Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Vom „frommen Tanz“ ans Millerntor: FC St. Pauli – Hannover ’96 0:0

Nein. Nein, ich vermisse es nicht. Nicht die Sommer, als ich den mich umgebenden heterosexuellen Anbahnungsreigen am Baggersee nicht ertrug und stattdessen unter mein Hochbett kroch, Klaus Manns „Frommen Tanz“ und James Baldwins „Giovannis Zimmer“ lesend. Träume von Nähe, Träume von Körpern, Träume vom Du. Vermisse auch nicht frühlingshafte Radtouren zum Würmsee, keinen Herbstspaziergang mit Mutter in der Eilenriede (herbstliche Besuche bei B. in Lindwedel oder K. in Gailhof waren aber zum Teil schon ganz schön, K.s Hund hieß Billy und ich war in ihn verknallt), nicht das Streifen und Schlurfen durch Lindens winterliche, existentialistische Tristesse, damals, als wir noch The The, The Cure und The Smiths hörten. Als ich allein unter Heten dem Abitur mich näherte. 

Vermisse nicht, mit den grünen ÜSTRA-U-Bahnen in die City zu fahren, aufbrechend aus der Trabantenstadt, am alten Wasserturm vorbei und das Reihenhaus, die „Neue Heimat“-Siedlung mit ihrem bräunlichen Putz an den Häusern, 3-stöckig, 6 Wohnungen, Straße um Straße ähnlich bis gleich, und die vertrauten Geräusche der Fernbahnlinie im Ohr, das dröhnende Starten und Landen der Flugzeuge ein wenig weiter nördlich ebenso hinter mir lassend. Um zwischen der Betonwüste am Kröpcke und pittoresken Altstadtgassen herum zu irren und auch nicht zu wissen wie, was oder warum überhaupt. Obgleich doch Sartre mich gelehrt hatte, der Mensch erschüfe sich selbst durch Handlung. Aber wie nur? War deprimiert Bauhaus (oder der Streisand „Yentl“) hören „Handlung“?

Ich meine mich zu erinnern, damals, am 1.4. 1987, da herrschte Schneechaos am Bahnhof in Hannover, die Züge fuhren nicht oder Stunden zu spät – vielleicht war das auch ein anderes Mal, der Tag des Aufbruchs zur Zivildienstellensuche?, und ich vermische Etinnerungen; dieses Gefühl von Bangen und Hoffen, vor allem Hoffen, das kann ich als Nachhall noch fühlen, wenn ich das will. An diesem Tag verließ ich Hannover, brach auf in eine bessere Zukunft. In eine neue Stadt. Eine, wo tatsächlich keiner mich und ich keinen kannte. Völliger Neustart.

Ich fand mich zunächst im Schwesternwohnheim am Rande von Harburg wieder, Unterbringung durch den Dienstherren, der Bürgerrechte enthoben und dem Staat vollends unterworfen, bis zum „Zivi-Lehrgang“ in „Rufbereitschaft“, Ausharren mit Blick auf das AKH Harburg und inmitten dieser 16qm in Frustration mich auflösend – letztlich sah es da zwischen Eißendorf und Heimfeld so anders auch nicht aus als in dieser Verlängerung der niedersächsischen Landeshauptstadt, da, wo ich aufgewachsen war. Ich litt einen Monat im Off und zog anschließend in eine WG am Neuen Pferdemarkt: Das Leben ging auf. Es lockte Spaß und Sinn. Und ich wollte nie mehr zurück.

`96, das spielte in den ersten zwanzig Jahren keine Rolle, so unangenehm wirkte der Verein. Allenfalls als Karriereziel für jene, die in Sportvereinen sich aufrieben und 3 mal wöchentlich gegen den Ball traten, die hofften, aus der Vorstadt ins Zentrum zu gelangen – Fans waren die aber auch nicht. Ich kann mich an keinen einzigen `96-Fan auf der ganzen Schule erinnern; und das war ein Schulzentrum mit immerhin 3500 Schülern. Einer aus meiner Klasse fuhr nach Hamburg zu seiner Tante, um zum HSV zu gehen, mein Bruder trug Werder Bremen-Schal, Bayern-Fans gab es schon damals überall, halt die, die immer auf der Siegerseite stehen wollten. Mein Vater fieberte mit dem MSV Dietz, wie Duisburg damals genannt wurde, und wenn ich Pech hatte, begegnete ich in jenem Bahnhof, der an Wochenenden des nachts No-Go-Area für alles Langhaarige, Punkige, für Obdachlose und Nicht-Weiße war, besonders die Passerelle darunter, weil von der Bahnpolizei flankiert Nazi-Skins alles als „anders“ Identifizierte mit Baseballschlägern ins Krankenhaus prügelten, also, dort begegnete ich manchmal, wenn zufällig tagsüber es mich in die City trieb, ’96-Fans: Ein übler und übel riechender, aggressiver Haufen von Kuttenträgern. Fussball-Anti-Werbung. 

Da machte jeder, der ein wenig Würde bewahrt hatte oder aber auf sich aufpassen musste, einen großen Bogen drumherum. Später wurde der Verein, glaube ich, hipper, manch Freund, der sonst nichts zu tun hatte, ging nun zum Amüsement ins Stadion, ohne sich Fan zu nennen – und mein Paten-Neffe auch. Event. Mal was los in der Stadt. Was ja so wenig dort gar nicht ist. Einen Mangel an Konzerten in meiner Jugend kann ich zum Beispiel nicht beklagen.

Spult sich halt alles ab in in mir, wo mein „30 Jahre Hamburg“ naht 😉 … das, was zum Glück hinter mir ich ließ, lief als Film in blassen Farben vor mir ab, als ich auf meinem angestammten Haupttribünensitz Platz nahm und nach links sah, wo mutmaßliche Hanoveraner, vielleicht auch Wunstorfer und Wennigser, hüpften und komische Handchoreos vollführten und zumindest ganz schön laut waren. 

Das Spiel: Verfahren, der Schiedsrichter bekam es nie in den Griff. ’96 folgte der Strategie des permanenten Fouls – kurioserweise sogar immer an der gleichen Stelle. Vor unserer Trainerbank, immer wieder neu und sogar noch nach dem Seitenwechsel blieb das konstant der Bereich, in dem das taktische Foul vollstreckt wurde. Unsere Jungs sahen sich zumeist außerstande, über die Strafraumgrenze des Gegners zu gelangen und liefen dort in sich ähnelnden Situationen sich immer wieder aufs Neue fest. Wie Hannover es in diese Regionen der Tabelle geschafft hatte, blieb mir zumindest ein Rätsel – Union Berlin spielte klar besser. Lienen sah ein intensives Spiel, ich eher eines, das zerhackt, zerstückelt und geschreddert nicht so recht reifen und erblühen wollte. Gegen Ende der ersten Halbzeit bis ca. zur 80. Minute der zweiten Halbzeit, spielten die Boys in Brown dennoch kraftvoll auf; schon zuvor hatte es schöne Kombinationen trotz hannöverscher Haudraufgrätschreinschmeißum-Taktik von unseren Jungs gegeben, die Passsicherheit scheint mir ganz im Gegensatz zur Hinrunde gefestigt zur gelebten Erfahrung statt scheiterndem Versuch mutiert zu sein. Cool! Als Bouhaddouz sich hinter die Spitzen, derer eine er ja nominell ist, fallen ließ, kam Schwung ins Spiel – der erst abebbte, als Hannover so einen charmant Blondierten einsetzte, dessen Einsatz und Können für viel Gefahr und beinahe noch unsere Niederlage sorgte. Ging noch halbwegs, aber eben nur halbwegs gut aus. Nun kann auch nicht jedes Spiel solche Intensitäten liefern wie gegen Karlsruhe oder auch Union, aber frohlockend ging ich nicht aus dem Stadion. Eher mit einem „Da fehlte was“-Gefühl.

Nach Hannover sehnte ich mich beim Anblick der ’96-Fans schon mal gar nicht zurück … obgleich es im „Café Caldo“, Samstags auf dem Flohmarkt am „Hohen Ufer“ oder im „Bad“, fast noch in den Herrenhäuser Gärten, doch hinter dem Schnellweg versteckt ein altes Schwimmbad, zum Club umgerüstet, wo wir im Sommer auf Terrassen sitzend zum Open Air-DJ-Set das leere Schwimmbecken betrachten konnten, auch erfüllte Zeiten gab.

Auch wenn ich auf dem „Bad“-Parkplatz nach einem „Psych-„-Konzert, eine Subkultur, an die sich auch kaum noch wer erinnert, das Auto meiner Mutter, mit dem ich unterwegs war, zertreten und von Springerstiefeln malträtiert des nachts nach dem Disco-Besuch auffand: Komplett hinüber der orangene Golf, die Karosserie zerdellt, verbeult, deformiert. Vermutlich, weil eine Friedenstaube darauf klebte. Ist ja nicht so, dass Attacken auf so genannte „Gutmenschen“ ein neues Phänomen wären … heute können, müssen aber ja nicht, solche der mögliche ideologische Hintergrund von „Scheiß St. Pauli“-Rufen sein. Und manchmal greift ein ganzes Stadion diese Rufe auf und gibt sie amüsiert und lautstark zurück. 

Und ich weiß dann, wo ich jetzt zu Hause bin … 

Advertisements

2 Antworten zu “Vom „frommen Tanz“ ans Millerntor: FC St. Pauli – Hannover ’96 0:0

  1. Pingback: Matchday 25: FC Sankt Pauli vs Hannover 96 0-0 | FCSP Athens South End Scum

  2. Pingback: St. Patricks Day, Stadtteilspaziergang in Barmbek und dazwischen das #FCSP Heimspiel gegen Hannover | KleinerTods FC St. Pauli Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s