Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Pop + Philosophie

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

Klang- und Bilddenken im Dialog mit dem Saxophon: David Bowies „Blackstar“-Album

Ich geb’s ja zu: Ich hätte das Album vermutlich gar nicht angehört, hätte David Bowie nicht den Übergang vollzogen.

Ein schweres Versäumnis wäre das gewesen – eine abschließende Vision als Hinterlassenschaft von Gewicht mir entgangen. Bowie zeigt Wege auf hinaus dem „Meta“, ohne dabei der berühmten „falschen Unmittelbarkeit“ zu erliegen.

Springt mitten hinein ins Erforschen des Seins und seinem Sich-Ereignen in Klängen, Sprache und (Sprach-)Bildern in all ihrer Historizität. Das Werden zelebriert sich als Vergehen, aus dem das Neue aufscheint, so in etwa kann das „Blackstar“-Album gehört werden, und so plump diese Message scheint, ihre Durchführung geht tief unter die Haut– das Album taucht Mehr von diesem Beitrag lesen

„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

 
Ein Schlag in die Magengrube. Kurz sack ich weg. Morgendliches Scrollen durch die Timelines von Twitter und Facebook – ein Stück Welt, in dem die Popkultur und ich uns zusammen bewegten, ist plötzlich weg. Tot. The story ends. Unfassbar.

Andere Künstler schreiben Songs. Bowie erschuf Welten und formte sie zu einem Vexierspiel aus Möglichkeiten.

Welt1: Die jeweilige Persona und ihr in Visualisierung aufgobenes, musikalisches Gewand. Welt2: Eben die Bowie-Welt als Ganze – ein Unversum aus Verweisen, eine symbolische und musikalische Wucht in Vielfalt. Kosmisch. Ein Konglomerat aus Appropriation, Hybridem, ein Labyrinth – im Film gleichen Namens spielte er mit -; aus kühl scheinendem Kalkül und Düsternis, Glamour und Fantasie, Absturz und Stilisierung. In der Musik wie auch deren Inszenierung.
Er war immer schon da. Eine Voraussetzung. Unterhintergehbar. 

Hinein gewachsen in ein Pop-Szenario irgendwie zwischen Disco, Soul, früher Neuer Deutscher Welle und Postpunkverzweigungen mit einer Prise Queen und Kiss in den späten 70ern, frühen 80er schien uns so vieles schlicht sein Echo zu sein. Während ich zu „Let’s dance“, das so viele hassten, weil wie Verrat es schien an dem Underground in bierselig vollgepissten Kellerlöchern, auf die Tanzfläche eilte, fuhr zuleich das Wissen um all die Bowies zuvor mir in die Sinne. Den Ziggy, den im Anzug von „Young Americans“. Den, den wir bewunderten, wenn nach Carolyn Maas‘ „Sittin‘ in the dark“ Iggy Pops „Passenger“ auf Parties lief (das passierte oft), weil er das ja produziert habe. 

„Bowie-Typen“, das war ein fester Begriff für melancholische, anämisch-hagere, blasse Jungmänner, die Seitenscheitel trugen und eine ganz andere Sexyness versprühten als kraftstrotzende Jocks in Röhrenjeans. Die ein Hauch von Bohéme umwehte, als seien sie eine Fusion aus Klaus Manns „Frommen Tanz“, denn die Berlin-Assoziation war zu unserer Zeit schon gegeben, und den auf Stil setzenden unter den Postpunkbewegten – die allesamt vor ihm, der vorher schon da war, niederknieten wie vor einer Madonnenstatue. Klar, das Bild ist bewusst gewählt, niemand hat mehr von ihm gelernt als Madonna: Das fortwährende Neuerfinden, das viele dem Neoliberalismus als Prinzip untersciheben wollen, prägte er als Erfolgsrezept.
Die Problematik dieser Ikonographie wurde deutlich, als zu Zeiten, da er als „Thin White Duke“ sich inszenierte, ein offensives Kokettieren mit dem Faschistioden in Interviews aus Bowie drängte. Nicht zufällig in seiner Berliner Zeit, diese Stadt evoziert das wohl, weil mensch es dort bis heute spürt – die Brutalität dieser visuell wie sprachlich geprägten Faszination des Drüberhinausseins über die Moralität, die Walter Benjamin die „Ästhetisierung des Politischen“ nannte. Eine neue Rechte forderte er und behauptete Hitler als Rockstar, und schwamm mit in einem Strom der teils affirmierenden Provokation durch Nazismen, der auch frühe Punk Acts, in den Anfängen auch Joy Division und Siouxzie antrieb. Später schob Bowie diese Äußerungen auf kokainindizierte, psychotische Phasen. Bowie, das ist eben auch der Soundtrack zum einst bahnbrechenden „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Doch das Role Model, das er in jenen Jahren nach der „Ziggy Stardust“-Phase kreierte, kann als Abfeiern von Whiteness gelesen werden, ob bewusst oder unbewusst  – noch da, wo er sich akustisch auch bei Black Music-Traditionen bediente. „Heroes“ konnte somit auch zur Titelmelodie einer Ausgabe der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ werden – spricht das gegen den Song? Ich glaube nicht.

Das alles  ist die Kehrseite dessen, was den Starman gerade in queeren Zusammenhängen so überlebensgroß erscheinen lässt: Todd Haynes hat in „Velvet Goldmine“, grob orientiert an der Bowie-Iggy-Pop-Story, unübertroffen ins Bild gesetzt, wie Glam als Zelebrieren von Bi und Andogynität den Natürlichkeitskult der Hippie-Generation durch radikale Künstlichkeit auslachte und zugleich toppte. Die Koppelung an Science-Fiction-Motive – Spiders from Mars, Space Oddity – hat es auch im Afrofuturismus gegeben, dort noch nachhaltiger motiviert. Sinn und Zweck der Alienwerdung: Alienation nun gerade entkommen durch die Projektion einer fantasievollen Zukunft derer, die im mehrgesellschaftlichen Realitätsprinzip naturalisierenden Zuschreibungen brutalstmöglich ausgesetzt werden.

Bowie demonstrierte das nicht nur auf der Bühne: Das „Andere Ufer“, das erste offene (!!!) Schwulenlokal in Berlin, also mit großen Fenstern zum Hereinschauen, besuchte er publikumswirksam als Stammgast. Seine Liaison mit Romy Haag zelebrierte er öffentlich. All die widersprüchlichen Aussagen in all den Jahren dazu, welcher „Orientierung“ er denn nun wirklich folge, sind nur konsequent: Der stilisierte Rollenwechsel hebt solche Fragen auf, sprengt Codes und Zeichenregime und eröffnet Freiheitsspielräume – und das noch da, wo der Zauber des Sentimentalen als Schmelz in die Melodieführung eindringt. Auch das eine Praktik im Glam, ebenso von Roxy Music vollzogen: Die Furcht, des Kitsch bezichtigt zu werden, schwindet, befreit ein Künstker sich von der Diktatur des Authentischen. So durchbrachen sie mit Bowie an der Spitze inmitten des Rockism-Paradigmas dessen Fundamente und spürten im freien Fall, lost in time, lost in space, die kosmische Dimension einer Ästhetik der Existenz auf, die diesen Namen auch verdient hat. Alles rund um New Wave und Synthie-Pop in den 80ern erzählte diese Geschichte weiter – mal gelungen und mal auch nicht. Und Bauhaus übersetzten es in Goth. 

Sein gerade Freitag erschienenes Album habe ich noch gar nicht gehört. Es werden Tränen wie jene des Pierrot sein, die fließen beim Hören – in die Unwirklichkeit der Vergänglichkeit des Unvergänglichen gebeamt, ein wenig maskenhaft. Und deshalb gut.

„… oder verteidigt die autonomie des nachtlebens gerade in ihrem geist“: Ulf Poschardt und das „Racial Profiling“ mancher Türsteher

„Wie Larry Levan verkörperte Knuckles den Disco-DJ, der nie in den schicken Mainstream-Clubs von New York Top-Hits spielte, sondern auch während des Disco-Hypes im Underground operierte“.

Ulf Poschardt, DJ-Culture, S. 243, Hamburg 1995/97

 

„“Painting the picture“ haben das die virtuosen Türsteher im legendären New Yorker „Studio 54“ genannt. Es ging darum, jenes filigrane soziologische Experiment, das jeder grandiose Abend im Nachtleben sein kann, gelingen zu lassen.

Die Werte, die dafür gebraucht werden, waren und sind so unterschiedlich wie die Clubs, die sie anwenden. Schönheit, Kraft, Stil, Reichtum, Macht, Exotik – zugelassen wurde an der Tür, was gebraucht war. Nichts ist schwieriger als dieser Mix.“

Ulf Poschardt, Rot-Grün will die Freiheit der Nacht reglementieren, in: DIE WELT 29.12. 2015

Macht. Reichtum. Exotik. Aha. EXOTIK.

Ich meine, Nile Rodgers von Chic, der einige der wirkungsmächtigsten Riffs und Grooves der Musikgeschichte erschuf – der besten, coolsten, frischesten Riffs: forever young -, habe einst in einem Interview berichtet, wie er in der Studio 54-Schlange stand und für zu schwarz, zu „raw“, zu wenig machtvoll und reich befunden wurde, um hineingelassen zu werden.

In der bei vielen vor lauter Motörhead (R.i.P., Lemmy!), Thees Ullmann und Coldplay vermutlich längst vergessenen Promi-Disco New Yorks hingen immerhin Ikonen wie Truman Capote, Andy Warhol und Grace Jones ab – letztere ist wohl eine der wenigen, die aus der Szenerie etwas nachhaltig Wirksames, etwas unvergesslich Wegweisendes geschaffen hat. So nachhaltig fazinierend, dass sie aus Kanonisierungspraxen Mehr von diesem Beitrag lesen

Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

Ein Wiedergänger geht um im Merve-Verlag … einer, der nicht nur mich an den Futurismus erinnert. Mir war er bisher nicht begegnet; obgleich ich bei ersten Einblicken und Reinlesungen die Debatte schon auch anregend finde: „Akzeleration“ kann grob umschrieben werden mit „Beschleunigung“ als einem Versuch, linkes Denkes neu zu erfinden – und „spekulativer Realismus“ als Attacke auf die angeblich durchgängig „konstruktivistisch“ und „fiktionalisierend“ agierende „Postmoderne“ fundiert ihn, indem es wie üblich in der Konstruktivismus-Kritik einen Popanz, wohl spekulativ, erfindet.

Keine Ahnung, ob das tatsächlich allerorten schon lange diskutiert wird oder ob es nur ein zum Zwecke des Theorie-Marketings aufmerksamkeitsheischend inszeniertes Spektakel der Autoren selbst ist, sozusagen die akademische Entsprechung zum selbstgenerierten Youtube-Star. Die Beschäftigung damit ist aber ganz interessant.

Das Anliegen der Akzelerationisten hat dieses wohl als Faktum zu lesendes (freilich frei von der Erfahrung, Subjektivität oder sonstwie den Lesenden in Relation zum Text zu verstehendes) Ontum (im Sinne der Ontologie und da wohl ontisch zu begreifen) in einem Manifest verkündet:

Falsch daran ist, nun eine solche Zuspitzung so vorzunehmen, als seien damit alle anderen Fragen, Tendenzen und Bewegungen vom Tische gefegt alleine schon durch die Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen „Machers“ (eine Kritik, die von den philosophischen Performance-Künstlern dieser Denkrichtung übrigens als „arglistig“ bezeichnet wird und sie animierte, Spuren des Eigenen im feministischen Textgeschehen aufzuspüren).

Richtig daran ist das, was sie über den „folkloristischen Lokalismus“ schreiben. Und das ist der Grund, es in diesem Blog aufzugreifen, trifft die Beschreibung doch wohl nirgends besser zu als auf den FC St. Pauli und sein Umfeld sowie die ganzen stadteilinitiierten Selbstreferenzen rund um das Schanzenviertel.

Das Manifest kann ja nun jeder selbst lesen; interessant finde ich daran, Fragen der Technologie wie auch der Mechanismen des Finanzmarktes sich gewissermaßen von Links anzueignen und nicht a priori in Opposition dazu zu verharren.

Es entspricht wohl ein wenig der guten, alten Hoffnung, dass die Produktivkraftentwicklung im Marxschen Sinne selbst zu einer sozialistischen Utopie führen könne. Was tatsächlich auch noch keine historische Wiederlegung erfahren hat, die kommunistischen Revolutionen fanden immer in Agrarländern statt, allen voran Russland und China; und, mensch glaubt es kaum, Stalin wurde einst dafür bewundert, ja, auch „vom Westen“, dass es ihm gelang, Russland brutalstmöglich zu industrialisieren. Und manche werden neidisch gewesen sein, dass er dabei Mittel nutzte, die sie sich nicht anzuwenden trauten.

Der Export des Systems z.B. in die zwar durch Reparationen geschwächte, jedoch teilindustrialisierte DDR ist kein Argument dagegen. Denn dass der „Realsozialismus“ implodierte, lag unter anderem (!!!) daran, dass die Digitalisierung verschlafen wurde bzw. das ökonomische System sie nicht hervorzubringen vermochte, was global ihn aus der Konkurrenzfähigkeit beamte, war doch letztlich Staatskapitalismus.

Was FÜR eine Herangehensweise wie die der Akzelerationisten spräche, eben lieber auf die technologische Entwicklung zu sehen – übrigens auch hinsichtlich dessen, dass z.B. die Folgen des Klimawandels wohl kaum durch ein „Zurück zur Natur!“ abzufedern oder umzukehren wären, sondern nur selbst wiederum durch technologischen Fortschritt. Dass sie solche Fragen jedoch in Begriffsfeldern wie „primitiv“ abhandeln, verweist auf die ungebrochen KOLONIALE Perspektive dieses Denkens, wenn es denn global wirksam werden KÖNNTE.

Gut an dem ganzen Unternehmen finde ich, dass es wagt, von links die Zukunft zu denken – was nun tatsächlich ansonsten in reinen Abwehrkämpfen und Nischenbildungen nirgends mehr wahrnehmbar geschieht. Nicht ganz klar wird dabei, ob die Idee, nun den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass er implodiert und daraus Neues entstünde, wirklich utopisch gedacht wird oder nicht auch ein Kokettieren mit apocalyptischer Dystopie in Kauf genommen wird. Und unangenehm stößt auf, dass alte Leninismen sich einschleichen:

 

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Weniger ist mehr? Form follows function? Nö – zurück in die Zukunft des FC St. Pauli mit neuen Trikots …

It’s a question of lust! Die nach den neuen Trikots, meine ich. Und „Just can’t get enough“ (1981) von Depeche Mode drang als Chant ja bereits aus Fan-Kehlen und Stadion-Boxen.

Voll Eighties also. Grund genug, erste Assoziationen zu den Shirts, Shorts und Stutzen der neuen Saison – „80er Jahre Cassetten-Design“, bei Twitter geäußert – gut zu heißen!

Die 80er – deren Design ist laut offizieller Präsentation maßgebliche Inspiration der neuen Trikots. Merkwürdiges Jahrzehnt, von Post-Hippie-Aufmärschen mit lila Tüchern im Namen des Weltfriedens über die „Neue Deutsche Welle“, yuppieskem Fegefeuer der Eitelkeiten und weltweitem Brodeln infolge der Entwicklungen in New York und Großbritannien Mehr von diesem Beitrag lesen

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