Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Stellungnahme des FC St. Pauli zur Trump-„Under Armour“-Connection

Nun ist es da, das Statement des FC St. Pauli zur politischen Praxis des „Under Armour“-CEOs Kevin Plank.

Presseverlautbarungen zufolge gehörte Plank zu den ersten Wirtschaftsvertretern, die Trump unmittelbar nach seiner Amtseinführung zu sich lud. Plank bezeichnete Trump unter anderem als „Asset“ und äußerte sich positiv über dessen nationalistische Politik -also z.B. die Rückverlagerung der Produktion von Industriegütern in die USA mitsamt eines flankierenden Protektionismus. Das referiere ich hier aus der Erinnerung.

Der Punkt ist deshalb so heikel, weil er aufzeigt, wie anknüpfungsfähig vieles von dem, was Trump treibt und proklamiert, auch bei manchen Irgendwielinken ist. Ist die Kritik an Produktionsbedingungen in China oder Wünsche nach mehr Protektionismus, um Freihandel und Globalisierungsfolgen einzudämmen, doch auch bestimmten Gruppierungen links nicht fremd, und das nicht erst seit gestern.

Das kompliziert zwar die Sachlage erheblich und kostet Leser, die auf Meme und Slogans fliegen und glauben, Politik sei das, was auf Aufklebern steht. So what.

Komplizierter, meines Erachtens verwirrend äußerte sich nun die Geschäftsstelle des FC St. Pauli ganz offiziell, den Präsidenten zitierend, auf der Vereins-Hompepage:

„Der FC St. Pauli kann Steph Curry, dem schärfsten 3-Punkte-Schützen der NBA und Anteilseigner unseres Ausrüsters, in seiner Einschätzung zum neuen Präsidenten der USA nur folgen. Mehr gibt es zu dieser Person nicht zu sagen. Weiterhin wünscht sich der FC St. Pauli, dass Under Armour-Gründer Kevin Plank seine Aussage, gerade angesichts der Vielzahl an MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund, die viele Assets für seine Firma bringen, überdenkt. Denn, lieber Ausrüster, der Spruch ,Protect Our House’ gilt auch für den FC St. Pauli und dessen Werte“, erklärte Club-Präsident Oke Göttlich.“

Das kann man zwar als mögliche Kampfankündigung deuten, sollte Herr Plank sein Vorgehen nicht überdenken. Was ja zu wünschen wäre. Wohlwollender Lektüreversuch. Und mir reicht es doch nicht. Das sei begründet.

Zum tieferen Verständnis: Steph Curry, US-Basketball-Star, sagte unter anderem, Trump könne mensch als „Asset“ bezeichen dann, wenn sie das „-et“ weglassen würde.

Ich vermute, dass Oke das meinte.

Was nun jedoch bei weitem nicht alles ist, was zu Trump zu sagen wäre. Wie auch diverse US-Unternehmen es längst vormachten, die sich ganz außerordentlich deutlich positioniert haben. Deutlicher auch als der FC St. Pauli. Und das ist schlimm.

Da immerhin unsere Spieler mit den Klamotten von Under Armour auflaufen und Trump nicht für Beliebiges steht, sondern für allerlei Übel, das sich auch als Blaupause für Brexit-Befürworter, Le Pen, Wilders, AfD und darüber hinaus eignet, bedarf es einfach einer Vertiefung des Themas. Ein so verklausulierten Herumeiern geht meines Erachtens gar nicht.

Deshalb lohnt ein Blick auf die offiziellen Verlautbarungen von Under Armour in den USA, die recht umfänglich zitiert seien – weil die Methoden, mit denen ein Trump und dieses Gruselkabinett, das sich rund um ihn konzentriert, Kevin Plank lockt, ja auch hierzulande Modelle abgeben könnten, den Rechtsruck noch weiter zu forcieren.

Das ist jetzt umfangreich und anstrengend; will der FC St. Pauli nicht politischer Beliebigkeit anheimfallen, kann ein wenig Lektüre jedoch nicht schaden:

“At Under Armour, our culture has always been about optimism, teamwork, and unity.  We have engaged with both the prior and the current administrations in advocating on business issues that we believe are in the best interests of our consumers, teammates, and shareholders. Kevin Plank was recently invited at the request of the President of the United States, to join the American Manufacturing Council as part of a distinguished group of business leaders. He joined CEOs from companies such as Dow Chemical, Dell, Ford, GE and Tesla, among others to begin an important dialogue around creating jobs in America. We believe it is important for Under Armour to be a part of that discussion.

“We have always been committed to developing innovative ways to support and invest in American jobs and manufacturing.  For years, Under Armour has had a long-term strategy for domestic manufacturing and we recently launched our first women’s collection made in our hometown of Baltimore, MD. We are incredibly proud of this important first step in the evolution of creating more jobs at home.

“We engage in policy, not politics. We believe in advocating for fair trade, an inclusive immigration policy that welcomes the best and the brightest and those seeking opportunity in the great tradition of our country, and tax reform that drives hiring to help create new jobs globally, across America and in Baltimore.

“We have teammates from different religions, races, nationalities, genders and sexual orientations; different ages, life experiences and opinions. This is the core of our company. At Under Armour, our diversity is our strength, and we will continue to advocate for policies that Protect Our House, our business, our team, and our community.”

Kurzfassung: Dell, Ford und andere waren ja auch dabei. Das sei nun mal der gewählte Präsident der USA. Lokale und regionale Produktion anzukurbeln sei schon länger das Ziel von „Under Armour“, und diese Firma engagiere sich halt nicht politisch.

„Under Armour“ plädiere für Fair Trade, würde sich über Steuerreformen, die die Wirtschaft ankurbelten und Jobs schafften, freuen – und das Unternehmen arbeite ja mit Menschen aller Ethnien, Religionen, Nationalitäten, Geschlechts, Altersgruppen, Lebenserfahrungen und Meinungen zusammen.

Wie schön.

Letzteres wurde gekürzt übersetzt auch in die Stellungnahme des FC St. Pauli als Aussage des Ausrüsters hinein kopiert. Ich hatte, einfach, weil die Fairness das gebietet, auch „Under Armour Europe“ vor Verfassen dieses Textes angemailt, um zu wissen, wie die europäischen Ableger zu alledem stehen. Die Antwort kam prompt und war sehr freundlich; inhaltlich wurde ich aber auf die gemeinsame Stellungnahme mit dem Verein verwiesen.

Ich musste da schon schlucken.

Das Kabinett von Donald Trump wurde meines Wissens u.a. von Stephen King als „Who is who der Homo-Hasser“ bezeichnet.

Da werden sich die ganzen „Teammates“ von „Under Armour“ aus der LGBTIQ-Community aber sehr freuen, wenn sie mitbekommen, dass jemand, der sie für Statements missbraucht, mit jemandem wie Trump kungelt. Also ein Präsident, der lauter Minister ernannt hat, von denen zum Beispiel einige meines Wissens so genannte „Konversionstherapien“ befürworten.

Was das ist, kann am eindeutigsten in der Serie „American Horror Story“ fiktionalisiert und schockierend betrachtet werden: Noch in den 60ern war es nicht unüblich, z.B. Schwulen und Lesben Elektroschocks oder Brechmittel zu verabreichen bei zeitgleichem Vorführen appetitlicher Fotos von Vertretern des gleichen Geschlechts,. Das Ziel: Sie „umzukonditionieren“.

Als Mike Pence Vize-Präsident wurde, erschienen einige Artikel in den USA von Schwulen, die geradezu Panikattacken durchlebten, dass so einer nun Vize-Präsident wird. Diese Personalie und auch andere aus dem Kabinett re-traumatisieren und machen Angst. Meinen Lektüren zufolge findet Mike Pence „Konversionstherapie“, die auch in nicht ganz so offensichtlich an Folter gemahnenden Varianten angewendet wird, nämlich super – und die Gewaltandrohung, die von Politikern seines Schlages ausgeht, ist immens. Alleine schon, dass der da sitzt, wo er sitzt, ist eine Drohung.

Einige der Mitglieder des Kabinetts von Trump plädieren auch für „Religious Freedom Bills“, also die gesetzlich garantierte Freiheit, aufgrund religiöser Überzeugungen nicht nur Schwule, Bi- und Transmenschen und Lesben, sondern auch alleinerziehende Mütter oder heterosexuelle Paare, die außerehelichen Sex ausüben, diskriminieren zu dürfen. In den Konsequenzen reichte das von der Verweigerung eines Hotelszimmers über Kündigungen von Jobs und Wohnungen bis hin zur unterlassenen Hilfeleistung im Falle von ärztlicher Notversorgung.

Die Attacken auf „Obamacare“, die Gesundheitsversorgung, könnten als erstes u.a. HIV-Infzierte und deren Möglichkeit der Medikation treffen.

Eine der ersten Amtshandlungen von Trump war, wenn ich richtig informiert bin, ein Wiedereinsetzen der „Global Gag Rule“, einer auch unter Ronald Reagan und George W. Bush gültigen Regelung, die es untersagt, dass der Regeirung untertstehende Institutionen Organisationen fördern, die Abtreibungen stützen oder durchführen. Und das global: Gerade für die Gesundheitsversorgung in afrikanischen Ländern hat das diversen Berichten zufolge drastische Konsequenzen.

Sorry, so scheiße ich die „Pussy“-Werbung von Thomsen fand und so richtig die darauf folgenden Proteste: Gegen die „Global Gag Rule“ ist das ein Fliegenschiß.

Der „Muslim-Ban“, 7 Länder betreffend, hat in den USA die größte Protestbewegung seit jener gegen den Vietnamkrieg hervor gebracht.

Aus was für einer Ecke Steve Bannon, wohl wichtigster Präsidentenberater, kommt, das sollte mittlerweile auch jeder, der ein wenig die Medien verfolgt, wissen – der größte Unterschied zur „Neuen Rechten“ hierzulande besteht meines Wissens darin, dass die „Alt-Right“ wirtschaftslibertär orientiert zu sein scheint. Ein Haufen übler Rassisten ist das all den Artikeln zufolge, die ich zu dem Thema gelesen habe.

Angesichts der hier nur ausschnittsweise skizzierten Agenda von Trump, seinem Umfeld und seinen Beratern und wie auch der Akteure, die rund um ihn herum Politik machen, erscheint mir das Statement von „Under Armour“ sogar latent zynisch. Ja, es ist auch möglich, es als Unterstützung von Bevölkerungstruppen gegenüber der neuen Regierung zu lesen. Das wäre aber anders zu formulieren.

So ein böder Textbaustein aus der Derailing-Abteilung öffentlichen Diskutierens kann ich einfach nicht als Solidarisierung lesen, mag an meiner Leseschwäche liegen – wenn Plank sich da tummelt, wo Leute wie Steve Bannon Macht ausüben, ist er zwar weder Trump noch Teil seines Apparates. Aber es gibt aktuell genug Beispiele aus den USA, dass es möglich ist, sich auch anders und deutlicher zu positionieren als Unternehmen, denn gleich zu den ersten zu gehören, die beim neuen Präsidenten vorstellig werden und ihn auch noch öffentlich promoten.

Viel zu wenig somit meines Erachtens auch die Aussagen vom ansonsten sehr geschätzten Oke. Nun zu behaupten, das, was Steph Curry gesagt habe, sei nun auch schon alles, was da relevant sei: Sorry, ich weiß sehr wohl, dass da auch vertragliche und juristische Fragen dran hängen. Aber noch schwächer ging es nicht?

Was ich erwarten würde, das ist nicht irgendein verschrobenes Herumeiern, sondern eine offensive Solidarisierung z.B. mit den Millionen, die beim „Women’s March“ unterwegs waren. Von den dort Aktiven und den Diskussionen, die drumherum geführt werden, könnte nämlich auch rund um den FC St. Pauli eine ganze Menge gelernt werden, anstatt fortwährend nur noch die verflossene Jugend des Gegengeraden-Establishments zu mumifizieren.

Das gehört auch zu Zeiten des Abstiegskampfes und mutmaßlich folgender, wirtschaftlicher Probleme noch dann ganz weit oben auf die Agenda, wenn langfristige, vertragliche Bindungen an „Under Armour“ bestehen.

Und ob sich Sponsoren wie Levis noch in einem Umfeld wohlfühlen, in dem einer wie Plank agiert, das ist eine ebenso offene Frage.

Großartig „Kein Fussball den Faschisten“ an die Gegengerade zu schreiben und zugleich mit einem Ausrüster aufzulaufen, dessen CEO Trump umarmt und öffentlich abfeiert, „Asset“, das ist nicht die Form von Widerspruch, die Marx als Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung begriff.

FC St. Pauli-like wäre, genau die Kräfte zunächst symbolisch, dann tatsächlich zu stützen, die sich Trump und all den europäischen Ablegern dieser ja tatsächlich internationalen Bewegung entgegen stellen. Eindeutig, unmißverständlich und lautstark.

Ich habe diese „Stellungnahme“ wirklich als Ohrfeige gelesen. Sie tat weh. Mir zumindest.

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu “Die Stellungnahme des FC St. Pauli zur Trump-„Under Armour“-Connection

  1. Pingback: Under Armour: Zeit, Flagge zu zeigen #JollyRouge |St. Pauli Nu

  2. Pingback: #FCSP gewinnt daheim gegen Dresden. Der Kampf gegen den Opfermythos geht weiter. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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