Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Nachrausch als Spielbericht: FC St. Pauli – KSC 5:0

 

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Allmählich ebbt der Nachrausch ab. Das Aufwallen der Gefühle beruhigt sich zu Kümmel-Anis-Fenchel-Tee und Jazz-Sounds aus dem Radio.

Die Bilder jedoch, sie flimmern noch und wirken nach – die Jubelnden, die Begeisterten, die Erleichterten, die Entfesselten auf dem Platz und drumherum tanzen auf der inneren Leinwand des Erinnerns weiter und haben Spaß. Was ein Abend! Was ein Fest!

Misstrauisch gen Stadion gelaufen. Bei der Tabellensituation, wird das was?

Puh – bestimmt eher nicht. Zu viel Druck. Zu wichtig, das Spiel. Zu schön die Möglichkeit, oberhalb des Strichs in der Tabelle zu landen und die Anderen auf Abstiegs- und Relegationsränge zu verweisen. Zu gut die letzten Spiele, als dass sich das mal eben so wiederholen ließe. Bloß keine zu hohen Anspruchshaltungen aufbauen, lieber den Ball flach halten, komm, die Jungs haben in den letzten Wochen schon so viel geleistet … ich habe Mantren gesungen, Denkbausteine gebrannt, sorgfältig generierten Selbstschutz errichtet, um die Enttäuschung nicht als harten Tritt in den Schritt zu erleben, sondern emotional bestens mit Erwartungslosigkeit gewappnet, geschützt und gesichert vielleicht sogar eine Niederlage durchzustehen. So gestimmt tapste ich durch die Wallanlagen, stellte mich in die Menge vor dem Einlass zur Haupttribüne, schritt die Treppe hinauf zu meinem angestammten Platz. Ob der Sitz mich eigentlich wiedererkennt?

Die Luft so lau, der Frühling naht langsam, aber sicher – irgendwann kommt er ja immer. Das Flutlicht strahlte mir direkt in die Seele und leuchtete all das aus, was ihr jetzt gerne erfahren würdet, doch es war sichtbar nur für mich und das bleibt auch so; die Farben im Stadion wirkten strahlender als sonst. Ein rätselhafter Schimmer lag in der Luft; doch nun, nach der Hinrunde an das Darben gewöhnt, ordnete ich Vorahnungen ins Reich der Fantasie ein. Denn das ist meine Welt …

Doch die „Boys in Brown“ legten gleich los wie die Kugelblitze. Erst schienen sie mir noch ein wenig zu wackeln, defensiv wirkte es nicht so souverän wie zuletzt, und doch, durch den Willen zur permanenten Penetranz des Nachsetzens beeindruckten sie die Karlsruher schnell. Als Cenk Sahin den Sololauf über die Flanke startete, da waren schon Großchancen für uns verflogen, – nun, so zielsicher der Ball gegen den Innenpfosten geschossen, daß Mats Möller Daelhi ihn nur rein schieben brauchte,  was eine Befreiuung!

Bereits so früh zu führen, stachelte das jetzt Angst, dass die frühe Führung den Wurm wie so oft fallen ließe, oder Hoffnung an, dass es so weiter ginge? Vermutlich beides, unsere gemischten Gefühle, gebannt durch’s Spiel, tanzten einen hypnotisierten Reigen. Heerwagen mit Glanzparaden, Karlsruhe nicht chancenlos, und doch, die Führung hielt bis zur Halbzeit und ließ uns frohgemut die Biere schlürfen.

Das Wohlgefühl wich dem positiven Pendant zur Fassungslosigkeit: Lienen, der Prosaische, formulierte im Nachhinein ungewohnt poetisch, die Tore seien gefallen wie reife Früchte. Ja, die Saat ging nicht nur auf, sie ließ uns ernten: Euphorie, Begeisterung, Freude, Erleichterung und irgendwann fast Hilflosigkeit. Was machen wir denn nun, noch 20 Minuten zu spielen und wir führen schon 4:0? Aziz Bouhaddouz schoß einfach noch sein drittes Tor, auf dass unser Singen, Jubeln, Klatschen, Jauchzen sich zwischendruch zum „Song 2“ noch einmal bündeln, fokussieren und dann entladen konnte.

Was schoß nach Abpiff für ein unvergleichliches Gefühl in uns, nach all dem Gruseln, Resignieren und nur noch einem Rest des Trotzdem, nach all den Hoffnungslosigkeiten nun so ein Spiel erleben zu dürfen!

Es füllte aus.

Sehr wohl wissend, dass noch viel zu spielen ist in dieser Saison. Und doch, es LEBT ja schon seit ein paar Spielen wieder, dieses Pflänzlein namens Zuversicht. Nun schlägt es aus und nimmt den Frühling glatt vorweg.

Klar bleibt es zart, klar kann es knicken, Blätter verlieren, Wurzeln verkümmern, und doch: Solche Früchte wie die reifen, die plötzlich fielen, sind nun nicht mehr ausgeschlossen in dem, was kommt. Und sie schmeckten sooooo gut!

 

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3 Antworten zu “Nachrausch als Spielbericht: FC St. Pauli – KSC 5:0

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