Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mit Maxim Biller polemisieren – und der Streit um ein Gedicht

Ich finde den Maxim Biller ja immer wieder gut. Anregend auch da, wo er wurmt. Weil er wurmt. Seit damals, als er in der TEMPO seine „100 Zeilen Hass“ verkündete.

So nehme ich ebenfalls dankend entgegen, wenn er mich meint. Ohne mich zu kennen. Auch wenn ich mich damit in gefährliche Nähe zu Ulf Porschardt begebe. Weil der sich auf Twitter auch für den im folgenden zitierten Text begeisterte.

Oje, eine der wirklich erschreckendsten Nähen, die aufzusuchen in diesem Leben möglich und denkbar ist. Ist doch dessen borniertes Geschwätz regelmäßig in abstoßender Bräsigkeit und triefend vor provinziellem Mief derart fern jedes Gedankens situiert, dass eher als Symptom denn als Sinn es zum Glück auch schnell wieder verhallt. Dessen Getexte ist eben Ausdruck eines aufgeblasenen Nichts, das mit dem Nichts im Werke Sartres, wo es um die Negation dessen geht, was ich aus mir zu machen glaubte, so gar nix gemein hat. Mauvaise Foi halt.

Ja, auch solche Phrasen, nunmehr meinerseits, greift der Biller an. Gemeint sind Schreibende:

„… für die angelesene Theorien alles sind und eigene Gedanken nichts – weil man für die ja dann ganz allein verantwortlich wäre als armer, kleiner deutscher Untertan.“

Und zum Glück meint er ja nicht nur mich. Sondern auch jene, die Trumps-Twitter-Sottisen für witzige Polemik halten. Oder auch solche, die sich und Milo Dingensbums vermutlich für Schreiberlinge halten, die treffischer zuspitzten. Wenn sie nicht gerade Racial Profiling in Berliner Parks betreiben. Neoconnards halt.

Aktueller Anlass für einen erneuten Anfall der Maxim-Biller-Verehrung? Dieser Text:

„Und Sie wollen schon gar nicht, dass man die Heuchler und Arschlöcher beim Namen nennt, egal ob sie Jakob „Walser“ Augstein, Sigmar „Nazisohn und Iranfreund“ Gabriel, Frank-Walter „Ich wohne in einer arisierten Dienstvilla“ Steinmeier oder Alexander „Mehr Diktatur wagen!“ Gauland heißen, denn die Darf-man-das-Debatte, die dann ausbrechen würde, würde auch Sie selbst und Ihr Selbstverständnis als historisch und politisch hin- und hergerissener Täter-Enkel wegfegen – denn schließlich sind Sie es, Sie Heuchler, oder diese Alt- und Jung-Siegfrieds ständig fasziniert liest, druckt und interviewt.“

Im Text kriegen kriegen auch Luhmann-, Butler- und Eribon-Leser ein paar Watschen ab. Ja, ich fühle mich gemeint.

Und: Es wird das „Moralisieren“ gegeißelt.

Das Krude an dieser Kritik des vermeintlich „Moralinsauren“ aktuell ist ja,  dass sie annähernd ausschließlich von denen formuliert wird, die es selber ganztägig betreiben. Die jedes Argument unter einer Empörungsorgie verschwinden lassen und sich als Mächtige dabei in die Ohnmacht der Unterdrückten hineinfantasieren.

Das wurde am deutlichsten spürbar bei der Diskussion und dem Getwitter rund um ein Gedicht an einer Fachhochschul-Wand derzeit. Diesem ja wirklich vor altbackenem Sitte und Anstand triefenden Geflenne drang die Selbstbewusstheit des eitel Guten derart aus allen Poren, dass es schleimig und ranzig roch – und damit meine ich jene, die gegen die Aktivisten moralisierten. Also gegen jene Aktivisten, die mit guten Gründen fanden, dass das Gedicht da vielleicht unzeitgemäß einen männlichen Blick zementieren könnte. Interessanterweise wollen ja all die Kämpfer für die Meinungsfreiheit ständig jenen den Mund verbieten, die diese auch zu nutzen wissen.

Statt auf deren Gründe auch mal einzugehen und in den doch immer geforderten Diskurs einzutreten, agitierten sie wie inquisitorische Sittenrichter, die finden, dass Jesus-Darstellungen gefälligst weiß und Sex vor der Ehe verwerflich sein sollten und außerdem so ein Gedicht an die Wand gehöre. In Tonfall und Energie dieser Absonderungen aus den Reptilienhirnen der Kollektiv-Egos stehen die Verlautbarungen evangelikalen Hetzern nicht nach. Auch die reden halt alle lieber mit Menschen, die ihnen ähnlicher sind. Und die Gedichtanderwandbewahrer lesen und schreiben deshalb auch Bücher über „Mit Rechten reden“. Das verstehen sie einfach besser, wie da Anpassung vollbracht werden kann. Könnte ja auch sein, dass die an die Macht kommen, da will Mann ja vorbereitet sein.

In solchen Fällen wie dem Gedicht geht’s somit immer ab! Machtbewehrte Moralisten wie Jens Spahn twitterten tollkühn, todesmutig sich in Gefahr bringend und ach so männlich-heroisch gleich das vollständige Gedicht! In tiefer Empörung darüber, dass gewagt wurde, es zu kritisieren und vielleicht was Zeitgemäßeres an der Wand sehen zu wollen.  Auch noch eine billige Kopie von Diskussionen rund um Cecil Rhodes-Statuen anderswo fertigend, angesichts derer Empörungsaufwallungen quer durch die internationale Publizistik  distribuiert wurden. Mit Pointen wie jener, dass dann ja auch gleich Immanel-Kant-Straßen umbenannt werden könnten. Ja, ihr Süßen: Das könnte ja WAHR sund RICHTIG sein.

Und so gräbt diese Moralisierei – übrigens in völliger Unkenntnis über und Reflexionslosigkeit angesichts dessen, was seit Platon die Diskussion rund um Moral prägte, das ist ja ein weites Feld, in sich hochausdifferenziert  – sich durch alle Furchen, Untiefen und Windungen des Diskurses.

Wie immer, wenn irgendwo Rape Culture, White Supremacy, hegemoniale Männlichkeit und Heteronormativität in Frage gestellt wird, tobt sofort dieser Aufstand der vermeintlich Anständigen und labt sich an den vergammelten Inhalten aus moralinsauren Töpfen, formuliert sich an Herrschaft ran wanzende Plädoyers über das Gute.

Es wird konstant gerüffelt, dass doch der Ton nicht angemessen sei, Benehmen eingefordert – die Form wird so mit lediglich moralischer Begründungen als falsch ausgewiesen. Traumatisierte Furien hätten sich doch mal zusammenzureißen und Generalisierungen seinen per se moralisch verwerflich.

Diese Empörungswellen schwappen ja sogar los, wenn Mainzer Fussballspieler sich gegen rassistische Laute in Stadien wehren: Sofort tobt der Mob moralinsauer los und bringt die aufrechten Fussballer dazu, sich auch noch zu rechtfertigen dafür, dass sie so daran gehindert wurden, einfach nur ihrer Arbeit nachzugehen.

Nirgends ist der Tonfall eines moralisierenden Leerlaufens des Denkens so toxisch wie dort, wo sich weiße Heteromänner in ihrer Deutungshoheit bedroht sehen.

Da formieren sich die tatsächlichen Hexenjagden (in Brasilien wollten ja nicht zufällig kürzlich Menschen Judith Butler als Hexe verbrennen). Und so fing die historisch  ja auch mal an, liest 1 in den Hexenhammer hinein.

Jegliche Polemik gegen Mansplaining, Gemackere, gegen Derailing und weiße Wegerklärerei wird sofort sanktioniert. Und das ja nie mit Gründen, sondern wahlweise mit moralischer Kommunikation und Meta-Kommunikation oder aber Pathologisierung.

Weil zumeist eine narzißtische Kränkung der ach so aufgeklärten ach so Entnazifizierten einsetzt, das ist ja der wahre „Opfernarzißmus“. Weil sie doch allesamt in vollendeter Güte und Reinheit nun endlich so weit sind, Antisemitismus als immer nur als „importiert“ zu behaupten und Rassismus eh nie gedacht zu haben (oder nunmehr mit Sarrazin Gründe gefunden zu haben, dass er wahr sei; okay, das gibt es auch im Entlastungs-Rassismus). Ganz zu schwiegen von Misogynie. Die sollen sich nur einfach nicht so anstellen, die Zicken – und wenn eine sich wehrt, bekommt sie notfalls massenmedial die Wirkungen rein männlicher Herrenmoral zu spüren.

Was die Brücke zu Maxim Biller schlägt. Genau das kennt der nämlich auch nur zu gut. Schreibt er Texte, dass er heilfroh ist, angesichts aktueller Zustände um Israel als Rückzugsort zu wissen, dann trifft ihn sofort die Attacke der Martin-Walser-Auschwitz-Keulen-Fraktion, die sich ach so unterdrückt wähnt.

Da wohnt die Empörerei, die sich jedem Argument verweigert und nur noch draufdrischt. Und das ist es auch, was die AfD, die „Demo für alle“ und alle nährt, die nun Geflüchtete zum Inbegriff vormoderner Amoral erklären wollen und jene, die ihnen zunhemend nacheifern.

Mit Biller gegen die zu polemisieren tut not auch da, wo er gegen solche wie mich austeilt. Das sind mal Weckrufe, denen ganz ohne Langeweile gelauscht werden kann.

Und, zu guter Letzt: Bei Habermas tritt Moral als Schutzmaßnahme auf. Einer solchen, die angesichts der Verletzlichkeit der Schwächeren greufen könne, die dennoch auf das Soziale angewiesen sind. Weil Menschen nun mal soziale, aufeinander bezogene Wesen sind.

Dem nun die – bei aller Wertschätzung für Nietzsche – die nietzeanische Herrenmoral entgegen zu stellen, das kann buchstäblich mörderische Folgen haben.

Eben deshalb ist Maxim Biller ja so froh, um die Existenz Israels als Schutzraum zu wissen.

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