Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Kolonisierung der Lebenswelt

Refugees Welcome Center

Ich erinnere mich gut an den letzten Frühsommer, als durch meine Straße unweit des Pik As häufig Gruppen schwarzer Männer liefen. Es ist scheiße, dass ich das als auffällig empfand. Seit der de facto-Abschaffung des Asylrechts, das Olaf Scholz neulich wider besseren Wissens griendend als fortexistierendes „Individualrecht“ pries, während tatsächlich nur die Karte „Einreise durch ein sicheres Drittland“ politisch gewollte kollektive Ausweisung befördert, fällt das auf. Ich erinnere mich gut an die auch nicht luxuriösen Wohnschiffe unter dem „Altonaer Balkon“ zu Beginn der 90er, dass ich es schön fand, im 112er nicht nur unter Weißen zu fahren – damals wären sie mir nicht aufgefallen.

Seitdem freilich der Bundestag dem Mob von Lichtenhagen folgte und ihn retrospektiv legimierte, frage ich mich doch, warum sie in Gruppen abends durch die Stadt ziehen. Ich traf sie morgens in den Wallanlagen, es regnete viel – dann sah ich bei Facebook, dass es Bürgerkriegsflüchtlinge aus Libyen waren, die von Bezirksämtern nun aus Parks vertrieben wurden. Auch, dass die ersten schwer erkrankten wegen des Wetters.

Der Senat hätte sie vermutlich einfach verrecken lassen.

Die St. Pauli-Kirche schuf ihnen eine Embassy of Hope. Der FC St. Pauli und viele andere halfen.

Der Innensenator erging sich darin, Gesetzestexte auszulegen, Scholz schwang „kosmopolitische“ Reden mit rechten Parolen wie jener, das „Arbeitsmigranten“ die Sozialsysteme gefährdeten und „Afrikaner“ doch lieber bleiben sollten, wo sie hin gehören. Sinngemäß. Als was anderes als Straßenfeger oder Küchenhilfen kann er sich solche wohl eh nicht vorstellen, sonst hätte er nicht so viel von „gering Qualifizierten“ geschwafelt.

So sieht sein Senat dann ja auch aus: Weiß. Proppevoll mit Supremacy-Allüren, dass manch „White Pride“-Verfechter wohl an „kaukasischem“ Neid erstickt angesichts dessen.

Die Geschichte kennt jeder; anlässlich dessen, dass heute in der Laiesz-Straße ein städtisches Gebäude als „Refugees Welcome-Center!“ eröffnet wurde, sei an die Untätigkeit, die dünkelhaften Allüren, das Apparatschiktum und Paragraphenreiten angesichts menschlicher Not erinnert.

Denn soeben ging ein Tweet der Anwohner-Ini-Schanze herum, dass ein Ultimatum bis 21 h gestellt sei und die Schulbehörde Strafanzeige gestellt habe. Wieder lässt dieser Senat Menschen lieber verfolgen und entrechten, als ihnen ein Zuhause zu gewähren.

Wieder sind es in dieser Stadt lebende Menschen, die zeigen, was „Tor zur Welt“ sinnvoll heißen kann – und wieder schlagen es Hamburger Behörden zu, als würde ihnen die Stadt gehören.

Wie eine Behörde, die für die Erziehung Heranwachsender zuständig ist, derartig handeln kann, ist mir ein Rätsel – sie wird es mit „Recht und Ordnung“ begründen. Schülerdemos klärten sie, es besser wissend, darüber auf, worin Demokratie gründet und dass das, was Neumann zu schützen vorgibt, deren Grundlagen mit seinem Segen abräumt. Unbeeindruckt vom Engagement Heranwachsender. So treiben sie denen gleich im zarten Alter den Glauben an die Demokratie aus. Mittels Schulbehörde,

In Hamburg lässt man lieber Menschen in Abschiebehaft sich umbringen und entsorgt sie, als den Signalen aus der Bevölkerung nach einer anderen Politik mit der Änderung legalen Unrechts in Recht nachzukommen.

Das muss sich ändern. An vorderster Front haben sich jetzt gefälligst Reedereien und Schiffsfinanzierer zu engagieren.

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass die Namensgeber der Straße, in der die Schule steht, an postkolonialem Handel kräftig mit verdienten, indirekt von Massakern an chilenischen Salpterminenarbeitern profitierend. Mit ihren schicken Seglern, die mutmaßlich im „Hamburger Veermaster“ besungen werden.

Wie auch Ballin und Woermann sich an der Zerschlagung gewachsener Strukturen in Togo, an unzähligen niedergeschlagenen Aufständen in Kamerun (u.a. ausgebrochen, weil die Weißen ihre Finger nicht von schwarzen Frauen lassen konnten, darüber diskutierte sogar der Reichstag, Heten können grausam sein) und dem Völkermord an den Hereros verdienten. Im heutigen Ghana machten die Briten mit den neu erfundenen Maschinengewehren die Einwohner platt, in Togo nebenan brauchte man dann nur noch mit Strafexpiditionen drohen, während existierende, ökonomische Strukturen zerstört und Menschen in Abhängigkeiten getrieben wurden – während ein wenig weiter östlich, in Nigeria, die „Sklavenküste“ verheerende Folgen zeitigte.

Auch an dem Handel mit diesem verdiente Hamburg kräftig mit und tut das noch an den heutigen ökonomischen Folgen dessen.

Viele der Reeder und Konsorten, mit den Scholz bei Empfängen kungelt, haben historisch ihre Villen in Bestlage eben dem zu verdanken, was dazu führte, dass es noch 100 Jahre später die Mitglieder der Lampedusa-Gruppe nach Libyen verschlug.

Und da will man ihnen nicht mal leer stehende Schulen überlassen?

Zombies. Wie von Fela Kuti besungen. Das haben die Refugees zu recht auf der Demo im Herbst gespielt. Und meinten damit die Richtigen.

EDITH: Laut Twitter/HH-Mittendrin haben die Besetzer die Schule, mutmaßlich aufgrund der Drohungen, verlassen. Dann können sich ja die ganzen Erben der „großen Familien“ nun zusammen setzen, wie sie andere Lösungen finanzieren und in der Politik durchsetzen. Wo sie sich sonst schon in marineblau so dermaßen viel auf ihre Abstammung einbilden.

Bell Hooks über Jean-Michel Basquiat (und Lampedusa), Teil 1

Dienstag, der 15. 10. 2013.

Der Hamburger Senat schickt seine Polizisten zur Hatz auf Schwarze in Hamburgs Straßen.

Das ist ja hier nix Ungewöhnliches, sonst bekommt es nur keiner mit.

Frei herum laufende PoC sind manch Nachkommen der Kolonisatoren und Sklavenhalter und denen, die von ihnen profitierten, ein Gräuel.

Da müssen Ketten, Gitter, Lager her. Kontrollen und Zugriffe westlicher Institutionen, die sich „Rechtsstaat“ nennen und jede intuitive Vorstellung dessen, was gerecht sei, dank des politischen Willens der Akteure in den Chefetagen allzu oft verhöhnen.

Aber diese Institutionen haben ja auch eine Geschichte, eine der Herrschaft – in den Kolonien wie hierzulande. Sie schreiben sie fort.

Nicht nur in der Abschiebehaft. Da halt besonders schlimm.

Auch in Galerien, Museen, in Verlagen und den Redaktionen von Fernsehsendern. Und sogar in den Köpfen mancher paternalisierender Antifa-Macker, bei manchem Platzhirsch in der Flüchtlingsarbeit und selbst bei Brunnenbauern, die „Entwicklungshilfe“ wieder zur Sache für Hipster machen, kann das vorkommen.

Die aktuellen Lampedusa-Flüchtlinge scheinen mir zumindest ein kleinen Bruch bewirkt zu haben. Mir scheint zumindest, dass sie von Anfang an als SUBJEKTE in Erscheinung traten. Dass sie SELBST sprechen. Dass sie eine EIGENE politische Perspektive auf den Bürgerkrieg in Lybien einnehmen. Dass sie gar nicht einsehen, sich jenen Apparatschiks zu unterwerfen, die in Hinterzimmern mit Waffenhändlern kungeln und mit Konzernen, die davon profitieren, dass in Landstrichen auf dem afrikanischen Kontinent ein  permanenter Krieg tobt.

Gerade dann setzt freilich der Impuls ein, sofort mit Ketten, Mauern und Stacheldraht zu antworten. Mit Repression, Entrechtung, fortgesetzter Traumatisierung und allen aus den Totalitarismus bestens bekannten Methoden zu kontern.

Gleich wird eine Demo durch die Stadt ziehen, die der unsäglichen Politik des Hamburger Senates den Kampf angesagt hat.

Ich bin nicht so der Demo-Typ, kann man mir vor werfen, und übe stattdessen in meinen Publikationskanälen. Widme mich einem Thema, das manche dann unter „subjektiver Assoziationsarbeit“ verbuchen, eben jene, deren Hirne längst kolonisiert sind.

Es geht im folgenden um einen Aufsatz von Bell Hooks, einer in Deutschland völlig zu Unrecht ziemlich unbekannten Autorin. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass sie mir, der ich hier immer den „Critical Whiteness“-Vertreter spiele, auch bis dato unbekannt war. Weil ich das meiste Wissen eher aus dem Freundeskreis bezog. Das ist mir sehr peinlich.

Es geht um Jean-Michel Basquiat. Es geht um all die Fragen, die auch auf Hamburgs Straßen derzeit eine Rolle spielen. „Altars of Sacrifiice – Re-membering Basquiat“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Olaf Schillz und die unterlassene Hilfeleistung

Bei Facebook wurde schon angemerkt, die Schillerstraße, in der der sich derzeit als exekutierender Rassismus-Profi profilierende Herr Oberbürgermeister wohl haust, möge doch in Schillstraße umbenannt werden.

Ihn selbst kann man mittlerweile genau so umbenennen: Olaf Schillz.

Nachdem es ihm und Neumann, Scheele und wie die Schergen der Unmenschlichkeit alle heißen, misslang, die Lampedusa-Refugees im Frühsommerregen ignorant verrecken zu lassen, da sie sogar aus Parks verwiesen wurden, wollen sie nun ein meines Erachtens faktisches Unrechtsabkommen umsetzen. Eines, das vor allem den Brandstiftern von Lichtenhagen und Mölln und Prügelbanden in der sächsischen Schweiz genehme Politik vollzieht.

Die Methode, Rechtsextremismus zu bekämpfen, indem man Politik für Rechtsextreme macht, wurde seit dem alle Grundannahmen des Grundgesetzes höhnisch auslachenden „Asylkompromiss“ ja geradezu perfektioniert.

Die „Legitimation durch Verfahren“ wird dann selbstwidersprüchlich, wenn das, was verordnet und umgesetzt wird, zu den Begründungen für dieses Verfahren in Widerspruch tritt.

Demokratische Verfahren taugen dann als Rechtsbegründung, wenn ALLE mutmaßlich Betroffenen in die Entscheidung einbezogen sind, und sei es durch Stellvertreter und Repräsentanten. In diesem Falle also auch Vertreter der Flüchtlinge.

Völkische Ausschlüsse sind a priori undemokratisch, und was sie bewirken, ist tatsächlich – meines Erachtens – Unrecht.

Die rechtliche Wirklichkeit hingegen folgt einer ganz anderen Logik: Etwas, das als „nationales Interesse“ von Regierungen im Machtrausch und unterwerfendem Regelungswahn behauptet wird, wird kraft wirtschaftlicher Dominanz anderen Ländern verordnet und brutalstmöglich durchgesetzt. Das ist Kriegsführung mit anderen Mitteln. Das passierte bei allen „Euro-Rettungen“, so wurden die Volkswirtschaften Spaniens und Griechenland in die Knie gezwungen – und so haben deutsche Politiker auch dafür gesorgt, dass der Mythos „sicherer Drittländer“ ihre völkische Politik absichtert und maßgeblich in internationale Abkommen wirkte. Braucht man ja nur auf die Landkarte gucken, dass es verhältnismäßig unwahrscheinlich ist, dass jemand von Libyen an Gibraltar und Helgoland vorbei in den Hamburger Hafen schippert. Die „europäische“ Flüchtlingspolitik ist deutschem Diktat unterworfen. Dem eines institutionalisierten Rassismus.

Und es waren übrigens meines Wissens italienische Behörden, die unsere, ja, unsere, das sind nunmehr St. Paulianer wie Bernd-Georg Spiess, Thomas Meggle oder ich auch, Lampedusa-Refugees hierher schickten. Wohl wissend, dass es deutsche Politik ist, die all die Ertrunkenen vor Lampedusa mit zu verantworten hat. Es ist erstaunlich, was für eine Aufregung wegen Koffern auf Bahnsteigen möglich ist, sitzen doch in Regierungen, Behörden und Verwaltungen solche, die unzählige Tote im Mittelmeer zu verantworten haben.

Und jetzt bedrohen irgendwelche auch für die Miseren am Wohnungsmarkt und Gentrifizierung mitverantwortlichen Staatsräte andere Behörden: Wer „illegal“ sich hier aufhaltende Ausländer unterstütze, mache sich strafbar. Siehe Hamburger Abendblatt.

Im tatsächlichen, nicht rechtlichen Sinne sind solche Typen meiner Ansicht nach Verbrecher. Ich plädiere dafür, dass alle sich dafür einsetzen, dass Gesetze erlassen werden, solche „Staatsräte“ adäquat zu bestrafen. Ich weiß, dass auch bei der Aufarbeitung der DDR-Verbrechen die zu jenem Zeitpunkt geltende Gesetzeslage zugrunde gelegt wurde. Kann man ja in diesen Fällen auch so regeln. Dann kommt der Jetzige halt ungestraft davon, die Folgenden aber nicht mehr.

Das Schlimme ist: Die sind allesamt im Grunde genommen austauschbare Apparatschiks, die sabbeln, was „man so sagt“, weil jegliche Urteilskraft ihnen im Zuge der Karriereplanung ausgetrieben wurde. Die sind in ihre behörden- und parteienimmanenten Referenzsysteme eingewoben wie Fliegen im Spinnennetz, in die gewachsenen Beziehungen, in denen man sich wechselseitig Jobs zuschiebt, in das Profilierungsgehabe in irgendwelchen „Meetings“ und Hinterzimmern der Handelskammer.

Wer je in großen Organisationen oder für diese arbeitete, der kennt das ja – irgendwann beginnt man, was an sich unvernünftig, unmoralisch, funktional blödsinnig erscheint, sich zu rationalisieren. Gründe sich schön zu reden, die falsch sind, aber in den Organisationswirklichkeiten gelten. Vertritt in vorauseilendem Gehorsam auf einmal Anderen gegenüber Positionen, bei denen man noch zu Zeiten, da man einfach so Mensch ohne Funktionen war, sich erstaunt die Augen gerieben hätte.

Neumann, Schillz, Hape Friedrich und die anderen sind ja nicht so geboren worden. Und trotzdem gehen sie alle irgendwann diesen funktionalistisch-völkischen Herrschaftslügen auf den Leim. Wären die Folgen dessen nicht so mörderisch, sie könnten einem ja fast leid tun. Es ist schlimm, so zu leben.

Ungleich schlimmer freilich ist, was sie unseren Lampedusa-Refugees antun wollen. Wer die eigene Karriere vor die Vernunft und Emphatie schiebt, sollte zurück treten.

Vernünftig ist nämlich das Gebot, dass unterlassene Hilfeleistung zu sanktionieren ist und Hilfeleistung geboten.

Was die betreiben, ist irgendwo zwischen Fahrerflucht und dem Impuls anzusiedeln, einen Schwerverletzten kurzerhand in die Elbe zu kippen, weil einem irgendwer eingeredet hat, es sei gegen jegliche Notwendigkeit, den Notarzt zu rufen. Weil der Schwerverletzte schwarz ist.

Das ist reines Instinkthandeln zur Herrschaftssicherung. Und das ist gemeingefährlich.

Unsortiertes zu Yücels Plädoyer für kolonialrassistische Regime, das Erbe der „Aufklärung“ und was das mit Kunst zu tun hat

Im Grunde genommen ja langweilig, die ewig gleichen Textbausteine von Greiner bis Roenicke, von Fleischhauer bis Tsianos, von Hacke über Scheck bis Yücel zu kommentieren. Sie verharren in ihrer selbst verschuldeter Unmündigkeit, wanzen sich ran an die Macht und hassen mutmaßlich Kommunikation, Kunst und Kreativität.

Und die Freiheit des Anderen geht ihnen eh am Arsch vorbei. Sonst würden sie ja nicht alle den immer gleichen Marsch blasen und dazu im Gleichschritt argumentieren, triefend vor Rassismus, Sexismus, aber ausnahmsweise mal keiner Homophobie. Die aber vermutlich bei nächster sich bietender Gelegenheit im Zuge allgemeiner Besitzstandswahrung, Kritikunfähigkeit und Ego-Absicherung auch aufbricht, um sich als was Besseres fühlen zu können, so wie in Frankreich derzeit.
Es ist mir jetzt zu ermüdend, über Differenzen in der Konnotation von US-Vokabular und jenem in Deutschland zu dozieren (und ich bewundere die Akribie und Geduld Accalmies, das so großartig zu tun ebenso wie die von Halfjill!!!).

Ebenso nervt es mich, über die Ambivalenz der Aneignung diskreditierenden Vokabulars durch Diskreditierte zu sinnieren, das von Nicht-Betroffenen so gerne diskutiert und anempfohlen wird.

„Schwul“ ist da ja ein gutes Beispiel; es ist erstaunlich, wie häufig das Wort in abgrenzender Absicht an ganz normalen Arbeitstagen allerorten fällt, von Heten verwendet; wie angewiesen sie darauf sind, es ständig zu thematisieren, um sich als das Andere dessen zu positionieren. Ich war gestern nur einmal wieder verblüfft während meines Broterwerbs: Ständig. Dass „schwul“ zu den beliebtesten Schimpfwörtern auf Schulhöfen zählt ist bekannt; ob es nun sinnvoll war, es zur Selbstbezeichnung zu nutzen? Zunehmend sehne ich mich nach von Begriffen freien Sphären des namenlosen Begehrens, das nicht den Kategorien, die zugleich Hierarchien stabilisieren, sich unterwirft. Weil das Abgrenzungsbedürfnis „tolerierender“ Heten nur nervt.

Nun ist freilich schon der Einstieg in diesen Text dann hochproblematisch, wenn ich als weißer „Biodeutscher“ in Anspielung auf Kant, „selbst verschuldete Unmündigkeit“, Yücel gegenüber die Haltung einnehme, dass ich nun natürlich in Fragen der Kunst die Weisheit mit Silberlöffeln gefressen und der Muttermilch eingesogen habe. Er ist in Deutschland geboren wie ich, wird jedoch ständig erleben, dass er im Sinne des „Migrationshintergrundes“ markierbar ist – passiert mir nicht: Privileg. Nadia von Shehadistan konterte neulich köstlich mit „Faschismushintergrund“, den ich als Sohn eines Pimpfes definitiv habe.

Würde ich nun eine Haltung einnehmen wie Yücel in seinem rassistischen Pamphlet (Achtung, Triggerwarnung, schlimmer Text), wäre dies die der Neuen Rechten.

Er adaptiert dort  ein zutiefst kolonialrassistisches Bild: Da die Wilden und „Hysterischen“ (das kann man u.a. anderem bei Michel Foucault nachlesen, was die „Hysterisierung der Frau“ für eine gesellschaftliche Funktion hat; feministische KommentatorInnen werden bessere Quellen kennen), hier er, der aufgeklärte, um Kunst und Historie wissende Mann, der alles Eigene Kolonisierter in eine barbarische Vorgeschichte überführt; er, der selbstverständlich nur ausnahmsweise mal „die Contenance verliert“.

Das ist eine Reproduktion dessen, was sich z.B. bei Immanuel Kant findet: Der unterscheidet zwischen „Neigung“, die „natürlichen“ Impulsen folgt, und sieht so u.a. wörtlich in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ die „Südseebewohner“ von „Sinnlichkeit affiziert“ – und der vorsinnlichen, voremotionalen usw. Vernunft, bei Kant heißt das im Falle der praktischen Vernunft Pflicht.

Das ist das Grundschema des Kolonialismus zudem, Kant war da nicht Ursache, sondern Symptom: Auf der einen Seite die Vernunft, die Zivilisation, die Kultur, die Fähigkeit, das „Natürliche“ zu beherrschen, die Geschichte, die von weißen Männern gemacht wird – auf der anderen Seite das „Naturverfallene“, die „Horde“, nicht individualisiert, die nur kreischt und brüllt und trommelt.

Das ist die Perspektive, die sein Text einnimmt, der macht auch vor Pathologisierung nicht halt, und wie bei der Neuen Rechten üblich, tritt das Ganze auch noch als Totalitarismuskritik auf. Während der über den Dingen schwebende Mann nur kurz die Fassung verlor. So pflegt er sich perfekt in den bundesdeutschen Konsens ein, bemüht wie üblich die ja ungeheuer wirkungsmächtigen „K-Gruppen“ und vorsichtshalber auch die Prüderie der Katholischen Kirche zur Denunziation der Geotherten.

Das ist freilich das Muster, das nun auch permanent spätestens seit dem 11. September im hehren Kampf gegen „Islamofaschismus“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf

Jedes Denken entsteht unter spezifischen Zeitbedingungen. Es ist sozusagen Pflicht, auf jene zu reflektieren, unter denen das eigene sich formte, will man nicht politischen Journalismus oder politische Theorie im Sinne der handwerklichen Hanswurstigkeit betreiben.

Heute geraten zunehmend jene, die in den Kohl-Jahren politisch sozialisiert wurden, an all die kleinen Hebelchen der Macht. Sitzen in die Führungpositionen, besetzen Plätze in der veröffentlichten Meinung, reiben sich an denen, die in den 70ern groß wurden und und oft auch an deren Denkoffenheit.

Da machen ein paar Jahre schon viel aus: Während Jahrgänge wie der meine genervt angesichts des Dogmatismus vieler 68er im zarten Alter von 14 wahlweise mit den „Neuen Sozialen Bewegungen“ identifizierten – Frauenbewegung, Schwulen-Bewegung, Anti-AKW- und Friedensbewegung, von den „Black Panthers“ war in meiner Wahrnehmung in Deutschland wenig zu spüren -, die man wohl als „Alternativbewegung“ zusammen fassen kann, kokettierten andere mit dem „Null Bock“ des Punk, manche mutierten später zu „Gothics“ oder wurden Popper. Mal idealtypisch zugespitzt.

Die Alternativbewegung fand auch in der Popkultur Nachhall und setzte anders als noch der „Arbeiterbewegungsmarxismus“ auf das Dezentrale – im Nachhinein ist für mich der Kern, dass von unabhängigen Jugendzentren über Hausbesetzungen bis zur Öko- und Second-Hand-Laden-Gründung, dem Independant-Label und Stadtzeitungsverlag versucht wurde, unabhängige, ökonomische Strukturen auf die Beine zu stellen. Das Ganze freilich in einer so ganz und gar nicht mehr marxistischen Technikfeindlichkeit situiert: Die Studien des „Club of Rome“ hatten die „Grenzen des Wachstums“ und „Endlichkeit der Ressourcen“ aufgezeigt, das Vertrauen in die Produktivkraftentwicklung, das noch die SPD zur Atomkraftpartei werden ließ, war geschwunden. Im Nachhinein halte ich das für problematisch, nicht wegen der Frage der Atomenergie, sondern weil es zum technischen Fortschritt halt keine Alternative gibt und nicht nur in diesem Fall ein merkwürdig konservativer Einschlag das begleitete, was in der Etablierung der GRÜNEN enden sollte. Wohl das Erbe der Naturverklärung der Romantik.

In den frühen 80ern formierten sich die Autonomen, und zeitgleich brachte die Friedensbewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss,  so viele Menschen auf die Straße wie nie zuvor: Ich erinnere mich an ein Wochenende, da weit über eine Million Menschen in verschiedenen Städten gleichzeitig demonstrierte. Man kann nur sehr viel über das Für und Wieder der damaligen politischen Ansätze streiten; zumindest war eine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte allerorten spürbar. Man besann sich auf das Erbe von Brecht und Tucholsky, und Fasia Jansen und Esther Bejarano standen gemeinsam auf den Bühnen. Es gab noch nicht dieses künstliche Auseinanderdividieren von Antisemitismus und Antirassismus, Strömungen wie jene der „Antideutschen“ hatten ihr demagogisches Verwirrspiel noch nicht entfaltet. Auf der anderen Seite gab es tatsächlich einen plumpen Antiamerikanismus, der sich in Songs wie „Amerika“ von Fee zeigte und sich vom Dünkel der Kulturindustrie-Kritik der Kritischen Theorie auch bei jenen nährte, die die „Dialektik der Aufklärung“ nie gelesen hatten. Später wurde dieses typisch deutsche „Kultur!“-Geschrei in „McWorld“ und ähnlichen Slogans pointiert wurde. Auf der anderen Seite kritisierte man den US-Imperialismus, den es von Pinochet bis zur Inthronisierung Ayatollah Khomenis, ja, man glaubt es kaum, nicht nur zu Unrecht. Den Khomeni-Zusammehang kann man googeln, ebenso Die „Iran-Contra“-Affäre – das haben die meisten ja auch lieber verdrängt. Und, allen Unkenrufen zum Trotze, der der Sowjets in Afghanistan wurde auch kritisiert. Mit der Solidarnosz fühlten sich jene, die ich kannte, ebenfalls solidarisch wie auch mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung in der DDR. Die war mit der „Umweltbibliothek“ zusammen eine der Keimzellen der späteren Bürgerrrechtsbewegung.

Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als „Birne“ Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen „Öko“ geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. Kohl prägte den ungeheuer wirkungsmächtigen Slogan von der „Gnade der späten Geburt“, der damals zwar harsch kritisiert wurde, sich heute jedoch erst vollumfänglich als Desaster entpuppt, wie zum Beispiel die N-Wort-Debatte zeigt.

Dann wurde die Mauer zum Einsturz gebracht, und ich erinnere mich gut an die ambivalenten Gefühle: Einerseits Freude, dass die im kleinbürgerlichen Staatskapitalismus Eingesperrten nun raus konnten. Umgekehrt befiel schlagartig mich das Wissen, dass man nun 20 Jahre lang keine linke These mehr würde vertreten können und dass es nicht lange dauern würde, bis massenhaft Neonazis das Land bevölkern würden. Kohl erzwang die „Wieder“vereinigung und gestaltete sie so, dass allen halbwegs Informierten klar war, dass es ein ökonomisches Desaster geben würde. Ja, ist so, man mag von Lafontaine heute halten, was man will, im Nachhinein gibt sogar ein Wolfgang Schäuble ihm recht, dass z.B. der Umtausch 1 zu 1 von DDR-Geld zu D-Mark ein Riesenfehler war. Aber der nationalistische Pomp mit all seinem Pathos verdrängte jegliche Rationalität und mündete in Lichtenhagen, Hoyersverda und Mölln und der de facto-Abschaffung des Asylrechtsparagraphen.

Zeitgleich erschien zunächst rund um Loveparade, VIVA und BRAVO TV alles so schön bunt hier, eine wahre Pop-Explosion befeuerte die Kanäle, und das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem geriet unter den Druck der Privaten. Heute gedenkt USP dem „Familienduell“, der brachiale Ökonomismus von „Glücksrad“ und „Der Preis ist heiß“ wird auch Spuren hinterlassen haben.

Es setzte nach und nach und nach eine bedingungslose Affirmation kapitalistischer Produktionsweisen ein, die angeblich ohne Alternative seien, wie ja der Zusammenbruch des „Sozialismus“ genannten Staatskapitalismus gezeigt habe. Letztlich war es dann Gerhard Schröder, der das Thatchersche und Reagansche Erbe Deutschland aufzwang. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt, ohne dass die Bürger davon irgendetwas gehabt hätten, die Sozialversicherungssysteme, insbesondere jenes der Rente, wurde vom Staat teilentkoppelt – eine irrwitzige Freisetzung von Kapital, auch einer der Gründe späterer Krisen, fand statt.

Zugleich verschwand die Kritik politischer Ökonomie weitestgehend aus der Linken zugunsten reiner Moralisierung. Das ist das Argument, was fälschlich immer wieder gegen Antisexismus, Antirassismus und den Kampf gegen Homophobie ins Feld geführt wird, und tatsächlich haben ja manche Zweige postmodernen Denkens, auch in den Cultural Studies, ja nicht gerade die materiale, ökonomische Basis dieser gesellschaftlichen Phänomene im Visier.

In ein paar Rand- und Splittergruppen wurde ergänzend aus dem zustimmungsfähigen Slogan „Nie wieder Deutschland!“ ein Adorno verdrehendes, letztlich voller liberaler Topoi steckendes „antideutsches“ Denken, das alles dafür tat, auch ja nicht mehr sinnvoll über Antisemitismus reden zu können, noch nicht mal über den sekundären, an Israel orientierten, weil sie ihre nationalistischen Gelüste Israel instrumentalisierend auf diesen Staat projizierten und Juden zu Ersatzariern imaginierten. Wofür diese nun wirklich nix können, es gibt ja mittlerweile sogar Antisemitismen in Reaktion auf „antideutsche“ Gehirnwäsche, schlimmerweise. Inbesondere im Osten Deutschlands hat diese Ideologie ja wahre Verwüstungen in Hirnen angerichtet: An sich tolle Menschen, mit denen man sich jahrelang schöne Mails geschrieben hat, mutieren auf einmal zu irrationalen Fanatikern, weil sie zu viel von dem Zeug geraucht haben.

So weit grob skzziert Prägungen derer, die zwischen 1983 und 2005 politisch sozialisiert wurden und dabei noch irgendwielinks dachten: Trotz dessen haben sie den Slogan  „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ mit der Muttermilch eingeatmet und sind fast dran erstickt. Für „Ökonomie“ halten sie die Slogans der Privatisierer und der Initiative für Neue soziale Marktwirtschaft. Mit Habermas‘ „Faktiziät und Geltung“ sind sie der Meinung, der liberale Rechtsstaat wäre der Historie letzter Weisheitsschluß. Der ist ja auch gar nicht nur übel. wenn es ihn denn gäbe. Denn empirisch sind es einfach verschiedene Typen der gesellschaftlichen Großorganisation – Banken, Behörden, Fernsehsender, Konzerne, Parteien, Lebensmittelketten, DFB usw. – die alles andere als zu beherrschende Umwelt betrachten, die es gleichzeitig auszubeuten und ruhig zu stellen gilt. Sozial wirksam ist die Unterscheidung zwischen denen, die drin sind, und denen, die draußen, aber angewiesen bleiben. Parallel wird eine Präventivjustiz etabliert, die dem, was „Rechtsstaat“ meint, mitten ins Gesicht rotzt und eine Entrechtung und Gängeleung all jener betrieben, die sich dem Lohnarbeitszwang entziehen, während zugleich Rassifizierung die soziale Ordnung stabilisiert.

Eine Gemengelage, die gerade bei den unter Kohl und dann Schröder Sozialisierten zu einem ganzen Bündel merkwürdiger Phänomene führt. Als Kinder der „Gnade der späten Geburt“ halten sie sich zumeist für postrassistisch, Sexismus lebten ja nur „Migranten“, und homophob sind eh immer die Anderen. Sie haben die Moral für sich gepachtet, ohne auch mal einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was „Moral“ so alles heißen kann – und kriegen drum von den Altlinken immer wieder die „Moralisierung der Politik“ oder auch Theorie aufs Butterbrot geschmiert. Während sie selber im Falle von Kunst und Kultur oft Allergien gegen alles Politische entwickelt haben und so auch vehement das „N-Wort“ verteidigen. Ihre Bezüge sind so oft auch eher der etablierte Kunst-Kanon, falls sie sich für was anderes als Julie, Thees Ullmann, Tocotronic, Element of Crime oder Post-Punk-Gitarrenmusik interessieren.

Ihre Popmusikhistorie beginnt in der Regel nicht bei Charly Parker, Illionois Jcquet, Bessie Smith oder Ike Turner, sondern ganz wie beim ZDF bei „Rock around the Clock“ Bill Haleys. Ihre ästhetische Welt ist zumeist weiß gewaschen und von Adepten schwarzer Musik, aber nicht dieser selbst geprägt, und ansonsten haben sie vor allem Angst. Durch jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit geprägt neigen sie zu Überanpassung an die Institutionen, eben jene Großorganisationen, um die herum sie noch als „Prekäre“ gruppiert bleiben – und die, die drin sind, sind vor allem mit Politics beschäftigt und auch damit, in Meetings und Redaktionssitzungen bloß nicht als linker Spinner, Visionär oder irgendetwas, was einem totalitär gewordenen Realitäts- und Formprinzip widersprechen könnte, aufzufallen. Sie sind in einer medialen Entwicklung groß geworden, die alles formatiert, was formatierbar ist, und ganz auf Konsumierbarkeit ausgerichtet ist – alles andere macht ihnen wahlweise Angst oder sie aggressiv. Sie erheben sich ganz wie einst Kohl mit einer gewissen Schlichtheit und gleichzeitigen Arroganz über das Sperrige, Konsequente, Nachgedachte, Unsichere, Verspielte, die offene Form – und sind immer ganz weit vorn dabei, den aktuellsten Claim auch aufzugreifen. So mühen sie sich, die Welt auf ihr Niveau zu reduzieren.

Das ist wohl das am tiefsten sitzende Erbe Helmut Kohls. Man muss nur mal dessen Reden mit denen eines Willy Brandt vergleichen. Das ist schon sprachlich ein Spaziergang in zwei völlig verschiedenen Landschaften, und die von Kohl ist die blühende nicht.

Das Interessante ist, dass bei den nunmehr 20-30 jährigen der eine oder andere sich diese ganze Überanpassung an das falsche Ganze nicht mehr verkaufen lassen will. Vielleicht sind es nur Einzelne und meine Wahrnehmung ist selektiv; mir fällt jedoch auf, dass zumindest in meinem Umfeld immer mehr von denen auftauchen, die sich nicht mehr bluffen, sich von Rhetorik gegen Elfenbeintürme nicht verschrecken lassen und sich mal wieder eigenständig Wissen aneignen. Sie stoßen nun überall auf die Kohl-Kinder auf Dozentensesseln, als Abteilungsleiter oder in der Publizistik und nicht zuletzt als Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Die wie ein Deckel auf dem Topf zunehmender Unzufriedenheit sitzen. Vieles sucht sich einfach so die Bahn, als Gewalt, als teils auch kindische Auseinandersetzung mit der Polizei, gerade bei den Abgehängten und von den Sicherheitskräften aktiv Kriminalisierten.

Andere knüpfen nicht zufällig da an, wo die Zäsur Kohl alles platt saß: Bei dem Erbe der Alternativbewegung. Das gibt Hoffnung.

(Mit Dank an das Lichterkarussell)

„… ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ …“

„Da wird schnell mit dem Zerrbild von der „politischen Korrektheit“ gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass „politically correct“ nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.“

Na, endlich wird die Genese der demagogischen Verunglimpunfgsmaschinerie auch mal in der Süddeutschen klar gestellt.

Der Artikel enthält zwar Schwächen – so ist „Blackface“ eben nicht nur ein US-Phänomen, vielmehr gab es in den Zwanziger Jahren hierzulande z.B. eine analog designte Party-Mode, die aus dem N-Wort ein Verb machte. Von dieser Praxis gibt es schlimme Bilder, aus denen einen ein brutaler Rassismus geradezu anspringt. Beim Karneval ist es auch keineswegs ausgestorben.

So was wie „nationale Identität“ gibt es meines Erachtens nicht, wohl aber ein Selbstverständnis von Demokratien, das entweder wie in Deutschland letztlich die völkische „Kulturnation“ fort schreibt oder aber eines, dass die bedingungslose Partizipation in den Mittelpunkt rückt. Also nicht erstmal irgendein Anforderungsprofil erstellt, in dem „weiß“ an erster Stelle steht, und ständig dessen Einhalten oder Abweichungen davon sanktioniert. Sondern eben einfach Partizipation.

Der Kontext, den der Text aufmacht, ist definitiv richtig. In solchen Fragen und Diskussionen ist Deutschland einfach ein Entwicklungsland. Da lohnt es sich immer wieder, in die Diskussion in den USA zu lauschen, anstatt sogar die „Analyse & Kritik“ und den „Freitag“ als Mittel des Protektionismus zu missbrauchen. Es sind halt Geschichtsklitterer wie Denis Scheck noch viel zu laut – Geschichtsklitterer deshalb, weil sie als Privilegierte inmitten des höchst wirksamen informellen Wahrheitsministeriums derer, die Zugang zu reichweitenstarken Distributoren haben, die Erfahrung der Marginalisierten mit aller Macht aus der Historienschreibung heraus halten und deren Rezeption der offiziellen Geschichtsschreibung in guter, alter, deutscher Tradition der Lächerlichkeit zu überantworten versuchen. Diese hiesige Medienkultur lebt ja vom Minderheitenwitz. Dazu später mehr. Seinem Kollegen C. Bernd Sucher würde da so nicht passieren.

Wie dieses informelle Wahrheitsministerium besetzt ist, da braucht man nur die Interviewpartner der letzten „Druckfrisch“-Sendungen durchzuklicken. Es tauchen durchaus Spuren der „weißen Gegenkulturen“ auf, auch Frauen, zum Glück – wobei ich bei diesem „weißen „Gegen“kultur“-Konzept von der „Beat Generation“ bis hin zu Tocotronic ja mittlerweile doch arg die Befürchtung habe als jemand, der von ihm durch und durch geprägt ist, ob das nicht eine große, unfreiwillige Lüge war und ist. Wenigstens waren am Anfang noch Schwule mit von der Partie, Burroughs und Ginsbergh. Ein Iraker darf bei Druckfrisch auch mal was sagen, wenn er gefoltert wurde, sonst mutmaßlich lieber nicht (habe ich wichtige Protagonisten übersehen?). Alles andere wäre ja auch bedenklich laut offizieller ARD-Seite.

Was ein wenig übersehen wird, ist, dass der Herr Scheck seine Sendung ja nicht alleine macht. Ein ziemlich sympathischer Fernsehmacher, der, was irgendwie passt zum Thema „Selbstverständnis der weißen „Gegen“kulturen, z.B. mit FM Einheit zusammen gearbeitet hat, aber auch Töne in Istanbul sammelt für den Hörfunk, führt Regie. In einem ansonsten sehr spannenden Blick hinter die Kulissen seiner TV- und Radio-Vita, eine Vita, die so und in dieser Form nur sehr wenigen PoC in Deutschland offen stünde, kann ja jeder mal durch die Flure von ARD-Anstalten laufen und gucken, wer da rum läuft, fallen folgende Sätze:

„Der ideale Gast für „Druckfrisch“ ist – zynisch gesprochen – eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in „Druckfrisch“ zu kommen.“

Erinnert sich wer an den Skandal, als Frau Kiyak ableistische Sprüche gegen Thilo Sarrazin klopfte? Man kann das Herrn Ammer ja noch nicht einmal wirklich vorwerfen, oder doch?,  das gehört zu den Branchenübblichkeiten, solche Sätze abzusondern. Die ja sonnenklar machen, was in den tatsächlichen Wahrheitsministerien wie auch immer sexistisch verpackt Gegenstand sein darf und was wie und von wem marginalisiert wird. Zudem Herr Ammer vermutlich im Falle seiner bayrischen Nachbarn nicht von „Eingeborenen“ sprechen würde. Ein bemerkenswertes Bild.

Das Kuriose ist nur, dass bei der „Political Correctness“ so viele gleich „1984“ herauf beschwören, solche Regeln aber völlig unhinterfragt allseits befolgt werden. Und das noch in großkotzigen Sprüchen heraus gerotzt, als könne man sich damit brüsten.

Es ist um so bemerkenswerter, dass der wohl bekannteste deutsche Philosoph Jürgen Habermas einen sehr anrührenden Text darüber geschrieben hat, wie schwer es für ihn war, sich in seiner Jugend überhaupt verständlich zu machen. Und dass das einer der Impulse war, das „Kommunikative Handeln“ in den Mittelpunkt seines Denkens zu stellen. Und eben dieser Philosoph betrachtet Moral nicht etwa als Herrschaftsmittel, sondern als Schutzvorrichtung prinzipiell verletzbarer und auf Solidarität angewiesener, menschlicher Individuen. Er wird wissen, warum, und ich weiß nicht, was in ihm vorgänge, läse er solche Zeilen wie die von Herrn Ammer. Wahrscheinlich steht er mittlerweile drüber. Mit Sicherheit nicht immer schon, als im Zuge seiner Professorenkarriere Kollegen über seine Hasenscharte witzelten.

In einem anderen Interview referiert Ammer ebenfalls lakonisch, welche Wahrheitministerien bis in die Formensprache hinein in seinem Medium tatsächlich regieren:

 

„Wo sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen?
In den privaten Redaktionen gibt es mehr Vorgaben. Auch was die Bildsprache angeht. Ich habe auch einmal eine Zeit für Spiegel-TV gearbeitet. Dort waren die Vorgaben, wie ein Bild auszusehen hatte, ziemlich eindeutig. Da hatte man nachgedacht. Gemein ist beiden Systemen die Angst und die programmgestaltende
Übermacht der Redakteursgroßmütter, die die Sendungen angeblich nicht verstehen.“

 

Es ist schon eine Groteske, da den „Würgegriff der Politisch Korrekten“ als real-existierenden Stalinismus zu behaupten. Gibt halt nicht so viele schwarze Redakteursgroßmütter wie weiße; es gibt sie aber, und die wissen gut, was das N-Wort mit ihnen machte.

Da, wo das Geld sitzt, werden die Vorgaben gemacht wie schon zu Michelangelos Zeiten – und den 3 Regeln gelingender Dramaturgie „Konflikt! Konflikt! Konflikt!“ folgend werden in letzter Zeit die Talkshows mit Lesben- und Schwulenhassern, Rassisten und Frauenfeinden geradezu geflutet, die ja angeblich alle so fürchterlich unterdrückt der Zensur unterliegen.

Nee, da schließt sich schlicht der Kreis zu dem Text von Andrian Kreye (kann es sein, dass der früher auch immer im „Or“ tanzte?). Und ehrlich wäre es von Denis Scheck und auch Herrn Ammer, würde sie darüber mal in ihren Sendungen reden. Sie bekommen dafür ja offenkundig den Freiraum. Und wenn sie die nächste „Druckfrisch“-Sendung ausschließlich mit PoC-Autoren bestückten. Als Entschuldigung. Und dann einfach mal zuhören. Und vielleicht einen derer die SPIEGEL-Bestseller-Liste kommentieren lassen, bei deren Präsentation Bücher in Kisten fliegen wie in den Müll. Oder noch besser, sie oder ihn einfach mal eine „Druckfrisch“-Kritik audiovisuell gestalten lassen. Das ja angeblich so experimentierfreudig ist.

Zurück auf die Schulbank, Herr Kasten!

Eigentlich ist ja ermüdend, aber das gehört ja zum Spiel, dass DIE die Themen vorgeben, auf die man dann in ständiger Abwehrbereitschaft reagiert – außerdem ist es erstaunlich, wer in Deutschland so alles eine Professur erhält. Ebenso dass, trotzdem allseits der beeindruckende und großartige Brief einer 9-jährigen allerorten kursiert, DIE ZEIT nicht müde wird, alternde weiße Männer zu befragen, was es denn nun mit dem N-Wort auf sich habe.

Herr Professor Kasten konfektioniert und manipuliert aktuell auf der Internetpräsenz dieser nicht mehr kaufbaren weißnationalen Propaganda-Postille außerordentlich fantasielos vor sich hin. Auf die Idee, dass es auch PoC-Kinder geben könnte, kommt er gar nicht, nein, stattdessen predigt er Exotismus für weiße Kinder (Achtung. Trigger-Warnung, N-Wort wie gerade überall in Deutschland in dem Interview):

„Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.“

Soll man da jetzt schlucken oder lachen? Bei meinem heutigen Weg in den Park mit Hund am Schulhof vorbei fragte mich eine Gruppe von Mädchen, PoC und weiß, ob sie mir etwas vorsingen dürften. Hörte sich gut an, und, wie das so ist beim Einüben in diese Welt, wollten sie danach eine Spende haben.

Und die kriegen per Kinderbuch das Evergreen geliefert „Einer von diesen Menschen ist nicht wie die anderen“, was als Gewaltakt einbricht in ein trautes und offenkundig einvernehmliches Miteinander.

Die standen da nämlich ganz einträchtig nebeneinander, anders als vermutlich im Walddörfer-Gymnasium oder in Othmarschener Schulen, und man kann sich sicher sein, dass da auch „Chinesen“ auf dem selben Schulhof herum liefen. Was sollen denn solche Aussagen bitte bei einer Diskussion über das N-Wort? Natürlich sind Fantasiereiche toll. Aber wenn sie nur der Stabilisierung eh schon quälender Stereotype dienen bestimmt nicht pädagogisch wertvoll.

Würde Herr Kasten sein Fach adäquat vertreten, hätte er sich vielleicht mal mit der Psychologe der exotisierten „Chinesen“ beschäftigt. Und mit jener der großartigen, 9-jährigen Briefschreiberin. Aber in Deutschland lehrt man wohl Psychologie exklusiv für Weiße und kennt auch nur deren Erleben.

Vielleicht beschäftigt er sich ja auch mal damit, dass es von außerordentlicher Fantasielosigkeit zeugt, dass in Märchen nie zwei Prinzessinnen happy ever after leben? Die Überschrift ist einfach grotesk angesichts dessen, was der redet. Das ist eine brutale Normierung, die in Kinderbüchern oft vorgenommen wird. So ein schwuler Harry Potter hätte mir das Leben tatsächlich erleichtert.

Er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass es sich um Freiheitsberaubung handelt, wenn man mit N-Worten oder ähnlichem Vokabular hantiert, und dass die Erfahrungen einer großen Gruppe möglicher Leser weg zensiert werden. Während er ja von DIE ZEIT befragt wird. Wie wortreich die vermeintlich Zensierten gerade auf allen Kanälen quatschen – hätten sie recht, säßen sie im Knast. Oder würden zumindest nicht von unappetitlichen Gazetten wie DIE ZEIT befragt, wo es immer häufiger braun müffelt.

Freiheitsberaubung, weil der ganz alltägliche Flow des Lebens, Erfahrens, Fühlens von Menschen brutal unterbrochen wird, wenn die diskretierende, entmenschlichende Bemerkung fällt. Weil die Stigmatistierung einschränkt, lähmt, wütend und verzweifelt macht, verletzt und beleidigt und dadurch Handlungsfreiheit einschränkt.

Eine Freundin sprach treffend vom „Überschreiben von Erfahrung“ – das ist so, als würde man (fiel mir eben ein, als ich den Text eines befreundeten Bloggers kommentierte) – ständig in die Küche der Nachbarn platzen und denen einen anderen Radiosender einstellen, aus dem sie beschimpft werden. Es gibt Tage, da schalte ich den Fernseher deshalb nicht ein, weil ich das ewige „Schwanzlutscher“ und „Schwuchtel“ insbesondere in US-Produktionen ausnahmsweise mal NICHT hören will. Achtet mal drauf. Ständig.

Nun also der groß angelegte Kultur-Kampf, dass man möglichst auch da wieder fortwährend dasN-Wort höre, wo die meisten Journalisten noch nicht mal geschnallt haben, dass „farbig“ auch völlig daneben ist.

Mit Psychologen-Expertise.

Vielleicht sollte Herr Kasten seine Professur lieber an eine PoC-Vertreterin abgeben?

 

Edith: Viel besser als mein Text ist dieser hier: Mit den Kindern reden. Das meinte ich.

Das wächst zusammen, was zusammen gehört …

„Zur Demonstration aufgerufen hatte insbesondere die katholische Kirche, aber auch evangelikale und muslimische Organisationen schlossen sich den Protesten an. Der katholische Kardinal André Vingt-Trois traf sich vor der Demo mit Organisatoren der Protestaktion. Auch dutzende Politiker der konservativen UMP und des rechtspopulistischen Front National marschierten zur Protestaktion an den Eifelturm.“

Wie heißt der Fortpflanzer und Ernährer vom BVB noch, der meinte, gegen Homophobie z.B. in Fussballmannschaften könne man doch schon deshalb nicht ohne weiteres anstinken, weil da ja „andere Kulturen“ anwesend seien?

Mal ab davon, dass es sich bei der Schwulenfeindlichkeit um eine jüdisch-christliche Erfindung handelt (dieses ist wohl der einzige Fall, in dem diese „jüdisch-christlich“-Formulierung Sinn macht, die neben den marcionitischen Paulus-Briefen am häuftigsten zitierte Formel ist aus dem Buch Leviticus des „Alten Testaments“; dass bei der Story rund um „Sodom und Gomorrah“, kann ja jeder nachlesen, nie Vergewaltigung als Problem erkannt wird, spricht für die Dominanz der „Rape Culture“) und „Homosexualität“ als Konzept eh von der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde – das ist das, wovor ich schon häufiger bloggend warnte. Dass eben die Konservativen unter den Muslimen sich mit Rechtsradikalen aus der CDU und der Katholischen Kirche, sächsischen Evangelikalen, Opus Dei-Juristen aus Sachsen-Anhalt und Nazis zusammen sich auch hierzulande zu einer neofaschistischen Einheitsfront formieren. Ja, Zwangsheterosexualität IST konstitutiv für Faschismen und dient auch der Absicherung des Patriachats.

Wie stark Gegenwehr längst bröckelt (und notfalls der Kampf gegen Homophobie einem falsch verstandenen Antirassismus geopfert werden kann), zeigt sich daran, dass mittlerweile neben jeden Schwulen und jede Lesbe mindestens 1, meistens mehrere Schwulenhasser in Talkshows im Sinne „ausgewogener Berichterstattung“ gesetzt werden. Glasklarer Rechtsruck. Dass es ergänzend auf der Wieauchimmerlinken mittlerweile auch kein Interesse mehr gibt, sich bei diesem Thema zu engagieren, konnte man in der Kommentarsektion dieses Blogs ja auch nachvollziehen. Da bündelte man auch lieber mit Katholiken; gerade der Hetzer in Rom bedient dieses Kalkül vortrefflich, indem er ständig suggeriert, dass die salbungsvollen Worte seiner manipulativen Traktate irgendwas mit „Kapitalismuskritik“ zu tun hätten. Der Bundestag jubelte ihm prompt auch zu, als er seine schwulen- und lesbenfeindliche Naturrechtsbegründung – ohne Lesben und Schwule einmal zu erwähnen – dort referierte und Typen wie Augstein und auch Herr Thierse die Kritiker nieder brüllten. So ist ja eh vieles, was aktuell „links“ sich labelt, einfach eine Variante des christlichen Konservatismus.

Die Strategie der CDU ist, seitdem sie bei der Klage gegen die Homo-Ehe von Karlsruhe abgewatscht wurde, weil ihr das Grundgesetz ja ganz wie der SPD eh zumeist am Arsch vorbei geht, ebenfalls darauf ausgelegt, mit konservativen Muslimen zu bündeln. Zum Glück gibt es Stimmen wie Lamya Kaddor, die dagegen anstinken – die ganze Diskussion rund um die Aufnahme des Diskriminierungsschutzes für „sexuelle Identitäten“ ins Grundgesetz war von Seiten der Rechten darauf angelegt, dass nachwachsende und demographisch relevanter werdende Muslime sich auf ihre Seite Seite schlagen könnten in Zukunft. Die menschenverachtende Propaganda der christlichen Partei ging – auch da ist wieder ein Bezug zu dem Herren vom BVB herzustellen – perfide so weit, dass eine solche Festlegung ja ein „Integrationshindernis“ sein könne. Es wäre zu wünschen, da allmählich mal lautstark Unterstützung aus dem PoC und Antira-Lager zu erfahren, um den entgegen zu wirken. Alleine schon, um auch nicht-weiße und muslimische Lesben und Schwule, als Mehrfachdiskriminierte, zu unterstützen. Judith Butler hat ja gezeigt, dass das geht, darauf hinzuweisen. Weil auch das Rassimusproblem in schwulen Szenen etwas ist, woegegn anzugehen ist und der systematische Zusammenhang zwischen Rassismus, Homophobie, Sexismus und Klassismus nun mal ganz real besteht.

Zwei weitere Punkte werden bei der Diskussion überdeutlich: Zum einen, dass der vielgescholtene Privilegienansatz völlig richtig ist. Was in Paris und rechtsradikalen CDU-Hirnen vor sich geht IST ja nichts anderes als die Verteidigung eines in diesem Fall rechtlich abgesicherten Privilegs zur Aufrechterhaltung der Supremacy-Haltung: MEINE Lebensform ist die überlegene und verdient deshalb eine positive, rechtliche Sanktionierung, die der Arschficker und Schwanzlutscher aber nicht. Ist auch so was ähnliches wie „Deutschland den Deutschen“. Um die rechtliche Gleichstellung der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es auch solche Kämpfe, by the way, die sich im modernen Antisemitismus pseudowissenschaftlich bündelten und diskursiv die Shoah vorbereiteten. Die katholischen und protestantischen Kirchen haben erst Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts von den Begründungen für die Nicht-Gleichstellung mal allmählich abzulassen.

Zum anderen wird deutlich, wie grundfalsch diese Fokussierung auf die „Homo-Ehe“ auch von LSVD und Co war. Sachliche Gründe wie jene, dass man kranke Lebenspartner auch im Krankenhaus besuchen können möchte etc. – wieso das nun weiterhin in diesem Anachronismus „Ehe“ nun unbedingt nur rechtlich möglich sein soll oder nicht vielmehr die Vertragsfreiheit da ausnahmsweise mal ernst genommen werden könnte, das war mir immer schon ein Rätsel.

Ich finde die Position weit konsistenter, die Ehe als Rechtsinstitut abzuschaffen und dafür jene, die Kinder haben, steuerlich zu privilegieren – und dann sollen doch die Katholiken ihre vermeintlich heiligen Sakramente abfeiern, bis sie am Weihrauch ersticken. Ganz, wie sie sonst auch einst zumindest teilweise intelligente, spirituelle Schriften  ja verdrehen und verbiegen bis zur Unkenntlichkeit. Diese Blasphemie will ihnen ja auch keiner verbieten.

Das kann von mir aus auch unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes stehen.

Ansonsten ist diese Anbiederei an Fortpflanzer und Ernährer doch auch gar nicht notwendig. Die Solidarität mit alleinerziehenden Müttern wäre viel wichtiger. Sollen sich die anderen doch einbilden, da irgendwas Höheres zu pflegen, während sie Neurosen produzieren, Kinder verziehen und reglementieren, den Kapitalismus am Laufen halten, manche ihre Töchter befingern und diese vielleicht das Glück haben, dass es auch noch Nachbarn, Freunde und Lehrerinnen gibt.

Irgendwie war die Debatte, als „Autorität und Familie“ erschien, schon mal weiter … cool finde ich hingegen in vielen „migrantischen Communities“, wie Arbeiten und Großfamilie (!!!) zusammen wachsen, zum Beispiel. Das wäre dann eine Diskussion, in der man mal wieder darüber reden könnte, was man so alles lernen kann von nicht-weißen Nachbarn, was über „Vater, Mutter, Kind“ hinaus weist.

Dessen können sich dann ja auch jene St. Paulianer, die inflationär Hochzeitsbilder verbreiten, mal annehmen 😉 … es lebe die Utopie!

 

Allerlei Stänkern und Besserwissern – von der Disziplinargesellschaft, dem Kampf gegen „Unterschichten“ und einem Spiel gegen Aue

TEIL 1: Zum Spiel

Soll ich zu dem Spiel noch was schreiben, dem gegen Aue?

Auf dem Hinweg zwei Mal nass geworden bei der Hundelandverschickung auf die Hoheluft und mich über einen überdachten Sitzplatz gefreut. Ein Spiel auf einer versumpften Wiese gesehen, das meines Erachtens verloren wurde, weil der Gegner in den Augen der Mannschaft „nur“ eine Art Holzmicheltruppe sei, der man erst mal die eigene, individuelle technische Überlegenheit demonstrieren wollte. Die Auer kicherten sich daraufhin einen und schossen uns ab. Mal sehr kurz gefasst. Hochverdient gewonnen haben sie.

Man verstehe mich nicht falsch, im Gegensatz zu anderen im Forum habe ich, seitdem Frontzeck da ist, keinerlei Identifikationsproblem mit der Mannschaft. Zwar fehlt mir der Florian Bruns auf dem Platz doch schmerzlich, schnief, wann werden wir uns wieder sehen?, aber vom Einsatz und der Energie her kann man bei den Jungs da echt nicht meckern. Und man hat schon das Gefühl, dass sie selbst dann, wenn sie sich für ihren Erstligaverein empfehlen wollen sollten, in steter Kommunikation mit denen auf den Rängen und somit dem Gesamtphänomen FC ST. Pauli spielen,. Weil man ihnen auch nachlassenden Support deutlichst anspürt. Wobei ein Buchtmann ja so was von ackerte, dass sein so gar nicht mehr weißes Trikot Twitter-Freunde glatt zu Soccer-Kit-Fetisch-Parties inspirierte. Hut ab. Auch Gogia in Halbzeit 1 war schon prima; dass die rote Karte für Bartels auch zur Niederlage beitrug, weil er halt für schnelle Vorstöße und Flügelspiel nicht da war, zeigte nur, dass der Kader einfach nicht optimal zusammen gestellt ist. Wenn das nur einer kann und Gyau noch lernt.

An dieser anfänglichen Überheblichkeit sind nun kurioserweise unsere Mannschaften immer wieder gescheitert, seitdem ich ins Stadion gehe. Ist vermutlich einfach eine allgemeine Männermacke, die sich ebenso bei anderen Mannschaften zeigt. Und die sich nicht zeigt gegen die Hertha oder die Region.

Trotzdem war das wieder ein echtes Präsidiums-„Top 18 im Profifussball-Spiel“, die verliert man nämlich

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Vor der JHV: Mini-Krise?

Männer. So unter sich.

Dann, wenn sie weder miteinander schlafen noch knutschen oder sonstwas Schönes miteinander veranstalten, bilden sie Grüppchen, auch Gremien genannt, und pflegen Ego und Status durch Varianten der Kriegsführung. Und es ist ja nicht so, dass nicht auch in schwulen Beziehungen verdammt anstrengend sein kann, dieses Konkurrieren, die Ego- und Statusfragen.

Und ist das jetzt „Kriegsführung“ als Teil des Blogger-Grüppchens, was ich betreibe? Keine Ahnung. Bin halt auch männlich sozialisiert.

Was mir beim FC St. Pauli (wie überall, wo größere Organisationseinheiten sich heraus bilden) immer schon schwer auf die Nerven ging, war, dass immer dann, wenn es ernst wird, auf einmal vor und hinter den Kulissen alle auf „Strategie“ umschalten.

Kann auch dran liegen, dass da so viele Juristen unterwegs sind. Das kann ja zu ernsthaften Persönlichkeitsveränderungen führen – die beiden Juristen im St. Pauli-Kosmos, denen ich mich nahe fühle, mögen mir verzeihen, ich habe sie sehr gerne und tief ins Herz geschlossen!

Trotzdem: Abwägen. Die Schritte des Gegners antizipieren, um die richtige Antwort schon parat zu haben. So zu handeln, dass bestimmte Flanken gar nicht erst offen stehen. Das verändert Menschen, ich kenne das aus eigener Erfahrung in beruflichen Zusammenhängen und es war eine Höllenarbeit, mir das zumindest teilweise wieder abzugewöhnen.

Komischerweise wird dergleichen im Falle von Systemen wie der DDR als Merkmal einer Diktatur begriffen, dieses in zwei Wahrheiten leben, der offiziellen und der informell in Hinterzimmern oder zu Hause ausgeheckten. In Systemen wie den unseren, die formal Demokratien sind, faktisch aber von administrativer und ökonomischer Macht durchdrungen, landet man zwar nicht so leicht im Knast, und wer die richtige Staatsbürgerschaft hat, darf auch reisen, wer Geld hat, auch zwischen 250 Joghurtsorten wählen …

Jürgen Habermas hat in seiner „Theorie des Kommunikativen Handelns“ versucht, eine nicht-strategische Vernunft als Basis der Gesellschaftskritik und somit einer Kritik der „systemischen“ Mechanismen – Macht und Geld – zu formulieren. Dass er später auf Kritik weitestgehend verzichtete, ja, ist so; die Konzeption des „verständigungsorientierten Handelns“ hat sehr viele Tücken, sei aber doch erwähnt. Grob gesagt: Strategisches Handeln will auf etwas/Andere einwirken, um es/Andere zu beherrschen.

Verständigungsorientiertes Handeln verständigt sich mit jemandem über etwas in der Welt. Das können Tatsachen, Normen oder auch Ästhetische Urteile sein. Für die, die es interessiert: Grob folgt das den 3 Kritiken Kants. In assymetrischen Konstellationen ist da eigentlich Hopfen und Malz verloren, aber man kann ja so tun als ob.

So, und wir haben nun die JHV, und alle versuchen, in irgendeiner Form auf irgendetwas einzuwirken und dabei im Ego-Sinne – es gibt auch Gruppen- und Gremien-Egos – möglichst gut da zu stehen. Aktuelles Beispiel: Der Aufsichtsrat des FC St. Pauli.

„1. Der AR wird vereinsinterne Diskussionen zwischen Gremien, wie schon in der jüngeren Vergangenheit, nicht in die Öffentlichkeit verlagern und seine Linie hier nicht verlassen.
2. Zu den vom AR gestellten Anträgen äußert sich der Aufsichtsrat vor der Mitgliedschaft und erläutert seinen Antrag auf der Jahreshauptversammlung des FC St.Pauli.
3. Wir missbilligen die Veröffentlichung von Informationen und die Interpretationen zu vermeintlichen informellen Aussagen von Aufsichtsräten aus internen Sitzungen. Ebenso missbilligen wir die Veröffentlichung von internen Protokollen.

Dieses sollte, so weit ich informiert bin, über den Verteiler des Pressesprechers Christian Bönig distribuiert werden, und der wollte das nicht.
Daraufhin wurde es durch die Gegend gemailt, um unter anderem Blogger dazu zu animieren, es zu veröffentlichen. Ich finde die Nutzung von Social Media dafür prima, aber ein wenig widerspricht das ja Punkt 3. Das Protokoll der Präsidumssitzung ist nun etwas anderes als eine Pressemeldung, ja. Trotzdem.
Und dieses Präsidiumsprotokoll ist für ein demokratisches Verfahren ein doch ganz gewichtiges Stück Papier. Demokratie braucht Transparenz, gerade dann, wenn man sich über etwas in der Welt verständigen will, sind Informationen unerläßlich. Sonst weiß man einfach nicht, worüber man redet.
Und was wird denn da „intern“ eigentlich so geredet, wenn zu mißbilligen ist, darüber mit Dritten zu sprechen? Das sind ja nun weder lauschige Mails mit der Geliebten noch ärztliche Dokumente über Krankheitsverläufe noch pornographische Vorlieben noch Kontostände.
Es geht darum, was das Präsidium für unterschriftsreif hält.
Und das lässt Rückschlüsse auf grundsätzliche politische, normative Orientierungen zu, denen die operativ Verantwortlichen des Vereins folgen, wenn sie handeln.
Das ist auch keine „Mini-Krise“, bei der man dann, „Ach, Scheiße, sorry!“ sagen könnte. Nee, ihr vom Magischen FC, da geht es um ganz grundsätzliche Fragen, wie man zu Bürgerrechten, ja, Bürger-, nicht Fanrechten, zu Präventivjustiz und einem Abräumen rechtsstaatlicher Prinzipien steht. Ich kann das nicht trivial finden. Das ist doch kein Versehen wie ein umgekippter Becher Kaffee oder ein falsches Wort, das aus Versehen verletzte.
Dass Herr Spies nun in der Süddeutschen eine andere, diskursive Herangehensweise wählt, das ehrt ihn ja. Das finde ich gut. Mal gucken, in welcher Form das für ihn handlungsleitend sein wird. Aber die aktuelle Mitteilung, dass das überarbeitete Papier abgelehnt wird, wird nicht mit dessen Untauglichkeit, sondern mit der Notwendigkeit der vereinsinternen Abstimmung begründet. Dann fühlen sich alle in der „Fanszene“ wieder in ihrer Wichtigkeit und Bedeutsamkeit bestätigt, und nach der JHV brennt der nächste Baum. Und Herr Orth verkündet, er brauche einen Fan-Beirat, um ein wenig politische Bildung zu erhalten. Na, das macht zuversichtlich.
Ich habe von Herrn Stenger nie dergleichen vernommen – irgendeinen relevanten Kommentar zur Bürgerrechtsfrage. Gerüchte nach der vorbidlichen Schweinske-Cup-Pressekonferenz, ja, ausdrücklich Gerüchte, besagten, er sei dagegen gewesen.
Der lebt ja in Strategien. Deshalb hat er seinen Job bei den unsäglichen Sanktionen der DFB-Gerichtsbarkeit auch systemimmanent gut gemacht. Nur: Wenn er nur systemimmanent denkt, im Rahmen adminstrativer und ökonomischer Macht, wird er zumindest keine relevanten Visionen für die Zukunft des FC Sankt Pauli haben. Nur systemimmanent zu denken und zweckrational zu verfolgen ist letztlich irrational, wie schon Max Weber wusste. Weil es dann gar kein Warum mehr gibt, aufgrund dessen man ein Ziel verfolgt. Es gibt dann nur den puren Erhalt eines Sub-Subsystems – eigentlich zwei, Wirtschaftsunternehmen und gemeinnütziger Verein – namens FC St. Pauli, aber es geht nicht mehr darum, was das eigentlich meint, „FC St. Pauli“.
Dann kann man noch so argumentieren, dass ein Präsidium da arbeitsteilig vorgehen können muss. Ja, ist eine mögliche Antwort. Kann ja jeder deshalb im Sinne Gernot Stengers stimmen.
Aber man kann doch nicht einfach bleiben lassen, diese Frage auch und gerade jetzt zu stellen, ob das gelungen ist bei dem aktuellen Präsidium, das mit der Arbeitsteilung. Wer ist da für das „Warum?“ eigentlich zuständig? Gibt es uns nur zum Fussball spielen lassen und zugucken, ergänzt durch die sportreibenden Amateur-Abteilungen?
Werden viele so sehen, das ist dann aber nicht mehr das, was den FC St. Pauli seit Mitte der 80er Jahre ausgezeichnet hat. Das ist auch keine „interne“ Frage, die zwischen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Präsidium mit den Banken, der UFA, der Fernsehlotterie und der DFL zu diskutieren wäre, und auch nicht nur auf der JHV und dann wieder ein Jahr lang machen, was Herr Meeske und die anderen vorgeben.
Das IST keine Mini-Krise.
Was aber vermutlich Montag gar keinen interessieren wird. Die einen amüsieren sich wie bei jedem Shitstorm aufgrund des hohen Unterhaltungswertes. Die nächsten sind darauf bedacht, das man vor jeweils IHREM Gremium doch bitte Respekt haben solle.
Darüber werden dann lange Reden geschwungen. Ist ja so ein Vereinskuriosum, ein bißchen wie bei Stromberg, dass dann – auch von mir, ich schäme mich – lange Reden darüber, wer wann von wem einen Schlüssel aus Respektlosigkeit nicht bekommen hat, Beifallsstürme provozieren.
Und worüber wir uns in dieser Welt eigentlich verständigen, das wird dann, ach Scheiße, muss ja sein, dem Textbausteinprogramm für Sonntags- und Büttenreden entnommen.

EDITH: Zu Aufsichtsrat, Präsidium und wer da was wie erklären wollte und nicht und wieso was wie kommuniziert wurde oder auch nicht lese man hier: http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6735