Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick Mehr von diesem Beitrag lesen

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

Klang- und Bilddenken im Dialog mit dem Saxophon: David Bowies „Blackstar“-Album

Ich geb’s ja zu: Ich hätte das Album vermutlich gar nicht angehört, hätte David Bowie nicht den Übergang vollzogen.

Ein schweres Versäumnis wäre das gewesen – eine abschließende Vision als Hinterlassenschaft von Gewicht mir entgangen. Bowie zeigt Wege auf hinaus dem „Meta“, ohne dabei der berühmten „falschen Unmittelbarkeit“ zu erliegen.

Springt mitten hinein ins Erforschen des Seins und seinem Sich-Ereignen in Klängen, Sprache und (Sprach-)Bildern in all ihrer Historizität. Das Werden zelebriert sich als Vergehen, aus dem das Neue aufscheint, so in etwa kann das „Blackstar“-Album gehört werden, und so plump diese Message scheint, ihre Durchführung geht tief unter die Haut– das Album taucht Mehr von diesem Beitrag lesen

„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

 
Ein Schlag in die Magengrube. Kurz sack ich weg. Morgendliches Scrollen durch die Timelines von Twitter und Facebook – ein Stück Welt, in dem die Popkultur und ich uns zusammen bewegten, ist plötzlich weg. Tot. The story ends. Unfassbar.

Andere Künstler schreiben Songs. Bowie erschuf Welten und formte sie zu einem Vexierspiel aus Möglichkeiten.

Welt1: Die jeweilige Persona und ihr in Visualisierung aufgobenes, musikalisches Gewand. Welt2: Eben die Bowie-Welt als Ganze – ein Unversum aus Verweisen, eine symbolische und musikalische Wucht in Vielfalt. Kosmisch. Ein Konglomerat aus Appropriation, Hybridem, ein Labyrinth – im Film gleichen Namens spielte er mit -; aus kühl scheinendem Kalkül und Düsternis, Glamour und Fantasie, Absturz und Stilisierung. In der Musik wie auch deren Inszenierung.
Er war immer schon da. Eine Voraussetzung. Unterhintergehbar. 

Hinein gewachsen in ein Pop-Szenario irgendwie zwischen Disco, Soul, früher Neuer Deutscher Welle und Postpunkverzweigungen mit einer Prise Queen und Kiss in den späten 70ern, frühen 80er schien uns so vieles schlicht sein Echo zu sein. Während ich zu „Let’s dance“, das so viele hassten, weil wie Verrat es schien an dem Underground in bierselig vollgepissten Kellerlöchern, auf die Tanzfläche eilte, fuhr zuleich das Wissen um all die Bowies zuvor mir in die Sinne. Den Ziggy, den im Anzug von „Young Americans“. Den, den wir bewunderten, wenn nach Carolyn Maas‘ „Sittin‘ in the dark“ Iggy Pops „Passenger“ auf Parties lief (das passierte oft), weil er das ja produziert habe. 

„Bowie-Typen“, das war ein fester Begriff für melancholische, anämisch-hagere, blasse Jungmänner, die Seitenscheitel trugen und eine ganz andere Sexyness versprühten als kraftstrotzende Jocks in Röhrenjeans. Die ein Hauch von Bohéme umwehte, als seien sie eine Fusion aus Klaus Manns „Frommen Tanz“, denn die Berlin-Assoziation war zu unserer Zeit schon gegeben, und den auf Stil setzenden unter den Postpunkbewegten – die allesamt vor ihm, der vorher schon da war, niederknieten wie vor einer Madonnenstatue. Klar, das Bild ist bewusst gewählt, niemand hat mehr von ihm gelernt als Madonna: Das fortwährende Neuerfinden, das viele dem Neoliberalismus als Prinzip untersciheben wollen, prägte er als Erfolgsrezept.
Die Problematik dieser Ikonographie wurde deutlich, als zu Zeiten, da er als „Thin White Duke“ sich inszenierte, ein offensives Kokettieren mit dem Faschistioden in Interviews aus Bowie drängte. Nicht zufällig in seiner Berliner Zeit, diese Stadt evoziert das wohl, weil mensch es dort bis heute spürt – die Brutalität dieser visuell wie sprachlich geprägten Faszination des Drüberhinausseins über die Moralität, die Walter Benjamin die „Ästhetisierung des Politischen“ nannte. Eine neue Rechte forderte er und behauptete Hitler als Rockstar, und schwamm mit in einem Strom der teils affirmierenden Provokation durch Nazismen, der auch frühe Punk Acts, in den Anfängen auch Joy Division und Siouxzie antrieb. Später schob Bowie diese Äußerungen auf kokainindizierte, psychotische Phasen. Bowie, das ist eben auch der Soundtrack zum einst bahnbrechenden „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Doch das Role Model, das er in jenen Jahren nach der „Ziggy Stardust“-Phase kreierte, kann als Abfeiern von Whiteness gelesen werden, ob bewusst oder unbewusst  – noch da, wo er sich akustisch auch bei Black Music-Traditionen bediente. „Heroes“ konnte somit auch zur Titelmelodie einer Ausgabe der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ werden – spricht das gegen den Song? Ich glaube nicht.

Das alles  ist die Kehrseite dessen, was den Starman gerade in queeren Zusammenhängen so überlebensgroß erscheinen lässt: Todd Haynes hat in „Velvet Goldmine“, grob orientiert an der Bowie-Iggy-Pop-Story, unübertroffen ins Bild gesetzt, wie Glam als Zelebrieren von Bi und Andogynität den Natürlichkeitskult der Hippie-Generation durch radikale Künstlichkeit auslachte und zugleich toppte. Die Koppelung an Science-Fiction-Motive – Spiders from Mars, Space Oddity – hat es auch im Afrofuturismus gegeben, dort noch nachhaltiger motiviert. Sinn und Zweck der Alienwerdung: Alienation nun gerade entkommen durch die Projektion einer fantasievollen Zukunft derer, die im mehrgesellschaftlichen Realitätsprinzip naturalisierenden Zuschreibungen brutalstmöglich ausgesetzt werden.

Bowie demonstrierte das nicht nur auf der Bühne: Das „Andere Ufer“, das erste offene (!!!) Schwulenlokal in Berlin, also mit großen Fenstern zum Hereinschauen, besuchte er publikumswirksam als Stammgast. Seine Liaison mit Romy Haag zelebrierte er öffentlich. All die widersprüchlichen Aussagen in all den Jahren dazu, welcher „Orientierung“ er denn nun wirklich folge, sind nur konsequent: Der stilisierte Rollenwechsel hebt solche Fragen auf, sprengt Codes und Zeichenregime und eröffnet Freiheitsspielräume – und das noch da, wo der Zauber des Sentimentalen als Schmelz in die Melodieführung eindringt. Auch das eine Praktik im Glam, ebenso von Roxy Music vollzogen: Die Furcht, des Kitsch bezichtigt zu werden, schwindet, befreit ein Künstker sich von der Diktatur des Authentischen. So durchbrachen sie mit Bowie an der Spitze inmitten des Rockism-Paradigmas dessen Fundamente und spürten im freien Fall, lost in time, lost in space, die kosmische Dimension einer Ästhetik der Existenz auf, die diesen Namen auch verdient hat. Alles rund um New Wave und Synthie-Pop in den 80ern erzählte diese Geschichte weiter – mal gelungen und mal auch nicht. Und Bauhaus übersetzten es in Goth. 

Sein gerade Freitag erschienenes Album habe ich noch gar nicht gehört. Es werden Tränen wie jene des Pierrot sein, die fließen beim Hören – in die Unwirklichkeit der Vergänglichkeit des Unvergänglichen gebeamt, ein wenig maskenhaft. Und deshalb gut.

„… oder verteidigt die autonomie des nachtlebens gerade in ihrem geist“: Ulf Poschardt und das „Racial Profiling“ mancher Türsteher

„Wie Larry Levan verkörperte Knuckles den Disco-DJ, der nie in den schicken Mainstream-Clubs von New York Top-Hits spielte, sondern auch während des Disco-Hypes im Underground operierte“.

Ulf Poschardt, DJ-Culture, S. 243, Hamburg 1995/97

 

„“Painting the picture“ haben das die virtuosen Türsteher im legendären New Yorker „Studio 54“ genannt. Es ging darum, jenes filigrane soziologische Experiment, das jeder grandiose Abend im Nachtleben sein kann, gelingen zu lassen.

Die Werte, die dafür gebraucht werden, waren und sind so unterschiedlich wie die Clubs, die sie anwenden. Schönheit, Kraft, Stil, Reichtum, Macht, Exotik – zugelassen wurde an der Tür, was gebraucht war. Nichts ist schwieriger als dieser Mix.“

Ulf Poschardt, Rot-Grün will die Freiheit der Nacht reglementieren, in: DIE WELT 29.12. 2015

Macht. Reichtum. Exotik. Aha. EXOTIK.

Ich meine, Nile Rodgers von Chic, der einige der wirkungsmächtigsten Riffs und Grooves der Musikgeschichte erschuf – der besten, coolsten, frischesten Riffs: forever young -, habe einst in einem Interview berichtet, wie er in der Studio 54-Schlange stand und für zu schwarz, zu „raw“, zu wenig machtvoll und reich befunden wurde, um hineingelassen zu werden.

In der bei vielen vor lauter Motörhead (R.i.P., Lemmy!), Thees Ullmann und Coldplay vermutlich längst vergessenen Promi-Disco New Yorks hingen immerhin Ikonen wie Truman Capote, Andy Warhol und Grace Jones ab – letztere ist wohl eine der wenigen, die aus der Szenerie etwas nachhaltig Wirksames, etwas unvergesslich Wegweisendes geschaffen hat. So nachhaltig fazinierend, dass sie aus Kanonisierungspraxen Mehr von diesem Beitrag lesen