Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Alltagsbeschwerden

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

„Die große Schar der weißen Heten, die sich für nichts zu blöd sind …“

Formulierte so jüngst ein beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Beschäftigter hier in der Kommentarsektion. Nun würde ich lügen, behauptete ich, dass ich mit diesen Institutionen nichts zu tun hätte.

Problem derer ist ja, dass ihnen schlicht die Zuschauer weg sterben. Zwar gab der NDR-Intendant jüngst die Parole aus, dass das Internet sowieso völlig überschätzt würde, Video-on-Demand ebenso und gerade Leuchttürme wie der „Tatort“ weiterhin gesellschaftliche Institutionen seien. Umgekehrt wird natürlich in den Sendern wüst diskutiert, was denn nun crossmedial sei und wie man das mal richtig angehen könne.

Jeder, der sich mit Mechanismen des Generierens von Aufmerksamkeit

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In Deutschland verhöhnt man halt die Deklassierten …

„Loser!“

„Opfer!“

So tönt es doch schon auf Schulhöfen.

Das trainiert man denen doch an.

In einem Land, da Hartz IV eigens erfunden wurde, um zu deklassieren, zu sanktionieren, zu demütigen, zu zermürben und so genannte „Unterschichten“ im RTL-Nachmittagsmagazin vorzuführen.

Sich einfach mal so zu freuen, weil zusammen was erreicht wurde, wird ja nicht unbedingt trainiert, wenn von Kindesbeinen die Siebe regieren und später Exzellenz-Etiketten aufgeklebt werden, um andere Institutionen als Schrott für „Verlierer“ zu brandmarken. Und sogar Volksentscheide von Elbvorortlern angestrengt werden, damit das so bleibt.

Wenn Status und Männlichkeit zur Einheit zusammen schießen und als das Nonplusultra gelten. Das ist nicht typisch deutsch, aber halt allgegenwärtig im Kapitalismus.

Da werden die Jungs einander ausstechend durch „Elite“-Internate geschleust, wo sie noch nicht mal flirten lernen, und alle sprechen noch von „Belebung“ angesichts der krassen Konkurrenz.

Klar, es gibt in Fussball-Philosophien auch das „jeder rennt für den anderen“, Mehr von diesem Beitrag lesen

Noch mal Schland und wie es auch anders ginge …

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(Quelle: Schlandwatch, Facebook)

Wie kommen diese Typen eigentlich immer darauf, dass SIE nun ausgerechnet irgendeine besondere Aufenthaltsberechtigung innerhalb der Grenzen des deutsches Staates hätten?

Bei Facebook kommentierte in des Möllers Richtung schon jemand treffend, er solle doch nach drüben gehen. Zu Putin zum Beispiel – meines Erachtens lebt jeder der Lampedusa-Flüchtlinge eher den Geist der Vefassung als Herr Möller.

Wieso glauben diese verschlandeten Hirne eigentlich, sie hätten auch nur irgendwas mit den Errungenschaften der Nachkriegsgeschichte, die es ja durchaus gab, zu tun?

Nur dass diese Errungenschaften allesamt sich eben gerade aus internationalen Quellen speisten, solche, die in diesem Land zum Lebenswerten beitrugen. Parteiisch erwähne ich Stonewall. In Deutschland lebte man bis dahin noch in der nationalsozialistischen Kontinuität des Paragraph 175.

Frauenbewegung, Bürgerrechtsbewegung: Noch das „Mehr Demokratie wagen“ Willy Brandts, dem Deutschvölkische ein „alias Frahm“ anhängten, ist doch vom Geiste Martin Luther Kings eben auch inspiriert. Ohne die angloamerikanische Popkultur hätten auch ein paar bewegte Studenten kulturell nichts erreicht.

Dass es in innenstädtischen Bereichen z.B. Hamburgs zwar zu teuer ist, aber sich ansonsten prima lebt, das ist ja dem zu verdanken, dass solche wie der Möller sich allenfalls auf Musical-Wochenendtouren Mehr von diesem Beitrag lesen

Völkische „Kulturnation“ versus demokratische Partizipationsgemeinschaft

Fast bin ja geneigt, „nun müssen schon wieder die Alliierten ran“ zu schreiben angesichts des Spiels von heute Abend.

Doch nein, es geht nicht um die Befreiung von Nazi-Deutschland, ja, das wäre verharmlosend, sondern lediglich darum, diesem verschlandeten, vermeintlichen „Party-Patriotismus“ ein Ende zu bereiten.

In einem Land, in dem die Große Koalition die WM nutzt,

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die „Black Satin“-Westerngitarre, ich nenne sie „Angel“: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein „Es nicht lassen können“, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Die flächendeckende „Mitte“ des Audiovisuellen

Was Mathias Dell (via René Martens/Twitter) heute in seinem Altpapier zusammen gesammelt hat, ist so erschütternd wahr. Und ich behaupte, dass sich das auf diverse gesellschaftliche Bereiche bezieht – was man so aus akademischen Kontexten mitbekommt ist ja ähnlich armselig. Mal ab von Martin Seels Buch über das Kino. Aus der Politik nicht minder. Und die Non-Kommerz-Kultur der linken Kulturkritiker besorgt noch den Rest.

Einerseits existieren hier zwar staatliche Ermöglichungsformen, die andererseits freilich durch wilhelminische, institutionelle Ordnungen die bleierne Schwere der Antizipation der (austauschbaren) „Entscheider“-Gedanken in Hirnen etabliert, bis alles „Tatort“ ist. Der zum schwulen Fussballer zeigte ja, wie erbärmlich und niederträchtig solche Institutionen mit „gesellschaftlich relevanten Themen“ umgehen.

„Das Konzept der Entwicklung ist immer das gleiche. Zuerst werden die Autoren wegen ihrer originellen Idee verpflichtet, dann konfrontiert man sie so lange mit dem, was alles im deutschen Fernsehen nicht geht, weil es ‚der Zuschauer‘ nicht mitmacht und am Ende bleibt es dann bei den gewohnten Konzepten. ‚Lindenstraße‘ lässt grüßen.“

Und:

 

„Der Erfolg der Redakteure besteht heute eher darin, die Wünsche ihrer Chefs zu erahnen, um innerhalb der Funkhäuser Karriere zu machen, als sich auf die Suche nach der besonderen, der relevanten oder gar provozierenden Geschichte zu machen.“

 

Die von Mathias Dell zitierte Verteidigungsrede des leitenden WDR-Angestellten wirkt dann auch nicht zufällig wie die Proklamation des „Rechtsstaates“ durch Michael Neumann: Die Welt als „Gefahrengebiet“, in dem Gesetze dazu da sind, Freiheitsrechte einzuschränken. Und da sind wir stolz drauf, werten Kritik als „Selbsthass“ und immunisieren uns ansonsten.

Diese ästhetische Variante der Extremismustheorie zeigt ihre fatalen Folgen auch darin, wer vermutlich mit der Entwicklung neuer Serien beauftragt wird: Hauptsache, die Produzenten sind eh schon so riesig, dass sie alle Kanäle voll scheißen. Die können auch kompensieren, dass man mit allem Avancierten eh Miese macht.

Oder sie sind in irgendeiner Form mit etwas ökonomisch verwoben, was eine öffentlich-rechtliche Beteiligung in irgendeiner Form hat: Studio Hamburg, ZDF-Enterprises, Bavaria, wo sich dann auch ZDF/ARD-Gegensätze auflösen, bei letzterer. Und ist es nicht die Schäuble-Tochter, die jetzt der ARD-Degeto vorsteht? Irre ich?

„Eat the Meat“

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. „Willst Du etwa Feedback?“

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den „Sumpf“ in der schwulen Szene „trocken legen“. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die „großen Tiere“ als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Wollen wir die emanzipierte Gesellschaft wirklich?

Dieser Text ist zu wichtig, als dass man ihn unverlinkt lassen könnte:

Es ist ein Skandal, wenn auch keine Überraschung, dass das MCTC eine solch rückständige Philosophie befürwortet, die das Wohlbehagen von zwei weißen, männlichen Studenten als gesunden Schwerpunkt einer Diskussion um strukturellen Rassismus ins Zentrum rückt. Es mangelt nicht an Ironie, dass eine brilliante Woman of Color und Professorin für das Führen einer Diskussion um strukturellen Rassismus diszipliniert wird, wenn diese bei weißen, männlichen Studenten Unwohlsein auslöst, und weiterhin zu einem Training geschickt wird, das die Universität unverschämterweise als Nachhilfe in interkultureller Kompetenz für Prof. Gibney darstellt.“

Er ist deshalb so wichtig, weil – wie mehrfach in ihm hervor gehoben – ein weiß dominiertes System sich anmaßt, Women of Colour zu maßregeln, dass sie doch bitte weiße Männer zu „pleasen“ und Geschichte und Gegenwart zu klittern hätten.

Er wirft aber implizit eine Frage auf, die auch dieses Blog begleitet, zu allerlei Zerwürfnissen führte und Freunde von mir immer weiter in eigenen vier Wände treibt: Geht das überhaupt, freundlich-einvernehmliche Formen der Kritik zu üben, ohne den Paternalismus der „Toleranten“ zu bedienen? Wie denn? Erzählt mal!

Die ja von selbst wenig Mühe aufbringen, sich als Teil eines Systems zu begreifen, dass auf Ausgrenzung, Totschweigen und Dominanz immer der gleichen ruht. Es geht ja immer so lange gut, da es wahlweise „die Anderen“ sind oder die Assymmetrie halbwegs unangetastet bleibt. Bis hin zu Frau Merkel und Herrn Gabriel. Wenn irgendeine Form von Supremacy bedjent wird.

Wie bei Herrn Neumann, der dünkelhaft und wilhelminisch Betroffene auffordert und belehrt, doch das hehre Erbe des postnazistischen Rechtsstaates als tolle historische Leistung anzuerkennen – dass diese dann abschieben wird.

Und sich ganz fürchterlich verletzt zeigt, dass seinen Mitarbeitern gar Rassismus diagnostiziert wird.

Woher kommt eigentlich dieses abstruse Vorbeigucken, Wegsehen, Fantasieren?

Das muss ja mehr sein als nur die Abwehr aufgrund narzißtischer Kränkung – das ist immer auch die Erwartungshaltung an Andere, doch bitte zugewiesene Rollen zu spielen, weil man sich doch ach so rührend „kümmere“. Ein multiples Beleidigtsein, sozusagen. Wir tun doch so viel! Und hindern die Anderen an der Mitwirkung.

Was natürlich darin gründet, dass auch jene, die gegen Homophobie wettern, zumeist nicht in der Lage sind, Heteronormativität in Frage zu stellen.

Dass auch viele, die ach so wacker gegen Rassismus kämpfen, psychologisch so nachhaltig darauf angewiesen sind, Geschichte als unbestrittenen „Weg zu Besseren“ zu begreifen (notfalls in der je eigegen Subkultur) und um ihr mythisches Weltbild des Postrassismus kämpfen. Während sie eben diese Geschichte als Legitimation für jeden noch so blöden rassistischen Kalauer nutzen, für jegliche Ignoranz, das eigene Ungebildetsein in relevanten Fragen abzuschotten.

Die Kommentare weiter unten im Blog gehen mir nicht aus dem Kopf:

Es gibt einfach nichts, was GesamtSchland mehr auf die Palme bringt, als Schwarze Leute, die sagen, dass sie keine Ausländer oder Touristen oder unterwürfig sind, sondern dieses Schland ihres ist, und sie ihre eigenen Institutionen gern ohne rassistische Scheiße betrieben hätten. Da greift dann plötzlich auch nicht mehr der im Kindergarten erlernte Herablassungsreflex »Hilfe für die Menschen aus Afrika« (…)

Jedenfalls kenne ich genügend Leute mit genügend Grips und auch Eigeninteresse daran, rassistische sexistische Dominanzpräsentationen nicht gut zu finden, die in solchen Situationen über sehr leises und diffuses Bauchweh nicht hinaus kommen. Ich kenne das auch von mir selbst, immer seltener, aber es passiert noch. Weil wir und unsere Erfahrungen schon so entwertet wurden, dass das Hören auf das eigene Bauchweh automatisch lächerlich gemacht wird, dass es bestraft wird, sich selbst zu spüren, die Antwort auf “aua” allzuoft Drauftreten ist, kann nicht reagiert (genauer: interagiert) werden. Und weil unser Handeln, selbst wenn es unendlich konstruktiv ist, als Aggression fehlgedeutet wird. Nur im Verdrängen und Wegstecken/Wegsehen-statt-stop-sagen haben alle in Schland viel Übung. Wir müssen das alle ent-lernen und dafür das Menschliche er-lernen

.“

Die „Empfindlichkeiten“ in den USA sind bei manchen Fragen vermutlich deshalb noch etwas verschoben, weil die Geschichte der Sklaverei dort präsenter ist, während hier der Rekurs auf das „3. Reich“ sich vor die Historie von PoC in Deutschland, vom Profitieren in Dreieckshandel und Kolonialismus schiebt und alles noch viel schlimmer macht.

Ansonsten macht der Fall in den USA sehr deutlich, wessen Empfindlichkeit was zählt und wem sie wegtrainiert werden soll.

Das Schlimme ist: Der Preis für alle ist so verdammt hoch. Mrs. Next Match bringt es ja auf den Punkt: Das Menschliche im emphatischen Sinne wurde längst verlernt.

Die politische Herausforderung, die darin steckt, wird zumeist gar nicht begriffen.

Weil allesamt, die vorgeben, für eine emanzipierte Gesellschaft zu kämpfen, so darauf eingerichtet sind, sich ganztägig damit zu beschäftigen, wogegen sie sind – Nazis, Gentrifizierung, Kommerz, der Rassismus immer bei den anderen – dass ihnen irgendwie abhanden kommt, welche Ziele sie tatsächlich gerade schwerpunktmäßig verfolgen. Studium, Freundin/Freund, Job in der Werbeagentur oder dem Reisekonzern, Kinder, Kleinfamilie. Und sie gar nicht merken, wem sie dabei in der Regel NICHT oder kaum und schon gar nicht auf dem eigenen Terrain zu begegnen: Den tolerant Geduldeten halt. Und wenn es denn mal eine Chefin und kein Chef ist, dann möchte ich die Sätze in der Kaffeeküche lieber nicht hören.

Irgendwer fragte neulich bei Twitter, was wir mit einer emanzipierten Gesellschaft denn anfangen würden. Die gesamte linke Szene würde eine Nervenzusammenbruch bekommen, weil die ganzen Aktionsfelder weg wären.

Ich fände es so traumhaft, tatsächlich in einer Gesellschaft zu leben, in der Heteronormativität überwunden wäre, Mrs. Next Match sich nicht in ALLEN gesellschaftlichen und kulturellen Feldern den Raum erst erkämpfen müsste, um immer wieder neu mit Bevormundung, Herabwürdigung und im schlimmsten Fall den Drohungen von Mord und Totschlag belegt zu werden.

In der keine auf die Idee käme, #aufschrei zu starten, weil es schlichtweg nicht nötig wäre.

In der es als menschliche Selbstverständlichkeit verstanden würde, Menschen in Not zu helfen, statt sie mit graduell je brutaleren Waffen von Hartz IV bis zu Abschiebung zu bedrohen.

Es ist nicht so, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Machen wir uns doch nichts vor: So überragend großartig und akut immens wichtig die Solidarität mit unseren Lampedusa-Flüchtlingen ist, die gleiche Solidarität erfahren der Braune Mob oder der ISD nicht. Das führt zu symbolischen und tatsächlichen Toden, nicht zur Belebung.

Sobald die Symmetrie formal da ist, werden im stets geschürten Verteilungskampf einfach andere Mittel ausgepackt, von den Geldtöpfen und anderen Formen des Kapitals abzuhalten.

Eine Welt der Fülle und Solidarität ist möglich.

Aber wer will sie denn nun wirklich?

Danke, Dieter Hildebrandt!!! R.i.P. .

Es wurde ja wirklich vieles nicht besser. Im Westen zumindest.

Was heute gestorben ist, das ist auch eine der wortgewaltigsten und virtuosesten Stimmen der „alten Bundestepublik“. Das ist die Gefahr, wenn einem die Nachricht vom Tode eines großen Künstlers derart in den Magen rammt, dass man, also ich, kurz heult. Lese ich bei Twitter und Facebook, ging es wohl vielen so. Dass dann so ein blöder „Früher war alles besser“-Diskurs startet, das ist die Gefahr.War es manches aber.

Dass ein 86jähriger stirbt, das ist der Lauf der Dinge. Dass dieser 86ährige stirbt jedoch, das macht so überdeutlich, was schon länger einfach schmerzlich fehlt.

Ist zwar nicht so, dass es zu seinen Glanzzeiten nicht auch Fips Asmussen, Willy Millowitsch und andere Albernheiten gab. Schlimm ist, was dafür sorgte, dass solche wie er zunehmend marginalisiert wurden, Mario Barth stattdessen Stadien füllt und die Titanic fast nur noch als reaktionärer Herrenwitz über eh schon Diskrimierte funktioniert.

Dieter Hildebrandt stand auch dafür, die von den Nazis unterbrochene Tradition des Weimarer Kabaretts und der „Weltbühne“ in „Kleiner Freiheit“ und „Lach und Schießgesellschaft“ irgendwie fortzusetzen mit anderen Mitteln. In der „Kleinen Freiheit“ hat Hildebrandt angefangen, traf Menschen wie Erich Kästner, der der Verbrennung seiner eigenen Bücher beiwohnte und das „3. Reich“ nur deshalb überlebt hatte, weil er in Unterhaltung machte und kein Jude war. Die „Kleine Freiheit“ hieß das Kabarett, weil es die große Freiheit nach dem Krieg dann doch nicht geworden sei … da lebte fort, freilich „ideologisch“ stark entschärft, die Tradition eines Erich Mühsam, eines Walter Mehring, eines Kurt Tocholsky, eben jener „verbrannten Dichter“, die heute kaum noch wer kennt, um sich ganz Thomas Mann und Ernst Jünger hinzugeben. Auf dem Theaterschiff von Heiko Schlesselmann wird sie zum Glück gepflegt.

Hildebrandt hat nicht im Chanson- oder Gedichte-Fach geglänzt und doch eine derart ausgefeilte Performance-Prosa auf die Bühne gebracht, dass ihn manch einer heute vermutlich gar nicht mehr verstehen würde. Bei Scheibenwischer-Sendungen gab es, so hörte es sich an, offenkundig eine Art Wettbewerb im Publikum, möglichst laut einverstanden lachen als der, der die Pointe zuerst verstanden hat. Nach manchem wohl versteckten Florettstich oder raffinierten Aufwärtshaken war oft ein, zwei Sekunden Stille, bevor die Pointe sich erschloss. Das würde öffentlich-rechtlichen Redakteuren heute die nackte Panik in die Knochen treiben.

Das geschah jedoch auch damals: Hildebrandt wurde, las ich soeben, während des Wahlkampfes 1980 von der Mattscheibe verbannt. Das war jener, da Franz-Josef Strauß für die Kanzlerschaft kandidierte. Wir trugen Aufkleber mit „Ich bin eine Ratte“, da Strauß politische Gegner als „Ratten und Schmeißfliegen“ zu beschimpfen pflegte. Auch Bonmots wie „Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“ seinerseits haben sich mir eingeprägt.

Hildebrandt beherrschte die Kunst, solche wie Strauss bis kurz vor der Demütigung zu sezieren. Kanonaden von Wortwitz und in Stammeln verborgene Schärfe und vor allem auch profunde Recherche und breites Wissen zerlegten den, über den gewitzelt wurde, in eine Art Ragout der Lächerlichkeit. Das war nicht liebevoll, aber es saß. Während heute als Satire verkauft und verteidigt wird, jedes noch so diffamierende Klischee über Minderheiten und eh schon Deklassierte aufzuwärmen, bis es verbrannt stinkt, hat Hildebrandt sich noch mit den tatsächlich Mächtigen angelegt. In einer Zeit wohlgemerkt, da es nur 3 Programme gab und Aufmerksamkeit leichter zu erzielen war. Hildebrandts Pointen nach der „Wende“ 1982 gegen das „Genschern“, Wendungen um 180 Grad, waren für meine politische Sozialisation vorbildlicher als die Politik von Helmut Schmidt, der damals gestürzt wurde. Hildebrandt ist ein Stück eigener, politischer Biographie wie sonst kaum einer. Nicht nur für mich, für viele.

Aber Helmut Kohl hat natürlich nicht nur Schmidt und Strauss, sondern auch Hildebrandt besiegt, als er mit politischen Freunden das Privatfernsehen aus der Taufe hob. Was Lederhosen-Pornos und „Volks“theater nicht gelang, das schafften später wohl unfreiwillig Wiegald Boning und Olli Dittrich.

Da war was los m deutschen Feuilleton! „Die Doofen“ und „RTL-Samstag-Nacht-Show“ gegen vermeintliche Belehrung, die doch nur Aufklärung war. Im Siegestaumel über diese vermeintlich didaktische Linke herfallend, schruben Schmierfinken das klassische, politisch-lietrarische Kabarett nieder und vollzogen erneut mit harmloseren Mitteln, was schon der Bücherverbrennung gelungen war. Fast wiedergängerisch entlud sich der Konflikt noch einmal in einer ZDF-Sendung namens „Unsere Besten“ in den Nuller-Jahren, da ausgerechnet „Palim-Palim“-Didi-Hallervorden über nun allerdings zurecht Oliver Pocher her fiel und diesen Streit „Comedy“ versus „Kabarett“ noch einmal aufwärmte. Meines Wissens war Hildebrandt selbst das zu doof, diese Auseinandersetzung überhaupt zu führen.

And the winners are: Mario Barth und Harald Schmidt. Über ersteren braucht man kein Wort zu verlieren; der Thomas Bernhard-Schüler Schmidt führte hingegen sie wieder ein, die Minderheitenwitze. Zuerst gegen die Polen. Er, der sich so auf David Letterman bezog und auf den sich dann ihrerseits all die noch nicht mal Zyniker wie Stuckrad-Barre beriefen, über den sich noch jene entlasteten, die es besser wussten, schillert heute mit zwischen den Zeilen. Gefaket diabolisch.

Dabei ist erstaunlich, schaut man sich heute alte Scheibenwischer-Sendungen an, wie stark manches an US-Stand Up-Comedy erinnert.

In den 90ern wurde halt aus House und Techno Ballermann, aus Politik Pop und aus der Bundes- die „Berliner Republik“ samt ihrer schmierigen Hauptstadt-Journaille und den allseits regierenden, überangepassten Kohl-Kindern und ihrer selbstgefälligen Technokratie.

Eine „Scheibenwischer“-Sendung hat sich mir nicht zufällig besonders eingebrannt. Da sang Konstantin Wecker „Renn lieber renn“, es muss um 1985 gewesen sein. Das war das Jahr, da mit Richard von Weiszäcker erstmals, 40 Jahre nach Kriegsende, ein hochrangiger Politiker überhaupt erwähnte, dass auch Homosexuelle im „3. Reich“ verfolgt wurden. Joachim Gauck würde es bestimmt schaffen, irgendeinen Diskurs zu begründen, dass gerade WEIL es das „3. Reich“ gegeben habe, man nicht widerstandslos Homosexuellen einfach so Rechte zugestehen könne (obwohl der, glaube ich, gar nichts gegen uns hat, aber wenn Merkel ihn freundlich bittet und es irgendwie gelingt, es mit einer Totalitarismus-Theorie zu verbinden, die die „Mitte“ rein wäscht, wird er das schon ändern).

Habe in den Wecker-Song eben noch mal rein gehört und dachte nun selbst schon „Oje, nach all den Jahren bestimmt schlimm“. Fand ich aber gar nicht. Das ist schon der Versuch der Einfühlung statt der „Toleranz“. Damals, als ich noch zu Schule ging, war es befreiend, das zu hören. Ungemein befreiend. Dieser Welt gab Hildebrandt eine Bühne.

Ich glaube, dass da der Grund für die ja allseits fühlbare Erschütterung angesichts des Todes von Dieter Hildebrandt verborgen liegt.

Dieses Wissen noch bei all denen, die es vollbrachten, dass für das komplette Plattmachen der alten BRD-Linken ein verdammt hoher Preis zu zahlen war.

Weil da auch nicht alles nur schlecht war.

Wenn ein Gigant wie Dieter Hildebrandt stirbt, dann fällt das plötzlich wieder auf.