Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Kettenroman

„Eat the Meat“

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. „Willst Du etwa Feedback?“

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den „Sumpf“ in der schwulen Szene „trocken legen“. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die „großen Tiere“ als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Saxophon-Dialoge – Folge 1

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Da liegt er nun. Silbern. Massiv. Schwer. Voller Klang. Einer, der ordentlich röhren kann, doch auch in den Tiefen dieses rauchige Hauchen hervor bringt, das ein Tenor-Saxophon zu schenken vermag. Eines, das an schummerige Bars mit knackigen Keepern in steifen Hemden mit Weste erinnert, das den Geschmack von Gin oder Scotch oder Martini auf Lippen und Zungen zaubert. In dem die Melancholie der Wissenden wohnt, die Sehnsucht derer, die alles schon erlebt zu haben glauben und deren Wollen nur mehr einem Glimmen gleicht, das doch so stetig leuchtet wie kein Strohfeuer juveniler Intensitätshoffnungen dieses jemals zustande brächte. Dieses lauernde Trotzdem in der Resignation, das sich Tönen, so geschmeidig und variantenreich wie jenen der menschlichen Stimme, hingibt, die locken, auch in die Distanz schubsen, röcheln und schmeicheln.

Er hat rote Knöpfe, mein neuer Freund. Selbstverständlich ist ein Saxophon für mich männlich, gerade der Tenor. Er lag in einem Keller in Klein-Borstel zusammen mit schicken, teureren, neuen Instrumenten und hat auf mich gewartet. Gerade neulich so ein Billig-China-Instrument getestet im Weltkriegsbunker unweit des Millerntores; das flatterte, klang blechern, stieß weg. Ein Alt der selben Marke hatte einen schönen Klang, aber ich liebe doch Tenöre …

Da lockte mich, im Internet und auch im Preis halbiert, mein neuer Weggefährte. Ganz unsexy als VEB belabelt. Hatte einst auch ein DDR-Instrument, ein Tenor, das ich liebte. Einem Freund geliehen, nie wieder bekommen. So hat er mich verlassen: Durchgebrannt mit einem Anderen.

Die Saxophonbauerin schloss die Stahltür hinter mir. Einem, der seit 20 Jahren kaum einen Ton auf so einem Rohr spielte, will man nicht lauschen. Er strahlte mich mit starker Aura an; Gebrauchsspuren zeigten: Er wurde geliebt. Die Lackierung auf Dis- und C-Klappe weg gespielt, er strahlt die Erfahrung derer aus, die mit Anderen viel erlebt, sich eingelassen haben. Ich setze an, leicht zitternd, fürchte mich vor dem Quietschen, das nun folgen würde.

Es bleibt aus. Sanft, samtig, liebevoll dringen die stockend angespielten Laute aus dem Horn. Später, vor Publikum, da bleibt es aus, klingt schief. Wir müssen uns noch ein wenig kennen lernen, ohne, dass störende Blicke und Ohren uns ihre Label aufkleben. Dialoge müssen her.

VEB. Ich googel herum, das frisch erworbene Instrument, das mir gleich vertrauensvoll Einblicke in die Welt seiner Sounds und somit Gefühle gewährte, ist älter, als sie in der Werkstatt dachten. Irgendwann zwischen 1950 und 1952 muss es in einem verstaatlichten Instrumentenbauerbetrieb gebaut worden sein. In Klingenthal im Vogtland, gar nicht weit entfernt vom Angstgegner Aue. Dort haben Einheimische 1994 laut Wikipedia eine Gedenkstätte für Nazi-Opfer abreißen lassen. Und nennen sich „Musikstadt“. Sehr musikalisch, Erinnerungen tilgen, ist das nicht. Drum trendy.

Im 19. Jahrhundert war Klingenthal wohl eine der wichtigsten Produktionsstätten für die Vorläufer des Akkordeons.

Mein neuer Freund: Also noch zu Zeiten des Terrors Stalins gebaut. Nach dem Vorbild von US-Instrumenten, den Conn-Saxophonen. Hoffe, dass auf ihm keine Militärmusik gespielt wurde, sondern sich tarnender Swing und Rock’nRoll. Wurde ja in Orchestern so gemacht, „See you later, Alligator“ einspielen, es aber anders nennen, damit keiner es merkt in Einstufungskommissionen und anderen Vorläufern öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten und sonstigen Casting-Shows.

Überhaupt war der Jazz das Gegenbild zum sozialistischen Realismus (das ist das, was jene fordern, die mir sagen, ich solle mal knackiger und weniger verschwurbelt schreiben) und deshalb als widerständige Form auch in der CSSR und Polen sehr beliebt. Vielleicht wurde auf meinem Instrument der Marke „Akustik“ ja auch so was gespielt?

Ich werde es vielleicht erfahren, wenn wir uns jetzt näher kennen lernen. Und berichten. Von dem FC St. Pauli-Bläsersatz, der sich heute bei Twitter schon fast formte und eines Tages bei Spielen supporten wird. Vom Wiederentdecken John Coltranes. Von all den Erfahrungen, die ich mit meinem neuen Gefährten sammeln werde, den Geschichten und Assoziationen, die unsere Entdeckungsreise weckt, herauf beschwört, im kreativen Raum des Nichts entstehen lässt.

Ich bin frisch verliebt in einen echten Tenor-Kerl, wahrscheinlich
Jahrgang 1952, aus dem sächsischen Vogtland. Wenn mir das wer vor einer Woche erzählt hätte …

Von Mönchen und Leichen

–  Folge 8 des mit Ring2 betriebenen Blog-Experiments – hier die Links zu den bisherigen Episoden

 

Piet erwartete, dass nun Schüsse fielen oder so. Aber nichts passierte. Das Buch steckte noch in seiner Jeans und der Riese würde vergeblich in der Laube nach ihm und dem Buch suchen. Sicher? Hoffentlich war es so. Eine Scheissangst hatte er immer noch. Er rannte in Richtung Osten, an der City Nord vorbei.

Als er endlich in der S1 in Richtung Blankenese saß, traute er sich auch das Buch herauszuholen.

“Erinnerungen eines Brückenmenschen”, stand dort auf der ersten Seite. “Wir, die wir uns erinnern müssen …”, las er weiter. Die Bahn war nahezu leer, und wackelte beruhigend in Richtung Süden.“

 

(Anmerkung: Man verzeihe mir die kleine Korrekturen; Richtung Winterhude findet sich keine S-, lediglich die U-Bahn, und die fährt dann nicht Richtung Blankenese, sondern biegt nach Süden ab. Das ist Piet in seinem angeschlagenen Zustand nur nicht aufgefallen.)

 

Mist. Kontrolleure. Die erkannte Piet mit seinem geschultem Auge sofort. S-Bahnhof Barmbek, sie standen dort auf dem Bahnsteig mit ihren auffällig-unauffälligen Gesichtern und feixten. Erzählten sich wahrscheinlich gerade Heldentaten von gefangenen und gehangenen Sündern. Witzelten über deren blöde Ausreden, die immer kamen, wenn sie wen erwischt hatten. Triumphierten angesichts kleiner Siege, die ihr erbärmliches Dasein mit ein wenig Status versah.

Alte Wöhr war Piet eingestiegen. Wer zu Teufel war dieser fiese Hüne gewesen? Gemeingefährlich, der Typ. Die pure Gewalt. Die Rippe war bestimmt gebrochen. Er hatte es knacken gehört. Scheiße, scheiße, scheiße, Mehr von diesem Beitrag lesen

Blaue Augen

 Teil 6 des mit Ring2 verfassten Blog-Experiments

 

Teil 1: John Zwo

Teil 2: Der Brief

Teil 3: Der Abschied

Teil 4: Der Leichentransport

Teil 5: Bahnfahrt nach Berlin

 

Diese blauen Augen … der Kontrolleur hatte auch diese blauen Augen … Johns blaue Augen … Jane lächelte ihm zu, genoss, dass er reagierte, als würde sie mit ihm flirten.

Obwohl sie eine Bahncard hatte, nutzte sie sie nicht, damit niemand auf welche Art auch immer ihre Reise nachverfolgen könnte. Bar bezahlt am Hauptbahnhof, gleich neben jenem Ort, da ihr Großvater einst als Großspender der Kunsthalle, errichtet auf einer der alten Bastionen des Stadtwalls, vor allem die Liebermann-Sammlung ausbauen ließ. Sie stellte sich oft vor, sie könnte die Welt so sehen wie Liebermann, getupft und doch geschlossen, lichtvoll und doch so sachlich und spröde, in gebrochenen Farben, mit Form und Formlosigkeiten spielend. Das wäre so beruhigend. Sie hingegen sah alle Farben wie überstrahlt, intensiver. Das musste an den Medikamenten liegen. Ihre Welt war grell.

Bisher hatte sie emotional fast regungslos an ihre Tat gedacht, an die Notwendigkeit, ja Unausweichlichkeit, ihn zu opfern. Hatte einfach so gehandelt, und als es mit dem Taser nicht klappte, einfach so zur Waffe gegriffen, als würde sie Gemüse schneiden oder staubsaugen. Ganz automatisch und selbstverständlich. Es war halt nicht das erste Mal gewesen.

Nun jedoch sah sie wieder das lebendige Leuchten, ja Funkeln in Johns blauen Augen vor sich, das ein für allemal verloschen sein würde … die kleinen Lachtfältchen, das Grübchen an seinem Kinn, diese Narbe auf seinem Oberschenkel, seine formlosen Plattfüße, sie würden verfallen, zu Erde werden, Nahrung … aber vielleicht würde er ja auch verbrannt. Asche zu Asche …

Jane hatte all die lustvoll zusammen verbrachten Nächte, Nachmittage, Morgende ausgeblendet, weil sie ja wusste, dass er nach der Amnesie unaufhaltsam … sie wollte nicht sein erstes Opfer sein.

Als sie in der Wohnung mit der grünen Tür auf ihn gewartet hatte, hatte sie all diese Erinnerungen an ihre zeitweise so leidenschaftliche Liebe fest in ihrem Hinterkopf verschlossen, versiegelt. Hatte sich bildlch den Tresor vorgestellt, in denen sie sie verschließen wollte und imaginiert, wie sie den Schlüssel fort warf. So was half ja manchmal.

Außerdem gab es ja auch noch Juri, und im Grunde genommen machte es mit dem auch viel mehr Spaß. Er war ideenreicher, ging ein auf das, was ihr Körper wollte. Es lief gerade deshalb so gut mit ihm, weil sie für ihn kein anderes Gefühl als Verachtung empfand. Fast einen Hauch von Ekel. Der Leichenfledderer. Gerade, dass er ganztätig mit Leichen zu tun hatte, machte das Spiel um den „Kleinen Tod“ mit ihm so interessant. So lebendig.

Eigentlich war er eine Art Laborratte für sie, sie liebte es, ihn zu manipulieren, während er ihr mit seiner tumben, immergeilen Art hinterher hechelte wie ein treudoofer Köter. Jane lächelte still in sich hinein.

Der Zug fuhr ein im Berliner Hauptbahnhof. Dem Businesstypen, der vor ihr ausstieg, gab sie einen kaum merkbaren Schubs. Er strauchelte, sie lachte, extra schrill – verschiedene Arten des Lachens hatte sie seit ihren Teenager-Jahren geübt. Ihre Allzweckwaffe. Er sah sie wütend an, sie schritt stolz an ihm vorbei auf ihren High Heels den Bahnsteig entlang und warf ihren Schal über die Schulter ganz, wie es sich für eine Diva gehört.

Der Taxifahrer trug die für Berlin so übliche schlecht gelaunte Fresse mit der typischen Selbstgefälligkeit des Hauptstädters. Sie setze sich hinten in den Wagen und demonstrativ die iPod-Kopfhörer auf, nachdem sie „zur Oranienstraße“ gebellt hatte. Da lebte ihr Cousin. Der wusste nicht, dass sie kommen würde, doch sie war vorbereitet. Bestens vorbereitet.

Ihr Handy klingelte. Juris Name wurde angezeigt. „Ja?“ „Ich habe ihn.“ „Lebt er noch?“ „Ja.“ „Dann viel Spaß mit ihm … und denk an das Notizbuch!“ Sie hörte im Hintergrund einen Schrei. Juri lachte.

Weiter geht’s …

Der Leichentransport

Teil 4 des zusammen mit Ring2 verfassten Prosa-Experiments.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

Piet nahm einen leichten Parfumgeruch in seiner Laube wahr. Er schnupperte an der Leiche – der Typ roch nach gar nichts. Noch nicht. Zum Glück. So weit sollte es auch nicht gar nicht erst kommen. Nur ein wenig nach nassen Klamotten. Wo kam der Geruch her?
„Hey, Kumpel, was mache ich denn jetzt mit Dir? Einfach verbuddeln im Garten will ich Dich nicht. Bei jeder Gurke, die ich esse, mir Deinen aktuellen Zustand vorstellen, nee. Nee, bitte nicht.“

Erleuchtung. Piet suchte dringend nach Erleuchtung.

Fasern und so’n Zeug waren eh schon an dem Heini, also die Gartenhandschuhe an und mal in den Taschen wühlen. Ein Ausweis! John Zwo, geboren am 30.12. 1970, wohnhaft in der Ottenser Haupstraße. Der hieß tatsächlich so. Zwo. Der ewige Zweite, auch nicht schön.

Hmmm. Das Foto musste aus den 90ern sein, eine schrille Frisur wie für die Techno-Party und ein ziemlich verstrahltes Grinsen. H.P. Baxxter für Arme. Und eine Art Notizbuch. Seltsam, eine ganz andere Schrift als bei dem Brief …. später lesen. Erstmal den Kadaver entsorgen. Den Abschiedsbrief steckte er in die Tasche der praktischen, aber ins Piets Augen hässlichen Jacke. Der Kerl war ein Funktionsjackenträger.

Ein paar Quittungen, von einem Espressoladen auf der Schanze, ein Essen für mehrere Personen im „Cox“ auf St. Georg, eine von einer Änderungsschneiderei in der Neustadt. Alles nicht sonderlich aussagekräftig. Kein Portmonnaie, keine Brieftasche. Das Notizbuch behielt Piet, den Rest steckte er zurück … tief durchatmen. Der Kerl muss weg. Der macht nervös.

Dieser Parfumgeruch in der Laube, da kriegt man ja Kopfschmerzen  … hey, ist da jemand vorm Fenster? Bloß nicht, dass der Typ neben ihm tot war, das war ja offensichtlich.

Also der alte Trick. Der, der ihn schon vor Verhaftungen bewahrt hat. Den auch Edgar Alan Poe verewigt hat mit dem Brief auf dem Schreibtisch. Piet hatte ihn aus seiner wilden Zeit in Erinnerung, als er die Autobiographie von Bommi Baumann gelesen hat. Bewegung 2. Juni. Könnt ihr ja googeln. Was hatte er oft an den gedacht, wenn er in der Krankenkasse saß und Zahnersatz genehmigte, jetzt einfach eine Bombe zünden, und dann …

Direkt nach dem Bankraub, wenn er noch vor Angst schlotternd etwas zu essen kaufen ging, hatte er sich manchmal ein Schild „Polizeilich gesucht!“ umgehängt und laut sozialistische Lieder gesungen. Die Leute wichen ihm dann ängstlich aus oder fanden ihn einfach schräg; so lange er nicht übertrieb, hat aber auch keiner die Polizei gerufen. Bommi Baumann hatte einst „Bombentransport“ groß auf ein Auto geschrieben, als er eine ebensolche durch  Berlin fuhr, und kam damit durch – komm, Piet, no risk, no fun, und so machte er sich daran, den Leichnam in Säcke zu stecken. Ganz schön schwer, der Herr Funktionsjackenträger, zum Glück noch keine Leichenstarre. Piet kam ordentlich ins Schwitzen. Er holte die Schubkarre, hob ächzend den Körper hinein und malte ein hübsches Schild „Leichentransport“. Zog sich seine buntesten und zerfetztesten Klamotten an, setzte eine Clownsnase und eine falsche Brille auf und übte ein wenig den Gesang von „I shot the Sheriff“ und  machte sich auf den Weg. Die große, schlanke Frau, die sich hinter einem der Bäume des Nachbarsgartens versteckte, die übersah er …

Als er, die Schubkarre schiebend, an der U-Bahnstation Lattenkamp ankam, freute er sich. Freitagabend, schon dunkel, und eine fröhlich singende Horde von St. Pauli-Fans, ein paar zündeten Feuerwerkskörper an, wurde von massenhaft Polizei in voller Montur eskortiert . Optimal. Da fiel er gar nicht groß auf. Alle konzentrierten sich auf die Fussballfans, so dass er in einem Gebüsch etwas abseits des U-Bahn-Ausganges die Leiche einfach ablud. Uff, geschafft. Soll die Polizei doch mal ihre Arbeit tun, anstatt sich an Fussballfans abzuarbeiten … er zog die Säcke von dem Körper, die würde er verbrennen müssen, vielleicht hatte ja einer der St. Paulianer Feuer. Steckte die Pistole wieder in die Hand des Toten, dass der sich da nicht erschossen hat, würden die eh raus bekommen, hauchte ein „Ciao!“ …

Er erschrak fast zu Tode, als ihm jemand auf die Schulter klopfte.

Der Brief

„(…) Innen roch es nach Staub und Torf. In der Ecke stand ein Sofa, das neu bestimmt ansehnlich und teuer gewesen war. Es war aus braunem Leder und hatte massive Holzarmlehnen. Zum Glück lag eine Wolldecke darauf. Als ich mich hinlegte merkte ich erst, wie müde ich war. Vielleicht, dachte ich, genügt eine Mütze voll Schlaf. …“

„Was soll denn die Scheiße?“ rief Piet, griff zitternd nach den Zigaretten in der Innentasche seiner zerschlissenen Lederjacke, zündete eine an und setzte sich neben die Leiche, den Brief noch immer in der Hand.

Diese Erfahrung war neu für ihn. Beim Heimkommen in seine Laube einen fast noch warmen Körper vorzufinden, einen mit Loch in der Schläfe, aus der Blut tropfte und der einen Abschiedsbrief in der Hand hielt.

Fuck, er hätte diesen Brief wahrscheinlich gar nicht ANFASSEN dürfen. Fingerabdrücke und der ganze Mist. Und die ganzen Fasern und Marihuana-Spuren von seinem Sofa, die vermutlich jetzt an den Klamotten von diesem Typ klebten.

Erstmal meditieren …

Doch Piet konnte sich einfach nicht konzentrieren neben diesem Heini, der nichts Besseres zu tun hatte, als seinem Leben ausgerechnet auf dem Sofa in seinem geheiligten Refugium  ein Ende zu setzen. Also erstmal ein Joint.

Die Polizei konnte er nicht rufen, die suchten ja eh nach ihm. Wegen des Bankraubes. War alles nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte, so als Robin Hood abgefeiert werden, einen Sack voll Kohle vor dem VIVA CON AQUA-Büro abstellen und dann ein Leben in Saus und Braus zu feiern. Zum Glück war niemand verletzt worden, aber dass ihm die Angela Merkel-Maske, ja, Zitat, wegen diesem Film mit Keanu Reeves, fand er witzig, dann im wirklich dümmsten Moment vom Gesicht gerutscht war, natürlich exakt angesichts der Überwachungskamera, das war nicht so geplant.  Zum Glück hatte er damals Vollbart getragen, den hatte er wachsen lassen, während er den Coup plante, der war jetzt wieder weg. Der Coup, der ihm nun endlich ein neues Leben bescheren sollte nach den endlosen Jahren als Sachbearbeiter in der Krankenkasse.

Zahnersatz. Sein Spezialgebiet.

Erst großartig studiert und die Nächte durchgemacht in Kifferkneipen, damals, ’77, in der ganzen Polit-Scheiße mit gemischt und dabei auch nicht glücklich geworden und dann im hohen Alter von 29 noch auf Krankenkassensachbearbeiter umgeschult, weil, wie demütigend, der Vater, dieser Idioten-Spießer, ihn nicht mehr finanzieren wollte und dazu erpresste.

’85 war das. Seitdem nur noch Zähne, Kronen, Viniere, Füllungen und die Dritten. Immer die gleichen Formulare, so dass er sich fast schon über Gesetzesänderungen freute, weil die ein wenig Abwechslung in seinen Alltag brachten. Und jeden Freitag Currywurst mit Pommes in der Kantine …

’85. Ein Scheiß-Jahr. Ein Jahr wie Modern Talking, den Mist hörten die Kollegen immer bei den Weihnachtsparties und taten, als würden sie sich amüsieren, während sie dumme Witze über die Figuren der weiblichen Kollegen rissen. Auch nach dem Comeback von Bohlen noch, da galt das dann sogar als Kult. Sie alterten zusammen, er und dieses dröge Volk um ihn herum. Dabei lebten sie doch genau so öde wie er in ihren langweiligen Wohnungen mit ihren Kindern – zum Glück hatte ihn die Scheidung gerettet, da machte er heute noch drei Kreuze. Okay, die Kinder vermisste er schon … sogar sehr.

Und dann die jahrelange Planung zu DEM Coup. Die Vorfreude auf das große Abenteuer. War das schön, sich auszumalen, irgendwo am Strand von Hawaii zu liegen, Huna und Ho’oponopono zu studieren, abwechselnd mit Männern und Frauen zu vögeln und einfach den Tag genießen … bescheuertes Gauguin-Klischee. Klar, aber man wird ja noch träumen dürfen. Wozu gibt es denn Klischees. Und Projektionen.

Na, offenkundig darf man doch nicht träumen.

Nun hockte er seit einem Jahr in seinem Kleingartenversteck und lebte zunächst in der panischen Angst, entdeckt zu werden. Obwohl … irgendwie hatte er hier auch Frieden gefunden. War eh ein Wunder,  dass er diese leer stehende Laube entdeckt hatte. Das Meditieren hatte er hier angefangen, das Kiffen wieder entdeckt, und das Gärtnern, und das war alles gar nicht so schlecht. Die Nachbarn ließen ihn, der behauptete, den Kleingarten geerbt zu haben, in Ruhe, weil die auch nur ihre Ruhe wollten. Da hatte er Glück, keine Heckenhöhen- oder Wegeharkfanatiker, sondern ein Haufen schräger Misanthropen, die sich wechselseitig ignorierten. Prima!

Niemand, der ihn nervte, was von ihm wollte oder gar die Bezahlung der Kronen für Zahn 7 und Zahn 12 erstattet. Den ganzen Tag für sich, Lesen, träumen, dahin fließen, und genug Geld war ja auch da.

Und dann erschießt sich dieser Irre direkt auf SEINEM Sofa!

Und hinterlässt noch diesen Abschiedsbrief. Wer hinterlässt denn dieser Welt bitte einen solchen Brief? „John Zwo“ stand da als Unterzeichner.

Erst diese Geschichte, wie er durch Hamburg fuhr, und dann dieses hundsgemeine Ende. Ein Rätsel. Piet hasste Rätsel. Die ließen ihn nicht schlafen. Na, ein wenig Mitgefühl wäre wohl trotzdem mal angesagt. Armer Kerl. Was zum Teufel war dem da wohl wieder eingefallen?

„Als ich wieder aufwachte, war es noch hell. Der Temperatur, der tief stehenden Sonne musste es Winter sein; sie schickte sich an, unterzugehen. Und da war auf einmal wieder alles da. ALLES!

Es schoss in mich wie ein Blitzstrahl, die Bilder, sie waren kaum zu ertragen. Ja, klar, Bebelallee! Kein Wunder, dass es das war, was mich ansprach. Kein Wunder, dass ich da hin fuhr …

Die Pistole habe ich noch bei mir. Ich halte es einfach nicht aus. Verzeih mir, wem auch immer diese Laube gehört – ich halte das nicht aus. Es tut mir leid. Vergib mir.

Dein John Zwo.“