Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kategorie-Archiv: Alltagsbeschwerden

„Das maskuline, starke Ich ist das zentrale Problem, die zentrale Triebkraft einer losgelassenen kapitalistischen Gesellschaftsformation“ (Michael Hirsch)

Zu den interessanten Publikationen der letzten Wochen zählte ein vielfach distribuierter Beitrag auf dem neuen Portal „Republik“ in der Schweiz: „Demokratie unter Irrationalen“ von Constantin Seibt.

Viele werden es schon gelesen haben, so what.

Im Zusammenhang dessen, was ich hier so zu entwickeln mich bemühe, ist der Text von hoher Relevanz. Seibt fasst prägnant zusammen, was mir in numehr 5 Jahrzehnten Alltagskommuniktion wie auch im Netz sowie in beruflichen Zusammenhängen viel häufiger begegnete als die Annahme, es ginge im Falle der Politik um „Argumente“.

Wäre dem so, so wäre Angela Merkel schon lange keine Kanzlerin mehr. Auch Kohl hätte sich nicht so lange gehalten – beides Politikeinnentypen, die nicht unbedingt durch’s Argumentieren und das Bereitstellen von Gründen regieren. Kohl verfügte über einen guten Zugang zum Gefühligen im „kollektiven Unbewussten“. Merkel glänzt durch Moderieren und eine Perfektion des innerparteilichen Machterhalts sowie durch Verzicht auf Eindeutigkeit. Das einzige Mal, dass sie sich wirklich festlegen musste, 2015 im Zuge der Notwendigkeit eines akuten Reagierens in der Geflüchtetenfrage, geriet ihre Macht auch prompt ins Wanken. Selbst im Falle der „Griechenland-Krise“ schickte sie vorsichtshalber Schäuble vor. Kenne ich auch so von Chefs: Wenn es konkret wurde, war ich dran. Sie hielten sich lieber an das Allgemeine und wahrten die Option, im Falle des Scheiterns zu feuern.

Es wird in Ausschüssen und auch Parlamentsreden einen Austausch von Gründen geben. Durchsetzen werden sich dennoch eher die Persönlichkeiten, die gut Symbolpolitik beherrschen, die Kunst des Mauschelns und des Ungefähren. Und solche, die etwas verkörpern, was viele Menschen wahlweise im Habitus eines Elternteils oder als Chef_in kennen. Oder aber was ihnen aus dem Fernsehen vertraut ist (Sebastian Kurz wirkt ja immer wie „der Manager“ aus einer Vorabend-Soap). Auch Schröder ist gescheitert, als er auf einmal eine Programmatik zückte – eine, die die SPD nachhaltig zerstörte, die Agenda 2010.

Das weiß auch jeder, der in den Medien arbeitet. Es setzen sich nicht klügere Konzepte, ausgefeiltere Ideen, immanent besser durchdachte Produkte oder gar Ideen durch. Noch nicht mal wirklich charismatische Menschen vor der Kamera haben eine Chance, die wären ja schon bedrohlich.

Es gewinnt eine Mischung aus Appell an die niederen Instinkte, ein Spiel, abwechselnd mit Ängsten und wohligen Erinnerungen. Eine Simulation Mehr von diesem Beitrag lesen

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Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

„Die große Schar der weißen Heten, die sich für nichts zu blöd sind …“

Formulierte so jüngst ein beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Beschäftigter hier in der Kommentarsektion. Nun würde ich lügen, behauptete ich, dass ich mit diesen Institutionen nichts zu tun hätte.

Problem derer ist ja, dass ihnen schlicht die Zuschauer weg sterben. Zwar gab der NDR-Intendant jüngst die Parole aus, dass das Internet sowieso völlig überschätzt würde, Video-on-Demand ebenso und gerade Leuchttürme wie der „Tatort“ weiterhin gesellschaftliche Institutionen seien. Umgekehrt wird natürlich in den Sendern wüst diskutiert, was denn nun crossmedial sei und wie man das mal richtig angehen könne.

Jeder, der sich mit Mechanismen des Generierens von Aufmerksamkeit

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In Deutschland verhöhnt man halt die Deklassierten …

„Loser!“

„Opfer!“

So tönt es doch schon auf Schulhöfen.

Das trainiert man denen doch an.

In einem Land, da Hartz IV eigens erfunden wurde, um zu deklassieren, zu sanktionieren, zu demütigen, zu zermürben und so genannte „Unterschichten“ im RTL-Nachmittagsmagazin vorzuführen.

Sich einfach mal so zu freuen, weil zusammen was erreicht wurde, wird ja nicht unbedingt trainiert, wenn von Kindesbeinen die Siebe regieren und später Exzellenz-Etiketten aufgeklebt werden, um andere Institutionen als Schrott für „Verlierer“ zu brandmarken. Und sogar Volksentscheide von Elbvorortlern angestrengt werden, damit das so bleibt.

Wenn Status und Männlichkeit zur Einheit zusammen schießen und als das Nonplusultra gelten. Das ist nicht typisch deutsch, aber halt allgegenwärtig im Kapitalismus.

Da werden die Jungs einander ausstechend durch „Elite“-Internate geschleust, wo sie noch nicht mal flirten lernen, und alle sprechen noch von „Belebung“ angesichts der krassen Konkurrenz.

Klar, es gibt in Fussball-Philosophien auch das „jeder rennt für den anderen“, Mehr von diesem Beitrag lesen

Noch mal Schland und wie es auch anders ginge …

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(Quelle: Schlandwatch, Facebook)

Wie kommen diese Typen eigentlich immer darauf, dass SIE nun ausgerechnet irgendeine besondere Aufenthaltsberechtigung innerhalb der Grenzen des deutsches Staates hätten?

Bei Facebook kommentierte in des Möllers Richtung schon jemand treffend, er solle doch nach drüben gehen. Zu Putin zum Beispiel – meines Erachtens lebt jeder der Lampedusa-Flüchtlinge eher den Geist der Vefassung als Herr Möller.

Wieso glauben diese verschlandeten Hirne eigentlich, sie hätten auch nur irgendwas mit den Errungenschaften der Nachkriegsgeschichte, die es ja durchaus gab, zu tun?

Nur dass diese Errungenschaften allesamt sich eben gerade aus internationalen Quellen speisten, solche, die in diesem Land zum Lebenswerten beitrugen. Parteiisch erwähne ich Stonewall. In Deutschland lebte man bis dahin noch in der nationalsozialistischen Kontinuität des Paragraph 175.

Frauenbewegung, Bürgerrechtsbewegung: Noch das „Mehr Demokratie wagen“ Willy Brandts, dem Deutschvölkische ein „alias Frahm“ anhängten, ist doch vom Geiste Martin Luther Kings eben auch inspiriert. Ohne die angloamerikanische Popkultur hätten auch ein paar bewegte Studenten kulturell nichts erreicht.

Dass es in innenstädtischen Bereichen z.B. Hamburgs zwar zu teuer ist, aber sich ansonsten prima lebt, das ist ja dem zu verdanken, dass solche wie der Möller sich allenfalls auf Musical-Wochenendtouren Mehr von diesem Beitrag lesen

Völkische „Kulturnation“ versus demokratische Partizipationsgemeinschaft

Fast bin ja geneigt, „nun müssen schon wieder die Alliierten ran“ zu schreiben angesichts des Spiels von heute Abend.

Doch nein, es geht nicht um die Befreiung von Nazi-Deutschland, ja, das wäre verharmlosend, sondern lediglich darum, diesem verschlandeten, vermeintlichen „Party-Patriotismus“ ein Ende zu bereiten.

In einem Land, in dem die Große Koalition die WM nutzt,

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Facebook meiden zu Zeiten der WM

Finger verkrampfen. Schweiß bricht aus.

Die „Black Satin“-Westerngitarre, ich nenne sie „Angel“: Zu eng liegen die Saiten beieinander auf dem Hals. Ist nichts für Tenorsaxophonistenanwärterfinger. Auch nicht für Baritonsaxophonanfänger. Obgleich dessen heiseres Röcheln, das zu dreckigem Röhren fernab jenes des Hirschen über dem Sofa sich steigern kann, auch seinen gebrochenen Charme verstöhnt. Selbst, wenn ich es spiele.

Meine Bari hat so einen hellgoldenen Look wie James Last-Orchester-Instrumente einst. Ich nenne es deshalb James, und er klingt manchmal ein wenig wie Raucherhusten. So ein „Es nicht lassen können“, weil es doch so schön ist. Lasterhaft. Schön.

Hilft mir auf Angel, der Westerngitarre, wenig.

Als ich einst bei einem Stadtmagazin Praktikum machte, fehlten noch Kontaktanzeigen, um die Seite füllen zu können. Die Terminredakteurin, mir gegenüber sitzend, ehemals Bassistin bei einer gar nicht so unbekannten Deutschpunkband, gab aus Spaß ein Inserat auf, dass ihr zum Bild des röhrenden Hirsches über dem Sofa noch das männlich-reale Äquivalent im Bett fehle. Das suche sie nun. Hunderte Zuschriften. Fast Wäschekörbe voll.

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die teils erschütternd ehrlichen Zuschriften las. Ich lernte mehr über deutsche Hetero-Männer, als ich wollte.

Musste nun noch in einer Geschäftsauflösung

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Die flächendeckende „Mitte“ des Audiovisuellen

Was Mathias Dell (via René Martens/Twitter) heute in seinem Altpapier zusammen gesammelt hat, ist so erschütternd wahr. Und ich behaupte, dass sich das auf diverse gesellschaftliche Bereiche bezieht – was man so aus akademischen Kontexten mitbekommt ist ja ähnlich armselig. Mal ab von Martin Seels Buch über das Kino. Aus der Politik nicht minder. Und die Non-Kommerz-Kultur der linken Kulturkritiker besorgt noch den Rest.

Einerseits existieren hier zwar staatliche Ermöglichungsformen, die andererseits freilich durch wilhelminische, institutionelle Ordnungen die bleierne Schwere der Antizipation der (austauschbaren) „Entscheider“-Gedanken in Hirnen etabliert, bis alles „Tatort“ ist. Der zum schwulen Fussballer zeigte ja, wie erbärmlich und niederträchtig solche Institutionen mit „gesellschaftlich relevanten Themen“ umgehen.

„Das Konzept der Entwicklung ist immer das gleiche. Zuerst werden die Autoren wegen ihrer originellen Idee verpflichtet, dann konfrontiert man sie so lange mit dem, was alles im deutschen Fernsehen nicht geht, weil es ‚der Zuschauer‘ nicht mitmacht und am Ende bleibt es dann bei den gewohnten Konzepten. ‚Lindenstraße‘ lässt grüßen.“

Und:

 

„Der Erfolg der Redakteure besteht heute eher darin, die Wünsche ihrer Chefs zu erahnen, um innerhalb der Funkhäuser Karriere zu machen, als sich auf die Suche nach der besonderen, der relevanten oder gar provozierenden Geschichte zu machen.“

 

Die von Mathias Dell zitierte Verteidigungsrede des leitenden WDR-Angestellten wirkt dann auch nicht zufällig wie die Proklamation des „Rechtsstaates“ durch Michael Neumann: Die Welt als „Gefahrengebiet“, in dem Gesetze dazu da sind, Freiheitsrechte einzuschränken. Und da sind wir stolz drauf, werten Kritik als „Selbsthass“ und immunisieren uns ansonsten.

Diese ästhetische Variante der Extremismustheorie zeigt ihre fatalen Folgen auch darin, wer vermutlich mit der Entwicklung neuer Serien beauftragt wird: Hauptsache, die Produzenten sind eh schon so riesig, dass sie alle Kanäle voll scheißen. Die können auch kompensieren, dass man mit allem Avancierten eh Miese macht.

Oder sie sind in irgendeiner Form mit etwas ökonomisch verwoben, was eine öffentlich-rechtliche Beteiligung in irgendeiner Form hat: Studio Hamburg, ZDF-Enterprises, Bavaria, wo sich dann auch ZDF/ARD-Gegensätze auflösen, bei letzterer. Und ist es nicht die Schäuble-Tochter, die jetzt der ARD-Degeto vorsteht? Irre ich?

„Eat the Meat“

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Beziehungslos in einem Raum im Schatten Eimsbütteler Hochhäuser sitzen. 2 fremde Männer checken mich ab. Was kann der? Ist der eine Gefahr, weil er etwas besser kann? Nervt er, weil er gar nichts kann? Männer mittleren Alters. Sie kommunizieren wenig. Ich bin ihnen zu laut, sie haben sich die leisen, filigranen Nuancen in die Finger trainiert. Ganz kultiviert. Ich will sprechen über das, was wir tun. „Willst Du etwa Feedback?“

***

Pittsburgh. Queer as Folk, eine Fernsehserie aus den frühen Nuller-Jahren. (Achtung, Spoiler) Brian Kinney, Partner in einer Werbeagentur, kreiert die Kampagne für einen konservativen Polizeichef, der Bürgermeister werden will. Dieser plädiert für Moral, Sitte und Anstand. Will den „Sumpf“ in der schwulen Szene „trocken legen“. Brians Freunde verstehen es nicht, dass er diesen Law & Order-Demagogen unterstützt. Brian jedoch träumt davon, die „großen Tiere“ als Kunden zu gewinnen, die ihm eine Karriere in New York ermöglichen könnten. Sein Kumpel Ted, Betreiber einer Porno-Website, wird verhaftet – einer seiner Angestellten hat sich mit gefälschtem Ausweis eingeschlichen und ist minderjährig. Der Polizeichef möchte den Fall aufblähen, ein Exempel statuieren. Brian rät ab. Mehr von diesem Beitrag lesen

Wollen wir die emanzipierte Gesellschaft wirklich?

Dieser Text ist zu wichtig, als dass man ihn unverlinkt lassen könnte:

Es ist ein Skandal, wenn auch keine Überraschung, dass das MCTC eine solch rückständige Philosophie befürwortet, die das Wohlbehagen von zwei weißen, männlichen Studenten als gesunden Schwerpunkt einer Diskussion um strukturellen Rassismus ins Zentrum rückt. Es mangelt nicht an Ironie, dass eine brilliante Woman of Color und Professorin für das Führen einer Diskussion um strukturellen Rassismus diszipliniert wird, wenn diese bei weißen, männlichen Studenten Unwohlsein auslöst, und weiterhin zu einem Training geschickt wird, das die Universität unverschämterweise als Nachhilfe in interkultureller Kompetenz für Prof. Gibney darstellt.“

Er ist deshalb so wichtig, weil – wie mehrfach in ihm hervor gehoben – ein weiß dominiertes System sich anmaßt, Women of Colour zu maßregeln, dass sie doch bitte weiße Männer zu „pleasen“ und Geschichte und Gegenwart zu klittern hätten.

Er wirft aber implizit eine Frage auf, die auch dieses Blog begleitet, zu allerlei Zerwürfnissen führte und Freunde von mir immer weiter in eigenen vier Wände treibt: Geht das überhaupt, freundlich-einvernehmliche Formen der Kritik zu üben, ohne den Paternalismus der „Toleranten“ zu bedienen? Wie denn? Erzählt mal!

Die ja von selbst wenig Mühe aufbringen, sich als Teil eines Systems zu begreifen, dass auf Ausgrenzung, Totschweigen und Dominanz immer der gleichen ruht. Es geht ja immer so lange gut, da es wahlweise „die Anderen“ sind oder die Assymmetrie halbwegs unangetastet bleibt. Bis hin zu Frau Merkel und Herrn Gabriel. Wenn irgendeine Form von Supremacy bedjent wird.

Wie bei Herrn Neumann, der dünkelhaft und wilhelminisch Betroffene auffordert und belehrt, doch das hehre Erbe des postnazistischen Rechtsstaates als tolle historische Leistung anzuerkennen – dass diese dann abschieben wird.

Und sich ganz fürchterlich verletzt zeigt, dass seinen Mitarbeitern gar Rassismus diagnostiziert wird.

Woher kommt eigentlich dieses abstruse Vorbeigucken, Wegsehen, Fantasieren?

Das muss ja mehr sein als nur die Abwehr aufgrund narzißtischer Kränkung – das ist immer auch die Erwartungshaltung an Andere, doch bitte zugewiesene Rollen zu spielen, weil man sich doch ach so rührend „kümmere“. Ein multiples Beleidigtsein, sozusagen. Wir tun doch so viel! Und hindern die Anderen an der Mitwirkung.

Was natürlich darin gründet, dass auch jene, die gegen Homophobie wettern, zumeist nicht in der Lage sind, Heteronormativität in Frage zu stellen.

Dass auch viele, die ach so wacker gegen Rassismus kämpfen, psychologisch so nachhaltig darauf angewiesen sind, Geschichte als unbestrittenen „Weg zu Besseren“ zu begreifen (notfalls in der je eigegen Subkultur) und um ihr mythisches Weltbild des Postrassismus kämpfen. Während sie eben diese Geschichte als Legitimation für jeden noch so blöden rassistischen Kalauer nutzen, für jegliche Ignoranz, das eigene Ungebildetsein in relevanten Fragen abzuschotten.

Die Kommentare weiter unten im Blog gehen mir nicht aus dem Kopf:

Es gibt einfach nichts, was GesamtSchland mehr auf die Palme bringt, als Schwarze Leute, die sagen, dass sie keine Ausländer oder Touristen oder unterwürfig sind, sondern dieses Schland ihres ist, und sie ihre eigenen Institutionen gern ohne rassistische Scheiße betrieben hätten. Da greift dann plötzlich auch nicht mehr der im Kindergarten erlernte Herablassungsreflex »Hilfe für die Menschen aus Afrika« (…)

Jedenfalls kenne ich genügend Leute mit genügend Grips und auch Eigeninteresse daran, rassistische sexistische Dominanzpräsentationen nicht gut zu finden, die in solchen Situationen über sehr leises und diffuses Bauchweh nicht hinaus kommen. Ich kenne das auch von mir selbst, immer seltener, aber es passiert noch. Weil wir und unsere Erfahrungen schon so entwertet wurden, dass das Hören auf das eigene Bauchweh automatisch lächerlich gemacht wird, dass es bestraft wird, sich selbst zu spüren, die Antwort auf “aua” allzuoft Drauftreten ist, kann nicht reagiert (genauer: interagiert) werden. Und weil unser Handeln, selbst wenn es unendlich konstruktiv ist, als Aggression fehlgedeutet wird. Nur im Verdrängen und Wegstecken/Wegsehen-statt-stop-sagen haben alle in Schland viel Übung. Wir müssen das alle ent-lernen und dafür das Menschliche er-lernen

.“

Die „Empfindlichkeiten“ in den USA sind bei manchen Fragen vermutlich deshalb noch etwas verschoben, weil die Geschichte der Sklaverei dort präsenter ist, während hier der Rekurs auf das „3. Reich“ sich vor die Historie von PoC in Deutschland, vom Profitieren in Dreieckshandel und Kolonialismus schiebt und alles noch viel schlimmer macht.

Ansonsten macht der Fall in den USA sehr deutlich, wessen Empfindlichkeit was zählt und wem sie wegtrainiert werden soll.

Das Schlimme ist: Der Preis für alle ist so verdammt hoch. Mrs. Next Match bringt es ja auf den Punkt: Das Menschliche im emphatischen Sinne wurde längst verlernt.

Die politische Herausforderung, die darin steckt, wird zumeist gar nicht begriffen.

Weil allesamt, die vorgeben, für eine emanzipierte Gesellschaft zu kämpfen, so darauf eingerichtet sind, sich ganztägig damit zu beschäftigen, wogegen sie sind – Nazis, Gentrifizierung, Kommerz, der Rassismus immer bei den anderen – dass ihnen irgendwie abhanden kommt, welche Ziele sie tatsächlich gerade schwerpunktmäßig verfolgen. Studium, Freundin/Freund, Job in der Werbeagentur oder dem Reisekonzern, Kinder, Kleinfamilie. Und sie gar nicht merken, wem sie dabei in der Regel NICHT oder kaum und schon gar nicht auf dem eigenen Terrain zu begegnen: Den tolerant Geduldeten halt. Und wenn es denn mal eine Chefin und kein Chef ist, dann möchte ich die Sätze in der Kaffeeküche lieber nicht hören.

Irgendwer fragte neulich bei Twitter, was wir mit einer emanzipierten Gesellschaft denn anfangen würden. Die gesamte linke Szene würde eine Nervenzusammenbruch bekommen, weil die ganzen Aktionsfelder weg wären.

Ich fände es so traumhaft, tatsächlich in einer Gesellschaft zu leben, in der Heteronormativität überwunden wäre, Mrs. Next Match sich nicht in ALLEN gesellschaftlichen und kulturellen Feldern den Raum erst erkämpfen müsste, um immer wieder neu mit Bevormundung, Herabwürdigung und im schlimmsten Fall den Drohungen von Mord und Totschlag belegt zu werden.

In der keine auf die Idee käme, #aufschrei zu starten, weil es schlichtweg nicht nötig wäre.

In der es als menschliche Selbstverständlichkeit verstanden würde, Menschen in Not zu helfen, statt sie mit graduell je brutaleren Waffen von Hartz IV bis zu Abschiebung zu bedrohen.

Es ist nicht so, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Machen wir uns doch nichts vor: So überragend großartig und akut immens wichtig die Solidarität mit unseren Lampedusa-Flüchtlingen ist, die gleiche Solidarität erfahren der Braune Mob oder der ISD nicht. Das führt zu symbolischen und tatsächlichen Toden, nicht zur Belebung.

Sobald die Symmetrie formal da ist, werden im stets geschürten Verteilungskampf einfach andere Mittel ausgepackt, von den Geldtöpfen und anderen Formen des Kapitals abzuhalten.

Eine Welt der Fülle und Solidarität ist möglich.

Aber wer will sie denn nun wirklich?