Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Lektüreprotokolle

Die Annäherung zwischen den sozialdemokratischen Parteien und der nationalkonservativen Rechten: Lernen von Strohschneider, Eribon und „Analyse & Kritik“

Zu den strukurell zwar nachvollziehbaren, politisch jedoch fatalen Diskurslagen gehört auch weiterhin dieses Gegeneinanderausspielen von Minderheiteninteressen gegen die die Klassenfrage in sözioökonomischen Zusammenhängen.

Da ist zumindest bei mir schon der Eindruck entstanden, dass der symbolische, teils auch faktische Vernichtungsdrall der WHM-Struktur massiv durchschlug – also der von jenen, die sowieso schon Feminismus nur dann interessant fanden, wenn Frauen sich „tough“ gaben und so mehr Reiz in das Machtgebahren um Verfügungsgewalten über deren Körper hinein trugen. Die LGBTIQ*-Sichtweisen eh schon immer aus ähnlicher Sicht wie Walter Ulbricht betrachten wollten, um sie wenn überhaupt dem „Nebenwiderspruch“ zuzuschlagen und nun endlich wieder ihren Ressentiments freien Lauf lassen können. Indem sie das Zerrbild der „neoliberalen Schwulen“ an die Wand pinseln. Und zudem, wenn People of Colour mal nicht fortwährend die Güte weißer Menschen bauchpinseln, während diese sich aufgrund des je eigenen empfundenen Antirassismus gerade mal wieder selbst auf die Schulter klopfen, schadronieren viele wie Mark Lilla beleidigt von „Gemeinsinn“ und „Nation“. Um wieder zu überschreiben, zeigen sich produktive, eigenständige Ansätze z.B. in Black Communities mit eigener Tradition, die Sprach- und Definitionsmacht für sich beanspruchen – ja, wenn dann nur diese mantraartigen, reflexhaften Tiraden über „Identitätspolitik“ folgen, dann läuft halt was schief.

Ich wage die These, dass die ganzen „Wir reden lieber mit Rechten als mit schwarzen Schwulen und Feministinnen, labern über „Heimat“ und empören uns Monate darüber, dass auch mal ein anderes Gedicht eine Hauswand schmückt als das, was da vorher schon war„-Litaneien ja letztlich darin gründet, dass zu „It’s the economy, stupid“ diese ganzen regressiven Kulturtheoretiker einfach nichts zu sagen haben.

Zum Glück formieren sich auch Gegenbewungen gegen diese alles Linke endgültig in die Bedeutungslosigkeit schwemmende Diskurswelle.

Lesenwert ist hierzu unter anderem ein Interview mit Tom Strohschneider, ehemals Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, im „Mosaik-Blog“:

„Hinzu kommt auch hier eine Debatte zwischen zwei Polen, mit einer starken Tendenz zum Schwarz-Weiß-Denken: Hier „Klassenpolitik“, dort „Identitätspolitik“.

Dabei wird oft unterschlagen, dass ein ganz wesentlicher Moment unserer Geschichte – der Geschichte der Arbeiterbewegung – die Synthese von identitäts-, demokratie-, und kulturpolitischen Fragen mit sozialen Fragen war. Diese Einheit in der Differenz war in der Arbeiterbewegung schon mal stärker. Vor 150 Jahren sind wir mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht gestartet. Wer heute für die Rechte von Frauen und Schwulen eintritt, gilt beinahe schon als Neoliberaler. Das ist grotesk und geschichtsvergessen.“

Das Interview ist insgesamt lesenswert; auch deshalb, Mehr von diesem Beitrag lesen

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Vorfreude auf „Les Aveux de la chair“: Das letzte noch unveröffentlichte Werk Michel Foucaults erscheint in Frankreich

Nun ist es da. Zumindest in Frankreich. „Les aveux de la chair„, „Die Geständnisse des Fleisches“ von Michel Foucault.

Der vierte Teil seiner „Geschichte der Sexualität„, zu deutsche „Sexualität und Wahrheit.“ Ich erinnere mich noch gut daran, geradezu gelitten zu haben, als ich damals immer wieder DEN Rabinow/Dreyfus zu Rate zog, um das Werk von Michel Foucault zu erkunden und dabei auf dessen Analyse des frühen Christentums stieß. Dieses ist Sujet in „Les Aveus de la chair„. In den Interviews im Rabinow/Dreyfus formulierte Foucault lediglich Andeutungen.

Erste Einblicke in den Inhalt des posthum nun in Veröffentlichung befindlichen Bandes 4 gibt ein Interview des Deutschlandsfunks mit dem in Frankfurt lehrenden Philosophen Martin Saar. Es ist ziemlich spannend, es sich wirklich ganz anzuhören (einfach Zitat unten anklicken).

Die großen Philosophenkriege der 80er, ziemlich einseitig geführt von Jürgen Habermas und seinem Umfeld gegen die französische Philosophie, werden am Rande erwähnt – und die zentrale Pointe der „Geschichte der Sexualität“ auf den Punkt gebracht:

„Die Sexualität, von der wir ja immer denken, sie sei etwas Natürliches, ist selbst durch und durch konstruiert, was so viel heißt wie gedeutet, gehegt und gemanaged.“

Exakt das ist es ja, was von Beverfoerde bis Kelle bis heute harsche Attacken erfährt: Das so etwas wie „Sexualität“ Mehr von diesem Beitrag lesen

„Das maskuline, starke Ich ist das zentrale Problem, die zentrale Triebkraft einer losgelassenen kapitalistischen Gesellschaftsformation“ (Michael Hirsch)

Zu den interessanten Publikationen der letzten Wochen zählte ein vielfach distribuierter Beitrag auf dem neuen Portal „Republik“ in der Schweiz: „Demokratie unter Irrationalen“ von Constantin Seibt.

Viele werden es schon gelesen haben, so what.

Im Zusammenhang dessen, was ich hier so zu entwickeln mich bemühe, ist der Text von hoher Relevanz. Seibt fasst prägnant zusammen, was mir in numehr 5 Jahrzehnten Alltagskommuniktion wie auch im Netz sowie in beruflichen Zusammenhängen viel häufiger begegnete als die Annahme, es ginge im Falle der Politik um „Argumente“.

Wäre dem so, so wäre Angela Merkel schon lange keine Kanzlerin mehr. Auch Kohl hätte sich nicht so lange gehalten – beides Politikeinnentypen, die nicht unbedingt durch’s Argumentieren und das Bereitstellen von Gründen regieren. Kohl verfügte über einen guten Zugang zum Gefühligen im „kollektiven Unbewussten“. Merkel glänzt durch Moderieren und eine Perfektion des innerparteilichen Machterhalts sowie durch Verzicht auf Eindeutigkeit. Das einzige Mal, dass sie sich wirklich festlegen musste, 2015 im Zuge der Notwendigkeit eines akuten Reagierens in der Geflüchtetenfrage, geriet ihre Macht auch prompt ins Wanken. Selbst im Falle der „Griechenland-Krise“ schickte sie vorsichtshalber Schäuble vor. Kenne ich auch so von Chefs: Wenn es konkret wurde, war ich dran. Sie hielten sich lieber an das Allgemeine und wahrten die Option, im Falle des Scheiterns zu feuern.

Es wird in Ausschüssen und auch Parlamentsreden einen Austausch von Gründen geben. Durchsetzen werden sich dennoch eher die Persönlichkeiten, die gut Symbolpolitik beherrschen, die Kunst des Mauschelns und des Ungefähren. Und solche, die etwas verkörpern, was viele Menschen wahlweise im Habitus eines Elternteils oder als Chef_in kennen. Oder aber was ihnen aus dem Fernsehen vertraut ist (Sebastian Kurz wirkt ja immer wie „der Manager“ aus einer Vorabend-Soap). Auch Schröder ist gescheitert, als er auf einmal eine Programmatik zückte – eine, die die SPD nachhaltig zerstörte, die Agenda 2010.

Das weiß auch jeder, der in den Medien arbeitet. Es setzen sich nicht klügere Konzepte, ausgefeiltere Ideen, immanent besser durchdachte Produkte oder gar Ideen durch. Noch nicht mal wirklich charismatische Menschen vor der Kamera haben eine Chance, die wären ja schon bedrohlich.

Es gewinnt eine Mischung aus Appell an die niederen Instinkte, ein Spiel, abwechselnd mit Ängsten und wohligen Erinnerungen. Eine Simulation Mehr von diesem Beitrag lesen

Mit Maxim Biller polemisieren – und der Streit um ein Gedicht

Ich finde den Maxim Biller ja immer wieder gut. Anregend auch da, wo er wurmt. Weil er wurmt. Seit damals, als er in der TEMPO seine „100 Zeilen Hass“ verkündete.

So nehme ich ebenfalls dankend entgegen, wenn er mich meint. Ohne mich zu kennen. Auch wenn ich mich damit in gefährliche Nähe zu Ulf Porschardt begebe. Weil der sich auf Twitter auch für den im folgenden zitierten Text begeisterte.

Oje, eine der wirklich erschreckendsten Nähen, die aufzusuchen in diesem Leben möglich und denkbar ist. Ist doch dessen borniertes Geschwätz regelmäßig in abstoßender Bräsigkeit und triefend vor provinziellem Mief derart fern jedes Gedankens situiert, dass eher als Symptom denn als Sinn es zum Glück auch schnell wieder verhallt. Dessen Getexte ist eben Ausdruck eines aufgeblasenen Nichts, das mit dem Nichts im Werke Sartres, wo es um die Negation dessen geht, was ich aus mir zu machen glaubte, so gar nix gemein hat. Mauvaise Foi halt.

Ja, auch solche Phrasen, nunmehr meinerseits, greift der Biller an. Gemeint sind Schreibende:

„… für die angelesene Theorien alles sind und eigene Gedanken nichts – weil man für die ja dann ganz allein verantwortlich wäre als armer, kleiner deutscher Untertan.“

Und zum Glück meint er ja nicht nur mich. Sondern auch jene, die Trumps-Twitter-Sottisen für witzige Polemik halten. Oder auch solche, die sich und Milo Dingensbums vermutlich für Schreiberlinge halten, die treffischer zuspitzten. Wenn sie nicht gerade Racial Profiling in Berliner Parks betreiben. Neoconnards halt.

Aktueller Anlass für einen erneuten Anfall der Maxim-Biller-Verehrung? Dieser Text:

„Und Sie wollen schon gar nicht, dass man die Heuchler und Arschlöcher beim Namen nennt, egal ob sie Jakob „Walser“ Augstein, Sigmar „Nazisohn und Iranfreund“ Gabriel, Frank-Walter „Ich wohne in einer arisierten Dienstvilla“ Steinmeier oder Alexander „Mehr Diktatur wagen!“ Gauland heißen, denn die Darf-man-das-Debatte, die dann ausbrechen würde, würde auch Sie selbst und Ihr Selbstverständnis als historisch und politisch hin- und hergerissener Täter-Enkel wegfegen – denn schließlich sind Sie es, Sie Heuchler, oder diese Alt- und Jung-Siegfrieds ständig fasziniert liest, druckt und interviewt.“

Im Text kriegen kriegen auch Luhmann-, Butler- und Eribon-Leser ein paar Watschen ab. Ja, ich fühle mich gemeint.

Und: Es wird das „Moralisieren“ gegeißelt.

Das Krude an dieser Kritik des vermeintlich „Moralinsauren“ aktuell ist ja,  Mehr von diesem Beitrag lesen

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick Mehr von diesem Beitrag lesen

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

Ein Wiedergänger geht um im Merve-Verlag … einer, der nicht nur mich an den Futurismus erinnert. Mir war er bisher nicht begegnet; obgleich ich bei ersten Einblicken und Reinlesungen die Debatte schon auch anregend finde: „Akzeleration“ kann grob umschrieben werden mit „Beschleunigung“ als einem Versuch, linkes Denkes neu zu erfinden – und „spekulativer Realismus“ als Attacke auf die angeblich durchgängig „konstruktivistisch“ und „fiktionalisierend“ agierende „Postmoderne“ fundiert ihn, indem es wie üblich in der Konstruktivismus-Kritik einen Popanz, wohl spekulativ, erfindet.

Keine Ahnung, ob das tatsächlich allerorten schon lange diskutiert wird oder ob es nur ein zum Zwecke des Theorie-Marketings aufmerksamkeitsheischend inszeniertes Spektakel der Autoren selbst ist, sozusagen die akademische Entsprechung zum selbstgenerierten Youtube-Star. Die Beschäftigung damit ist aber ganz interessant.

Das Anliegen der Akzelerationisten hat dieses wohl als Faktum zu lesendes (freilich frei von der Erfahrung, Subjektivität oder sonstwie den Lesenden in Relation zum Text zu verstehendes) Ontum (im Sinne der Ontologie und da wohl ontisch zu begreifen) in einem Manifest verkündet:

Falsch daran ist, nun eine solche Zuspitzung so vorzunehmen, als seien damit alle anderen Fragen, Tendenzen und Bewegungen vom Tische gefegt alleine schon durch die Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen „Machers“ (eine Kritik, die von den philosophischen Performance-Künstlern dieser Denkrichtung übrigens als „arglistig“ bezeichnet wird und sie animierte, Spuren des Eigenen im feministischen Textgeschehen aufzuspüren).

Richtig daran ist das, was sie über den „folkloristischen Lokalismus“ schreiben. Und das ist der Grund, es in diesem Blog aufzugreifen, trifft die Beschreibung doch wohl nirgends besser zu als auf den FC St. Pauli und sein Umfeld sowie die ganzen stadteilinitiierten Selbstreferenzen rund um das Schanzenviertel.

Das Manifest kann ja nun jeder selbst lesen; interessant finde ich daran, Fragen der Technologie wie auch der Mechanismen des Finanzmarktes sich gewissermaßen von Links anzueignen und nicht a priori in Opposition dazu zu verharren.

Es entspricht wohl ein wenig der guten, alten Hoffnung, dass die Produktivkraftentwicklung im Marxschen Sinne selbst zu einer sozialistischen Utopie führen könne. Was tatsächlich auch noch keine historische Wiederlegung erfahren hat, die kommunistischen Revolutionen fanden immer in Agrarländern statt, allen voran Russland und China; und, mensch glaubt es kaum, Stalin wurde einst dafür bewundert, ja, auch „vom Westen“, dass es ihm gelang, Russland brutalstmöglich zu industrialisieren. Und manche werden neidisch gewesen sein, dass er dabei Mittel nutzte, die sie sich nicht anzuwenden trauten.

Der Export des Systems z.B. in die zwar durch Reparationen geschwächte, jedoch teilindustrialisierte DDR ist kein Argument dagegen. Denn dass der „Realsozialismus“ implodierte, lag unter anderem (!!!) daran, dass die Digitalisierung verschlafen wurde bzw. das ökonomische System sie nicht hervorzubringen vermochte, was global ihn aus der Konkurrenzfähigkeit beamte, war doch letztlich Staatskapitalismus.

Was FÜR eine Herangehensweise wie die der Akzelerationisten spräche, eben lieber auf die technologische Entwicklung zu sehen – übrigens auch hinsichtlich dessen, dass z.B. die Folgen des Klimawandels wohl kaum durch ein „Zurück zur Natur!“ abzufedern oder umzukehren wären, sondern nur selbst wiederum durch technologischen Fortschritt. Dass sie solche Fragen jedoch in Begriffsfeldern wie „primitiv“ abhandeln, verweist auf die ungebrochen KOLONIALE Perspektive dieses Denkens, wenn es denn global wirksam werden KÖNNTE.

Gut an dem ganzen Unternehmen finde ich, dass es wagt, von links die Zukunft zu denken – was nun tatsächlich ansonsten in reinen Abwehrkämpfen und Nischenbildungen nirgends mehr wahrnehmbar geschieht. Nicht ganz klar wird dabei, ob die Idee, nun den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass er implodiert und daraus Neues entstünde, wirklich utopisch gedacht wird oder nicht auch ein Kokettieren mit apocalyptischer Dystopie in Kauf genommen wird. Und unangenehm stößt auf, dass alte Leninismen sich einschleichen:

 

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