Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: FC St. Pauli

Neues Trikot, neue Möglichkeiten? Sozialprojekte von „Under Armour“

Im Eintrag zur Trikot-Präsentation hatte ich es ja angekündigt: Teil des Deals mit dem neuen Ausrüster „Under Armour“ (das über kurz oder lang mit Sicherheit „Under Amour“, französisch gesprochen, hier heißen wird) ist, dass auch ein 6stelliger Betrag in soziales Engagement fließen wird. So interessierte es mich, was die Marke in den USA in dieser Hinsicht bewirkt hat. Philipp Walter, Marketingleiter Deutschland, erwies sich als äußerst hilfreich und auskunftsbereit.

Knauserig scheint die Firma nicht zu sein: Unter anderem steckte ihr CEO Kevin Plank 5 Millionen Dollar in ein „Community-Center“ in Baltimore:

„The 10,000-square-foot project will be located at 1100 E. Fayette St. in the space formerly known as the Carmelo Anthony Center. The project, a partnership between Under Armour and the Living Classrooms Foundation, will include a covered turf field, workforce development and entrepreneurship center, dance and yoga studios, a recording studio and neighborhood kitchen. A classroom for science, technology, engineering and mathematics (STEM) will also be part of the building.“

Wenn ich das richtig verstehe, ist das eine Mischung aus kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Interessant ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Living Classrooms„-Stiftung; nicht nur ich  werde dabei an jene Folgen von „The Wire“ denken, Mehr von diesem Beitrag lesen

„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

Ging ja schon los, als wir noch mit rot-schwarzen Under Armour-Menschen frisch bestochen durch das Stadion des FC ST. PAULI, ja, hier schon einmal, ST. PAULI, lieber Clueso, dazu später mehr, pilgerten. Kleiner Tod lichtete wie üblich fantastisch viele formidable Fotos future-fähiger Visionen ab und kann das auch viel besser als ich, also dort vorbeischauen! 

Wie bereits die letzten Male fand ich besonders spannend, das mal nicht nur der tradierte Dünkel deutscher Bildungsbürgerkinder, sondern auch mit Einreiseschwierigkeiten kämpfende Menschen z.B. aus dem Sudan visuelle Räume eröffneten:


Das spannende bei einer Galerie in einem Fussballstadion ist ja gerade, wie die Gänge umdefiniert werden durch die Werke. Michael Fritz belehrte die vom Sponsoren Geladenen profund über Probleme von aus dem Sudan stammenden Künstlern und zitierte dabei viel aus dem grundlegenden Essays „Dear deutsche Kulturstiftung – Africa is not a country“ von Safia Dickersmann (das ich online nicht mehr finde). 

Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird. Kann aber auch sein, dass ich das, Eigenständigkeit ignorierend, hinein gucke, das wäre ja auch typisch. Trotzdem: So eine Fragestellung ist gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen es sich leisten können, „Kommerzkritik“ zu üben, also bei uns im Stadion, von höchster Relevanz. 

Obgleich gerade Viva con Agua sich wie ich finde zu recht oft der Kritik ausgesetzt sieht, als U-Boot der Welthungerhilfe einfach nur die Attitude paternalistischer „Entwicklungshilfe“ für urbane, weiße Hipster fit zu machen, schätze ich ja sehr, dass die Akteure gerade deshalb in der Millerntor-Gallery oft genau da hin gehen, wo es weh tut (auch wenn viele das gar nicht merken, weil es sie nicht betrifft). Und übrigens bei Kritik auch nie beleidigt sind. Sie versuchen zumindest, trotz immer wieder aufscheinender, ethnographischer Bildwelt diese auch aufzubrechen. Wie gelungen das ist, das können andere treffsicherer beurteilen als ich; mir scheint es zumindest mehr als nur „gut gemeint“ zu sein, weil auf Ebene der Protagonisten und Subjekte doch überproportional häufig andere Menschen als sonst beim FC St. Pauli in Erscheinung treten. Wobei das Kriterium, dass auf allen hierarchischen Ebenen der Organisation auch Nicht-Weiße agieren, definitiv nicht erfüllt wird.

Dank white Privilege ist es für mich wohl leicht, das auszuhalten und da auch noch gerne hinzugehen. Ja, sagt sich leicht dahin.  Und ich gehe da sehr gerne hin und empfinde die Millerntor-Gallery  für FC St. Pauli-Verhältnisse als die multidimensionalste und avancierteste Veranstaltung, weil der Bruch und vielleicht ja auch Aufbruch da am spürbarsten ist (was sich auch im Publikum zeigt). 

Nun drang gestern bereits im Vorfeld durch, dass mit Max Herre und Clueso recht „große“, chartsaffine Namen die Bühne betreten würden. Im Falle von Max Herre finde ich persönlich die Bezüge, die er in Interviews herstellt:

Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?

Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante.

Quelle: Jüdische Allgemeine

oft spannender als die Musik, die dann dabei rauskam; als gestern alle zu „Anna (immer wenn es regnet)“ abgingen, fand ich sogar die Kurt-Schwitters Passage irgendwie obszön. Bin ich vielleicht auch zu alt für, dieses „deutscher Hip Hop“- Ding war nie meins und die von Herre beschworenen Curtis Mayfield und Kurtis Blow sind mir doch lieber (und um Klassen besser). Trotzdem ja schön, wenn Menschen ihrer verflossenen Jugend nostalgisch nachfühlen im Stadion zum Herre-Sound (ist ja auch typisch FC St. Pauli, verflossene Jugend zu konservieren).

Na, und dann kam Clueso. Das hat mir schon harsche Kritik eingebracht, dass ich für den immer so schwärme und hat mit Sicherheit auch mit seinem zauberhaften Lächeln und den schönen blauen Augen zu tun (eine Freundin hat mal gesagt, der sei auch nur so erfolgreich, weil er weiß ist, und da ist ja was dran – die Geschichte weißer, heterosexueller Quotenmänner, deren Erfüllung je nach gesellschaftlichem Bereich zwischen 75 und 95 % zu erfordern scheint, wird ja ständig geschrieben, ohne dass die Quote Erwähnung fände). Ich mag seine Texte (mal ab von den misogynen, die sich bei ihm auch finden), finde die Stimme sexy, die Herangehensweise an den unverstellten Flow des sprachlichen und musikalischen Materials häufig sehr gelungen, weil da anders als bei mir das Bildungsbürgerliche fehlt und so Entdeckungen möglich werden. 

Also: Ich bin da schon irgendwie Fan und mache mir nur Sorgen, dass er zu sehr auf das Bild des „Neuen, deutschen Poeten“ mit ach so viel Gefühl und Gitarre sich fixiert und sich etwas zu oft mit teils fragwürdigen Dinosauriern des Deutschrock von Lindenberg bis zu den Puhdys ablichten lässt (deren „Alt wie ein Baum“ gestern im Schlagermove-Zelt lief, als ich nach Hause ging. Dann doch lieber Renft.) 

Viva con Agua unterstützt er seit 9 Jahren, und nun war er auf einer Äthiopien-Reise dabei. Ich durfte das bei Facebook ein wenig verfolgen, und das war schon faszinierend, wie alle Bild- und Tondokumente fortwährend zwischen der Kolonialtradition des weißen Helfers auf Zivilisierungsmission, umgeben von lachenden, schwarzen Kindern, und einem Sich-Öffnen für das Faszinosum dieses afrikanischen Staates und seines Musik- und Alltagslebens changierte. Fast schon kurios der Mitschnitt eines Konzertes des Goethe-Instituts in Adis Abeba, da Max Herre, Clueso und dessen Kumpel Norman Sinn mit derart großartigen Musikern aus dem Ethio-Jazz-Umfeld auf der Bühne standen, dass man bei ihren verschämten Deutschrap-Einlagen schon spürte, dass auch sie spürten, wie sie gegen diese Virtuosen komplett abkackten. 

Daraus entstanden ist ein Song mit: Samuel Yirga. „Aand Nen“ heißt der – hier der Clip (auch in dem sieht man dieses Changieren zwischen ethnographischem Blick, blödem Pop-Gepose mit 90er-Jahre-Lippenbewegen zum Song und echtem Interesse an der Subjektivität derer, denen sie begegneten). 

Samuel Yirga ist beim  Label von Peter Gabriel unter Vertrag, blutjung, lebt in Adis Abeba und definitiv eine Entdeckung. Danke an Clueso und Co, dass sie mir solche Künstler nahe bringen! 

Gestern deutete Yirga seine Fähigkeiten eher an, eindrucksvoll, und doch wirkte es etwas weichgespült für ein Mainstream-Publikum. In den Passagen, da er an seinem Piano so richtig los legte und sich in Blues- und dissonante Afro-Skalen hinein und wieder hinaus begab, da erœffnete sich schon eine atemberaubende musikalische Welt. Und zwar eine, die belegte, wie albern es ist, zwischen „Ethno- und World-Music“ als Partikularphänomen und globalem Pop zu unterscheiden (zudem Herre und Clueso sich nun wirklich anböten, eine Ethnologie deutscher Gegenwartskultur zu betreiben). Yirga spielte auch noch einen traditionellen, äthiopischen Popsong, der komplett unter die Haut ging, mir zumindest. Dass die ganzen offenkundig per BILD zum Cluesogucken Animierten bei diesem zum Smalltalk übergingen, das war nicht nur unhöflich, die haben auch wirklich was verpasst.

Na, und neben dieser echten Entdeckung zeigte sich doch noch die Klasse eine Clueso, über die ein Jan Delay mit seinen Backgroundsãngerinnen, die alle mehr können als er selbst, nicht verfügt: Er nutzte schlicht seine Popularität, einen Raum für Samuel Yirga zu eröffnen. Später kursierten Fotos bei Facebook, die zeigten, was ich vor Ort gar nicht wahrnahm: Dass Clueso zu Thomas Hübner wurde, der fasziniert vor diesem Mega-Musiker auf der Bühne hockte, fast kniete, und so gar keinen Anlass sah, sich in den Vordergrund zu spielen. Als er danach „Love the People“ anstimmte, glaubte ich ihm wieder und war erneut ganz verzaubert.

ABER: „Hamburg City“? Bitte? Konsequent sprach er das Publikum so an – im Stadion des FC ST. PAULI! ST. PAULI, lieber Clueso, nicht „Hamburg City“. Auch Viva con agua konnte nur auf diesem Humus wachsen, den dieser Verein bereit stellt, und in keinem anderen Stadion wäre so was möglich, dass die Gänge derart umdefiniert würden. Dieses „Hamburg City“ ging mir so auf die Nerven, dass ich als einziger (!!!) den „Saaaaaankt Paulihiiiiiiiiii“-Ruf anstimmte. Und KEINER stimmte ein. Stattdessen machten sich Menschen um mich herum lustig. In unserem Stadion! 

Also, lieber Clueso, Du Schwarm meiner schlaflosen Nächte, es ist toll, dass Du da warst, Danke!, aber wenn Du mal wieder unter MEINER Haupttribüne sein solltest, mach Dir doch bitte klar, wo Du gerade bist.

All das musste ich dann noch unserem Präsidenten buchstäblich brühwarm berichten bei einem leckeren Gin Tonic. Der DJ im Hintergrund trug nicht nur einen schnieken, bunten Streifenanzug und Lippenstift, sondern spielte auch zauberhafte 70er-Disco-Tracks, später house;  wir plauschten über Divine und Baltimore – und ja, dieses raren, queeren Momente am Millerntor macht eben doch nur die Gallery von Viva con agua möglich. 

Reine Geschmackssache? Neue Trikots – und ist das Verschwinden des Regenbogens auch das Ende „reiner Symbolpolitik“ des FC St. Pauli? 

„Welcome Hell!“ So der zentrale Slogan des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli.

Die Hölle. Also das, wo manch fundamentalistischer Christ unsereins ja hin wünscht. Also uns, die einst „Sodomiten“ genannt wurden, bevor normalisierungswillige Psychiater „Homosexualität“ erfanden, damit es etwas gab, wogegen sich von nun an als „heterosexuell“ gelabelte, also nicht weiter klinisch zu Erforschende weil „normal“, abzugrenzen hatten. Um die Geschichte arg zu verkürzen und zurück in die Hölle  zu kommen. Oder auch dem Marketing des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli, Under Armour. Das heißt „Unter der Rüstung“, beinhaltet also eine Verheißung. Wie ja die Hölle auch immer schon, weil da in christlicher Tradition nicht nur richtige Bösewichte angeblich landeten, solche, die gegen Gebote wie „Du sollst nicht töten“ oder „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ verstießen, sondern unter Protestanten noch verschärft auch einfach jene, die frei sind und Spaß haben wollen.

Mensch glaubt es ja kaum, aber Letzteres taucht manchmal auf Ebene der „Kommerzkritik“ sehr wohl wieder auf, auf jener des Geißelns von Sexismus aber nun gerade nicht – und ist zentrales Thema unter anderem in Goethes „Faust“. Auch ein ziemlich sexistisches Machwerk.

Drum: Ist diese Partnerschaft mit „Under Amour“ nun ein Teufelspakt, und sind es eher die lustvollen oder die bösen Seiten des Mephistotelischen, die sich da eröffnen, oder auch nichts von alledem?


Quelle: Kleiner Tod 

Zu Ablauf und Resultaten der gestrigen Trikot-Präsentation haben die vom Magischen FC  und der Kleine Tod ja schon formidabel und ausführlich, zudem perfekt illustriert geschrieben.

Als ich so den Weg mit schritt, den Zukunft unsere Mannschaft am „I will“ vorbei durch rot und schwarz sich ebnen wird, den Gegner verschreckend, wusste ich auch nicht so genau, ob ich nun im nervtötenden Anachronismus konservativer Punk- und Hardcore-Auslegungen ersticken würde oder nicht vielmehr das Ganze auch ganz lustvoll mir als schwulen SM-Club imaginieren könnte. Beim neuen Spielertunnel – siehe die Fotos beim Kleinen Tod – verstärkte sich letzterer Eindruck noch, da ließe sich schon was mit anfangen. Bei der Gestaltung der Wände auf dem Weg dahin hatten immerhin auch Künstler aus dem FC St. Pauli-Umfeld wie Rambazamba mitgewirkt, prima, um diese charmante Darkroom-Atmosphäre zu schaffen. Ein paar Bilder von Tom of Finland dazwischen fehlten mir aber irgendwie doch.
Ja, es geht eben NICHT um reine Geschmacksfragen. Nie. All das Gerangel um Look, Feel, Outfit, Musik, Wandgestaltung und auch Trikotdesign bewegt sich nicht außerhalb sozialer und geschichtlicher Räume.

Es gibt nicht das individuelle, bürgerliche „Geschmacksurteil“ in der Unschuld interesselosen Wohlgefallens, von dem Immanuel Kant einst träumte.

Genau das war ja die Sensation der Trikots, die Jason Lee im Auftrag von „Hummel“ für uns gestaltet hatte: Die Vielfalt der Bezüge von Aquaman bis zu Sex Pistols-Covern, Keith Haring und Animal Print im Post-Punk, die thematische Zuwendung zu queeren Symboliken und auch zu der Lampedusa-Gruppe haben das eindrucksvoll belegt.

Die Orientierung am „Klassischen“ ist immer auch ein bürgerliches Statement gegen die vermeintlich schrillen und grellen Haltungen Geotherter und Deklassierter. Auch das war schon zu Goethes Zeiten so. Und wiederholte sich im New Yorker CBGB zu Zeiten von Patti Smith (die mit dem berühmten Cover zu „Horses“ das aber sogar thematisierte und Gender -Kategorien aufmischte) auch in Abgrenzung gegen die quietschbunten und mit Glamour, Glitter und Pailetten sich feiernden queeren People of Colour der Disco-Ära. Mir ist es jetzt auch scheißegal, ob das in irgendeiner Fankneipe am Thresen verstanden wird – aber wenigstens ist der eine oder da ja bierschwul:)

Und nein, lieber geschätzter Andreas Rettig, das ist auch zu billig, nun zu sagen, die neuen Trikots seien eben wie der FC St. Pauli: Wenig Form, viel Inhalt. Das hängt schon zusammen, Form und Inhalt. Und hinter das, was Jason Lee für den FC St. Pauli geleistet hat, fiel das Präsentierte zunächst mal deutlich zurück.

Zu Beginn war ich drum eher etwas entsetzt über das, was „Under Armour“ gestern mit viel Aufwand uns vorführte: Ein Business-Sprech-Vortrag von irgendeinem ranghohen Offiziellen, den ich problemlos auch selbst hätte schreiben können, ich höre mir so was ja nun auch seit mehr als zwanzig Jahren an. Textbausteine. Trailer, auf grausige Musik irgendwo zwischen Metallaica und Hardcore geschnitten, die so auch schon bei BRAVO TV ’93 in Sepultura-Beiträgen hätten laufen können. Eine ganz lustige Skype-Schaltung zur Mannschaft deshalb, weil die Spieler auch nicht so recht wussten, was sie sagen sollten und Christopher Buchtmann immerhin zu berichten wusste, dass die Trikots schön eng und sie deshalb für den Gegner nicht so leicht zu fassen seien. Der Moderator fragte bei allen interessanten Punkten auch dann nicht genauer nach, wenn Oke Göttlich und Andreas Rettig wirklich Spannendes zu berichten gehabt hätten. Und alles, was im Vorfeld diskutiert wurde über Bezüge zum Blackwater-Nachfolger Akademi oder auch zu Bezügen zur US-Waffenlobby NRA blieb, weil Werbeveranstaltung, ausgespart. Ist das St. Pauli-like? Trivial ist das nicht, weil sich z.B. nach dem Massaker an LGBT-People in Orlando, darunter maßgeblich Latinas und schwarze Menschen, „Gays against Guns“ formierte, explizit gegen die NRA gerichtet. Ich habe beim Rumgoogeln in keinem der Fälle eine engere Verknüpfung gefunden als z.B. die Zusammenarbeit von Under Armour mit Grosshändlern, die Messen beliefern, wo auch die NRA auftritt, finde aber nicht, dass das Thema zu den Akten gelegt werden kann.

ABER: Ich will ja gar nicht nur meckern, weil das eigentlich ganz großartig war gestern😀  … und ja, ich wurde ja auch mit einem Trikot, Speis, Trank und After-Show-Party bestochen, es war sehr schön und ich danke Under Armour für all das und mühe mich trotzdem redlich um Unabhängigkeit.

Es war auch sehr schön, weil der FC St. Pauli ja schon deshalb so großartig ist, weil die Kommunikationswege so kurz und offen sind. Zum Positiven:  Zur Beziehungsanbahnung nach Baltimore wurde tatsächlich eine Delegation von 16 St. Paulianern sowohl aus dem sportlich-ökonomischen Bereich als auch aus den Vereinsgremien geschickt, und so unangenehm besetzt ich letztere mal ab vom Präsidium zum Teil finde, so cool ist das als Ausweis demokratischer Kultur natürlich. Under Armour stellt zudem eine sechsstellige Summe für soziale Projekte zur Verfügung – ob das nun eher 100.000 oder 999.999 Euro sind, wollte Andreas Rettig auf direkte Nachfrage nicht beantworten. Sie statten auch Jugendspieler  und Nachwuchs aus, was  Talente locken kann. Vorbild sind Projekte in Baltimore, wo z.B. auch Sportplätze aus geschreddertem Sportausstattungsabfall gebaut wurden, Schulen bemustert und versorgt  und Müllentsorgung gefördert wurde. Genaueres dazu wurde mir per Mail vom Marketingleiter Deutschland noch versprochen, Philipp Walter, dazu blogge ich dann noch, der sich als ganz außerordentlich zugänglich erwies und so einem dahergelaufenen Blogger wie mir anschließend auf der Terrasse des „Übel & Gefährlich“ für ausgiebiges Fragen zur Verfügung stand.

Deutlich wurde die Bereitschaft, in einem auf mindestens 5 Jahre angelegten Engagement behutsam und mit offenen Ohren auf die Spezifika des FC St. Pauli zu reagieren und nicht auftrumpfend allesamt nach dem Motto „Wir bringen schließlich das Geld mit“ zu überrumpeln. Einzig merkwürdig war die Unterscheidung zwischen Sport und Politik. Aber wenn die Kommunikation so bleibt, wozu auch gehört, dass über die zu fördenden Sozialprojekte Vereinsgremien entscheiden, ist mehr Musik drin als nur Hardcore-Gitarrensound in dieser Zusammenarbeit …

Bleibt nur die Frage: Wohin ist der Regenbogen verschwunden? Da hat sich ja in Teilen des Vereins bis hin zu mutmaßlich denen, die die Kapitänsbinde tragen, so eine Haltung eingeschlichen, dass es sich z.B. bei queeren Ansprüchen um Partikularinteressen einer Minderheit handele, angesichts derer dann Heterosexuelle von Fall zu Fall nach eigenem Ermessen autoritär verfügen könnten, wann diese nun von Belang seien oder auch nicht. Das ist aber weder dem Grundgesetz noch den Vereinssstatuten zufolge (zumindest nicht denen des FC St. Pauli, bei 1910 e.V. könnte das anders sein) so und Kern jeder diskrimierenden Struktur. Das ist auch dann falsch, wenn es üblich und Hetero-Gewohnheit ist – schon wegen „Was Du nicht willst, dass man Dir tu …“.

Nun hat, gewitzt, Oke  gestern, darauf angesprochen – zugegeben zwischen Bier und Gin -, erwidert, dem Verein würde so oft vorgeworfen, er würde lediglich Symbolpolitik  betreiben, und so was wäre ja auch der Regenbogen am Ärmel (das Lichterkarussell opponierte da zurecht) – da wolle der Verein doch nun mal allmählich wirklich strukturell ran und in diesen Fragen grundsätzlich voran schreiten.

Word! Ich bin dabei und allzeit bereit:)

Intensitäten: FC St. Pauli – Kaiserslautern 5:2 (… und viel Backstory zur Schnürsenkelfrage)

Heute ist der 17.5. – der internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. 

Mag der Begriff „-phobie“ in diesem Zusammenhang auch weiterhin mit guten Gründen umstritten sein, Heterosexismus trifft es besser; sollte auch eher ein Bindestrich-PRO für alle Lebensformen- und weisen jenseits von Hetero- und cis-Sexismus Ziel sein: Im Sinne der Freiheit aller gleichermaßen führt als Weg dahin eben nur das nachhaltige Abräumen all dessen, was Grenzen und Abwertung schafft. Von Strafandrohungen – und -vollzug überall da, wo es den noch gibt, ein Ende der großen und kleinen Feindseligkeiten gegen „Geotherte“, versteckter und offener Gewalt (der insbesondere Trans*menschen am häufigsten zum Opfer fallen). 

Und auch dort, wo alle sich vollends aufgeklärt wähnen, formal-liberale Toleranz zu leben glauben, sind die Mikrophysiken der Macht, der subtilen Entwürdigungen und offenen Ignoranzen „Dann hängen wir mal ’ne Regenbogenflagge auf, und das Thema ist endlich erledigt und wir können uns wieder dem heteronormativen Tagesgeschäft lautstarken Mackerns zuwenden“ oft noch wirksam. Geboten ist, Diskriminierungs-, Unterdrückungs- und Gewaltformen systematisch aufeinander zu beziehen. Sie auf Identität und Unterschied (!!) hin abzuklopfen. Was immer auch beinhaltet, die Instrumentalisierung Homosexueller zurückszuweisen, wenn dadurch Rassismus genährt wird – und eben diesen wie auch Transfeindlichkeit in Gay Communities ebenso hinter sich zu lassen.

Zum Kernbestand nicht etwa der „Werte“, sondern der notwendigen Regeln eines gelingenden Miteinanders gehört beim FC St. Pauli satzungsgemäß auch das Ziel, solche Formen symbolischer Gewalt, Diskriminierung eben, wirksam zu bekämpfen. Das betrifft Sexismus, Rassismus, Homo- und Transphobie gleichermaßen – und Ableismus auch. Welche Mittel, strukturellen Wandlungen und symbolischen Aktionen dazu führen können, das ist wohl so klar noch nicht. Damit nicht im Sinne des Erreichten die Suche einfach so selbstzufrieden eingestellt werden kann, sondern sie kontrovers weiter betrieben wird, formulieren Aktive häufig über so genannte „soziale Medien“ initiierte Interventionen.

Zuletzt: Warum beteiligt sich die Mannschaft des FC St. Pauli nicht an einer Aktion „der Region“, Regenbogenschnürsenkel beim letzten Heimspiel zu tragen?

Bei Facebook machte ein Post des „Aktionsbündnisses gegen Homophobie und Sexismus“ die Runde, in dem suggeriert wurde, in der Geschäftsstelle und im sportlichen Bereich herrsche das Lippenbekenntnis.. 

Mich wunderte das. So was kenne ich eher aus Teilen der „aktiven Fanszene“, aber aus der genannten Richtung bisher nicht. Könnte aber ja so sein.

Trotzdem: Immerhin hatte die Mannschaft eine Regenbogenflagge gespendet, lief mit Transparenten, die Sookees „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben“ beim Heimspiel auf, trug stolz die Regenbogentrikots wie auch antifaschistische Botschaften am Leib – nun kursierte die Aussage, an Aktionen an Spieltagen wolle sie sich nicht mehr beteiligen. 

Verwundert rieb ich mir die Augen. Huch? Geladen als Blogger zum Fotoshooting von Viva con Agua, die Diskussion im Kopf, fand ich mich in einem Hinterhof in Ottensen wieder. Robin Himmelmann, Lennart Thy und Philipp Heerwagen waren noch anwesend – ein Making of zu den Fotos, die als Geburtstagsgeschenk an den Verein bei der Milerntor-Gallery zu sehen sein werden, findet sich bei Stpauli.nu. Die Diskussion rund um die Schnürsenkel entbrannte zunächst unter Bloggern und Pressebetreuern mitten im Raum – wohl unüberhörbar. Philipp Heerwagen gesellte sich zu uns. Ganz von selbst. 

Klarstellung: Im Mannschaftsrat sei das Thema ausführlich diskutiert worden. Tatsächlich, was dem Nicht-Fussballer vielleicht so klar nicht sei, seien Schnürsenkel nun mal zentraler Bestandteil des Arbeitsgerätes. Wohl wie das Rohrblatt, auf dem ein Saxophonist spielt, da geht ja auch nicht jedes – Haptik, Reißfestigkeit und andere Eigenschaften seien entscheidend für ein sicheres Gefühl beim Spiel. Keineswegs habe sich sich die Mannschaft generell gegen Aktionen an Spieltagen ausgesprochen, und schon gar nicht die Teilnahme an einer solchen gegen Homophobie grundsätzlich verweigert. Immer gern!  Spieler, die neu zum Team stießen, würden unter anderem von ihm prompt darüber aufgeklärt, welche Haltungen und Grundsätze in diesem Verein geboten und Grundlage, somit ggf. erlernbar seien – weil diese auch für jene auf dem Rasen gelten. Er selbst trüge zudem den pink Torwartdress auf dem Platz sehr gerne, weil er wisse, dass viele Zuschauer das provoziere (alle Zitate sinngemäß, ich habe nicht mitgeschrieben. Er fand es aber okay, dass ich darüber blogge, hab ich mir selbstverständlich erlauben lassen). 

Das Bemerkenswerte sind ja nicht nur die Aussagen. Prima! Sondern, dass diese Art von Kommunikation zwischen Fussballprofis und Bloggern einfach so stattfinden kann beim FC St. Pauli – von den Spielern initiiert. Ich jammer und hader ja nun auch alle Nase lang mit irgendwas rund um den Verein. Aber, hey, das ist, glaube ich, doch ganz schön ungewöhnlich. Eine mangelnde Identifikation mit dem, wofür der Verein neben dem Fussball sonst noch so steht, war da aber so gar nicht spürbar. Dankeschön! Und: Toll!

Auch die Geschäftsstelle legte nach. Regenbogeneckfahnen beim Spiel statt der Schnürsenkel, und heute deutlichste Stellungnahmen zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie. Alle Kommunikationen drumherum zeigen: Das ist Bewegung drin! Es werden auch strukturelle Fortentwicklungen diskutiert und hoffentlich eines Tages umgesetzt. Solche, die weiter gehen als das, was in der „aktiven Fanszene“ mir zumindest diskutierbar erscheint. Auch Viva con Agua regt sich und ist in Bewegung. Bin gespannt, wohin:) – und blogge begleitend.

  
Also: INTENSITÄTEN! Ja, Überleitung zum Schwärmen. Zur offenen Begeisterung. Nicht nur darüber, dass es in diesem Verein doch möglich ist, als offen Schwuler mehr oder minder mitten in die Umkleidekabine zu spazieren, laustark Heterosexismus zu diskutieren und dabei nicht nur auf offene Ohren, sondern auf aktives Interesse und volle Handlungsbereitschaft zu stoßen. 

Nein, auch diese so rundum schönen, erfüllenden und ja, intensiven Stadionerlebnisse: Es gibt sie noch!

Solche Erfahrungen, Emotionen wie das Spiel am Sonntag, das glückliche Ausharren nach dem Spiel auf den Rängen, ehrliche Freude angesichts einer doppelten Ehrenrunde der Mannschaft, sich nicht lösen können vom Stadion, ein Wohlgefühl jenseits trügerischer Euphorie ein Schweben in den Alltag trägt und „Zeitqualität“ neu definiert – wow! 

Nicht nur wegen der 5 Tore. Nicht nur, weil Ryo Miyaichi derart einschlug (klar, auch deshalb, aber nicht nur) – und auch nicht nur, weil wirklich von ganzem Herzen Lennart Thy, Okan Kurt, Jan Verhoek und Enis Alushi so was von alles Gute gewünscht werden kann, weil’s gute Typen sind  – weil sie mit uns ja ein verdammt tiefes Tal durchschritten haben, in schwierigsten Situationen reinhauten (Kurt, einst auf den Platz geworfen inmitten eines Abwärtssogs, er hielt stand!) und auch für Restabilisierung sorgten. Ich meine, Platz 4: Danke! Natürlich auch an Ewald Lienen. Auch, weil ich niemandem das Tor mehr gönnte als Christopher Buchtmann. 

Weil es insgesamt einfach schön war. 

Weil so ein Feeling des Neuen in der Luft lag. Als gäbe es mehr als Konservieren längst erzählter Geschichten. In der Spielweise. Im Torjubel auf den Rängen. 

Vielleicht ja von Regenbogenfarben beschwingt, eingefärbt, verzaubert. „Somewhere over the rainbow“ –  

„And the dreams that you dreamed of

Dreams really do come true ooh ooooh

Someday I’ll wish upon a star

Wake up where the clouds are far behind me ee ee eeh

Where trouble melts like lemon drops …“

Und das auch noch auf der Reeperbahn nachts um halb 1. Wurde ja auch endlich mal wieder gesungen. Viele sprachen von einem „versöhnlichen Abschluss“. Wofür versöhnt? Zu meckern hatten wir ja nicht wirklich was. 

Es bleibt halt das Werden … wenn es weiter so wird, wird es gut. 

You don’t have to be cool to rule my world: FC St. Pauli – 1860 München 0:2 

Cool muss echt nicht. Lovesexy reicht ja, und das ist eh eine Energie, die befällt, wann immer das Individuum sich empfangsbereit dafür fühlt. Glaube ich. Nur dass das halt allzu oft blockiert und behindert wird durch all die -ismen …

Aber … vielleicht wäre es ja anders gelaufen, wenn eben doch, ganz, wie Erik sich das gewünscht hatte, „Let’s go crazy“ vor dem Spiel gelaufen wäre. Immerhin ist Prince da noch aufgetreten. Und immerhin standen wir hinterher in einer Kleingruppe nicht mehr so ganz Junger vor der Domschänke und schwärmten uns von Prince ausgehend durch die Tracks der Heroen, auf deren Schultern er thronte: Nile Rodgers zum Beispiel. Auch, dass der in einem Club, in dem Trans-Menschen performten, auf die Idee zu „I’m coming out“ kam, das er Diana Ross schrub. So berichteten wir uns, durch Super-ARTE-Dokus belehrt.

Da schließt die Frage an, wieso in so einem Fall eine Göttin wie Diana Ross als Medium männlicher Songwriter hier von mir beinahe behandelt worden wäre. Was sowohl falsch als auch unverschämt wäre. Unsere Spieler sind ja auch nicht die Medien Lienens, während sie mal mehr, mal weniger seine Vorgaben in Musik auf dem Platz verwandeln. Vielleicht ist Lienen ja ihre Muse. Diese Frage danach, inwiefern die Interpretin eben selbst erschafft, stellt sich z.B. den Jazz-Improvisierenden gar nicht. Da dudelt mensch über die Akkorde von Cole Porter oder Miles Davis und macht was draus. „Rappers Delight“ der Sugarhill Gang basierte ja auch auf „Good Times“, dem wohl meistgesampleten Riff, von – Nile Rodgers. 

Gerade in Zeiten, da auf Stuttgarter Parteitagsreden ein chauvinistischer und hochaggressiver Kulturnationalismus erhebliche Bevölkerungsteile zu „Volksfremden“ erklärt (und damit auch nur explizit macht, was die Gefühls-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen großer Teile der „Mitte“ implizit im Altagsempfinden bestimmt, selbst wenn viele derer anders darauf reagieren) und sie in ihren Freiheitsspielräumen krass beschneiden will, ist ja im Gegenzug auf die tiefschürfende Prägung kultureller Diversität hierzulande  u.a. durch internationale Popkultur zu verweisen. Die eh wirkt, zum Glück. Die wollen zurück in die Zeit vor AFN und BFBS zu „Grün ist die Heide“, was die Kulturwüste Deutschland nur endgültig veröden würde. Mensch braucht ja nur mal in die Gazetten schauen, was hier mittlerweile als Philosoph gilt. Fängt mit S an. Erschütternd. Jetzt verteidigt – übrigens zu recht – sogar schon Alan Posener in DIE WELT Political Correctness als Basis sinnvollen Diskutierens, während die Irgendwielinke noch dabei ist, Critical Whiteness niederzuschreiben.

Was nun durch immer dieselbe Punkrock-Folklore auch dann nicht korrigiert werden kann, wenn Vertreter derer von den Neurechten am Auftreten gehindert werden sollen (was nix wurde; wären die echt noch subversiv, hätte die SPD den Slime-Gig vermutlich gleich mit unterbunden). 

Ja, ich tue mich schwer, über das Spiel zu schreiben – für die 60er war’s schön, für uns irgendwie belanglos. 

  
Keineswegs belanglos die tolle Choreo auf der Gegengeraden – die weist hoffentlich auch weiter auszubauende Wege in die neue Saison. „All colours are beautiful“ – von Regenbogenfahnen umgeben.

Wie froh wir sein können, dass Fafa Picault bei uns bleiben wird, das stellte er einmal mehr unter Beweis. In den war „Let’s go crazy“ nun aber so was von gefahren, hinten und vorne und überall Picault. Toll. You don’t have to be cool, you have to be Fafa. Und beim nächsten Mal strahlt das dann derartig intensiv auf alle aus, dass unser Saisonfinale, das letzte Heimspiel, schon all das Grandiose vorweg nehmen wird, was die nächste Saison uns schenkt. Und dann wird das Spiel bestimmt auch von den Klängen Prince‘ bestrahlt. Ja, wer keine Kraft zum Träumen hat … 

Wie die Geschäftsführer des FC St. Pauli 90 Minuten lang …

… eine Frage abwehren wollten, die die taz anschließend dennoch stellte

Oder: Was macht Sportjournalismus? Wozu ist er da?

Womit vertreiben sich die mutmaßlich müden Kollegen vom Abendblatt oder den 11Freunden ihre ggf. trüben Tage, was geht in denen von MOPO und BILD vor, die Tag für Tag Zeilen schinden und sie sich aus den wund getippten Fingern saugen müssen? Lesen sie heimlich Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“ und wagen es nicht, das den Kollegen zu verraten, dass sie gar nicht wie alle anderen auch „Frauentausch“ und ähnliche Formate gucken, wenn gerade kein Fussball läuft? Um Hohn, Spott und Ausgrenzung zu vermeiden, verschweigen sie solche Lektüren halt lieber?

Hassen sie heimlich Stutzen, Bälle und Rasen, meiden phobisch allzu grüne Parkflächen? Schreiben im Verborgenen – nur  für die Schublade! – Thriller über Serienkiller, deren Trillerpfeifen beim Morden schrillen, während sie ihre Opfer mit Freistoßspray verzieren oder ihnen Spielernoten aufs Rückrad tätowieren? Oder wachen sie nachts aus Alpträumen auf, weil sie ihre Leser als wabernde Zombie-Apocalypse imaginierten, die,  auf sie eindringend, Headlines wie „Lienen will nicht mit der Mistgabel essen“ hungrig schmatzend ihnen entgegen stöhnen vorm finalen Biss (und andere Lyrik aus des Sportjournalisten-Hirn)?

Fragen, die gestern allesamt NICHT gestellt wurden. Hätte mich schon interessiert.

Andreas Rettig und Thomas Meggle, kaufmännischer und sportlicher Geschäftsführer des FC St. Pauli, hatten zum Hintergrundgespräch geladen. Neben den Erwähnten versammelten sich auch Fanzine-Macher und Blogger, alle lauschten gebannt in der Viva con Agua-Loge im Millerntor-Stadion.

Wir erfuhren viel: Dass Freiburg einen immens höhren Anteil an Fernsehgeldern zur Verfügung habe als wir, dass der FC St. Pauli hohe Investitionen fortwährend tätige in Stadion und Infrastruktur und das auch – aus Überzeugung! – durch den Verkauf des Stadionnamens nicht zu lindern sei. Dass andere Vereine ihre U23 abmeldeten, wir nicht. Dass Umsatz nicht gleich Etat sei. Dass der Rückerwerb der Merchandising-Rechte ja erstmal koste, bevor er Einnahmen generiere. Dass auch auf Rekorderlöse aus Spielertransfers Steuern zu entrichten seien und mensch nie genau wisse, wann die Vereine, wo die Jungs nun spielten, das Geld überweisen. Dass in Software zur Spielersichtung- und beurteilung investiert werden müsse und diese ja nicht nach Namen und Beliebtheit bei den Kollegen vom Print ausgewählt würden, sondern auch nach Funktion im Kader, Spielertyp, links- und rechtsfüßig, groß und klein, in- und ausländisch (inwiefern ein höherer Anteil ausländischer Spieler sich negativ auf den Teamgeist auswirke, wie behauptet wurde, erschloss sich mir nicht) wie auch aufgrund von Fähigkeiten je nach Spielsituation: Ein Fafa Picault sei auch dazu da, in der zweiten Halbzeit, wenn mehr Räume entstünden, diese zu nutzen. Funktionale Differenzierung nennt das der Soziologe, früher sprach mensch von Arbeitsteilung.

Pointe: Auch in der nächsten Saison sei der Lizenzspieleretat nicht erheblich höher als in dieser, und die Mannschaft sei doch schon super gebaut (und ein toller Stürmer auch schon verpflichtet). Wie der Tabellenplatz und der Saisonverlauf ja belegten. Und in der Tat: Trotz manch kuriosen Heimspiels ist Meckern ja nicht wirklich angesagt, sondern eher ein fettes Dankeschön dem Team entgegen zu schmettern – zudem der Großteil derer im Kader uns auch vorm Abstieg zuvor bewahrte.

Die Botschaft: Sonnenklar. Info-Dump, um denen, die täglich schreiben wie auch den Besserwissern in den Kommentarspalten „sozialer Medien“ die Parameter zu skizzieren, in denen sich die Handlungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bewegen. Eine gewisse Gereiztheit war spürbar, denen all das nun überhaupt so haarklein aufbereiten zu müssen. War ja so überraschend alles nicht und neu ebensowenig.

Aber: Ging nicht der Vortrag ein wenig an der Zielgruppe vorbei?

Oder, anders gefragt: Geht es bei der Berichterstattung rund um Fussball und all die kneipenabendfüllenden Diskussionen rundherum überhaupt um INFORMATION oder gar WISSEN?

Ist es nicht eher der Reiz der Meinung, des Gerüchts, der Spekulation und vor allem des BEURTEILENS Anderer, der Lust anstachelt und das Spiel aum Laufen hält? Ist Grundlage des Kommentierens gar das Abwägen, faktenbasiert? Interessiert das noch wen?

Ich wage es ja kaum zu vermuten, und bestimmt irre ich, aber, wenn es denn gar möglich ist, dass des nachts in Ohmachtsgefühlen und Schweiß gebadet der Sportjournalist seine LeserInnen als ihn selbst zitierende Zombies erträumt und übermüdet solche Bilder und Stimmungen Gedanken über jene, die frisch geschriebene Zeilen in der U-Bahn lesen werden, beeinflussen KÖNNTEN – ja, manchmal kommt mir der Gedanke einer unterschwellig vergeltungsfreudigen Haltung, die Texte antreibe, eine gewisse Wut und Verachtung den Lesenden gegenüber könnte spürbar sein, das ist unfair und ungerecht, ich weiß -, ist dann so Profanes wie tatsächliche Handlungsspielräume überhaupt wichtig? Oder ist es nicht vielmehr unterhaltsamer für fast alle Beteiligten, wenn Ängste geschürt werden, dass wichtige Spieler gehen könnten, dass vor lauter Selbstzufriedenheit wichtige Maßnahmen gar nicht als solche erkannt würden und, wenn schon die ewig gleichen Berichte zu verfassen sind, wenigstens ein klein wenig das Gefühl eigener Macht dadurch angefüttert wird, dass Unruhe verbreitet und ein Hauch von Zwietracht gesät und geerntet werden KÖNNTEN?

Hey, that’s Entertainment! Drei Regeln gibt es für gute Dramaturgie: Konflikt! Konflikt! Konflikt! Steht zumindest in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Und anschließend noch ein verächtliches „Für immer zweite Liga“ ausstoßen …
Als Thomas Meggle und Andreas Rettig ihre Ausführungen beendet hatten, stellte der Verteter der taz die Frage – sinngemäß – doch noch. „Sagt mal, wollt ihr nicht noch ein wenig Geld in die Hand nehmen, um ein paar richtige Granaten zu verpflichten?“ Wie gesagt: Sinngemäß. Aus der Erinnerung zitiert.

Andreas Rettig zeigte sich angesichts der Frage enttäuscht.

Die Wiederkehr des Schädels: Der FC St. Pauli kauft Upsolut

 
Die Fakten haben die vom Magischen FC schon derart treffend zusammen gefasst – auf der Grundlage einer vorbildlichen Informationspolitik des Vereins -, dass ich dankend zitiere:

„Erstmal die Fakten: Der FCSP kauft seine Merchandising-Rechte vollumfänglich zurück. Er gibt dafür 1,3 Millionen aus und übernimmt von Upsolut auch 80 Mitarbeiter (inklusive Aushilfen, Teilzeit und Auszubildende). Das Ganze soll aus einer Ansparrücklage und der laufenden Liquidität finanziert werden. Es soll dann eine Rückzahlung in die Ansparrücklage erfolgen, 2015 und 2016. Upsolut macht ca. 500.000 Gewinn und 8,5 Millionen Umsatz. Wie man sich zukünftig im Merch-Bereich aufstellen will, ist noch nicht geklärt. Der Verein schreibt so schön: „Teilhabe von Fans, Mitgliedern und/oder Partnern ist zu prüfen.“ Dies habe auch Auswirkungen auf die Internationalisierung des Vereines, schreibt der Verein weiter. Der Anteil des Merch am Gesamterlös war beim FCSP bisher deutlich unter einem Prozent, im Durchschnitt aller Bundesligisten liegt er bei sieben Prozent. Bisher hatte der FCSP zehn Prozent der Einnahmen erhalten. Ein Rechtsstreit lief, liegt vor dem BGH, sodass man nun eine einvernehmliche Lösung gefunden hat.“

Schon die Einbindung der Blogs und Fanzines in die Öffentlichkeitsarbeit durch Geschäftsführung, Geschãftsstelle und Präsidium ist ja, verglichen mit dem bundesrepublikanischen Institutionenmainstream, so außer-gewöhnlich, dass sie immer neu zu belobigen ist: 

Unter dem neuen Präsidium tut sich mehrdimensional vieles, was gut ist. Einladungen zum Einblicke in auch das Gewöhnliche, wo im Worte drin steckt, dass das was ist, wo mensch gewissermaßen drin wohnt, was vertraut ist, wo sie weiß, wo Treppe, Bett oder Küche sich befinden – oder auch Ballsaal, Business Seats und Fanräume -,  wo es raus geht, wie etwas rein kommt, nimmt der Blogger ja gerne hin: Einblicke in das das Gewöhnlich in dem Sinne, das das gerade in Zeiten des Neoliberalismus so oft beschworene „Unternehmertum“ seinen Bezugsrahmen uns gegenüber offenbarte. 

Wirklich eine Offenbarung ist das selten. Eher geht es darum, wie Spiel-Raum, auch das kann mensch ja durchaus wörtlich nehmen, ein Stadion ist ja eh sowas, ein Spiel-Raum – und everything is a game, dessen Regeln keiner selber schöpft -, gewonnen werden kann für einen Fussballverein. Und welche Parameter es sind, die als potenzielle Trümpfe im Poker mit viel Größeren ggf. ins Spiel kommen können. Jedoch ebenfalls darum, welcher Spieler unseres Vereins im ökonomischen Raum des Spiels wie welchen Zug ins Rollen bringt. 

Wenn ich das richtig gedeutet habe, ist Joachim Pawlik der Akteur, der im ökonomischen Klein-Klein sich orientiert – er referierte z.B. Fragen der Unternehmensbewertung von Upsolut, die ja nicht erst seit dem Aufstieg und Fall der NEW ECONOMY hochpolitisch sind. 

Weil die Kriterien nicht so objektiv sind, wie es zumeist scheint – es gibt unzählige Rechenmodelle, die je nach Hype, Interessen der Akteure und Chancenabwägungen in aktuellen Märkten bis hin zu intervenierenden Faktoren wie möglichen Rechtsstreitigkeiten reichen. 

Das sind Themen, die bis hin zu dem hochumstritten TTIP – der intergalaktischen Umgehungs-, sorry, dem transatlantischen Freihandelsabkommen – brandaktuell sind: Wenn ich nicht fehlinformiert bin, geht es da ja nicht darum, dass „die Linken Angst haben, ihnen könnte jemamd das Essen vergiften“, sondern um u.a. eine supranationale Gerichtsbarkeit installieren – um so die Investitionsrisiken, die sich aus nationaler Rechtssprechung ergeben könnten, zu minimieren oder gar per Vertrag wegzuverhandeln. Zugunsten des Investors.

 Ich persönlich finde beim FC St. Pauli immer spannend, wie sich im Kleinen das Große zeigt. Die Rechtsunsicherheit, die sich im Falle des nunmehr beigelegten Rechtsstreites mit Upsolut offenbarte und die uns gestern im Sinne der Chancenantizipierung referiert wurde – dass also auch Szenarien durchgespielt wurden, welche Summen als Kaufsummen aufzubringen gewesen wären, wenn der Rechtsstreit gewonnen worden wäre -, soll durch TTIP minimiert werden, freilich mit dem Ziel des Investionsschutzes. 

Das ist politisch interessant, sich zu fragen was denn das wohl geheißen hätte, wären die Eigner von Upsolut internationale Investoren und TTIP griffe schon. 

Und solche Fragen werden sich dem FC St. Pauli auch tatsächlich stellen, wenn die angestrebte Internationalisierung greift. 

Ich bekenne, da gestern aufgrund der klug abwägenden und informierten Art von Joachim Pawlik mehr Vertrauen verspürt zu haben als bei vorherigen Vorstellungsrunden. Machte einen gerade deshalb so soliden Eindruck, weil differenziert verschiedene Szenarien durchgespielt wurden. 

Zumindest ist gerade auch linken Politikansätzen anzuempfehlen, da selbst Spiel-Räume zu erdenken und Menschen wie Pawlik genau zuzuhören, anstatt sich in purer „Kommerzkritik“ zu verorten und desorientiert zu bleiben. Oder aber immer dann, wenn sich in die Unternehmer-Perspektive hinein gedacht wird, z.B. 80 Angestellte, die übernommen werden, als – potenziell – „Risiko“ oder „Belastung“ zu begreifen. Dass plötzlich neoliberale Imperative sich ins eigene Denken unbemerkt einschleichen, das geschieht nämlich schnell und kann diese kontraproduktive Vergötzung geringqualifizierter Ehrenamtlichkeit, wie sie in „die Fanszene“ unreflektiert gepredigt wird, noch verstärken. Das ist dann Mythos statt Aufklärung.

Andreas Rettig hielt sich insgesamt eher zuück, blieb schwammig und es entstand der Eindruck, als sei er mit verbandspolitischen Fragen weiß Gott auch genügend ausgelastet. Viel Glück:)

Oke scheint in der Runde eher seine Richtlinienkompetenz zu pflegen und pochte vor allem auf zentrale Ziele dieses Präsidiums: „Werte“ im ethischen Sinne und Eigenständigkeit als Basis, sie auch leben zu können. Ich erspare moralphilsophische Erwãgungen, wieso ich ein in Werten gründendes Verständnis von Vereinskultur für völlig falsch halte, es geht meines Erachtens um Rechte und Regelbegründungungen; interesant war, dass trotz nunmehr erreichter Eigenständigkeit in der Vermarktung des Merchandisings – und das Präsidium und die Geschäftsführung sind ausdrücklich zu beglückwunschen, dass dies gelungen ist! – die offenen Fragen angesichts des Erwerbs von Upsolut weiterhin auf den Spagat auch in der Zukunft verweisen, eben jenen, Teil einer komplexen, von Politik, Makroökonomie und rechtlichen Rahmenbedingungen durchwirkten Wirschaftsspielregelwelt zu sein und zugleich partizipatorische Ideale zu pflegen. 

Die zukünftige Gesellschafterstruktur von Upsolut sei noch offen, bis zu 49% Prozent könnten optional an wahlweise Fans, Partner, Teilhaber, Mitglieder wie auch immer „abgegeben“, verkauft oder sonstwie verteilt werden – Kriterium sei hierbei jedoch auch die Frage der Internationalisierung des Vertriebs, auch der Produktion?, der Klamotten, Schlüsselanhänger, Toaster und was sonst noch so gewohnt ist oder im Vorgarten gepflanzt werden könnte. 

Dass NUR Eigenständigkeit gerade im Falle der Internationalisierung keine realistische Option ist, weil eben alles mit allem ökonomisch vermetzt ist, um kapitalistische Zirkulationszusammenhänge zu gewährleisten, wurde ebenfalls bestäigt. 

Die Zukunft ist also so offen, wie immer schon – Verweise darauf, dass „mit den Fans zusammen“ Ideen für Produkte entwickelt werden könnten, sind ja begrüßenswert. 

Bei Upsolut bisher stellten sich freilich auch Fragen wie jene, wer denn von den Erlösen z.B. der „Refugees Welcome“-Produkte profitiere. Keine Ahnung, ob die je beantwortet wurden. Nun kann selbstverständkich die Frage auch schlicht so beantwortet werden, dass das, was Geld in die Kassen des Vereins spült, angesichts des seit des Einsatzes für die Lampedusa-Gruppe ja vorbildlichen und hochengagierten Agierens der Geschäftstelle auch gut für Flüchtlinge sei. Dass zudem aufgrund einer auch noch internationalen Orientierung die Strahlkraft und Wirkung des Verins ungleich weiter reiche als z.B. die einer Stadtteilinitiave, zudem ein Zweitligist mit derart hohen Bekanntheits-und Popularitätswerten eh schon ein Politikum ist und z.B. vom Senat als strukturell relevenat auch nicht einfach ignoriert werden kann. 

Andere Modelle wären freilich, Erlösanteile von Produkten, die für marginalisierte Bevölkerungsteile und deren Rechte und Sichtbarkeit eintreten, zweckgebunden diesen Personengruppen auch zugute kommen zu lassen: Im Falle von Regenbogenaccessoires queeren Gruppierungen, im Falle von „Refugees Welcome“-T-Shirts Flüchtlingen, im Falle von Antirassismus-Slogans People of Colour und von denen selbst verantworteten Projekten.

Zumindest wurde die Diskussion eröffnet und auch offen gehalten. Fur mich zeigte das einmal mehr, dass in Geschäftsführung, Präsidium und Geschäftsstelle aktuell visionärer, refkektierter und zugleich realistischer gehandelt und wird als in den verknöcherten und verkrusteten Strukturen der organisierten und „aktiven Fanszene“. 

Der weitere Verlauf der Diskussion bleibt spannend – auch, weil sich zeigen wird, ob letztere sich beim Werden des FC St. Pauli als störend und blockierend im Sinne der Dominanzwahrung einiger Platzhirsche erweist, oder ob die Handreichungen, das Schaffen von Möglichkeitsbedingungen und die gestalterische Power der operativ Aktiven produktiv und zukunfsträchtug genutzt werden wird. Vorgelegt haben Präsidium und Geschäftsführung nun einmal mehr ganz enorm. 

Die unheimliche Leichtigkeit des Gewinnens: FC St. Pauli – Fortuna Düsseldorf 4:0

„Thy-Amo“-Chöre vor der Domschänke. Ich raune noch dem Kleinen Tod zu, dass die doch alle viel zu jung seien, um irgendwann in den 70ern als Kind an der Reihenhaus-Kellerbar (ja, der berühmte Partykeller!) der Nachbarsfamilie S. den Howie aus dem Radio erstmals, also für mich erstmals, diesen Song hauchen gehört zu haben …

Thy-Amo

„Sagtest Du das nur so“, so sang Carpendale einst, doch nein, gesungen wurde es gestern nicht nur so. Stimmen, erfüllt von der genießenden Hingabe an dieses Spiel der Mannschaft – alle hatten  Mehr von diesem Beitrag lesen

Imaginationsarbeit an die Macht: FC St. Pauli – SSV Sandhausen 1:3

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Bevor ich weiteres schreibe: Bitte alle erst mal die Rede Abimbolas anhören!

Es ist supercool, „Refugees Welcome“-Schals im Stadion zu verteilen. Es ist grandios, auf die Lage der Roma bei der irrwitzigen Praxis, irgendwelche Drittländer als „sicher“ auszuweisen, in einer Choreo aufmerksam zu machen. Was deren Vertreter denken, sagen und erleben, kann hier angehört werden! Der Blick gehört immer auf die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen zurückgelenkt.

Ein sehr treffender und ausführlicher Kommentar zum Thema „Geflüchtete“ findet sich beim „Lichterkarussell„. Danke dafür! Der auch aufzeigt, wo ehrenamtliches Engagement kontraproduktiv wirken kann, wenn es sich in die neoliberale Matrix fügt. Exakt das ist wohl eines der großen Themen für die Zukunft des FC St. Pauli: Wie kann strukturell das entfaltet werden, was bisher von symbolpolitischer Ehrenamtlichkeit Nicht-Betroffener verklebt wird?

Was noch grandioser wäre als eine Choreo ist nämlich, Visionen zu erdenken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Ein bundesweites Vorbild! Die AFM des FC St. Pauli steckt 450.000 Euro in die Antidiskriminierungsarbeit!

Ich muss ja sagen: Selten war ich so begeistert wie von der gestrigen AFM-Versammlung! 

Die Ära Gunkel, als ein intransparent agierendes Grüppchen Kleinbeträge gönnerhaft wie Papa das Taschengeld an diverse unterstützenswerte Projekte der Fanszene verteilte, ist ja zum Glück vorbei. 

Damals, als erstmal in Bittstellerhaltung von Diskriminierung Betroffene und ihre Unterstützer in finsteren Spelunken Lobby-Arbeit betreiben mussten, um ein Anliegen als förderungswürdig auszuweisen. Als in diversen Hinterzimmern einem der Fanszene-Gottkönige buchstäblich in den Arsch zu kriechen war, weil ohne Bauchpinselung gar nichts lief. Als es zuging wie bei irgendeinem provinziellen SPD-Unterbezirk – das ist nun aus und vorbei. Ein für allemal. 

Jener Teil der Vereinsgeschichte also, da alle sich fragten, wieso die fähigste Vertreterin aus dem Vorstand ausschied, sie das selbst jedoch nicht begründete und Herr Gunkel, ganz Mann, großherzig für eine Frau sprach: Sie gehören der Vergangenheit an. 

Im Nachhinein wird sie mit Gruseln und Entsetzen als die „Ära 3%“ bezeichnet – weil dieses eben der Prozentsatz war, der in den Abteilungszweck „Kulturförderung“, mal kurz gefasst, floss. Am meisten von den „3%“ erhielt imner der Museumsverein – es wurde gemunkelt, das läge darin begründet, dass Vorstände dessen auch Aufsichtsräte des FC St. Pauli stellten. Ein Buddy-System nur für Eingeweihte, das alles heraus mobbte, was sich nicht bedingungslos unterwarf. Viele blieben auf der Strecke und raunten verängstigt und hinter vorgehaltener Hand Worte wie „mafiös“ und „unerträglich“ …

Doch nun ist alles anders! Ich bemerkte es schon beim Betreten des Ballsaales: Die Zeiten einer rein weißen Versammlung, bei der ich mich manchmal fragte, ob das nicht vielmehr der Bevölkerungsstruktur sächsischer Kleinstädte entspräche, sind tatsächlicher Vielfalt gewichen. People of Colour waren machtvoll und dominant vertreten. Nicht nur im Publikum, auch im neu gewählten Vorstand. Auf den roten Stühlen knutschten Schwule und Lesbenpärchen in großer Zahl, auch das Thematisieren von Inklusion zeigte Wirkung: Eines der Vorstandsmitglieder wetterte lautstark gegen Ableismus, der ihm im Alltag allerorten entgegen schlägt und erhielt großen Beifall. 

Ebenso begeisterte mich, dass das Motto „Fantasie an die Macht – wir gestalten aktiv unseren Verein!“ auch bei der finanzkräftigsten Abteilung des Vereins nun vollkommen gegriffen hat. Hatten ihr die Millerntor Gallery und andere ja auch lange genug vorgemacht, wie das geht. Kein Wunder, zwei der neuen Vorstandsmitglieder sind Frauen, die wissen, wie das geht. Und mit Sophie Müller hat nun auch die ausschließliche cis-Gender-Dominanz in der Fanszene den Beginn eines Wandels vollzogen. Auch ist nicht genug abzufeiern, dass der strikten Verbürgerlichung durch einen ehemaligen „Stricher“ im Führungsgremium entgegen gewirkt wurde und somit erste Versuche, Anknüpfungspunkte zur Realgeschichte des Viertels zu suchen, fruchteten.

Auch weiterhin fließen die großen Teile des Etats vorbildlich in die Jugendförderung. Großartig! Durch das Einstellen eines schwarzen Antidiskriminierungsbeauftragten – männlich nur deshalb, weil eben doch vor allem Jungs  den Nachwuchs in Fussballdeutschland stellen, in anderen Fällen ist im Etat das gut bezahlte Engagieren erfahrener, weiblicher Coaches vorgesehen – wurde schon Erstaunliches in der Jugendarbeit bewirkt: Alleine dadurch, dass Betroffene einen qualifizierten Ansprechpartner fanden, wurden versteckte rassistische und heterosexistische Strukturen zugänglich, die zuvor niemandem auffielen. Außer denen, die es ausbaden mussten. Hiermit wurde dank der Finanzierung durch die AfM wahrlich ein Leuchtturm geschaffen: Bundesweit informieren sich nun Sportvereine bei uns über die Erfahrungswerte, die sich nicht zuletzt auch im sportlichen Erfolg der Teams zeigt. Wo unterschwellige Probleme erkannt werden, stimmt auch der Mannschaftsgeist. An mehreren amerikanischen Elite-Universitäten entstehen derzeit Doktorarbeiten über die Jugendarbeit des FC St. Pauli, die deutschen sind da noch nicht so weit.

Doch auch für die Zukunft wurde gestern ein unübersehbarer Meilenstein am Weg des FC St. Pauli gebaut. Statt der Begierde der Geschäftsführer Rettig und Meggle nachzugeben, wurde beschlossen, aufgrund des Scheiterns des Projektes „Kollau Zwei“ die nicht verwendeten Gelder von 450.000 Euro komplett in die FC St. Pauli-Empowerment-Stiftung zu überführen. Herr Rettig möge doch Wege finden, das Geld, was er abgreifen wollte, anders zu erwirtschaften. Dazu sei er ja da. Applaus.

Die Stiftung erüllt die Aufgabe von Forschung, Beratung, Coaching und des Bereitstellens von Wissen in Antidiskriminierungsfragen. Sie schult kompetent und mit tatsächlichen, nicht nominellen Experten besetzt Gremien, Fanclubs, Mitarbeiter der Geschäftsstelle und kostenpflichtig auch jene von Sponsoren, stellt so Anschluss an den internationalen Standard der Diskussion her. Und sie agiert bundesweit. Andere Vereine und Fanszenen können die Leistungen gegen Bezahlung nutzen, ebenso Universitäten und Schulen.

Der Jubel war groß. Wellen der Erleichterung wogten durch die Anwesenden. Manche erinnerten sich mit Schaudern daran, wie es war, als erst nach intensiven Vorarbeiten rund um die Hüter der Schwelle das Vorwagen in die Gunkel-Höhle mit einem devoten „Bitte, Bitte!“-Sagen verbunden war und als Lohn ein wohlwollendes Lächeln und ein Kleckerbetrag für das „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ winkte.

Alle gemeinsam freuten sich, dass die Erkenntnis sich durchsetzte: Antidiskriminierungsarbeit kostet Geld. Was ökonomisch marginalisiert wird, bleibt dies auch gesellschaftlich. Und es sollen Betroffene von ihr profitieren, es soll ihren Interessen dienen, nicht der narzißtischen Befriedigung selbstbezüglicher Mehrheitsgesellschaftler.

So viel Einigkeit war selten!

Final beschlossen die Anwesenden noch einen Appell an Präsidium und Geschäftsstelle, dass Teile der Erlöse aus dem Verkauf der „Regenbogen-Trikots“ und zugehöriger Assessoires an die Berliner LesMigras gehen sollen, um ihnen zu ermöglichen, eine Hamburger Dependance zu gründen. Freilich nur, wenn die das auch wollen. Der anschließende Applaus: Einfach nur überwältigend.

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