Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: FC St. Pauli

You don’t have to be cool to rule my world: FC St. Pauli – 1860 München 0:2 

Cool muss echt nicht. Lovesexy reicht ja, und das ist eh eine Energie, die befällt, wann immer das Individuum sich empfangsbereit dafür fühlt. Glaube ich. Nur dass das halt allzu oft blockiert und behindert wird durch all die -ismen …

Aber … vielleicht wäre es ja anders gelaufen, wenn eben doch, ganz, wie Erik sich das gewünscht hatte, „Let’s go crazy“ vor dem Spiel gelaufen wäre. Immerhin ist Prince da noch aufgetreten. Und immerhin standen wir hinterher in einer Kleingruppe nicht mehr so ganz Junger vor der Domschänke und schwärmten uns von Prince ausgehend durch die Tracks der Heroen, auf deren Schultern er thronte: Nile Rodgers zum Beispiel. Auch, dass der in einem Club, in dem Trans-Menschen performten, auf die Idee zu „I’m coming out“ kam, das er Diana Ross schrub. So berichteten wir uns, durch Super-ARTE-Dokus belehrt.

Da schließt die Frage an, wieso in so einem Fall eine Göttin wie Diana Ross als Medium männlicher Songwriter hier von mir beinahe behandelt worden wäre. Was sowohl falsch als auch unverschämt wäre. Unsere Spieler sind ja auch nicht die Medien Lienens, während sie mal mehr, mal weniger seine Vorgaben in Musik auf dem Platz verwandeln. Vielleicht ist Lienen ja ihre Muse. Diese Frage danach, inwiefern die Interpretin eben selbst erschafft, stellt sich z.B. den Jazz-Improvisierenden gar nicht. Da dudelt mensch über die Akkorde von Cole Porter oder Miles Davis und macht was draus. „Rappers Delight“ der Sugarhill Gang basierte ja auch auf „Good Times“, dem wohl meistgesampleten Riff, von – Nile Rodgers. 

Gerade in Zeiten, da auf Stuttgarter Parteitagsreden ein chauvinistischer und hochaggressiver Kulturnationalismus erhebliche Bevölkerungsteile zu „Volksfremden“ erklärt (und damit auch nur explizit macht, was die Gefühls-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen großer Teile der „Mitte“ implizit im Altagsempfinden bestimmt, selbst wenn viele derer anders darauf reagieren) und sie in ihren Freiheitsspielräumen krass beschneiden will, ist ja im Gegenzug auf die tiefschürfende Prägung kultureller Diversität hierzulande  u.a. durch internationale Popkultur zu verweisen. Die eh wirkt, zum Glück. Die wollen zurück in die Zeit vor AFN und BFBS zu „Grün ist die Heide“, was die Kulturwüste Deutschland nur endgültig veröden würde. Mensch braucht ja nur mal in die Gazetten schauen, was hier mittlerweile als Philosoph gilt. Fängt mit S an. Erschütternd. Jetzt verteidigt – übrigens zu recht – sogar schon Alan Posener in DIE WELT Political Correctness als Basis sinnvollen Diskutierens, während die Irgendwielinke noch dabei ist, Critical Whiteness niederzuschreiben.

Was nun durch immer dieselbe Punkrock-Folklore auch dann nicht korrigiert werden kann, wenn Vertreter derer von den Neurechten am Auftreten gehindert werden sollen (was nix wurde; wären die echt noch subversiv, hätte die SPD den Slime-Gig vermutlich gleich mit unterbunden). 

Ja, ich tue mich schwer, über das Spiel zu schreiben – für die 60er war’s schön, für uns irgendwie belanglos. 

  
Keineswegs belanglos die tolle Choreo auf der Gegengeraden – die weist hoffentlich auch weiter auszubauende Wege in die neue Saison. „All colours are beautiful“ – von Regenbogenfahnen umgeben.

Wie froh wir sein können, dass Fafa Picault bei uns bleiben wird, das stellte er einmal mehr unter Beweis. In den war „Let’s go crazy“ nun aber so was von gefahren, hinten und vorne und überall Picault. Toll. You don’t have to be cool, you have to be Fafa. Und beim nächsten Mal strahlt das dann derartig intensiv auf alle aus, dass unser Saisonfinale, das letzte Heimspiel, schon all das Grandiose vorweg nehmen wird, was die nächste Saison uns schenkt. Und dann wird das Spiel bestimmt auch von den Klängen Prince‘ bestrahlt. Ja, wer keine Kraft zum Träumen hat … 

Wie die Geschäftsführer des FC St. Pauli 90 Minuten lang …

… eine Frage abwehren wollten, die die taz anschließend dennoch stellte

Oder: Was macht Sportjournalismus? Wozu ist er da?

Womit vertreiben sich die mutmaßlich müden Kollegen vom Abendblatt oder den 11Freunden ihre ggf. trüben Tage, was geht in denen von MOPO und BILD vor, die Tag für Tag Zeilen schinden und sie sich aus den wund getippten Fingern saugen müssen? Lesen sie heimlich Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“ und wagen es nicht, das den Kollegen zu verraten, dass sie gar nicht wie alle anderen auch „Frauentausch“ und ähnliche Formate gucken, wenn gerade kein Fussball läuft? Um Hohn, Spott und Ausgrenzung zu vermeiden, verschweigen sie solche Lektüren halt lieber?

Hassen sie heimlich Stutzen, Bälle und Rasen, meiden phobisch allzu grüne Parkflächen? Schreiben im Verborgenen – nur  für die Schublade! – Thriller über Serienkiller, deren Trillerpfeifen beim Morden schrillen, während sie ihre Opfer mit Freistoßspray verzieren oder ihnen Spielernoten aufs Rückrad tätowieren? Oder wachen sie nachts aus Alpträumen auf, weil sie ihre Leser als wabernde Zombie-Apocalypse imaginierten, die,  auf sie eindringend, Headlines wie „Lienen will nicht mit der Mistgabel essen“ hungrig schmatzend ihnen entgegen stöhnen vorm finalen Biss (und andere Lyrik aus des Sportjournalisten-Hirn)?

Fragen, die gestern allesamt NICHT gestellt wurden. Hätte mich schon interessiert.

Andreas Rettig und Thomas Meggle, kaufmännischer und sportlicher Geschäftsführer des FC St. Pauli, hatten zum Hintergrundgespräch geladen. Neben den Erwähnten versammelten sich auch Fanzine-Macher und Blogger, alle lauschten gebannt in der Viva con Agua-Loge im Millerntor-Stadion.

Wir erfuhren viel: Dass Freiburg einen immens höhren Anteil an Fernsehgeldern zur Verfügung habe als wir, dass der FC St. Pauli hohe Investitionen fortwährend tätige in Stadion und Infrastruktur und das auch – aus Überzeugung! – durch den Verkauf des Stadionnamens nicht zu lindern sei. Dass andere Vereine ihre U23 abmeldeten, wir nicht. Dass Umsatz nicht gleich Etat sei. Dass der Rückerwerb der Merchandising-Rechte ja erstmal koste, bevor er Einnahmen generiere. Dass auch auf Rekorderlöse aus Spielertransfers Steuern zu entrichten seien und mensch nie genau wisse, wann die Vereine, wo die Jungs nun spielten, das Geld überweisen. Dass in Software zur Spielersichtung- und beurteilung investiert werden müsse und diese ja nicht nach Namen und Beliebtheit bei den Kollegen vom Print ausgewählt würden, sondern auch nach Funktion im Kader, Spielertyp, links- und rechtsfüßig, groß und klein, in- und ausländisch (inwiefern ein höherer Anteil ausländischer Spieler sich negativ auf den Teamgeist auswirke, wie behauptet wurde, erschloss sich mir nicht) wie auch aufgrund von Fähigkeiten je nach Spielsituation: Ein Fafa Picault sei auch dazu da, in der zweiten Halbzeit, wenn mehr Räume entstünden, diese zu nutzen. Funktionale Differenzierung nennt das der Soziologe, früher sprach mensch von Arbeitsteilung.

Pointe: Auch in der nächsten Saison sei der Lizenzspieleretat nicht erheblich höher als in dieser, und die Mannschaft sei doch schon super gebaut (und ein toller Stürmer auch schon verpflichtet). Wie der Tabellenplatz und der Saisonverlauf ja belegten. Und in der Tat: Trotz manch kuriosen Heimspiels ist Meckern ja nicht wirklich angesagt, sondern eher ein fettes Dankeschön dem Team entgegen zu schmettern – zudem der Großteil derer im Kader uns auch vorm Abstieg zuvor bewahrte.

Die Botschaft: Sonnenklar. Info-Dump, um denen, die täglich schreiben wie auch den Besserwissern in den Kommentarspalten „sozialer Medien“ die Parameter zu skizzieren, in denen sich die Handlungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bewegen. Eine gewisse Gereiztheit war spürbar, denen all das nun überhaupt so haarklein aufbereiten zu müssen. War ja so überraschend alles nicht und neu ebensowenig.

Aber: Ging nicht der Vortrag ein wenig an der Zielgruppe vorbei?

Oder, anders gefragt: Geht es bei der Berichterstattung rund um Fussball und all die kneipenabendfüllenden Diskussionen rundherum überhaupt um INFORMATION oder gar WISSEN?

Ist es nicht eher der Reiz der Meinung, des Gerüchts, der Spekulation und vor allem des BEURTEILENS Anderer, der Lust anstachelt und das Spiel aum Laufen hält? Ist Grundlage des Kommentierens gar das Abwägen, faktenbasiert? Interessiert das noch wen?

Ich wage es ja kaum zu vermuten, und bestimmt irre ich, aber, wenn es denn gar möglich ist, dass des nachts in Ohmachtsgefühlen und Schweiß gebadet der Sportjournalist seine LeserInnen als ihn selbst zitierende Zombies erträumt und übermüdet solche Bilder und Stimmungen Gedanken über jene, die frisch geschriebene Zeilen in der U-Bahn lesen werden, beeinflussen KÖNNTEN – ja, manchmal kommt mir der Gedanke einer unterschwellig vergeltungsfreudigen Haltung, die Texte antreibe, eine gewisse Wut und Verachtung den Lesenden gegenüber könnte spürbar sein, das ist unfair und ungerecht, ich weiß -, ist dann so Profanes wie tatsächliche Handlungsspielräume überhaupt wichtig? Oder ist es nicht vielmehr unterhaltsamer für fast alle Beteiligten, wenn Ängste geschürt werden, dass wichtige Spieler gehen könnten, dass vor lauter Selbstzufriedenheit wichtige Maßnahmen gar nicht als solche erkannt würden und, wenn schon die ewig gleichen Berichte zu verfassen sind, wenigstens ein klein wenig das Gefühl eigener Macht dadurch angefüttert wird, dass Unruhe verbreitet und ein Hauch von Zwietracht gesät und geerntet werden KÖNNTEN?

Hey, that’s Entertainment! Drei Regeln gibt es für gute Dramaturgie: Konflikt! Konflikt! Konflikt! Steht zumindest in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Und anschließend noch ein verächtliches „Für immer zweite Liga“ ausstoßen …
Als Thomas Meggle und Andreas Rettig ihre Ausführungen beendet hatten, stellte der Verteter der taz die Frage – sinngemäß – doch noch. „Sagt mal, wollt ihr nicht noch ein wenig Geld in die Hand nehmen, um ein paar richtige Granaten zu verpflichten?“ Wie gesagt: Sinngemäß. Aus der Erinnerung zitiert.

Andreas Rettig zeigte sich angesichts der Frage enttäuscht.

Die Wiederkehr des Schädels: Der FC St. Pauli kauft Upsolut

 
Die Fakten haben die vom Magischen FC schon derart treffend zusammen gefasst – auf der Grundlage einer vorbildlichen Informationspolitik des Vereins -, dass ich dankend zitiere:

„Erstmal die Fakten: Der FCSP kauft seine Merchandising-Rechte vollumfänglich zurück. Er gibt dafür 1,3 Millionen aus und übernimmt von Upsolut auch 80 Mitarbeiter (inklusive Aushilfen, Teilzeit und Auszubildende). Das Ganze soll aus einer Ansparrücklage und der laufenden Liquidität finanziert werden. Es soll dann eine Rückzahlung in die Ansparrücklage erfolgen, 2015 und 2016. Upsolut macht ca. 500.000 Gewinn und 8,5 Millionen Umsatz. Wie man sich zukünftig im Merch-Bereich aufstellen will, ist noch nicht geklärt. Der Verein schreibt so schön: „Teilhabe von Fans, Mitgliedern und/oder Partnern ist zu prüfen.“ Dies habe auch Auswirkungen auf die Internationalisierung des Vereines, schreibt der Verein weiter. Der Anteil des Merch am Gesamterlös war beim FCSP bisher deutlich unter einem Prozent, im Durchschnitt aller Bundesligisten liegt er bei sieben Prozent. Bisher hatte der FCSP zehn Prozent der Einnahmen erhalten. Ein Rechtsstreit lief, liegt vor dem BGH, sodass man nun eine einvernehmliche Lösung gefunden hat.“

Schon die Einbindung der Blogs und Fanzines in die Öffentlichkeitsarbeit durch Geschäftsführung, Geschãftsstelle und Präsidium ist ja, verglichen mit dem bundesrepublikanischen Institutionenmainstream, so außer-gewöhnlich, dass sie immer neu zu belobigen ist: 

Unter dem neuen Präsidium tut sich mehrdimensional vieles, was gut ist. Einladungen zum Einblicke in auch das Gewöhnliche, wo im Worte drin steckt, dass das was ist, wo mensch gewissermaßen drin wohnt, was vertraut ist, wo sie weiß, wo Treppe, Bett oder Küche sich befinden – oder auch Ballsaal, Business Seats und Fanräume -,  wo es raus geht, wie etwas rein kommt, nimmt der Blogger ja gerne hin: Einblicke in das das Gewöhnlich in dem Sinne, das das gerade in Zeiten des Neoliberalismus so oft beschworene „Unternehmertum“ seinen Bezugsrahmen uns gegenüber offenbarte. 

Wirklich eine Offenbarung ist das selten. Eher geht es darum, wie Spiel-Raum, auch das kann mensch ja durchaus wörtlich nehmen, ein Stadion ist ja eh sowas, ein Spiel-Raum – und everything is a game, dessen Regeln keiner selber schöpft -, gewonnen werden kann für einen Fussballverein. Und welche Parameter es sind, die als potenzielle Trümpfe im Poker mit viel Größeren ggf. ins Spiel kommen können. Jedoch ebenfalls darum, welcher Spieler unseres Vereins im ökonomischen Raum des Spiels wie welchen Zug ins Rollen bringt. 

Wenn ich das richtig gedeutet habe, ist Joachim Pawlik der Akteur, der im ökonomischen Klein-Klein sich orientiert – er referierte z.B. Fragen der Unternehmensbewertung von Upsolut, die ja nicht erst seit dem Aufstieg und Fall der NEW ECONOMY hochpolitisch sind. 

Weil die Kriterien nicht so objektiv sind, wie es zumeist scheint – es gibt unzählige Rechenmodelle, die je nach Hype, Interessen der Akteure und Chancenabwägungen in aktuellen Märkten bis hin zu intervenierenden Faktoren wie möglichen Rechtsstreitigkeiten reichen. 

Das sind Themen, die bis hin zu dem hochumstritten TTIP – der intergalaktischen Umgehungs-, sorry, dem transatlantischen Freihandelsabkommen – brandaktuell sind: Wenn ich nicht fehlinformiert bin, geht es da ja nicht darum, dass „die Linken Angst haben, ihnen könnte jemamd das Essen vergiften“, sondern um u.a. eine supranationale Gerichtsbarkeit installieren – um so die Investitionsrisiken, die sich aus nationaler Rechtssprechung ergeben könnten, zu minimieren oder gar per Vertrag wegzuverhandeln. Zugunsten des Investors.

 Ich persönlich finde beim FC St. Pauli immer spannend, wie sich im Kleinen das Große zeigt. Die Rechtsunsicherheit, die sich im Falle des nunmehr beigelegten Rechtsstreites mit Upsolut offenbarte und die uns gestern im Sinne der Chancenantizipierung referiert wurde – dass also auch Szenarien durchgespielt wurden, welche Summen als Kaufsummen aufzubringen gewesen wären, wenn der Rechtsstreit gewonnen worden wäre -, soll durch TTIP minimiert werden, freilich mit dem Ziel des Investionsschutzes. 

Das ist politisch interessant, sich zu fragen was denn das wohl geheißen hätte, wären die Eigner von Upsolut internationale Investoren und TTIP griffe schon. 

Und solche Fragen werden sich dem FC St. Pauli auch tatsächlich stellen, wenn die angestrebte Internationalisierung greift. 

Ich bekenne, da gestern aufgrund der klug abwägenden und informierten Art von Joachim Pawlik mehr Vertrauen verspürt zu haben als bei vorherigen Vorstellungsrunden. Machte einen gerade deshalb so soliden Eindruck, weil differenziert verschiedene Szenarien durchgespielt wurden. 

Zumindest ist gerade auch linken Politikansätzen anzuempfehlen, da selbst Spiel-Räume zu erdenken und Menschen wie Pawlik genau zuzuhören, anstatt sich in purer „Kommerzkritik“ zu verorten und desorientiert zu bleiben. Oder aber immer dann, wenn sich in die Unternehmer-Perspektive hinein gedacht wird, z.B. 80 Angestellte, die übernommen werden, als – potenziell – „Risiko“ oder „Belastung“ zu begreifen. Dass plötzlich neoliberale Imperative sich ins eigene Denken unbemerkt einschleichen, das geschieht nämlich schnell und kann diese kontraproduktive Vergötzung geringqualifizierter Ehrenamtlichkeit, wie sie in „die Fanszene“ unreflektiert gepredigt wird, noch verstärken. Das ist dann Mythos statt Aufklärung.

Andreas Rettig hielt sich insgesamt eher zuück, blieb schwammig und es entstand der Eindruck, als sei er mit verbandspolitischen Fragen weiß Gott auch genügend ausgelastet. Viel Glück:)

Oke scheint in der Runde eher seine Richtlinienkompetenz zu pflegen und pochte vor allem auf zentrale Ziele dieses Präsidiums: „Werte“ im ethischen Sinne und Eigenständigkeit als Basis, sie auch leben zu können. Ich erspare moralphilsophische Erwãgungen, wieso ich ein in Werten gründendes Verständnis von Vereinskultur für völlig falsch halte, es geht meines Erachtens um Rechte und Regelbegründungungen; interesant war, dass trotz nunmehr erreichter Eigenständigkeit in der Vermarktung des Merchandisings – und das Präsidium und die Geschäftsführung sind ausdrücklich zu beglückwunschen, dass dies gelungen ist! – die offenen Fragen angesichts des Erwerbs von Upsolut weiterhin auf den Spagat auch in der Zukunft verweisen, eben jenen, Teil einer komplexen, von Politik, Makroökonomie und rechtlichen Rahmenbedingungen durchwirkten Wirschaftsspielregelwelt zu sein und zugleich partizipatorische Ideale zu pflegen. 

Die zukünftige Gesellschafterstruktur von Upsolut sei noch offen, bis zu 49% Prozent könnten optional an wahlweise Fans, Partner, Teilhaber, Mitglieder wie auch immer „abgegeben“, verkauft oder sonstwie verteilt werden – Kriterium sei hierbei jedoch auch die Frage der Internationalisierung des Vertriebs, auch der Produktion?, der Klamotten, Schlüsselanhänger, Toaster und was sonst noch so gewohnt ist oder im Vorgarten gepflanzt werden könnte. 

Dass NUR Eigenständigkeit gerade im Falle der Internationalisierung keine realistische Option ist, weil eben alles mit allem ökonomisch vermetzt ist, um kapitalistische Zirkulationszusammenhänge zu gewährleisten, wurde ebenfalls bestäigt. 

Die Zukunft ist also so offen, wie immer schon – Verweise darauf, dass „mit den Fans zusammen“ Ideen für Produkte entwickelt werden könnten, sind ja begrüßenswert. 

Bei Upsolut bisher stellten sich freilich auch Fragen wie jene, wer denn von den Erlösen z.B. der „Refugees Welcome“-Produkte profitiere. Keine Ahnung, ob die je beantwortet wurden. Nun kann selbstverständkich die Frage auch schlicht so beantwortet werden, dass das, was Geld in die Kassen des Vereins spült, angesichts des seit des Einsatzes für die Lampedusa-Gruppe ja vorbildlichen und hochengagierten Agierens der Geschäftstelle auch gut für Flüchtlinge sei. Dass zudem aufgrund einer auch noch internationalen Orientierung die Strahlkraft und Wirkung des Verins ungleich weiter reiche als z.B. die einer Stadtteilinitiave, zudem ein Zweitligist mit derart hohen Bekanntheits-und Popularitätswerten eh schon ein Politikum ist und z.B. vom Senat als strukturell relevenat auch nicht einfach ignoriert werden kann. 

Andere Modelle wären freilich, Erlösanteile von Produkten, die für marginalisierte Bevölkerungsteile und deren Rechte und Sichtbarkeit eintreten, zweckgebunden diesen Personengruppen auch zugute kommen zu lassen: Im Falle von Regenbogenaccessoires queeren Gruppierungen, im Falle von „Refugees Welcome“-T-Shirts Flüchtlingen, im Falle von Antirassismus-Slogans People of Colour und von denen selbst verantworteten Projekten.

Zumindest wurde die Diskussion eröffnet und auch offen gehalten. Fur mich zeigte das einmal mehr, dass in Geschäftsführung, Präsidium und Geschäftsstelle aktuell visionärer, refkektierter und zugleich realistischer gehandelt und wird als in den verknöcherten und verkrusteten Strukturen der organisierten und „aktiven Fanszene“. 

Der weitere Verlauf der Diskussion bleibt spannend – auch, weil sich zeigen wird, ob letztere sich beim Werden des FC St. Pauli als störend und blockierend im Sinne der Dominanzwahrung einiger Platzhirsche erweist, oder ob die Handreichungen, das Schaffen von Möglichkeitsbedingungen und die gestalterische Power der operativ Aktiven produktiv und zukunfsträchtug genutzt werden wird. Vorgelegt haben Präsidium und Geschäftsführung nun einmal mehr ganz enorm. 

Die unheimliche Leichtigkeit des Gewinnens: FC St. Pauli – Fortuna Düsseldorf 4:0

„Thy-Amo“-Chöre vor der Domschänke. Ich raune noch dem Kleinen Tod zu, dass die doch alle viel zu jung seien, um irgendwann in den 70ern als Kind an der Reihenhaus-Kellerbar (ja, der berühmte Partykeller!) der Nachbarsfamilie S. den Howie aus dem Radio erstmals, also für mich erstmals, diesen Song hauchen gehört zu haben …

Thy-Amo

„Sagtest Du das nur so“, so sang Carpendale einst, doch nein, gesungen wurde es gestern nicht nur so. Stimmen, erfüllt von der genießenden Hingabe an dieses Spiel der Mannschaft – alle hatten  Mehr von diesem Beitrag lesen

Imaginationsarbeit an die Macht: FC St. Pauli – SSV Sandhausen 1:3

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Bevor ich weiteres schreibe: Bitte alle erst mal die Rede Abimbolas anhören!

Es ist supercool, „Refugees Welcome“-Schals im Stadion zu verteilen. Es ist grandios, auf die Lage der Roma bei der irrwitzigen Praxis, irgendwelche Drittländer als „sicher“ auszuweisen, in einer Choreo aufmerksam zu machen. Was deren Vertreter denken, sagen und erleben, kann hier angehört werden! Der Blick gehört immer auf die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen zurückgelenkt.

Ein sehr treffender und ausführlicher Kommentar zum Thema „Geflüchtete“ findet sich beim „Lichterkarussell„. Danke dafür! Der auch aufzeigt, wo ehrenamtliches Engagement kontraproduktiv wirken kann, wenn es sich in die neoliberale Matrix fügt. Exakt das ist wohl eines der großen Themen für die Zukunft des FC St. Pauli: Wie kann strukturell das entfaltet werden, was bisher von symbolpolitischer Ehrenamtlichkeit Nicht-Betroffener verklebt wird?

Was noch grandioser wäre als eine Choreo ist nämlich, Visionen zu erdenken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Ein bundesweites Vorbild! Die AFM des FC St. Pauli steckt 450.000 Euro in die Antidiskriminierungsarbeit!

Ich muss ja sagen: Selten war ich so begeistert wie von der gestrigen AFM-Versammlung! 

Die Ära Gunkel, als ein intransparent agierendes Grüppchen Kleinbeträge gönnerhaft wie Papa das Taschengeld an diverse unterstützenswerte Projekte der Fanszene verteilte, ist ja zum Glück vorbei. 

Damals, als erstmal in Bittstellerhaltung von Diskriminierung Betroffene und ihre Unterstützer in finsteren Spelunken Lobby-Arbeit betreiben mussten, um ein Anliegen als förderungswürdig auszuweisen. Als in diversen Hinterzimmern einem der Fanszene-Gottkönige buchstäblich in den Arsch zu kriechen war, weil ohne Bauchpinselung gar nichts lief. Als es zuging wie bei irgendeinem provinziellen SPD-Unterbezirk – das ist nun aus und vorbei. Ein für allemal. 

Jener Teil der Vereinsgeschichte also, da alle sich fragten, wieso die fähigste Vertreterin aus dem Vorstand ausschied, sie das selbst jedoch nicht begründete und Herr Gunkel, ganz Mann, großherzig für eine Frau sprach: Sie gehören der Vergangenheit an. 

Im Nachhinein wird sie mit Gruseln und Entsetzen als die „Ära 3%“ bezeichnet – weil dieses eben der Prozentsatz war, der in den Abteilungszweck „Kulturförderung“, mal kurz gefasst, floss. Am meisten von den „3%“ erhielt imner der Museumsverein – es wurde gemunkelt, das läge darin begründet, dass Vorstände dessen auch Aufsichtsräte des FC St. Pauli stellten. Ein Buddy-System nur für Eingeweihte, das alles heraus mobbte, was sich nicht bedingungslos unterwarf. Viele blieben auf der Strecke und raunten verängstigt und hinter vorgehaltener Hand Worte wie „mafiös“ und „unerträglich“ …

Doch nun ist alles anders! Ich bemerkte es schon beim Betreten des Ballsaales: Die Zeiten einer rein weißen Versammlung, bei der ich mich manchmal fragte, ob das nicht vielmehr der Bevölkerungsstruktur sächsischer Kleinstädte entspräche, sind tatsächlicher Vielfalt gewichen. People of Colour waren machtvoll und dominant vertreten. Nicht nur im Publikum, auch im neu gewählten Vorstand. Auf den roten Stühlen knutschten Schwule und Lesbenpärchen in großer Zahl, auch das Thematisieren von Inklusion zeigte Wirkung: Eines der Vorstandsmitglieder wetterte lautstark gegen Ableismus, der ihm im Alltag allerorten entgegen schlägt und erhielt großen Beifall. 

Ebenso begeisterte mich, dass das Motto „Fantasie an die Macht – wir gestalten aktiv unseren Verein!“ auch bei der finanzkräftigsten Abteilung des Vereins nun vollkommen gegriffen hat. Hatten ihr die Millerntor Gallery und andere ja auch lange genug vorgemacht, wie das geht. Kein Wunder, zwei der neuen Vorstandsmitglieder sind Frauen, die wissen, wie das geht. Und mit Sophie Müller hat nun auch die ausschließliche cis-Gender-Dominanz in der Fanszene den Beginn eines Wandels vollzogen. Auch ist nicht genug abzufeiern, dass der strikten Verbürgerlichung durch einen ehemaligen „Stricher“ im Führungsgremium entgegen gewirkt wurde und somit erste Versuche, Anknüpfungspunkte zur Realgeschichte des Viertels zu suchen, fruchteten.

Auch weiterhin fließen die großen Teile des Etats vorbildlich in die Jugendförderung. Großartig! Durch das Einstellen eines schwarzen Antidiskriminierungsbeauftragten – männlich nur deshalb, weil eben doch vor allem Jungs  den Nachwuchs in Fussballdeutschland stellen, in anderen Fällen ist im Etat das gut bezahlte Engagieren erfahrener, weiblicher Coaches vorgesehen – wurde schon Erstaunliches in der Jugendarbeit bewirkt: Alleine dadurch, dass Betroffene einen qualifizierten Ansprechpartner fanden, wurden versteckte rassistische und heterosexistische Strukturen zugänglich, die zuvor niemandem auffielen. Außer denen, die es ausbaden mussten. Hiermit wurde dank der Finanzierung durch die AfM wahrlich ein Leuchtturm geschaffen: Bundesweit informieren sich nun Sportvereine bei uns über die Erfahrungswerte, die sich nicht zuletzt auch im sportlichen Erfolg der Teams zeigt. Wo unterschwellige Probleme erkannt werden, stimmt auch der Mannschaftsgeist. An mehreren amerikanischen Elite-Universitäten entstehen derzeit Doktorarbeiten über die Jugendarbeit des FC St. Pauli, die deutschen sind da noch nicht so weit.

Doch auch für die Zukunft wurde gestern ein unübersehbarer Meilenstein am Weg des FC St. Pauli gebaut. Statt der Begierde der Geschäftsführer Rettig und Meggle nachzugeben, wurde beschlossen, aufgrund des Scheiterns des Projektes „Kollau Zwei“ die nicht verwendeten Gelder von 450.000 Euro komplett in die FC St. Pauli-Empowerment-Stiftung zu überführen. Herr Rettig möge doch Wege finden, das Geld, was er abgreifen wollte, anders zu erwirtschaften. Dazu sei er ja da. Applaus.

Die Stiftung erüllt die Aufgabe von Forschung, Beratung, Coaching und des Bereitstellens von Wissen in Antidiskriminierungsfragen. Sie schult kompetent und mit tatsächlichen, nicht nominellen Experten besetzt Gremien, Fanclubs, Mitarbeiter der Geschäftsstelle und kostenpflichtig auch jene von Sponsoren, stellt so Anschluss an den internationalen Standard der Diskussion her. Und sie agiert bundesweit. Andere Vereine und Fanszenen können die Leistungen gegen Bezahlung nutzen, ebenso Universitäten und Schulen.

Der Jubel war groß. Wellen der Erleichterung wogten durch die Anwesenden. Manche erinnerten sich mit Schaudern daran, wie es war, als erst nach intensiven Vorarbeiten rund um die Hüter der Schwelle das Vorwagen in die Gunkel-Höhle mit einem devoten „Bitte, Bitte!“-Sagen verbunden war und als Lohn ein wohlwollendes Lächeln und ein Kleckerbetrag für das „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ winkte.

Alle gemeinsam freuten sich, dass die Erkenntnis sich durchsetzte: Antidiskriminierungsarbeit kostet Geld. Was ökonomisch marginalisiert wird, bleibt dies auch gesellschaftlich. Und es sollen Betroffene von ihr profitieren, es soll ihren Interessen dienen, nicht der narzißtischen Befriedigung selbstbezüglicher Mehrheitsgesellschaftler.

So viel Einigkeit war selten!

Final beschlossen die Anwesenden noch einen Appell an Präsidium und Geschäftsstelle, dass Teile der Erlöse aus dem Verkauf der „Regenbogen-Trikots“ und zugehöriger Assessoires an die Berliner LesMigras gehen sollen, um ihnen zu ermöglichen, eine Hamburger Dependance zu gründen. Freilich nur, wenn die das auch wollen. Der anschließende Applaus: Einfach nur überwältigend.

Schon wieder kein Monster (und: my blog will eat itself): FC St. Pauli – Heidenheim 1:0

heidenheimsieg

Spielberichte schreiben ist im Grunde genommen so – undankbar. Die armen Sportjournalisten.

Dabei passierte wieder so vieles, wofür nach diesem gestrigen Sieg gegen Heidenheim Dankesreden und Lobgesänge angebracht wären.

Deshalb vorab von ganzem Herzen: DANKE! Ihr seid toll, Boys in Brown! Und sexy!

Undankbar ist es dennoch, obgleich nirgends der Antagonismus klarer wäre als nun ausgerechnet beim Fussball: Da tritt Mannnschaft A an, die etwas unbedingt will, und Mannschaft B, und die will das gleiche, und dann stehen sie sich 90 Minuten wechselseitig im Wege rum, nehmen einander den Ball weg (im Falle Sobiechs gab es allerdings gestern keine Wechselseitigkeit, laut offiziellem Twitteraccount des Vereins hat er 100% (!!!) seiner Zweikämpfe gewonnen, Glückwunsch!), schießen ganz pazifistisch am Gegenspieler vorbei, um eigene Mitspieler anschließend kollegial zu BEDIENEN, ja, manche sagen ja, dienen führe zum Erfolg – und prompt hindert schon wieder ein Gegenspieler daran, den Ball einfach so ins Tor zu schießen.

Und drumherum Tausende, die auf jede Bewegung attraktiver Männerkörper mit aller Wucht der Emotion reagieren, singen und saufen, meckern und schnaufen.

Und jeder weiß, nach 90 Minuten ist alles wieder vorbei, und wer dann die eine Lücke gefunden hat, die antagonistische Kräfte diesees eine Mal gelassen haben, hat gewonnen. Also wir. Toller Schuss aber auch von dem Basti. Danke!

Dann freut mensch sich und geht schon um 21.30 h besoffen nach Hause, weil der Anpfiff so früh war. 17.30 h. Völlig unsinnige Anpfiffzeit. Hinterher redet mensch sehr angeregt mit tollen Menschen vor der Domschänke über Sex, Macken und Fussball – gehört ja zusammen – und kann noch nicht mal rumdramatisieren, weil ja schon wieder alles gut ging.

Und der Blogger, bei dem auch noch scheißegal ist, ob er nun was schreibt oder nicht, sitzt anschließend da und will da einen Text draus machen.

Klar kann mensch dann den Kicker imitieren  Mehr von diesem Beitrag lesen

Wackeln am Kippschalter: FC St. Pauli – MSV Duisburg 2:0

  

Hinter mir in der Schlange vor dem Einlass zu meiner Haupttribüne schwappte die Promigeilheit aus Besucherkehlen. Fettes Brot wollten sie sehen. Bela B. Lautstarke Fantasien äußerten sich, was im Falle eines Aufeinandertreffens wohl passieren würde. 
Wunderte mich. Dachte, ich sei auf dem Weg zum Fussball, nicht zur BRAVO-Super-Show oder Ähnlichem. In dessen Fall, also des Fussballs, ich mir ja immer wünsche, es würden drumherum Heftreihen entstehen, die dann „Jermey“, „Robin“ oder „Florian“ heißen und all das lust- und liebevolle, was zwischen Männern möglich ist, schwärmerisch zelebrieren. So wie in „Julia“, „Romana“, „Baccara“  oder „Tiffany“. Die therapeutische Wirkung von happy end-driven Trivialliteratur sollte ja nicht unterschätzt werden. Wenn auch die darin enthaltenen Rollenbilder und Geschlechterklischees dringend der Innovation bedürfen. Aber gerade deshalb könnte ja so eine „Fussballer in Love“, natürlich miteinander, -Reihe gar nicht schaden. Das wäre doch mal ein Fortsetzungsroman für die 11 Freunde! Der gute, alte Fortsetzungsroman in Zeitungen, gibt es den eigentlich noch?
Das Spiel war seltsam. So, als wüssten die Boys in Brown nicht, was nun gerade ihre Rolle ist. Favorit? Wegen des Tabellenplatzes? Als Heimmannschaft? Das Spiel schien in eine Art Rumprobieren mit der Rollenerwartung an sich selbst zu münden – plötzlich Durchbrüche und aufblitzende Ideen, zögerndes Tasten und kurzes, schnell bestraftes Aufwallen von Überheblichkeit lösten etwas unsortiert einander ab. So dass gar keine Story entstand. Lieber aufpassen, dass Duisburg nicht aufkommt, trotz deren Tabellenplatzes? Doch das Spiel schneller machen, weil die dann so hübsch taumeln? Lauter lose Ideen-Endenverknäulten sich zum Haufen Zwirn.

Es gibt ja Spiele, da ist die Zuschauerin an sich DRIN. Da hebt sich diese so berühmte Subjekt-Objektspaltung auf, und sie wird eins mit dem Spiel. 

Aber gestern hatte der fussballgöttliche Drehbuchschreiber einen merkwürdig experimentellen Tag erwischt. Dass Erik gar von „Laienspieltheater“ schrub. Ich glaube ja, es lag eher am Buch in den Köpfen als an der drstellerischen Leistung. 

Und somit glaube ich auch, dass der Schiedsrichter für Abhilfe sorgen wollte. Wenigstens EINE klar definierte Figur gehöre auf dan Platz, dachte er sich bestimmt. 

Ansonsten war das ja eher Theaterprobe, bei der die neuen Ensemble-Mitglieder in hübschen Präsentationen ihrer Fähigkeiten für Szenenapplaus sorgten. Jeremy Dudziak zum Beispiel. Erst verlor ich ja fast die Fassung, dass nun ein anderer Spieler die 8 trug. Die gehört doch zu den für immer schönsten Beinen aller Ligen! Aber trotzdem die seinen kürzer sind, wusste Dudziak schon Sehenswertes mit ihnen anzufangen. Gefiel mir gut. Fafa Picault riß mich mit seinen Soli prompt zu spontan begeisterten Fanaufwallungen des „Hey, ein Held für die Zukunft!“ hin. Und das nicht nur wegen der stilsicher gewählten Farbe seiner Schuhe.

Aber trotz dieser Einzel-Performances – das Spiel war so UNEINDEUTIG. Keinem Genre wirklich zuzuordnen, keine klar identifizierbaren Emotion prägte den Stoff, aber auch keine übergreifende, abstrakte Idee. 

Mein Lieblingspopstar sagt über Menschen, die ihn mit ihrer Energie beeindrucken, diese seien so AN. Das war das Spiel nicht, obwohl ich jetzt auch keinen Zustand zwischen an und aus wüsste. Wackeln am Kippschalter vielleicht.

Ich denke mal, dass, in Dramaturgie geschult, der Schiri DESHALB den Elfmeter pfiff. Um aus dem Diffusen eines schlechten Drehbuchs wenigstens eine klar identifizierbare Tragödie für die Duisburger heraus zu pointieren. Was dann auch den Raum für den späten Auftritt der Helden schuf: Fafas Assist und das wunderschöne und vor allem EINDEUTIGE Tor Basti Maiers. Yes!

Ich will ja gar nicht meckern. Freue mich riesig, dass wir gewonnen haben. Und danke der Mannschaft von ganzem, braun-weißen Herzen! 

Neben dem beherzten Eingriff des Schiedsrichters lag das aber, glaube ich, auch an dem zauberhaften Flamingo, den Stefan Groenveld so eindrucksvoll im Bild einfing. 

Der kann dann ja auch den Fortsetzungsroman der Reihe „Florian“ (oder so)  in der „11 Freunde“ als Logo schmücken. Aufträge nehme ich gerne entgegen! 

No Nessie, no „Kirschgarten“: FSV Frankfurt – FC St. Pauli 1:0

Wenn das Spiel schon eher öde ist, soll das Bild, den Spielbericht zu illustrieren, ja wenigstens schön bunt sein:) … da fiel heut was ins Spätsommerloch auf der energetische Ebene des Spiels der Boys in Brown. Wo das schon politisch sich nicht aufgetan hat, das Sommerloch. So gar nicht. Ganz im Gegenteil.

Ich weiß noch, wie in der Grundschule das „Sommerloch“ uns anhand von Nessie erläutert wurde – sei sonst nichts los, würde halt auf Seeungeheuer ausgewichen und dazu irgendeine Geschichte geschrieben in den Blätterwald hinein und notfalls ein Bild mit langem Hals aus Lochwasser hervorgekramt.

Loch Ness stellte ich mir daraufhin kalt, tief und gruselig vor – das Spiel heute schien eher abgeflacht und ausgetrocknet durch zu viel Hitze und noch nicht mal vom Grauen gepackt zu sein. Ein blöder, aber ganz hübsch anzusehender  Fehler, ein guter gegnerischer Torwart, eine Taktik bei uns, die nicht so richtig aufging – so dass auf einmal der Wechsel von Halstenberg nach Leipzig die Twitter-Timeline mehr emotionalisierte als der Kick auf dem Rasen. Soll er doch, wenn er glaubt, dass das gut für ihn ist. Viel Glück. Klar wird der fehlen. Wir ihm aber vermutlich auch.

Was ich ja an den Dramen Tschechows immer so faszinierend finde, an die ich bei dem Spiel tatsächlich die ganze Zeit denken musste, „Nach Moskau!“ im Kopf, aber nicht ganz in den Füßen,  ist, dass er aus der Abwesenheit von Handlung, dem wahlweise scheiterenden oder aber bis in den Untergang Aufrechterhalten von Illusionen, dem Schwelgen in sich nie erfüllenden Zukunfsträumen und all dem, was die Öde des Alltags auszufüllen versucht und dabei doch nur in Passivität und Jammern und auch mal plötzliche Wut mündet, so unglaublich spannende und ergreifende Geschichten bauen konnte.

Das unterscheidet mich von Tschechow😀 … mir fällt zu dem Spiel einfach nichts ein.

Aber für’s nächste Mal erfinde ich einfach irgendein Elbungeheuer …

Ballsaal, 26.8., 19 h: „Refugees Welcome, Karo-Viertel“ – Zusammenfassung

Eine gewaltige Menschentraube breitete sich bereits Viertel vor Sieben vor der Südtribüne aus. Das Interesse brodelt gewaltig: Jene facettenreiche und ausdifferenzierte Gruppe, die aktuell den in einer Messehalle geparkten, geflüchteten Menschen Unterstützung gewährt, lud zur Info-Veranstaltung. Grüppchenweise Einlaß; ich gehörte zu fast den den letzten, die noch hinein gelassen wurden. Der „Ballsaal“ fasst 900 Menschen, es passten nicht alle rein.

Coole, von Percussion geprägte Musik von Refugees empfing mich – da liegt es fast nahe, Tocotronic und Co zu fragen, wieso sie musikalisch so wenig fähig sind, sich mit globalen Polyrhythmen musikalisch auseinanderzusetzen.

Die Veranstalter ließen völlig zu recht zunächst einen Geflüchteten seine Geschichte erzählen. Doch schon da schlich sich diese verfluchte Ambivalenz ein, die keinem vorzuwerfen ist, der ehrlich ambitioniert sich hinein wirft in den Support, aber eben nagt und so tief strukturell sitzt, dass es mich täglich in die Verzweiflung treibt: Da muss ein Mensch sich vor 1000 Leute auf eine Bühne stellen und die schrecklichsten individuellen Erfahrungen vor Wildfremden ausbreiten. Und Hochengagierte, Bewundernswerte, Sich Aufreibende lauschen gebannt und können nach ein paar Monaten intensiver, nicht entlohnter Arbeit in ihre weißdeutschen Zusammenhänge problemlos und jederzeit zurück kehren und danach zur Erholung den Mallorca- oder Kenia-Urlaub planen. Und als stete Gefahr bleibt, dass sich alle auch dann noch an der eigenen Güte berauschen, wenn die Betroffenen längst abgeschoben sind – mir erschien es jedoch so, als sei diese Gefahr den ganzen Aktiven vollauf bewusst.

Mensch verstehe mich nicht falsch: Ich kreide diese eben fundamentale Differenz niemandem an. Sie ist aber schrecklich.

Der geschilderte Lebenslauf des Refugees stand völlig quer zu den großen Erzählungen rund um Fluchtgründe. Was gut so ist, Abstrakta wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu missbrauchen ist Geschäft der strategisch orientierten, „Großen Politik“ – dem gehört das Individuelle entgegen gestellt. Er berichtete von dem Aufeinandertreffen des Differenten in der überfüllten Messehalle, wo ich schon den überfüllten Ballsaal kaum ertrage. Kann mich danach mit Bier in den Park setzen und dann nach Hause gehen. Diese Möglichkeiten hat er nicht und das ist FALSCH und unerträglich.

Ich will, wie alle anderen im Saal ebenfalls, dass er das auch kann. Ganz ohne Racial Profiling zu erleben, ganz ohne Not, alleine schon, um in Ruhe das Dramatische, Furchtbare, Entsetzliche wenigstens irgendwie verdauen können zu dürfen.

Stattdessen krakeelt und eifert Innenminister de Maziére Gegenteiliges in Mikrophone und legt so rhetorisch Ursachen für weitere Brände, legitimiert meines Erachtens Gewalt gegen Geflüchtete dadurch, dass er sich von ihr treiben lässt.

Es ist einfach erbärmlich, dass nun gerade die, die jedem Hartz IV-Empfänger „Eigenverantwortung“ ins Gesicht brüllen, in Kollektiven und pauschal „sicheren Herkunftsländern“ denken und schwadronieren, eben exakt jene sind, die im Falle von Freihandelsabkommen von „Freiheit“ und „Individuum“ faseln. Bei Geflüchteten scheißen sie drauf, wenn sie selbst die Individualprüfung des Asylbegehrs durch pauschalisierende Abkommen aufheben. Und auf einmal „europäische Solidarität“ einfordern, jetzt, bei der Geflüchtetenunterbringung, nachdem sie höchstselbst Griechenland zum Einsturz brachten und Irland, Spanien, Portugal und Italien im nicht rechtlichen, in meinen Augen aber tatsächlichen Sinne nötigen und erpressen mit den Mitteln nackter Macht: Eine Farce.

Zurück vom Exkurs zum Handeln der Aktiven: Die Karo-Viertel-Initiave hat binnen kurzem Beeindruckendes auf die Beine gestellt. Die Veranstaltung diente vor allem der Vorstellung der agierenden Arbeitsgruppen: Kleiderkammer, Kinderprogramm, Deutschunterricht, Unterrichtsmaterial-Spenden, Kinderchor, Willkommensfest, Sport & Spiel, Telekommunikation, Leerstand, Übersetzungen, Medizinische Versorgung, Selbermachen/D.I.Y.-Nähmaschine, Karte, Fundraising.

Details, Kontakt beim Wunsch der Mitarbeit etc. können auf dieser Seite eingesehen werden: https://refugeeswelcome20357.wordpress.com.

Zentral war den Agierenden, immer wieder zu betonen, wie wichtig es sei, sich nicht nur auf die Situation in den Messehallen zu fokussieren. Da seien nun sehr viele aktiv aktuell, klar, das Viertel ist trendy und in begehrter Lage, Popalltagsgeschehen ist direkt um die Ecke zum Biertrinken nach all dem Elend – aber auch Schnakenburgsallee, Jenfeld und andere Auffang-, ja, -lager brauchen Unterstützung angesichts eines mutmaßlich willentlichen Versagens von Behörden und Senat und seiner in meinen Augen „Deutschland den Deutschen„-Politik. Die Initiative rund um die Messehallen ist derart öffentlichkeitswirksam und populär, dass deren Kleiderkammer mittlerweile andere Stationen mit beliefert.

Der Verweis auf das Wenig- bis Nicht-Handeln der staatlichen Institutionen zog sich als roter Faden durch die Redebeiträge: Es ist wieder eine dieser Situationen, wo privates Engagement die Löcher stopft, die die Senatspolitik aufreißt. Und das, weil zumindest meiner Beobachtung nach gerade Hamburg früh auf Abschreckung setzte, damit auch ja nicht „noch mehr kommen“.

Ich glaube sogar, dass kommunale Strukturen nicht nur in Hamburg tatsächlich überfordert sind angesichts der aktuellen Situation – auch das ist unter anderem den „weniger Staat, mehr Eigenverantwortung!“-Apologeten vergangener Jahrzehnte zu verdanken. Es ist schon erstaunlich, wie easy Konjunkturprogramme zur „Bankenrettung“ aufgelegt und sich neue Einnahmequellen aus den zwangszuverscherbelnden griechischen Flughäfen erschlossen werden, nun aber Suggestionen kursieren, es bestünde eine Konkurrenz zwischen Geflüchteten und Hartz IV-Empfängern. Ganz wie ebenfalls eingeflüstert wird, dass im Falle lauter den „Pursuit of Happiness“ als Antwort auf unfreiwilliges Leid und Elend Suchenden angeblich Knappheit herrsche.

Ich bin für ein Umwidmen des „Soli“ und eine Zwangsabgabe für von Rüstungsexporten direkt und indirekt Profitierende (also auch manch Reederei) zugunsten der Flüchtenden ohne Umlagemöglichkeit auf die Beschäftigten. Letzteres ist ja auch eine Art Wiedergutmachung.

Die gestrige Veranstaltung betreffend schienen mir das die zentralen Aussagen zu sein:

  • Informiert euch über die Arbeitsgruppen, Mitarbeit ist willkommen
  • Übt Druck auf den Senat aus, der sich schon unfähig zeigt, genug Dixie-Clos bereit zu stellen und diese sauber zu halten und dazu erst mal gebrach werden muss.
  • Konzentriert euch nicht nur auf die Messehalle, sondern agiert in euren Vierteln und Umfeldern
  • Lasst euch nicht beeindrucken vom Gefasel über „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „sichere Herkunftsländer“; jede Biographie ist einzigartig und jeder Mensch hat gleichermaßen ein Recht auf gutes Leben und sollte über die Freiheitsmöglichkeiten verfügen können, selbst den Weg dahin zu suchen und dabei unterstützt zu werden.

Abschließend sei noch das verteilte Flugblatt zitiert:

„(…) Dass das selbsterklärte „Tor zur Welt“ Hamburg nicht darauf vorbereitet ist, einige Tausend Menschen würdig willkommen zu heißen, ist ein Skandal. Dabei gibt es reichlich Leerstand in Hamburg.

(…) Unabhängig davon, ob im Falle des rot-grünen Senats Absicht oder Unfähigkeit ausschlaggebend ist: Die miserable Behandlung von Geflüchteten hat in Deutschland System. Menschen werden von der herrschenden Politik danach sortiert, welchen Nutzen sie für Deutschland in der globalen Staatenkonkurrenz bringen. Wir lehnen diese Logik der ökonomischen Verwertbarkeit entschieden ab. Für eine solidarische Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen Vorrang haben! (…)

Wir fordern:

  • Zugang zum regulären Arbeitsmarkt

  • Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung

  • Kostenlose Sprachkurse

  • Zugang zu Bildung an Schulen, Unis & Volkshochschulen

  • Sofortige Umwandlung von Leerstand aller Art in Wohnungen

  • Bleiberecht für alle

  • für jeweils alle Refugees!

Ich schließe mich dem an!

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