Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

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Vom „frommen Tanz“ ans Millerntor: FC St. Pauli – Hannover ’96 0:0

Nein. Nein, ich vermisse es nicht. Nicht die Sommer, als ich den mich umgebenden heterosexuellen Anbahnungsreigen am Baggersee nicht ertrug und stattdessen unter mein Hochbett kroch, Klaus Manns „Frommen Tanz“ und James Baldwins „Giovannis Zimmer“ lesend. Träume von Nähe, Träume von Körpern, Träume vom Du. Vermisse auch nicht frühlingshafte Radtouren zum Würmsee, keinen Herbstspaziergang mit Mutter in der Eilenriede (herbstliche Besuche bei B. in Lindwedel oder K. in Gailhof waren aber zum Teil schon ganz schön, K.s Hund hieß Billy und ich war in ihn verknallt), nicht das Streifen und Schlurfen durch Lindens winterliche, existentialistische Tristesse, damals, als wir noch The The, The Cure und The Smiths hörten. Als ich allein unter Heten dem Abitur mich näherte. 

Vermisse nicht, mit den grünen ÜSTRA-U-Bahnen in die City zu fahren, aufbrechend aus der Trabantenstadt, am alten Wasserturm vorbei und das Reihenhaus, die „Neue Heimat“-Siedlung mit ihrem bräunlichen Putz an den Häusern, 3-stöckig, 6 Wohnungen, Straße um Straße ähnlich bis gleich, und die vertrauten Geräusche der Fernbahnlinie im Ohr, das dröhnende Starten und Landen der Flugzeuge ein wenig weiter nördlich ebenso hinter mir lassend. Um zwischen der Betonwüste am Kröpcke und pittoresken Altstadtgassen herum zu irren und auch nicht zu wissen wie, was oder warum überhaupt. Obgleich doch Sartre mich gelehrt hatte, der Mensch erschüfe sich selbst durch Handlung. Aber wie nur? War deprimiert Bauhaus (oder der Streisand „Yentl“) hören „Handlung“?

Ich meine mich zu erinnern, damals, am 1.4. 1987, da herrschte Schneechaos am Bahnhof in Hannover, die Züge fuhren nicht oder Stunden zu spät – vielleicht war das auch ein anderes Mal, der Tag des Aufbruchs zur Zivildienstellensuche?, und ich vermische Etinnerungen; dieses Gefühl von Bangen und Hoffen, vor allem Hoffen, das kann ich als Nachhall noch fühlen, wenn ich das will. An diesem Tag verließ ich Hannover, brach auf in eine bessere Zukunft. In eine neue Stadt. Eine, wo tatsächlich keiner mich und ich keinen kannte. Völliger Neustart.

Ich fand mich zunächst im Schwesternwohnheim am Rande von Harburg wieder, Unterbringung durch den Dienstherren, der Bürgerrechte enthoben und dem Staat vollends unterworfen, bis zum „Zivi-Lehrgang“ in „Rufbereitschaft“, Ausharren mit Blick auf das AKH Harburg und inmitten dieser 16qm in Frustration mich auflösend – letztlich sah es da zwischen Eißendorf und Heimfeld so anders auch nicht aus als in dieser Verlängerung der niedersächsischen Landeshauptstadt, da, wo ich aufgewachsen war. Ich litt einen Monat im Off und zog anschließend in eine WG am Neuen Pferdemarkt: Das Leben ging auf. Es lockte Spaß und Sinn. Und ich wollte nie mehr zurück.

`96, das spielte in den ersten zwanzig Jahren keine Rolle, so unangenehm wirkte der Verein. Allenfalls als Karriereziel für jene, die in Sportvereinen sich aufrieben und 3 mal wöchentlich gegen den Ball traten, die hofften, aus der Vorstadt ins Zentrum zu gelangen – Fans waren die aber auch nicht. Ich kann mich an keinen einzigen `96-Fan auf der ganzen Schule erinnern; und das war ein Schulzentrum mit immerhin 3500 Schülern. Einer aus meiner Klasse fuhr nach Hamburg zu seiner Tante, um zum HSV zu gehen, mein Bruder trug Werder Bremen-Schal, Bayern-Fans gab es schon damals überall, halt die, die immer auf der Siegerseite stehen wollten. Mein Vater fieberte mit dem MSV Dietz, wie Duisburg damals genannt wurde, und wenn ich Pech hatte, begegnete ich in jenem Bahnhof, der an Wochenenden des nachts No-Go-Area für alles Langhaarige, Punkige, für Obdachlose und Nicht-Weiße war, besonders die Passerelle darunter, weil von der Bahnpolizei flankiert Nazi-Skins alles als „anders“ Identifizierte mit Baseballschlägern ins Krankenhaus prügelten, also, dort begegnete ich manchmal, wenn zufällig tagsüber es mich in die City trieb, ’96-Fans: Ein übler und übel riechender, aggressiver Haufen von Kuttenträgern. Fussball-Anti-Werbung. 

Da machte jeder, der ein wenig Würde bewahrt hatte oder aber auf sich aufpassen musste, einen großen Bogen drumherum. Später wurde der Verein, glaube ich, hipper, manch Freund, der sonst nichts zu tun hatte, ging nun zum Amüsement ins Stadion, ohne sich Fan zu nennen – und mein Paten-Neffe auch. Event. Mal was los in der Stadt. Was ja so wenig dort gar nicht ist. Einen Mangel an Konzerten in meiner Jugend kann ich zum Beispiel nicht beklagen.

Spult sich halt alles ab in in mir, wo mein „30 Jahre Hamburg“ naht 😉 … das, was zum Glück hinter mir ich ließ, lief als Film in blassen Farben vor mir ab, als ich auf meinem angestammten Haupttribünensitz Platz nahm und nach links sah, wo mutmaßliche Hanoveraner, vielleicht auch Wunstorfer und Wennigser, hüpften und komische Handchoreos vollführten und zumindest ganz schön laut waren. 

Das Spiel: Verfahren, der Schiedsrichter bekam es nie in den Griff. ’96 folgte der Strategie des permanenten Fouls – kurioserweise sogar immer an der gleichen Stelle. Vor unserer Trainerbank, immer wieder neu und sogar noch nach dem Seitenwechsel blieb das konstant der Bereich, in dem das taktische Foul vollstreckt wurde. Unsere Jungs sahen sich zumeist außerstande, über die Strafraumgrenze des Gegners zu gelangen und liefen dort in sich ähnelnden Situationen sich immer wieder aufs Neue fest. Wie Hannover es in diese Regionen der Tabelle geschafft hatte, blieb mir zumindest ein Rätsel – Union Berlin spielte klar besser. Lienen sah ein intensives Spiel, ich eher eines, das zerhackt, zerstückelt und geschreddert nicht so recht reifen und erblühen wollte. Gegen Ende der ersten Halbzeit bis ca. zur 80. Minute der zweiten Halbzeit, spielten die Boys in Brown dennoch kraftvoll auf; schon zuvor hatte es schöne Kombinationen trotz hannöverscher Haudraufgrätschreinschmeißum-Taktik von unseren Jungs gegeben, die Passsicherheit scheint mir ganz im Gegensatz zur Hinrunde gefestigt zur gelebten Erfahrung statt scheiterndem Versuch mutiert zu sein. Cool! Als Bouhaddouz sich hinter die Spitzen, derer eine er ja nominell ist, fallen ließ, kam Schwung ins Spiel – der erst abebbte, als Hannover so einen charmant Blondierten einsetzte, dessen Einsatz und Können für viel Gefahr und beinahe noch unsere Niederlage sorgte. Ging noch halbwegs, aber eben nur halbwegs gut aus. Nun kann auch nicht jedes Spiel solche Intensitäten liefern wie gegen Karlsruhe oder auch Union, aber frohlockend ging ich nicht aus dem Stadion. Eher mit einem „Da fehlte was“-Gefühl.

Nach Hannover sehnte ich mich beim Anblick der ’96-Fans schon mal gar nicht zurück … obgleich es im „Café Caldo“, Samstags auf dem Flohmarkt am „Hohen Ufer“ oder im „Bad“, fast noch in den Herrenhäuser Gärten, doch hinter dem Schnellweg versteckt ein altes Schwimmbad, zum Club umgerüstet, wo wir im Sommer auf Terrassen sitzend zum Open Air-DJ-Set das leere Schwimmbecken betrachten konnten, auch erfüllte Zeiten gab.

Auch wenn ich auf dem „Bad“-Parkplatz nach einem „Psych-„-Konzert, eine Subkultur, an die sich auch kaum noch wer erinnert, das Auto meiner Mutter, mit dem ich unterwegs war, zertreten und von Springerstiefeln malträtiert des nachts nach dem Disco-Besuch auffand: Komplett hinüber der orangene Golf, die Karosserie zerdellt, verbeult, deformiert. Vermutlich, weil eine Friedenstaube darauf klebte. Ist ja nicht so, dass Attacken auf so genannte „Gutmenschen“ ein neues Phänomen wären … heute können, müssen aber ja nicht, solche der mögliche ideologische Hintergrund von „Scheiß St. Pauli“-Rufen sein. Und manchmal greift ein ganzes Stadion diese Rufe auf und gibt sie amüsiert und lautstark zurück. 

Und ich weiß dann, wo ich jetzt zu Hause bin … 

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Pyro sieht super aus: FC St. Pauli – Union Berlin 1:2

Seit Freitag sitze ich da, sinnierend, grübele im Laufen durch die wohlvertraute Stadt, suche Sprache, verkatert im Bette liegend: Wie fassest Du in Worte, oller Momo, was beim Heimspiel so alles sich in Dir bewegte, weil auf dem Platz vor Dir noch viel mehr aber so was von los war?

Endlose Texte seit einem Jahrzehnt beinahe verfasse ich zu „Wer will schon ungebrochene Helden?“, zur Intensität des Dionysischen, zur Magie, ja, bis hin zum Schamanismus trieb das Trommeln des Denkens mich. 

Nun ist Üblichkeit des Wahrnehmens, die Schablonen bisheriger Erfahrungen dem neu Erlebten aufzuprägen. Aber Üblichkeiten sind ja nur manchmal gut. Je nachdem. Und will das denkende Schreiben sich dem entziehen, so hat es immer neu zu reagieren, um das Einzigartige, das Ereignis nicht verbal platt zu trampeln. In den Fällen, da das Ereignis statt findet und nicht nur Struktur, Zitat oder Klischee sich endlos variierend wiederholen.
Das Formatierende erschlägt eben jenes Geschehen, das es abzubilden behauptet. Und was Du aus Strukturen machen kannst, lernst Du u.a. in der Jazz-Improvisation.

Zumindest wird es mir gelingen, wenn ich ja so weiter schreibe, kaum Leser zu finden. Deshalb einfach mal eine Überschrift, die Reaktionen etwas wahrscheinlicher macht. Das „Lieschen Müller“, das Henry Nannen einst als ideale Leserin für den „Stern“ und so erdachte, ist ein Konstrukt der allgemeinen Meinung vieler Medienmacher: Das Publikum will nur das, was es schon kennt. Bloß nix Neues. Das Vertraute sei stets zu gewähren. Alles andere verstöre ja nur. Pyro-Diskussionen sind so ein Fall. Da geht es gar nicht um den Austausch von Argumenten, sondern dass sie allesamt so gewöhnt sind. Wie ein eingelaufenes Paar Schuhe oder der Weg zur Arbeit. Wie Rosenkranzbeten und Wochentage. 

Doch, ein Gedankenexperiment: Du gehst das erste Mal ins Millerntor und siehst ein Spiel wie am Freitag. Die Spannung, die in der Luft knisterte und sich schon beim Einlauf derart eindrucksvoll entlud, also, ganz ehrlich, diese Mischung aus „Oje, Gefahr, es brennt!“ und „Wow, Wahnsinn, was ein Look, und das auch noch über so einem Banner, was ist denn das hier bitte, das ist ja infernal grandios!“ würde doch als gelebter Widerspruch genau die Energie versprühen, die das Spiel auch antrieb. Langweilig war es nun wirklich nicht.

Würde mensch so ein Spiel zum ersten Mal sehen, manches wäre vermutlich leicht verständlich – dass zum Beispiel visuell klar identifizierbare Menschengruppen, die Einen in braun, die Anderen in Weiß, sich um einen Ball kabbeln und versuchen, ihn in je unterschiedliche Richtungen zu bewegen. Ich denken, das würde recht schnell klar. Die homerotische Kompenten ist auch unübersehbar. Würde auch das Bier dazu schmecken, weil das erste Mal es über die Zunge rinnt und im Rachen verschwindet? Ich glaube, mein erstes Bier hat mir nicht geschmeckt. Aber unter solchen Bedingungen könnte das anders gewesen sein.

Was jedoch problemlos selbst für Haupttribünensitzer erfahrbar gewesen wäre: Da kochen die Emotionen. Das erste Mal seit langen, dass die auf ihr Sitzenden in Teilen schon während des Spiels standen, angetrieben vom Geschehen auf dem Platz – genauer nach Heerwagens Glanzparade gegen den einsam auf ihn zustürmenden Unioner. Da riss es sie von den Sitzen, entfesselt, entflammt, entrückt vor Verzücken. Womit nur einmal mehr klar gestellt wäre, wie schwer es ist, ohne Vorannahmen die Einzigartigkeit eines Ereignisses zu beschreiben. Etwas schleicht sich da immer ein. Zunächst Namen für etwas und für jemanden. 

Dabei sind Verben erkenntnistheoretisch wie auch grammatisch viel wichtiger. Gibt ja Sprachen, wo das Subjekt ganz im Verb verschwindet. Und so haben unsere Jungs auch gespielt gegen diesen perfektionierten Mannschaftsmaschinenkörper von Union Berlin, das wohl aktuell stärkste Team der Liga. Aber so kraftstrotzend, wie die auftraten, ästhetisch betrachtet: Wahnsinnig spielstark, aber sexy war das nicht wirklich. Zu gelungen kann ja auch abturnen, wenn die Brüche fehlen und das Individuum (mal ab vom hübschen Torwart) zu verschwinden droht.

Was bei der Mannschaft allerdings hervorragend funktionierte, sah bei den Schlaparaden der Fans nur Scheiße aus. Ja, auch, wenn ich es das erste Mal gesehen hätte, dieses, ich spar mir jetzt die gröberen Vergleiche, ein wenig wie beim Keulen einst in der Sportgymnastik inszenierende Gleichmaß der Armbewegungen beim kreisförmigen Wirbeln eines Schals: Es hätte mir nicht gefallen. Da würde ich mich nicht wohl fühlen in so einem Block. Geht mir aber genau so, wenn ich durch Köpenick laufe. Obwohl ich sogar „Wir sind ooooooho St. Pauli“ dort vor mich hin sang 😀 … zur Kompensation des Aufenthaltsortes. Ganz unabhängig von auswärtsspielbedingten Reisen.

Das zeitweise unberechenbare Wirbeln dieser Typen in den braunen Tirkots hingegen: Die Dramaturgie hätte sich mir sogar ohne jede Fussballkenntnis offenbart. Erst beeindruckt vom Gegner, war ich auch; dann saß ihnen der Trotz, anschließend der Wille im Nacken und sie wurden ganz Verb: Die reine Tätigkeit. Action! Cool. 

Selten eine Niederlage so genossen. Diese fortlaufende Steigerung, bis zum Schluß sogar der Ausgleich möglich war, und das so quirlig immer größere Löcher in das System der Unioner rennend (um den Systembegriff allmählich mal zurück zu erobern): Wow! 

Also, ich bin lange nicht mehr so „drin“ gewesen in so einem Spiel. Diese Momente, wo über das Erlebnis die Subjekt/Objekt-Spaltung sich aufhebt und das Involviertsein ins Fiebern, Fühlen, Feiern derart durchdringend wird, dass ich vor Begeisterung SMSsen an P.A. schreibend schon gar nicht mehr merkte, dass ich gerade eine Treppe herunter ging … wenn die virtuellen Welten plötzlich ähnlich aufsaugen wie die realen, dann geschieht’s: Der Mensch verfehlt eine Stufe, stolpert und stürzt. 

Nun habe ich ein Loch im Knie meiner Lieblingjeans, aber dafür einen grandiosen Abend verlebt. 

Der Riss im Stoff wird mich nun, so lange ich sie trage, an dieses Spiel erinnern, und das freut mich sogar – ein Spiel, für das ich mich bei den Boys in Brown bedanken möchte. Ihr habt die Einzigartigkeit und das Ereignis ans Millerntor zurück geholt. Das tut sehr, sehr gut.

Metalust bei Instagram

Amüsiere mich jetzt auch bei Instagram und spiele dort ein wenig herum – für die, die’s interessiert:
Klick

Facebook-Splitter zu Trump, Hate Speech und Co

Habe mir leider angewöhnt, das, ich was alltäglich so raus rotze, fast nur noch bei Facebook zu posten. Damit hier auch mal wieder was passiert, ziehe ich das jetzt als „Facebook-Splitter“ hier mal mit rüber.

US-KONSERVATIVE ZU TRUMP LESEN: BRIAN ENO SAGT, WOHIN DAS FÜHRT

„The Guardian published an interview with Brian Eno the other day, in which he offered some political reflections. On Brexit and Trump, the legendary musician and composer said: “I thought that all those Ukip people and those National Front people were in a little bubble. Then I thought: ‘Fuck, it was us, we were in the bubble, we didn’t notice it.’ There was a revolution brewing and we didn’t spot it because we didn’t make it. We expected we were going to be the revolution.”“

Sag ich doch, und meine Mutmaßung, und nicht nur meine, ist das ja eh schon: Das Republikaner-Establishment Mehr von diesem Beitrag lesen

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick Mehr von diesem Beitrag lesen

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, Mehr von diesem Beitrag lesen

Neues Trikot, neue Möglichkeiten? Sozialprojekte von „Under Armour“

Im Eintrag zur Trikot-Präsentation hatte ich es ja angekündigt: Teil des Deals mit dem neuen Ausrüster „Under Armour“ (das über kurz oder lang mit Sicherheit „Under Amour“, französisch gesprochen, hier heißen wird) ist, dass auch ein 6stelliger Betrag in soziales Engagement fließen wird. So interessierte es mich, was die Marke in den USA in dieser Hinsicht bewirkt hat. Philipp Walter, Marketingleiter Deutschland, erwies sich als äußerst hilfreich und auskunftsbereit.

Knauserig scheint die Firma nicht zu sein: Unter anderem steckte ihr CEO Kevin Plank 5 Millionen Dollar in ein „Community-Center“ in Baltimore:

„The 10,000-square-foot project will be located at 1100 E. Fayette St. in the space formerly known as the Carmelo Anthony Center. The project, a partnership between Under Armour and the Living Classrooms Foundation, will include a covered turf field, workforce development and entrepreneurship center, dance and yoga studios, a recording studio and neighborhood kitchen. A classroom for science, technology, engineering and mathematics (STEM) will also be part of the building.“

Wenn ich das richtig verstehe, ist das eine Mischung aus kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Interessant ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Living Classrooms„-Stiftung; nicht nur ich  werde dabei an jene Folgen von „The Wire“ denken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Unabgegolten. So viele offene Fragen – Danke, Prince! 

  

Ein bißchen gruselig ist es ja schon, wenn nach Monaten der Blogpause erneut ein Nachruf in „Metalust & Subdiskurse“ erscheint. 

Prince. R.i.P.. 

Ich gebe es ja zu: Vor allem eine Erinnerung. Auch für mich. An die 80er und die frühen Neunziger. Eine intensive, eine schöne, eine inspirierende – eine, die eigenes Ausweichen schmerzhaft fokussiert und die Glaubwürdigkeitsfrage auch dann stellen würde, wenn es ein „antiauthentisches authentisches Sein“ gäbe. Prince hat unendlich überragende Antworten gegeben (wenn auch, so sagt das Netz, nicht unbedingt auf die Frage nach der Homo-Ehe) – und bleibt lebendig als Fragestellung. Eine, die das Unabgegoltene wohl noch viel schärfer ausleuchtet als im Falle David Bowies.
Noah Sow, von der ich so viel mehr lernen durfte als von vielen anderen Menschen, verlinkte bei Facebook anlässlich des Todes von Prince einen Text. Ich finde ihn nicht wieder und paraphrasiere drum. Der Text eines Menschen, der in Brooklyn oder der Bronx aufgewachsen von Prince lernte, was für Weiße durch David Bowie ermöglicht worden sei: Sein zu dürfen, was er als Schwarzer sein wollte – als eben das darzustellen zu müssen, was er darstellen solle. So ungefähr.

Wie immer, wenn Noah etwas verlinkt, entstand ein sonores Grübeln in meinem Kopf bei der Lektüre all der Nachrufe und verstummte nicht mehr. 

Manche Totengebete in der hiesigen Presse normalisierten vor sich hin, indem sie Prince wahlweise als Popclown oder „Exzentriker“ behandelten – was immer das meinen kann. „Exzentrisch“ – außen vor, nix Maßgebliches wohl für „die Mitte“. Andere zählten seine Hits auf und erzählten dann, dass sie was mit denen erlebt hatten. 

Deutlich wurde, dass sie nicht IN IHNEN erlebt hatten: Eher zufällig lief dessen Musik, als sie auf vergangenen Parties turnten und knutschten, und er war halt ein Superstar. Viele griffen den „Gender Trouble“, von Prince so virtuos inszeniert, auf – am absurdesten ein Autor bei ZEITonline, der ihm eine „Überlegenheit über Judith Butler“ attestierte. Der Gedanke als solcher schillert schon so völlig unsinnig, dass ich lachen musste – wie kommt so ein Schmierfink auf solch eine Hierarchiebildung? Unter anderem führte er an, dass Prince ja Gitarre spielen konnte. Mal ab von der möglichen phallozentrischen Deutung – dazu später mehr -: War jetzt Udo Jürgens Jürgen Habermas überlegen, weil er Klavier spielen konnte und in „Dieses ehrenwerte Haus“ zugleich eine postkonventionelle Moral proklamierte? Dass Menschen offenkundig nicht über Gender schreiben können, ohne nebenbei vorsichtshalber der berühmtesten und profiliertesten Theoretikerin einen zu verpassen und noch in aufgehobenen, männlichen Sterotypen deren Dominanz fomulieren müssen, das verweist auf eben dieses Unabgegoltene, das ich meine. Prince bleibt als Frage, der ausgewichen wird.

Als Weißer wie David Bowie seit der Thin White Duke-Phase (!!!) sich gebend  – oder auch der vor Ziggy Stardust – in einem Großraumbüro oder einer Bank gearbeitet zu haben, das dürfte einigermaßen unproblematisch gewesen sein. Als Fussballtrainer oder KfZ-Mechaniker hätte es da vermutlich mehr Probleme gegeben. Trotzdem. Deshalb, seien wir ehrlich: So gewaltig wird der Freiheitsspielraum nun nicht gewesen sein, den Bowie eröffnete. Bowie-Typ sein, das war okay. 

Aber so wie Prince 1985 oder 2016 auch nur durch ein von der Innenstadt entferntes Einkaufszentrum oder gar nachts durch Fallingbostel zu laufen – ich weiß nicht, wie das in der Bronx oder in Brooklyn war, aber dass sich in Deutschland damals wie heute auch nur irgendetwas durchgesetzt hätte, das dies ermöglichte oder damals ernsthaft wirkte, das zu behaupten halte ich zumindest für gewagt. Und mensch stelle sich nur mal Pohlmann, Clueso oder Philp Poisel, von mir aus auch Haftbefehl im Prince-Look vor, und es dürfte klar sein, dass trotz aller feuilletonistischen Hymnen rein gar nix hier in Deutschland wirkte von dem, was Prince so glanzvoll erschuf. 

Bei mir auch nicht. Was überschlagen sich denn dann auf einmal alle? Nur weil zwischendurch auch mal für Conchita Wurst beim Grand Prix mensch votete (nur Sido nicht), die ins Karnevaleske zu verbannen eben so deutsch ist wie sonst gar nichts, weil ansonsten alle derartig zittern, ihre ach so „authentische“ Thees-Ullmann-normalisierte Cis-Mensch-Attitude könnte wanken? 

Ja, ich doch auch! In irgendeinem Blog stand, dass ja damals, in den 80ern, also da, als ich mein Coming out hatte, Prince als so schwul gegolten habe. Und das sei ein Schimpfwort auf Schulhöfen gewesen (har, har, als sei das heute anders) und keiner hätte es sein wollen oder dürfen – ja, an dem Kampf erinnere ich mich sehr wohl, nun auch ja nicht „zu tuntig“ sein zu wollen. Was natürlich immer alle prüften, OB ich das sei.  Gelegentliche Koketterie mit Kajal und ganz selten Lippenstift und ein großer Ohrring. Ansonsten schon aus Karrieregründen und nackter Angst bloß nicht zu „feminin“. Aber so mutig wie andere, im „Fummel“ unterwegs zu sein, war ich ja auch nicht und hatte all die internalisierte Homophobie genau so gefressen wie alle anderen auch. 

Ich würde lügen, wenn ich jetzt eine Befreiung durch Prince behaupten würde, an ihm lag das nicht; und ich kenne auch keinen Weißen, bei dem das so gewesen wäre. Am mutigsten waren noch die aus den Gothic-Szenen, wirklich, mit Mini-Rock und Strapsen und Schminke und Latex und Fetischen – nur dass die Abgrenzung gegen „Black Music“ nicht im Sinne der Gewandung, sondern von Prince & Co da auch am stärksten war. In irgendwielinken Szenen hôrten ihn zwar alle, aber nachhaltige Wirkung kann da nun wirklich nicht festgestellt werden.

Auch musikalisch nicht. Als ich jetzt noch mal in die Lovesexy-Tour hinein guckte – ja, ich gebe es ja zu, dass ich das damals toll, aber auch anstrengend fand, das Konzert im Millerntor-Stadion. Prince war nur selten einfach. Deshalb war er ja so gut. Derart treibend rhythmische Funk-Komplexität, durchsetzt mit Verweisen von James Brown bis zurück zu Cab Calloway, eine teils echt schräge Harmonik mit Jazz-Bezügen, wahnsinnig schnell, wahnsinnig komplex, und selbst auf Elvis in Las Vegas und Sammy Davis Jr. wurde angespielt. Was für ein WISSEN nötig ist, aus diesen fast schon enzyklopädischen Bezügen eine so mitreißende Show zu formen, das hat jüngst mit ganz anderen Mitteln Kamasi Washington durchgespielt – und dabei dann trotzdem noch mit Witz und Leichtigkeit und so derart sexy tatsächlich Entertainment zu betreiben wie Prince, sorry, aber das gibt es tatsächlich nur in den US-Black-Cultures und mit Abstrichen in sich ihrer Postkolonialität bewussten Metropolen wie London (in Indien und Brasilien und auf Kuba bestimmt auch, da kenne ich mich nicht so aus). 

Deutschland ist da einfach eine Kulturwüste, wenn man sich all diese erbärmlichen Deutschpop-Weichspüler und rockistischen Macker anhört, die dann wie Rio Reiser singen wollen. Und das über Zweizimmer-Altbauwohnungen. Bye, bye, Rauchhhaus. 

So dass ich mich richtig erschrocken habe, als eine Nummer beim Wiedergucken von Prince auf der Bühne erschien, die auch von Bryan Adams hätte performt werden können. 

Aber WIE Prince sie brachte! „Purple Rain“ habe ich eh immer für eine Cockrocker-Parodie gehalten, und, siehe da: Nach phallischem Gitarrenwix-Solo präsentierte Prince seinen sehr appetitlichen Arsch derart kokett und eindeutig mit Augenaufschlag – würde der Autor von DIE ZEIT sich nur einmal so präsentieren, er würde eine Ahnung davon bekommen, wie unsinnig sein Gequassel über Judith Butler ist und dass er statt Heinz Bude mal lieber Bell Hooks lesen sollte. 

Wie mensch von Prince lernen konnte, zu HÖREN, gerade die Relation von digital zu analog, darüber schreibe ich dann noch ein anderes mal – jetzt frage ich mich lieber noch ein paar Wochen, wieso der Mann hierzulande überhaupt so gefeiert wurde angesichts seines Ablebens. Völlig zu recht zwar, aber wieso sonst noch?

Wo er doch so gar keine Spuren außer Erinnerungen hinterließ. 

Das las sich fast so, als seien nun einige froh, ihn endgültig abhaken zu können.

Weil ja angeblich all das, wofür er stand, längst etabliert sei: Die Aufhebung von SOZIALEN Kategorien wie schwarz und weiß, Mann und Frau, hetero und schwul. Schön war’s! 

Streift morgen im Job mal die High-Heels-Schaftstiefel über, malt euch ’nen Lidstrich und singt bei „If I was your Girllfriend“ genau so textsicher mit wie bei „An Tagen wie diesen“, Jungs  – und dann wartet ab, was passiert. Ja, ich trau’s mir ja auch nicht. Eben. Warum denn? Und nein, ein Luxusproblem ist das nicht.