Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zum „Opfermythos Dresden“: Vortrag im Ballsaal des Millerntorstadions am 31.8. 2017

Der 13. Februar naht. In meiner Twittertimeline wird bereits jetzt, im Vorfeld des Jahrestages, der „Opfermythos Dresden“ reaktiviert; vorgeblich, um das realhistorische Geschehen gegen rechts- und „links“extreme Instrumentalisierung abzuschirmen. Was immer das ist, „linksextrem“. Genannt werden „Antideutsche“ und so gewichtige und immens einflussreiche Gruppen wie die MLPD.

Gemeint sind die erhebliche Teile der Innenstadt zerstörenden Bombardements Dresdens vom 13. bis 15. Februar 1945. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis erschien mir dieses Thema immer wieder als „heißen Eisen“.

Vor einem Jahr zeigten bei einem Spiel auf der Südtribüne des Millernstorstadion engagierte Antifaschisten ein Transparent mit umstrittener Formulierung, um dem Dresdener Opfermythos etwas entgegen zu setzen.

Da dieses ein sehr breites und aggressives Echo in allerlei Medien nach sich zog, luden u.a. USP am 31.8. im Ballsaal den Dresdener Historiker Daniel Ristau zu einem Vortrag. Das Ziel: Die tatsächlichen historischen Hintergründe zu erläutern (es gibt von ihm auch eine Homepage, bei der ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich seine ist, deshalb dieser Link).

Ich habe damals eifrig mitgeschrieben, dann aber keinen Blog-Eintrag daraus gemacht, warum auch immer. Vielleicht ist ja ganz passend, das nun vor dem erneuten Jahrestag nachzuholen. In Zeiten von Pegida, der AfD im Bundestag, einer völlig desolaten SPD (die einzige Partei im Reichstag, die gegen das „Ermächtigungsgesetz“ 1933 stimmte, nachdem die Kommunisten bereits zer – und teilweise erschlagen waren; da von „demokratischer Wahl“ im Falle Hitlers zu reden ist nicht ganz richtig) und eines „Heimatministeriums“ in spe wird das Thema sowieso erneut durchs Netz gehen.

Vorab: Ich denke auch, dass es Wege geben muss, das, was auf Täter-Seite erfahren wurde im 3. Reich, zu thematisieren. Trotz vielfältiger Literatur zu dem Thema ist noch nicht einmal ansatzweise in den kollektiven Aufarbeitungsprozessen so etwas wie allmähliches „Auflösen“ auf psychischer Ebene spürbar. Projekte wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ haben die Sicht eher nachhaltig verstellt. Mir ist es selbst passiert, dass eine öffentlich-rechtliche Redaktion im Falle einer Rekonstruktion jugendlichen Lebens im „3. Reich“ nur noch die „Widerstandsgeschichte“, also Edelweißpiraten, Swing-Jugend und Weiße Rose, nicht mehr so gerne HJ und BDM und schon mal gar nicht die Historie von deutschen Juden juvenilen Alters, die erst Entwürdigung und Ausgrenzung, dann Vernichtung erfuhren, erzählt haben wollte. Ja, wir konnten das dann doch anders machen. Die Mythen schießen halt ganz gewaltig in die Krauts.

Wenn es irgendwo tatsächlich, ein neumodisches Schlagwort, so etwas wie „Opfernarzißmus“ gibt, dann eben da, wo viele Deutsche sich als solche eben derer sehen, die ihre Vorfahren in die Vernichtungslager deportierten. Oder von solchen, denen sie ähnliche Eigenschaften andichten. Martin Walser hat diese Deutungen am grausamsten auf den Punkt gebracht, damals in der Paulskirche, was also für eine Mentalität sich längst verbreitet hat und zum Schluß sogar noch Günther Grass erwischte.

Um also manchen vorzubeugen, was auch im Vortrag von Ristau zentral war: Es war seit den 50er Jahren nachweislich so, dass im Westen schon die Forderung nach „Wiedergutmachung“ an den überlebenden Juden Empörungswellen nach sich zog. Daß die Versorgung von Geflüchteten und Ausgebombten große Teile der Bevölkerung in den zerstörten Städten als prioritär begriffen und dafür sorgten, dass das politisch auch so behandelt wurde. Während in der DDR so getan wurde, als habe sie mit alledem nichts zu tun. Dazu gleich mehr.

Es ist absurd, wenn aus Kreisen der AfD fortwährend behauptet wird, dass es kein Trauern und Gedenken gegeben habe – ich bin selbst mitten in Geschichten vom Leid der Soldaten in Stalingrad und unweit der Schlesiertreffen auf dem hannöverschen Messegelände aufgewachsen, wo ein Herr Hupcka auch nichts anderes redete als heute die AfD. Es gab da, wo ich aufgewachsen bin, ganze Stadtviertel, wo „Vertriebene“ unter sich ihren tatsächlichen Verlust, war ja einer, betrauern konnten. Ihre Verbände hatten ersntzunehmenden, politischen Einfluss gerade auf die CDU. Ist ja auch vergessen, wie lange die Oder-Neiße-Linie keine Anerkennung erfuhr.

Während eine Diskussion rund um die Shoah im Westen erst durch ’68 sowie das politische Handeln der Akteure davor und danach entfacht wurde, auch recht spät. Und in Breitenwirkung setzte eine Auseinandersetzung erst mit Ausstrahlung der TV-Serie „Holocaust“ 1979 ein. Diese führte unter anderem dazu, Amnestiegesetze zu revidieren.

1979!!! Die Drähte beim ausstrahlenden WDR liefen heiß (und die am anderen Ende durften sich antisemitische Beschimpfungen anhören), Sondersendungen, Helmut Schmidt äußerte sich in langen TV-Interviews – weil erstmals großflächig darüber gesprochen wurde. Ja, das gehört zum „Opfermythos Dresden“ dazu, weil ja bis heute behauptet wird, der „deutschen Opfer“ (zu denen Juden in der Regel in den Augen derer, die da schimpfen, nicht gehören) sei ja nie gedacht worden.

Es ist bis heute kaum möglich, da einen Diskurs zu finden, der nicht sofort hochproblematische Reaktionen auf Seiten derer hervor bringt, wenn es um Dresden geht. Reaktionen, die sich wie Gift auch in Antidiskriminierungsarbeit einschleichen, weil diese Gleichzeitigkeit von latent schlechtem Gewissen, „sich erpresst fühlen“ und Gründe finden wollen, wieso das alles ja zu recht geschieht, hochexplosiv ist.

Diese ganze Frage, wer was nun genau in seiner eigenen Familiengeschichte sozusagen aufsog, auf dass es ihm oder ihr weiter weste, hat mittlerweile in einen ganzen Forschungs- und Literaturzweig hervorgebracht. Bücher, die sich gut verkaufen. Es ist also eine seit den Nullerjahren erneut recht intensive Diskussion im Gange.

Bücher über „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ erscheinen regelmäßig. Auch Ewald Lienen gab sich bei der Veranstaltung als solcher zu erkennen – die Familie seiner Mutter habe in Dresden gelebt, auf deren Nachttisch habe sich immer ein Buch über die Stadt befunden. Sein Großvater sei an den Folgen einer Rauchvergiftung nach den Bombardements gestorben.

Ewald freilich erzählte die Geschichte nicht, um nun ein „Wir doch auch!“ auszustoßen. Sondern eher, um den emotionalen Resonanzboden aufzuzeigen, auf den diese Diskussion fällt. Was wichtig ist.

Freilich geschieht dann allzu oft etwas ganz anderes: Die eigene, familiäre Leidensgeschichte, die ja eine solche selbst dann ist, wenn der Vater in der SS gewesen sein sollte, das ist ja auch nicht ohne, damit klar zu kommen, ÜBERSCHREIBT das, was Esther Bejanaro und andere in den Vernichtungslagern und nicht nur dort erfuhren.

Begriffe wie „Bomben-Holocaust“ verwischen die Differenzen zwischen einem rassistisch begründeten Massenmord und einer kriegerischen Handlung, die dazu diente, diesen  zu beenden. Und während es den einen mittlerweile politisches Ziel geworden ist, dieses fortwährende Überschreiben stets und überall trollend in Anschlag zu bringen, passiert es anderen wohl eher, dass sie das tun. Macht es aber auch nicht gut.

 

Genau hier dockte nun die vorbildliche historische Aufklärung durch Daniel Ristau an. Er setzte ein mit einem Vergleich zu den Bombardements Hamburgs, um die sich ein ähnlicher Mythos nicht entwickelte. Hier gab es Feuerstürme, mehr als 200 Angriffe, ca. 40.000 Tote – „Platz 2“ nach Berlin. Auch Städte wie Köln, Hannover und viele andere mehr habe es sehr hart getroffen, ohne dass ein solcher Diskurs wie rund um Dresden enstanden sei. Er analysierte die Gründe, die dazu führten.

Bis 1944 blieb Dresden von Bombardements verschont. In dem Jahr haben sich die alliierten Kriegsziele verschoben. Die britischen Bomber sorgten auch für „Freie Bahn“ für die Rote Armee, die am Vorrücken war (und Auschwitz befreite).

Außerdem wurde nun das „Brechen der Moral“ der Bevölkerung Ziel: Die, die doch den „totalen Krieg“ in erheblichen Teilen wollten, sollten davon abgebracht werden, ihn weiter zu führen (u.a. mit dem „Volkssturm“, dessen Teil mein Vater noch war).

Ristau wertete diese Komponente der Demoralisierung nicht als „militärische Notwendigkeit“. Ich denke, dass es da auch andere, mögliche Perspektiven gibt.

Die ersten Blaupausen für den Mythos von den „unschuldig zerstörten Städten“ und „mangelnder militärischer Notwendigkeit“ seien von der Nazi-Propaganda höchstselbst verbreitet worden. Gerade Dresden bot sich in den letzten Kriegsmonaten dazu an. Auf die drohende Niederlage antwortete die Nazi-Propaganda mit dem Beklagen der „Ausrottung der Kunst- und Kulturstadt Dresden“. Sie beschwor die „anrückenden Barbaren“  – das beschworen wohlgemerkt jene, die von Guernica, London, Warschau über Coventry bis Caen selbst mörderisch tätig waren (Caen wurde noch im Rückzug nieder gemacht) und gerade große Teile Osteuropas verwüstet hatten.

Ziel der Nazi-Propaganda war u.a. auch die politische Diskussion in Großbritannien, weil sich dort Widersprüche gegen die Flächenbombardements in Deutschland formierten. Das wollten die Nazis für sich nutzen. Wer so viel Menschen an der Front verheizte und noch in der aussichtslosen Schlußphase inmitten Deutschlands in den Tod schickte, wird dies jedoch wohl kaum aus Mitgefühl für die Ausgebombten so gehandelt haben.

Dresden war Gauhauptstadt, der Verwaltungsapparat der Nationalsozialisten – die Shoah war auch Effekt der Verwaltungsmaschinerie – dort wichtig für das System. Dresden war NSDAP-Zentrum und in manchem, wie z.B. der Bücherverbrennung, Avantgarde. Der Gauleiter galt seibst unter Nazis als extrem antisemitisch. Mehr als 240 Rüstungsunternehmen waren dort angesiedelt, im Norden befand sich ein auch militärstrategisch wichtiger Kasernenkomplex. Mit Brücken, Bahnhof und mehr war Dresden auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt.

Ristau verwies jedoch auch darauf, dass wohl in der Tat Kulturdenkmäler gezielt attackiert wurden, die Bahnhöfe und der Verwaltungsapparat also nicht Primärziel waren. Den Alliierten war auch bekannt war, dass Flüchtlingskolonnen in die Stadt strömten. Von erhöhten Flüchtlingszahlen, die auf Weiterleitung warteten, sei der historischen Forschung zudem nichts bekannt. Tieffliegerangriffe seien ebenso wenig belegt

Dennoch formulierte Ristau, dass seine Einschätzung sei, es habe sich bei den Bombardements nicht um ein „militärisches Ruhmesblatt“ gehandelt. Es gab „gute“ militärische Gründe, die Stadt ins Visier zu nehmen, wobei „Demoralisierung“ eben dazu gehörte – die Durchführung der Operation jedoch hatte sich nicht auf jene Ziele fokussiert, die diesen Gründen gefolgt wären. Von einem „Kriegsverbrechen“ sprach er jedoch nicht.

Seit Beginn der Nazi-Propaganda rund um Dresden ranken sich nun allerlei Mythen um die Opferzahlen. Während noch in Hamburg das NS-Regime die Zahlen der Toten verschwieg, auf dass sie in der Bevölkerung nicht gegen es gewendet würden, nutzte es sie im Falle Dresdens durch extreme Übertreibung. Um eben jenen „Opfermythos“ zu installieren und streute diese „Fake News“ auch im Ausland als eine Art psychologischer Kriegsführung. Später hängten manche Autoren, die zu Dresden schruben, einfach mal eben eine „0“ hinten dran, damit das Ganze noch gewaltiger wirkte, als es tatsächlich war.

Nein, es ist nicht möglich, Opferzahlen gegeneinander aufzurechnen. Hier geht es um die propagandistischen Effekte.

Auch die DDR-Oberen folgten diesem Beispiel und arbeiteten zur Untermauerung ihres „Pazifismus“ als Teil des „großen Friedenslagers“ mit 35.000 Toten. Tatsächlich sind 18.000 Menschen namentlich bekannt. Laut Ristau ist von ca. 25.000 auszugehen. Zum Vergleich: In Pforzheim starben 17.000 bei Angriffen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

So weit, so knapp, und Danke an Daniel Ristau.

Nach dem Vortrag  – ist, wie gesagt, ein halbes Jahr her – passierte nun das, was Thema so problematisch macht: Es wurde einseitig auf die tatsächlichen Traumata der Kriegskinder und Kriegsenkel verwiesen, und nur noch diese waren Thema. Wie oben geschrieben: Ich denke auch, dass das tatsächlich Relevanz hat (ich bin ja auch „Kriegsenkel“ und geprägt von „Vertriebenen“, meine Großeltern, die sich selbst nie so genannt hätten).

Nur dass eben das eine nicht ohne das andere diskutiert werden kann dann, wenn es um politische Zusammenhänge geht. Es gibt dazu viel Literatur mittlerweile, siehe oben, und es ist wohl geboten, diese schon deshalb zu rezipieren, weil dadurch viel Irrationales im Diskurs nicht mehr ganz so heftig durchschlagen würde. Trotzdem ist zu vermeiden lediglich die „Selbstreferenz“ auszuarbeiten und dabei deutsche Juden und Sinti, Roma, ebenso Schwule, Lesben Bibelforscher, Theresienstadt, Auschwitz, Bergen Belsen, Neuengamme als längst aufgearbeitet zu betrachten. Rund um das Thema Euthnasie scheint es mir vor lauter AfD auch still geworden zu sein. Ja, all das zu erinnern ist wichtig im Sinne eines „Nie wieder!“.

Und genau deshalb schreibe ich jetzt auch noch diesen Text. Es muss GERADE angesichts all der Schlußstrichbedürfnisse, die dann plötzlich gar nicht mehr gelten, wenn es um „Vertriebene“ und „Ausgebombte“ und all die Toten in den Städten geht oder von „Feminazis“ und einer „faschistoiden Gender-Ideologie“ die Rede ist, eben immer wieder die Relationen hergestellt werden.

Um nicht das Leid der „Anderen“ mit dem „eigenen“ zu überschreiben.

Dass Ristau uns dafür die Fakten bereit stellte und USP diesen Vortrag ermöglichten ist ein wichtiger Schritt, sich von all dem rechten Agitieren nicht ins Schweigen drängen zu lassen.

 

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