Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Keine Ahnung

Jenseits der großen These …

Snackable. Likable. Sloganisiert. Kein Einlassen, kein Einlass: Wie Vogelrufe – Meme, Abwehr, Notenschlüssel.

Verstellt, gestelzt, herbeigemackert: Ein Leben wie auf Transparenten. Beifall in Kneipen. Die Rede schwingt nicht, doch er sich mit ihr auf.

Lässt hinter Dir und’s Ihn entfernt die Podien bewohnen.

Dein Blick, er schweift und sucht, verweilt, kein unterwerfen; er huscht und will nichts greifen. Lauschen taucht ein in Klänge und Worte, erkundet das Unfassbare, Dargebotene; verweilt still ganz im Verlauf des Jetzt.

Aufnahme: Start. Immer zurück ins Vokabular, mit ihm jonglieren – Zugriff verwehrt, drum Bild gefunden. Eines, das sich wie Zuhause fühlt. Beobachten verlassen – drum Augen auf. Sätze nicht passend machen, sie umtanzen nur und fangen nicht ein, sie treffen nicht und können so entdecken. Es schwingt und liebt. Das Bild bewegt.

In die Akkorde lauschen. Fingerkuppen klopfen, kratzen auf Oberschenkeln die letzte Anspannung hinfort. Sie finden Melodie, folgen ihr und wissen, dass Wiederholen nur erschöpft, sich Variieren ersehnt.

Den Rhythmus finden, Farben folgen. Sie glitzern und florieren. In Blüte feiern, sehen lernen. Den Schlägen weichen. Das Nutzlos ziehen.

Ließen sie Dich, sie würden sich verlieren. Stellen Räume zu. Sind es gewohnt: Gerührt, geschüttelt, formatiert. Snackable. Likable. Sloganisiert.

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Wie eine neue Sprache lernen … FSV Frankfurt – FC St. Pauli 3:3

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Nein, keine Fremdsprache. Eine neue.

Ich glaube ja nicht nur fest an Dennis Daube, sondern auch daran, dass zu viele Worte zu vorgeprägt und formatiert, Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio, die dritte

Uff. Ächz. Diesmal bin ich echt ins Schwitzen gekommen. Vermutlich, weil das Thema viel aktueller, relevanter ist und tiefer sitzt, als mir selbst es klar war zuvor.

Weil ich immer wieder vor mich hin quatschend merkte, wie ich mich verrannte (oder auch nicht?), dann mich selbst korrigierend kommentierte, anfing, Passagen gar nicht so einfacher, englischer Originaltexte lieber noch mal genauer zu übersetzen – um dann fest zu stellen, dass ich sie eigentlich ganz richtig verstanden und auch ganz gut zusammen gefasst hatte. Trotzdem musste ich die ganze Zeit auch vieles voraussetzen – Beat-Generation, Hippie-Bewegung -, und anderes kann man nicht mal eben so zwischen zwei Jazz-Stücken erläutern, den Existentialismus zum Beispiel.

Kurioserweise merkte ich dennoch, oder aber glaubte es zu merken, dass gerade diese Inswankenkommen dessen, der sich so oft in der oft in der Rolle des souveränen Weltendeuters gefällt, exakt Thema der Sendung ist. Und im Grunde genommen ein guter Effekt ist. Mehr wanken!

Konkret geht es um die „Vergessene Vorgeschichte des Hipsters“, ausgehend von einem hochumstrittenen Essays von Norman Mailer von 1959, „The White N…“. In dieser Zeit tauchte der Begriff des Hipsters zunehmend in Feuilletons und Traktaten auf. Gemeint waren damals jene weißen Jazz-Fans, die den Habitus urbaner Schwarzer kopierten. Oder aber die Jazzer idolisierten, wie Jack Kerouac – dieses freilich auf eine Art, die ziemlich ungebrochen Rassismen reproduzierte, während es sie zu reflektieren vorgab.

Dann vertiefte ich mich und fragte mich natürlich zunehmend, warum ich nun ausgerechnet den dieses Phämonen aus einer sehr eigentümlichen Perspektive auch kritisch betrachtenden, hochproblematischen Mailer ausbuddele, anstatt lieber gleich du Bois oder James Baldwin oder Autorinnen der Harlem Renaissance zu referieren.

Ich bin dann doch dran geblieben, weil ich mittlerweile kaum etwas für dringender geboten halte als eine kritische Selbstreflektion weißer „Gegenkulturen“. Dann entsteht freilich schnell das Übliche, dass Weiße wieder nur über sich selbst reden. Daraufhin bemühte ich mich, die Musik, zumeist aus dem Kontext des Jazz, dagegen zu montieren und zunehmend die (angelesenen) Erfahrungen von PoC gegen die teils hanebüchenen Deutungs- und Aneignungsformen der Black Cultures durch weiße „Gegenkulturen“ ins Feld zu führen.

Ich habe keine Ahnung, ob das gelungen ist. Ich habe so was wie „Critical Whiteness“ auf diesem Feld einfach mal versucht. Und die frühen Hipster, die Beat-Generation und “ Nonkonformisten“ der 50er und ihre Hippie-Erben haben da einfach eine Folie geschaffen, eine Blaupause, die auch scharf kritisiert gehört, weil sie immer noch wirkt.

Falls ich gescheitert bin, war es den Versuch vermutlich nicht wert und ich freue mich trotzdem über Kritik, damit ich daraus lernen kann. Falls wem daran gelegen sein sollte 😉 …

EDITH: Läuft von 14 -16 h – siehe hier.

PS: Was ich aufgrund der Größe des Sujets völlig außen vorgelassen habe ist die schwule Erfahrung Burroughs und Ginsbergs, auch Vertreter der Beat-Generation, und in letzterem Fall auch dessen Bezüge zur jüdischen Tradition. Das wäre zu kompliziert gewesen.

Lieber an das denken, was ich will: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 2:1

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Burnout-Kandidaten empfehlen jene, die sich damit auskennen, vor allem eine Übung: Konzentriere Dich nicht immer auf das, was Du nicht willst, nicht magst, nicht wünscht. Richte Dein Augenmerk ganz auf das, was Du willst und begehrst, was Du gut findest und gerne erführest.

Die Gefahr ist offenkundig: Überbordende Erwartungen, die in Frustration über Ist-Zustände umkippen. Realitätsverlust. Unkritisches Verhalten gar.

Umgekehrt tut es wirklich gut, sich auch dann, wenn irgendwas gerade nicht schön ist, sich vorzustellen, was man stattdessen gerne erleben würde. Eine Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Homophobie – wow!, wie die wohl aussehen würde? Eine ganz ohne aufgeblasene Egos, stattdessen vernetzt in Kooperation, Kommunikation, Solidarität, Mitgefühl, dem Wunsch, voneinander zu lernen – ich komme ins Schwärmen …

Und auf wundersame Weise könnte man manches davon sogar in sein Leben ziehen … und immer dann, wenn Unangenehmes widerfährt oder Handlungen dazu nötigen, vollzogen zu werden, einfach eine angenehme Erfahrung und das, was Spaß macht und gut tut, sich und Anderen, anschließend von ganzem Herzen gönnen.

Politisch sind die Systemgewalten eh so gewaltig, gewalthaltig und gewalttätig, dass ich nostalgischer Demokratieverfechter gar nicht weiß, wen ich wählen soll. Aber in individueller Lebensführung hat sich das Rezept jüngst tatsächlich bewährt.

Aber wie überträgt man das denn nun auf Spielberichte? Große Freude, dass auf der Süd endlich mal wieder eine Choreographie zu sehen war voll politischer Wucht, die jeden schlichten Lokalpatriotismus weit hinter sich ließ wie auch chronische Beschäftigung mit sich selbst und eine Reduktion auf „Polizei doof“, „Viertelschutz“ und „HSV ist Scheiße“? Begeisterung darüber, dass Halstenberg auf seiner Seite nicht fortwährend allein gelassen wurde, die Abwehr stand wie ein Bollwerk und nie der Eindruck einer 85 Minuten währenden Abwehrschlacht entstand?

Man soll sich ja immer vorstellen, was man gerne erleben würde …

Und auf das konzentrieren, was richtig prima lief! Fantastischer Spielzug zum 1:0 nach 3 Minuten! Verhoek trifft und trifft! Tschauner haut Geniestreich-Glanzparaden raus wie Bach einst Fugen! Trotz Hulk-artiger Körperlichkeit und konsequenter Konzeption hervorragen Fussballs auf Seiten des FSV Frankfurt haben wir 2:1 gewonnen! Waren das Brecher, S. neben mir fühlte sich an American Football erinnert.

Und in der Pause waren schöne Trailer für das „Fussball und Liebe“-Love Inn vom 26. bis zum 28.9. im Millerntor-Stadion zu sehen.

Weil man sich ja auf das konzentrieren soll, was man mag, will und erleben will … Fussball und Liebe halt.

Vom Outlaw in fiktionalen Genres

Manchmal schweben meine Gedanken durch die Illusion von Zeit und Raum, landen gar nicht weit von hier. Am Valentinskamp zum Beispiel. In einer Zeit, als die Hamburger Neustadt noch als „das Letzte!“ galt. Und Hubert Fichte über die „Palette“ schrub, ein Lokal unweit des Gänsemarkts, Künstlertreff für Nonkonformisten. Und in Lokalen am Valentinskamp „Tanzverbot“ herrschte. Kein generelles. Nur das zwischen Männern. Die Neustadt war das Schwulenviertel.

Bei Facebook gingen heute Fotos und Videos aus Russland herum. Dortige Neonazis, in trauter Einigkeit mit den Leitlinien der Russisch-Orthodoxen Kirche handelnd, quälten einen schwulen Teenager blutig und posierten dabei stolz auf Fotos.

Outlaw, das ist auch nah an „vogelfrei“.

Die Nazis sind das nie. Die begleitet notfalls noch der Verfassungsschutz. Die radikalisieren nur den Extremismus der Mitte.

Ich wünsche Putin und den Patriachen einen regen Underground mit Film und Literatur über lesbische Heldinnen, Kämpfern für Bisexualität und aggressiv mit angespitzten Pumps zurück schlagenden Transvestiten.

Was mich schon länger erschreckt, ist, dass im Gegensatz zu den USA oder einer Legende wie Robin Hood in Deutschland kaum eine Fiktionalisierung oder Dramatisierung der Outlaws Tradition hat. Büchner ist lange her. Hier lieben alle den „Tatort“, der richtet im Namen korrekter Verhältnisse und gaukelt Sozialkritik vor.

Deutschland ist eine Volkshochschule, deshalb wird auch der renommierteste Fernsehpreis vom Volkshochschulverband verliehen.

Wer vor geraumer Zeit die Fernsehfilmreihe „Der Yorkshire Killer“ aus Großbritannien sah, rieb sich verstört die Augen: Selbstgerechte, brutale Polizisten errichten Hand in Hand mit Baulöwen ihr Reich aus Folter, Willkür, Korruption, ihre ganz und gar eigene Herrschaft in Yorkshire verteidigend und vernichten jene, die Aufklärungsarbeit leisten wollen. In Deutschland ist die Umsetzung eines solchen Stoffes kaum denkbar.

Fatih Akims Filme sind eine Ausnahme. Ansonsten findet sich wenig. Selbst in „Knockin‘ on heaven’s door“ mit Till Schweiger dürfen die Helden nur so ausrasten, weil sie todkrank sind.

„Thelma & Louise“ hingegen – da würde doch der in Fleisch eingeschriebene Wilhelminismus prompt Athtritis in Finger von Drehbuchautoren beamen, kämen sie auf die Idee zu einem solchen Stoff.

Klar gibt es gerade in den USA auch die Heroisierung von allerlei Grauen. Da werden noch Rechtsradikale, die sich in Farmen verschanzen, zu Helden. Oder Rassisten wie Charles Manson. Im Gegenzug „Shaft“ aber auch.

Und Mythen wie „Der Pate“, Bonnie & Clyde oder Ma Baker leben von einem seltsamen Ringen um Moralität und Amoralität, das anderswo als im Raum staatlicher Zurichtungen verortet ist.

Auch dieser Film, ich habe den Namen vergessen, da in einer Erziehungsanstalt missbrauchte Jungs, erwachsen geworden, ihren Peiniger erschießen, bis der alkoholkranke Verteidiger zusammen mit dem Staatsanwalt, letzterer selbst Opfer in der Erziehungsanstalt, das Rechtssystem austricksen mit Hilfe eines Priesters, der vor Gericht lügt – eine Abfolge moralischer Dilemmata inmitten brutalsten Machtmissbrauches mit der bitteren Pointe, dass das Leben der Missbrauchten durch den Racheakt auch nicht besser wird: Maria Furthwängler würde angesichts all der Unauflöslichkeiten vermutlich sofort im Koma landen, sollte sie in so was mit spielen.

Ja, es gibt dieses im wahren Leben schlimme Abfeiern von Selbstjustiz – dem deutscher Film dann einst mit Marianne Bachmeier-Verfilmungen antwortete. Und auch Andreas Breivik wird davon geträumt haben, als Outlaw abgefeiert zu werden. Schlimm genug. War er nicht, isser nicht. Outlaws kämpfen gegen große, stärkere Gegner. Und eben im Film, in der Literatur. Nicht auf Inseln, wo Wehrlose abgeknallt und ermordet werden.

Die Grausigsten sind halt die immer die Anti-PC-Kämpfer, die sich vermeintlich „Tabu brechend“ über angebliche Gesetze des Alltags hinweg setzen, während sie doch nur die Pfürze des deutschen Spießers aufwärmen und so mehrheitsgesellschaftlich wie nur irgend möglich ihr Spiel um das Recht auf Abwertung Anderer ausreizen. Das hat mit Outlaw so gar nichts zu tun, das ist einfach nichts anderes als die Alltagsentsprechung der Abschaffung des Asylrechts: Entrechtete noch weiter entrechten und verhöhnen wollen hat in Deutschland ja auch den Charakter einer nicht nieder geschriebenen Gesetzesnorm. Wasserzähler abbauen. Zwangsräumungen. Refugees nach Italien abschieben. Steigerungen.

Aber diese rein fiktionale Rachefantasie derer, denen unreglementierte Erfahrung noch etwas bedeutet, die sich gegen tatsächliche Mehrheiten, wirkliche Machtverhältnisse, echte Normierung auflehnen – total out hierzulande. Da sei die Juristerei vor.

Tarrantino macht die Rachefantasie von Juden angesichts der Nazis zum Film. Deutschland guckt „Dresden“ und sieht den „Schulermittlern“ zu.

Wohl, weil es Angst vor der Fantasie hat. Denn die ist selten unschuldig. Und gilt als gefährlich. Dabei ist gefährlich doch immer nur die Angst.

Zwischenruf zum „Hipster“-Geschwätz – back to Jazz!

Es gab Tage, da galt Popkultur noch als subversiv und der Hipster als Avantgarde dessen, was dominante, kulturelle und ökonomische Strukturen zu unterlaufen vermag – das war vor allem die Diskussion der frühen 80er, als Autoren wie Diedrich Diedrichsen diskutiert wurden.

Bei Bands wie Tocotronic (deren aktuelles Album zeigt, was entsteht, wenn Leute von Hamburg nach Berlin gehen: Großer Mist) und deren Anrennen gegen Vorstellungen von Authentizität wirkt dieses nach – Pop wurde als dekonstruktiv-konstruktive Praxis begriffen, Zuschreibungen zu entkommen, indem das Artifizielle und auch Sterotype reflektiert und transzendiert wurde ganz im Sinne Andy Warhols und oft mit Mitteln des Camp. Und es, wie bei gutem Pop immer, trotzdem in individuellem Ausdruck aufzuheben. Und wie genau das z.B. Boy George machte oder auch die „Rocky Horror Picture Show“, das beeindruckt mich bis heute.

Was dabei freilich zumindest im Kneipendiskurs des Subito, hamburgische Hipster-Kneipe in den 80ern, heute Fischladen, und analoger Orte weitestgehend ignoriert wurde, gerade in Deutschland und trotz Rezeption von House-Music, die dem Postpunk-Szenarion mit bewährten Hipness-Methoden den Garaus machte, ist die Begriffsgeschichte von „Hipster“.

Wie das funktioniert, belegt heute vortrefflich die taz:

„Für Norman Mailer war der Hipster ein amerikanischer Existenzialist, der ein Leben umgeben vom Tod lebt – nachzulesen in seinem Essay „The White Negro“. Was ist von dieser Assoziation geblieben?“

Was ist das „N..“ im Titel von Norman Mailers Essay geblieben? Das steht da mitten im Text und wird ignoriert.

Das macht doch einigermaßen fassungslos, dass nun dieses hochumstrittene und von schwarzer Seite zu recht harsch attackierte Pamphlet Mailers Mehr von diesem Beitrag lesen

Metalust bei Facebook!

Mein Blog hat da jetzt auch eine nach außen sichtbare Präsenz – „Fansite“ heißt das, glaube ich zumindest. Enjoy it!

Lustvoll jauchzen

Es heißt ja immer, Mensch solle seinen Feinde Liebe schicken … und in der Tat vergiftet Mensch sich in diesen ewigen Schlachten rund um Anerkennung und dominante Kultur selbst.

Dann wache ich morgens auf, will das Motto mal ausprobieren, denke, was kannste ihnen mal Schönes wünschen. Worauf hättest Du gerade Lust? Scheiße, keiner da. Ach, wünsche ich das doch, da lernt MANN Hingabe, sich öffnen, sich führen lassen, passiv sein dürfen, sich Gutes tun lassen … bitte, was ist denn das für ein Weltbild, das davon ausgeht, eine Vergewaltigung könne Genuss und lustvolles Jauchzen hervor bringen? Meines ist das nicht. Da muss beim Leser aber schon einiges voraus gesetzt sein in der eigenen Sicht zwischenmenschlichen Verhaltens, auf so eine Idee zu kommen …

Wobei virtuelle Freundinnen und neue Weggefährtinnen, mit denen zu kommunizieren mir sehr gut tut, mich darauf hin wiesen, das könne an diese Sprüche erinnern, die Lesben sich immer anhören müssen „Die muss nur mal ordentlich gefickt werden …“, und das stimmt. Dafür sorry. Es stimmt auch, dass man niemand wünschen solle, was der nicht will – ich dachte, auch das durch genuß- und lustvoll ausgeschlossen zu haben. Das tut mir dann leid.

Aber es sei bitte trotzdem zur Kenntnis genommen, dass Arschfick für mich wirklich was Schönes ist, was auch mit Besonderheiten der männlichen Anatomie zusammen hängt. Und dass ich, gerade mal wieder eimerweise mit Häme gegen Schwule, Feministinnen und Antirassisten überschüttet, wohl unbewusst das Bedürfnis hatte, darauf zu verweisen, dass Arschficker wie alle Menschen was sehr Schönes und Liebenswertes sind, die Sachen miteinander machen, die Spaß machen. Die genießen und lieben könnten, wenn  man sie denn nicht ständig mit Mist überschütten würde, und gerne mal lustvoll jauchzen. Schwanzlutscher auch.

Und der Herr, der gemeint war, kann sich ja  dann ersatzweise was anderes Schönes vorstellen und das dann erleben. Das wünsche ich ihm hiermit. Vielleicht mutiert er dann ja plötzlich zu einer wundervollen Person, die es nicht nötig hat, die Wut Diskriminierter in den Kontext von RAF und Nationalsozialismus zu stellen, wie es bei der Neuen Rechten so üblich ist …

Das verweist auf etwas anderes: Habe gerade recht fasziniert über die „Giraffen und Wolfssprache“ gelesen. Weil ich ja Experte im Wölfisch bin, was kein Wunder ist, wenn man aus mindestens zwei Minderheitenpositionen – irgendwie Intellektueller, das ist nicht in jedem Fall die dominante Position, und schwul – ständig wölfisch angegangen wird.

Mensch rennt dann irgendwann mit nach vorne verlagerten Schultern, eingezogenem, vorgestreckten Kopf durch die Gegend, mit hängendem Mundwinkel und wachsamen Blick, weil Mensch stets auf den nächsten Schlag gefasst sein muss. Ein Körperpanzer bildet sich, Verspannungskopfschmerz ist häufig, und die nächste Attacke kommt ja auch, sobald man sich zeigt. Dann wird in St. Pauli-Blogs gegen Leute, die Habermas lesen, polemisiert, keine Ahnung, was für ein Bedürfnis sich dahinter verbirgt – und prompt ist man wieder im Wölfischen. Das steht ja nicht am Anfang.

Die Erkenntnis dieser Giraffensprache ist ja, dass hinter all dem Gezeter und Gekeile eigentlich ganz verständliches Bedürfnis stünde – z.B. jenes, nicht alle Nase lang mit Heternormativität konfrontiert zu werden, sondern einfach mal so sein zu dürfen, wie man empfindet und lieben und begehren will und dieses Begehren als etwas Schönes zu verstehen. Das ist ein langer Weg dorthin, Um dann jedes Mal einen Shitstorm zu ernten, wenn man das artikuliert.

Welches Bedürfnis steckt nun aber bei denen dahinter, die zumeist ungewollt mit Hate-Speech-Bildern operieren? Gibt es nicht auch wölfische Bedürfnisse? Ich meine, ich würde gerne giraffisch sprechend durch Lebens ziehen und habe irgendwie das Gefühl, man lässt mich nicht …

#Abitreffenganzvielejahrespäter

Standesgemäß empfing mich der Tag im Park mit den Worten „Du Fotze!“, „Du Schlampe!“, „Fettbacke!“.

„Mimose“ und „Memme“ fehlten ebenso wie „Schwuchtel“ – zu meinem Erstaunen. Ein offenkundig prügelerprobter weißer Herr mit Vollbart und Brille um die 40 mit kleiner Frau an der Hand stieß die Beschimpfungen aus, da ich des Delikts schuldig war, eine Zigarettenkippe ins tiefe Gebüsch geworfen zu haben. „Arschlöcher, die ihren Müll in den schönen Park werfen!“ Solche wie der agieren aber auch nur aus, was andere Benimmexperten denken.

Schwer verkatert und mit Wut gefüllt wegen nächtlicher Aussagen – „ICH HÄTTE AUCH DICH ANS MESSER GELIEFERT!“ – hastete ich jedoch, ganz Memme und Mimose, weiter durchs Grün, ohne mich zuvor noch verprügeln zu lassen.

Verschwitzte Fahrt im ICE – gab Zeiten, da ich diese Strecke jedes zweites Wochenende zurùck gelegt hatte. Erste emotionale Echos aus den Vorzeiten meiner seelischen Entwicklung stiegen auf und verkündeten Zwiespältiges: Während die Anderen Blues tanzten oder bei „Wahrheit oder Pflicht“ knutschten, saß ich meist nur daneben, las lieber die Expressionisten und ihre Gedichte, als mich dem allzu oft auszusetzen. „Deine Schlankeit fließt wie sanftes Geschmeide“ durfte ich ja nicht sagen oder gar anfassen, deshalb dankte ich Else Lasker-Schüler dafür, dass sie es schrub. Ja, so plump entstehen Subjektivitäten. Ich freu mich jetzt schon auf den Kommentar, dass der Dicke mit der Brille aus der Nachbarklasse doch auch immer keine abgekriegt hat.

Die U-Bahnfahrt in die Vorstadt hatte von ihrer Tristesse Mehr von diesem Beitrag lesen

Gemischte Gefühle … Auferstehung oder hinweg siechen?

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(Dieser Eintrag muss schon aus dem schlichten Grund geschrieben werden, dass dieses unsägliche Astra-Poster bei der vom Dienst renovierten iPad-Ansicht meines WordPress-Blogs mich nicht gleich 3fach anspringt)

Morgen Raul gucken gehen. Einen Weltstar sehen. Einen, den man bewundern muss. Will trotzdem keines seiner Tore anschauen müssen.

Morgen hoffen, dass Ralph Guneschs Schlachtruf „Wir müssen das wie Pokalspiele angehen!“ Wirkung zeigt. Dass das Underdog-Feeling wieder anstachelt anstelle der – wahlweise – Freude über oder Enttäuschung angesichts fehlender Augenhöhe. Das dieser Frust nicht mehr das Spiel der Mannschaft wie auch das Feeling auf den Rängen bestimmt. Gerade WEGEN der Verletzungsmisere können wir doch befreit losackern und es den Großen zeigen! Dass punkige Drecksackhaftigkeit, Funk-Feeling, Shanties und tiefer Soul der Mannschaft wieder zu diesem Spirit verhelfen, der St. Pauli zu St. Pauli macht. Das Lachen über sich und ein Zelebrieren des Trotzdems sollen achen, krachen und hachen und dieses Grablegungsgefühl, das letztes Mal zumindest auf der Haupttribüne griff, vertreiben. Dieses Sichsosichersein möge sich in Luft auflösen, dass es eh ab der 80. Minute irgendwann bei uns klingelt, es soll Mannschaft und Ränge verlassen wie ein ausgetriebener Dämon. Ich will Voodoo spüren! Magie!

Obgleich mir dieses seltsame Gefühl, das mich beim letzten Spiel beschlich, diese Ahnung, da würde nur noch parodiert, was uns auszeichnet, noch tief in den Knochen steckt. Auf der alten Haupttribüne hatte ich das nie. Auf der neuen infizierte es mich schnell, sobald sie stand. Der Jolly Rouge hat es zeitweise vertrieben, doch liest man die Interviews mit Herrn Meeske, so will der ja, stellvertretend, dass mich die angreifen und sie an mir nagen, diese gemischten Gefühle, bevor ich in das Stadion gehe, das seit 10 Jahren mein Zuhause ist.

Über die rege, umfangreiche und sehr intensive Teilnahme an dem Bloggerprojekt habe ich mich wahnsinnig gefreut; auch, dass in so vielen grundsätzlichen Fragen fast alle sich so einig waren. All die spannenden Erlebnisberichte, Biographien, Perspektiven! Freu mich auch drauf, morgen vielleicht mal mit dem Lichterkarussell, hoffentlich mit dem Magischen FC anstoßen zu können, und die mittlerweile schon so vertraute Blogger- und Twitterer-Runde nach dem Spiel ist eh eine ungeheure Bereicherung.

Trotzdem, man muss es anmerken: Eine Frau, eineinhalb Schwule und ansonsten mutmaßlich weiße, heterosexuelle Männer machten mit. Oder irre ich? Und die Musealisierung dominierte deutlich die zukünftigen Perspektiven, bei aller Begeisterung über die tollen Texte. Fast alle schienen sich einig zu sein, dass im Geiste des Jolly Rouge weiter St. Pauli-Geschichte geschrieben werden müsse. Aber wie, da war eher wenig Konkretes dabei.

Am kontroversesten ist wohl das Ultra-Thema; zugleich für mich spannend, weil ich diesen intensitätsorientierten, latent literarisch sich zeigenden Outlaw-Entwurf höchst inspirierend finde. Dass freilich inmitten derer nunmehr die tradierten Männlichkeitsvorstellungen, die gewaltgesättigt Homophobie und Sexismus gleichermaßen bedingen selbst da, wo die Protagonisten das gar nicht merken, sich zu etablieren suchen, mag im gesellschaftlichen Feld Fussball nicht überraschend sein, und gut ist, dass es so kontrovers diskutiert und dagegen angegangen wird. Erschrocken hat es mich trotzdem. Weil das ja nicht die Zukunft des FC St. Pauli sein kann.

Aber was ist sie?

Hoffentlich keine Niederlage gegen Schalke morgen. Sondern die Auferstehung aus dem Geiste der Rebellion mit SINN und INHALT – gegen Geldsackhaftigkeit und andere Entwicklungen, zu denen bedauerlicherweise auch und gerade Schalke nachhaltig beigetragen hat.

Asa kann da nix für. Den feier ich morgen. Komme, was da wolle oder solle. Je nachdem.

Spieler und Publikum auf den Rängen, es liegt in unserer Hand, ob es will oder ob es soll.