Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Spiel, Musik und Zeit: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 0:0

Mit Fussball ist ja ein wenig wie mit der Musik und letztlich allem: Auch hier geht es schlicht um erlebte Zeit.

Das, was zuschauend oder spielend erlebt wird, findet gewissermaßen IN der Zeit statt, den berühmten 90 Minuten.

Geneigt, vom Raume, dem Platz oder Spielfeld her Fussball zu begreifen, ist dieser ja nur als zeitlich „erschlossen“ zu denken, zu fühlen und zu erfahren.

Es ist schon kurios, wie Denken sich verändert, steht nicht der Raum am Anfang seiner Bewegung, sondern die Zeit, von der ja alle immer viel zu wenig „haben“. Probiert’s mal.

Und nimmt die Wahrnehmende das, was sich bietet und wahlweise genossen oder erlitten wird, zur Musik analog wahr, dann ergeben sich Gedanken wie der folgende:

„Durch die Eigenschaft der „Flüchtigkeit“ ihres vorübergehenden Eintretens in den Zeitfluss und wieder Verschwindens scheint sich Musik signifikant und wesentlich von anderen Künsten sowie von den sonstigen Gegenständen unserer Alltagswelt zu unterscheiden.“

Georg Mohr, Musik als erlebte Zeit, in: philosophia naturalis 47/2012/2

Trifft das nicht ebenso auf den Fussball zu?

Kaum ist die Torchance da, verflüchtigt sie sich auch schon wieder. Kaum gibt es Gelegenheit, direkt auf’s Tor zu schießen, ist sie auch schon wieder vorbei – auch und gerade dann, wenn noch der Spieler, dem die Chance sich bietet, einer Eingebung folgend noch einmal zum Nebenmann passt. Das, was die Zuschauer dabei als Zeit erleben, ist durch Erwartungen und ein Sich-Einlassen parallel bestimmt – und durch das Urteilen: Ist die Qualität erlebter Zeit eine des gefühlten Gelingens oder der Frustration?

Die Zusehenden folgen dem unaufhörlichen, eben andauernden, nicht zerlegbaren Flow des Spiels (auch mInutenzahlen markieren erst in der Abstraktion das Nachher) und gleichen fortwährend ihre Reaktionen ab mit dem, was sie wissen, hoffen und wünschen. So dringen Erinnerungen an andere Spiele, vielleicht auch andere Mannschaften, die  gleiche Situationen anders lösten, wie durch einen Trichter in die aktute Wahrnehmungssituation ein (ja, ich paraphrasiere hier gerade Henri Bergson, „Materie und Gedächtnis“) – für die Spieler dürfte es ebenso verlaufen.

Zugleich greifen Automatismen, so lange Geübtes, dass gar nicht mehr aktiv erinnert zu werden braucht, wird „abgerufen“. Der Körper folgt dem, was einst er noch erinnern musste während jahrelangen Trainings, als er die Bewegungsabläufe lernte. Bis es dann komplett internalisiert einfach so ablief. Und auch das gilt wohl für Zuschauer und Fussballer gleichermaßen: Ausrufe folgen ebenso „wie von selbst“, die kommen einfach so hoch und werden laut, ohne lange entschieden zu haben, was denn nun zu rufen sei. Als lebte es IN MIR, was ruft.

Ebenso tritt der Spieler gegen den Ball, und denkt er zu lange nach, wie er das macht und was er da macht, geht auch mal was schief.

Betrachtet die Zusehenden das Spiel als Ganzes, als Kontinuum eines Zusammenspiels der Körper und Tätigkeiten in der Zeit, somit dem Leben selbst, fokussieren sie sich gar nicht mehr auf Einzelnes wie Spielzüge, sondern „lauschen“ der gesamten Symphonie und nicht lediglich dem ersten Geiger, sehen sich als Teil eines Ganzen, das über 90 Minuten in der Zeit sich erstreckt, einer einzigartigen Dramaturgie folgend, in dem jedes Ausspucken, jedes Aufbrüllen, jeder akute Schmerz des Gefoulten und jeder Lattenschuss sich in die Dauer einschreibt – was ist dann zum gestrigen Spiel gegen Nürnberg zu sagen?

War gar nicht schlecht.

Trotz nur 30% Ballbesitz, wenn ich mich nicht verlesen habe, die besseren Chancen. Gegen einen Anwärter auf die Tabellenspitze hervorragend mitgehalten. Und phasenweise legte sich auch der Eindruck, dass unsere Mannschaft deswegen manchmal untrainierbar scheint, weil manche Spieler so damit beschäftigt sind, wie sie gerade selbst wirken. Im Guten wie im Schlechten. Und dann jede Interaktion, jedes Zusammenspiel, jedes zwischen zweien und Elfen (haha, schöne Doppelbedeutung) vorrübergehend vor lauter Selbstbezug vergessen.

Die Variationen der Rhythmen unseres Spiels schienen nicht so aufgescheut, verdichteter, konzentrierter als beim letzten Heimspiel. Die Komposition wirkte somit gelungener. Der Spielgenuss stellte phasenweise sich ein und weder Hunger noch Appetitlosigkeit folgten, als ich das Stadion verließ. Aber so vollauf rund wie nach Konzerten, wo bei der zweiten Zugabe der Lieblingssong in voller Intensität noch dargeboten wird, war es nun auch nicht. Egal. War okay.

Nun ist „Zeit“ nie nur das, was individuell wir erleben und was als Anwesenheit der Vergangenheit in der Erinnerung in die Gegenwart hineinwirkt. Die historische Dimension spielt immer mit hinein. Nicht umsonst ist auch von „Zeitgeschichte“ die Rede, auch wenn das beinahe tautologisch wirkt.

Und da wirken Erinnerungen ganz offenkundig sehr unterschiedlich: Während ein Seehofer, von „Heimat“ schwärmend, wohl Dorfidyllen aus dem Geiste des Film der 50er wachruft und sich allenfalls ein Laptop zur Lederhose denkt, ist die Erinnerung Anderer vielfältiger, mehrdimensionaler und spart auch den Schrecken und Horror nicht aus. Um ihn in Zukunft zu vermeiden.

Und während 15% deutscher Wäher (mindestens) am liebsten immer nur an das für sie individuell Vertraute erinnert werden wollen und das in stets idealisierter, nicht tatsächlicher Weise und alles, was nicht als weiß, heterosexuell, Kleinfamilie, vermeindlich „natürlichen Geschlechts“ dem Regelkanon folgt oder nach dem Glockenschlag der christlichen Kirchtumuhr lebt, am liebsten aus den Erinnerungen aller verbannen oder manche gleich im Mittelmeer verrecken lassen wollen, sind andere wacher. Die wollen das Leben, nicht die Öde und den Tod. Stellen sich dem Ganzen eines ausdifferenzierten, historischen Kontinuums. Auch, um manches diskontinuierlich zu gestalten, so dass manch Erinnertes nie wieder geschehe!

So dass eine klare Überzahl unserer Fans lobenswerterweise sich einem Mini-Pediga-Versuch am Jungfernstieg vor dem Spiel entgegen stellte. Klar machte, dass manches in Dresden aktuell eher ein mutwillig verursachter historischer Auffahr-Unfall als zu generalisierende Wirklichkeit in Deutschland ist.

Um so erfreulicher, dass nun gerade rund um den Fussball in Szenen, wo zumindest ich es nicht erwartet hätte, sich Gegenwind formiert. Eintracht Frankfurt verweigert AfD-Mitgliedern die Aufnahme, auch beim HSV gibt es solche Bestrebungen, und große Vereine wie der BVB solidarisieren sich mit Babelsberg:

Der Grund:

„Der Klub will sich nicht einem Urteil beugen, in dem es unter der Zeile „Gründe“ etwa heißt, dass „eine Person mit einem roten Punkerhaarschnitt“ aus dem Babelsberger Block den Energie-Fans „Nazischweine raus“ zugerufen hatte, nachdem diese mit antisemitischen Ausfällen und „Hitlergrüßen“ aufgefallen waren.“

Etwas scheint brüchig zu werden – dieses Spiel, dass jedes „gegen rechts“ gleich als linksextreme Agitation betrachtet wird, dass solche, deren Parteiprogramm und Agitation als Ausgrenzung pur begriffen werden kann, sich selbst als ausgegrenzte Opfer inszenieren, das scheint nicht mehr bruchlos aufzugehen.

Zusammen mit dem eingangs zitierten Tweet des 1. FC Nürnberg, siehe ganz oben, scheint es doch immer mehr Menschen zu grau, zu autoritär, zu rassistisch, homophob und misogyn zu werden, als dass sie sich nun von so einem Haufen Lautsprecher ständig die Diskussionslage diktieren lassen wollen.

Hoffentlich.

Ansonsten könnte ein Antizipieren, ein Vorstellen künftiger Erinnerungen ganz schön gruselig aussehen. Wenn halt die bleierne Schwere, aggressive Visionslosigkeit und m.E. vernichtungswillige Doktrin der, metaphorisch gesprochen, Seehofer/Höcke/Ulbricht/Adenauer-Front sich durchsetzen könnte …

 

EDITH: Bei Facebook wurde ich zu recht gerügt, die Südstaatenflagge im Nürnberger Block, die von unserem Stadionssprecher als das, was sie ist, nämlich eine Rassistenflagge, als unerwünscht und geht gar nicht per Durchsage identifziert wurde, nicht erwähnt zu haben. Stimmt und ist richtig, dieser Hinweis. Mein Gedanke war, dass das politische Gewicht eines offiziellen Vereinsaccount das gewissermaßen toppt, der sich klar antifaschistisch positioniert. Ist nicht so, die übergreifend politische Ebene toppt nicht das Erleben vom Menschen im Block selbst und auch sonst im Stadion, die sich mit offener Feindseligkeit konfrontiert sehen. Deshalb dieses „Edith“.

 

 

 

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Eine Antwort zu “Spiel, Musik und Zeit: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 0:0

  1. Pingback: Kein Fussbreit. #HH1202, #nazisrausausdenstadien sowie #FCSP auswärts in Heidenheim und daheim gegen Nürnberg. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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