Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ich mag dieses Wort nicht in die Überschrift nehmen. Siehe 4. Zeile.

Wo ich nun schon dabei bin, all das raus zu schreiben, was im letzten Jahr liegen geblieben ist, widme ich mich doch einfach noch mal einem dieser neuen „Halt gefälligst die Schnauze“-„Argumente“ aus innerlinken und linksliberalen Debatten: Der so genannten „Identitätspolitik“.

Mit Mark Lilla an der Spitze ersetzte das Stichwort in vielen Diskursen den Platz, den zuvor „PC“ inne hatte (dank an @accalmie für den Hinweis): Wenn die Argumente fehlen oder es einfach zu anstrengend erscheint, sie sich anzueignen, dann wird zum Schlagwort gegriffen. Einem Claim oder Mem, das wie eine rote Karte zu zücken sei, um wieder die alte Diskursordnung herzustellen. Folgt der gleichen Logik wie die jener Trump-Wähler, denen das zu viel wurde mit Serien wie „Transparent“ und sogar noch einer schwulen Figur in „Riverdale“ (mit der die Autoren absolut nichts anzufangen wissen), mit Oscars für „Moonlight“ und Kritik an der toxischen Maskulinität der Gamer.

Wie auch im Falle der Rechten halte ich es freilich für wenig hilfreich, nun den Vorgaben der Kontrahenten und Gegner (und schlimmeren) auf den Leim zu gehen. Die allseits hämisch kursierenden Stories von „Oppression Olympics“ zu kommentieren hieße auch schon, dem Zwangs- und Repressionssystem auf den Leim zu gehen, das vom Hohn jener ausgeht, die so was kolportieren. Folge nie Diskursvogaben, mache sie selbst. Auch so eine Lehre aus Jahren des Bloggens.

Das Totschlagmuster funktioniert ähnlich, wie im Falle von Diskussionen um symbolische und ökonomische Ausbeutungssysteme, in denen immer nur eine Seite profitiert, die andere jedoch instrumentalisiert wird. Gemeint ist „cultural appropriation“. Es ist das gleiche Muster, dem das entfesselte Niederbrüllen dieser Ansätze folgt, dieses Niederbrülen mit dem groben Unfug, in dem eine Identät mit dem „Ethnopluralismus“ der Identitären konstruiert wird: Negiere Geschichte, ignoriere Ökonomie, blende Intersubjektivität aus und tu so, als sei die Welt ein machtfreier Raum.

Kuriosum ist, dass „cultural appropriation“ problemlos auch mit einer einstigen Ikone der Linken, Pierre Bourdieu, und dessen Analyse symbolischen und kulturellen Kapitals aufzudröseln wäre. Nur, dass das in diesem Fall auch falsch wäre, weil das Für und Wieder rund um das Sujet in den hoch ausdifferenzierten Diskussionen der Black Communities sowieso viel besser und intensiver diskutiert wird. Liest nur keiner. Weil alles, was gelernt wird, die Beschäftigung mit Denkmustern der Rechten ist.

Die Forschungen zu diesen Themen sind problemlos recherchierbar, die Phänomene als solche diskutierbar, wenn denn erst mal eine Rezeption in jahrzehntelanger Arbeit zusammen getragenen und zur Verfügung gestellten Wissens statt fände. Aber warum, wenn doch die Adorno-Lesegruppe so kuschelig ist?

Aber so ist das halt, wenn es gar nicht um eine Diskussion, sondern im Macht geht. Eine solche, die darin wirkt, dass Andere erst als Andere hergestellt und gesellschaftlich produziert werden, auf dass ihnen anschließend vorgeworfen wird, sich auf diese gesellschaftliche Zuschreibung auch noch zu beziehen: Identitätspolitik! Böse!

Das ist so eine Art mehrgesellschaftlicher Sadismus, der flächendeckend wirkt (das fängt bei manchen im Kindergarten, bei Anderen in der Pubertät an, wo gesellschaftliche Hackordnungen eingeübt werden).

Neulich referierte mir eine öffentlich-rechtliche Redakteurin stundenlang, dass schwule Geschichte auf bestimmten Sendeplätzen nichts zu suchen habe, weil es denen ja früher schlecht ging. Das sei dann ja gar nicht lustig, wie so ein Programm nun mal zu sein habe, damit Hetero-Zuschauer auch weiter ihren Spaß haben.

Im Grunde genommen hat zu dem Thema Jean-Paul Sartre in seinem Text mit dem unangenehmen Titel „Überlegungen zur Judenfrage“ das Entscheidende schon geschrieben; Frantz Fanon dann in „Schwarze Haut, weiße Masken“ noch erheblich mehr und Besseres. Letzteres ist nur, zwangsläufig, noch in einer Sprache verfasst und übersetzt, die gar nicht mehr so ohne weiteres zitierfähig ist unter aktuellen Bedingungen.

Der „Witz“ bei beiden Autoren ist, dass „Identität“, und das eint sie mit George Herbert Mead oder auch Jürgen Habermas, um nur zwei zu nennen, immer intersubjektiv und in gesellschaftlichen, historisch gewordenen Bedingungen sich überhaupt erst formt und schon gar nix Fixes ist.

Es ist frappierend, wie die Varianten eines symbolischen Interaktionismus komplett aus allen Diskussionen verschwunden sind. So, dass kurioserweise gerade in der Unterstellung irgendwelcher „Essentialismen“ sich zeigt, dass die, die es als Kritik formulieren, offenkundig gar nicht mehr anders als essentialistisch denken können, und sei es auch in Zurückweisung dessen.

Tatsächliche Sozialisationsprozesse, Machtgefüge und Formen der Intersubjektivität können die offenkundig nur nach dem Modell einer „Essenz mit Eigenschaften“ zu denken.

Sartres Schrift zu diesem Thema ist deshalb so wichtig, weil er in der Auseinandersetzung mit jenen, die er „Demokraten“ nennt, aufzeigt, wie gerade im Falle der Antisemtiten deren Zorn nun gerade erregt, dass in bestimmten Lebenszusammenhängen überhaupt so etwas wie eine eigene Geschichte, Religion, Riten, Praktiken, im Fall orthodoxer Codes auch Bekleidung, Sprechweisen, Mystik usw. einfach so bewahrt wurde in ausdifferenzierten, jüdischen Gemeinschaften.

Kurz: Dass sie sich unverschämterweise überhaupt als Juden verstehen. Als habe Jahrhunderte währende Verfolgung rein gar nichts bewirkt …

Mögen die Nazis später auch Assimilierte als besonders teuflisch behandelt haben, Antisemtiten lassen da halt nicht locker: Sartre weist als eine Form des Antisemitismus aus, dass in den Augen der Aggressoren die Betroffenen sich nicht mal eben so selbst im liberalen Sinne kurzerhand wegformalisieren. In sich vielfältige Sozialisationsmodi in jüdischen Communities im Plural werden dahingehend vereinheitlicht, dass es ja eine Frechheit sei, sich so etwas überhaupt heraus zu nehmen wie eine eigene Erfahrung und eigene Geschichte in einer durch und durch antisemitischen Gesellschaft, die als unvergleichliches Erfolgsmodell doch die Emanzipation sogar denen partiell noch zugestanden habe.

Strukturell, nicht im Sinne einer historischen Analogie verstanden: Ganz ähnlich reagierten in den USA viele auf die „Black Lives Matter“-Bewegung. „All Lives Matters!“ riefen sie dann.

Eine Bewegung also, die also darauf verwies, dass ständig schwarze Menschen von der Polizei erschossen oder sonstwie gemeuchelt werden. Was als Möglichkeit auch das Verhalten von Personen prägt, eben derer, die ebenso in der Gefahr sind, mal eben so abgeknallt zu werden von der Staatsmacht. Doch diese Befürchtung wurde im Gegenzug sozusagen per Formalisierung und Verallgemeinerung untersagt. Also: Von ihren spezifischen Erfahrungen zu berichten, diese als politisch relevant zu betrachten und ihre Angst zu artikulieren – is‘ nich‘.

Um mal nebenbei darauf zu verweisen, wo Sprechverbote wirklich wirken. Denn das Ganze ist, wenn ich mich nicht verlesen habe, FBI-Kriterium geworden: Schwarze „Identitätspolitik“ wird im Sinne der Terrorgefahr behandelt und überwacht. So also wirkt Mark Lilla und seine Kritik der „Identitätspolitik“: Die US-Bundespolizei adaptiert das kurzerhand.

Auch was die die „Black Live Matters“-Aktiven proklamierten, führte zugleich dazu, dass manche lieber Trump wählten in gesellschaftlichen Subgruppen, wo Lynchjustiz so was wie eine liebgewonnene Tradition ist (die bis Dessau, mutmaßlich, Nachahmer gefunden hat, aber da gibt es ja auch genau eigene Traditionsbestände). Was Gefährdeten dann anschließend vorgeworfen wurde: „Ihr Spalter!“ Und nein, es war nicht nur Hillary Clinton, die vor lauter Fokussierung auf schwarze Menschen angeblich die wirklich Wichtigen vergessen habe und der das angekreidet wurde. Die Schuldzuweisung erfolgte an die Aktivisten selbst. Weil sie – um mit Frantz Fanon zu sprechen – sich weigerten, die „weiße Maske“ aufzusetzen und somit das, was ihre Interessen und Selbstverständnisse waren, auch selbst artikulierten.

Soll heißen: In die ja richtigen und jederzeit begründungsfähigen Vorstellungen gleicher Rechte für alle ist immer schon, auch Thomas Jefferson war Sklavenhalter und Immanuel Kant prägend für die Entwicklung des europäischen Rassismus, die Möglichkeit der Ausgrenzung eingeschrieben. Weil im Notfall diese nur denen nur zugestanden wurde, die auch was zu sagen im Sinne von Befehlsewalt hatten und das auch sagen durften.Geht nicht umsonst um Imperativ und Gesetz in den moralischen Maximen Kants.

Was dabei auf der Strecke bleibt: Die in intersubjektiven, gesellschaftlichen und historisch situierten Verhältnissen erworbenen Fremdzuschreibungen und Selbstverständnisse derer, die noch nicht mal über ihren Körper selbst verfügen durften.

Was in erster Linie Nicht-Weiße und Frauen historisch betraf in diesem Kulturkreis und erweitert verstanden auch jene, die ihre Körper für Bergwerksarbeit in den frühen Tod schufteten und heute noch dort schuften, wo die Rohstoffe für diesen Computer ausgebuddelt werden. Auch in den teilprivatisierten Knastidustrien in den USA ist das Gang und Gäbe.

Und ja, auch die Unterbindung von „homosexuellen Praktiken“, bis 1969 auch in Deutschland noch „Rechtsgut“, kann so betrachtet werden – aber übrigens ebenso der Kampf gegen kindliche Onanie, das war mal trendy, das war Kellogs vor und erfand Körperapparate. Nur so nebenbei bemerkt: Diese Körperpolitiken sind zentral im Werk Michel Focualts, nicht nur die Diskursanalyse.

Das sind graduell sich intensivierende Phänomene, im Falle der Sklaverei fraglos am schlimmsten. Auch das Militär kann da durchaus eingebzogen werden als gerade im deutschen Wilhelminismus prägend. Im Schützengraben verrecken ist ja auch nicht schön.Und zum großen Trauma von Black Communities gehörte es, den Naationalsozialismus erflgreich bekämpft zu haben, um dann zurück in die Segregation zu kehren.

Insofern spielt auch der Eigentumsschutz konstitutiv und gleichursprünglich da eine Rolle. Die, die über Kapital, sei es symbolisch oder monetär oder in Produktionsmitteln oder sonstwie, erhielten dafür Schutz. Die Anderen graduell immer weniger für das, was sie eben nur hatten und haben: Ihren Körper. Das ist auch bei aktuellen Flüchtlingspolitik von Relevanz; die einen schützen ihr Häuschen, und die Anderen dürfen ersaufen. Popkulturell erlangte es später ebenso Relevanz, ist es doch tief in die Geschichte schwarzer und teilweise auch queerer Musik wie Disco und House als Erfahrung tief eingeschrieben.

Damit all das Rechtfertigung erfuhr, entstanden nun die ganzen  den Kolonialismus, die Sklaverei, die Ausbeutung von Frauen usw. rechtfertigenden Ideologien, und Schopenhauer und Nietzsche und nicht nur die ätzten gegen Frauen.

Es gibt da viele Diskussionen rund um Henne und Ei, war das erst das ökonomische Interesse oder erst der Rassismus; provisorisch behandle ich es als gleichursprünglich. Und viel älter noch ist die christliche Unterjochung von Frauen, by the way. Das ist zum Beispiel im „Hexenhammer“ nachzulesen. Das Christentum IST genuin Patriachatsvehikel. Dazu kann Antje Schrupp aber mehr und Besseres sagen als ich.

Es ergeben sich daraus allerlei historsiche Ungleichzeitigkeiten, deshalb finde ich die Geschichtsvorstellung von Gilles Deleuze aktuell so attraktiv: Als lineare Geschichte erscheint das Ganze wie eine fortschreitende Durchsetzung gleicher Rechte für alle. Bei genauerer Betrachtung gibt es viele parallele Entwicklungsstränge, Brüche (der krasseste ist und bleibt das „3. Reich“). Es gibt völlig unterschiedliche Entwicklungen in Namibia, wo die Hereors gemordet wurden oder dem Kongo, wo Leopold II. die größten Massaker aller Zeiten anrichten ließ, in Liberia oder, ganz woanders hin geguckt, in Polen, das es zeitweise gar nicht mehr gab. Ich denke derzeit, dass alle Versuch totalsierender Geschichtsscheibung gerade den Opfern und ihrer Nachkommen IHRE Geschichte rauben.

Aus alledem und je nachdem wo haben sich Variationen, Verschiebungen, Wiederholungen, Kontinuitäten, Permutationen heraus gebildet, die auf der Ebene der Entwicklung gleicher Rechte gar nicht diskutiert werden können. Wie soll das geschehen bei den American Natives, die fast ausgerottet wurden und bis heute oft stigmatisiert werden?

Dennoch blieb zumindest in unseren politischen Systemen einiges strukturell trotz ausdifferenzierter Sicht auf die Geschichte recht konstant und lange bestehen: Die formal-rechtliche Segregation endete in den USA in den 60er Jahren, aus Deutschland wurden noch in den 50ern „Brown Babies“ da hin geschickt, wo sie angeblich hingehörten, zu ihren schwarzen Vätern in die USA. Die Diskussion um die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe zog sich bis in die 90er Jahre, und ab wann Frauen ein eigenes Konto haben durften und ohne Einwilligung des Gatten eine Arbeit annehmen, das weiß ich nicht mehr.Ist aber nicht so lange her.

Der Diskurs gegen die „Südländer“ in den 60er Jahren, da waren es vor allem christliche und nicht-christliche Italiener, die gemeint waren, war teilweise bis in den Wortlaut identisch mit dem heute über Muslime.

Da steckt viel kantisches Erbe drin, also aus dem Denken des Immanuel: Wer zwischen Neigungen und „Affiziertseins durch Sinnlichkeit“ einerseits, in Vernunft gründender Pflichtbefolgung andererseits unterscheidet, der hat in zentralen Schriften wie der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ im Vorbeigehen gleich noch mal die „Südseebewohner“ als faul abgewatscht (B/A 52, glaube ich) – wie später Schäuble und BILD auch die Griechen. Weil sie ja so affiziert von ihrer Sinnlichkeit, sprich: Trieb- und launenhaft seien.

Irgendwie weiß das zwar jeder. Nur sadistisch, wie viele Mehrgesellschaftler es nun mal seit Schulhofzeiten gewöhnt sind, wird eine solche Analyse und der Verweis auf das, was das mit Menschen macht, dann unter „Opression Olympics“ verbucht. Ätsch! Könnten sie auch gleich „Du Opfer!“ rufen und dem Schwulen erst mal eine rein hauen, ganz, wie sie es gewöhnt sind. Ist ja eh alles nur Geschmackssache.

In diese fort bestehenden und natürlich vielfältig in ihren Formen blühenden Verhältnisse werden nun viele hinein sozialisiert. Und: „Die Macht wirkt in den Beziehungen“ (Michel Foucault. Das was gesellschaftlich als Struktur sich formt, reproduziert sich zwischen Menschen. Sartre und im Gefolge Fanon haben das treffsicher analysiert: Es gibt dieses „Für-Andere-Sein“, ein Bild von mir, auf das ich keinen Einfluss habe, das ich im Blick des Anderen aber als mich objektivierende Kraft erlebe – und ich kann mich dem wahlweise unterwerfen oder im Gegenzug den Anderen objektivieren, um Souveränit und auch Subjektivität zurück zu erlangen.

Und: Das prägt je unterschiedlich, je nach Milieu und auch ökonomsichen Ressourcen eben. Wie sagte Simone de Beauvoir noch so unübertroffen: Als Frau werde keine geboren, sie werde erst dazu gemacht.

Nur, wenn dann darüber berichtet wird, DASS ich dazu gemacht wurde, DASS es ein Fortwirken des Historischen je unterschiedlich auch im Gegenwärtigen gäbe, Stereotypen, Ressentiments, Stigmata, DASS vielleicht auch mal all die Neben- und nicht nur die allseits berichteten Haupttstränge der Historie berichtet werden, DASS diese Berichte vielleicht auch für jene eine Ressource darstellen, die sich in den offiziellen Verlautbarungen nicht wieder finden (aber warum soll man die Geschichte von Schwulen auch erzählen, wenn es denen doch 1979 schlecht ging?), dann heißt es: Identitätspolitik. Ihr denkt immer nur euch in eurem Opfernarzißmus. Wir sind zuständig für das Allgemeine. Rums. Alte Struktur wieder da.

Das ist wirklich atemberaubend. Zudem die Pointe ja gerade in der Absicherung der Identität der Anderen, ebenso erworben, als aufgeklärt, überlegen, differneziert, nicht so emotional und immer ganz im Sinne des Gemeinsinns agierend liegt. Sie moralisieren ganztäglich, aber wehe, die anderen erwähnen ein normativ gültiges Argument. Sofort auf die Machtebene ausweichen und ganz so, wie sie das gelernt, haben sich befugt sehen, die Grenze ziehen.

So gestehen die, die so daher reden und schreiben, sich fortwährend eben die berühmte Definitionsmacht darüber zu, wie andere sich zu verstehen haben, und spielen dabei die eingeübten Rollen des Missionars, des Psychoanalystikers, des Lehrers und was ihnen da sonst noch kraft Sozialisation angeblich zustehen würde.

Was dabei verhindert wird, lässt mensch sich auf die Diskussion ein, der eben nicht mit als diesen Segnungen von kleinauf versehen wurde, ist nun gerade, sich mal AUßERHALB des ganzen ja internalisierten Mistes aufhalten zu können.

Mit dem sich sowieso eh jede/r rum schlagen muss, um ihn vielleicht mit 51 dann los zu werden im Glücksfall: Dafür erntet die Diskutierende neuerdings auf der Linken den „Essentialismus“-Vorwurf. Muss sich mit „Ethnopluralismus“-Vorwürfen herum schlagen, wenn schlicht darauf verwiesen wird, wie in diversen Zusammenhängen sich allerlei Künstler (z.B.) ohne Quellenangabe das zusammen sammelte, was Andere in ganz anderen Zusammenhängen gefertigt haben – und dabei zugleich dazu beitragen, dass diese anderen Zusammenhängen möglichst nie jemand erfährt, während er selbst seine Künstler- oder akademische Karriere darauf aufbaut.

Es geht hier auch um das, was immer wieder als zu Thematisierendes eingefordert wird: Eben Ökonomie. Um Jobs. Um Status Um diesen ganzen geldwerten Kram.

Auch im Zusammenarbeit der „Care-Arbeit“ – da betrifft es Rollen, die Frauen zugewiesen werden. Dann „Identitätspolitik“ zu brüllen, wenn darauf verwiesen wird, dass es da eine ökonomische Struktur gibt, die Frauen unentgeldlich putzen, waschen und Linder aufziehen lässt und entgeldlich, aber schlecht bezahlt in die Pflege drängt, während er wahlweise Boni einsammelt oder die Straßen fegt – prima!

DAS ist das Thema, und letzteres ist es natürlich AUCH. Der Straßenreiniger.

Das wirkliche Fiese und Unanständige in dieser ganzen Welle, die auf Lilla folgte, ist ja gerade, dass da passiert, was „uns“ ständig vorgeworfen wird: Hab Dich mal nicht so bei Racial Profiling oder antischwuler Gewalt, wichtig ist der weiße Arbeiter im Rust Belt!

Diese Hierarchisierung erfolgt ja bemerkenswertersweise gerade von der Gegenseite.

Was dabei völlig ignoriert wird, das ist der auch weiterhin sehr enge Zusammenhang zwischen Rassismus und ökonomischen Strukturen, zwischen Geschlechterverhältnissen und Wirtschaft ebenso und z.B. auch, dass in den USA eine enorm hohe Obdachlosenquote unter queeren Jugendlichen, die zu Hause raus geflogen sind, herrscht.

Es zeigen sich hier auch die Differenzen, ja, eben, nicht Identitäten, zwischen den jeweiligen Kämpfen: Es gibt dann, wenn Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft genommen wird, hier und da strukturelle Gemeinsamkeiten.

Aber ebenso so oft ist eine der oft auch ausgegrenzeten Parteien eben auf der mehrheitsgesellschaftlichen Seite und es ist und das übrigens gerade AUFGRUND der allseits eingefordertern formalen Gleichheit GEBOTEN, sich dann einfach mal zurückzuhalten und Andere – nur wenn gewollt – dabei zu unterstützen, dass auch sie die Chance bekommen, abzuschütteln, was aus ihnen gemacht wurde.

Das Buch von Frantz Fanon, das hier liegt, heißt „Das kolonisierte Ding wird Mensch“.

Eben: Es geht gerade nicht um die „Identitätsgewinnung“ alleine, die eher strategisch ins Feld geführt wird, sondern darum, wie Andere auch überhaupt erst mal den Raum für Individuierung zu erhalten, ohne ständig auf irgendetwas zurück geworfen zu werden – in Auseinandersetzung mit, was historsich aus Menschen gemacht wurde.

Es ist keine neue „Großtheorie“ namens Intersektionalsität. Es verweits eher auf netzartige Strukturen, wo manchmal Bündnisse möglich sind und manchmal nicht, wechselseitige Solidarität jedoch immer geboten bleibt. Und das ist der Schritt, der nun allmählich auch mal nötig ist. Es gibt Bereiche mit sich überschneidenden Interessen und solche, wo die eigenen auch mal keine Rolle spielen. So what? Unterstützen geht immer. Auch mal Klappe halten auch.

Der Witz ist ja gerade, HINTER SICH ZU LASSEN, was in intersubjektiven Verhältnissen als Zuschreibung und Sozialisationsmodus erst entstanden ist.

Und ein Vehikel dazu ist auch die eigene Geschichtsschreibung, wie z.B. in der Serie von Dustin Lance Black „When we rise“.

Um nicht etwa durch „Identifikationsangböte“ dann „Identitätspolitik“ zu betreiben, sondern überhaupt Möglichkeitsspielräume für die eigene Entwicklung zu entdecken, was in Auseinandersetzung mit Vorbildern leichter ist – die ansonsten gesellschaftlich nur in einem oft quälenden Sich-Einfügen in mehrheitsgesellschaftliche Gepflogenheiten in der Ferne aufscheinen sind und um den Preis eines fortwährenden Zurechtgewiesen- und Belehrtwerdens wieder verschwinden. Und es geht darum, das, was gesellschaftliche Demütung, Drohung und Traumatisierung erfährt, ohne selbst dazu beigetragen zu haben, sich überhaupt erstmal wieder anzueignen im Sinne der Wiedergewinnung des von Anderen Verdrehten und Instrumenalisierten.

Stuart Hall hat da Klügeres zu geschrieben als ich. So zu tun, als habe man dergleichen gar nicht nötig, ist einfach Ausdruck dessen, dass dieses gesellschaftlich zugestanden wurde.

Ich, ganz persönlich, habe allerdings in den Jahren des Bloggens auch aufgegeben, noch zu glauben, dass da mehr möglich wäre als formale Gleichheit. Das ist aber nicht die Behauptung eines allgemeinen Möglichkeitsraumes, das sage einfach ich.

Angefangen habe ich einst eher mit den Foucaultschen Perspektiven, die dichotome Ordnung zurückweisen, in der schwul und hetero verortet sind, sie zu unterlaufen und zu gucken, wie denn ein „Mich-Erfinden“ möglich wäre.

Der Preis war hoch: Das hilft nicht in einer heteronormativen Gesellschaft, sozusagen unter dem Radar zu fliegen. Vielleicht in einer zukünftigen, wo die Grenzen fließender geworden sind. Vielleicht für Jüngere. Die anschließende Phase des „Empowerments“ ist hier im Blog nachzulesen, sie war für das psychische Überleben unerläßlich.

Keine Ahnung, was jetzt kommt. Meine Erwartungshaltungen an eine heteronormative Gesellschaft sind zumindest sehr gesunken, trotz „Ehe für alle“, über die ich mich gefreut habe. Dauert ja immer nur ein paar Wochen, bis wieder ein Gabriel um die Ecke kommt.

Und ein tiefes Misstrauen in die real existierende Linke, das mich seit den frühen 80ern begleitet und hier in den Auseinandersetzungen um das Blog vertieft wurde, ist verstärkt worden. Die Reaktionen nach der Wahl von Trump waren so krass, dass ich in sehr alte Schockstarren verfallen bin: Eben die Varianten, die in der Schule gelernt werden können. Wenn man Schwules Thema dran war, so ganz am Rande. Oje. Jetzt geht’s los.

Und wenn ich irgendwo „Identitätspolitik“ lese, gehe ich nunmehr in Deckung und gucke lieber Serien wie „Sense 8“. Das funktioniert ja, das Spiel: Sie müssen nur lange genug „PC“ geißeln und gegen Identitätspolitik wettern, und flugs sind sie wieder wie immer schon ganz unter sich. Ich vermute, dass sie das auch wollen.

Ich denke mittlerweile, da es so vielen Aktivisten so geht, dass irgendwann die Rückkehr in die Schutzräume tatsächlich die einzige Möglichkeit darstellt.

Der Weg zurück zu temporärem Nicht-Thematisieren, weil’s in Schutzräumen nicht nötig ist oder anders behandelt wird. Auch in schwulen Konstellationen spielt eine internalisierte Homophobie eine große Rolle und ist nicht mal eben so weg. Der Rückzug ist das einzige, das nicht zugleich erhebliche, auch ökonomische Folgen nach sich zieht und das Abspulen der immergleichen Tiraden und Erklärungen Anderer, die immer nur fest nageln auf das, was aus einem einst gemacht wurde, immer neu auszuhalten lehrt.

So findet eben immer wieder aufs Neue das Aktivieren von geprägten Mustern statt, die doch zu überwinden wären. Verstecke Dich oder Du hast Ärger am Hals, so wirkt Heteronormativität. Oder eben das Abtauchen in die Subkultur, wo manchen es ja gelingt, eigene, ökonomische Strukturen aufzubauen. Andere mögen dazu auch Erfahrungen, mehr Glück und Fähigkeiten haben.

Das ist freilich ein Privileg, diese Wahl überhaupt zu haben. Dieses sich ggf. auch verstecken zu können.

Diese Wahl haben so viele andere nicht. Nicht beim Racial Profiling, nicht in Universitäten, nicht an der Supermarktkasse.

Am allerwenigsten die in den Abschiebeknästen – und jene in den Booten auf dem Mittelmeer …

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s