Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Kontrafaktisches

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

Jenseits der großen These …

Snackable. Likable. Sloganisiert. Kein Einlassen, kein Einlass: Wie Vogelrufe – Meme, Abwehr, Notenschlüssel.

Verstellt, gestelzt, herbeigemackert: Ein Leben wie auf Transparenten. Beifall in Kneipen. Die Rede schwingt nicht, doch er sich mit ihr auf.

Lässt hinter Dir und’s Ihn entfernt die Podien bewohnen.

Dein Blick, er schweift und sucht, verweilt, kein unterwerfen; er huscht und will nichts greifen. Lauschen taucht ein in Klänge und Worte, erkundet das Unfassbare, Dargebotene; verweilt still ganz im Verlauf des Jetzt.

Aufnahme: Start. Immer zurück ins Vokabular, mit ihm jonglieren – Zugriff verwehrt, drum Bild gefunden. Eines, das sich wie Zuhause fühlt. Beobachten verlassen – drum Augen auf. Sätze nicht passend machen, sie umtanzen nur und fangen nicht ein, sie treffen nicht und können so entdecken. Es schwingt und liebt. Das Bild bewegt.

In die Akkorde lauschen. Fingerkuppen klopfen, kratzen auf Oberschenkeln die letzte Anspannung hinfort. Sie finden Melodie, folgen ihr und wissen, dass Wiederholen nur erschöpft, sich Variieren ersehnt.

Den Rhythmus finden, Farben folgen. Sie glitzern und florieren. In Blüte feiern, sehen lernen. Den Schlägen weichen. Das Nutzlos ziehen.

Ließen sie Dich, sie würden sich verlieren. Stellen Räume zu. Sind es gewohnt: Gerührt, geschüttelt, formatiert. Snackable. Likable. Sloganisiert.

„Wir sind gegen die Seilbahn und die Polizei ist doof!“

Ich habe nicht mit abgestimmt, obgleich ich als Bewohner des Bezirks „Mitte“ ja gekonnt hätte. Über die Seilbahn. Weil ich mir schlicht unsicher war. Weil, wenn ich richtig informiert war, der Startpunkt des Bauunterfangens am unteren Ende der Wallanlagen gewesen wäre und es mir schon bei Hafengeburtstagen auf die Nerven fällt, wenn die Leute in meinen Vorgarten eindringen – was ja schon auch viel über meine eigene Jägerzaun-Mentalität aussagt.

Trotzdem merkte ich heute morgen Zorn in mir aufsteigen. Über dieses ewige „Dagegen“ derer, die nun mit Sicherheit so gar nicht dafür zu sorgen, dass sich mal was in die richtige Richtung bewegt. Die unverdrossen glauben, ob im Zeckensalon oder bei  Celtic-Spiel-Rahmenprogrammen, ihre öden, weißen Indie-Kapellen, die sie in ihrer öden, weißen, heterosexuellen Macker-Welt nostalgisch pflegen, hätten nun irgendwas mit Zukunft zu tun.

Neulich im Golem: Die Haus-Jazz-Band Mehr von diesem Beitrag lesen

Von Hollywood lernen

Kennt jemand „Adaption“, diesen zauberhaften Film mit Nicholas Cage als Brüderpaar, Zwillinge halt, der ein Film über das Drehbuchschreiben ist?

An Details kann ich mich gar nicht erinnern. Aber daran, dass er sich über die Schule und die Schüler von Robert McKee lustig macht.

Der hat ein einflussreiches Buch namens „Story – Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“ verfasst. Und erhält in „Adaption“ sogar einen Auftritt.

Wenn ich mich recht entsinne, soll Nicholas Cage einen Bestseller, der irgendetwas mit einer Orchidee zu tun hat, in ein Drehbuch überführen. Die Autorin des Bestsellers wird von Meryl Streep gespielt. Geplagt von episch-kosmologischen Visionen eines künstlerischem Films und Rückenproblemen zudem scheitert er an der Adaption. Bis sein Bruder, an Robert McKee geschult, die Sache übernimmt und prompt die Filmhandlung zu atemberaubender Geschwindigkeit sich steigert, irrwitzige Wendepunkte Handlung statt Reflektion voran treiben, aufgedeckte, schäbige Geheimnisse den Zuschauer erfreuen, Situationen, in denen die Protagonisten in Gefahr geraten, sich häufen und eine völligen Entzauberung der zuvor so sanftmütig kultivierten Bestsellerautorin als egomanische Diebin geschützter Pflanzen eine gute Pointe liefert.

Ein Film über das Erzählen, der beide Seiten aufs Korn nimmt: Die als Kunst getarnte Langeweile epischer Onanie wie auch das ins Absurde kippende Dramatisieren, das keine Ruhepausen kennt, Suspense auf Teufel komm raus erzeugen will und eben nur Action, Handlung, kennt.

Was dann bei Filmen, die sich wohl als „Arthouse“ verstehen, als Gegenreaktion wieder unerträglich stilisierte Bildverliebtheit nach sich ziehen kann, einen Fetisch des Bruchs und der Diskontinuität und selbstverliebte Ausweichmanöver, die vor lauter Weglassungen und Andeutungen gekünstelt rein gar nichts mehr erzählen.

Ebenso entstehen Stilblüten in Überlänge wie die Verfilmung des „Nachtzug nach Lissabon“, wo ein ständig getriebener Jeremy Irons wie besessen durch ein pittoreskes Postkarten-Portugal hetzt und absolut unverständlich bleibt, was ihn antreibt. Und das ganze Niveau suggeriert, weil scheibchenweise die Geschichte einer Widerstandsgruppe gegen die Diktatur einst enthüllt wird und existentialistische Plattitüden aus dem Off gesprochen werden. Und sich die Hauptfigur an der „Intensität“ der Erfahrung von Folteropfern weidet und dass sie doch so auf Handeln setzten und nicht wie er nur auf Altphilologie.

Ein Film, der deswegen viel geguckt wird, weil humorlose, gelangweilte DIE ZEIT-Leser in ihren bildungsbürgerlichen, weißen Heterowelten wie auch bei manchem Tatort in seiner Volkshochschulhaftigkeit glauben, da würde etwas über „Politik“ erzählt.

Als wisse nicht jeder vorher schon, dass es verwerflich ist zu foltern. Obgleich sich selbst diese Sicht der Dinge seit Waterboarding ja verwaschen hat.

Das sind dann die gleichen Leute, die heimlich Sarrazin zustimmen, die so was gucken. Die Leitartikel Giovanni diLorenzos und Co zur Rettung kolonialer Sichtweisen in Kinderbüchern und Performances von Denis Scheck in rassistischer Kostümierung vermutlich richtig und witzig finden. Dass ausgerechnet die dann mit Tucholsky, der ins Exil gehen musste und nicht lange überlebte, „Was darf Satire? Alles!“ ausrufen, wenn es darum geht, Minderheiten zu diskreditieren: Krass, wie das, was hierzulande als „Humor“ gefeiert wird, von eben dieser Haltung lebt und somit einfach nur als mehrheitsgesellschaftlicher Zement Verhältnisse geronnen hält. Selbst mein gerade mal 19jähriger Neffe plappert diesen Bullshit schon nach, dass jede Minderheit ein Recht darauf habe, sich über sie lustig zu machen. Da lacht der weiße Deutsche. Nur möglichst nicht über sich selbst.

Und immer wieder scheint es mir, dass hier auch die ästhetischen Verhältnisse seit Harald Schmidts Polenwitzen auch rein gar nichts anderes mehr erlauben. Und dass es sich drum lohnt, wenigstens in die Hollywood-Theorie hinein zu lesen, wenn das auch in der Praxis so oft nun auch nicht eingelöst wird:

„In Hollywood hat jeder Gastgeber diesen Fehler schon einmal gemacht: „Wir laden ein paar Komödienautoren zur Party ein. Dann wird es bestimnt lustig.“ Sicher … bis sie den Rettungsdienst rufen müssen. Diese zornigen Idealisten wissen aber, daß kein Mensch ihnen zuhören würde, wenn sie über den zerrotteten Zustand der Welt dozierten. Doch indem sie Hochstehendes trivialisieren, Snobismus durch den Kakao ziehen, wenn sie zeigen wie die Gesellschaft von Tyrannei, Narrheit und Gier beherrscht wird und so die Leute zum Lachen bringen, ändert sich vielleicht etwas. Zumindest wird ein Ausgleich geschaffen.“

Robert McKee, Story, Berlin 2000, S. 385

Aus dieser Perspektive war die Klobürste wirklich gut. Ebenso das lustvoll intonierte, vor Ironie triefende „Ladies and Gentleman“, das der moderierende Lampedusa-Flüchtling bei der „Schattensenat“-Performance in der St. Pauli-Kirche treffend platzierte. Auch „Stromberg“ und die „Heute-Show“ wagen es.

Ansonsten freilich herrscht eher die kontrafaktische Suggestion der Tyrannei faktisch Machtloser in Deutschland gnadenlos und greift epidemisch um sich. Weise weiße Deutsche auf ihre alltäglichen Herabwürdigungspraxen hin – prompt werfen sie sich in die Pose des Unterdrückten und Zensierten. Mach Dich dann noch über sie lustig, und es wird richtig gefährlich …

Die oben skizzierte Methode der Neuen Rechten ist erstaunlich erfolgreich, liest man sich die Leitartikelei im Allgemeinen durch. Weil seit Wilhelm Zwo spätestens die meisten Kulturpraxen dazu dienen, den Dünkel, die Achsoüberlegenheit des als eigen Verstandenen zu stabilisieren („WIR haben aus dem „3. Reich“ gelernt!“) und mittels Mario Barth noch die zur „Unterschicht“ Degradierten daran partizipieren zu lassen, wo man ihnen sonst schon nix mehr lässt. So trinken sie den Kakao, durch den man sie zieht. Fun ist ein Stahlbad, Und dazu gehört auch, über Machtlose zu lachen mit Dennis Scheck. Wieder im anderen Klassenzusammenhang.

Alles andere scheitert an der Filmstiftung.

Vielleicht sollte man sich lieber mal wieder von jenen Weisen des angloamerikanischen Erzählhandwerks inspirieren lassen, die ihre Formen aus Inhalten gewinnen. Liest man bei McKee genau hin, plädiert er dafür. Die Kunst der Dramatisierung kann über die Figur und deren Beziehungen auch hinein gehen in ein Thema und es brechen, statt Stellvertreter zu erfinden.

Anstatt in deutschem Dünkel sich ach so überlegen der Massenware der Kulturlosen zu wähnen. Um zugleich völlig dogmatisch die Fetzen all des Lehrbuchwissens, die allerorten gelehrt werden, Stoffen aufzuprägen, ohne sie aus ihnen entstehen zu lassen. Weil man so in stereotypisierten Rahmen diese aufbrechen könnte – zugunsten des Besonderen. Zumindest dann, wenn man das ernst nimmt, was Robert McKee schreibt. Um so das falsche Allgemeine, das als Macht in den Beziehungen wirkt, zu konservieren.

Für Weltbezug – nur eben den Gewollten!

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr ist seltsam, wie rückwärts, vorwärts, Spiralbewegung wieder jene Stationen angefahren werden, da man schon war und doch auch nicht.

Sitze auf Sylt als „Garage Man“; im ausgebauten Giebel einer Garage blicke ich auf die Hundewiese im Dunkeln. Jener, da heute zwei übergroße irische Wolfshunde aus dem Schatten auftauchten wie Visionen in einem Traum.

Letztes Jahr saß ich im Giebel des Hauses, zu dem die Garage gehört, blickte hinüber nach Römö, Lichter lachten mir zu, und suchte im Netz nach Saxophonen. Mailte eine Holzbläserwerkstatt an wegen eines gebrauchten Hornes, ob es denn im Laden anzuspielen sei. Kurz zuvor noch bei

Saxe

Just Music im Bunker in Anwesenheit einer guten und mich immer neu inspirierenden und mir immer drei Schritte voraus seienden Freundin das erste Mal seit Jahrzehnten in ein Saxophon geblasen. Es ließ mich nicht los. Die Monate vorher Nächte hindurch mit Musik-Apps gespielt und statt immer nur ÜBER Klänge und Kompositionen zu berichten sie zu erfahren gesucht.

Sätze, in Büchern gelesen, man solle sich nicht immer auf das konzentrieren, was man NICHT wolle, sondern auf das, was man will, hatten das Arbeitsleben komplett umgekrempelt, und nicht nur das.

Und was ich akut situativ wollte, stellte ich fest, wenn ich in jeder App sofort auf die Saxophon-Sounds los ging und mit ihnen spielte und eine Sprache simulierte, die als uneingelöstes Versprechen in mir nach Unterricht in Jugendzeiten noch nach Ausdruck suchte, im Verborgenen als Hauch wie Subtones rauchig atmend.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr; drömelte nach dem Jahreswechsel mich wieder ein in Routinen und wagte es doch, dem Ruf zu folgen. Nun stehen glatt 4 Hörner bei mir zu Hause und werden gespielt, Goldie Horn hat mich hierher in die Garage begleitet.

Doch es ging nicht mehr, das mit den Routinen. Es ging nicht mehr, der alltägliche Kampf im Job, da ständig auf mich einströmte, was NICHT ich wollte.

Hatte doch die so tolle Erfahrung genossen: Sie hatte mich mit neuen Bildern und Lichtern beschenkt, als ich das Privileg genoss, bei der Album-Präsentation der letzten CD von Noiseaux dabei zu sein. Wo sich etwas musikalisch einen Weg bahnte, dass die ewige Fokussierung auf die Hater, noch während sie thematisiert wurden, hinter sich ließ und stattdessen Räume eröffnete, sich auf Welt mal wirklich ungehindert einlassen zu können, anstatt ständig davon abgelenkt, überschrieben und diskreditiert zu werden. Weil ständig irgendwer in Themen des Üblen stupst wie in die Scheiße.

Das ist gewaltig, was auf dem Album zu hören war und ist, denn das ist der Weg in die Utopie. Und immer sind es auch Ausdrucksmittel, die ihn ebnen, den Weg, die erst das zu artikulieren vermögen, was gewollt – die jenseits des Referierens und Objektivierens angesiedelt sind.

Ob Bachs h-Moll-Messe oder Coltranes „A Love Supreme“, ob Divines „Shoot your Shot“ oder Fela Kutis „Zombie“, Weltbezüge sind eben nie unmittelbar, doch die Wahl der Mittel selbst ist bereits ein durch und durch politischer Akt. Je theoretischer und abstrahierter der Weltzugang, desto verdinglichter erstickt das falsche Allgemeine – und was dabei schwindet, ist die emphatische Offenheit, die Möglichkeit der Mimesis, die nie nur im Begriff sich bewegen kann, eben weil dieser nur subsummiert und so das tilgt, was lebt. Um Adorno zu paraphrasieren. Der dahin ganz und gar theoretisch sich bewegte.

Wer ewig „Rechtsstaat“ schreit, wird nie verstehen, was es heißt zu ERLEBEN, all das Grausame wie auch das Magische, und weiter seine Panzer rollen lassen. Wird Meme wie „illegal“ Menschen aufprägen wie Foltermethoden und eben solche Spuren hinterlassen.

Sich auf das konzentrieren, was man will, nicht immer auf das, was man nicht will – eine Maxime, an der stets selbst ich immer wieder scheitere und die in Erinnerung gerufen eben Emanzipation vom falschen Ganzen verheißt. Ein Jahr des Struggles, immer wieder diese Maxime mir zu vergegenwärtigen mit dem wundervollen Nebeneffekt, nun ein offenes Feld vor mir zu sehen, das nicht mehr mit 6-stelligen Bürgschaften zugestellt Erpressbarkeit durch Apparatschiks als Drohung manifestiert.

Was wollen wir denn eigentlich, wenn wir „Nazischweine“ rufen? Einfach nur, dass es die nicht mehr gibt, oder tatsächlich eine Welt, in der das, was die Nazis und die, die von ihnen bis heute lernen, wollten, eben nicht mehr ist?

Worauf bezieht man sich denn, wenn man das ruft? Auf die Möglichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung, von denen zu lernen ist – wieso nur taucht das ansonsten nirgends auf? Auf Lust im Neu-Erfinden von Männlich- und Weiblichkeit jenseits der Geschlechternormen und dem, was nach ihnen kommen könnte? Lebensformen, die das Korsett der Kleinfamilie sprengen, wollen wir die? Das Lernen von den tatsächlich Kolonisierten, Unterjochten, von Abschiebung Bedrohten, Unterworfenen, Beherrschten, Diskriminierten – wieso erscheinen diese dann nur noch als Randnotiz und Nebensatz auf Flugblättern? Was hätten wir denn gerne statt des tatsächlichen Polizeistaates? Wie wollen wir denn wohnen? Einfach nur billiger?

Fragen, die zu beantworten es viele Leben und Jahre braucht, doch lässt man sich ständig auf die Diskursvorgaben der Hater, der Reaktionäre, der Fleischauer-Paraphrasen und „Wir haben ein Recht auf Diskriminierung!“.Apoplogeten, die fortwährend „Und wer sich dagegen wehrt, gründet infantil nur Sekten!“ gröhlen wie rechte Aachener Ultras ein, kommt man nicht dazu, sie zu stellen – wenn die Ewiggestrigen Tribunale gründen und sich wie Personalsachbearbeiter gebärden, wird am Überdeutlichsten, dass das Problem der „Linken“ in den letzten zwei Jahrzehnten eben nicht nur der Zusammenbruch des „Ostblocks“ war, nicht nur die ungebremste Macht des Kapitals, sondern auch ihr Utopieverlust. Und ihre Anähnelung an jene, die sich zu kritisieren vorgeben, während sie ihre albernen „Gegenkulturen“, vom weißen Privileg gesättigt, auch noch abfeierten, als hätten diese im Gegensatz zu Jazz, Soul und Disco wirklich etwas bewegt.

Ein Jahr ist ein Jahr ist ein Jahr – als das ganze Stadion „Bruuuuuns“ rief, wussten wir, was wir wollten. Als den Refugees gelauscht wurde, statt sie zu paternalisieren und eine „Embassy of Hope“ die Lügengebäude Neumanns und Scholzens ins Wanken brachte, das waren Momente, wo zu spüren war, was man wollen könnte.

Wenn die tänzerische Spielweise der Mannschaft des FC St. Pauli sich vom „Gras fressen!“-Mackertum entfernte und in Ratsche, Nöthe und Bartels ein ganz anderer Spirit auf dem Platz in Pirouetten sich drehte, da war etwas spürbar. Als Time Kreich bei „Fussball und Liebe“ im Millerntor-Stadion mit ihre ganzen Intensität das Publikum in den Bann zog, als ausnahmsweise mal das heterosexuelle, männlich dominierte Publikum Feministinnen, Lesben, Schwulen lauschte, von Sookee fasziniert wurde und Love Newkirk „A change is gonna come“ so anstimmte, dass erahnbar wurde, was das tatsächlich heißen könnte, das war ein Moment, wo sich zeigte, was man wollen kann. Als FC St. Pauli Aufsichtsrat Roger Hasenbein formulierte, welche Schritte auf dem Weg zur Ent-Marginalsierung möglich wären und Lars Albert die Diskussion zu „Critical Hetism“ eröffnete. Als ein Raum wie das Millertor-Stadion, nun alles andere als außerhalb von Gentrifzierungsprozessen angesiedelt, dergestalt eine Umdeutung erfuhr.

Also fröhlich weiter jene blocken, die nur nerven, aufmerksamkeitsheischend, die immer gleichen immer schon, die mit ihren falschen Prämissen der Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten den Weg nur verstellen. Saxophone müssen halt auch dabei sein. Um sich stattdessen zu überlegen: „Wie zusammen leben?“

Hat Roland Barthes schon vor mir getan.

Inspiriert von Stpauli.Nu stelle ich sie hier nun auch erneut und bin mir mit ihm völlig einig 😉 …

„Sie interessieren sich weder für die Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt“

Ebenso wie zur Realität haben linksradikale Antirassisten auch zu den Flüchtlingen vor allem ein instrumentelles Verhältnis. So interessieren sie sich weder für die jeweiligen Fluchtursachen noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt. Die Flüchtlinge haben für die radikale Linke längst die Funktion übernommen, die einmal das Proletariat innehatte. Sie gelten qua Herkunft als Verbündete, mit deren Hilfe der eigene revolutionäre Karren aus dem Dreck gezogen werden soll; sie sind lediglich Statthalter der Wünsche und Sehnsüchte einer vollkommen orientierungslos geworden radikalen Linken.

Ich will mich da auch gar nicht ausnehmen.

Obgleich ich mich aktuell eher wieder ortlos denn radikal links fühle. In dieser merkwürdigen Wellenbewegung zwischen Identifikation und Abgestoßensein bewege ich mich nun auch schon seit den frühen 80ern, neu ist das nicht für mich.

Aktuell entsetzt es mich derart, wie eine Entdifferenzierung in Fragen von Flora, ESSO-Häusern und der Lampedusa-Gruppe jene Ansätze, die so grandios die Refugees in die Stadt trugen, erstickt; wie sie zugunsten der ignoranten Selbstheroisierung von Teilzeitrevolutionären geopfert werden, dass es mich graust.

Im Grunde genommen haben die Refugees die Bürgerrechtsfrage wieder zur Menschenrechtsfrage gemacht.

Das war auch dringend nötig, nachdem in Deutschland der umgekehrte Prozess nach der „Wieder“vereinigung sich vollzog: Eine aktiv „rassifizierte“ und kulturalisierte (Westen versus Islam) Prioriserung der Staatsbürgerschaft vor dem Menschsein prägte die Politik. Wer sie nicht hat, die Staatsbürgerschaft, ist Freiwild und vogelfrei dann, wenn er nicht weiß ist (oder nazistisch-traditionell unter „slavisch“ verbucht wird).

Wer zudem aus wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen fällt, bekommt Saures – und fortwährend hält sich die Unterstellung, genau in diese Zumutung Hartz IV wollten nun massenhaft Menschen einwandern, wovor der weiße, deutsche Volkskörper zu schützen sei.

Die Refugees antworteten pointiert: Wir haben kein individuelles Problem, sondern sind Opfer eines strukturellen. Deshalb macht eine Einzelfallprüfung auch keinen Sinn, sondern nur der Paragraph 23 Aufenthaltsgesetzes. DASS wir Flüchtlinge sind, liegt am NATO-Krieg in Libyen. Es sind u.a. europäische und us-amerikanische Akteure, die für unhaltbare Zustände in unseren Herkunftsländern und jenem, in dem wir arbeiteten, sorgten. Deshalb stehen die Länder, die von dem Unheil profitieren, in der Verantwortung, für Strukturen zu sorgen, in denen wir menschenwürdig leben können. Das heißt für uns: Unbehelligtes Aufenthaltsrecht und, ganz liberal, das Recht, Verträge zu schließen – Arbeitsverträge und Mietverträge zum Beispiel. Wir legen großen Wert darauf, SELBST für uns zu sprechen und weisen jedes Für-uns-sprechen zurück, sei es nun die Kirche oder sonstige Unterstützer, die sich das anmaßen. So ungefähr. Mit der Bitte um Korrektur und Ergänzung.

Das ist in der Tat alles andere als die Weltrevolution. Das ist auch was anderes als Hausbesetzungen durch Bürgerkinder, denen bei der Genossenschaftsgründung wenig Steine in den Weg gelegt werden, weil sie auch so ganz und gar niedliche Kunst machen.

Die Refugees dürfen keine Genossenschaften gründen, und fordern, dass sich das ändert.

Es ist auch ganz generell gar nicht so einfach, Genossenschaften zu gründen, by the way. Ich wurde stattdessen auch genötigt, in Abhängigkeit von Banken, Bürgen- und Beteiligungsgesellschaften mich auszuliefern. Aber wenigstens konnte ich wählen, ob ich mich dem ausliefere oder nicht, ohne von Racial Profiling, Abschiebefolter und ähnlichem Grauen bedroht zu sein. Das nennt man Privileg.

Daraus ergeben sich nun aber ganz andere Fragen und hoffentlich irgendwann auch Antworten, als sie sich z.B. bei „Wir sind mehr!“ bei Facebook finden:

„Im Süden Europas bauen sie Grenzen, so hoch wie der Himmel, damit die wohlhabenden Wohlhabenden im Norden auch weiter wohlhabend bleiben. Die sagen den Habenixen im Norden gerne, dass die Habenixe aus dem Süden, denen sie ihre Wohlhabenheit mit verdanken, bald kommen würden, um den Habenixen hier das Habe abzunehmen. Nun sind die Menschen aus dem Süden aber hier und seltsamerweise wollen sie gar nix von den Habenixen, sondern von den Wohlhabenden und auch nicht als milde Gabe, sondern als Recht und sie laden die hiesigen Habenixe ein, es ihnen gleich zu tun.“

Das hat zunächst scheinbar eine ähnliche Stoßrichtung: Aus dem lernen, was die Refugees fordern.

Es wird allerdings atemberaubend entdifferenziert, schließt man nun das Bleiberecht für ESSO-Haus-Bewohner mit jenem zu Fordernden für die nun wirklich von allen Rechten komplett ausgeschlossenen Refugees kurz.

Ich bin ja auch mit Zizek dafür, den Anteil der Anteilslosen einzufordern. Nur dass die Anteilslosigkeit Rassifizierter noch einmal speziell strukturell wirkt: Die zieht sich durch alle gesellschaftlichen Strukturen. Auch und gerade durch die Reglements der akademischen und medialen Welten, durch die gesamte Off- und Non-Kommerz-Kultur und durch die hochsubventionierte sowieso. Durch Banken und Krankenkassen. Es gibt klassistische und ableistische Strukturen, die ähnlich wirken. Aber nicht gleich.

Auch, dass Blackfacing bei „Wetten daß?!“ so schamlos gnickernd rassistisch Betroffenen ins Gesicht spuckt wie immer schon in Deutschland, ist möglich, weil bis in diese Redaktionen im ZDF-Hauptprogramm PoC allenfalls vordringen, wenn sie brav zugewiesene Rollen in tradierter „Unterhaltung“ spielen, wenn überhaupt. Dann findet statt Auseinandersetzung nur Absicherung und Abwehr statt. Kann ja jeder mal über NDR-Flure gehen, wer da rumläuft.

Durch dieses Kurzschließen mit dem Unterprivilegiertsein des „Lumpenproletariats“, so heißt es bei Marx ja, verschwinden auch so unendlich viel höchst produktive Sichtweisen gleich mit. Das betrifft vor allem Qualifikationen: Das kulturelle wie auch ökonomische Know How der Refugees und anderer PoC, meines Erachtens aber aller Marginalisiertengruppierungen liegt so brach. Das Sprechen vieler Sprachen, das Wissen um Bau- und Ingenieurswesen in anderen Weltregionen, der Einblick in Formen dessen, was hier „Kunst“ heißt, anderswo aber vielleicht in anderen Zusammenhängen auch andere Funktionen erfült und Sichtweisen formuliert, ganz andere als im „Molotov“ vielleicht, verschwindet so zugunsten eines einfach nur „Abhabenwollens“. Das haben die Refugees so meines Wissens nie formuliert. Das sollte nicht zur Abwertung der „Proletarier“ führen, kann aber auch für diese nützlich sein.

Die Refugees wollen mitmischen, weil sie vieles dessen können, was Neumann oder Scholz nie lernen werden.

Was aufgelöst gehört, das ist diese verflixte Selbstreferentialität: Neumann macht Politik nur, um die Loyalität in der eigenen Behörde abzusichern, Scholz, um sich in seiner Partei zu profilieren, die linke Szene, um in ihren Verlautbarungen den eigenen Mythos zu pflegen, als hätte sie auch nur irgendwas in den letzten 20 Jahren gerissen – um das aufzubrechen, braucht es doch Vorstellungen neuer institutioneller Ordnungen und vor allem auch tatsächlich anderen Wirtschaftens. Mit Umverteilung, Non-Kommerz und Bestandserhaltung entsteht doch nix Neues, was diese Selbstreferenz aufbrechen könnte.

Was das ist, das weiß ich auch nicht. Aber es fragt ja auch kaum noch wer nach.

Bestandsaufnahme

Ja, ich bin viel zu lange im Zentrum mit geschwommen und habe mir den Kopf anderer Leute zerbrochen, die dann innerhalb der Institutionen befördert wurden, während ich immer härter am Limit segelte und mich selbst lieber an den Rand drängte. Weil die Zentren so unendlich grausam sind.

Trotzdem: In dieser Stadt, diesem Land stimmt ja nix.

Die Universitäten völlig verschult, Anstalten, das Denken auszutreiben seit der Einführung von „Bachelor“, Master“, „Bologna“ und jenseits der Reflektion verortet – im besten Fall üben noch Befristete für Hungerlöhne Kritik am Neoliberalismus in anderen gesellschaftlichen Bereichen, dem sie doch selbst unterworfen sind. Aber trauen sich natürlich nicht, Strukturen beim eigenen Brötchengeber öffentlich zu benennen.

Die Kämpfe der linken Szenen haben nachhaltig vor allem „Wohnraum für uns“ bewirkt – Hafenstraße, Gängeviertel, Bauwagenplätze, Flora ist noch insofern die Ausnahme, weil da ja jede Menge veranstaltet wird -, Flüchtlinge werden aber immer noch abgeschoben.

Trotzdem wird der eigene Widerstand derart glorifiziert, dass zwar keiner mehr weiß, wer nun eigentlich in den Lichtenhagener Häusern lebte und wie die das alles wahrgenommen haben, aber die Antifa hat sie gerettet.War ja akut auch gut und richtig so. Aber darüber hinaus?

Nazis gibt es immer noch verdammt viele. Ja, sie sind sogar auf dem Vormarsch, zum Beispiel in Stadien. Vielleicht ja auch, weil man sich in Deutschland bis heute so völlig fasziniert von den Nazis zeigt, dass man völlig vergessen hat, was jenseits von ständig formal proklamierten „Rechtsstaat und Demokratie“ so alles derart cool sein könnte, dass die Nazis schlicht unattraktiv und lächerlich wirken. Vergessen wird, wovon man sonst noch lernen könnte als aus der eigenen Naziaustreibungsgeschichte. Wie wäre es mal auch nur ein ganz klein wenig der Beschäftigung mit dem reichen Erbe jüdischer Kultur in Deutschland? Ist interessanter als die Geschichte der „Antifa“.

Der Großteil derer, die in der „linken Szene“ aktiv waren, haben sich in ihren Nischenökonomien eingerichtet oder sind in Mainstreammedien und Werbeagenturen gewandert (ich ja auch, obgleich ich nie wirklich Teil der „linken Szene“ war, eher Teilzeit-Peripherie) und verkleben ergänzend mit ehrenamtlicher Arbeit noch jene Bereiche, in die mal allmählich Geld fließen sollte. Sorgen mit letzterem dafür dafür, dass ökonomisch relevante Strukturen gar nicht erst entstehen können, sondern das punktuelle Spenden allenfalls über die Runden helfen. Dass zudem gesellschaftlich relevante Bereich weiterhin als jene gelten, die man sich irgendwie in Güte umsonst holen kann. Du, ich hab da sogar ’nem Schwulen zugehört. Ja, es gibt jetzt „Crowdfunding“ und so, aber selten für den Aufbau tatsächlich alternativer Strukturen, sondern vor allem projektbezogen. Und es gibt Off-Thater-, Galerien und so. Ja. Aber nimmt die wer wahr außerhalb des eigenen Dunstkreises?

Es gibt allerlei „Gründerhilfe“ – habe ich selbst in Anspruch genommen, bekam ich, weil ich „Eigenkapital“ aufbringen konnte, weißer Cis-Mann bin, bildungsbürgerlich geschult – und sie nahmen höhere Zinsen als die Commerzbank. Und ohne „Eigenkapital“ geht nix.

Universitätsprofessoren machen derweil dergestalt dem Nachwuchs Mut. Heroisierung des Scheiterns statt Klassenkampf, sozusagen.

Oder man hängt sich an die ganz Großen und verreckt in Abhängigkeit von Telekomm, NDR und Co.

In den ganzen Gründerberatungen sitzen dann vermutlich alte, resignierte Säcke wie ich, die irgendwann fest stellten, dass sie sich auch überangepasst und bis ins Burnout oder nahe dran aufgerieben haben und der Preis, mal was Anderes oder Neues zu versuchen, verdammt hoch ist. Weil immer die Attacken fahren, die es sich gemütlich im Halbgaren eingerichtet haben und ihre Mittelmäßigkeit verteidigen. Oder sie haben ihre gemütliche Nische gefunden und bewerten Andere. Oder sitzen da selbst auf  einer ABM-Stelle.

Und alles wurschtelt parallel, nicht aufeinander bezogen. Die Gay Community und „migrantische“ Strukturen haben sich abgekoppelt und pflegen eher Parallelökonomien, was auch daran liegt, dass grundsätzlich in den Zentren weiße, männliche (im Kulturbereich auch weibliche, da lässt man sie ja ran), heterosexuelle Platzhirsche den Weg versperren und alles, was ihre Hegemonien infrage stellen könnte dann, wenn es sich nicht paternalisieren lässt, bekämpfen und ausgrenzen. Machen ach so wohlwollend die Anderen zum Thema, verweigern aber, dass man auf sie selbst mal blickt. Kritik wird dann als ungebührlicher, persönlicher Angriff ausgelegt, blödes Generve von Vollzeitzicken und „Trouble Makern“, die sich ja angeblich nur davon nähren, sich ständig über irgendwas aufzuregen, was da gar nicht sei.

Alle Sparten nebeneinander her. Zwar werden Saxophonisten und DJs für Vernissagen gebucht, aber die Hochschule für Musik und Theater ist nicht vernetzt mit der Hochschule für bildende Künste, und lediglich das Stichwort „Medien“ kann gelegentlich eine Brücke schlagen, wo aber leicht die von Supremacy sich nährende „Wissenschaft“ Blickumkehren verweigert und parallel die „Macher“ sowieso diesen ganzen reflexiven Unsinn umgekehrt für obsolet erklären. Weil er im besten Falle ihre Praxis gefährden könnte. Was er aber gar nicht mehr tut.

Vereinzelt kümmern sich dann Großbürger paternalisierend um die Abgehängten und fördern punktuell „Hip Hop Theater“ und so was für Wilhemsburger Kids, aber bestimmt nicht unter der Regie von PoC, die mal die Blickumkehr auf Weiße vollziehen.

Dabei ist das, was ständig weg geschrieben wird, nämlich Critical Whiteness, in letzter Pointe die Befreiung vom Dünkel, von Supremacy (die Rechtschreibprüfung wollte da gerade „Supermacht“ draus machen). Haltungen, die in deutschen Kulturen und Institutionen, ganz gleich, ob Kunst, Theater, Universitäten, Medien, Banken eingeschrieben sind wie etwas, das Luft, Denken und Adern abschnürt.

Nimmt man CW hingegen ernst, ergibt sich ein Denk- und Handlungsspielraum für alle, und eben vor allem auch endlich mal für PoC und andere Ausgegrenzte, der gerade die permanent aufrecht erhaltenen Trennungen der verschiedenen Bereiche und gesellschaftlichen Subsysteme aufzulockern vermöchte jenseits dieses ewigen Sich-über-Andere-Erhebens.

Ja, ich habe oben auch die Kritik der Mittelmäßigkeit in Supremacy-Haltung formuliert, meine damit aber dieses DDR-Prinzip, dass jeder, der den Kopf raus streckt und mal was anderes versucht, mit Sicherheit einen Kopf kürzer gemacht wird von Vertretern in Großorganisationen oder solchen, die irgendwas schon immer so gemacht haben.

Was stattdessen Not täte, sind Intermedialität und Intersektionalität.

Das machen aber nur wenige. Es gibt kaum künstlerischen Journalismus, obgleich man sich doch mit „Medienkunst“ tot schmeißen kann – dass Verkaufsausstellungen der Galerie „Affenfaust“ wirken wie Formatfernsehen, wo jeder versucht, sich eine marktfähige Nische durch Ausarbeitung einer wiedererkennbaren Technik anzueignen und auszuarbeiten, das merkt aber keiner oder weiß es und glaubt nicht mehr an Alternativen.

Und verschiedene Diskriminierungs- und Ausgrenzungsformen mal systematisch aufeinander zu beziehen, dass das möglich ist, wurde zwar hier und da erkannt, aber außer Ausnahmen wie der Hamburger Queer AG zieht das doch kaum wer durch und alle bleiben unter sich. Oder habe ich was Wichtiges übersehen?

Es gibt Filme ÜBER Musik und Theater; da, wo zusammen gedacht würde, bricht zumeist Häme aus. Z.B. das Musical ist ja eigentlich eine Form, die wenigstens ein paar Grenzen einzustoßen vermochte, „Cabaret“, „Rocky Horror Picture Show“, hier überlässt man die übergreifenden Formen den Busreisenden und guckt stattdessen Kraftclub. Während die Oper sich musealisiert (ja, auch da gibt es Versuche, das zu ändern, in Off-Szenen).

Alles, wo mal irgendwo eine Grenze eingerissen wird, wird sofort wieder weiß und heterosexuell dominiert, und dann steht wieder Jan Delay vorne und die schwarzen Backgroundsängerinnen singen dahinter viel besser.

Wie bekommt man denn da mal Bewegung rein? Ja, ich habe es in meinem Feld versucht, aber gegen das Wirtschaften von Familienvätern, die alles zur paternalistischen Sauce mit sich im Mittelpunkt verrühren, will man auch nicht immer ankämpfen müssen.

Ich nehme die Millionenspenden gerne entgegen, um ein „House of Diversity“ zu gründen. Zusammen mit Frauen und PoC. Intermedial, intersektionell.

Einer der Kardinalfehler ist doch diese linke Verachtung des Geldes. Anstatt mal zu überlegen, wie man dafür sorgt, dass auch was damit angefangen wird, was nicht „Abschiebung“, „Ausgrenzung“, Paternalisieren und Depotenzieren bedeutet. Es ist doch Quatsch, sich auf die eigene Bescheidenheit etwas einzubilden. Luxus für alle kann doch nur Ziel sein.

Her damit! Für alle!

Und als allererstes für Refugees! Die uns ja die ganze Zeit vormachen, wie es geht, trommelnd, malend, mit Jelinek-Stück und dem Beharren darauf, nicht Objekt und Bittsteller zu sein. Mit Blickumkehr, einem Politikverständnis, dem man folgen möchte und viel Kreativität.

So was wird aus Hamburg zugunsten der Elbphilharmonie abgeschoben, um als Hauptstadt der Stagnation und zementierten Grenzen kulturell abzusterben.

Ein Dank, von ganzem Herzen, an die Refugees der Lampedusa-Grupppe in HH

„Wir wundern uns, dass uns immer wieder bei Treffen mit Politikern und Parteienvertretern wie zuletzt auch von Mitgliedern der Hamburger SPD Fraktion gesagt wird, dass es dringend Veränderungen in der europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik braucht und wie wichtig die Arbeit unserer Gruppe ist, und dennoch werden wir weiterhin abgelehnt.“

Das ruft auch in mir Erstaunen hervor.

Sogar SPD-Bürgerschaftsfraktionsmitglieder haben es begriffen: Die Lampedusa-Gruppe hat schon jetzt mehr für Hamburg getan, für mehr Bewegung in der Politik (wie ich sie verstehen würde) gesorgt, mehr Wissen und Verständnis für internationale, politische Desaster erzeugt als manche, die sich hier vermutlich fürchterlich wichtig finden in Senats-, Handelskammer- und Bürgerschaftskreisen. Die außer formelhaftem „Rechtsstaat, Rechtsstaat, Rechtsstaat“ politisch nichts zu sagen haben.

Während Senatoren sich vor allem darum kümmern, sich der Loyalität der Mitarbeiter in ihren Behörden zu versichern, schafft es ein Haufen traumarisierter Flüchtlinge, Zehntausende für ein friedliches Miteinander auf die Straße zu bringen.

Während Senatoren von „Einzelfallprüfungen“ schwadronieren, gelingt es der Lampedusa-Gruppe, das herzustellen, was einst auch Kernbotschaft der Sozialdemokratie war: Solidarität.

Während Senatoren immer verzweifelter versuchen, Menschen zu OBJEKTEN staatlichen Handelns zu machen, als sei Zwischenmenschlichkeit ein Verwaltungsakt, da die einen über die anderen verfügen, agierte die Gruppe weiterhin konsequent als eine Vereinigung von SUBJEKTEN mit eigenen Ansichten, Vorschlägen und Visionen.

Während die an der Regierungsbildung in Berlin beteiligte SPD alles dafür tut, auch ja den Erschein zu erwecken, und das im Widerspruch zu Verwaltungsgerichtsurteilen und Urteilen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, es handele sich hier primär um ein rechtliches Problem, kämpfen entrechtete Refugees visionär für einen Rechtsstaat, der diesen Namen auch verdient. Für einen Begriff von Politik, wie er längst aus den Köpfen vieler Akteure in den Parlamenten verschwunden zu sein scheint.

Kurz: Sie zeigen, was Kant einst meinte, als er vom Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit schrieb.

Sie führen Verschlafenen und wie fern gesteuert daher quatschenden „Verantwortungs-„trägern vor, was Aufklärung meint, auf die sich die europäische Tradition so wahnsinnig viel einbildet.

Ja, deren historisch-empirischer Schatten war Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus, Weltkriege und Ausbeutung – freilich immer dann, wenn der Gehalt von manchem, was die selbst oft rassistischen Denker schruben und verfochten, in Dünkel und Prinzipienreiterei umschlug und sich von der Empirie abwandte, lediglich, um herrschen zu können.

Genau dagegen wenden sich ganz im Sinne der oft gescholtenen Deklaration der Menschenrechte die Refugees:

„Ein konstruktives Herangehen, würde bedeuten zu akzeptieren, dass uns in Italien kein angemessener Flüchtlingsschutz garantiert wird, was eine Folge des Versagens des Dublin II-Systems ist, und dieses Versagen nicht auf dem Rücken der hier in Hamburg unmittelbar Betroffenen auszutragen, sondern Verantwortung dafür zu übernehmen und ernsthaft die Möglichkeiten der Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zu prüfen.

Angesichts der intensiven Auseinandersetzung in der Gesellschaft und den politischen Gremien über einen notwendigen Wandel in der europäischen Flüchtlingspolitik könnte Hamburg ein positives Signal aussenden, was nicht nur aus allgemeinen Absichtserklärungen besteht. Auch in den laufenden Koalitionsverhandlungen zur neuen Regierungsbildung in Berlin könnten sich die teilnehmenden Hamburger Politiker hinsichtlich dieses Themas einbringen.“

Ja, eben!

Sie sprechen aus und schreiben und distribuieren, was JEDER weiß, der sich mit dem Thema mal beschäftigt hat: Nix funktioniert bei „Asylkompromiss“ und Dublin II. Doch die Flüchtlinge wagen es, sich als Betroffene zu organisieren, eine eigene Sicht der Welt zu wahren, IHRE Erfahrungen als relevant zu begreifen und nicht die der Teilnehmer von Herrenabenden in  irgendwelchen Jagdvereinen in Harburg, wo dann angeblich „Politik“ gemacht wird.

Und fordern völlig zu Recht, dass ein Behördenhandeln zuungunsten von Menschen und eine Verteidigung des Rechtsstaates, die vor allem auf die Entrechtung von Personen abzielt, strikt zurückzuweisen ist:

 „Wir möchten daran erinnern, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Gesetze für Menschen gemacht werden und nicht umgekehrt. Das bestehende europäische System zur Aufnahme von Flüchtlingen verletzt die Menschenrechte, wir als Leidtragende können das bezeugen. An dieser Stelle reicht es nicht aus, wenn nur von Rechtsstaatlichkeit gesprochen wird, die Gesetze jedoch stets zu unseren Ungunsten interpretiert werden.“

Und fordern ergänzend eine POLITISCHE Lösung.

Doch genau davor schreckt feige der Senat zurück und die Bundes-SPD ebenso. Sie haben sich so daran gewöhnt, vor dem gewalttätigen Mob zu im Staube zu kriechen, der einst Mölln und Lichtenhagen möglich machte, dass sie vermutlich auch noch glauben, sie würden gegen ein Erstarken der Rechten agieren. Indem sie deren Forderungen nachkommen.

Dabei steckt im Manifest der Refugees mehr politischer Gestaltungswille im Sinne einer Politik für die Menschen als in allen SPD-Verlautbarungen der letzten 10 Jahre, an die ich mich erinnern kann. Würde man den aktuellen Senat durch die Refugees ersetzen, würde die Stadt vermutlich prompt aufblühen.

Denn eine der zentralen Erkenntnisse in der gesellschaftlichen Entwicklung im „wieder“vereinigten Deutschland zeigt ja, dass Rechtsextremismus besonders da erfolgreich ist, wo die wenigsten als „Migranten“ Markierten leben (dazu zählt auch das Einzugsgebiet von Herrn Scheuerle)  – oder dass er eben da, wo sich wirtschaftlich sehr erfolgreiche Communities etablieren konnten wie in Köln, keinen Fuss an den Boden bekommt. Da kann er einfach nicht mehr so viel an- und ausrichten.

Das beste Mittel gegen Rechtsextremismus ist, denen, gegen die sie bis hin zu Mordserien kämpfen, politische Geltung, Macht und Einfluss zu verleihen und nicht etwa, sie zum OBJEKT von Politik zu degradieren. Wenn dann diese Reflexe von Übermächtigung bis hin zum Titelbild von DIE ZEIT einsetzen, wo verteidigt wurde, Kindern beizubringen, die Refugees mit dem N-Wort zu belegen – bei entsprechender, institutionalisierter Gegenmacht wird die Antwort entsprechend ausfallen.

Was das Umfeld der „Embassy of Hope“ betrifft, so ist wirklich ein Beispiel von enormer Strahlkraft etabliert worden: Friedliches Miteinander ohne zumindest für mich sichtbaren Paternalismus. DAS war die Message der Aufklärer, gerade auch der jüdischen unter ihnen.

Hamburg könnte das nutzen, als Stadt mit dem höchsten „Ausländeranteil“ Deutschlands, wirklich mit Diversity erst zu machen. Sich dabei von den Refugees, den Mapuche und so vielen anderen, die hier leben, helfen lassen.

Es könnte Institutionen schaffen, die einer Hafenstadt angemessen wären und es auch aus dem Schatten von Berlin hervor treten ließe.

Statt verwaltungsrechtlicher Piefigkeit die ausgestreckte Hand der Refugees annehmen und schauen, was man gemeinsam auf die Beine stellen könnte.

In der Berliner SPD Avantgarde sein FÜR eine den Menschenrechten gemäße Flüchtlingspolitik.

Herr Scholz hat sich da doch gerade mit einer Rede für ein neues Zuwanderungsrecht profilieren wollen, las man bei Twitter.

Dann kann er ja hier vor Ort auch mal etwas tun und Fakten schaffen, Initiativen ergreifen, dass Situationen wie jene der Lampedusa-Gruppe produktiv und konstruktiv genutzt werden. Indem zum Beispiel prompt Arbeitserlaubnisse möglich werden.

Die Refugees haben großartigerweise ein Klima in dieser Stadt geschaffen, Resonanzräume eröffnet, das eine solche Diskussion MÖGLICH ist.

Sagt ihnen mal schön Dankeschön, Herr Scholz und Herr Neumann, und macht was draus, anstatt zu mauern.

Lernt von ihnen, und es wird vielleicht mal wirklich allen besser und niemandem schlechter gehen.

Lieber an das denken, was ich will: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 2:1

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Burnout-Kandidaten empfehlen jene, die sich damit auskennen, vor allem eine Übung: Konzentriere Dich nicht immer auf das, was Du nicht willst, nicht magst, nicht wünscht. Richte Dein Augenmerk ganz auf das, was Du willst und begehrst, was Du gut findest und gerne erführest.

Die Gefahr ist offenkundig: Überbordende Erwartungen, die in Frustration über Ist-Zustände umkippen. Realitätsverlust. Unkritisches Verhalten gar.

Umgekehrt tut es wirklich gut, sich auch dann, wenn irgendwas gerade nicht schön ist, sich vorzustellen, was man stattdessen gerne erleben würde. Eine Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Homophobie – wow!, wie die wohl aussehen würde? Eine ganz ohne aufgeblasene Egos, stattdessen vernetzt in Kooperation, Kommunikation, Solidarität, Mitgefühl, dem Wunsch, voneinander zu lernen – ich komme ins Schwärmen …

Und auf wundersame Weise könnte man manches davon sogar in sein Leben ziehen … und immer dann, wenn Unangenehmes widerfährt oder Handlungen dazu nötigen, vollzogen zu werden, einfach eine angenehme Erfahrung und das, was Spaß macht und gut tut, sich und Anderen, anschließend von ganzem Herzen gönnen.

Politisch sind die Systemgewalten eh so gewaltig, gewalthaltig und gewalttätig, dass ich nostalgischer Demokratieverfechter gar nicht weiß, wen ich wählen soll. Aber in individueller Lebensführung hat sich das Rezept jüngst tatsächlich bewährt.

Aber wie überträgt man das denn nun auf Spielberichte? Große Freude, dass auf der Süd endlich mal wieder eine Choreographie zu sehen war voll politischer Wucht, die jeden schlichten Lokalpatriotismus weit hinter sich ließ wie auch chronische Beschäftigung mit sich selbst und eine Reduktion auf „Polizei doof“, „Viertelschutz“ und „HSV ist Scheiße“? Begeisterung darüber, dass Halstenberg auf seiner Seite nicht fortwährend allein gelassen wurde, die Abwehr stand wie ein Bollwerk und nie der Eindruck einer 85 Minuten währenden Abwehrschlacht entstand?

Man soll sich ja immer vorstellen, was man gerne erleben würde …

Und auf das konzentrieren, was richtig prima lief! Fantastischer Spielzug zum 1:0 nach 3 Minuten! Verhoek trifft und trifft! Tschauner haut Geniestreich-Glanzparaden raus wie Bach einst Fugen! Trotz Hulk-artiger Körperlichkeit und konsequenter Konzeption hervorragen Fussballs auf Seiten des FSV Frankfurt haben wir 2:1 gewonnen! Waren das Brecher, S. neben mir fühlte sich an American Football erinnert.

Und in der Pause waren schöne Trailer für das „Fussball und Liebe“-Love Inn vom 26. bis zum 28.9. im Millerntor-Stadion zu sehen.

Weil man sich ja auf das konzentrieren soll, was man mag, will und erleben will … Fussball und Liebe halt.

Vom Outlaw in fiktionalen Genres

Manchmal schweben meine Gedanken durch die Illusion von Zeit und Raum, landen gar nicht weit von hier. Am Valentinskamp zum Beispiel. In einer Zeit, als die Hamburger Neustadt noch als „das Letzte!“ galt. Und Hubert Fichte über die „Palette“ schrub, ein Lokal unweit des Gänsemarkts, Künstlertreff für Nonkonformisten. Und in Lokalen am Valentinskamp „Tanzverbot“ herrschte. Kein generelles. Nur das zwischen Männern. Die Neustadt war das Schwulenviertel.

Bei Facebook gingen heute Fotos und Videos aus Russland herum. Dortige Neonazis, in trauter Einigkeit mit den Leitlinien der Russisch-Orthodoxen Kirche handelnd, quälten einen schwulen Teenager blutig und posierten dabei stolz auf Fotos.

Outlaw, das ist auch nah an „vogelfrei“.

Die Nazis sind das nie. Die begleitet notfalls noch der Verfassungsschutz. Die radikalisieren nur den Extremismus der Mitte.

Ich wünsche Putin und den Patriachen einen regen Underground mit Film und Literatur über lesbische Heldinnen, Kämpfern für Bisexualität und aggressiv mit angespitzten Pumps zurück schlagenden Transvestiten.

Was mich schon länger erschreckt, ist, dass im Gegensatz zu den USA oder einer Legende wie Robin Hood in Deutschland kaum eine Fiktionalisierung oder Dramatisierung der Outlaws Tradition hat. Büchner ist lange her. Hier lieben alle den „Tatort“, der richtet im Namen korrekter Verhältnisse und gaukelt Sozialkritik vor.

Deutschland ist eine Volkshochschule, deshalb wird auch der renommierteste Fernsehpreis vom Volkshochschulverband verliehen.

Wer vor geraumer Zeit die Fernsehfilmreihe „Der Yorkshire Killer“ aus Großbritannien sah, rieb sich verstört die Augen: Selbstgerechte, brutale Polizisten errichten Hand in Hand mit Baulöwen ihr Reich aus Folter, Willkür, Korruption, ihre ganz und gar eigene Herrschaft in Yorkshire verteidigend und vernichten jene, die Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Deutschland ist die Umsetzung eines solchen Stoffes kaum denkbar.

Fatih Akims Filme sind eine Ausnahme. Ansonsten findet sich wenig. Selbst in „Knockin‘ on heaven’s door“ mit Till Schweiger dürfen die Helden nur so ausrasten, weil sie todkrank sind.

„Thelma & Louise“ hingegen – da würde doch der in Fleisch eingeschriebene Wilhelminismus prompt Athtritis in Finger von Drehbuchautoren beamen, kämen sie auf die Idee zu einem solchen Stoff.

Klar gibt es gerade in den USA auch die Heroisierung von allerlei Grauen. Da werden noch Rechtsradikale, die sich in Farmen verschanzen, zu Helden. Oder Rassisten wie Charles Manson. Im Gegenzug „Shaft“ aber auch.

Und Mythen wie „Der Pate“, Bonnie & Clyde oder Ma Baker leben von einem seltsamen Ringen um Moralität und Amoralität, das anderswo als im Raum staatlicher Zurichtungen verortet ist.

Auch dieser Film, ich habe den Namen vergessen, da in einer Erziehungsanstalt missbrauchte Jungs, erwachsen geworden, ihren Peiniger erschießen, bis der alkoholkranke Verteidiger zusammen mit dem Staatsanwalt, letzterer selbst Opfer in der Erziehungsanstalt, das Rechtssystem austricksen mit Hilfe eines Priesters, der vor Gericht lügt – eine Abfolge moralischer Dilemmata inmitten brutalsten Machtmissbrauches mit der bitteren Pointe, dass das Leben der Missbrauchten durch den Racheakt auch nicht besser wird: Maria Furthwängler würde angesichts all der Unauflöslichkeiten vermutlich sofort im Koma landen, sollte sie in so was mit spielen.

Ja, es gibt dieses im wahren Leben schlimme Abfeiern von Selbstjustiz – dem deutscher Film dann einst mit Marianne Bachmeier-Verfilmungen antwortete. Und auch Andreas Breivik wird davon geträumt haben, als Outlaw abgefeiert zu werden. Schlimm genug. War er nicht, isser nicht. Outlaws kämpfen gegen große, stärkere Gegner. Und eben im Film, in der Literatur. Nicht auf Inseln, wo Wehrlose abgeknallt und ermordet werden.

Die Grausigsten sind halt die immer die Anti-PC-Kämpfer, die sich vermeintlich „Tabu brechend“ über angebliche Gesetze des Alltags hinweg setzen, während sie doch nur die Pfürze des deutschen Spießers aufwärmen und so mehrheitsgesellschaftlich wie nur irgend möglich ihr Spiel um das Recht auf Abwertung Anderer ausreizen. Das hat mit Outlaw so gar nichts zu tun, das ist einfach nichts anderes als die Alltagsentsprechung der Abschaffung des Asylrechts: Entrechtete noch weiter entrechten und verhöhnen wollen hat in Deutschland ja auch den Charakter einer nicht nieder geschriebenen Gesetzesnorm. Wasserzähler abbauen. Zwangsräumungen. Refugees nach Italien abschieben. Steigerungen.

Aber diese rein fiktionale Rachefantasie derer, denen unreglementierte Erfahrung noch etwas bedeutet, die sich gegen tatsächliche Mehrheiten, wirkliche Machtverhältnisse, echte Normierung auflehnen – total out hierzulande. Da sei die Juristerei vor.

Tarrantino macht die Rachefantasie von Juden angesichts der Nazis zum Film. Deutschland guckt „Dresden“ und sieht den „Schulermittlern“ zu.

Wohl, weil es Angst vor der Fantasie hat. Denn die ist selten unschuldig. Und gilt als gefährlich. Dabei ist gefährlich doch immer nur die Angst.