Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Lektüreprotokolle

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick Mehr von diesem Beitrag lesen

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

Ein Wiedergänger geht um im Merve-Verlag … einer, der nicht nur mich an den Futurismus erinnert. Mir war er bisher nicht begegnet; obgleich ich bei ersten Einblicken und Reinlesungen die Debatte schon auch anregend finde: „Akzeleration“ kann grob umschrieben werden mit „Beschleunigung“ als einem Versuch, linkes Denkes neu zu erfinden – und „spekulativer Realismus“ als Attacke auf die angeblich durchgängig „konstruktivistisch“ und „fiktionalisierend“ agierende „Postmoderne“ fundiert ihn, indem es wie üblich in der Konstruktivismus-Kritik einen Popanz, wohl spekulativ, erfindet.

Keine Ahnung, ob das tatsächlich allerorten schon lange diskutiert wird oder ob es nur ein zum Zwecke des Theorie-Marketings aufmerksamkeitsheischend inszeniertes Spektakel der Autoren selbst ist, sozusagen die akademische Entsprechung zum selbstgenerierten Youtube-Star. Die Beschäftigung damit ist aber ganz interessant.

Das Anliegen der Akzelerationisten hat dieses wohl als Faktum zu lesendes (freilich frei von der Erfahrung, Subjektivität oder sonstwie den Lesenden in Relation zum Text zu verstehendes) Ontum (im Sinne der Ontologie und da wohl ontisch zu begreifen) in einem Manifest verkündet:

Falsch daran ist, nun eine solche Zuspitzung so vorzunehmen, als seien damit alle anderen Fragen, Tendenzen und Bewegungen vom Tische gefegt alleine schon durch die Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen „Machers“ (eine Kritik, die von den philosophischen Performance-Künstlern dieser Denkrichtung übrigens als „arglistig“ bezeichnet wird und sie animierte, Spuren des Eigenen im feministischen Textgeschehen aufzuspüren).

Richtig daran ist das, was sie über den „folkloristischen Lokalismus“ schreiben. Und das ist der Grund, es in diesem Blog aufzugreifen, trifft die Beschreibung doch wohl nirgends besser zu als auf den FC St. Pauli und sein Umfeld sowie die ganzen stadteilinitiierten Selbstreferenzen rund um das Schanzenviertel.

Das Manifest kann ja nun jeder selbst lesen; interessant finde ich daran, Fragen der Technologie wie auch der Mechanismen des Finanzmarktes sich gewissermaßen von Links anzueignen und nicht a priori in Opposition dazu zu verharren.

Es entspricht wohl ein wenig der guten, alten Hoffnung, dass die Produktivkraftentwicklung im Marxschen Sinne selbst zu einer sozialistischen Utopie führen könne. Was tatsächlich auch noch keine historische Wiederlegung erfahren hat, die kommunistischen Revolutionen fanden immer in Agrarländern statt, allen voran Russland und China; und, mensch glaubt es kaum, Stalin wurde einst dafür bewundert, ja, auch „vom Westen“, dass es ihm gelang, Russland brutalstmöglich zu industrialisieren. Und manche werden neidisch gewesen sein, dass er dabei Mittel nutzte, die sie sich nicht anzuwenden trauten.

Der Export des Systems z.B. in die zwar durch Reparationen geschwächte, jedoch teilindustrialisierte DDR ist kein Argument dagegen. Denn dass der „Realsozialismus“ implodierte, lag unter anderem (!!!) daran, dass die Digitalisierung verschlafen wurde bzw. das ökonomische System sie nicht hervorzubringen vermochte, was global ihn aus der Konkurrenzfähigkeit beamte, war doch letztlich Staatskapitalismus.

Was FÜR eine Herangehensweise wie die der Akzelerationisten spräche, eben lieber auf die technologische Entwicklung zu sehen – übrigens auch hinsichtlich dessen, dass z.B. die Folgen des Klimawandels wohl kaum durch ein „Zurück zur Natur!“ abzufedern oder umzukehren wären, sondern nur selbst wiederum durch technologischen Fortschritt. Dass sie solche Fragen jedoch in Begriffsfeldern wie „primitiv“ abhandeln, verweist auf die ungebrochen KOLONIALE Perspektive dieses Denkens, wenn es denn global wirksam werden KÖNNTE.

Gut an dem ganzen Unternehmen finde ich, dass es wagt, von links die Zukunft zu denken – was nun tatsächlich ansonsten in reinen Abwehrkämpfen und Nischenbildungen nirgends mehr wahrnehmbar geschieht. Nicht ganz klar wird dabei, ob die Idee, nun den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass er implodiert und daraus Neues entstünde, wirklich utopisch gedacht wird oder nicht auch ein Kokettieren mit apocalyptischer Dystopie in Kauf genommen wird. Und unangenehm stößt auf, dass alte Leninismen sich einschleichen:

 

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Die völkische Hypothek der „Wieder“vereinigung

Die Passage aus dem großartigen Roman Utlus schwirrt mir jedes Mal durch den Kopf, wenn im Zuge neuer rassistischer Pogrome auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gemutmaßt wird, da seien „Demokratie“, „das westliche System“ oder ähnliche Abstrakta nicht internalisiert, nicht verstanden worden oder nicht akzeptiert. Manche der Diagnostiker sind klug genug, von in universellen (!!!) Grundwerten gründender Demokratie zu schreiben – die letztlich gar keine Werte sind, sondern begründungsfähige Regeln des Miteinanders sowie des Verhaltens eines Staates denen gegenüber, die auf seinem Territorium seinen Handlungen aufgrund des Gewaltmonopols ausgeliefert sind.

Nun ist angesichts des Handelns und Redens der Kanzlerin in Fragen der so genannten „Homo-Ehe“ oder auch von Sonntagspredigten Olaf Scholz‘ zur Situation Geflüchteter die Frage, wer die denn überhaupt internalisiert oder akzeptiert hat in der BRD.

Vielmehr korrespondiert die Frage nach Demokratie annähernd durchgängig mit einem tief sitzenden, völkischen Demokratieverständnis, das sich von Schäuble bis zu manch Gutmeinenden durch sämtliche Institutionen dieser Republik zieht – und wurde im Zuge der so genannten „Wieder“-Vereinigung noch zementiert, wie Utlus Geschichte bestens belegt.

Und eben auch ein Artikel in „DIE ZEIT“:

„Es mag befremdlich klingen, aber für Deutschland sind die Flüchtlinge, diese vielen jungen, zuversichtlichen, nicht selten begabten und ehrgeizigen Menschen, ein Glück.“

Was ist denn da „Deutschland“? Und wieso muss so etwas erläutert werden, und was ist daran für wen genau befremdlich?

Wem gegenüber positioniert sich da stellvertretend für „Deutschland“ Sabine Rückert?

In was wird „integriert“?

Wer hat dabei erst einmal, ein der Verfassung fremder Gedanke, seine „Nützlichkeit“ unter Beweis zu stellen und wer nicht?

Die Prämissen eines letztlich weiß“arisch“ gedachten „Volkskörpers“, der sich wahlweise nährt oder an dem, vermeintlich überall aufzufinden, angeblich „Parasitäres schmarotzen“ würde, bleiben in dieser Sicht gewahrt – und völlig ausgeblendet wird, wer denn nun so alles zu dem Gedeihen jener BRD, der einst die „Neuen Länder“ beigetreten sind, beigetragen hat.

Und das nicht erst bei den Anwerbeabkommen der 50er und 60er Jahre, sondern schon im 19. Jahrhundert – vorher gab es „Deutschland“ ja gar nicht. Im Zuge der Industrialisierung war es unter anderem Zuwanderung aus Polen, die in der Konkurrenz europäischer Staaten für „Deutschland“ einen Vorteil bewirkten.

Soll heißen: Jene jenseits der ehemaligen „Mauer“, deren Leben auf den Kopf gestellt, deren Institutionengefüge von Schäuble und Co verramscht wurde – nach diesem Vorbild quält er nun Griechenland -, haben seit 1989  eben doch ganz nachhaltig von der Vorarbeit als „Gastarbeiter“ Geschmähter profitiert, ohne sich auch nur einmal dafür zu bedanken.

Um so befremdlicher, dass Frau Rückert diese Realgeschichte befremdlich findet und gar nicht berücksichtigt, ganz so. als sei die Fragestellung neu. Da ist sie ganz Kind der „Wieder“vereinigung.

Weil natürlich um Wahlen zu gewinnen bauernschlau Kohl einst die berühmte semantische Wende von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ für sich nutzte – das war jener Schachzug, der aus einer Bürgerrechts- eine völkische Bewegung formte, die letztlich in die de facto-Abschaffung des Asylrechts mündete.

Damit hat sich ein Demokratieverständnis zementiert, das bereits zur Reichsgründung im 19. Jahrhudnert aggressiv von Bismarck befördert wurde, um mittels Nationalismus „Einheit“ zu erzeugen – mit korrespondierenden „Sozialistengesetzen“ und der Erfindung „vaterlandsloser“, weil internationalistischer „Gesellen“. Das jagt der SPD bis heute so eine Angst ein, dass sie bei jeder völkisch-nationalistischen Runde auch einen ausgibt. Heute tönt widergängerisch „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ aus den Kehlen der Rechten, was eben das gleiche meint.

Die Pointe freilich ist, dass anschließend „Wir sind ein Volk“ und „Wir sind das Volk“ fusionierten, was aggressiv gegen PoC, manchmal im Zuge bürgerlicher, gar nicht christlicher Familien-Ideologie auch gegen queere Menschen in Anschlag gebracht wird unter kompletter Ignoranz historischer Realitäten.

Viele wettern ja gegen den „Privilegienansatz“ in der Antirassismusarbeit, der belegt, dass eben alleine schon sozial als weiß situiert zu sein sein Vorteile mit sich brächte – die Völkischen wollen schlicht und ergreifend, dass das so bleibt, während die Anderen es weg diskutieren.

Und die Völkischen wollen das ja gar nicht durch und durch „antidemokratisch“ zementieren: Ihr Demokratieverständnis ist halt zutiefst rassistisch. Also eine vorpolitisch sich vorgestellte, „rassisch“ reine Abstammungsgemeinschaft mit natürlichen Rechten, der gegenüber dann „die Anderen“ stehen, die notfalls auch ermordet und vernichtet gehören, prägt ihre Sicht. Diese sei dann „Demos“ oder wie das altgriechisch auch immer heißt, und sie entscheide über Wohl und Wehe derer, die sie duldet oder auch nicht.

Exakt das steckt aber auch im Artikel von Sabine Rückert mit drin. Und da zeigt sich einfach, dass die BRD in Gänze überhaupt nie in einer grundrechtsbasierten Demokratie angekommen ist. Weil das ja nicht nur in Heidenau so gedacht wird, sondern, geht mensch über Universitätsflure, dort ebenso praktiziert sich findet.

Und der erste Schritt weg davon wäre anzuerkennen, welche historische Leistung Menschen wie die Verwandten von Deniz Utlu vollbracht haben. Ohne freilich das Thema auf „Nützlichkeit“ zu reduzieren.

Das Problem ergänzend ist, dass das noch nicht mal in linken Zusammenhängen immer geschieht. Da ist das historisches Subjekt z.B. „die Antifa“ und schreibt nur SEINE Geschichte.

Es weiß doch kein Mensch, was mit den Bewohnern der Häuser in Lichtenhagen passiert ist. Die in Hoyersverda wurden wohl vorsichtshalber prompt deportiert, wenn Wikipedia nicht lügt. Stattdessen werden die ja akut wirklich mutigen Heldentaten der einst in Lichtenhagen Agierenden ganz ohne die erzählt, vor die sie sich schützend stellten.

Da sollten auch die eigenen in diesem Fall, also linken Mythen mal deutlcher unter die Lupe genommen werden, wo sie denn nun vielleicht noch „antideutsch“ einfach reproduzieren, strukturell, was als Kern in all den Problemen steckt.

Weil nämlich das Folgende ganz genau so auch bei den Helfenden oft aufscheint:

„In der Westdeutschen Zeitung etwa werden die Einwanderer „stets als eine primitive Problemgruppe dargestellt, die sich durch Nomadentum auszeichnet. Sie kommen nie zu Wort, sind passiv und die Kriminalität eines Teils dieser Personengruppe wird ethnisiert“, heißt es in der Studie.

„Einheimische“ hingegen sind der Studie zufolge stets aktiv, haben Ziele, gehen, begleiten, versuchen und helfen. Sie mahnen, denken, urteilen und unterstützen. Darüber hinaus reden sie Klartext und kommen entsprechend oft zu Wort. „Kurzum spielen die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft eine aktiv gestaltende Rolle in der Gesellschaft und handeln vernunftbasiert. Ihnen werden darüber hinaus individualisierende Attribute zugeschrieben – was bei der Repräsentation von Zuwanderern aus Südosteuropa weitgehend fehlt“, so die Wissenschaftler.“

Mensch hält sich Hilfsobjekte, um doch wieder nur „White Supremacy“ anzufüttern – ganz wie die Missionare in den Kolonien einst mit ihren Krankenhäusern und Schulen.

Das ist nun spätestens seit dem Wirken der Lampedusa-Gruppe zumindest in Hamburg auch sehr vielen aufgefallen. Vor und in den Messehallen scheint sich somit aktuell Anderes abzuspielen. Da wird sehr deutlich ein symmetrisches Miteinander mit Einbürgerung als Ziel zumindest formuliert. Und die taz kommentiert spitz und treffend:

„Die Frage ist dabei nicht, ob die Helfer selbst etwas von ihrer Hilfe haben. Die Frage ist: Was haben die Flüchtlinge davon? Und: Haben die Helfer den Anspruch, die Ungleichheit, die jeder Hilfe eingeschrieben ist, zu überwinden?“

Das ist nämlich die tatsächliche Frage nach Demokratie: Dass eben die Interessen ALLER GLEICHERMASSEN von Relevanz sind und im politischen Diskurs Berücksichtigung finden. Nicht nur die weißer Deutscher. Dass die Grundrechte sich nicht nur auf „Staatsbürger“ beziehen, sondern auf alle, die sich auf einem bestimmten Territorium bewegen. Eine grundrechtsbasierte Demokratie ist NICHT die Diktatur der Mehrheit über Minderheiten, folgt NICHT dem Schema „Hier die Dominanzkultur als Subjekt, da zu Paternalisierende“. Sie konstituiert sich erst dann, wenn inklusiv operiert wird.

Davon ist die politische Realität in diesem Land allerdings sehr weit entfernt. Da sind sich schützende Mega-Institutionen (Behörden, Ministerien usw.), die nur gegen die vorgehen, von deren Seite sie Kritik oder Widerspruch fürchten und den Anderen dann ggf. zu viel Saufen zubilligen – und sie nutzen den völkischen Diskurs zum Erhalt nackter Macht für sich.

Das hat mit der Begründung des Grundgesetzes NICHTS zu tun. Insofern haben da noch ein paar mehr Leute zu lernen, was Demokratie bedeuten sollte, als nur der Mob in Heidenau.

Wie zusammen leben? Utopiearbeit statt Fixierung auf’s falsche Halbe

„Ob links– oder rechtsextreme Nischen-Publizistik im Internet: Sie bedroht den auf seriösem Journalismus basierenden Diskurs.“

Welche Linksextremen denn? Ich erinnere mich ja an Zeiten, da gab es wirklich welche. Solche, die für die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln waren, zum Beispiel. Für Anarchosyndikalismus oder  Rätesysteme als – gedacht – basidemokratischere Form als parlamentarische Repräsentation.

Mensch muss nichts von dem gut heißen, aber was ist denn davon geblieben? Nichts.

Heute nehme ich eher viel Scharmützel wahlweise rund um „Identitätspolitiken“, Israel, „strukturelle Kapitalismuskritik“ oder auch nicht und das punktuelle Bekämpfen von wahlweise Nazis oder Polizisten wahr.

Und die in meiner Wahrnehmung – weil ich eher von Habermas komme – erstaunlicherweise auftretende, verhältnismäßig breit vertretene Argumentationslinie, die Errungenschaften des bürgerlichen Rechtsstaates seien gegen Massenüberwachung und andere Formen des Abräumens von Grundrechten zu verteidigen. Wozu auch das Asylrecht gehört, ebenso das Demonstrationsrecht, das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie den formalen Gleichheitsgrundsatz.
Darin liegt nun zweifelsohne eine dramatische Ironie, Mehr von diesem Beitrag lesen

Zugehörigkeiten und: Ist nicht genug für alle da?

Für Drehbuch- und Romanautoren gibt es ein recht inspirierendes Werk namens „Der Publikumsvertrag„.

Es dekliniert durch, wie fiktionale Werke dadurch ihre Leser und Zuschauer gewinnen, dass sie ein Dazugehörenwollen in den Mittelpunkt stellen – zu wie auch immer definierten „Gemeinschaften“.

Dem folgt eine Serie wie „Gossip Girl“, deren Plot dadurch angeschoben wird, dass Dan, der Sohn des Galeristen aus Brooklyn, gerne zur High Society der Upper East Side New Yorks gehören möchte (und seine Schwester Jenny noch um einiges stärker, wozu sie sich allerlei Demütigungen aussetzt – bis sie aus der Stadt gemobbt und intrigiert wird). Das für den Zuschauer Tröstliche der Soap ist, dass die Gesellschaft der Upper East Side  derart von Intrigen, unsäglichem Umgang miteinander Mehr von diesem Beitrag lesen

Somewhere over the Rainbow …

„Die schöpferische Fabulation oder Fiktion hat weder mit einer Erinnerung – und sei sie auch erweitert – zu tun noch mit einem Phantasma. Tatsächlich geht der Künstler, darin eingeschlossen, der Romancier, über die perzeptiven Zustände und affektiven Übergänge des Erlebten hinaus. Er ist ein Seher, ein Werdender. (…) Er hat in seinem Leben etwas allzu Großes, auch allzu Untragbares gesehen und die Zwänge des Lebens samt dem, wovon es bedroht ist, so daß der Rest an Natur, den er wahrnimmt, oder die Stadtviertel und deren Personen zu einer Vision gelangen, die, vermittels ihrer die Perzepte dieses Lebens, dieses Augenblicks bildet, dabei die erlebten Perzeptionen in einer Art Kubismus, Simultaneismus, grellen Lichts oder Dämmerung, in Purpur oder Blau explodieren läßt, die kein anderes Objekt oder Subjekt mehr haben als sich selbst.“

Gilles Deleuze/Felix Guatarri, Was ist Philosophie?, Frankfurt/M. 2000, S. 201

Ich habe ja echt geheult, als diese Supreme-Court-Entscheidung zur Ehe gefällt wurde. Dann doch.

Erinnere mich gut daran, wie vor gut 10 Jahren z.B. das berühmt berüchtigte PI startete, zunächst unterstützt von liberalen Bloggern, die sich gemeinschaftlich im Zuge des „Pro Bush“-Bloggens formierten. Bei dieser Keimzelle des aktuellen Hasses auf – fiktiv – „den Islam“ und Muslime, PI, stand nicht zufällig auch der Kampf gegen die „Homo-Ehe“ ganz oben auf der Agenda. Das führte auch zum Bruch zwischen (Neo-)Liberalen und PI; obgleich unter ersteren auch einige sehr heterosexistisch wetterten. Andere nicht.

Das sind die Klüngel, die vorbereiteten, was nicht nur bei Pegida, sondern auch in einst mitstreitenden Blogs sich längst etabliert hat. Eben ein gewaltiger Backlash, der alles, was rund um Stonewall (was keine weiße, Cis-Gender-Veranstaltung war), die Feminismen und an Empowerment und Kritik von White Supremacy orientierte Sichtweisen aus den PoC-Communities um 67-69 kulminierte, weg beißt und auch noch ins Opfersein sich hinein dünkelt – weil trotz Erkenntnissen in die liberale Gleichheit keine materiale Möglichkeitsentfaltung zugelassen wird und der narzißtische Selbstbezug total geworden ist.

Mag sich die Fusion aus dem Hass auf Muslime und dem Kampf gegen LGBTIQ-People das in manchen Bereichen des Diskurses auch gewandelt haben: Eben da, wo nun triumphierend und geschichtsklitternd Mehr von diesem Beitrag lesen