Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Für Hedonismus

„Die bruchlose, brutale Fortsetzung von Hartz IV ist das einzige und zentrale Thema der Großen Koalition“

„Die bruchlose, brutale Fortsetzung von Hartz IV ist das einzige und zentrale Thema der Großen Koalition. Sie geht allen anderen Themen so sehr voran, daß sie nicht einmal erwähnt werden braucht, sie versteht sich von selbst. Hartz IV ist der Garant für europaweit konkurrenzlos niedrige Löhne, für bizarre Flexibilitäts- und Zeitarbeitskonstrukte, für die fortschreitende Durchdringung aller Gesellschaftsbereiche mit der Ideologie der Selbstausbeutung und der Verachtung von allem, was schwach ist.“

Leo G. Fischer hat recht. Es geht darum und um sonst nichts.

Diese ganzen Propagandaschlachten, in denen nun noch Irgendwielinke, am liebsten aber jene weiter rechts den – immer männlich, weiß und hetero – gedachten Arbeiter in Legitimationsdiskursen zur Wahl von Menschen wie Trump, Kurz oder Weidel missbrauchen, sind einfach nur Ablenkungsmanöver.

Sie stützen nur, was Hartz IV, in GB Mehr von diesem Beitrag lesen

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Spiel, Musik und Zeit: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 0:0

Mit Fussball ist ja ein wenig wie mit der Musik und letztlich allem: Auch hier geht es schlicht um erlebte Zeit.

Das, was zuschauend oder spielend erlebt wird, findet gewissermaßen IN der Zeit statt, den berühmten 90 Minuten.

Geneigt, vom Raume, dem Platz oder Spielfeld her Fussball zu begreifen, ist dieser ja nur als zeitlich „erschlossen“ zu denken, zu fühlen und zu erfahren.

Es ist schon kurios, wie Denken sich verändert, steht nicht der Raum am Anfang seiner Bewegung, sondern die Zeit, von der ja alle immer viel zu wenig „haben“. Probiert’s mal.

Und nimmt die Wahrnehmende das, was sich bietet und wahlweise genossen oder erlitten wird, zur Musik analog wahr, dann ergeben sich Gedanken wie der folgende:

„Durch die Eigenschaft der „Flüchtigkeit“ ihres vorübergehenden Eintretens in den Zeitfluss und wieder Verschwindens scheint sich Musik signifikant und wesentlich von anderen Künsten sowie von den sonstigen Gegenständen unserer Alltagswelt zu unterscheiden.“

Georg Mohr, Musik als erlebte Zeit, in: philosophia naturalis 47/2012/2

Trifft das nicht ebenso auf den Fussball zu?

Kaum ist die Torchance da, Mehr von diesem Beitrag lesen

Vorfreude auf „Les Aveux de la chair“: Das letzte noch unveröffentlichte Werk Michel Foucaults erscheint in Frankreich

Nun ist es da. Zumindest in Frankreich. „Les aveux de la chair„, „Die Geständnisse des Fleisches“ von Michel Foucault.

Der vierte Teil seiner „Geschichte der Sexualität„, zu deutsche „Sexualität und Wahrheit.“ Ich erinnere mich noch gut daran, geradezu gelitten zu haben, als ich damals immer wieder DEN Rabinow/Dreyfus zu Rate zog, um das Werk von Michel Foucault zu erkunden und dabei auf dessen Analyse des frühen Christentums stieß. Dieses ist Sujet in „Les Aveus de la chair„. In den Interviews im Rabinow/Dreyfus formulierte Foucault lediglich Andeutungen.

Erste Einblicke in den Inhalt des posthum nun in Veröffentlichung befindlichen Bandes 4 gibt ein Interview des Deutschlandsfunks mit dem in Frankfurt lehrenden Philosophen Martin Saar. Es ist ziemlich spannend, es sich wirklich ganz anzuhören (einfach Zitat unten anklicken).

Die großen Philosophenkriege der 80er, ziemlich einseitig geführt von Jürgen Habermas und seinem Umfeld gegen die französische Philosophie, werden am Rande erwähnt – und die zentrale Pointe der „Geschichte der Sexualität“ auf den Punkt gebracht:

„Die Sexualität, von der wir ja immer denken, sie sei etwas Natürliches, ist selbst durch und durch konstruiert, was so viel heißt wie gedeutet, gehegt und gemanaged.“

Exakt das ist es ja, was von Beverfoerde bis Kelle bis heute harsche Attacken erfährt: Das so etwas wie „Sexualität“ Mehr von diesem Beitrag lesen

Mit Maxim Biller polemisieren – und der Streit um ein Gedicht

Ich finde den Maxim Biller ja immer wieder gut. Anregend auch da, wo er wurmt. Weil er wurmt. Seit damals, als er in der TEMPO seine „100 Zeilen Hass“ verkündete.

So nehme ich ebenfalls dankend entgegen, wenn er mich meint. Ohne mich zu kennen. Auch wenn ich mich damit in gefährliche Nähe zu Ulf Porschardt begebe. Weil der sich auf Twitter auch für den im folgenden zitierten Text begeisterte.

Oje, eine der wirklich erschreckendsten Nähen, die aufzusuchen in diesem Leben möglich und denkbar ist. Ist doch dessen borniertes Geschwätz regelmäßig in abstoßender Bräsigkeit und triefend vor provinziellem Mief derart fern jedes Gedankens situiert, dass eher als Symptom denn als Sinn es zum Glück auch schnell wieder verhallt. Dessen Getexte ist eben Ausdruck eines aufgeblasenen Nichts, das mit dem Nichts im Werke Sartres, wo es um die Negation dessen geht, was ich aus mir zu machen glaubte, so gar nix gemein hat. Mauvaise Foi halt.

Ja, auch solche Phrasen, nunmehr meinerseits, greift der Biller an. Gemeint sind Schreibende:

„… für die angelesene Theorien alles sind und eigene Gedanken nichts – weil man für die ja dann ganz allein verantwortlich wäre als armer, kleiner deutscher Untertan.“

Und zum Glück meint er ja nicht nur mich. Sondern auch jene, die Trumps-Twitter-Sottisen für witzige Polemik halten. Oder auch solche, die sich und Milo Dingensbums vermutlich für Schreiberlinge halten, die treffischer zuspitzten. Wenn sie nicht gerade Racial Profiling in Berliner Parks betreiben. Neoconnards halt.

Aktueller Anlass für einen erneuten Anfall der Maxim-Biller-Verehrung? Dieser Text:

„Und Sie wollen schon gar nicht, dass man die Heuchler und Arschlöcher beim Namen nennt, egal ob sie Jakob „Walser“ Augstein, Sigmar „Nazisohn und Iranfreund“ Gabriel, Frank-Walter „Ich wohne in einer arisierten Dienstvilla“ Steinmeier oder Alexander „Mehr Diktatur wagen!“ Gauland heißen, denn die Darf-man-das-Debatte, die dann ausbrechen würde, würde auch Sie selbst und Ihr Selbstverständnis als historisch und politisch hin- und hergerissener Täter-Enkel wegfegen – denn schließlich sind Sie es, Sie Heuchler, oder diese Alt- und Jung-Siegfrieds ständig fasziniert liest, druckt und interviewt.“

Im Text kriegen kriegen auch Luhmann-, Butler- und Eribon-Leser ein paar Watschen ab. Ja, ich fühle mich gemeint.

Und: Es wird das „Moralisieren“ gegeißelt.

Das Krude an dieser Kritik des vermeintlich „Moralinsauren“ aktuell ist ja,  Mehr von diesem Beitrag lesen

KONSERVATISMUS, NEOLIBERALISMUS UND BÜRGERLICHKEIT: Dobrindt und das „3. Reich“

„Die Agenda 2010 gleiche einer »institutionellen Angstmobilisierung«. Sie habe massiv minderheitenfeindliche Tendenzen und den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte befördert, konstatieren die Autoren Sigrid Betzelt und Ingo Bode.

Mit Hartz IV habe die Politik systemische Risiken individualisiert, heißt es. Das System bedrohe Lohnabhängige bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder Krankheit gefährdeten den gesamten bis dahin erarbeiteten Lebensstandard. Betroffene passten sich einerseits vermehrt an. Andererseits entstehe Kontrollverlust und Wut.“

Mag als merkwürdiger Einstieg erscheinen bei dieser Überschrift. Da „wir“ nun freilich, was Diskussionslage, Topoi und auch Wählerverhalten betrifft, längst tief in Analogien zur Schlußphase von Weimar verstrickt sind, sollte auch aufeinander bezogen bleiben, was eben zusammen hängt: Die klassische „soziale Frage“, wie sie sich tatsächlich stellt, und die nationalkonsevativ-bürgerlichen Ideologien, die von ihr ablenken sollen.

Der Text zu bürgerlichen Schwulen, die Ende der Weimarer Republik ordentlich dabei mitmischten, bei alledem, was, bürgerlich unterstützt sich auch als Lösung der „sozialen Frage“ behauptete, der kommt noch, keine Sorge. Wie gewichtig sie da waren, das sei mal dahin gestellt, dazu gibt es aber auch Publikationen aus queeren Kreisen. Und auch damals gab es schon solche wie Jens Spahn.

Erst mal freilich ein Text zu den statistisch relevanteren Kreisen. Also die, für ein Dobrindt Mehr von diesem Beitrag lesen

Regime der Angst und Story-Telling

„Aber sich Ruhe zu gönnen, durchzuatmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, das fällt den meisten von uns schwer. Das liegt daran, dass fast alle Menschen den starken Glauben besitzen, dass sie sich ihren Wert als Mensch erst verdienen müssten. Wenn das Grundeinkommen ihnen plötzlich vermittelt, dass sie auch leistungslos wertvoll sind, dann macht das die Leute skeptisch“

Es gab dazu mal einen Song ausgerechnet von Heinz-Rudolf Kunze: „Die Leute denken, Du schiebst ’ne ruhige Kugel“. Einer über Arbeitslosigkeit. Die Sicht auf dieses Thema, also wie mensch sich nun innerhalb und außerhalb der Beschäftigungsverhältnisse versteht, verschiebt sich derzeit ein wenig; da genügt ein Blick den ausufernden Coaching- und Ratgeber-Markt (ja, gruseligerweise oft im Kopp-Verlag) oder sich bei Youtube ein wenig durchzuklicken.

„Sei Du selbst!“, „Selbstliebe“, „Entdecke Deine wahre Berufung!“ – so was erzeugt Bestseller im einem Segment dessen, was unter „Esoterik“ verstanden wird. Kann als grauenhaft empfunden werden. Als Symptom freilich eines kollektiven Unbewussten, das noch keine politische und ökonomische Theorie gefunden hat oder wenn, dann mit Sicherheit genau die falsche, ist die Lektüre dennoch möglich.

Ebenso lauschen einem Eckart Tolle, der altindische Weisheiten recyclet und appropiiert, weltweit  mehr Leute als Beatrix von Storch oder der CSU und ihrer Mischung aus Anheizen der Furcht, um als Löschmittel Autoritarismus mit dem Diskurs-Wasserwerfern hinterher zu spritzen. Enthält Brechmittel.

Tolle lehrt, dass es das Ego, das ständige Story-Telling der Mind-Machine sei, das, von Angst befeuert, allerlei Grauen in der Welt erzeuge, wenn es zu Handlung schreite. So bevorzuge das Ego Gedanken, die Furcht erregten, und erhielte sich so in einem fortwährenden Geplapper am Leben. Um Herrschaft über die jedem Menschen inne wohnende Stille und  die Möglichkeit des Friedens auszuüben. Um das zu verkünden, sitzt er gelegentlich bei Ofrah Winfrey vor Millionenpublikum und wird geliebt und gesucht.

Es kann von diesem Zweig der Esoterik nun gehalten werden, was immer auch gewollt wird. Der Schatten, jungianisch verstanden, läuft tatsächlich auch immer mit. Insofern landet eine jede, ein jeder, ein jedes von Tolle-Videos (die auch mein Lieblingsschwarm Clueso immer mal zitiert 😀 ) verhältnismäßig schnell bei übelsten Verschwörungstheorien.

Meine Lieblingsvariante ist derzeit, das die „New World Order“ Schwule benötige (u.a., um Leihmütterschaft und Eugenik zu etablieren), es diese aber Mehr von diesem Beitrag lesen

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.