Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Jahresmotti: Nicht mit Rechten reden, sondern stattdessen über Solidarität. Unter anderem mit Geoffroy de Lagasnerie

Das Jahr der Schockstarre ist nun endlich vorbei. 2017: Das Grauen!

Ein Jahr, da nach der Wahl Donald Trumps zum Prädidenten der USA das allmähliche Einsickern vermeintlicher „Einsichten“ in die Gründe, die zu seiner Präsidentschaft führten, auch in den Diskursen der Irgendwielinken ein allzu gruseliges Klima erzeugte. Eines, das sich auch in meine beruflichen Zusammenhänge derart bedrohlich einschlich, dass zumindest in mir eine Art Lähmung sich ausbreitete.

Es ist den Rechten ja vieles gelungen; vor allem aber, dass sie eine Art vorauseilenden Gehorsam erzeugten. Weil bei vielen die Angst sich breit machte, dass ihre Interventionen, die stets einsetzen, wenn sich irgendwer irgendwoaus guten Gründen gegen sie wehrt, zuschlagen könnten.

So dass als Effekt eine Debatte, ob denn nun „mit Rechten reden“ geboten sei oder auch nicht, auf einmal alles dominiert – und wer sagt „Nö, deren Programmatik besteht nun mal genau darin, mir die Schnauze zu verbieten, mich symbolisch und ökonomisch zu vernichten und meinereins allenfalls noch dann ein wenig relevant zu finden, wenn es pauschal gegen den verallgemeinerten und entindividuiierten Muslim“ geht“, wird sofort mit allerlei Diskursdiebstahl aus genuin linken und linksliberalen Zusammenhängen, mit Gramsci-, Habermas- und Foucault-Verdrehungen angegriffen: Meinungspolizei! Ausgrenzung! Mundtot machen! Diskurverweigerung! Faschismus! Linke Hegemonie! Systemsklaven! Die wahren Faschisten seien schon immer vor allem die Linken gewesen und alles andere nur Selbstverteidigung. Fehlt immer nur noch der Zusatz im Geiste Noltes, dass es schon irgendwie richtig war, dass Hitler „uns“ vor denen schützte …

Andere wiederum denken zumindest, wenn einer wie ich schreibt, mittlerweile: Du neoliberaler Selbstoptimierer. Gerade solche wie Dich braucht doch der Kapitalismus, familiär ungebunden, flexibel, ständig mit so was wie „sich neu erfinden“ beschäftigt – gerade deshalb behängt sich doch Starbucks mit der Regenbogenflagge.

So dass selbst der ansonsten hoch geschätzte Präsident des FC St. Pauli, Oke Göttlich, auf der Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli die „Abnutzung“ des Symbols der Regenbogenflagge fürchtet. Als obläge das ihm, Symbole, die, in Ägypten bei Konzerten gezeigt, zu Verhaftungen führten, nun als nützlich oder abgenutzt zu klassifizieren. Vielleicht ist das dann der Job zukünftger Sponsoren, über „Abgenutzsein“ zu entscheiden.

„Mit Rechten reden oder auch nicht“, gekontert von der anderen Seite mittels „Mit Linken leben“, ist neben vulgärkonomistischen Ausrufen im Sinne von „It’s the economy, stupid“ , die eher zum Mantra denn als Analyse taugen, derzeit allerorten präsent als ungeheuer wichtiges Thema.  Alle möglichen Ego-Konstruktionen und Formen populärpolitischen Storytellings ranken sich drumherum. Im Grunde genommen ja nur, weil jede/r weiß, was die denken und sagen. Das ist auch so vertraut nach jahrzehntelanger Faschismustheoriearbeit. Nix Fremdes, nix, was anstrengt. Nix gegen Faschismustheoriearbeit, die ist wichtig. Noch wichtiger wären aktuell Modelle, mal zu überlegen, was denn nun dessen Gegenteil wäre. Wo er keine Chancen hätte.

Mich verblüfft zudem, dass zu keiner Zeit „Mit Schwarzen reden“, „Mit Muslimen reden“, „Von Feministinnen lernen“, „Geflüchtete ernst nehmen und ihre Erfahrungen als lehrreich begreifen“, „Schwulen und Lesben zuhören “ oder „Transmenschen lauschen“ zum Bestseller hierzulande avanciert wäre.

Letztere galten aufgrund ihrer Bedürfnisse bei der Toilettennutzung stattdessen in unaufhörlich hämischem Gewitzel in Kommentarspalten und Leitartikeln als Hauptschuldige für den Erfolg Donald Trumps. Dass die massivste Woge des Widerstandes als  „Women’s March“ nach der Wahl sich formierte, das wurde systematisch kaum rezipiert als eben auch feministisches Anliegen mit enormen Mobilisierungseffekt.

Ein grobes Missverständnis der Lektüre Didier Eribons, immerhin wurde dessen „Zurück nach Reims“ tatsächlich Bestseller, führte dazu, dass eher symbolisch als tatsächlich nun auf einmal alle wieder in den „Rust Belt“ rennen oder eben in den Osten oder kurz mal nach Gelsenkirchen gucken. Plötzlich entwickeln sie tiefes Verständnis für jene, die sich durch die Emanzipations- und Gerechtigkeitsbestrebungen von People of Colour, LGBTIQ-Menschen und Frauen seltsam degradiert fühlen. Da müsse man sich doch einfühlen! Schon erstaunlich, wie sich Empathien da verteilen.

Aber von Ökonomie ist dabei erstaunlich wenig die Rede, außer, dass im Zuge der Verlagerung industrieller Produktion in andere Weltregionen viele arbeitslos wurden. Nein, Verständnis gilt allem, was faschistoid ist, aber es folgt keine Analyse, was zu den ökonomischen Gegenheiten führte. Das ist auch an Statistiken in Deutschland abzulsen: Bis 2015 dominierten Sorgen um die Altersvorsorge, und prompt und massendmedial angestachelt tritt nunmehr Migration an deren Stelle. Wer kann da wohl Interesse dran haben, dass statt über ein mieses Rentensystem über Migration geredet wird, wo selbst Heiner Geißler wusste, dass ersteres in seiner aktuellen Form von letzterem abhängt? Und das alles auch noch, nachdem die „Einheit“ unter anderem aus der Rentenkasse finanziert wurde?

Stattdessen wird das Ganze  im Sinne eines „zuviel der Political Correctness“ rezipiert.

So VERDECKT dieser vermeintlich ökonomisch belehrte Diskurs gerade, dass z.B. – auf Deutschland übertragen – die ökonomische Totalverarschung der DDR-Bevölkerung nach der „Wende“. Die sie vertrottelt und wider besserer Wissensmöglichkeiten auch noch selbst wählten. Mit allen dazu gehörigen tatsächlichen Traumata der Alltags-Ökonomie, über die auch keiner mehr redet, nachdem die Nation zum Volk vermeintlicher „Islam-Experten“ mutierte.

Die ökonomischen werden durch den Fokus auf „Political Correctness“ und deren flächendeckender Kritik gerade VERBORGEN – die Wirtschaft halt, die so funktioniert, wie sie nun mal seit Schröder etabliert wurde: Schaffe einen Niedriglohnsektor, um jene, die noch nicht in ihn gerutscht sind, zu verängstigen und zu bedrohen. Setze die, die in ihn gelangen, einer unmenschlichen Konkurrenz aus und suggeriere ihnen, dass diesess nicht etwa politisch gewollt wäre, sondern durch Einwanderung erst verschärft würde. Drangsaliere sie so lange mit Hartz IV-Sanktionen, bis sie glauben, Geflüchtete bekämen parallel alles inclusive Smartphone auf dem Silbertablett serviert. Teile und herrsche.

Erzeuge Kriminalität rund um Drogen zum Beispiel, indem Du diese verbietest und so jene, die im Spiel rund um Neid und Gier auch mitspielen wollen, die aber keine Chance haben, in dieses Milieu nötigst. Weil Aufstiegchancen eh keine mehr gegeben sind in dieser Ökonomie – und behaupte parallel die gelungene Integrationsleistung in einen flächendeckenden, gerade in bürgerlichen Kontexten und auch in heterosexuellen Ehen etablierten, grabbelnden, witzelnden und dominanten Sexismus als Migrationseffekt. Als habe es den vorher nicht gegeben.

Um anschließend die Forderung nach Einvernehmlichkeit in als Sexualität getarnten Machtriten unter weißen Heterosexuellen als Zumutung zu begreifen und gegen ‚metoo zu ätzen.

Und genau die, die ansonsten gegen „Selbstviktimisierung“ höhnen, gröhlen sich dann lautstark in die Rolle des Opfers, in ihrer Freiheit beschränkt, hinein, und moralisieren säuerlich in ihrer verkrampften Unverkrampftheit in langen Texten gegen Moralisierung und „Evangelikalisierung“.

Das sitzt fest in den Macker-Hirnen, ist dominant, zeigt sich in diversen Quer-Fronten. Ich behaupte mal, dass liegt zum einen daran, dass Trump, Höcke, Weigel und Kurz ja wirklich im Sinne medialer Inszenierung Unterhaltungsbedürfnisse besser bedienen als bedrängtere Seelen. Zum anderen aber daran, dass sie letztlich auch auf die selben eindreschen wie die auch linken PC-Kritiker – eben jene, die um’s psychische, physische und ökonomische Überleben kämpfen und dabei noch verhöhnt und weggebissen werden, wenn sie es mal erwähnen.

Es ist ja nicht so, dass sich all die „It’s the economy, stupid“-Quatschkköpfe Wirtschafts-Themen in ihren Abhandlungen widmen würde, wo sie dann zwischen endlose Abfolgen von Werturteilen auch mal Nietzsche, Hegel und Adorno kleben. In die Untiefen der Realwirtschaft steigen sie selten hinab, um mal da weiter denken, wo Marx aufhörte, und dabei über die ewige Wiederkehr der Wertkritik-Lektüren hinaus zu gehen.

Ja, ich auch nicht.

Aber mir ist zumindest klar, dass zur Realwirtschaft nicht irgendwelche arbeiterfolkloristischen Vorstellungen aus Rust Belt oder Spielmannszüge und Bergwerkschören gehören, sondern eben auch Niedriglöhner, schwule Friseure (die gibt es ja wirklich, Niedrigstlohnsegment) und z.B. auch Pflegekräfte. Aber unter denen dominieren halt Frauen. Als dann ein Mann aus diesem Sektor sich in einer Talkshow äußerte, passierte auf einmal was in der Diskussion. Sexarbeiter_innen, „Putzkolonnen“ (in der Schule hier nebenan übrigens eine bunte Mischung derer, die einst als „Unterschicht“ qualifiziert wurden, kombiniert mit postmigrantischen Lebensformen und auch erstaunlich vielen Männern), Zustände in den Pariser Banlieues werden oberflächlich gestreift, bevor dann wieder diskutiert wird, ob mensch mit Rechten reden solle. Ignoriert werden auch Ökonomien wie in Köln-Mühlheim, wo sich ja tatsächlich ganz außerordentlich erfolgreiche, postmigrantische, wirtschaftliche Strukturen etabliert haben. Und während die Linke sich darauf beschränkt, immer mal wieder irgendwo ein Haus zu besetzen, fragt sie sich NIE, wie es denn möglich ist, so erfolgreich Nischenwirtschaft zu betreiben. Und geht lieber weiter in die Restaurants auf der Langen Reihe als auf dem Steindamm. Anstatt mal zu lernen von denen, für die sie sich doch in Teilen einsetzt.

Damit es nicht so endet wie im Falle des „Brexit“, wo u.a. der Erfolg polnischer Arbeitnehmer wohl zu massiv war – soll heißen: Es folgen dann manche lieber Sarah Wagenknecht, die für ähnliche nationalistische Lösungen plädiert wie die abtrünningswilligen Briten.

Und die anderen? Gründen Benifiz-Wirtschaften an Feierabenden, aus denen sie sich, wenn’s reicht, auch zurück ziehen können und wo gelegentlich „Token“ praktiziert wird: Unentgeldlich auch mal eine Schwarze für’s Foto dazu holen.

Ansonsten sind sie damit beschäftigt, „Spalter“ zu indentifizieren – wer sich für LGBTIQ-Rechte einsetze, könne würde sich ja vom „Ganzen“ abkoppeln, nur das Partikulare sehen. Das sehe man ja an Tim Cook. Denken nur an sich. Natürlich sagen das viele auch NICHT. Vielleicht sogar die Mehrheit. Es ist aber zumindest in veröffentlichten Meinungen häufig anzutreffen und von Sigmar Gabriel jüngst aufgegriffen worden.

Was zum Anlaß dieses Textes überleitet – ein bemerkenswerter Essays von Geoffroy de Lagasnerie, auf deutsch erschienen in der WOZ. Er gehört mit Didier Eribon und Edouard Louis zu einem Trio, das rund um Literatur, Soziologie und Publizistik nicht nur in Frankrecih derzeit für allerlei Aufsehen sorgt.

Ein Essays ganz aus dem Geiste Michel Foucaults.

Dieser verabschiedete einst den „Universal-Intellektuellen“, Denker wie Jean-Paul Sartre, die sich zu allem und jedem äußerten. Er sah die Rolle derer, die das Privilieg haben, z.B. an Universitäten zu lehren, eher darin, SPEZIFISCHES Wissen bereit zu stellen. Für jene, die im dominanten Diskurs tatsächlich und nicht etwas nur scheinbar marginalisiert werden. Um diese bei ihren Kämpfen zu unterstützen. Foucault engagierte sich so für Gefangegeninitiativen.

Eine Praxis als Gegenteil des „Mit Rechten reden“s. Deren mediale Präsenz ja schon so eine Art „Antihelden-Popstar“-Status erzielte, weil „Schurken“ (im Sinne einer literarischen Figur hier gemeint, einer Position in der Story) eben spannend sind.

Die heute so oft gescholtenen, postmodernen Denker, zu denen auch Michel Foucault von vielen gezählt wird, traten einst an, in einem konsequent antitotalitären Sinne, durch den Horror des Stalinismus wie auch des fragwürdigen Verhaltens der Kommunistischen Partei Frankreichs geläutert, Gegenmodelle zu dem zu entwickeln, was Robert Kurz als „exoterischen Marxismus“ bezeichnete – den historisch-dialektischen Materialismus, der, von einem linearen, hegelianischen Geschichtsdenken abgeleitet, von einem stufenweisen Fortschreiten gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklung ausging: Antike Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus. So in etwa. Mal sehr grob vereinfacht. Auf ein neues Niveau gehoben würden die jeweiligen Strukturen durch revolutionäre Prozesse, weil die gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb ihrer selbst nicht mehr auflösbar wären.

Dieses vereinheitlichend-lineare, an „Fortschritt“ orientierte Geschichtsbild wurde von „den Postmodernen“ als Ideologie und „große Erzählung“ gebrandmarkt. Sie läuft ja noch mit in einem imaginierten, historischen Siegeszug der Einheit aus Demokratie, Liberalismus und Kapitalismus als „Ende der Geschichte“. Die Verstörung angesichts eines Umkippens in Nationalismen, Faschismen und Separatismen, die sich aktuell zeigt, speist sich aus dieser Quelle: Wie kann das sein?

Statt sich erneut zu fragen, was das angesichts aktueller Ungleichzeitigkeiten (maensch vergleiche die Lage in China, Nigeria und Mexico und bleibe spezifisch) heißt, grassieren nostalgische Versuche, zombiehaft nun allerlei Untotes aus der linken Historie hervor zu kramen und zu glauben, es sei diese „postmoderne“ Kritik gewesen, die die Linke geschwächt habe (war ja auch alles viel zu schwul und weibisch, und diese Postkolonialen, mit so was beschäftigt viele sich ja auch lieber mit mehr, alles nur zersetzend – der gute Grund dafür, sich eben auch mit den postkolonialen Theorien KRITISCH auseinanderszusetzen, ist, dass in diesem Feld tatsächlich manches Mal Antisemitismus lauert. Das wird jedoch bei viele deutschen Linkstheoretikern, Ausnahme: Floris Biskamp, nicht als Anlass begriffen, das Problem in Angriff zu nehmen, wie kommt das, wie bekommen wir das da heraus? Sondern es dient als weiße Abwehrstrategienicht immer, aber immer mal wieder. Weil es auch da viel zu lernen gilt. Aber linke Schrift- und Brauchtumspflege dominiert häufig.)

Lagasnerie nimmt sich des Problems eindrucksvoll an. Und anders als ich, der ich wechselseitige Bezüge zwischen Feminismus, Ökonomiekritik, queeren Kämpfen und antirassistischen Revolten unter postkololialen Bedingungen jederzeit annehmen würde, vertritt er eine andere These. Eine, die sich auch ganz aus dem Geiste auch eines Gilles Deleuze oder Jacques Derrida speisen könnte: Gerade die vereinheitlichende Sicht VERSTELLT den Blick auf gesellschaftliche Wirklichkeitenten.

Diese zeigen sich und wirken eher in Brüchen, Diskontinuitäten, Differenzen, im Lokalen, in verschiedenen, sedimentierten Schichten von Historie und Erfahrung, in Ungleichzeitigkeiten.

Die aus solchen Feldern heraus zu theoretisieren, würde vielleicht das Story-Telling großer Erzählungen befruchten, aber mit Sicherheit nicht zur Besserung der Verhältnisse jener beitragen, die akut in die Kämpfe verstrickt sind.

Diese Vereinheitlichungsdiskurse führten zwar zu geistigen Höhenflügen in der Stammkneipe. Polizeigewalt gegen Nicht-Weiße, die Ausbeutung von Pflegekräften, die Probleme von Sexarbeiter_innen, Verhältnisse im Abschiebeknast  und Obdachlosigkeit würden dennoch bestehen bleiben. Und das, wo noch nicht einmal die theoretische Physik zu einer vereinheitlichenden Theorie gelangt.

Lagasnerie führt aus, wie er selbst vom Denken und Hoffen rund um die Revolution geprägt sei – und konstatiert doch, dass tatsächlich die Linke in den letzten Jahrzehnten noch jeden Kampf verloren habe. Was ja stimmt: Während allesamt nun diskutieren, ob man mit Rechten reden solle, werden Linke halt staatlich erst zusammen geprügelt und dafür noch strafrechtlich verfolgt. Und mit „Vergesellschaftet Springer“-Slogans würde heute es auch niemand in eine Talkshow schaffen. Komischerweise redet da aber keiner von „Meinungspolizei“. Vielmehr ist mir gerade passiert, aus einer Produktion hinaus befördert zu werden, weil ich es nicht einsah, dass die Geschichte der Linken in den 70er Jahren da einfach nicht mit erzählt wurde, wo es um das Jahrzehnt im Ganzen ging. Als hätte sie da keine Rolle gespielt.

Diese Lähmung der Linken beklagt auch ansonsten keiner mehr. Während in Allmacht sie zugleich noch für die Rechten verantwortlich sind. Die verantworten ja nie selbst, was sie tun und denken. Schuld sind immer nur die Linken. Weil sie sich ja nur um Gesocks wie Schwule, Lesben, Transmenschen und Flüchtlinge kümmerten.

Aber diese Lähmung könnte ja in der Reduktion aufs eigene Mini-Projekt einerseits, in der Unmöglichkeit der Maximalforderung unter aktuellen Bedingungen andererseits begründet liegen. Letzteres ist keine Fiktion, Menschen wie Zizek argumentieren ja so: Was nicht dem völligen Umsturz der Verhältnisse diene, nütze ihm nur. Lagasnerie antwortet:

„(…) genau dieses Bild (und die Diagnose der Gegenwart und Zukunft, auf der es beruht) verhindert, dass wir die Revolution wirklich wagen. Es unterbindet radikales Handeln und hält uns davon ab, die echten Kämpfe der Gegenwart zu erkennen und uns an ihnen zu beteiligen. Kurzum: Die herrschende Konzeptualisierung der Revolution hindert uns zu handeln, und sie verstärkt das Gefühl von Ohnmacht.“

Ich habe neulich, ich glaube, es ging um die Habermas-Luhmann-Debatte, noch einmal den Unterschied zwischen zwei Theorie-Modellen aufgezeigt bekommen: Die eine misst alles an einem Idealzustand, so dass entfernte Annäherungen automatisch als Verfall des Wahren, Guten und Schönen erscheinen. Die andere bildet das, was sie fordert, aus den tatsächlichen Gegebenheiten heraus und arbeitet eben mit diesen sich „herauf“, ohne  nun ständig Konkurrenzverhältnisse innerhalb des Multiplen theoretisch zu konzipieren, weil sie angeblich das Ganze verfehlten.

Zudem es eben auch richtig schilmme Revolutionen gab und gibt. Weil auch die Nazis einst, die chinesischen Kulturrrevolutionäre oder die Mannen von Trump sich durchaus sozialrevolutionär gebärdeten und gebärden – was da also jeweils revolutionär auftritt, ist material eben doch äußerst unterschiedlich zu betrachten. Die Neoliberalen haben ja auch, mit Pinochet als Laborversuch im Vorfeld, revolutionär agiert, und das sogar innerhalb von etablierten Strukturen. Die Rechten wünschen sich ihre Revolution und ihre Tribunale aktiv berbei derzeit.

Den Versuchen, dem nun wieder auf Teufel komm raus ein linkes „Wir“ entgegen zu stellen, stellt Lagasnerie die „Platzbewegungen“ entgegen. Also Versuche, die durch Annektion des öffentlichen Raumes auf Gesamtbefragungen- und Selbstverständnisse verzichten kann:

„Die Platzbewegungen beurteilen die demokratische Qualifikation eines solchen Staats mit grosser Skepsis und versuchen deshalb, die Demokratie in einem neuen Raum wieder zu erfinden. Indem sie sich versammeln, werden die Körper und damit auch die Entstehung einer «Körperpolitik» sichtbar. Entsprechend liegt der politische und demokratische Charakter dieser Bewegungen nicht in ihren Forderungen oder Erwartungen, sondern gerade in der Form ihrer Existenz.“

Was dann z.B. bei den G 20-Protesten zu einer derart massiven Reaktion des staatlich-ökonomischen Komplexes führte, kombiniert mit dem Ausprobieren neuer paramilitärischer Macht-Techniken und einem mutmaßlich im Sinne eines „tiefen Staates“ agierenden, Hamburger Polizeiapparates (ich meine Strukturen innerhalb des Intitutionengefüges, nicht innerhalb der aller darin agierenden Individuen), dass es ja sein könnte, dass dieser Weg (und ich meine damit nicht die  „Krawalle“, die ja auch nicht unterbunden wurden und eher anderen Mechanismen folgten; die finde ich auch falsch und schlecht) trotz aller Diffamierungsversuche gar nicht so falsch ist.

Lagasnerie verweist auf das, was im Vokabular dieser Platzbewegungen zumeist fehle: „Kollektiv“, „Bürger“, „Gemeinsinn“. Auch Slogans wie den der „99%“ weist Lagasnerie zurück:

„Die Rede von den «99 Prozent» zapft mächtige politische Gefühle an – und sie mobilisiert. Dennoch sollten wir die Art der Affekte hinterfragen, die dieser Diskurs hervorbringt. Denn wenn Befreiungsbewegungen ein solches Vokabular verwenden, sprechen sie genau die gleiche Sprache wie der Staat: Der Diskurs der herrschenden politischen Klasse benutzt ja ständig Begriffe wie «Volk» und «Gemeinschaft der Bürger». Ist es nicht seltsam, genau die gleichen Worte und Beschreibungen der Welt und Gesellschaft zu verwenden wie diejenigen, gegen die wir kämpfen?

(…) Deshalb beeindrucken mich die Analysen von Herbert Marcuse, Michel Foucault und Didier Eribon, die alle auf einer Heterogenität der Kämpfe beharren. Herrschaftssysteme hängen nicht automatisch miteinander zusammen, taten es auch noch nie. Der Kampf gegen staatliche Repression und Polizeigewalt beispielsweise ist nicht notwendigerweise mit dem Kampf gegen den Neoliberalismus verbunden. Auch Migranten oder Feministinnen führen nicht die gleichen Kämpfe. Es gibt keinen zentralen Knotenpunkt der Herrschaft, nur separate Machtsysteme, die je einzeln überwunden werden müssen.“ 

Ich stimme dem noch nicht mal vollkommen zu.

Es gibt Zusammenhänge zwischen Polzeiregimen und Neolberalismus, da es immer auch um Eigentumsschutz geht, um die Produktion krimineller Milieus, in den USA um Knast-Industrien zur Wertschöpfung usw.. Es gibt auch Tendenzen im „weißen Feminismus“, sich auf Kosten Nicht-Weißer zu profilieren, die überhaupt nicht in Ordnung sind. Weder sind sie schlüssig zu begründen noch agitatorisch harmlos. Gleiches gilt ja für Bücher wie „Beißreflexe“, wo weiße Schwule sich über Queer-Feminismus und postkoloniale Theorie erheben.

Umgekehrt ist mir der Verzicht auf den totalisierenden Zugriff doch außerordentlich sympathisch, weil er nicht ständig um die Ecke einzelne Proteste delegitimiert und zugleich alle Diskussionen so lange überfrachtet, bis sie in die Resignation führen. Oder aber ständig einzelne Kämpfe gegen andere ausgespielt werden, Belehrungen nach sich ziehen „Ihr mit eurer postkolonialen Theorie, da war Marx aber schon weiter“, während zugleich eine Steuart Hall-Rezeption gerade NICHT statt findet.

Was Lagasnerie da beschreibt, das ist ungefähr das, was nach dem „Tunix-Kongress“ 1978 in Berlin programmatisch wurde. Michel Foucault war da anwesend und lief wohl später David Bowie im „Dschungel“ über den Weg. Was dort unter anderem inspiriert wurde, entlud sich später in den verschiedenen Feldern des „Alternativbewegung“, die auch in die Gründung der GRÜNEN mündete (und auch der Autonomen). Meine Güte, ja, es ist deprimierend, was da dann draus wurde. Aber nun nur Wunden lecken hilft ja auch nicht weiter.,

Was Lagasnerie sonst noch schreibt, kann ja jeder selbst lesen – ich glaube im Gegensatz zu ihm, dass tatsächlich eine vorgängig solidarische Struktur ZWISCHEN den verschiedenen Kämpfen existiert (Jean-Luc Nancy nennt sie „Mitsein“), die immer wieder frei zu legen ist. Und dass jene, ganz im Foucaultschen Sinne des „spezifischen Intellektuellen“, die z.B. über Bildungsprivilegien oder institutionelle Zugänge verfügen, diese zu nutzen haben, um denen, die da nicht mit reden dürfen, Gehör zu verschaffen. Führt zwar auch mal dazu, dass man irgendwo raus fliegen könnte, aber hey!

Diese Praxis wird ja auch vollzogen. Der größte Erfolg der Rechten ist wohl, dass sie dergleichen teilweise gestoppt haben. Durfte ich erleben, wie hochrangige Medienverantwortliche vor ihrem „konservativen Publikum“ zittern. Und weil ständig alle nur auf die Rechten glotzen und es interessanter finden, was Höcke und Beatrix von Storch gerade mal wieder gesagt haben.

Was auch der Hauptzweck ist, das alles zu schreiben: Wenn es den Rechten gelingt, den Diskurs derart zu dominieren, dann könnten wir es ja vielleicht auch mal wieder versuchen. Grenzen des Sagbaren einfach mal wieder in die andere Richtung verschieben. Angeblich dominieren wir doch alles. Lasst es uns mal wirklich tun. Und ja, ich schreibe jetzt auch „wir“. Aber als ausdifferenziertes im Sinne Lagasneries verstanden. Im Sinne der Solidarität.

Er versucht es zumindest – auch praktisch, indem er seinen Bekanntheitsgrad in Frankreich dazu nutzt, in Veranstaltungen mit den Angehörigen der Opfer rassistischer Polizeigewalt über diese zu informieren und dagagen zu protestieren. Was ja bereits auf Verknüpfungen verweist, ohne nun alles immer gleich zur richtigen Großtheorie zu verknüpfen zu müssen, die sowieso niemals die Massen ergreifen wird.

Erster Schritt muss aber aktuell sein, statt nun ständig Minderheiten gegen Mehrheiten auszuspielen, sich einfach mal tatsächlich mit dem ökonomischen DDR-Trauma wie auch von Hartz IV-Empfängern in Gelsenkirchen zu beschäftigen, ohne das nun gleich sachwidrig und unsinnig mit der Geflüchtetenfrage verknüpfen zu lassen oder zu suggerieren, die „Ehe für alle“ sei nun irgendwie zu deren Nachteil gewesen oder sie sei es, die Aufmerksamkeit abgezogen habe. Stimmt nicht. Das waren die Schröder-SPD und die GRÜNEN Hand in Hand.

Und ZUGLEICH für die Geflüchtetenrechte einzutreten.

Das geht.

Das geht aber nur dann, wenn die Agenda nicht fortwährend von den Rechten diktiert und von Fragen, ob man mit ihnen reden sollte, überlagert würde.

Und dazu müssen wir dann auch Strukturen auch weiterhin nähren und betonen, in denen die Solidarität zwischen den Kämpfen und die Spezifik ihrer Situiertheit gleichermaßen berücksichtigt werden.

Und das, ohne die Konkurrenzprinzipien kapitalistischen Wirtschaftens einfach nur zu reproduzieren. Es ist an der Zeit für Kooperation als „Mission Statement“. Um denen auch mal Begriffe zu klauen.

 

 

 

 

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