Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin.“

 

Die Worte in der Überschrift sprach Esther Bejarano gestern abend bei Anne Will. „Mein Vater war optimistisch, dass die Deutschen nicht mitmachen werden. Das war ein großer Fehler““ so ihre rückblickende Diagnose auf Entwicklungen in Deutschland, die schon vor 1933 einsetzten.

Bejanaro überlebte Auschwitz. U.a. war sie Mitglied es „Mädchenorchesters“. Mahnen. Musizieren. Erinnern – sie tritt bis heute auf, u.a. als mit der Kölner Mikrophonmafia. „Ich werde so lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt„: Esther Bejaranos Lebensmotto.

Es ist geboten, ihr zuzuhören.

Schon deshalb:

Ist es. Aktuell mehr denn je.

Und so oft ich ja gegen „die Fanszene“ meines FC St. Pauli wetterte und wettere, durch die als deren Teil ich irrlichtere: Dass es möglich ist, gegen das, was Hanning Voigts skizziert, und mit Esther Bejarano symbolisch, recherchierend, schweigend und durch pure Präsenz wehrhaft zu bleiben, das wurde am Wochenende beim FC St. Pauli eindrucksvoll gelebt.

Es begann mit einer Kranzniederlegung am Samstagabend direkt vor dem Stadion im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Mannschaft: Ebenso anwesend wie Geschäftsführung und Präsidium. Sehr viele Fans und Mitglieder verharrten im Gedenken.

Anschließend durften wir einem hochinformativen und zugleich erschütternden Vortrag in den von 1910 e.V. bespielten Räumen des Vereinsmuseums zuhören. Ihn hielt Verena Schneider von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Thema: Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern. Beeindruckende Klarheit und viel Sensibilität für das Sujet zeichnete das Gedenken mittels Geschichtsvermittlung aus. Denn auch Berichte von Gewalt, Erniedrigung, Folter und Massenmord können dahingehend umschlagen, dass die Opfer erneut entwürdigt werden.

Dergleichen vermied Verena Schneider ebenso wie dick aufgetragenen Pathos. Gerade die einfühlende und doch faktenorientierte Darstellung zeigte Wirkung.

Was sie aufbereit hatte, wusste ich so auch noch nicht: Sujet waren Überlieferungen von Solidarität und Widerstehen unter grausamsten Bedingungen. Die Referentin schilderte, wie die im Gedenken so oft unterschlagenen Komunistinnen geschult darin waren, noch da, wo der alltägliche Terror regierte, das, was an Strukturbildung und Kommunikation möglich war, zu etablieren – oft Hand in Hand mit „Bilbelforschern“. Was, wenn ich nicht falsch informiert bin, die Zeuginnen Jehovas zumeist waren.

Schneider berichtete, wie in der Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft Sabotage geübt, Kleidungsstücke zu klein gefertigt und extra unbrauchbare Waffen hergestellt wurden. Andere Widerständige verweigerten die Arbeit gleich komplett; sie erfuhren brutale Bestrafungen. Schneider rekonstruierte, wie in Rettungsaktionen, um Frauen vor der Hinrichtung zu retten, Todesmutige Auschwitz-Tätowierungen operativ entfernten und durch andere  im KZ Ravensbrück dersetzten, dass keine Zuordnung mehr möglich war. Jedoch ebenso, wie dicht die totale und brutale Kontrolle in der Zwangsarbeits- und Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten war.

Ich referiere aus der Erinnerung und hoffe, dass ich das alles richtig wiedergebe – und ebenso, dass der Vortrag noch in irgendeiner Form online zugänglich gemacht wird.

Wir hörten Berichte davon, wie inmitten des Unmenschlichsten das menschliche Miteinander aufschien und sich punktuell durchsetzen konnte.

Die Veranstaltung war gut besucht. Die Zuhörenden zeigten sich dankbar über die kompakte, historische Aufklärung.

Einzig und ergänzend Information darüber, dass die Schicksale der Frauen, die überlebten dann, wenn sie als „Kriminelle“ oder „Asoziale“ inhaftiert waren, nach dem Krieg auch nicht frei kamen und auch keine Entschädigung erhielten, fehlte mir ein wenig. Wenn ich richtig informiert bin, ansonsten freue ich mich über korrigierende Anmerkungen. Auch, aber nicht nur deshalb, weil lesbische Frauen häufig als „Asoziale“ inhaftiert wurden. Sie wurden nicht vom Paragraph 175 bedroht. Was auch unter Schwulen zu der infamen Behauptung führte, es habe keine Verfolgung von lesbischen Frauen gegeben. Das ist einfach falsch. Deren Zurichtung in den Lagern ließ Verena Schneider so auch nicht aus.

Die Choreo zum Spiel gegen Darmstadt am nächsten Tage bereiteten die „Macher_innen“ medial sehr gut vor. Das, was zu sehen war, berührte zumindest mich und, demzufolge, was ich allseits lese, auch andere Anwesende tief. Auf das Einspielen der üblichen Einlaufmusik, „Hell’s Bells“, wurde verzichtet. Kein Gröhlen, kein Gesang, nur Sprachlosigkeit angesichts des weder Vergessenen noch zu Vergebenden füllte das Stadion, als die Spieler den Platz betraten.

Stefan Groenveld schreibt von „lautem Schweigen“ und fotografierte die Choreographie auch. In seinem Blog kann sie betrachtet werden. Die Fans der „Lilien“ schwiegen mit. Auf Doppelhaltern las ich die Namen von Opfern aus St. Pauli, die in den KZs durch Nummern ersetzt worden waren. Das Gedenken galt den Opfern des Nationalsozialismus. Sie erlitten Fürchterliches – und starben inmitten der Unmenschlichkeit.

Vor dem Einlaufen der Mannschaft appelierte Esther Bejarano per Vidiwall an das Publikum:

„Mein Name ist Esther Bejarano. Ich habe Auschwitz überlebt. Es ist wichtig, dass wir gegen den Rechtsruck auf die Straße gehen!“

Quelle:

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2FFCSP%2Fvideos%2F10155433870673137%2F&show_text=0&width=560“ target=“_blank“ rel=“noopener“>

 

Jeder Spielbericht wäre angesichts dieser Aufforderung zu viel. Folgen wir einfach ihren Worten.

 

 

 

 

 

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