Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

In Köln sitzen und nicht wissen, was auf der JHV passiert …

Das Rauschen der Straßenbahn dringt aus der Ferne durch das geöffnete Zimmer meiner Interims-Dachgeschosswohnung an der Grenze von Sülz zu Lindenthal. Habe die „Blue Note Monthly“-Playlist September eingestartet; Köln wirft mich ja sowieso immer ein wenig in der Zeit zurück.

Muss gleich noch tun und schaffen, hier am Küchentisch mit Blick auf Dächer und herbstliche Baumspitzen – klar, deshalb bin ich in Köln, zum Arbeiten, und ich weiß um das Privileg, gut bezahlte Jobs zu bekommen, die ganz lustig sind, wo angenehme Menschen mit umgeben und die Firma sogar noch die Wohnung zahlt. Was ein Appell es, es zu so zu nutzen, dass es keines bleibt. Ist mir hier und da sogar schon gelungen. Eine ganz hübsche Behausung, Wohnküche und Schlafzimmer, von dem aus in Richtung City der Blick über Dächer schweift und an den wenigen richtigen Hochhäusern hängen bleibt, der Dom freilich ist mir verdeckt – und doch musste ich zuerst das Geschmacks-Verbrechen „Tassimo“ durch einen richtige „Espresso“-Kanne ergänzen.

Köln bringt immer in so existentialistische Stimmungslagen.

Nicht nur, weil hier und da ein entferntes Echo von Paris die Anordnung der Stühle vor den Cafés zu inspirieren scheint – auch, weil bei meinem letzten Aufenthalt hier ich zwar an etwas werkelte, dass später sehr erfolgreich wurde und mich glatte 10 Jahre mit Arbeit versorgte (und im Grunde genommen jetzt auch schon wieder), aber nach anfänglicher Begeisterung vor dieser Stadt einfach nur noch flüchten wollte. Durch Handlung mich neu erschaffen als jemand, der hier nicht mehr wohnt. Hatte die Wohnung in Hamburg aber auch immer behalten.

Ja, ich bin auch wegen eines Köln-Aufenthaltest 1998/99 im Millerntor-Stadion gelandet. Damals spielten wir in dem Büro, in das wir eingemietet waren, immer Tipp Kick-Turniere, und ich, vom Fussball völlig unbeleckt, obgleich ich seit ’87 nur mal 3 Monate nicht in unmittelbarer Nähe des Stadions wohnte, als FC St. Pauli antrat. Und mich wacker schlug, obgleich Tipp-Kick nie meine Welt war.

Und doch ergriff mich hier ein Identitätsfilm ohnegleichen: Drei mal täglich mussten die „St. Pauli Boys“ der Goldenen Zitronen mindestens gespielt werden. Ich trank nur noch Jever, bloß kein Kölsch mehr, fühlte mich norddeutsch und aß Matjes, wo auch immer ich den bekam. Zum Glück forderte keiner von mir „Integration“.

Ein Hauch von Exil, kein Ankommen, nur Fortwollen, und die hiesige Gay-Community fiel mir so auf die Nerven, das ich erst mal unter Heten auf die Haupttribüne flüchtete, als ich wieder zu Hause war. Erstmals im Stadion. Von Köln dahin geschickt, sozusagen.

Mal gucken, wie die Stadt sich dieses Mal mir präsentiert. Der 11.11. war wieder der befürchtete Kulturschock, so viel anders als der Schlagermove ist der nun aber auch nicht. Partyleben suche ich eh nicht mehr, die ersten Wege in Kneipen fühlten sich besser als damals (obwohl es einst das „Liquid Sky“ in der Kyffhäuserstraße gab, das sehr schön war – der „Sound of Cologne“, Electro, hatte ja was).

Klar, der Kollege am Schreibtisch gegenüber am Donnerstag hatte einen FC-Bildschirmschoner. Aber das Schöne ist ja: Ob nun kurz zuvor in Berlin, wo inmitten Friedrichshains ich erschöpft nach intensivem Tagewerk eine mir unbekannte Kneipe ansteuerte, hinein mich setzte, weil sie sympathisch wirkte  und prompt St. Pauli-Trikots an den Wänden erblickte, oder auch hier, wo Menschen mit Totenkopf-Pullis Dir begegnen und selbst „Trend-Kneipen“ wie das Schmitz die gekreuzten Knochen zitieren: Irgendwie sind wir ja überall, und das ist auch gut so.

Spielberichte schreiben war’s aber aktuell für mich auch nicht mehr. Immer das gleiche, Ja, das Pokalspiel war konzentrierter, geordneter und ganz schön -dafür guckte sich das in Würzburg wieder recht schauerlich an, und nun immer wieder wahlweise wortreich die Liebe des Trotzdem zu verkünden oder aber die Diagnosen, die seit Saisonbeginn sich allzu gravierend auch nicht geändert haben, abzuliefern, solche Rituale prägen das Leben im durchaus schönen Sinne. Aber nach all den Jahren fiel mir dann auch nix mehr ein …

Liebe muss auch schweigen können und erfahren, dass vielleicht ja vielleicht doch ein Woanders Schönes bieten können könnte und auch in der Ferne das Feuer noch glimmt.

Wieso nun genau soll „Under Armour“ uns nicht mehr ausrüsten? Keine Ahnung, habe den Antrag gar nicht gelesen. Werde ich im Nachhinein schon erfahren.

Sitz nun stattdessen da, produziere reine Unterhaltung für Geld, Bread & Butter und lese „Das Café der Existentialisten“ von Sarah Bakewell. Kann ja noch so oft das Neue und die Neugier beschwören, bei denen lande ich doch immer wieder.

„Zu den Sachen selbst!“, „Alles Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas“, „Der Mensch ist bestimmt durch ein Defizit an Sein“, „Der Mensch erschafft sich selbst durch Handlung“, „Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es nicht ist“; dieses und solche Sätze haben sich bei mir ja ebenso eingebrannt wie die Philosophie des Präreflexiven, des sinnlichen Existenzvollzugs, der sich auf Situationen hin entwirft und in ihnen aufgeht.

Bis der Gap einsetzt und das Für-Sich-Seiende beginnt, zu reflektieren und so eine Entfremdung gegenüber dem eigenen Existieren erlebt.

Oder aber im Blick des Anderen sich auflöst, in dem Für-Andere-Sein, um dort eine Seinsweise zu erfahren, die noch nicht einmal zugänglich ist, und doch setzt eine Objektivierung ein, zu der mensch sich verhält – das ist immer noch treffsicher und für alles, wo ich hier auch über Diskriminierung schreibe, wegweisend gewesen. Neben das Überschreiben von Erfahrung, weil der diskreditierende Blick des Anderen Dich auf etwas fest nagelt, zu dem Du Dich dann verhalten musst.

„Die Hölle, das sind die Anderen“ ist ja einer der berühmtesten Sätze Sartres, stammt aus dem Drama „Huis Clos“, dessen Pointe ist: Stirbt der Mensch, kann er sich nicht mehr verändern. So lange er lebt aber eben doch.

Das liegt am Nichts. Das bedeutet Möglichkeit und Leben.

Was gerade in politisch so grausamen Zeiten etwas ungemein Tröstendes hat: Diese zauberhafte, doch ganz und gar mit Sinnlichkeit erfüllte Leere der Philosophie des frühen Sartre, ihr Witz, sogar ihr Zynismus kann helfen, den Kopf zu lüften. Ich versuche das gerade.

Das Feeling seiner Werke hat mich nie los gelassen. Hier in Köln und passt es auch in die Tristesse der Straßen, wo doch alle so auf Frohsinn getrimmt den Look der ganzen 50er, 60er,70er-Jahre-Würfel, die Straße formen, die sehr sich ähneln, überstrahlen wollen und bestens gelaunt sich inszenieren.

Vielleicht fühlt es sich ja diesmal besser an. Berichte von der JHV werde ich trotzdem begierig aufsaugen. Und mich auf’s nächste Heimspiel freuen, an dem ich teilnehmen kann.

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