Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Weniger ist mehr? Form follows function? Nö – zurück in die Zukunft des FC St. Pauli mit neuen Trikots …

It’s a question of lust! Die nach den neuen Trikots, meine ich. Und „Just can’t get enough“ (1981) von Depeche Mode drang als Chant ja bereits aus Fan-Kehlen und Stadion-Boxen.

Voll Eighties also. Grund genug, erste Assoziationen zu den Shirts, Shorts und Stutzen der neuen Saison – „80er Jahre Cassetten-Design“, bei Twitter geäußert – gut zu heißen!

Die 80er – deren Design ist laut offizieller Präsentation maßgebliche Inspiration der neuen Trikots. Merkwürdiges Jahrzehnt, von Post-Hippie-Aufmärschen mit lila Tüchern im Namen des Weltfriedens über die „Neue Deutsche Welle“, yuppieskem Fegefeuer der Eitelkeiten und weltweitem Brodeln infolge der Entwicklungen in New York und Großbritannien Mehr von diesem Beitrag lesen

Somewhere over the Rainbow …

“Die schöpferische Fabulation oder Fiktion hat weder mit einer Erinnerung – und sei sie auch erweitert – zu tun noch mit einem Phantasma. Tatsächlich geht der Künstler, darin eingeschlossen, der Romancier, über die perzeptiven Zustände und affektiven Übergänge des Erlebten hinaus. Er ist ein Seher, ein Werdender. (…) Er hat in seinem Leben etwas allzu Großes, auch allzu Untragbares gesehen und die Zwänge des Lebens samt dem, wovon es bedroht ist, so daß der Rest an Natur, den er wahrnimmt, oder die Stadtviertel und deren Personen zu einer Vision gelangen, die, vermittels ihrer die Perzepte dieses Lebens, dieses Augenblicks bildet, dabei die erlebten Perzeptionen in einer Art Kubismus, Simultaneismus, grellen Lichts oder Dämmerung, in Purpur oder Blau explodieren läßt, die kein anderes Objekt oder Subjekt mehr haben als sich selbst.”

Gilles Deleuze/Felix Guatarri, Was ist Philosophie?, Frankfurt/M. 2000, S. 201

Ich habe ja echt geheult, als diese Supreme-Court-Entscheidung zur Ehe gefällt wurde. Dann doch.

Erinnere mich gut daran, wie vor gut 10 Jahren z.B. das berühmt berüchtigte PI startete, zunächst unterstützt von liberalen Bloggern, die sich gemeinschaftlich im Zuge des “Pro Bush”-Bloggens formierten. Bei dieser Keimzelle des aktuellen Hasses auf – fiktiv – “den Islam” und Muslime, PI, stand nicht zufällig auch der Kampf gegen die “Homo-Ehe” ganz oben auf der Agenda. Das führte auch zum Bruch zwischen (Neo-)Liberalen und PI; obgleich unter ersteren auch einige sehr heterosexistisch wetterten. Andere nicht.

Das sind die Klüngel, die vorbereiteten, was nicht nur bei Pegida, sondern auch in einst mitstreitenden Blogs sich längst etabliert hat. Eben ein gewaltiger Backlash, der alles, was rund um Stonewall (was keine weiße, Cis-Gender-Veranstaltung war), die Feminismen und an Empowerment und Kritik von White Supremacy orientierte Sichtweisen aus den PoC-Communities um 67-69 kulminierte, weg beißt und auch noch ins Opfersein sich hinein dünkelt – weil trotz Erkenntnissen in die liberale Gleichheit keine materiale Möglichkeitsentfaltung zugelassen wird und der narzißtische Selbstbezug total geworden ist.

Mag sich die Fusion aus dem Hass auf Muslime und dem Kampf gegen LGBTIQ-People das in manchen Bereichen des Diskurses auch gewandelt haben: Eben da, wo nun triumphierend und geschichtsklitternd Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Geburt der “Gemeinschaft des FC St. Pauli” aus dem Geiste der Romantik?

Nein, es muss nicht jede_r sich in der politischen und Geistes-Geschichte des 19. Jahrhunderts auskennen. Bezieht mensch sich freilich explizit darauf, so wären ein paar Recherchen nix, was schaden würde.

“Tölle stellte u.a. in einer urkomischen Performance mit Lothar Matthäus einen der „ganz großen Romanciers des Fußballs“ vor und sorgte mit einem einleitenden Text des Dichters Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1798) für einen ungewöhnlichen Start. „Die Welt muss romantisiert werden!“, forderte Novalis in seinem Text, der so etwas wie ein „Grundprogramm der Romantik“ darstellt.

Sein Ziel, „dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben, finde sich auch heute im Fußball wieder, so Christoph Nagel: „Ein Ball rollt in ein Netz. Eigentlich nichts Besonderes. Aber jeder hier im Saal weiß, was für unendliche Gefühle das auslösen kann!“”

Ja, witzig, bierselig-sentimental in der Unendlichkeit zu schwelgen. Nun ist die Zusammensetzung eines Panels nie zufällig, und ist nur eine Frau dabei, fällt das eh schon auf. Um so mehr, wenn zwei Tage später auf dem Platz jene, deren Sichtweisen auf die weißdeutsche “Romantik” und wie sie sich beim Moderator, Rettig oder Tölle artikuliert, mich tatsächlich interessieren würden, nämlich die Spieler des FC Lampedusa, jene Rolle einnehmen, die Schwarzen in dieser Gesellschaft eingeräumt wird: Fussball spielen. Dabei weiß jeder, der ihnen je lauschte, wie ungeheuer lehrreich das ist. Warum diskutiert da keiner mit? Wurden sie gefragt und wollten nicht? Falls ja, und sie wollten nicht, erübrigt sich der Einwand.

Ich habe auch gegen Novalis nix einzuwenden, würde von Moderatoren des ach so politischen FC St. Pauli wenigstens, Historiker!, sich mal schlau gemacht im Vorfeld, Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio : Neues aus dem Metalustversum! FSK, Mo, 11.5., 14-16 h

Reiner Zufall! Ja, aus mangelnder Vorbereitungszeit – Angebote von Mäzen_innen nähme ich gerne entgegen! – regiert die Sendung morgen das EinfachmalsoherumliegendeBücherzufälligirgendwoaufschlagenundvorlesen. Deshalb auch vorab keine Literaturliste, das wäre für meine 3 Hörer_innen ja öde. Wie immer  auf dem FSK!

Die Tracklist sei dennoch nicht ausgespart:

Donna Summer – On the Radio
Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf – Dear Existenz
Benjamin Herrmann – Namely You
La Canaille – Jamais nationale
MC Solar feat. Kerry James – ? (Je ne veux pas aller á la guerre)
Henri Dikongué – Ho a Muto
Manu Dibango – Soul Makossa
Rufus Wainwright – Poses
Patrick Wulf – Count the Casualty
Beach House – Other People
Gus Gus – Another Life
Eddie Silverton – Another Day
Barbara Manson – Another Man
David Morales – Needin’ you
Joe Smooth – Promised Land
Cabaret Voltaire – Just Fascination
Erasure – Dead of night
Clueso – Herz Boom Boom
Hildegard Knef – Du bist das Salz in der Suppe (Hannes Nieswandt-Remix)
Frederika Stahl – Deep Breath then dive
Michael Henderson – Goin’ Places
Hoffe, das Ganze ist nicht zu krude geworden – wünsche auf jeden Fall viel Spaß bei der Zufallsausgabe der Metalustversum-Akustik-“Show”!

„Brüder, zum Hasen, zur Knarre!“ – Filmkritik zu „Xenia“ von Panos H. Koutras

(wird parallel auch bei QUEERmdb erscheinen, vermutlich gekürzt) 

 

Spielfilm, Dramödie, gay, metro

Produktionsland / Jahr: Griechenland, Frankreich, Belgien 2014

mit Kostas Nikouli, Nikos Gelia, Yannis Stankoglou, Marissa Triandafyllidou, Aggelos Papadimitriou

Drehbuch: Panos H. Koutras, Panagiotis Evangelidis; Kamera: Hélène Louvart, Simos Sarketzis; Schnitt: Yorgos Lamprinos; Musik: Delaney Blue; Produzenten: Eleni Kossyfidou, Panos H. Koutras, Alexandra Boussiou

Label/Studio: PRO-FUN MEDIA

Es beginnt mit einem Blowjob – zauberhafter Jüngling und reifer, hmm, Freier? Bekannter oder Freund, der mit Geld aushilft und Gegenleistungen erhält?

Ob die Anspielung auf „My own private Idaho“ bewusst gewählt ist, in dem eine analoge Szene River Phoenix in seiner Rolle als Stricher Mike Waters etabliert oder nicht, egal: Auch andere Kritiken schreiben von „the quirkiest queer road trip since My Own Private Idaho“.

Der Auftakt jedoch verdeutlicht bereits die Differenz zum Film aus den frühen 90ern: Mehr von diesem Beitrag lesen

Kunst und Perspektivenübernahme

Oft gehört und selten wirklich vollends richtig gefunden: “Die Moderne” sei bestimmt durch eine Ausdifferenzierung von Rationalitäten, verschiedenen Modi der Vernunft. Zumeist gründet die Rekonstruktion der verschiedenen Modi in den 3 Kritiken Kants: Reine Vernunft als die theoretische, verallgemeinernde, die Erfahrung systematisiert und so zum Beispiel Naturgesetze konstatiert – bei Kant sind freilich Annahmen von Kausalität Verstand und Vernunft immanent. Praktische Philosophie hingegen tritt bei ihm als Moralphilosophie auf: Verallgemeinerungsfähige Handlungsgründe, welche Regeln zu begründen vermögen, die den Mensch als Zweck an sich selbst, nicht als Mittel zu irgendetwas begreifen.

Dann stellt Kant fest, dass da noch etwas fehlt: Wie hängen verallgemeinerungsfähige Regeln und das Besondere zusammen? Was also ist es, das fest stellt, dass etwas Gegebenes unter einer Regel subsummierbar ist? Er nannte dieses Vermögen Urteilskraft.

Binnendifferenzierungen ignorierend entstand so die dritte Kritik, jene der Urteilskraft. Deren Fehlen bezeichnete Kant schlicht als Dummheit. Da ist deshalb ganz interessant, weil diese weder an das Fehlen von Wissen noch Bildung gekoppelt bestimmt wird – ein Sich-nicht-Einlassen-Können auf das Besondere, unkantisch gesprochen, gilt ihm als dumm.

In der “Kritik der Urteilskraft” analysiert er das Phänomen anhand des “Geschmacksurteils” im Sinne des “interesselosen Wohlgefallens” wie auch der das Erhabenen – Naturgewalten zum Beispiel, die jegliche Vorstellungskraft sprengen und von Verstand und Vernunft nicht mehr in den Begriff geholt werden können. Überwältigung.

Für die Geschichte der Ästhetik und bezogen auf die Entwicklung der tatsächlichen Kunst von Relevanz war ein Abkoppeln insbesondere von christlichen Doktrinen. Helden mussten nicht mehr gut und sittsam sein Mehr von diesem Beitrag lesen

ONE DEEP BREATH by Anthony Hickling – Filmkritik

Da ich jetzt hin und wieder Texte für queermdb verfassen werde, wenn ich dazu komme, seien sie auch in diesem Blog veröffentlicht! Das impliziert freilich auch eine Empfehlung! Solche Projekte sind ja wichtig, Aufbereitung queeren Wissens und dessen Archivierung kämpft eben auch gegen heterosexistische, monokulturelle Geschichtsschreibung an. Gerade in Fragen des Antirassismus wie auch der Intersektionalität gibt es da noch viel zu lernen wie überall anders und in diesem Blog eben auch. Aber es hindert ja niemand wenauchimmer daran, dort mitzuwirken.

Ach ja: Gerade auch den St. Paulianern sei es empfohlen, dass sie statt Wiebusch und Antilopengang sich vielleicht auch mal mit den “Originalen” beschäftigen ;) … 

Ein Fluss. Eine Schleuse. Eine U-Bahn.

Frau sitzt unter der Brücke.

So beginnt der Film.

Bilder in klassischer Zentralperspektivkomposition.

Ein keineswegs idealisierter Männerkörper liegt nackt auf einem Bett. Ein Dialog. Eine gescheiterte Beziehung ist Thema. Der Körper räkelt sich in die Fötus-Pose hinein. Tiefsinnige Monologe zum Beziehungsleben aus dem Off, gesprochen auf flackernde Artefakte. Ein geschminkter Mund in Großaufnahme, leider nicht so lustig und süffisant wie in der “Rocky Horror Picture Show”.

Bedeutungsschwanger und schwerfällig gräbt sich der Film seinen Weg mit aneinander gehängten Postkartenbildern, nervt durch aufdringlich ästhetisierte Komposition. Stilisiert, aber öde.

Die Bildgeometrie bleibt der Fotografie verhaftet und öffnet sich gar nicht erst dem Potenzial des Filmischen. Ist das mit einer EOS gedreht? Die wird mit Vorliebe Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Angst und das Urteil oder Tränen lügen nicht: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 1:1

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Über Angst zu philosophieren hat eine ebenso lange Tradition wie sie zu haben.

Manche unterscheiden zwischen Furcht und und Angst: Erstere sei konkret, letztere diffus. Erstere befürchte ETWAS, letztere habe den Menschen/der Mensch.

Religionen wurden vermutlich gar nicht erfunden und kanonisiert, weil die, die sie durchsetzten, gemeint sind nicht die, die ihr freiwillig bekehrt folgten, an irgendetwas oder irgendwen glaubten – sondern weil Vermutungen über Vorgänge nach dem, wovor viele am meisten sich ängstigen, dem Tod, herbei spekuliert wurden. Die schrecklich oder traumhaft sein könnten. Und weil dann Behauptungen manipulativ direkt an den Lüsten und Begierden angesiedelt Personen eingepeitscht wurden, dass ihre Art zu leben Konsequenzen in der Ewigkeit nach sich zöge, wuchs die Macht. Ich glaube übrigens, dass Religion und Glaube nicht das gleiche sind und sogar das Gegenteil voneinander werden können. Und ich will auch nicht gegen wohl motivierte Erlösungshoffnungen polemisieren. Es geht mir um politische Macht. Und die Hölle hat meines Wissens erst das Christentum erfunden. Okay, griechische Mythen waren auch nicht ohne,

Säkular sind Hartz IV oder das Straf- und Asylrecht Methoden, mit Angst per Abschreckung zu regieren – auch Eltern können das können, den Aktionsradius naturgemäß neugieriger Kinder durch Visionen furchtbarer Konsequenzen einschnüren.

Angst motiviert zur Vermeidung und kann, in Panik gekippt, für Individuen grausame Verhaltensmuster nach sich ziehen oder auch körperlich massive Reaktionen erzeugen.

Manche behaupten auch, Angst sei doch nützlich – sie schütze vor dem unbedachten Eingehen gefährlicher Situationen.

Jean-Paul Sartre sah den Menschen Angst SEIN: Vor allem die vor der eigenen Freiheit und Verantwortung.

Bestimmte Personengruppen werden, da sie stets latenter Bedrohung ausgesetzt sind, durch Angst geformt und sozialisiert: Frauen, LGBTIQ und PoC. Auch Klassismen wirken so.

Dominante Teile der Mehrheitsgesellschaft implementieren Mechanismen, dass diese Gruppen sich nie sicher fühlen können und üben so Macht über sie aus. Besonders perfide ist, dass genau diese dominanten Gruppen nun auch noch als “Besorgte” ihren brutalen und ins Mörderische umschlagen könnenden Gesinnungsterror in sämtliche Massenmedien ergießen, um ihr Regiment der Angst aufrecht zu erhalten.

Aber was genau nun eigentlich treibt hervorragend ausgebildete, weit überdurchschnittlich fähige, durch- und austrainierte Männer auf dem Rasen des coolsten Stadions Mehr von diesem Beitrag lesen

Eine Routine unterbrechen: Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli 0:2

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In einem dieser ganzen Roman- und Drehbuchschreibratgeber, die ich verschlinge, um anschließend zugleich verwirrt und zugeschissen mit lähmenden Regelwerken unter Garantie nichts Fiktionales zustande zu bringen, um schon aus Trotz, weil alle sagen, dass man das doch nicht mache, Sätze über Absätze hinweg genussvoll zu bilden, um auf Bildhaftigkeit völlig zu verzichten und innere Lust auf Passivkonstruktionen zu entwickeln und ganz viele bunte, schlechte, unerträgliche, falsche, gruselige, überflüssige, nervtötende, langweilige Adjektive auf Kosten von Verben verwenden zu wollen – da fand ich neulich doch glatt einen richtigen guten Tipp. Der beste Startpunkt sei gar nicht: Schreibe eine Geschichte! Sondern: Unterbreche eine Routine!

So entsteht halt Plot Point 1.

Im Falle der Mannschaft des FC St. Pauli war die Routine – im Falle eines Romans oder Spielfilms die Exposition: Die Hauptfigur wird in ihrem normalen Alltagsleben vorgestellt -: Regelmäßig jede Woche fürchterlich viel Aufwand ohne Ertrag zu betreiben, mit quälender Regelmäßigkeit 20 Minuten heftig los legen und dann in die Einzelteile zu zerfallen, sich überflüssige Tore zu fangen und immer weiter in der Tabelle zu fallen.

Nicht, dass nun gerade in der als anspruchsvoll verschrienen “Kunst” solche Konzepte nicht auch, ästhetisch betrachtet, ihre Fürsprecher hätten. Walter Benjamins Flaneur, Guy Debords zielloses Herumschweifen als sich entziehender Protest gegen das Spektakel oder auch Gus van Sants Film mit zwei Typen, die ewig einfach nur durch die Wüste laufen – vermutlich haben wir den avantgardistischen Charme und die Utopie mancher Spiele unserer Mannschaft einfach noch nicht begriffen.

Zudem ja vermutlich ein Fest der Literatur zu zelebrieren wäre, würden die inneren Monologe der Spieler als Hörspiel zu hören sein, statt ein Spiel sich zu betrachten.

Das sind vermutlich viel widerständigere, sensitivere und reflektiertere Psychen als in anderen Teams, sonst gäbe es diese so genannten “Kopfprobleme” gar nicht. Die in der Regel Potenziale darstellen.

Wer mit solcher Konstanz sich plumper Kraftmeierei, stumpfem Funktionieren und reinem Ergebnishunger verweigert, bietet halt Stoff für die großen Geschichten. Solche, die im Einheitsbrei des Ligaalltagsgroschenromans für ein gewisses Niveau sorgen könnten. Und werden!

Solche Geschichten brauchen halt etwas mehr Anlauf.

Und da sind die Anlässe, die Routine doch noch zu durchbrechen, oft auch gar nicht so melodramatisch wie im Seriengeschehen aller Sender und von Video on Demand-Diensten. Trainerwechsel, allenfalls temporär wirksam – es muss ja nun auch nicht gleich jedes blöde Klischee bedient werden. Sportdirektor weg? So what? Wer sich an Chefs orientiert, ist eh ein autoritärer Charakter.

Für wahre Eleganz des Storytellings reicht oft der kleine Moment mit großer Wirkung. Etwas fast Beiläufiges leitet die Wende ein, unterbricht die Routine. Das Lächeln eines Kioskverkäufers. Dass die Krokusse so lila aus dem Erdreich sprießen. Eine flüchtige Melodie, die aus dem 3. Stock des Neubaus in einer verkehrsberuhigten Seitenstraße dringt.

Manchmal reicht auch eine schlichte Ecke, vortrefflich eingeschädelt – und die Welt leuchtet plötzlich wieder hinter dem Grau. Farbenfrohes Frühlingserwachen! Zudem auch noch nachgelegt wurde. Und statt opulenter Aufstiegsträume zu Saisonbeginn entfaltet der Sprung auf Platz 17 pures Glück.

Ich meine das jenseits jeder Ironie. Diese schlichte, Lienensche Ansage: “Lasst Braunschweig kommen, verteidigt konsequent und nutzt eure Chancen jenseits aller Schönheitspreise!” – was das auf einmal für Fähigkeiten frei legte!

Ist ja auch eine Debatte aus diesen ganzen Schreibratgebern: Die Hauptfigur müsse aktiv sein!

Aber wieso denn eigentlich? Wahres Schauspielern liegt ja auch in der Präsenz und im Reagieren.

Und wie sie reagierten!!! Braunschweig bekam kaum Luft. Was für Möglichkeiten sich eröffnen, scheißt mensch auf die Ansprüche Anderer! Konzentriert eigene Räume verteidigen ist letztlich ja auch das einzige, was politisch gerade geht. Und dann Nadelstiche setzen und so ganz allmählich doch noch vordringen.

Ich fand das schon cool, wie unser Team Spaß daran entwickelte, jenseits der Virtuosität Braunschweig in jene Rolle zu manövrieren, die uns in unzähligen Spielen zugedacht war. Als hätten sie denen nun den Schatten übergeworfen, der so lang uns verdüsterte.

Der bleibt da jetzt auch.

Jetzt ist ja die Routine unterbrochen.

Jetzt geht die Geschichte los.

Und ich habe das Gefühl, dass die Jungs noch sehr lust- und spaßbetont aus dem Trotzen heraus neue Erzählweisen finden werden, die ihnen so schon gar keiner mehr zugetraut hatte. Sie werden es uns zeigen!

Ich freu mich drauf. Und danke für dieses Spiel!!!

Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 9.2., 14-16 h, FSK Hamburg

Vor lauter Arbeit kam ich kaum noch zum Bloggen, die nächste Radiosendung der “Tales of St. Pauli” aus gescheiterten Moderationen, toller Musik und einem fortwährenden Verstoß gegen Regeln der Servicehaftigkeit habe ich soeben dennoch fertig gestellt. Wird Montag ausgestrahlt.

Diesmal witzel ich im Vorbeigehen über einstige Aussagen des neuen Trainers Ewald Lienen und die “Einfach mal die Klasse halten!”-Kampagne des Vereins, lästere über den Facebook-Auftritt des Jolly Roger und verlese den im folgenden verlinkten, ungemein wichtigen, weil über den akuten Anlass hinaus strukturell bedeutsamen Text:

Community Statement: “Black” Studies at the University of Bremen

in Auszügen auch auf deutsch im Blog von Noah Sow zu lesen (das verlese ich auch):

SCHWARZE STUDIEN OHNE SCHWARZE LEUTE: COMMUNITY STATEMENT ÜBER DIE IMPLEMENTIERUNG VON “BLACK” STUDIES AN DER UNIVERSITÄT BREMEN

Ziemlich albern wirkt dagegen meine Lesung von Tweets, geschrieben parallel zum Sandhausen-Spiel.

Außerdem kommentiere ich den merkwürdigen Wandel des “Rechtsstaates” von einer Selbstbeschränkung staatlicher Willkür hin zu “List und Tücke” (Michael Neumann) und einer Anforderung an das Bewusstsein der Staatsbürger, während diverse Grundsätze meines Erachtens von der vermeintlichen “Gefahrenabwehr” folgenden Disziplinen unterlaufen werden und der Staat sich nicht mehr groß drum kümmert, was als Lehre aus dem “3.Reich” er sich selbst einst auferlegte.

Unsortiert rede ich u.a. diesen Gedanken folgend ein wenig über die Serie “The Wire”, ohne auch nur einmal zu erwähnen, worum es darin überhaupt geht, und lausche Xavier Dolan, obgleich ich nur einen seiner Filme nenne.

Das Finale bilden dann kurze Erläuterungen zu Thomas Bauers “Die Kultur der Ambiguität” und Gunnar Hindrichs “Die Autonomie des Klangs”.

Hier wie immer die Tracklist:

Jingle “Nun aber doch”
Lisa Simone – Interlude
Donna Summer – On The Radio
Moldy Peaches – These Burgers
Two Dancers – We Still Got The Dancin’ On Our Tongues
The Lumineers – Flower in your hair
Klaus Hoffmann – Wenn ich sing
The Blind Boys Of Alabama – Way Down To The Hole
Theo Parrish – Make No War
Joshua Redman – People Like You
Harlem River Drive – Harlem River Drive Theme
Lisa Simone – As Is well
Curtis Harding – Next Time
Miss Dominique – Les Moulins de mon coeur
Bent – Magic Love
Jingle “Fubbel”
Patrick Juvet – Medley Gay Paris
Julia Bell – We Watch The Stars
Badi Assad – Saudade Verdade Sorte
CéU – Mais Um Lamenta
Ingrid Caven – Chambre 1050
Mittendrin ist auch noch ein gnadenlos verunglückter Versuch eines Mashups aus “Happy” und “Self Destruction” zu hören, der sich aus einer Kommunikation mit Odradek/Twitter ergeben hat. Viel Spaß, wer auch immer sich das geben will  – zu erlauschen beim FSK-Hamburg.
Literatur:
Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität, Berlin 2011
Gunnar Hindrichs, Die Autonomie des Klangs, Berlin 2014
 UPDATE: Die Black Knowledges Research-Group, der die oben verlinkte, massive Kritik galt, hat sich aufgelöst, weil sie die Intervention als zutreffend und richtig erkannte (via Mädchenmannschaft). Das freilich schafft ein zu füllendes Vakuum: Es anders machen – unter der Regie von PoC, und zwar ausreichend finanziert.
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