Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2018

„Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin.“

 

Die Worte in der Überschrift sprach Esther Bejarano gestern abend bei Anne Will. „Mein Vater war optimistisch, dass die Deutschen nicht mitmachen werden. Das war ein großer Fehler““ so ihre rückblickende Diagnose auf Entwicklungen in Deutschland, die schon vor 1933 einsetzten.

Bejanaro überlebte Auschwitz. U.a. war sie Mitglied es „Mädchenorchesters“. Mahnen. Musizieren. Erinnern – sie tritt bis heute auf, u.a. als mit der Kölner Mikrophonmafia. „Ich werde so lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt„: Esther Bejaranos Lebensmotto.

Es ist geboten, ihr zuzuhören.

Schon deshalb:

Ist es. Aktuell mehr denn je.

Und so oft ich ja gegen „die Fanszene“ meines FC St. Pauli wetterte und wettere, durch die als deren Teil ich irrlichtere: Dass es möglich ist, gegen das, was Hanning Voigts skizziert, und mit Esther Bejarano symbolisch, recherchierend, schweigend und durch pure Präsenz wehrhaft zu bleiben, das wurde am Wochenende beim FC St. Pauli eindrucksvoll gelebt.

Es begann mit einer Kranzniederlegung am Samstagabend direkt vor dem Stadion im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Mannschaft: Ebenso anwesend wie Geschäftsführung und Präsidium. Sehr viele Fans und Mitglieder verharrten im Gedenken.

Anschließend durften wir einem hochinformativen und zugleich erschütternden Vortrag in den von 1910 e.V. bespielten Räumen des Vereinsmuseums zuhören. Ihn hielt Verena Schneider von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Thema: Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern. Beeindruckende Klarheit Mehr von diesem Beitrag lesen

Advertisements

Mit Maxim Biller polemisieren – und der Streit um ein Gedicht

Ich finde den Maxim Biller ja immer wieder gut. Anregend auch da, wo er wurmt. Weil er wurmt. Seit damals, als er in der TEMPO seine „100 Zeilen Hass“ verkündete.

So nehme ich ebenfalls dankend entgegen, wenn er mich meint. Ohne mich zu kennen. Auch wenn ich mich damit in gefährliche Nähe zu Ulf Porschardt begebe. Weil der sich auf Twitter auch für den im folgenden zitierten Text begeisterte.

Oje, eine der wirklich erschreckendsten Nähen, die aufzusuchen in diesem Leben möglich und denkbar ist. Ist doch dessen borniertes Geschwätz regelmäßig in abstoßender Bräsigkeit und triefend vor provinziellem Mief derart fern jedes Gedankens situiert, dass eher als Symptom denn als Sinn es zum Glück auch schnell wieder verhallt. Dessen Getexte ist eben Ausdruck eines aufgeblasenen Nichts, das mit dem Nichts im Werke Sartres, wo es um die Negation dessen geht, was ich aus mir zu machen glaubte, so gar nix gemein hat. Mauvaise Foi halt.

Ja, auch solche Phrasen, nunmehr meinerseits, greift der Biller an. Gemeint sind Schreibende:

„… für die angelesene Theorien alles sind und eigene Gedanken nichts – weil man für die ja dann ganz allein verantwortlich wäre als armer, kleiner deutscher Untertan.“

Und zum Glück meint er ja nicht nur mich. Sondern auch jene, die Trumps-Twitter-Sottisen für witzige Polemik halten. Oder auch solche, die sich und Milo Dingensbums vermutlich für Schreiberlinge halten, die treffischer zuspitzten. Wenn sie nicht gerade Racial Profiling in Berliner Parks betreiben. Neoconnards halt.

Aktueller Anlass für einen erneuten Anfall der Maxim-Biller-Verehrung? Dieser Text:

„Und Sie wollen schon gar nicht, dass man die Heuchler und Arschlöcher beim Namen nennt, egal ob sie Jakob „Walser“ Augstein, Sigmar „Nazisohn und Iranfreund“ Gabriel, Frank-Walter „Ich wohne in einer arisierten Dienstvilla“ Steinmeier oder Alexander „Mehr Diktatur wagen!“ Gauland heißen, denn die Darf-man-das-Debatte, die dann ausbrechen würde, würde auch Sie selbst und Ihr Selbstverständnis als historisch und politisch hin- und hergerissener Täter-Enkel wegfegen – denn schließlich sind Sie es, Sie Heuchler, oder diese Alt- und Jung-Siegfrieds ständig fasziniert liest, druckt und interviewt.“

Im Text kriegen kriegen auch Luhmann-, Butler- und Eribon-Leser ein paar Watschen ab. Ja, ich fühle mich gemeint.

Und: Es wird das „Moralisieren“ gegeißelt.

Das Krude an dieser Kritik des vermeintlich „Moralinsauren“ aktuell ist ja,  Mehr von diesem Beitrag lesen

Die Einheit symbolischer und ökonomischer Ordnungen und wieso die AfD eine Bonzenpartei ist

Verblüffung. Irritation. Verwunderung.

Jeden Tag auf’s Neue packt mich dieser hypnotische Reigen, den vor allem der Social-Media-Konsum erzeugt. Dieses wirre Sein in der Zeitlichkeit, das keinen Raum mehr findet. Des Gebanntsein von Tweets und Postings bei Facebook und anderswo. Dieses Eintauchen in die Geschwindigkeiten von Information und Kommentar, Reiz und Reaktion.

News und Emotion verdichteten sich in den letzten Jahren zur Deutungshölle, in der Rhythmen von Mem, Slogan und Assoziation total geworden sind.

Erfolgreich ist, wer Unsinn so verdichtet, dass es im Widerstreit der Sem- und Bild-Kaleidoskope und Infodump-Lasershows, inmitten des Rotierens um die längst verlorenene Zeit zum Stillstand des Denkens führt.

Sich möglichst fix in die Imanenzebenen des Feldes kopieren, in dem all die auch nur noch in gequirlten Sinngefügen sich Positionierenden ihre Messages derart flackern und irrlichtern lassen, dass jede so entspringende Erzählung an irgendeinem Punkt jene attackiert, die ausgeschlossen daneben stehen und angesichts des weißen Rauschens ihre Hilflosigkeit diktiert bekommen. Liest sich wie Kulturkritik für Anfänger, ist aber so.

Die faden Snacks, das gedankliche Fast-Food der versammelten Feuilleton-Clowns und ihrer Instant-Interventionen zirkuliert als das, was Jaceques Derrida und im Anschluss Mark Fischer und andere als „Hauntology“ bezeichneten: Ein Geistern, ein Spuk des Untoten in Denken und Diskurs. Eine funkelnde Projektionsflähe, deren Retro-Logik das auspart, was anknüpfungsfähig wäre. Gäbe ja auch Geister und Gespenster, die mit Jacques Derrida entwicklungsfähig wären. Die sind aber abgetaucht in verschwörungstheoretsiche Sümpfe so oft.

Die Rechte hat dieses Spiel rund um Meme perfektioniert, wenn sie alle bannt in ihrem Spiel der fortwährenden Attacke. Um noch die auflammenden Erinnerungen an fürchterliche Phasen der Historie in die Logik märchenhafter Heimatfilme zu überführen und so Linderung zu suggerieren, wo doch nur Gräber lauern und Zombies wesen.

Der Witz ist ja: Es war eben nicht „die Postmoderne“, Mehr von diesem Beitrag lesen

Da weiter machen, wo der „Women’s March“ aufhörte: Für mehr Gendern und weniger toxische Männlichkeit

Aktuell mühe ich mich in den Artikelfolgen ein wenig darum, noch einmal zu subsummieren, was im letzten „Jahr nach Trump“ liegen geblieben ist.

Blicke ich zurück auf die Themen mit dem größten Konfliktpotenzial in der Geschichte dieses Blogs, so waren dieses immer auch feministische und lesbische Perspektiven und alles rund um Judith Butler., was zu Brüchen führte. Das zog so krasse Reaktionen nach sich, dass es Kommunkation verunmöglichte (im aktuellen Zusammenhang lasse ich Butlers Positionen zu Israel einfach mal außen vor).

Es zeigt sich hier eine deutlich erkennbare Querfront: Um das, was die neue Rechte als „Gender-Wahn“ bezeichnet und auch in linken Blogs mittlerweile, Birgit Kelle und ähnlichen zustimmend, ebenso als „Gender Gaga“ abqualifiziert wird.

Damit die Männer wieder die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen, den großen Denkern, ja auch gebühre. Wo sie sowieso schon immer nur und grundsätzlich auf das Bezug nehmen, was andere Männer geschrieben haben. Es sei, denn, es ist zu kritisieren. Ist ja auch auffällig in linken Szenen.

Insofern halte ich es auch nicht für einen Zufall, dass die Frage nach den den Toiletten für trans*Personen rund um die Wahl Donald Trumps Mehr von diesem Beitrag lesen

KONSERVATISMUS, NEOLIBERALISMUS UND BÜRGERLICHKEIT: Dobrindt und das „3. Reich“

„Die Agenda 2010 gleiche einer »institutionellen Angstmobilisierung«. Sie habe massiv minderheitenfeindliche Tendenzen und den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte befördert, konstatieren die Autoren Sigrid Betzelt und Ingo Bode.

Mit Hartz IV habe die Politik systemische Risiken individualisiert, heißt es. Das System bedrohe Lohnabhängige bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder Krankheit gefährdeten den gesamten bis dahin erarbeiteten Lebensstandard. Betroffene passten sich einerseits vermehrt an. Andererseits entstehe Kontrollverlust und Wut.“

Mag als merkwürdiger Einstieg erscheinen bei dieser Überschrift. Da „wir“ nun freilich, was Diskussionslage, Topoi und auch Wählerverhalten betrifft, längst tief in Analogien zur Schlußphase von Weimar verstrickt sind, sollte auch aufeinander bezogen bleiben, was eben zusammen hängt: Die klassische „soziale Frage“, wie sie sich tatsächlich stellt, und die nationalkonsevativ-bürgerlichen Ideologien, die von ihr ablenken sollen.

Der Text zu bürgerlichen Schwulen, die Ende der Weimarer Republik ordentlich dabei mitmischten, bei alledem, was, bürgerlich unterstützt sich auch als Lösung der „sozialen Frage“ behauptete, der kommt noch, keine Sorge. Wie gewichtig sie da waren, das sei mal dahin gestellt, dazu gibt es aber auch Publikationen aus queeren Kreisen. Und auch damals gab es schon solche wie Jens Spahn.

Erst mal freilich ein Text zu den statistisch relevanteren Kreisen. Also die, für ein Dobrindt Mehr von diesem Beitrag lesen

Ich mag dieses Wort nicht in die Überschrift nehmen. Siehe 4. Zeile.

Wo ich nun schon dabei bin, all das raus zu schreiben, was im letzten Jahr liegen geblieben ist, widme ich mich doch einfach noch mal einem dieser neuen „Halt gefälligst die Schnauze“-„Argumente“ aus innerlinken und linksliberalen Debatten: Der so genannten „Identitätspolitik“.

Mit Mark Lilla an der Spitze ersetzte das Stichwort in vielen Diskursen den Platz, den zuvor „PC“ inne hatte (dank an @accalmie für den Hinweis): Wenn die Argumente fehlen oder es einfach zu anstrengend erscheint, sie sich anzueignen, dann wird zum Schlagwort gegriffen. Einem Claim oder Mem, das wie eine rote Karte zu zücken sei, um wieder die alte Diskursordnung herzustellen. Folgt der gleichen Logik wie die jener Trump-Wähler, denen das zu viel wurde mit Serien wie „Transparent“ und sogar noch einer schwulen Figur in „Riverdale“ (mit der die Autoren absolut nichts anzufangen wissen), mit Oscars für „Moonlight“ und Kritik an der toxischen Maskulinität der Gamer.

Wie auch im Falle der Rechten halte ich es freilich für wenig hilfreich, nun den Vorgaben der Kontrahenten und Gegner (und schlimmeren) auf den Leim zu gehen. Die allseits hämisch kursierenden Stories von „Oppression Olympics“ zu kommentieren hieße auch schon, dem Zwangs- und Repressionssystem Mehr von diesem Beitrag lesen

Regime der Angst und Story-Telling

„Aber sich Ruhe zu gönnen, durchzuatmen und freundlich mit sich selbst umzugehen, das fällt den meisten von uns schwer. Das liegt daran, dass fast alle Menschen den starken Glauben besitzen, dass sie sich ihren Wert als Mensch erst verdienen müssten. Wenn das Grundeinkommen ihnen plötzlich vermittelt, dass sie auch leistungslos wertvoll sind, dann macht das die Leute skeptisch“

Es gab dazu mal einen Song ausgerechnet von Heinz-Rudolf Kunze: „Die Leute denken, Du schiebst ’ne ruhige Kugel“. Einer über Arbeitslosigkeit. Die Sicht auf dieses Thema, also wie mensch sich nun innerhalb und außerhalb der Beschäftigungsverhältnisse versteht, verschiebt sich derzeit ein wenig; da genügt ein Blick den ausufernden Coaching- und Ratgeber-Markt (ja, gruseligerweise oft im Kopp-Verlag) oder sich bei Youtube ein wenig durchzuklicken.

„Sei Du selbst!“, „Selbstliebe“, „Entdecke Deine wahre Berufung!“ – so was erzeugt Bestseller im einem Segment dessen, was unter „Esoterik“ verstanden wird. Kann als grauenhaft empfunden werden. Als Symptom freilich eines kollektiven Unbewussten, das noch keine politische und ökonomische Theorie gefunden hat oder wenn, dann mit Sicherheit genau die falsche, ist die Lektüre dennoch möglich.

Ebenso lauschen einem Eckart Tolle, der altindische Weisheiten recyclet und appropiiert, weltweit  mehr Leute als Beatrix von Storch oder der CSU und ihrer Mischung aus Anheizen der Furcht, um als Löschmittel Autoritarismus mit dem Diskurs-Wasserwerfern hinterher zu spritzen. Enthält Brechmittel.

Tolle lehrt, dass es das Ego, das ständige Story-Telling der Mind-Machine sei, das, von Angst befeuert, allerlei Grauen in der Welt erzeuge, wenn es zu Handlung schreite. So bevorzuge das Ego Gedanken, die Furcht erregten, und erhielte sich so in einem fortwährenden Geplapper am Leben. Um Herrschaft über die jedem Menschen inne wohnende Stille und  die Möglichkeit des Friedens auszuüben. Um das zu verkünden, sitzt er gelegentlich bei Ofrah Winfrey vor Millionenpublikum und wird geliebt und gesucht.

Es kann von diesem Zweig der Esoterik nun gehalten werden, was immer auch gewollt wird. Der Schatten, jungianisch verstanden, läuft tatsächlich auch immer mit. Insofern landet eine jede, ein jeder, ein jedes von Tolle-Videos (die auch mein Lieblingsschwarm Clueso immer mal zitiert 😀 ) verhältnismäßig schnell bei übelsten Verschwörungstheorien.

Meine Lieblingsvariante ist derzeit, das die „New World Order“ Schwule benötige (u.a., um Leihmütterschaft und Eugenik zu etablieren), es diese aber Mehr von diesem Beitrag lesen

Jahresmotti: Nicht mit Rechten reden, sondern stattdessen über Solidarität. Unter anderem mit Geoffroy de Lagasnerie

Das Jahr der Schockstarre ist nun endlich vorbei. 2017: Das Grauen!

Ein Jahr, da nach der Wahl Donald Trumps zum Prädidenten der USA das allmähliche Einsickern vermeintlicher „Einsichten“ in die Gründe, die zu seiner Präsidentschaft führten, auch in den Diskursen der Irgendwielinken ein allzu gruseliges Klima erzeugte. Eines, das sich auch in meine beruflichen Zusammenhänge derart bedrohlich einschlich, dass zumindest in mir eine Art Lähmung sich ausbreitete.

Es ist den Rechten ja vieles gelungen; vor allem aber, dass sie eine Art vorauseilenden Gehorsam erzeugten. Weil bei vielen die Angst sich breit machte, dass ihre Interventionen, die stets einsetzen, wenn sich irgendwer irgendwoaus guten Gründen gegen sie wehrt, zuschlagen könnten.

So dass als Effekt eine Debatte, ob denn nun „mit Rechten reden“ geboten sei oder auch nicht, auf einmal alles dominiert – und wer sagt „Nö, deren Programmatik besteht nun mal genau darin, mir die Schnauze zu verbieten, mich symbolisch und ökonomisch zu vernichten und meinereins allenfalls noch dann ein wenig relevant zu finden, wenn es pauschal gegen den verallgemeinerten und entindividuiierten Muslim“ geht“, wird sofort mit allerlei Diskursdiebstahl aus genuin linken und linksliberalen Zusammenhängen, mit Gramsci-, Habermas- und Foucault-Verdrehungen angegriffen: Meinungspolizei! Ausgrenzung! Mundtot machen! Diskurverweigerung! Faschismus! Linke Hegemonie! Systemsklaven! Die wahren Faschisten seien schon immer vor allem die Linken gewesen und alles andere nur Selbstverteidigung. Fehlt immer nur noch der Zusatz im Geiste Noltes, dass es schon irgendwie richtig war, dass Hitler „uns“ vor denen schützte …

Andere wiederum denken zumindest, wenn einer wie ich schreibt, mittlerweile: Du neoliberaler Selbstoptimierer. Gerade solche wie Dich braucht doch der Kapitalismus, Mehr von diesem Beitrag lesen