Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wo bleibt das Positive?

Ja, gemeint ist dieses legendäre Gedicht von Erich Kästner:

„Herr Kästner, wo bleibt das Positive?“

„Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt!“

Oder so ähnlich.

Tatsächlich gelingt es ja den Hatern, den Rechten und allen, die ständig mit denen reden wollen, also, zusammenfassend den alles gleich machenden und das Partikulare weg nivellierenden Identitätstheoretikern (nein, ich meine nicht das, was letztlich falsch unter „Identitätspolitik“ zum Wortfetisch der Reaktion mutierte, einfach Link anklicken), dass sie mittels Gaslighting, Gruppenmobben und Geltungssucht ihre narzißtische Zufuhr daraus beziehen können, dass 1 sich auch noch auf sie bezieht. Und so wird das Unheilvolle auch noch distribuiert.

Die herkömmlichen Medien bringen das Vokabular dann in die Öffentlichkeit jenseits der sozialen Medien. Ganz egal, ob sie diese Aussagen wertfrei wiedergeben oder sie verurteilen, sie vervielfältigen durch ihre Berichterstattung die monströse Sprache der Menschenfeinde und tragen damit zur Verschiebung der sprachlichen Normalität bei. Der Philologe Victor Klemperer beschrieb schon in seinem 1947 veröffentlichten linguistischen Buch Lingua Tertii Imperii, wie die durch ständige Wiederholung erzeugte dauerhafte Präsenz sprachlicher Brutalität schon in kleinen Dosen dafür sorgt, dass sich ihre Muster in unseren Köpfen festsetzen.

schreibt dazu Anatol Stefanowitsch in der „Jüdischen Allgemeinen“, und er hat ja recht: All die sich wacker wähnenden Suchenden, die ganztätig durch die Lebenswelten wühlen, um auch ja wieder irgendwo „übertriebene Political Correchtness“ und vermeintlichen „Tugendterror“ aufzuspüren – z.B. im Falle eines Gedichts an einer Wand, tragen dazu halt eifrig bei, zu dem, was er treffend analysiert. Dabei unterscheiden sie sich noch nicht mal erheblich von denen, die greinen und jammern, dass nun angeblich die „Weihnachtsmärkte“ „Wintermärkte“ heißen würden.

Insofern mühe ich mich nun darum, mich allmählich in die konstruktiveren Sphären vorzutasten. Das ist unter aktuellen Bedingungen zwar schwierig, aber machbar. Aus Linksammlungen und Zitaten möge sich wie in einem Zettelkasten nunmehr eine Fluchtmöglichkeit, heraus aus den Erinnerungen der Anderen, hinein in die Möglichkeiten des Lebens selbst in seiner vollen Pracht entwickeln. Ich versuch’s mal.

Zunächst und ganz weit vorn sei Volkmar Sigusch gefeiert.

Dieser Veteran der Sexualwissenschaft, neben Günther Schmidt wohl der profundeste und wirkungsmächtigste hierzulande – u.a. stammt von ihm der Ausdruck „Cis-Gender“ -, hat der ZEIT ein Interview gegeben, das es in sich hat.

„Sigusch: Keine Geschlechtlichkeit eines Menschen ist mit der eines anderen Menschen identisch. Das ist einzigartig wie ein genetischer Fingerabdruck. Wir sind auch grundsätzlich alle in der Lage, alle Formen des Sexuellen zu praktizieren, hetero-, homo-, bisexuell und so weiter. Wir sind alle polysexuell“

Das verstehen die Wortgewaltigen, aber Unwissenden auf Seiten der Kritiker der „Identitätspolitik“ ja immer nicht: Dass Ziel ist, dass Individualität für alle gleichermaßen irgendwann mal möglich werde. Für die, die sie wollen.

Die Anlagen dazu tragen wir alle in uns. Und auch flirtet Sigusch all die Funktionalisten unter den gedanklich Genitalfixierten wie beiläufig unter den Tisch:

„Es gibt erfreulicherweise etwas Wunderbares, durch und durch Positives, ja Einzigartiges in unserem sexuell oft armen Leben: die Liebe. Sie ist eine wunderbare Errungenschaft der Menschheit.“

Eben. Verstehe auch immer nicht, wieso das so konstant unter „Kitschverdacht“ gestellt wird. Die Liebe kann doch auch nichts für Rosamunde Pilcher.

Dem würde vermutlich auch Ted Gaier, so eine Art (mag er bestimmt nicht, wenn 1 das so schreibt) lebender Legende der Hamburger Underground-Landschaften, zustimmen.

Lesenswert ist ein Interview, das er mit Tocotronic zu derem neuen Album geführt hat. Ich finde zwar, dass Tocotronic nach dem „Kapitulation“-Album nix Hörenswertes mehr veröffentlicht haben und dass dieses auch nur halb so gut war wie das „Weiße Album“. Aber letzteres verdankte sich wohl auch eher dem Genie von Tobias Levien.

Trotzdem musizierten sie unermüdlich und tapfer gegen Konzepte und Performances strikter Heteronormativität und toxischer Männlichkeit an. Dafür gebürt ihnen Dank.

Gaiers Fragen sind prima und folgen ganz der Programmatik dieses Blogs:

„Und dann gibt es Platten, die heissen zum Beispiel bei euch «Wie wir leben wollen». Man macht einen Slogan, mit dem sich zig Leute identifizieren. Aber diejenigen, die das raussenden, sind erst mal vier weisse Männer, auch wenn die sich eben nicht als Männergesellschaft denken. Und klar gibts bei euch immer auch diese Queerness, aber für mich ist das gerade bei der Arbeit an unserer neuen Platte ein Riesending, sodass ich mich frage: Als wer kann ich noch sprechen und für wen? Sollte ich nicht einfach zurücktreten und meine Plattform an andere abgeben, die vielleicht auch mal ganz andere, neue Sachen zu sagen hätten?“

Die Fragen von Gaier sind leider viel besser als die Antworten der Tocotronic-Jungs, sorry.

In diesem sozialistischen Sinne sei der Text hier beendet – denn was sonst als einen Weg zum Sozialismus beschreibt Gaier da sonst in seiner Frage? Jetzt müssen wir nur noch die richtige Ökonomie dazu erfinden …

 

 

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