Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Antisexismus

Zum internationalen Frauenkampftag

Facebook-Splitter: Kevin Plank, der Neoliberalismus und Fragen nach Möglichkeiten linker Politik

(Der folgende Text ist mir bei Facebook soeben eher passiert. Er greift am Anfang und Ende die „Under Armour“-Frage auf und liefert neue Zitate. Er geht aber ansonsten teilweise über das hinaus, was im Rahmen eines Vereinskosmos oder gar offiziellen Stellungnahmen des FC St. Pauli noch diskutiert oder Leitlinie sein könnte. Das würde selbst ich nicht vom Präsidium erwarten.)

Nicht, dass GQ nun meine bevorzugte Quelle wäre, das ist aber definitiv interessant. In einem neueren Statement suggeriert wahlweise Kevin Plank oder die Under Armour-Unternehmenskommunikation, so klar ist mir das ja nicht, Haltung und spricht sich vorsichtshalber aufgrund des schweren Imageschadens gegen den Trumpschen „Travel Ban“ aus:

Er verknüpft diese Frage aber wiederum mit der nach der Re-Nationalisierung industrieller Produktion.
Mir ist ein Rätsel, wie es sein kann, dass eine immer homophober werdende „Linke“ bis hin zur hochverdienten Nancy Fraser (den Text habe ich im St. Pauli-Forum gefunden, danke an Astranaut) nun plötzlich die Menschen im „Rust Belt“ wieder entdeckt, ohne Fragen des Wandels der Realwirtschaft in ehemaligen Industrienationen mitzudiskutieren.
Knackpunkt ist doch die Deindustrialisierung , auf Europa bezogen die Verlagerung der Produktion zunächst in ehemals real-sozialistische Staaten weiter östlich, dann gen Asien. Was in China zum Boom führte.
Deshalb können die ganzen klasssischen, linken „Arbeiterbewegungsfragen“ auch gar nicht so diskutiert, als müsse man nur wieder wie die 68er in die Fabriken gehen, um dort zu agitieren. Und die politisch Aktiven wollte da schon damals keiner haben.
Es gibt dazu weit und breit keine mir bekannte, linke Antwort. Die versucht Trump nun aber tatsächlich gerade zu geben durch die Renationalisierung der industriellen Produktion, und exakt da dockt nun, Profit riechend, Kevin Plank an. Das ist auch wirklich die große Gefahr dieser Bewegung, nicht zufällig zieht Oscar Lafontaine ja schon nach.
Ein weiterer, damit korrespondierender Mythos: „Individualisierung“ sei als zentrales Motiv „des Neoliberalismus“ gewesen. Sehr wohl liegt dessen Stärke und Erfolg in der Vereinzelung und Entsolidarisierung – diese freilich hatte er nie exklusiv für sich allein reklamieren können.
Das haben die Kumpels beim Streik bei Ford in Köln 1973 den so genannten „Gastarbeitern“ schon sehr und nachhaltig deutlich gemacht, dass diese keine Solidarität zu erwarten haben. In post-migrantsichen Communities und deren Erzählungen taucht dieser Streik nicht zufällig immer wieder an zentraler Stelle auf, während er unter „weißdeutsch“  Gelesenen in der Regel keine Rolle in der Geschichtsschreibung spielt.
Die Klassenfrage ohne die nach Rassismus zu stellen führt eben da hin: Zur Entsolidarisierung von den Marginalsierten. DAS ist zentral für neoliberales Agieren und dessen Folgen. Und die französische KP hatte da in den 60er Jahren auch keine Antwort parat. Eben darüber schreibt Didier Eribon ja auch. Sie hat das lediglich kaschiert.
Strukturell analog wird ja in den USA rund um „White Feminism“ diskutiert: Dieser stelle eine Entsolidarisierung dar, weil er Intersektionalität, also ein Verbinden z.B. von Fragen  zu „Race“ und „Gender“ in der Theoriebildung und politischen Praxis, nicht berücksichtige. In Deutschland führt das zu aktuellen Positionen von Alice Schwarzer.
Die „Spalter“ sind nicht jene, die darauf hinweisen, dass Blackness und Whiteness als nicht etwa „humane Essenzen“, sondern in zwischenmenschlichen Beziehung wie auch gesellschaftlichen Hierarchiebildungen wirksame und in der Sozialisation erlernte, soziale Tatsachen zu begreifen sind. Nix da „Essenzialismus“. Dessen Behauptung ist irrationale Lektüreverweigerung, um sich Argumentationen zu entziehen, wir dhlat mit Begriffsfetischen agitiert, um wissenschaftlichen Fortschritt zu verhindern.
Es ist ja richtig, die Frage nach Klassen wieder in den Mittelpunkt zu rücken – dieses gelingt aber bestimmt nicht, wenn kollektive Erfahrungen Nicht-Weißer wegzensiert und nieder gebrüllt werden wie die von Frauen sowieso auch immer schon. Dieses ganze Geschwätz, queere, PoC- und feministische Perspektiven würden nur das „Partikulare“, nicht verallgemeinerungsfähige proklamieren, während WHM seit der Aufklärung für das Allgemeine stünden und gefochten hätten, in dessen Namen sie  kolonisierten, psychiatrisierten und Frauen entrechteten, weil sie immer schon alles besser wussten, ist mindestens ebenso irreführend, wie nun jeden gesellschaftlichen Fortschritt als „progressiven Neoliberalismus“ zu geißeln. Sorry, Nancy Fraser.
Weil ein solcher Utilitarismus eben auch der Begründungsmodus des Kapitalismus wie auch des neoliberalen Begründungsprogramms ist: Fütter ich die Reichen, fällt für die Armen schon was ab, und, da trifft es sich dann, in der Summe, also im Sinne des Allgemeinen, geht es allen besser, und wenn es einigen schlechter geht, ist das eine Art Kollateralschaden.
Das ist exakt das Gegenteil der Indidviualrechtsbegründung in der Kantischen Tradition, ja, auch Kant ein Rassist, wo, wie und warum, ist allerdings aufzuzeigen und liefert keinen Grund gegen Individualrechte – dennoch ist an diesem Punkt der linke, politische Zweig des Liberalismus immer schon weiter gewesen als all die Stalinismen, Leninismen und Zizekismen.
Die These von der „Individualisierung“ als Zentrum ist deshalb falsch, weil der Kern der neoliberalen Agitation immer in der Staat-Wirtschafts-Relation verortet war und nicht in irgendwelchen Lifestyle-Programmen.
Das Geschwätz vom „Individualismus“ – „Ich kenne nur Individuen, keine Gesellschaft“ (M. Thatcher) – diente eher der Propaganda, um der totalisierten „unternehmerischen Freiheit“, der „negativen Freiheit“, also der Freiheit von Hindernissen, die Bahn frei zu schießen. Einer Freiheit von staatlichen Restriktionen also. Wozu auch alles Sozialstaatliche gezählt wurde: Das führte dann in den USA zum Krieg gegen schwarze Frauen, die vermeintlichen „Welfare-Queens“, hierzulande zu Hartz IV.Und heute gegen „Obamacare“.
Ähnliche Vorstellungen „negativer Freiheit“ (Isaac Berlin) führen auch zur Kritik an einem PC-Popanz, wo auch nur die von rechts vorbereitete Agitation auf einmal auf links eingelöst wird und unzulässige Restriktionen, Zensur usw. gegeißelt werden. Vorstellungen, die sich nicht nur im Falle des „Gamer Gate“ in Form eines radikalen Antifeminismus äußern, eines, der sich fortwährend von Mami unterdrückt wähnt, da ist eher magelnde Individuierung im Spiel,  um in aller Ruhe und ungestört „Grab them by the Pussy“ rufen zu können und wie schon beim Gerede vom „Nanny State“ männliche Autonomie recht infantil zu deuten.
Dahinter steht ein ziemlich mackerhafter Macher-Mythos, an dem auch die Ideologie der „unternehmerischen Freiheit“ sich nährt, und exakt den versucht doch Trump gerade in Regierungspolitik umzusetzen.
Da schließt sich nun doch wieder der Kreis zu Kevin Plank:

 

Frohes Neues! Und eine Frage aus den USA wie auch eine Leseempfehlung

Vor lauter Hypnose durch Trumps Inszenierung weißer, männlich-hegemonialer Brutalität sollte vielleicht nicht vergessen werden, dass „wir“ zwar keine Mauer nach Mexico bauen, aber das Mittelmeer und Frontex gibt’s ja auch schon.

Dass der Kampf gegen „Illegale“ und „Migranten aus islamischen Ländern“ hier ganz genau so tobt, auch hier Länderlisten, im Neusprech als „sichere Herkunftsländer“ gelabelt, existieren wie jene, die Trump nun im Zuge des „Muslim-Bans“ veröffentlicht hat. Dass ein institutionalisierter Rassismus hier auch die staatliche Macht durchwirkt.

Und wenn ich mir anschaue, was die „Sanctuary Cities“ gerade an Power gegen Trump aufbringen, insbesondere in Kaliornien, dann ist Olaf Scholz viel näher an Trump als diese.

Der setzt doch dessen Programme täglich durch, meines Erachtens.

Was derzeit ja täglich an der Hafentreppe beobachtet werden kann.

Die versprochene Frage aus den USA und auch der Text von Alicia Garzia, der einfach mal gelesen werden sollte, anstatt alles vorher eh immer schon besser zu wissen:

„More than a moral question, it is a practical one. Can we build a movement of millions with the people who may not grasp our black, queer, feminist, intersectional, anti-capitalist, anti-imperialist ideology but know that we deserve a better life and who are willing to fight for it and win?“

Kann ich nicht beantworten können, will ich nicht werten wollen. Es ist tatsächlich möglich und geboten, so etwas unterstützend zu rezipieren, ohne nun gleich selbst schlaumeiernd vorzupreschen.

Und die Antwort kann zudem NICHT nur von Marginalisierten gegeben werden.

Sondern viel mehr noch von der „Gegenseite“, die „Hetzfeminismus“ geißelt bzw. Texte dazu total super findet, sich in „Religionskritik“ ergeht, anstatt mal wieder über Ökonomie zu reden, wie sie selbst es ja stetst fordert, aber nie tut. Die Minderheitenrechte für „Partikularinteressen“ hält (ja, auch auf links) und ganze Theoriestränge, in den USA virtuos erarbeitet, unter „psychische Probleme“ und „wertlos“ verbucht.

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu Mehr von diesem Beitrag lesen

Gedanken nach der Präsidentenwahl in Österreich

Die FAZ, sie sei als Symptom zitiert, fasst es zusammen:

„Die anfängliche „Willkommenskultur“ trieb, wie in Deutschland selbst, den Populisten aus allen Schichten massenweise Wähler zu. Die fühlen sich beim alles beherrschenden Thema Einwanderung von den „Volksparteien“ nicht mehr verstanden, sondern als fremdenfeindliche Dummköpfe verunglimpft, die den „Rattenfängern“ auf den Leim gingen.“

Kurz: Wer nicht von Anfang an bereitwillig dafür plädierte, möglichst viele Nicht-Weiße im Mittelmeer oder sonstwo verrecken zu lassen, hat der FPÖ die Wähler zugetrieben.

Wer nicht bereit war, darauf zu scheißen, mal nachzufragen, wieso z.B. in Libyen es für Menschen aus südlicheren, afrikanischen Gefilden recht plötzlich brandgefährlich wurde, wird notfalls von der taz gerügt. Wer somit der Lampedusa-Gruppe lauschte, hat automatisch Hofer gefördert. Eine frappierende Logik. Wer also nicht  FPÖ-Politik fordert oder betreibt, bringt sie erst hervor. Auch eine Form der Zurückweisung einer jeder Form von Handlungsfreiheit. Ja, ich vermeinte so was auch bei Scholz durchzuhören. Das macht es eher schlechter.

Es scheint ein Phämonen zu existieren, das Neurechte prinzipiell von den Folgen ihrer Forderungen frei spricht, weil ja immer irgendwelche wahlweise Humanisten, Linken, „Gutmenschen“ die Welt hervor bringen, auf die dann nur reagiert würde.  Weil diese Gruppen  ja nachweislich an den Hebeln der Macht sitzen – . Harharhar. Das ist auch nicht neu – an den Neonazis der 90er waren ja auch schon die ’68er schuld. Und der Historikerstreit der 80er entzündete sich an der – aus der Erinnerung zitierten – These Noltes, der Nationalsozialismus sei ein Bollwerk gegen den Kommunismus gewesen. Was ja viele bürgerliche Steigbügelhalter vor ’33 auch so sahen.

Der FAZ scheint es wohl absurd, die Frage zu stellen, die ich auch nicht beantworten kann, welche Einflüsse, Folgen und Nicht-Einflüsse westlicher und sonstiger Politik in Syrien wirken und nicht wirken und was eine Wirtschaftsgroßmacht wie Deutschland und ihr fortwährender Export-Boom damit zu tun haben könnten. Warum auch. Wir nationalisieren halt alles und jedes, ganz egal, was auch immer da kommt und geschieht. Auch das ist Deutschland.

Wer nicht a priori schrie, dass, wasauchimmerdasheißt, „Integration“ „märchenhaft“ sei, züchtet sozusagen notwendig neofaschistische Tendenzen (als soche sind die meiner Meinung nach zu werten). Die, die sie aktiv betreiben, fördern, fordern, wählen, sind immer schon frei von jeglicher Verantwortung und meinen das alles gar nicht so. Ist nur Gegenwehr gegen die, die solche Tendenzen nicht zulassen wollen. Ach so.

Darin sind in allerlei Analysen ja sowieso fortwährend einig: Ein tief verwurzelter und institutionalisierter Rassismus, nö, gibt’s gar nicht. Nur dann, wenn ein Nicht-Weißer zufällig mal anwesend ist, und dann ist der selbst schuld. Ein unsäglicher Dünkel kultureller Überlegenheit? Nö, nirgends! Die Verdrehung universeller, normativer Voraussetzungen eines gelingenden Zusammenlebens auf Basis symmetrischer Relationen hin zu irgendeinem sittlichen Kernbestand, über den Andere angeblich nicht verfügten, nur WIR, scheiden in solchen Weltbildern von vornherein aus als Grund für die anwachsenden Wellen des Trumpismus, Putinismus und Orbanismus aus – allesamt Profiteure einer neoliberalen Politik übrigens, die eben diese durch einen völkisch gefärbten Kulturdünkel in allerlei Supremacy-Varianten abzumildern vorgeben.

Das ist schon ein gewaltiger Coup. Erst redet man Menschen drei Jahrzehnte lang ein, ihr Verzicht gründe in der geschichtsnotwendigen Kraft der Globalisierung. Diese erfordere nun mal im Zuge internationaler Konkurrenz eine Absenkung der Standards in Sachen Lohn, Absicherung, Rente usw. – und dann schiebt man anschließend den kläglichen Restbeständen eines Internationalismus, der noch die Emanzipation aller gleichermäßen zum Ziel hatte, die Schuld für die Folgen in die Schuhe.

Aber der ist ist ja eh weitestgehend verschwunden, dieser Internationalismus. Stattdessen verwirrt er sich in Teilen selbst durch kokettierende Putin-Anbiederungen, weil ja die US-Aggression nunmehr vor allem gegen diesen gerichtet sei (das könnte ja zu recht so sein) – und sorgt so dafür, dass z.B. TTIP in manchen Kreisen gar nicht mehr kritisierbar ist, ohne dass einem gleich der „Antiamerikanismus“-Waschlappen ins Gesicht fliegt.

Letzteres, der leider in vielen Fällen sogar richtige Antiamerikanismus-Vorwurf dann, wenn beim Wettern gegen „Investorenschutz“ vor allem deren „Ausländischsein“ beklagt wird, federt dann aber zugleich  ab, dass z.B. in der Frage nach unabhängigen Wirtschafts-Schiedsgerichten nur wieder eine menschenrechtsorientierte Politik, ja, ich weiß, die ist oft auch nur vorgeschoben, an deren Begründung ändert das aber nichts, den Interessen ökonomischer Akteure geopfert wird.

Das schürt, weil es ja begriffen wird, diesen in seiner politischen Orientierung widerlichen Zorn auf „Eliten“ und das „Establishment“ oder auch „Systemparteien“, die die „Interessen des Volkes“ nicht mehr berücksichtigen würden – widerlich daran ist das Verständnis von „Volk“, weil es im Sinne vordemokratischer VolksGEMEINSCHAFTEN im rassistischen Sinne interpretiert wird.

Nun haben politische und ökonomische Akteure ja tatsächlich jahrelang global Arbeitende gegeneinander ausgespielt und „Standortkonkurrenz“als Begründung noch der gruseligsten Maßnahmen angeführt. So kursieren auf einmal auf der Irgendwielinken in Zirkeln knapp unter offiziell wahrnehmbaren Öffentlichkeiten scheußliche Begriffe wie „Migrationswaffe“: Um endgültig den Interessen Arbeitender und Arbeitsloser den Garaus zu bereiten, würden nun alle Schleusen, also Grenzen geöffnet, um billige Reservearmeen für den Arbeitsmarkt „herein zu lassen“. Nachdem Prekariat und Billiglohnsektor erfolgreich etabliert seien, ginge es nun um die endgültige Verelendung und Emtrechtung. Schlimm genug, dass so was kursiert – der Grund liegt aber bestimmt nicht bei den „Gutmenschen“, sondern gespiegelt wird, was von Friedman über Thatcher und Reagan bis Schröder politisch eingeprügelt wurde. Und die einzige Antwort ist eine inklusive Ökonomie, keineswegs eine, die Nutzlose produziert, die sich wechselseitig bekämpfen teils wollen und unterbieten teils müssen.

Nichts von dem ist gut, vieles ist erbärmlich oder rechtfertigt nun schon mal gar nicht, in Hörner zu stoßen, wie z.B. Frau Wagenknecht das tat.

Es werden zur Tarnung auf jeden Fall alle möglichen Kultursaucen darüber gegossen, sei es nun westlich-liberal versus Islam oder sonstwas, wobei regelmäßig vergessen wird, was „liberal“ so alles mal hieß (und in den USA teilweise noch heißt). Weil eine kulturelle Deutung die ökonomische überschrieben hat, und das so, dass das POLITISCHE, grundrechts-basierte, formal-demokratische, partizipatorische Element verschwindet. Es wird weiter völkisch gedeutet im Sinne des „kulturell Dominante dürfen per Mehrheitsentscheud darüber verfügen, welche Minderheit welche Rechte erhält und welche nicht“. Was undemokratisch ist, weil es dieser die Legitimation entzieht. Mehrheitsentscheidungen gründen in Individualrechten – werden diese aufgehoben, ist das Verfahren nicht mehr rational begründbar.

Das leitet über zum zweiten, entscheidenden Faktor: Der Privilegienabsicherung. Weil neben der Globalisierungsrhetorik seit den 60er Jahren eine weitere Mechanik am Wirken ist, die zum Eingangszitat aus der FAZ zurück führt: Die Emanzipationbestrebungen rund um das Spektrum von Martin Luther King bis zu den Black Panthers, immer neue Wellen des Feminismus wie auch queerer Bewegungen führen häufig zu hochaggressiven Absicherungen der Vorrechte bis dato dominanter Gruppen – historische Analogien finden sich in der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung von Juden im Verlauf 19. Jahrhundert, die immer neue Aufwallungen antisemitischer Exzesse nach sich zogen.  Die ja auch von Verfechtern der Aufklärung zu hören bekamen, was heute Muslimen entgegen schwallt: Mach doch mal die Locken neben den Ohren weg, Du bist doch irgendwie im Mittelalter stehen geblieben mit Deiner Religiösität. Eine pseudowissenschaftliche Biologisierung folgte dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nicht zufällig zur Hochzeit des Kolonialismus: Auch sowas findet sich heute wieder in Bestsellerlisten.

Ich persönlich finde zwar beunruhigend, dass religiöse Begründungen zunehmend wieder politisch hoffähig werden, das ändert aber nicht daran, dass auch die Möglichkeit der religiösen Praxis im Sinne grundrechtsbasierter Politik gegeben sein muss, keine derer priviligiert zu werden hat in einer so begründeten Demokratie und diese kurios folkloristische Deutung des „christlichen Abendlandes“ durch Pegida und Co als einzig mögliche Gestaltung öffentlicher Räume irgendwo zwischen Feiertagsromantik und Kirchengebimmel angesiedelt ungefähr so viel politische Berechtigung hat wie die Forderung, es dürften nur und ausschließlich Andrea Berg, die Puhdys und Udo Lindenberg (sorry, Udo, Du tickst in diesen Fragen schon richtig) im Radio laufen. Und Ähnliches wird ja sogar gefordert.

Um so gruseliger, dass bis hin zu Kretschmann und Anderen das Narrativ, Konsequenz aus dieser doppelten Frontstellung, ich nenn’s mal „Traumatisierung durch neoliberaken Systemwechsel“ und „Absicherung altgewohnter, kultureller Dominanzen und Formen des eingeübten Dünkels“, sei, nun die „Sorgen und Ängste“ der immergleichen als Maßstab anzusetzen. Weil sonst allesamt erst so richtig faschistisch würden. Das ist Victim-Blaming, und das mag im Antisemitismus analog Jahrtausende eingeübt worden sein, Juden die Schuld an ihm zu geben: Es ist nicht der Geflüchtete schuld, dass manche finden, er solle abgefackelt werden –  und seine Unterstützer sind dies auch nicht.

Es wird doch flächendeckend auf die Sorgen und Ängste von Geflüchteten, von Muslimen und Nicht-Weißen in Deutschland und muslimischen und nicht-weißen Deutschen, von queeren und Trans*Menschen geschissen. Und, misogyn, wie dieses Land strukturiert ist, gelten die Interessen und Gefühle von Frauen ja auch nur was, wenn die sich rassistisch instrumentalisieren lassen. Ansonsten gibt’s Saures und offene Gewaltandrohungen.

Klar, wie in Österreich treten auch verdammt viel Ignorierte und politisch eben auch nicht Vertretene für die Rechte nicht-dominanter Gruppe und von Geflüchteten ein – so manches, natürlich nicht jedes Mal aber eher, wenn es mal wieder primãr darum geht, nicht Nazi zu sein und weniger um die Betroffenen.

Zunächst schien bei dem, was dann zur „Flüchtlingskrise“ umgewidmet wurde, kurz was ganz anderes breitenwirksam zu erwachen – das Interpretationsfolien Schaffen der FAZ belegt, wie so ein zartes Pflänzchen von rhetorischen Springerstiefeln nicht nur dort zertrampelt wird. Über das Brutalitätspotenzial derer, die sich durch die FAZ bestätigt sehen könnten, verfügen deren Gegner nicht.

Was bleibt? Eben beides. Ökonomische und kulturelle Emanzipation wieder zusammen denken und zu konzeptionalisieren, ohne sich von all den Blockkonstruktionen beeindrucken zu lassen – und das so zu denken, dass die wirtschaftlich in 30 Jahren Neoliberalismus Erpressten begreifen, dass das in ihrem Interesse ist wie auch in dem der Geflüchteten. Und in Sachen „Reformpolitik“ hat es die Menschen in anderen europäischen Länder härter getroffen als nun ausgerechnet in Deuschland oder Österreich – ganz zu schweigen von fortgesetzem Kolonialismus in anderen Schläuchen anderswo.

Nicht mit Putinismen kungeln, sondern das, was mal linke Ideale waren, wieder ernst nehmen. Würde ich mal sagen.

Hoch die internationale Solidarität eben – statt nun der FAZ und anderen ihr Gerede von legitimen, völkischen  Volkszorn durchgehen zu lassen. Emanzipation umfassend begreifen. Weil sie das Leben besser macht. Schwache Worte nur angesichts umfassender Gewalt – aber was denn sonst?

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

Die Hamburger GRÜNEN, Olympia und der Regenbogen

„Die Grünen wollen eine Initiative gegen Homophobie in den Mittelpunkt der Hamburger Olympia-Bewerbung stellen.“

 

Lasst das sein. Echt jetzt. So ein billiges „Ätschbätsch“ gegen die Hamburger Olympia-Gegner zu installieren ist letztlich eine Frechheit denen gegenüber, die ihr hier zu fördern vorgebt (tut ihr das denn ansonsten?). Es ist manipulativ und ist nicht gut für die Betroffenen.

Solche Instrumentalisierungen schaden der praktischen Kritik des Heterosexismus eher, als dass sie ihr nutzen.

Sie tragen im Gegenteil dazu bei, bestimmte Formen der in diesem Fall tatsächlich „linken“ Schwuleneindlichkeit noch zu verstärken. Jene Diskurse, in denen ein Popanz wie jener aufgebaut wird, dass  „die reichen Schwulen den Migrantenfamilien die Wohnung weg nehmen“ würden.

Weil die Frage der Olympiabewerbung im Zusammenhang mit der Gentrifzierungskritik in der Stadt diskutiert wird und solche merkwürdigen Topoi der „Westerwelle-Homophobie“ (oder wie mensch das auch immer nennen will) sich dadurch nur verstärken: Also ein Zerrbild schwulen Lebens, das als Vorhut der Neoliberalisierung so eine Art Verkörperung von Design und Werbung darstellt; das als Inkarnation inhaltsleeren Styles zu deuten ist (mit bunten Turnschuhen). Ein Dasein als Party-People, die in verlotterter Verantwortungslosigkeit sich den ach so harschen Hürden des Hetero-Fortpflanzerlebens verweigerten (noch da, wo sie Adoptionsrecht einfordern).

Ich empfinde das als ziemliche Unverschämtheit der GRÜNEN, diese Fragen zu koppeln.

Sollen sie das Geld doch lieber dafür verwenden, LGBTIQ-Projekte zu fördern, die sich NICHT der Diskussion und dem perspektivischen Überwinden von Rassismus und Sexismus versperren, sondern stattdessen als Labor der Zukunft taugen – und diese mit gleicher internationaler Strahlkraft zu versehen.

Fördert Filme und MusikerInnen weit über das aktuelle Maß hinaus, , schafft und stützt Institutionen – klar ist Olympia eine gewaltige, internationale Bühne. Umgekehrt scheinen ja noch nicht mal die Finanzierungsplanungen ernst zu nehmen zu sein. Und mit geringelten Socken schafft ihr Putins Politik oder die in Katar nun auch nicht ab, ebenso wenig die des Koalitionspartners eures Koalitionspartners in Berlin.

Von Fantasie würde freilich zeugen, wenn ihr nicht den Anschein erwecken würdet, nun noch mal schnell gehässig so ein Thema nachzuschieben, nur weil Zustimmung zur Bewerbung zu scheitern droht – sondern eigene Vorstellungen zu entwickeln, was eine solche Frage in einer solchen Stadt zukunftsfähig macht, die über tagespolitische Instrumentalisierungen hinaus wiese und international nicht ignorierbar wäre.

Mir sind da ansonsten keinerlei Initiativen bekannt.