auch nichts anfangen. Und da weiß ich dann gar nicht mehr weiter.

 

 

Wie im Westen …

„Doch 1974 war Schluß mit der Praxis und der Sommerschule auf Korčula. Die Stalinisten im Apparat hatten endgültig die Nase voll von einer Gruppe von Professoren, die eine pluralistische marxistische Diskussion nicht nur propagierten, sondern seit einem Jahrzehnt auch konsequent in die Praxis umsetzten. Das internationale Renommee, das Sommerschule und Praxis brachten, wog in den Augen des Apparats nicht mehr den echten oder vermeintlichen Ärger auf, den diese Leute verursachten. Die Praxis und die Sommerschule wurden auf die übliche jugoslawische Art verboten: Es wurden ihnen einfach der Geldhahn zugedreht.“

Es sei auf diesem Wege noch einmal begeistert die Geschichtsschreibung des Alten Bolschewiken auf Shifting Reality empfohlen – und ergänzend dazu auch auf die Analogie beim Umbau bundesdeutscher Universitäten seit den späten 80er Jahren verwiesen: Was nicht Verwertungsinteressen dient oder selbst verwertbar ist, wird halt wahlweise ausgetrocknet oder eingestampft. Während zugleich in den Volkswirtschaftsstudiengängen alles an den einen stalinistischen Weg assimiliert wird. Geldhahn zu, Denken tot!

Was der Nachwuchs denkt und schreibt: Kapitalismuskritik im Zeckensalon

Uiuiui.

Zunächst prima: Im Zeckensalon setzt man sich mit der Geschichte linker Bewegungen und deren Theoriebildung auseinander, um Kapitalismus zu kritisieren.

Will den Text jetzt gar nicht im Ganzen kommentieren, er korrespondiert nur ganz gut mit der Geschichtsschreibung unseres Altherrenklüngels, gerade an den Punkten, wo die Diskussion anders sich situiert.

Zu meiner Beruhigung halten sich die „antideutschen“ Einsprengsel in Grenzen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Wie bitte?

„Mit den im Jahr 2006 vorhandenen technischen Möglichkeiten sei es kaum möglich gewesen, Plagiate zu erkennen, behaupten die Wissenschaftler einer gemeinsamen Erklärung.“

Was hat denn das mit technischen Möglichkeiten zu tun? Meines Wissens hat zu Guttenberg doch bei durchaus bekannten und renommierten Verfassungsrechtlern plagiiert, oder? Kennt man die nicht als Juristen-Doktorvater?