Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Kunst

Melancholie: Nur mal eben den neuen Computer ausprobieren …

Verloren. Wieder verloren.

Höre die Playlist „Melancholie des Jazz“ eines Streamings-Dienstes; Herbie Hancock liebkost so unvergleichlich, wie eben nur er es konnte, die Piano-Tasten. Ein Saxophon seufzt dazu und singt von Wehmut.

Es wird Herbst da draußen und alle Klischees von den sich färbenden Blättern blala, ist eher was für ZDF-Krimis, das formuliere ich nicht weiter aus; eine Trompete setzt ein und wie verselbständigt gleichen die inneren Bilder plötzlich den Filmen jener Tage. „Außer Atem“ und so.

Als die Exis allmählich wichen und sich etwas vorbereite, das noch nicht da war und später unter „’68“ subsummiert doch den Style der Anzüge von Miles Davis oft sehr mißlungen konterkarierte.

Miles Davis, DAS wäre eine coole Entscheidung für den Literaturnobelpreis gewesen, würde er noch leben. Ja, genau, gerade, weil er ohne Worte so viel sagte und so radikal neuen Sinn erschloss, atmosphärisch dicht, bildstark und wirklich innovativ. Einer, der nicht einfach nur mit Rimbaudschen Mitteln Gospel und Traditionals entkontextualisierte und überschrub.

Dies ist der zweite Anlauf, diesen Text zu schreiben, um den neuen Computer auszuprobieren. Ja, war an der Zeit, bei dem anderen, der mir so lange so treu seinen Speicherplatz schenkte und unverdrossen diente, war es ein wenig so, wie es zumindest scheint, dass es zwischen Trainer und MAnnschaft das bestimmende Verhältnis sein KÖNNTE: Mehr von diesem Beitrag lesen

„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

Ging ja schon los, als wir noch mit rot-schwarzen Under Armour-Menschen frisch bestochen durch das Stadion des FC ST. PAULI, ja, hier schon einmal, ST. PAULI, lieber Clueso, dazu später mehr, pilgerten. Kleiner Tod lichtete wie üblich fantastisch viele formidable Fotos future-fähiger Visionen ab und kann das auch viel besser als ich, also dort vorbeischauen! 

Wie bereits die letzten Male fand ich besonders spannend, das mal nicht nur der tradierte Dünkel deutscher Bildungsbürgerkinder, sondern auch mit Einreiseschwierigkeiten kämpfende Menschen z.B. aus dem Sudan visuelle Räume eröffneten:


Das spannende bei einer Galerie in einem Fussballstadion ist ja gerade, wie die Gänge umdefiniert werden durch die Werke. Michael Fritz belehrte die vom Sponsoren Geladenen profund über Probleme von aus dem Sudan stammenden Künstlern und zitierte dabei viel aus dem grundlegenden Essays „Dear deutsche Kulturstiftung – Africa is not a country“ von Safia Dickersmann (das ich online nicht mehr finde). 

Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird. Kann aber auch sein, dass ich das, Eigenständigkeit ignorierend, hinein gucke, das wäre ja auch typisch. Trotzdem: So eine Fragestellung ist gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen es sich leisten können, „Kommerzkritik“ zu üben, also bei uns im Stadion, von höchster Relevanz. 

Obgleich gerade Viva con Agua sich wie ich finde zu recht oft der Kritik ausgesetzt sieht, als U-Boot der Welthungerhilfe einfach nur die Attitude paternalistischer „Entwicklungshilfe“ für urbane, weiße Hipster fit zu machen, schätze ich ja sehr, dass die Akteure gerade deshalb in der Millerntor-Gallery oft genau da hin gehen, wo es weh tut (auch wenn viele das gar nicht merken, weil es sie nicht betrifft). Und übrigens bei Kritik auch nie beleidigt sind. Sie versuchen zumindest, trotz immer wieder aufscheinender, ethnographischer Bildwelt diese auch aufzubrechen. Wie gelungen das ist, das können andere treffsicherer beurteilen als ich; mir scheint es zumindest mehr als nur „gut gemeint“ zu sein, weil auf Ebene der Protagonisten und Subjekte doch überproportional häufig andere Menschen als sonst beim FC St. Pauli in Erscheinung treten. Wobei das Kriterium, dass auf allen hierarchischen Ebenen der Organisation auch Nicht-Weiße agieren, definitiv nicht erfüllt wird.

Dank white Privilege ist es für mich wohl leicht, das auszuhalten und da auch noch gerne hinzugehen. Ja, sagt sich leicht dahin.  Und ich gehe da sehr gerne hin und empfinde die Millerntor-Gallery  für FC St. Pauli-Verhältnisse als die multidimensionalste und avancierteste Veranstaltung, weil der Bruch und vielleicht ja auch Aufbruch da am spürbarsten ist (was sich auch im Publikum zeigt). 

Nun drang gestern bereits im Vorfeld durch, dass mit Max Herre und Clueso recht „große“, chartsaffine Namen die Bühne betreten würden. Im Falle von Max Herre finde ich persönlich die Bezüge, die er in Interviews herstellt:

Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?

Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante.

Quelle: Jüdische Allgemeine

oft spannender als die Musik, die dann dabei rauskam; als gestern alle zu „Anna (immer wenn es regnet)“ abgingen, fand ich sogar die Kurt-Schwitters Passage irgendwie obszön. Bin ich vielleicht auch zu alt für, dieses „deutscher Hip Hop“- Ding war nie meins und die von Herre beschworenen Curtis Mayfield und Kurtis Blow sind mir doch lieber (und um Klassen besser). Trotzdem ja schön, wenn Menschen ihrer verflossenen Jugend nostalgisch nachfühlen im Stadion zum Herre-Sound (ist ja auch typisch FC St. Pauli, verflossene Jugend zu konservieren).

Na, und dann kam Clueso. Das hat mir schon harsche Kritik eingebracht, dass ich für den immer so schwärme und hat mit Sicherheit auch mit seinem zauberhaften Lächeln und den schönen blauen Augen zu tun (eine Freundin hat mal gesagt, der sei auch nur so erfolgreich, weil er weiß ist, und da ist ja was dran – die Geschichte weißer, heterosexueller Quotenmänner, deren Erfüllung je nach gesellschaftlichem Bereich zwischen 75 und 95 % zu erfordern scheint, wird ja ständig geschrieben, ohne dass die Quote Erwähnung fände). Ich mag seine Texte (mal ab von den misogynen, die sich bei ihm auch finden), finde die Stimme sexy, die Herangehensweise an den unverstellten Flow des sprachlichen und musikalischen Materials häufig sehr gelungen, weil da anders als bei mir das Bildungsbürgerliche fehlt und so Entdeckungen möglich werden. 

Also: Ich bin da schon irgendwie Fan und mache mir nur Sorgen, dass er zu sehr auf das Bild des „Neuen, deutschen Poeten“ mit ach so viel Gefühl und Gitarre sich fixiert und sich etwas zu oft mit teils fragwürdigen Dinosauriern des Deutschrock von Lindenberg bis zu den Puhdys ablichten lässt (deren „Alt wie ein Baum“ gestern im Schlagermove-Zelt lief, als ich nach Hause ging. Dann doch lieber Renft.) 

Viva con Agua unterstützt er seit 9 Jahren, und nun war er auf einer Äthiopien-Reise dabei. Ich durfte das bei Facebook ein wenig verfolgen, und das war schon faszinierend, wie alle Bild- und Tondokumente fortwährend zwischen der Kolonialtradition des weißen Helfers auf Zivilisierungsmission, umgeben von lachenden, schwarzen Kindern, und einem Sich-Öffnen für das Faszinosum dieses afrikanischen Staates und seines Musik- und Alltagslebens changierte. Fast schon kurios der Mitschnitt eines Konzertes des Goethe-Instituts in Adis Abeba, da Max Herre, Clueso und dessen Kumpel Norman Sinn mit derart großartigen Musikern aus dem Ethio-Jazz-Umfeld auf der Bühne standen, dass man bei ihren verschämten Deutschrap-Einlagen schon spürte, dass auch sie spürten, wie sie gegen diese Virtuosen komplett abkackten. 

Daraus entstanden ist ein Song mit: Samuel Yirga. „Aand Nen“ heißt der – hier der Clip (auch in dem sieht man dieses Changieren zwischen ethnographischem Blick, blödem Pop-Gepose mit 90er-Jahre-Lippenbewegen zum Song und echtem Interesse an der Subjektivität derer, denen sie begegneten). 

Samuel Yirga ist beim  Label von Peter Gabriel unter Vertrag, blutjung, lebt in Adis Abeba und definitiv eine Entdeckung. Danke an Clueso und Co, dass sie mir solche Künstler nahe bringen! 

Gestern deutete Yirga seine Fähigkeiten eher an, eindrucksvoll, und doch wirkte es etwas weichgespült für ein Mainstream-Publikum. In den Passagen, da er an seinem Piano so richtig los legte und sich in Blues- und dissonante Afro-Skalen hinein und wieder hinaus begab, da erœffnete sich schon eine atemberaubende musikalische Welt. Und zwar eine, die belegte, wie albern es ist, zwischen „Ethno- und World-Music“ als Partikularphänomen und globalem Pop zu unterscheiden (zudem Herre und Clueso sich nun wirklich anböten, eine Ethnologie deutscher Gegenwartskultur zu betreiben). Yirga spielte auch noch einen traditionellen, äthiopischen Popsong, der komplett unter die Haut ging, mir zumindest. Dass die ganzen offenkundig per BILD zum Cluesogucken Animierten bei diesem zum Smalltalk übergingen, das war nicht nur unhöflich, die haben auch wirklich was verpasst.

Na, und neben dieser echten Entdeckung zeigte sich doch noch die Klasse eine Clueso, über die ein Jan Delay mit seinen Backgroundsãngerinnen, die alle mehr können als er selbst, nicht verfügt: Er nutzte schlicht seine Popularität, einen Raum für Samuel Yirga zu eröffnen. Später kursierten Fotos bei Facebook, die zeigten, was ich vor Ort gar nicht wahrnahm: Dass Clueso zu Thomas Hübner wurde, der fasziniert vor diesem Mega-Musiker auf der Bühne hockte, fast kniete, und so gar keinen Anlass sah, sich in den Vordergrund zu spielen. Als er danach „Love the People“ anstimmte, glaubte ich ihm wieder und war erneut ganz verzaubert.

ABER: „Hamburg City“? Bitte? Konsequent sprach er das Publikum so an – im Stadion des FC ST. PAULI! ST. PAULI, lieber Clueso, nicht „Hamburg City“. Auch Viva con agua konnte nur auf diesem Humus wachsen, den dieser Verein bereit stellt, und in keinem anderen Stadion wäre so was möglich, dass die Gänge derart umdefiniert würden. Dieses „Hamburg City“ ging mir so auf die Nerven, dass ich als einziger (!!!) den „Saaaaaankt Paulihiiiiiiiiii“-Ruf anstimmte. Und KEINER stimmte ein. Stattdessen machten sich Menschen um mich herum lustig. In unserem Stadion! 

Also, lieber Clueso, Du Schwarm meiner schlaflosen Nächte, es ist toll, dass Du da warst, Danke!, aber wenn Du mal wieder unter MEINER Haupttribüne sein solltest, mach Dir doch bitte klar, wo Du gerade bist.

All das musste ich dann noch unserem Präsidenten buchstäblich brühwarm berichten bei einem leckeren Gin Tonic. Der DJ im Hintergrund trug nicht nur einen schnieken, bunten Streifenanzug und Lippenstift, sondern spielte auch zauberhafte 70er-Disco-Tracks, später house;  wir plauschten über Divine und Baltimore – und ja, dieses raren, queeren Momente am Millerntor macht eben doch nur die Gallery von Viva con agua möglich. 

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 14.12. 2015, 14-16 h, FSK

Morgen tönt es wieder für die oder den, der/die will – eine neue Ausgabe der „Tales of St. Pauli“ ist auf den Frequenzen des FSK zu hören.

Den „Aufhänger“ bildet „Der Widerspruch der Kunst“, herausgegeben von Alex Körner/Julian Kuppe/Michael Schüßler, Berlin 2016; ich montiere, collagiere und kommentiere mich durch einige der enthaltenen Aufsätze, würdige und merke kritisch an. Weil eine Mail an den FSK-Verteiler ging und gefragt wurde, wer Lust habe, sich dem Werk zu widmen, bei dem mindestens 1 Radio Corax-Kollege beteiligt war.

Aber auch, weil die Rolle der Künste, ob nun widersprüchlich, dekorativ oder welterschließend als Beitrag wahlweise zur Gentrifizierung, zur Reflexion, zur Ausgrenzung und Stabilisierung struktureller Machtverhältnisse oder aber deren Verflüssung auch rund um diesen so merkwürdigen Stadtteil St. Pauli im Umbruch immer wieder Anlaß zur Diskussion bietet.

Was in verschiedenen Anläufen auch die Fragestellungen der Texte versuchen – also ein Feld auszuloten, zu erkunden und in theoretischen Ansätzen die Arbeit am Begriff zu leisten, um eine aktuelle Positionsbestimmung zwischen Markt, Resignation und dem Utopieversprechen einst, und sei es noch so gebrochen, der Künste auf Denk- oder Holzwegen zu weisen.

Ergänzt werden die Aussagen der AutorInnen mit der Forderung nach einer Erweiterung des theoretischen Bezugrahmens im Anschluss an Bell Hooks.

Wie immer am zweiten Montag im Monat zu hören ist mein Konvolut auf dem FSK von 14-16 h.

Hier wie immer die Tracklist:

 

Donna Summer – On the radio
Clueso – Out of Space (Live)
B. Slade – Changes
Charles Bradley – Golden Rule
Jonny McGovern – Soccer Practice
Erasure – Chains of Love
Alice Coltrane – Shiva-Loka (feat. Pharaoh Sanders)
Timmy Thomas – Why can’t we live together
Thelonius Monk – Let’s cool one
Aretha Franklin – Border Song
Sam Cooke – A Change is gonna come
Grace Jones – Hurricane
Noiseaux – There can be a home
Y’akoto – I will go down
DeeDee Bridgewater – You saved me
Grover Washington Jr. – Knucklehead

 

Viel Spaß beim Hören, wer auch immer das möchte!

Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

Ein Wiedergänger geht um im Merve-Verlag … einer, der nicht nur mich an den Futurismus erinnert. Mir war er bisher nicht begegnet; obgleich ich bei ersten Einblicken und Reinlesungen die Debatte schon auch anregend finde: „Akzeleration“ kann grob umschrieben werden mit „Beschleunigung“ als einem Versuch, linkes Denkes neu zu erfinden – und „spekulativer Realismus“ als Attacke auf die angeblich durchgängig „konstruktivistisch“ und „fiktionalisierend“ agierende „Postmoderne“ fundiert ihn, indem es wie üblich in der Konstruktivismus-Kritik einen Popanz, wohl spekulativ, erfindet.

Keine Ahnung, ob das tatsächlich allerorten schon lange diskutiert wird oder ob es nur ein zum Zwecke des Theorie-Marketings aufmerksamkeitsheischend inszeniertes Spektakel der Autoren selbst ist, sozusagen die akademische Entsprechung zum selbstgenerierten Youtube-Star. Die Beschäftigung damit ist aber ganz interessant.

Das Anliegen der Akzelerationisten hat dieses wohl als Faktum zu lesendes (freilich frei von der Erfahrung, Subjektivität oder sonstwie den Lesenden in Relation zum Text zu verstehendes) Ontum (im Sinne der Ontologie und da wohl ontisch zu begreifen) in einem Manifest verkündet:

Falsch daran ist, nun eine solche Zuspitzung so vorzunehmen, als seien damit alle anderen Fragen, Tendenzen und Bewegungen vom Tische gefegt alleine schon durch die Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen „Machers“ (eine Kritik, die von den philosophischen Performance-Künstlern dieser Denkrichtung übrigens als „arglistig“ bezeichnet wird und sie animierte, Spuren des Eigenen im feministischen Textgeschehen aufzuspüren).

Richtig daran ist das, was sie über den „folkloristischen Lokalismus“ schreiben. Und das ist der Grund, es in diesem Blog aufzugreifen, trifft die Beschreibung doch wohl nirgends besser zu als auf den FC St. Pauli und sein Umfeld sowie die ganzen stadteilinitiierten Selbstreferenzen rund um das Schanzenviertel.

Das Manifest kann ja nun jeder selbst lesen; interessant finde ich daran, Fragen der Technologie wie auch der Mechanismen des Finanzmarktes sich gewissermaßen von Links anzueignen und nicht a priori in Opposition dazu zu verharren.

Es entspricht wohl ein wenig der guten, alten Hoffnung, dass die Produktivkraftentwicklung im Marxschen Sinne selbst zu einer sozialistischen Utopie führen könne. Was tatsächlich auch noch keine historische Wiederlegung erfahren hat, die kommunistischen Revolutionen fanden immer in Agrarländern statt, allen voran Russland und China; und, mensch glaubt es kaum, Stalin wurde einst dafür bewundert, ja, auch „vom Westen“, dass es ihm gelang, Russland brutalstmöglich zu industrialisieren. Und manche werden neidisch gewesen sein, dass er dabei Mittel nutzte, die sie sich nicht anzuwenden trauten.

Der Export des Systems z.B. in die zwar durch Reparationen geschwächte, jedoch teilindustrialisierte DDR ist kein Argument dagegen. Denn dass der „Realsozialismus“ implodierte, lag unter anderem (!!!) daran, dass die Digitalisierung verschlafen wurde bzw. das ökonomische System sie nicht hervorzubringen vermochte, was global ihn aus der Konkurrenzfähigkeit beamte, war doch letztlich Staatskapitalismus.

Was FÜR eine Herangehensweise wie die der Akzelerationisten spräche, eben lieber auf die technologische Entwicklung zu sehen – übrigens auch hinsichtlich dessen, dass z.B. die Folgen des Klimawandels wohl kaum durch ein „Zurück zur Natur!“ abzufedern oder umzukehren wären, sondern nur selbst wiederum durch technologischen Fortschritt. Dass sie solche Fragen jedoch in Begriffsfeldern wie „primitiv“ abhandeln, verweist auf die ungebrochen KOLONIALE Perspektive dieses Denkens, wenn es denn global wirksam werden KÖNNTE.

Gut an dem ganzen Unternehmen finde ich, dass es wagt, von links die Zukunft zu denken – was nun tatsächlich ansonsten in reinen Abwehrkämpfen und Nischenbildungen nirgends mehr wahrnehmbar geschieht. Nicht ganz klar wird dabei, ob die Idee, nun den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass er implodiert und daraus Neues entstünde, wirklich utopisch gedacht wird oder nicht auch ein Kokettieren mit apocalyptischer Dystopie in Kauf genommen wird. Und unangenehm stößt auf, dass alte Leninismen sich einschleichen:

 

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Unterstützt Sharon Otoos „Synchronicity“!

Sharon Dodua Otoo durfte ich einmal auf einer Lesung im Hamburger Café Timbuktu erleben – und wurde schwer und nachhaltig beeindruckt von dem, was sie aus ihrem ersten Roman las.

Wie schon von dem Titel als solchem: „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“.

Da steckt halt schon im Titel mehr drin als in manchem Antifa-Traktat.
Nun hat sich eine Unterstützerkampagne für die Finanzierung eines weiteren Werkes Otoos formiert. Der Grund:

„Entstanden ist die Kampagne mit dem starken Wunsch danach, Bücher lesen zu können, die einmal nicht aus der Perspektive geschrieben wurde, die seit Jahrhunderten die literarische Welt dominiert. Es entgeht uns so vieles, weil wir unsere Strukturen bisher nicht für die Werke von Autor*innen of Colour geöffnet haben.
Sharon Dodua Otoos Werke sind nicht nur literarisch besonders und überzeugend. Auch bei der Frage, was Autor*innen of Colour in Deutschland Kritisches zu sagen haben und warum im Literaturbetrieb ganz wesentlich nur „weiße“ Autor*innen von „weißen“ Leser*innen gefeiert werden, wurde ihre Novelle die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle selbst im großen Feuilleton hervorgehoben und wahrgenommen (Wenn Weißbrote wie wir erzählen, Dietmar Dath, FAZ).“

Die Ausgrenzungsmechanismen greifen auf dem Buchmarkt wie auch im Rezeptionsverhalten der dominanten Kulturen nachhaltig – lieber feiert das weiße, „antirassistische“ Publikum schlecht abgehangene Hymnen der Toten Hosen mit problematischen Texten ab oder „den neuen Thees Ullmann“, anstatt sich wirklich auf die Perspektiven und Thematisierungsweisen Betroffener einzulassen. Und wenn, dann dürfen sie mal allenfalls bei irgendeinem Podium umsonst Traumatisches aus der Diskriminierungserfahrung berichten. Und danach wenden sich alle nach dem Ablasshandel wieder wahlweise Zizek, DIE ZEIT oder dem Übersteiger zu (je nach Diskussionskontext). Soweit überhaupt noch gelesen und nicht lieber die Top Ten der gruseligsten Bücher bei Youtube angeklickt wird.

Dabei ist so großartig, was Sharon Otoo in Sprache überführt und wie sie es tut! Es hat die Kraft, gleichermaßen lehrreich und packend Weltbilder zu verschieben und neue Wahrnehmungsräume zu eröffnen.

Somit formiert sich Widerstand gegen Üblichkeiten in Form der Ermöglichung eines neuen Werkes:

„Um großartige Buchprojekte wie Sharon Dodua Otoos neueste Novelle Synchronicity zu unterstützen, gründet sich nun gerade ein Unterstützer*innen-Kreis. Im Rahmen dessen wollen wir Projekte unterstützen, die ohne finanzielle Zuschüsse von außen nur schwer realisierbar wären. Der Unterstützer*innen-Kreis supportet insbesondere rassismuskritische Bücher mit dem Ansatz des Empowerments. 

Weder bei diesem Projekt noch beim Crowdfunding wird es aufhören: Es sollen Büchertische organisiert, weitere Kampagnen gestartet, Solipartys gemacht, auf Zuschussmöglichkeiten geachtet und Zuschüsse eingeworben werden. Außerdem sollen Vorbestellungen gesammelt und Lesungen organisiert werden. Buchprojekte können auch selbst initiiert und Manuskripte geprüft und eingereicht werden.
Wenn ihr Lust habt, bei der Entstehung des Unterstützer*innenkreises dabei zu sein und mitzuhelfen Projekte wie dieses zu unterstützen, meldet euch einfach unter ukreis@edition-assemblage.de.“

 

Alles weitere findet sich unter dem folgenden Link, aus dem auch die Zitate oben stammen:
https://www.indiegogo.com/projects/synchronicity-the-original–2#/
Mitmachen!

„Kunst rehabilitiert das Menschliche“ – Symposion im Rahmen der Millerntor-Gallery #5 zum „interkulturellen Dialog“

Symposion

Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen in Kolonial- und Missionarstradition „Helfenden“ und denen, die von ihnen wahlweise heimgesucht werden, oder die sich ihnen zu unterwerfen haben, um das nackte Überleben zu sichern?

Weit und breit nicht in Sicht.

Einseitig wird er verhindert vom institutionellen Gefüge, überheblichen NGOs, einem Caritas-Markt und mangelnder Offenheit dank eingeübter White Supremacy.

Etwas überpointiert könnte man so das Ergebnis des Symposions im Rahmen der Millerntor-Gallery zusammen fassen, das sich dem Thema „Interkultureller Dialog“ bei brütender Hitze stellte –  unter der dem Motto „Auf Augenhöhe“.

Doch das war noch nicht alles. Holt mensch sich PoC-Experten hinzu und lädt ergänzend jene auf’s Podium, bei denen aus der Praxiserfahrung heraus ein Bewusstseinswandel einsetzt, solche, in denen eher Fragenbündel wabern als vorgefertigte Antworten, so kann das ein Anfang des Abräumens des im Wege stehenden Dünkels wie auch der ökonomsichen Machtverteilung sein. Kann. Aber es ist schon mal ein winziger Schritt.

Es ist schon enorm, wie und dass Viva con Aqua eine Diskussion veranstaltet, bei der letztlich die Grundlagen des eigenen Agierens in Frage gestellt werden!!!! Danke für diese Veranstaltung!

Keine Ahnung, ob und wie das Konsequenzen hat in der praktischen Arbeit, aber die Kritik dessen, was mensch selbst tut, ins Zentrum der Veranstaltung zu rücken: Hut ab!!!! Das ist ja der Grund, Mehr von diesem Beitrag lesen

„Life is a composition of complementary ideas“ – Millerntor-Gallery #5, zweiter Eintrag

„How does life exist? I understand that this world cannot exist without life. So that leads me to wonder how we exist in the context of this life. From what I realize life is a composition of complementary ideas and realities affected by the arrangement of nature. In nature we find diverse compositions that range from extreme opposites to complimentary formations.  However, the recognition of the other side or in other words, opposing contrasting elements, can add great value to the meaning of life.  Emotions are one such example.  To truly feel or speak about happiness we have to know about sadness.“ 

Ich habe mir  die Millerntor-Gallery gestern mal angeguckt und finde echt: Es lohnt sich! Die Bilder des oben verlinkten Ashenafe Mestika gehörten zu den stärksten Eindrücken. Fand ich großartig. Da wird zurückgeholt, was u.a. Gauguin verbockt hat – wobei das (wie später auch unten noch in einem Passus) schon wieder eine sehr eurozentrische Sicht ist, was weiß denn ich Nichtswisser, welche Traditionen und Auseinandersetzungen Kunstschaffen in Äthiopien bedingen und was und ob und welche Rolle eine Institution wie Kunst da spielt. Aber alleine schon die Sichtbarkeit der Bilder des Künstlers ruft ja zum Nachdenken, Nachhaken, Nachrecherchieren und Zurücktreten zugleich auf. Finde ich gut. Wie die Bilder selbst auch. Für meine Augen und bescheidene Expertise hat sich das Feld der  im Stadion gezeigten Kunst deutlich geöffnet. Menschen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Millerntor-Gallery 2. – 5.7. 2015

Keine andere Veranstaltung im Millerntor-Stadion verfügt über ein derartiges Potenzial – und an keiner anderen gibt es so viele mögliche Kritikpunkte: Die Millerntor Gallery.

Weil eben dann, wenn im Sinne des Werdens geackert wird, auch die Gefahr, etwas falsch zu machen, immens wächst. Manche meinen, mensch solle es dann lieber gleich bleiben lassen. Soll mensch das?

Denn keine andere Institution im Rahmen des FC St. Pauli-Kosmos ist zugleich derart offen für Kritik, ohne fortwährend beleidigt zu sein, bleibt derart in Bewegung. Die alten, fernöstlichen Weisheitslehren rund um das Ego scheinen da wirklich auf fruchtbaren Boden zu fallen. Bei jedem neuen Event ist schon am Programm abzulesen, wie Mehr von diesem Beitrag lesen

Somewhere over the Rainbow …

„Die schöpferische Fabulation oder Fiktion hat weder mit einer Erinnerung – und sei sie auch erweitert – zu tun noch mit einem Phantasma. Tatsächlich geht der Künstler, darin eingeschlossen, der Romancier, über die perzeptiven Zustände und affektiven Übergänge des Erlebten hinaus. Er ist ein Seher, ein Werdender. (…) Er hat in seinem Leben etwas allzu Großes, auch allzu Untragbares gesehen und die Zwänge des Lebens samt dem, wovon es bedroht ist, so daß der Rest an Natur, den er wahrnimmt, oder die Stadtviertel und deren Personen zu einer Vision gelangen, die, vermittels ihrer die Perzepte dieses Lebens, dieses Augenblicks bildet, dabei die erlebten Perzeptionen in einer Art Kubismus, Simultaneismus, grellen Lichts oder Dämmerung, in Purpur oder Blau explodieren läßt, die kein anderes Objekt oder Subjekt mehr haben als sich selbst.“

Gilles Deleuze/Felix Guatarri, Was ist Philosophie?, Frankfurt/M. 2000, S. 201

Ich habe ja echt geheult, als diese Supreme-Court-Entscheidung zur Ehe gefällt wurde. Dann doch.

Erinnere mich gut daran, wie vor gut 10 Jahren z.B. das berühmt berüchtigte PI startete, zunächst unterstützt von liberalen Bloggern, die sich gemeinschaftlich im Zuge des „Pro Bush“-Bloggens formierten. Bei dieser Keimzelle des aktuellen Hasses auf – fiktiv – „den Islam“ und Muslime, PI, stand nicht zufällig auch der Kampf gegen die „Homo-Ehe“ ganz oben auf der Agenda. Das führte auch zum Bruch zwischen (Neo-)Liberalen und PI; obgleich unter ersteren auch einige sehr heterosexistisch wetterten. Andere nicht.

Das sind die Klüngel, die vorbereiteten, was nicht nur bei Pegida, sondern auch in einst mitstreitenden Blogs sich längst etabliert hat. Eben ein gewaltiger Backlash, der alles, was rund um Stonewall (was keine weiße, Cis-Gender-Veranstaltung war), die Feminismen und an Empowerment und Kritik von White Supremacy orientierte Sichtweisen aus den PoC-Communities um 67-69 kulminierte, weg beißt und auch noch ins Opfersein sich hinein dünkelt – weil trotz Erkenntnissen in die liberale Gleichheit keine materiale Möglichkeitsentfaltung zugelassen wird und der narzißtische Selbstbezug total geworden ist.

Mag sich die Fusion aus dem Hass auf Muslime und dem Kampf gegen LGBTIQ-People das in manchen Bereichen des Diskurses auch gewandelt haben: Eben da, wo nun triumphierend und geschichtsklitternd Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Geburt der „Gemeinschaft des FC St. Pauli“ aus dem Geiste der Romantik?

Nein, es muss nicht jede_r sich in der politischen und Geistes-Geschichte des 19. Jahrhunderts auskennen. Bezieht mensch sich freilich explizit darauf, so wären ein paar Recherchen nix, was schaden würde.

„Tölle stellte u.a. in einer urkomischen Performance mit Lothar Matthäus einen der „ganz großen Romanciers des Fußballs“ vor und sorgte mit einem einleitenden Text des Dichters Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1798) für einen ungewöhnlichen Start. „Die Welt muss romantisiert werden!“, forderte Novalis in seinem Text, der so etwas wie ein „Grundprogramm der Romantik“ darstellt.

Sein Ziel, „dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben, finde sich auch heute im Fußball wieder, so Christoph Nagel: „Ein Ball rollt in ein Netz. Eigentlich nichts Besonderes. Aber jeder hier im Saal weiß, was für unendliche Gefühle das auslösen kann!““

Ja, witzig, bierselig-sentimental in der Unendlichkeit zu schwelgen. Nun ist die Zusammensetzung eines Panels nie zufällig, und ist nur eine Frau dabei, fällt das eh schon auf. Um so mehr, wenn zwei Tage später auf dem Platz jene, deren Sichtweisen auf die weißdeutsche „Romantik“ und wie sie sich beim Moderator, Rettig oder Tölle artikuliert, mich tatsächlich interessieren würden, nämlich die Spieler des FC Lampedusa, jene Rolle einnehmen, die Schwarzen in dieser Gesellschaft eingeräumt wird: Fussball spielen. Dabei weiß jeder, der ihnen je lauschte, wie ungeheuer lehrreich das ist. Warum diskutiert da keiner mit? Wurden sie gefragt und wollten nicht? Falls ja, und sie wollten nicht, erübrigt sich der Einwand.

Ich habe auch gegen Novalis nix einzuwenden, würde von Moderatoren des ach so politischen FC St. Pauli wenigstens, Historiker!, sich mal schlau gemacht im Vorfeld, Mehr von diesem Beitrag lesen