Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Pyro sieht super aus: FC St. Pauli – Union Berlin 1:2

Seit Freitag sitze ich da, sinnierend, grübele im Laufen durch die wohlvertraute Stadt, suche Sprache, verkatert im Bette liegend: Wie fassest Du in Worte, oller Momo, was beim Heimspiel so alles sich in Dir bewegte, weil auf dem Platz vor Dir noch viel mehr aber so was von los war?

Endlose Texte seit einem Jahrzehnt beinahe verfasse ich zu „Wer will schon ungebrochene Helden?“, zur Intensität des Dionysischen, zur Magie, ja, bis hin zum Schamanismus trieb das Trommeln des Denkens mich. 

Nun ist Üblichkeit des Wahrnehmens, die Schablonen bisheriger Erfahrungen dem neu Erlebten aufzuprägen. Aber Üblichkeiten sind ja nur manchmal gut. Je nachdem. Und will das denkende Schreiben sich dem entziehen, so hat es immer neu zu reagieren, um das Einzigartige, das Ereignis nicht verbal platt zu trampeln. In den Fällen, da das Ereignis statt findet und nicht nur Struktur, Zitat oder Klischee sich endlos variierend wiederholen.
Das Formatierende erschlägt eben jenes Geschehen, das es abzubilden behauptet. Und was Du aus Strukturen machen kannst, lernst Du u.a. in der Jazz-Improvisation.

Zumindest wird es mir gelingen, wenn ich ja so weiter schreibe, kaum Leser zu finden. Deshalb einfach mal eine Überschrift, die Reaktionen etwas wahrscheinlicher macht. Das „Lieschen Müller“, das Henry Nannen einst als ideale Leserin für den „Stern“ und so erdachte, ist ein Konstrukt der allgemeinen Meinung vieler Medienmacher: Das Publikum will nur das, was es schon kennt. Bloß nix Neues. Das Vertraute sei stets zu gewähren. Alles andere verstöre ja nur. Pyro-Diskussionen sind so ein Fall. Da geht es gar nicht um den Austausch von Argumenten, sondern dass sie allesamt so gewöhnt sind. Wie ein eingelaufenes Paar Schuhe oder der Weg zur Arbeit. Wie Rosenkranzbeten und Wochentage. 

Doch, ein Gedankenexperiment: Du gehst das erste Mal ins Millerntor und siehst ein Spiel wie am Freitag. Die Spannung, die in der Luft knisterte und sich schon beim Einlauf derart eindrucksvoll entlud, also, ganz ehrlich, diese Mischung aus „Oje, Gefahr, es brennt!“ und „Wow, Wahnsinn, was ein Look, und das auch noch über so einem Banner, was ist denn das hier bitte, das ist ja infernal grandios!“ würde doch als gelebter Widerspruch genau die Energie versprühen, die das Spiel auch antrieb. Langweilig war es nun wirklich nicht.

Würde mensch so ein Spiel zum ersten Mal sehen, manches wäre vermutlich leicht verständlich – dass zum Beispiel visuell klar identifizierbare Menschengruppen, die Einen in braun, die Anderen in Weiß, sich um einen Ball kabbeln und versuchen, ihn in je unterschiedliche Richtungen zu bewegen. Ich denken, das würde recht schnell klar. Die homerotische Kompenten ist auch unübersehbar. Würde auch das Bier dazu schmecken, weil das erste Mal es über die Zunge rinnt und im Rachen verschwindet? Ich glaube, mein erstes Bier hat mir nicht geschmeckt. Aber unter solchen Bedingungen könnte das anders gewesen sein.

Was jedoch problemlos selbst für Haupttribünensitzer erfahrbar gewesen wäre: Da kochen die Emotionen. Das erste Mal seit langen, dass die auf ihr Sitzenden in Teilen schon während des Spiels standen, angetrieben vom Geschehen auf dem Platz – genauer nach Heerwagens Glanzparade gegen den einsam auf ihn zustürmenden Unioner. Da riss es sie von den Sitzen, entfesselt, entflammt, entrückt vor Verzücken. Womit nur einmal mehr klar gestellt wäre, wie schwer es ist, ohne Vorannahmen die Einzigartigkeit eines Ereignisses zu beschreiben. Etwas schleicht sich da immer ein. Zunächst Namen für etwas und für jemanden. 

Dabei sind Verben erkenntnistheoretisch wie auch grammatisch viel wichtiger. Gibt ja Sprachen, wo das Subjekt ganz im Verb verschwindet. Und so haben unsere Jungs auch gespielt gegen diesen perfektionierten Mannschaftsmaschinenkörper von Union Berlin, das wohl aktuell stärkste Team der Liga. Aber so kraftstrotzend, wie die auftraten, ästhetisch betrachtet: Wahnsinnig spielstark, aber sexy war das nicht wirklich. Zu gelungen kann ja auch abturnen, wenn die Brüche fehlen und das Individuum (mal ab vom hübschen Torwart) zu verschwinden droht.

Was bei der Mannschaft allerdings hervorragend funktionierte, sah bei den Schlaparaden der Fans nur Scheiße aus. Ja, auch, wenn ich es das erste Mal gesehen hätte, dieses, ich spar mir jetzt die gröberen Vergleiche, ein wenig wie beim Keulen einst in der Sportgymnastik inszenierende Gleichmaß der Armbewegungen beim kreisförmigen Wirbeln eines Schals: Es hätte mir nicht gefallen. Da würde ich mich nicht wohl fühlen in so einem Block. Geht mir aber genau so, wenn ich durch Köpenick laufe. Obwohl ich sogar „Wir sind ooooooho St. Pauli“ dort vor mich hin sang 😀 … zur Kompensation des Aufenthaltsortes. Ganz unabhängig von auswärtsspielbedingten Reisen.

Das zeitweise unberechenbare Wirbeln dieser Typen in den braunen Tirkots hingegen: Die Dramaturgie hätte sich mir sogar ohne jede Fussballkenntnis offenbart. Erst beeindruckt vom Gegner, war ich auch; dann saß ihnen der Trotz, anschließend der Wille im Nacken und sie wurden ganz Verb: Die reine Tätigkeit. Action! Cool. 

Selten eine Niederlage so genossen. Diese fortlaufende Steigerung, bis zum Schluß sogar der Ausgleich möglich war, und das so quirlig immer größere Löcher in das System der Unioner rennend (um den Systembegriff allmählich mal zurück zu erobern): Wow! 

Also, ich bin lange nicht mehr so „drin“ gewesen in so einem Spiel. Diese Momente, wo über das Erlebnis die Subjekt/Objekt-Spaltung sich aufhebt und das Involviertsein ins Fiebern, Fühlen, Feiern derart durchdringend wird, dass ich vor Begeisterung SMSsen an P.A. schreibend schon gar nicht mehr merkte, dass ich gerade eine Treppe herunter ging … wenn die virtuellen Welten plötzlich ähnlich aufsaugen wie die realen, dann geschieht’s: Der Mensch verfehlt eine Stufe, stolpert und stürzt. 

Nun habe ich ein Loch im Knie meiner Lieblingjeans, aber dafür einen grandiosen Abend verlebt. 

Der Riss im Stoff wird mich nun, so lange ich sie trage, an dieses Spiel erinnern, und das freut mich sogar – ein Spiel, für das ich mich bei den Boys in Brown bedanken möchte. Ihr habt die Einzigartigkeit und das Ereignis ans Millerntor zurück geholt. Das tut sehr, sehr gut.

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