Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2017

Über’s Gedeihen und Verderben: FC St. Pauli – Dynamo Dresden 2:0

Was schreiben, wenn schon alles gesagt und trotzdem auch von mir, ja!, so viel gefühlt wurde – Konträres, Aufwühlendes, Begeistertes, im Nachklapp Entsetztes?Ich versuch’s mal …

Gedeihen:

Ja, enorm. Wo ich am Freitag so über Geschäftsstelle und Präsidium meckerte, weil ihr Aufjaulen angesichts des Agitierens des „Heads of Under Armour“, dessen Rost des Denkens unter polierten Oberflächen sich ausweitet, so verhalten nur erklang – das Spiel gegen Dresden offenbarte eine andere Qualität derselben Akteure.

Das Gedeihen und in Ruhe formen lassen statt demonstrativer Hektik, diese Coolness nach außen statt mackerhaftem Aktionismus, dieses Festhalten an Lienen und behutsames Ausgleichen der Defizite des Kaders und des Funktionsteams – wow! Und, siehe da, zumindest in diesem Zwischenhoch funktioniert es und setzt Früchte an. Hut ab! Das ist nämlich wirklich Managementqualität, auf diese Weise ganz in Ruhe zu gestalten.

Den Raum des Spielfelds bespielen und sich zu eigen machen, so, wie die Mannschaft das tat, der Spirit, das Nachsetzen, das Wollen, ja, auch das Befolgen des Appells, nun nicht auf Teufel komm raus bis zum Konter, der rein geht, Rauschhaftigkeit zu zelebrieren, sondern nach der Einwechslung von (leider) Sören Gonther doch lieber nicht zu sehr zu öffnen und Dresden abprallen zu lassen: Mir gefiel’s. Im Gegensatz zu Anderen sah ich keinen stehenden KO zwischendurch, sondern pure Konzentration.

Kann mich ja irren.

Zumindest ist dieses bleierne Gefühl Mehr von diesem Beitrag lesen

Facebook-Splitter: Kevin Plank, der Neoliberalismus und Fragen nach Möglichkeiten linker Politik

(Der folgende Text ist mir bei Facebook soeben eher passiert. Er greift am Anfang und Ende die „Under Armour“-Frage auf und liefert neue Zitate. Er geht aber ansonsten teilweise über das hinaus, was im Rahmen eines Vereinskosmos oder gar offiziellen Stellungnahmen des FC St. Pauli noch diskutiert oder Leitlinie sein könnte. Das würde selbst ich nicht vom Präsidium erwarten.)

Nicht, dass GQ nun meine bevorzugte Quelle wäre, das ist aber definitiv interessant. In einem neueren Statement suggeriert wahlweise Kevin Plank oder die Under Armour-Unternehmenskommunikation, so klar ist mir das ja nicht, Haltung und spricht sich vorsichtshalber aufgrund des schweren Imageschadens gegen den Trumpschen „Travel Ban“ aus:

Er verknüpft diese Frage aber wiederum mit der nach der Re-Nationalisierung industrieller Produktion.
Mir ist ein Rätsel, wie es sein kann, dass eine immer homophober werdende „Linke“ bis hin zur hochverdienten Nancy Fraser (den Text habe ich im St. Pauli-Forum gefunden, danke an Astranaut) nun plötzlich die Menschen im „Rust Belt“ wieder entdeckt, ohne Fragen des Wandels der Realwirtschaft in ehemaligen Industrienationen mitzudiskutieren.
Knackpunkt ist doch die Deindustrialisierung , auf Europa bezogen die Verlagerung der Produktion zunächst in ehemals real-sozialistische Staaten weiter östlich, dann gen Asien. Was in China zum Boom führte.
Deshalb können die ganzen klasssischen, linken „Arbeiterbewegungsfragen“ auch gar nicht so diskutiert, als müsse man nur wieder wie die 68er in die Fabriken gehen, um dort zu agitieren. Und die politisch Aktiven wollte da schon damals keiner haben.
Es gibt dazu weit und breit keine mir bekannte, linke Antwort. Die versucht Trump nun aber tatsächlich gerade zu geben durch die Renationalisierung der industriellen Produktion, und exakt da dockt nun, Profit riechend, Kevin Plank an. Das ist auch wirklich die große Gefahr dieser Bewegung, nicht zufällig zieht Oscar Lafontaine ja schon nach.
Ein weiterer, damit korrespondierender Mythos: „Individualisierung“ sei als zentrales Motiv „des Neoliberalismus“ gewesen. Sehr wohl liegt dessen Stärke und Erfolg in der Vereinzelung und Entsolidarisierung – diese freilich hatte er nie exklusiv für sich allein reklamieren können.
Das haben die Kumpels beim Streik bei Ford in Köln 1973 den so genannten „Gastarbeitern“ schon sehr und nachhaltig deutlich gemacht, dass diese keine Solidarität zu erwarten haben. In post-migrantsichen Communities und deren Erzählungen taucht dieser Streik nicht zufällig immer wieder an zentraler Stelle auf, während er unter „weißdeutsch“  Gelesenen in der Regel keine Rolle in der Geschichtsschreibung spielt.
Die Klassenfrage ohne die nach Rassismus zu stellen führt eben da hin: Zur Entsolidarisierung von den Marginalsierten. DAS ist zentral für neoliberales Agieren und dessen Folgen. Und die französische KP hatte da in den 60er Jahren auch keine Antwort parat. Eben darüber schreibt Didier Eribon ja auch. Sie hat das lediglich kaschiert.
Strukturell analog wird ja in den USA rund um „White Feminism“ diskutiert: Dieser stelle eine Entsolidarisierung dar, weil er Intersektionalität, also ein Verbinden z.B. von Fragen  zu „Race“ und „Gender“ in der Theoriebildung und politischen Praxis, nicht berücksichtige. In Deutschland führt das zu aktuellen Positionen von Alice Schwarzer.
Die „Spalter“ sind nicht jene, die darauf hinweisen, dass Blackness und Whiteness als nicht etwa „humane Essenzen“, sondern in zwischenmenschlichen Beziehung wie auch gesellschaftlichen Hierarchiebildungen wirksame und in der Sozialisation erlernte, soziale Tatsachen zu begreifen sind. Nix da „Essenzialismus“. Dessen Behauptung ist irrationale Lektüreverweigerung, um sich Argumentationen zu entziehen, wir dhlat mit Begriffsfetischen agitiert, um wissenschaftlichen Fortschritt zu verhindern.
Es ist ja richtig, die Frage nach Klassen wieder in den Mittelpunkt zu rücken – dieses gelingt aber bestimmt nicht, wenn kollektive Erfahrungen Nicht-Weißer wegzensiert und nieder gebrüllt werden wie die von Frauen sowieso auch immer schon. Dieses ganze Geschwätz, queere, PoC- und feministische Perspektiven würden nur das „Partikulare“, nicht verallgemeinerungsfähige proklamieren, während WHM seit der Aufklärung für das Allgemeine stünden und gefochten hätten, in dessen Namen sie  kolonisierten, psychiatrisierten und Frauen entrechteten, weil sie immer schon alles besser wussten, ist mindestens ebenso irreführend, wie nun jeden gesellschaftlichen Fortschritt als „progressiven Neoliberalismus“ zu geißeln. Sorry, Nancy Fraser.
Weil ein solcher Utilitarismus eben auch der Begründungsmodus des Kapitalismus wie auch des neoliberalen Begründungsprogramms ist: Fütter ich die Reichen, fällt für die Armen schon was ab, und, da trifft es sich dann, in der Summe, also im Sinne des Allgemeinen, geht es allen besser, und wenn es einigen schlechter geht, ist das eine Art Kollateralschaden.
Das ist exakt das Gegenteil der Indidviualrechtsbegründung in der Kantischen Tradition, ja, auch Kant ein Rassist, wo, wie und warum, ist allerdings aufzuzeigen und liefert keinen Grund gegen Individualrechte – dennoch ist an diesem Punkt der linke, politische Zweig des Liberalismus immer schon weiter gewesen als all die Stalinismen, Leninismen und Zizekismen.
Die These von der „Individualisierung“ als Zentrum ist deshalb falsch, weil der Kern der neoliberalen Agitation immer in der Staat-Wirtschafts-Relation verortet war und nicht in irgendwelchen Lifestyle-Programmen.
Das Geschwätz vom „Individualismus“ – „Ich kenne nur Individuen, keine Gesellschaft“ (M. Thatcher) – diente eher der Propaganda, um der totalisierten „unternehmerischen Freiheit“, der „negativen Freiheit“, also der Freiheit von Hindernissen, die Bahn frei zu schießen. Einer Freiheit von staatlichen Restriktionen also. Wozu auch alles Sozialstaatliche gezählt wurde: Das führte dann in den USA zum Krieg gegen schwarze Frauen, die vermeintlichen „Welfare-Queens“, hierzulande zu Hartz IV.Und heute gegen „Obamacare“.
Ähnliche Vorstellungen „negativer Freiheit“ (Isaac Berlin) führen auch zur Kritik an einem PC-Popanz, wo auch nur die von rechts vorbereitete Agitation auf einmal auf links eingelöst wird und unzulässige Restriktionen, Zensur usw. gegeißelt werden. Vorstellungen, die sich nicht nur im Falle des „Gamer Gate“ in Form eines radikalen Antifeminismus äußern, eines, der sich fortwährend von Mami unterdrückt wähnt, da ist eher magelnde Individuierung im Spiel,  um in aller Ruhe und ungestört „Grab them by the Pussy“ rufen zu können und wie schon beim Gerede vom „Nanny State“ männliche Autonomie recht infantil zu deuten.
Dahinter steht ein ziemlich mackerhafter Macher-Mythos, an dem auch die Ideologie der „unternehmerischen Freiheit“ sich nährt, und exakt den versucht doch Trump gerade in Regierungspolitik umzusetzen.
Da schließt sich nun doch wieder der Kreis zu Kevin Plank:

 

Die Stellungnahme des FC St. Pauli zur Trump-„Under Armour“-Connection

Nun ist es da, das Statement des FC St. Pauli zur politischen Praxis des „Under Armour“-CEOs Kevin Plank.

Presseverlautbarungen zufolge gehörte Plank zu den ersten Wirtschaftsvertretern, die Trump unmittelbar nach seiner Amtseinführung zu sich lud. Plank bezeichnete Trump unter anderem als „Asset“ und äußerte sich positiv über dessen nationalistische Politik -also z.B. die Rückverlagerung der Produktion von Industriegütern in die USA mitsamt eines flankierenden Protektionismus. Das referiere ich hier aus der Erinnerung.

Der Punkt ist deshalb so heikel, weil er aufzeigt, wie anknüpfungsfähig vieles von dem, was Trump treibt und proklamiert, auch bei manchen Irgendwielinken ist. Ist die Kritik an Produktionsbedingungen in China oder Wünsche nach mehr Protektionismus, um Freihandel und Globalisierungsfolgen einzudämmen, doch auch bestimmten Gruppierungen links nicht fremd, und das nicht erst seit gestern.

Das kompliziert zwar die Sachlage erheblich und kostet Leser, die auf Meme und Slogans fliegen und glauben, Politik sei das, was auf Aufklebern steht. So what.

Komplizierter, meines Erachtens verwirrend äußerte sich nun die Geschäftsstelle des FC St. Pauli ganz offiziell, den Präsidenten Mehr von diesem Beitrag lesen

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Amüsiere mich jetzt auch bei Instagram und spiele dort ein wenig herum – für die, die’s interessiert:
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