Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Über’s Gedeihen und Verderben: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:0

Was schreiben, wenn schon alles gesagt und trotzdem auch von mir, ja!, so viel gefühlt wurde – Konträres, Aufwühlendes, Begeistertes, im Nachklapp Entsetztes?Ich versuch’s mal …

Gedeihen:

Ja, enorm. Wo ich am Freitag so über Geschäftsstelle und Präsidium meckerte, weil ihr Aufjaulen angesichts des Agitierens des „Heads of Under Armour“, dessen Rost des Denkens unter polierten Oberflächen sich ausweitet, so verhalten nur erklang – das Spiel gegen Dresden offenbarte eine andere Qualität derselben Akteure.

Das Gedeihen und in Ruhe formen lassen statt demonstrativer Hektik, diese Coolness nach außen statt mackerhaftem Aktionismus, dieses Festhalten an Lienen und behutsames Ausgleichen der Defizite des Kaders und des Funktionsteams – wow! Und, siehe da, zumindest in diesem Zwischenhoch funktioniert es und setzt Früchte an. Hut ab! Das ist nämlich wirklich Managementqualität, auf diese Weise ganz in Ruhe zu gestalten.

Den Raum des Spielfelds bespielen und sich zu eigen machen, so, wie die Mannschaft das tat, der Spirit, das Nachsetzen, das Wollen, ja, auch das Befolgen des Appells, nun nicht auf Teufel komm raus bis zum Konter, der rein geht, Rauschhaftigkeit zu zelebrieren, sondern nach der Einwechslung von (leider) Sören Gonther doch lieber nicht zu sehr zu öffnen und Dresden abprallen zu lassen: Mir gefiel’s. Im Gegensatz zu Anderen sah ich keinen stehenden KO zwischendurch, sondern pure Konzentration.

Kann mich ja irren.

Zumindest ist dieses bleierne Gefühl in mir geschmolzen, nur noch aus Treuverpflichtung und Anhänglichkeit bei (fast) jedem Heimspiel ins Stadion zu traben und da wie auch immer durch zu müssen, die Zeit hinter mich zu bringen, weil es zu meinem Leben halt dazu gehört, und in Hoffnungslosigkeit dem Abgrund entgegen zu schlurfen.

Hoffnung fühlt sich ja gut an.

Nun ist sie wieder da – auch um mich rum, dort auf der Haupttribüne bei den Schlechterfans, denen die Mannschaft schon gar keine gemeinsame „Welle“ nach dem Spiel mehr schenkt. In zartem Grün und ganz verhalten keimte Zuversicht um mich herum und ließ die Möglichkeit des Frühlings inmitten eisiger Kälte erahnen. Das war sehr schön. Danke, liebe Mannschaft des FC St. Pauli.

Integrationsunfähigkeit

Das alles, also, der FC St. Pauli und sein Spiel, prägt ja Wochenstimmungen und Jahresverläufe. Auch dann, wenn, ständig nach Köln geschickt, der Weg in dortige St. Pauli-Fankneipen mich führt, wo auch Pils, nicht nur Kölsch vom Fass aus dem Zapfhahn plätschert und schon nach ein paar Tagen so eine kuriose Identitätsvergewisserung sich heraus bildet. Ein Gefühl für das bis dato gelebte, eigene Leben, das war schon okay, da, wo es statt fand – angesichts dessen ist es der blanke Hohn, nun jenen, die gewollt oder auch nicht für länger da weilen, wo bisher sie nicht wohnten, nun ein „INTEGRATION“ ins Gesicht zu brüllen. Ich bin dazu schon nach 2 Tagen Köln nicht mehr in der Lage und werde dort auf Anhieb st. paulianischer, als wenn ich hier so durch’s Viertel streife.

Und litt dann deshalb, wenn RWO- und Werder-Bremen-Fans (ja, mit solchen treffe ich mich in Köln) an den Tresen der Südstadt mich mitleidig betrachteten und mir zuraunten, sie hätten ja ein St. Pauli-Spiel gesehen, und dass es so schlimm sei, das hätten sie nun auch nicht gedacht …

Wohlgemerkt: Das war VOR den letzten drei Spielen! Das gegen Stuttgart sah ja auch schon ganz anders aus, trotz Niederlage. Es tut sehr gut, die Vorstellung, das nächste Mal in der „Lotta“ nicht nur in Wehmut auf Bilder des alten Millerntores zu schauen, sondern mich wieder darüber zu freuen, auch regelmäßig ins neue zu gehen … nein, ich muss wirklich nicht immer nur Siege sehen. Aber dass Gefühl, dass sie zumindest möglich sind, das motiviert mich schon. Ich fucking Erfolgsfan.

Verderben:

„Er gibt auch die Hoffnung nicht auf. „Es fallen so viele rings um mich, und ich lebe noch. Vielleicht ist es mir doch vergönnt, zu überleben und Zeugnis abzulegen“
Sein Wunsch wird wahr. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 bedeutete für ihn die Rettung vor der bevorstehenden Deportation, denn das Judenhaus, in dem er lebte, stand sofort in Flammen.“

Die Rede ist von Viktor Klemperer. Er war nicht der einzige, der dem Deportationsbefehl entrann.

„Ich hörte die Nachricht gegen 22 Uhr, in einem kleinen Dorf in der Altmark, wo wir nach unserer Ausbombung in Hamburg vom 29. auf den 30. Juli 1943 untergekommen waren. Bald darauf setzte auch schon das Dröhnen über uns ein – eine der Angriffsrouten führte über diesen Teil Deutschlands. Es klang wie die Schläge einer ungeheuren Glocke, ein stählernes Schnauben, brüllende Kriegsmotoren, endlose Geschwader, ostwärts brausend – noch 20 Minuten bis Berlin. Und dann, mir sträubt sich die Feder, geschah es. Obwohl ich den Luftkrieg und seine Schrecken durch die »Operation Gomorrha« doch gerade am eigenen Leibe gespürt hatte; obwohl ich genau wusste, was Minen, Stabbrandbomben und Phosphor anrichten, und dass in weniger als einer halben Stunde die todbringende Last über Berlin ausgeklinkt werden würde – ich rannte nach draußen, jubelte in der Dunkelheit auf der leeren Dorfstraße, jauchzte und schickte meine glühenden Grüße und Wünsche hoch in den lärmzerfetzten Himmel. Ohne Gedanken an die Männer, Frauen und Kinder, die verstümmelt, verschüttet, verbrennen würden und deren letzte Lebensnacht angebrochen war.“

Das schrieb Ralph Giordano in einem (mich zumindest) tief berührenden Text, der diese entsetzliche Ambivalenz, die angesichts der Bombardierung Dresdens greift, zum Ausdruck bringt. Und den zu lesen ggf. davon abhalten könnte, dergleichen auf Plakaten überhaupt verdichten zu wollen.

Aber: Gemach! Es kommt noch ganz anders …

Im Stadion dachte ich noch zu dem Plakat, das nun bundesweit distribuiert Emotionen anstachelt, was wohl vielen anderen auch durch den Kopf schoß: Na, die Oberzeile hätte aber auch gelungener formuliert werden können, das haut so nicht hin, ist so nicht okay.

Die Unterzeile sitzt und trifft – klar gilt es, den Opfermythos immer wieder neu zu geißeln. Der sich in anderen Städten, wie auch Giordano schreibt, in Hannover, wo ich aufwuchs, in Köln oder auch Hamburg nicht im selben Ausmaß aktivieren lässt.

Mir war auch nicht klar, wieso das über die Formulierung hinaus nun Dynamo aufgeprägt zu werden hat, geht doch allgemein um Dresden, nicht den Verein – obgleich auch ich die Transparente, die die so zu schreiben pflegen, schon auch wahr genommen habe und mir manche Umtriebe bei den dortigen Fans durchaus bekannt sind.

Aber: Angesichts dieses durch wirklich ALLE relevanten und irrelevanten Medien sich ziehenden Gebrülls, angesichts des völlig absurden Prädikats „geschmacklos“, als ginge es um die Auswahl der Gardinenfarbe für’s Wohnzimmer, angesichts einer völlig aufgescheuchten Vereinsstellungsnahme, die übergriffig und entmündigend agitierte, angesichts grotesker Behauptungen wie jener, „Hass auf die Bevölkerung Dresdens“ sei formuliert worden, kurz vor „Deutschenfeindlichkeit“ gerade noch so gestoppt, sozusagen, und das schreiben ausgerechnet jene, die jede noch so rechte, noch so misogyne oder sonstwie herabürdigende Parole im Sinne von „Meinungsfreiheit“ und „Pluralismus“ schützen wollen; angesichts endloser Tiraden von Dresdener Linken und St. Pauli-Fans, die nun ihr Engagement gegen Rechts entwürdigt sahen, die üblichen Litaneien von der „Arroganz“ anstimmend, die mensch aus dem Osten nun auch in- und auswändig gelernt immer wieder vernimmt; und, on top, das Auspacken eigener Kriegsgeschichten aus der Verwandschaft (ich hätte da auch welche auf Lager, keine Sorge, nur hatte ich zum Glück Verwandte, die sehr früh mich lehrten, auch schwere Kriegsfolgen niemals zur Selbst-Opferisierung der Täter zu nutzen, die manche meiner Ahnen noch nicht einmal waren, andere waren es schon. Aber da zeigt sich eben bis heute das, was Hannah Arendt direkt nach dem Krieg schon geschrieben hat: Es entschuldigen sich fortwährend die, die gar nichts taten, und die anderen machen einfach so weiter wie vorher oder sehen sich gar als Opfer), dieses einstimmige Geschrei: Das ließ mich doch zumindest überlegen, ob da nicht in ein ganz richtiges Nest gestochen wurde von dem Plakat. Insofern finde ich auch nicht, dass zu ihm schon alles gesagt wurde.

Viktor Klemperer hat geschrieben, dass Sprache wie Arsen wirken könne, fein dosiert eingesetzt und irgendwann doch tödlich.

Und diese Tödlichkeit zeigt sich meines Erachtens nicht in dem Plakat ganz unabhängig davon, was mensch nun von der Oberzeile hält.

Ich sehe aber die Gefahr, dass Geschichtsvergessenheit, ja, ausgerechnet ein Begriff vom Nazi Heidegger, sich fortwährend und allgegenwärtig in einstimmigem Gebrüll äußert, wie ja schon bei der massenmedialen Verteidigung des Racial Profilings nach der Sylvesternacht in Köln, als teutonische Horden sich wieder ganz so gebärdeten wie ihre Vorväter.

Dass gerade über die Mischung aus Schlusstrichen, der Abwehr gegen vermeintliche  „Moralkeulen“ deren Erfindung durch gerade jene, die noch jede Lüge und Diffamierung unter „Meinungsfreiheit“ verbuchen, schon so dominant wurde; dass dieses Reinwaschen der sich ständig in ihrem Opfernarzißmus suhlenden, angeblich „Political Correctness“ Unterworfenen schon so eine Selbstsicherheit gewonnen hat; dass dieses schon nicht mehr an „Moralkeulen“, sondern diskursiven Totschlag gemahnende Geschrei letztlich eines belegt: Wie erfolgreich der „Opfermythos“ wirkt. Auf allen Ebenen.

Das ist eine rechte Erfolgsgeschichte. Schrecklicherweise.

Dass nun ausgerechnet in diesem Fall „der Verein“ sofort springt, als hätten die Gegner ihm ein Stöckchen hin gehalten und losreferiert, mag sich zwar einerseits dem verdanken, dass sie wollen, dass der „Opfermythos“ kritisierbar bleiben möge – aber eben auch einer Angst, die sich längst als Arsen in den Strukturwandel der Öffentlichkeit eingegraben hat.

Weil eben klar ist, dass das Geschrei von Mopo bis DIE WELT, von DSF bis sonstwohin derart drastisch ausfallen würde, wie es nie der Fall ist, wenn wirklich Schlimmes passiert – woraufhin sofort die Vorwärtsverteidigung anspringt.So lese ich das zumindest.

Das merke ich ja selbst, wenn es um „Dresden“ geht: Ich meide das Thema in Kollegen- und Freundeskreisen mittlerweile. Weil es in diesem Fall grundsätzlich aber so was von rund geht und das Nichtertragenkönnen der eigenen, deutschen Vergangenheit anspringt wie ein gut geölter Motor. Weil die Kettensäge der Geschichtsklitterung anschließend wenig übrig lässt.

Dieses MEIDEVERHALTEN, das ja auch bei anderen Themen längst wirkt, oje, bitte die Themen Islam, Feminismus, „Nafris“, Heterosexismus, deutsche Geschichte („aber die Amis und die Indianer!“), Kolonialismus, Rassismus außerhalb dieses Blogs lieber nur noch da anzusprechen, wo halbwegs sicher eingeschätzt werden kann, dass es nicht gleich völlig eskaliert oder aber nur der Weg aus der Situation bleibt. Lieber flüchten, da droht Gewalt – das spricht natürlich komplett gegen mich. Aber es ist passiert. Und es zeigt sich eben auch an der Vereinsverlautbarung: Das eigene Verhalten orientiert sich an dem, was als angedroht blüht. Mutmaßlich wirksame Überzeugungen will ich dabei nicht weg schreiben, keine Sorge. Das Leben ist vieldimensional.

Und auch wenn ich die Oberzeile des Transparentes immer noch als sehr mißlungen empfinde: Ich danke den Plakatmalern, dass sie mich wieder darauf hinwiesen, wo ich mittlerweile selbst den Weg des geringeren Widerstands oft wähle.

Sie haben schlicht aufgezeigt, wie nachhaltig der Opfermythos längst den Diskurs ganz und gar nachhaltig vergiftet hat.

Wie die Rechten einen Erfolg nach dem anderen damit erzielen, bestimmte Themen der Diskussionsfähigkeit zu entziehen und SICH an deren Stelle zu setzen.

Meines Erachtens ist das offizielle Vereinsstatement ein Beleg dafür, wie gekonnt sie uns längst dressiert haben.

PS: Ich behalte mir vor, bestimmte Kommentare unter diesem Eintrag unbegründet zu löschen. Die haben anderswo genug Raum.

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4 Antworten zu “Über’s Gedeihen und Verderben: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:0

  1. Pingback: Bombenopfer-Transparent: Ultrà Sankt Pauli polarisiert |St. Pauli Nu

  2. Gegengerader Februar 14, 2017 um 9:09 am

    Ich lese Deinen Blog nur unregelmäßig, stimme auch nicht so oft mit Dir überein, habe mich aber noch nie genötigt gefühlt hier einen Kommentar zu schreiben. Heute schon. Denn ich möchte Dir Dazke sagen, für diesen Beitrag. 🙂

  3. Pingback: Besorgte Bomber | lichterkarussell

  4. Pingback: #FCSP gewinnt daheim gegen Dresden. Der Kampf gegen den Opfermythos geht weiter. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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