Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

Kristina Schröder:

„Mein Gefühl ist, dass die Menschen auch hierzulande inzwischen eine tiefe Aversion gegen den „politisch korrekten“ Diskurs haben. Es ärgert sie wahnsinnig, dass man bestimmte Positionen rechts der Mitte nicht mehr artikulieren kann, ohne niedergemacht zu werden. Diese Kultur ist in den USA noch stärker ausgeprägt. In amerikanischen Universitäten werden inzwischen schon „Trigger“-Warnungen herausgegeben, wenn bei Texten die Gefahr besteht, Minderheiten in ihren Gefühlen zu verletzen. Und die Unis sind kulturprägend für den intellektuellen Diskurs in einem Land. Diese Kultur führt aber zu einer geistigen Enge, die viele inzwischen unerträglich finden. Trump ist jemand, der diesen Diskursverboten etwas entgegensetzt. Das hat den Leuten gefallen.“

Winfried Kretschmann:

„“Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben“, sagte er. Auch Menschen, „die ganz anders denken“, verdienten „Respekt und Klarheit“.“

Zizek:

„Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie“

Der Rest der Reaktionären in der irgendwielinken Blogosphäre ist derweil dabei,  Kristina Schröder noch zu toppen und jene in Psychiatrien einweisen zu wollen, die eine weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie konstatieren und fügt sich damit bruchlos in jene Traditionen ein, die schon Lou Reed folterten. Diese Pathologisierungsnummer beansprucht freilich gerade in psychoanalytisch, freudomarxistisch geprägten Teilen der Linken so eine Art Gewohnheitsrecht für sich  – die landen irgendwie irgendwann immer bei Kristina Schröder und Co und werden noch schlimmer, und das auch noch wiederholt und über Jahre hinweg. Der Wurm war da schon immer drin. Da hilft es aber, Foucault mal wieder zu lesen, um das zu überwinden.

Andere meinen, irgendetwas Progressives zu formulieren, wenn gegen „Identitätspolitiken“ (also Feminismus, Kampf für Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transgender-Rechte, „Black Live Matters“ etc.) „der kleine, weiße Mann (!!!) auf der Straße“ in Stellung gebracht wird, ganz pegiadaesk, aber natürlich ganz anders gemeint. Diesem sich zu nun zu widmen sei Gebot statt diesen Regenbogenmischpoken, schwarzen „Behinderten“, hahar usw.  –  es ist allerdings jederzeit möglich, in Analysen einfach das zu kopieren, was eigentlich kritisiert werden sollte. Und so viel Verständnis, wie es aktuell für die Brexit-Voter aufgebracht wird, habe ich für Sufi-Immane in London, die gegen Leute wie Anjem Choudary kämpfen, auf dass ihnen die Youngster nicht weg kippen, nie irgendwo gelesen.

Was dabei ebenso auf der Strecke bleibt, das sind die schwer verängstigten Postings aus der Black Community angesichts des Wahlsieges von Trump, die halt nur dann in den eigenen Wahrnehmungs-Fokus geraten, wenn mensch solchen, die viel zu sagen haben, z.B. auch bei Twitter folgt.

Zu den groben Unfügen der aktuellen Diskussion gehört ja das Wettern gegen „Filterblasen“ – als hätte die NPD und die Republikaner noch keiner gewählt, als es erst nur 3, dann 5 Programme gab, die BILD ALLES dominierte und alle noch brav nach Region und politischen Lagern sortiert ihre Tageszeitung lasen sowie wahlweise in die neuen linken oder alten bürgerlichen Buchhandlungen gingen. Verschwörungstheorien gab es da auch schon, die „Protokolle der Weisen von Zion“ stammen meines Wissens aus dem späten 19. Jahrhundert. Eco hat sein „Foucaultsches Pendel“ Mitte der 80er, deutlich vor dem Internet, geschrieben, als beste Satire über die Genese dieser Weltherrschaftsfiktionen von den Templern bis zu den Freimaurern und den Illuminati. Computer spielen da allerdings eine Rolle.

Was neu ist, ist die Möglichkeit des Zugangs zu Quellen, die vorher nur sehr schwer oder gar nicht erreichbar waren. Die nutzt nur keiner. Der „Atlanta Black Star“ ist mir tatsächlich eine nützlichere Quelle als die Globaldeutung Neuköllner Linker, soweit die US-Wahl betrifft.

Was diese Ignoranz bewirkt, das habe ich hier gestern im vorübergehenden Kölner Exil bewundern dürfen, als stolz und trotzig karnevalesk „Blackfacing“ Zelebrierende am 11.11. ihre Weltsicht zementierten – und ja, das Kostüm unterschied sich in der Haltung deutlich von jenen, die schick und sexy als Piraten, autoritär und total männlich als SWAT-Teams oder ganz niedlich als Kuschelschwein im Plüschfell sich auf den Plätzen versammelten.

Ja, ja, ist natürlich nur ein Oberflächenphänomen angesichts von „It’s the economy, stupid!“ – har,har, von wegen!

Als wären die ökonomischen Verhältnisse nicht immer noch ganz genau so weiß und männlich wie immer schon immer in der Moderne – zumindest hinsichtlich derer, die von ihr profitierten. Und ja, China ist ergänzend zum globalen Player geworden, und auch in afrikanischen Staaten formieren sich allmählich mächtige Ökonomien wie in den Golfstaaten sowieso auch länger schon. Blickt mensch auf die Differenzen konkreter Konstellationen jedoch, dann gibt es zwar überall die Wirkungsmächtigkeit neuer, bürgerlicher Schichten. Das war’s aber auch schon mit gleichschaltenden Globaldeutung. Postkolonianismus und das Verfügen über Rohstoffe oder auch nicht ist allerdings überall relevant. Nur darüber schreiben die „It’s the economy, stupid!“-Schlaumeier nie. Die brauchen das Sprücheklopfen einfach nur, um ganz im Sinne Trumps gegen Frauen, Schwule und Schwarze schießen zu können und in der Kommentarsektion dann „Burka“ und „Flüchtlinge“ irgendwie, aber zwanghaft, zusammen zu bringen.

Wie üblich verfehlen sie das Thema.

Das ist: Es geht um Rationalitäten, um Weisen, wie Vernunft sich geriert und unterwirft, objektiviert und zur Nutzbarmachung zurichtet. Wie der, der sie sich zuspricht, sich aufbläht, Andere zu marginalisieren, auf vermeintlich „Objektives“ sich berufend – so dass selbst das treffsichere, medial nunmehr etablierte Bonmot des „Post-Faktischen“ einerseits zwar  in die richtige Richtung zielt, Mechanismen, wie etwas als faktisch ausgewiesen wird und welche gesellschaftliche Gruppe das jeweils tut, dabei freilich ausgeblendet bleiben. Ja, auch mir ist aufgefallen, dass diese Thesen rund um Hegemonie und Diskurs auch auf der Rechten aufgegriffen werden – klar, es geht da ja auch um Macht. Aber immer auch darum, diese zu entschärfen und zu verflüssigen, damit sie nicht allzuviel Unheil anrichten kann. Deshalb ist das Unheil, was angeblich von Homo-Lobbies“ ausginge, eben erfunden: das, was von Homo-Hassern ausgeht, aber ganz real.

Darum ging es ja in dem Streit um die „Postmoderne“, die aktuell wieder als Stichwort durch Feuilleton-Artikel geistert als mal wieder an allem schuld:  Beliebigkeit, „rein Subjektives“, das war Ziel dieser Denkern am allerwenigsten – die „Dezentrierung des Subjekts“ war Thema der Postmodernen wie auch andere Dezentrierungen, somit die Möglichkeit von Pluralität, oft gegen die radikale Subjektivität des frühen Sartre gerichtet (der einfach auch mal wieder mit ins Boot geholt gehört war, war er doch einer der wenigen weißen, europäischen Denker, der tatsächlich intensiv bedachte, wie denn nun „race“ und „class“ in Relation zueinander stehen, wie mensch sich in Demut angesichts dessen übt. Einer, der damit auch schwarze US-Denker zu inspirieren wusste, die „White Supremacy“ als Grundlage des Rassismus tatsächlich bestreiten. Natürlich liest Lewis Gordon hierzulande kaum jemand; es ist allemal interessanter, was er dazu schreibt, als alle Texte in linken Subkultur-Gazetten zusammen. Seine Lektüre könnte allerdings auch gefährlich enden, wo mittlerweile schon Teju Cole dazu missbraucht wird, kontextbefreit und jenseits jeder Erkenntnis im Sinne der ansonsten ach so gewitzt und triumphierend verkündeten Slogans wie „It’s the economy, stupid“ Tiraden darüber zu schwingen, dass ohne weiße Aufsicht in afrikanischen Staaten ja eh nur Korruption gedeihen würde. Nein, ich verlinke diesen scheingelehrten Mist nicht – dennoch, die Diskussion würde mal ehrlicher, würde sie nicht immer nur das rekapitulieren, was in die Misere überhaupt erst hinein führte, nämlich die narzißtische Weltsicht dominanter Gruppen und nicht etwa die ihrer Opfer. Es täte gut, sich denen öffnen, die in der Reflexion schon ein paar Schritte weiter sind).

Es ist geboten zu schreiben derzeit, was „die Postmoderne“ nun eigentlich so alles proklamierte. Auch, weil sie in vielem ebenso recht behielt wie ihre Kritiker ebenso. Ja, Ambiguität aushalten. Laut Thomas Bauer ist es das, was wir aus der Geschichte des Islam lernen können, bevor die Walhabiten auf westlich Doktrinäres reagierten und es kopierten.

Alles besser als das, was aktuell so geschmierfinkt wird. Die Diskussion Anfang der 80er befand sich einfach auf einem höheren Niveau als heute; es empfiehlt sich die Re-Lektüre.

Allen voran lag Jürgen Habermas in vielem richtig, ja, verrufen für seine Kritik und doch hellsichtig, wie er in der „System-Lebenswelt“-Differenz Prozesse diagnostizierte, die Pegida, Trump und Co ermöglichen und dem Hass-Mob eben doch ganz und gar konträre Antworten  gab, als sie heute von Palmer bis zu Döpfner und der AfD üblich sind.

Weil alles, was derzeit diskutiert wird, sich einfach einer ungenügenden Aufarbeitung und einem ungenügenden Verständnis der globalen Entwicklung zwischen 1964 (z.B. Algerienkrieg, schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA als Vorbild der „Neuen Sozialen Bewegungen“, Milton Friedman und Co legten ungefähr zeitgleich los und bereiteten Pinochet, Reagan, Thatcher, Blair und Schröder vor) und 1989 (Implosion des Sowjet-Imperiums) verdankt und in eben der Diskussion, in der Jürgen Habermas die Moderne zu recht als „unvollendetes Projekt“ beschrieb, alle wichtigen Fragen schon aufschienen. Sollte mal wieder gelesen werden. Dazu hat er viel zu sagen, das war sogar schon seine Ausgangsfrage, bevor die Mauer fiel.

Und doch, da hatte er Unrecht: Es ging nicht um Beliebigkeit in der Moderne-Kritik durch Postmoderne und Poststrukturalisten. Es ging vielmehr darum, zu reflektieren – unter anderem Horkheimer und Adorno folgend – , wie es sein kann, dass trotz Aufklärung, Emanzipationsversprechen und dem Ruf nach Gerechtigkeit, ja, sogar ganz ausdrücklich in deren Namen die Geschichte Walter Ulbricht hervor brachte, dem Zizek aktuell heideggernd nachblökt, und noch viel Schlimmere. Und das ist wohl aktueller denn je.

Ich glaube nicht mehr, dass das in dem Schema „Aufklärung-Gegenaufklärung“, „Moderne-Gegenmoderne“ sinnvoll beantwortet werden kann, weil sehr schnell die Kritik an den Völkischen auf ähnlich simple Schemata zurückgreift. Auf eben jene „großen Erzählungen“, die Francois Lyotard in „Das postmoderne Wissen“ angriff. Ja, ich beziehe mich bei den Anmerkungen zur Moderne die ganze Zeit u.a. auf einen Text von Patrick Gensing, den ich schon deshalb gut finde, weil er auf diese standartisierte Instant-PC-Schelte verzichtet und mal hinein lauscht in das Wiedergängertum dessen, was von der Romantik bis zu zu den Völkischen der Weimarer Republik auch deshalb so viel Unterstützung bei den Bürgerlichen erfuhr, weil es immer auch darum ging, den Arbeiterbewegungen das Wasser abzugraben – also auch da ging es schon um Privilegienabsicherung.

Privilegien, zu denen ökonomische und symbolische gleichermaßen gehören, Zugangs-, Partizipations- und Artikulationsmöglichkeiten auch und ebenso je unterschiedliche Weisen, ganz alltäglich bedrängt, bedroht und zugleich ignoriert, marginalisiert und instrumentalisiert zu werden.

Das Problem an solchen Diagnosen wie der von Patrick ist freilich, dass ein im Grunde genommen ebenso unterkomplexer Bezugsrahmen den Gegenmodernen, die selbst Teil der Moderne sind, entgegen gestellt wird und ergänzend, weil analog gedacht durch die gerade populäre Deutung „Liberalismus versus Autoritarismus“ Hartz IV ebenso wenig erklärt werden kann wie der Wächterrat (fällt bei denen vermutlich unter „Autoritarismus“, das ist aber nun gerade nix, was Ökonomie berücksichtigen würde) im Iran oder bürgerkriegsähnliche Zustände in den ehemaligen „Homelands“.

Der Witz ist doch: Der Kritik der weiß-männlich-heterosexuellen Hegemonie geht es ja darum, dieses falsche Allgemeine zu destruieren, um Wege für das Spezifische zu bahnen – und der Quatsch, das sei doch längst geschehen, lässt sich auch durch Zizek heterosexistische Sottisen gegen Thomas Cook, siehe oben, nicht belegen. Ein ganz billiger Move, ungefähr von der Qualität der Sprüche staatlicher Protokollchefs, die vor den auf Guido Westerwelle, Außenminister, wartenden Journalisten Schwulenwitze rissen.

Es geht meines Erachtens darum, aus all den Gewissheiten, seien es nun postmarxistische Reflexe, mehrheitsgesellschaftliche Dauerempörung oder völkische Aggression, die Lehre zu gewinnen, sich, statt in ihnen zu verharren, der Unsicherheit zu öffnen. Und das geht ironischerweise nur aus der Bassis WECHSELSEITIG zugestandener Grundrechte, und wer wie die AfD meine Rechte schon mal a priori für ungültig erklärt, kann einfach keine solchen für sich beanspruchen. Sonst ist es keine Demokratie.

Und, meine diagnostische Hypothese ist, dass nun erstmals, auch und gerade medial verbreitet, auch die normalisierten Mehrheitsgesellschaftler, seien sie nun post-autonom, als Dummschwätzer im Literaturbetrieb unterwegs oder karrieristische Heteras mit feministischer Vergangenheit, ganz wie die AfD-Wähler und die Brexit-Voter erstmals Ansätze jener fundamentalen Unsicherheit erleben (historisch erstmals, individualbiographisch hält das ja für manche von denen seit 30 Jahren an) erfahren, die jeder, der in marginalisierte Positionen hinein sozialisiert wird und in ständiger Übersetzungstätigkeit für Mehrheitsgesellschaftler lebt, sowieso immer schon erlebt hat. Darin liegt eine Chance.

Es haben in den letzten 40 Jahren erstmal breitere Schichten wenigstens eine entfernte Ahnung davon bekommen, was es heißt, nicht automatisch Weltendeuter und Nabel des Kosmos zu sein und auch mal zuhören zu sollen oder irgendwo hin gucken zu müssen, wo nicht eh schon alles wohlvertraut und bestens gewohnt ist.

Ja, in der Tat, genau das hat auch Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“ eindrucksvoll beschrieben, diese Verunsicherung ist auch immer schon „Schicksal“ jener gewesen, die zur „Unterschicht“ erklärt und in sie hinein manövriert wurden mit aller ökonomischen Gewalt. Und mit Sicherheit erlebt das auch ein Redneck, der in Brooklyn ausgeht. Letzterer aber eben auch nur dann und nicht sowieso schon den ganzen Tag. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied: Ich muss in Erfurt Angst vor den Heckes haben; die brauchen aber in keine Schwulenbar zu gehen, wenn sie nicht wollen und drehen schon durch, sollten zukünftige Schwule, Lesben und Bi-Menschen früh genug davon erfahren, dass es solche überhaupt gibt.

Und selbstverständlich ist im Falle Trumps auch die Macht der Konzerne, die Lobbyisten. Demokratie und all das mitzudiskutieren (ja, genau darum ging es Habermas in der „Theorie des Kommunikativen Handelns“) – es ist aber bestimmt kein Ausweg, nun einmal mehr über Feminismen, Bewegungen wie „Black Lives Matter“ oder  das Engagement von Apple für LGBTIQ-People in den USA herzufallen. Was Zizek da schreibt, siehe weiter oben, das heißt ja einfach nur, dass es ihm scheißegal ist, wenn massenhaft homosexuelle Jugendliche in den USA obdachlos (weil von ihren christlichen Eltern raus geschmissen), Frauen vergewaltigt und Schwarze polizeilich erschossen und ökonomisch deklassiert werden, wenn er die Produktionsbedingungen in China für wichtiger erachtet – wo eben jene arbeiten, die in den Folgen der von ihm selbst proklamierten, maoistischen Scheiße zu wühlen haben. Seine Faszination angesichts der Chinesischen Kulturrevolution ist ja berühmt-berüchtigt. Klar sind die Produktionsbedingungen da Scheiße. Orlando ist aber trotzdem passiert.

Stattdessen kann wohl dennoch, so schwach das auch wirken mag, eine neue Lust am Ungewissen als Ausweg  dienen – ja, ich weiß, ökonomisch natürlich nicht. Plädoyers für die Grundsicherung sind gebotener denn je. Aber angesichts des Geschreis in allen Leitartikeln, dass die armen, weißen heterosexuellen Christen ihre Identität zurück haben wollten: Die wurde und wird ihnen doch gar nicht genommen, sie hingegen erkennen einfach Anderen fortwährend deren So-oder-So-Sein ab oder würdigen es herab, und Angriffsziel ist diese Herabwürdigung und nicht Weihnachten oder ihr Sparschwein. Und ja, diese Herabwürdigung ist eine Form von Rationalität, die konstitutiv zu „White Supremacy“ dazu gehört.

Fundamentalismen, ob nun Salafismus, Hoecke oder Neoliberalismus, sind ja die Flucht vor der Ungewissheit, das gewaltsame Verdrängen des Zweifelns als bereits in der Philosophie Descartes‘ angelegtem, methodischen Prinzip des Fortschritts.

Nur ein Skeptizismus, der erstmal auf die große Gesamtdeutung verzichtet, der weiß, dass Deutungen nur kommunikativ, wechselseitig, empfänglich, empathisch und weltoffen in lauter kleinen und spezifischen Bausteinen, die Marginalisierung auflösen, überhaupt erst möglich sind, kann Zukunft formen. Und genau das war auch die Antwort der Postmodernen auf die großen Erzählungen der Moderne.

Ja, es ist die Wechselseitigkei, die Menschen immer wieder abgesprochen wird (und nicht umgekehrt), die keine Lust mehr haben, sich ständig dominante Perspektiven überstülpen zu lassen und nun noch freundlich zu diskutieren, ob ihnen konstitutive Rechte überhaupt zuzugestehen seien.

Und nein, es ist nicht marginalisiert, was die NPD oder die AfD oder der Trump-Wähler denkt, das weiß nämlich jeder. Das wurde auch überall ausgiebig analysiert, seitenlang. Was LGBTIQ-Wähler denken, fühlen, fürchten, das las ich nirgends als bei queer.de.

Manchmal glaube ich, dass diese exzessive Hinguckerei zu den Rechtsextremen und ihrem Denken sich aus der selben Quelle speist wie jener, aus der die Völkischen löffeln: Nämlich der Angst, mal da hin zu gucken, wo die leben, die von den Neuen und Alten Rechten vernichtet, verboten oder sonstwie negiert würden.

Anders kann ich mir auch das, was Kretschmann da oben einmal mehr proklamiert, gar nicht erklären, so deckungsgleich mit Kristina Schröder, wie er sich äußert: Wenn die von „Wir“ und „die Menschen“ sprechen, meinen sie ja ganz offenkundig weder mich noch den „Braunen Mob“ noch die Mädchenmannschaft.

„Die Menschen“ und „Wir“ sind für die immer nur solche, die sind wie sie selbst und mit denen sie aushandeln, wie die Anderen zu behandeln wären.

Das ist übrigens, wo ich oben schon „die Postmoderne“ am Wickel hatte, die theoretische Crux eines Michel Foucault und seines „theoretischen Antihumanismus“ gewesen – das, was als Mensch gelte, habe normative Auswirkungen, die ausgrenzen und könne als Basis des wissenschaftlichen Diskurses nicht dienen. Es öffne nur das Tor zu Normalisierung und Disziplinierung.  Und auch er stellte dem „universellen Intellektuellen“ vom Schlage eines Jean-Paul Sartre den spezifischen gegenüber: Solche, die wie er z.B. in den Archiven sich vergruben, um die Geschichte des Gefängnisses bloßzulegen und so z.B. Gefangeneninitiativen Wissen zu liefern, ohne diese zu paternalisieren oder zu bevormunden. Ja, weil die Inhaftierten „Subjekte“ im Sinne des Unterworfenseins waren – im Französischen gibt es diese Doppelbedeutung.

Denn selbst, wenn so nie die heroische Schlagkraft des maskulinen Dezisionismus und seiner allzeit weltwissenden Globaldeuterei, die zu ALLEM und über ALLES immer schon bestens Bescheid weiß, und der steten Gewaltandrohung – „Grab them by the pussy!“ – erreicht wird: Das ist der einzige Ausweg.

Eben die Neugier, das Kennenlernenwollen, die andere Sicht des noch Unbekannten. Die ja niemals das ist, was ist Kretschmann da meint.

Sichtweisen sind gemeint, die seines Erachtens nicht genügend Respekt erhalten würden, obgleich doch alle von Giovanni diLorenzo bis zu dem Palmer aus Tübingen, von Maischberger bis Anne Will fortwährend in diesen Tannenwald hinein lauschen und ohne Ende somit Respekt bekunden. Also jenen gegenüber, die sich vor allem dadurch auszeichnen, seit dem 19. Jahrhundert immer das gleiche zu quasseln – um die Gegensicht allzu gerne nur als Karrikatur, konvertiert und vollverschleiert in die Talkshow zu lassen. Was die dann allesamt befriedigt – schreibt hingegen eine deutsche Muslima, dass die Anpassungsleistung auch auf Basis wechselseitiger Verständigung zu vollziehen sei, dann tobt der Mob vollends und rastet aus.

Auch Meldungen wie die folgende:

„„Also, Vater Homo“, war dort zu lesen, „wie fühlt es sich an, dass Trump dein Präsident ist? Zumindest hat er Eier. Sie werden die Ehe dorthin zurückführen, wohin Gott es wollte und dir wegnehmen. Amerika wird sich um deinen schwuchtligen Hintern kümmern“, drohen die Unbekannten.“

würde es manch vorsitzenden BGH-Richter vermutlich nur zu Tiraden wie der folgenden hinreißen:

„Was mich an den Emcke-Texten stört, ist ihre penetrante Opfer-Solidarität, die sich, je länger man liest, immerzu nur als Rührung über sich selbst entpuppt. Sogar die Dankesrede zur Preisverleihung hat sie benutzt, um sich als verfolgte Minderheit zu gerieren; das fand ich sehr peinlich.

Unter allen 1.000 definierbaren Minderheiten in diesem Land ist die der studierten Lesben ganz gewiss nicht unter den 50 Unterdrücktesten. Wer anderes behauptet, will Aufmerksamkeit und Interessen durchsetzen, nicht aufklären und befreien. Ich sehe, höre, fühle und erlebe lesbische Feministinnen seit 40 Jahren ihre schreckliche Benachteiligung als Opfer beklagen, vermag eine solche aber in der Wirklichkeit einfach nicht erkennen.“

Fast, als wäre der Mann einst in Göttingen den Auswüchsen der „Lesbenherrschaft“ unter Autonomen ausgesetzt gewesen – Fischer hat eine der mächtigsten Positionen inne, die in der Bundesrepublik zu vergeben sind: Vorsitzender Richter an einem der höchsten Gerichte.

Nun mag die so konsequent durchgehaltene Unterscheidung zwischen „tatsächlich“ und „rechtlich“ ihn zum Richter qualifizieren, einer halt, der Empirie auf momentane Eingebungen weltweiser, männlich-heterosexueller Führungskräfte reduziert, aber das Gesetzbuch ganz gut und professionell zu referieren weiß; wenn freilich jene, die die nötigen Ellenbogen haben, sich in solche Positionen hinauf zu manövrieren (mensch kann googeln, wie Herr Fischer das machte), solches denken, kann sich ja jeder vorstellen, wie der Herr lesbischen Kolleginnen begegnet und welchen Respekt er ihren alltäglichen Erfahrungen entgegen bringt.

Ich habe nun in anderen, quasi-staatlichen Institutionsgefügen durchaus auch Leitungsebenen kennengelernt – mir sind zwei Lesben in herausragenden Positionen begegnet in den letzten 23 Jahren und ein Schwuler, der erst einmal eine Frau mit Kind heiraten musste, um den Chefposten zu erhalten. Es machen da aber ohne Ende Typen wie Fischer sich breit, die Sprüche klopfen ganz wie er und lesbische Perspektiven ausdrücklich aus medialen Produkten heraus zensieren. Zum Glück gibt es auch noch andere.

Diese schulhofhafte „Du Opfer!“-Sprüche zeigen wohl nur zu deutlich, was so im Hetero-Manne steckt, damit er ein solcher werde. Nein, nicht in allen, aber strukturell ist das doch der Weg zu Erfolg und guten Jobs.

Und mensch versteht eben bei der Fischer-Lektüre auch, wieso Trump gewählt wurde. Da können all die linken Chefökonomen noch so so rudimentäre Kenntnisse über Wirtschaftstheorien ausbuddeln: Die ganzen nicht etwa vereinzelten Augenzeugenberichte von Trumps Wahlkampfverstaltungen zeichnen ein hochgradig misogynes Bild. Natürlich wurde Hillary Clinton auch dafür gehasst, dass eine Frau sich Kompetenz und Machtansprüche zugesteht und damit ihr Gegenüber mühelos toppt.

Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, um so zu werden und zu denken, wie z.B. Fischer denkt, schruben Horkheimer und Adorno einst – und wenn das Spitzenpersonal von diLorenzo bis zu BGH-Richtern so denkt, wie die eben denken und schreiben, brauchen sich doch Kretschmann, Zizek, Schröder um ihrereins gar keine Sorgen zu machen, oder?

11 Antworten zu “Zizek, Kretschmann, Kristina Schröder und der Rest …

  1. stefanolix November 12, 2016 um 9:55 pm

    Ich bin ja nun nicht derjenige, der Kristina Schröder zu interpretieren hat. Aber sie hat in ihren Aussagen in dem Interview (auch nicht in der von Dir zitierten Passage) niemanden pathologisiert. Beeindruckend sind die Passagen am Ende des Interviews, wo sie sich zu Hillary Clinton äußert.

    Wie Du aus früheren Zeiten vielleicht noch weißt, bin ich auch absolut gegen diese Methode des Pathologisierens, denn sie ist ein Merkmal des Totalitarismus (was bei weitem nicht bedeuten soll, dass Pathologisieren immer totalitär sei, oft ist es auch nur gedankenlos). Aber Tatsache ist: stalinistische und auch faschistische Regimes haben Andersdenkende pathologisiert. Allein deshalb ist es abzulehnen.

    Aber. Was Frau Schröder über die US-Hochschulen sagt, ist aus meiner Sicht bedenkenswert. Eine Hochschule soll Menschen auf höchstem Niveau bilden und sie auf eine Tätigkeit mit i.d.R. hoher Verantwortung vorbereiten. Das kann nicht in der Kuschelecke geschehen, sondern nur Auge in Auge mit der Realität.

    Nehmen wir Didier Eribon als Beispiel: Er hat es ja nun als Linker und Homosexueller wirklich nicht einfach gehabt, das ist im Buch sehr eindrücklich beschrieben. Aber er fordert an keiner Stelle einen »safe space« für sich. Er geht gegen Widerstände an, hat an einigen Stellen auch das Glück, die richtigen Leute zu treffen, ist inzwischen ein geachteter Intellektueller. Das wird er aber nur, weil er sich der Realität stellt und nicht, weil er sich vor ihr verkriecht.

    Wenn wir konsequent sind, dürfte »Rückkehr nach Reims« in den USA an all den PC-bewussten Colleges nicht gelesen werden, denn es enthält definitiv etliche »Trigger« und es ist auch nicht wirklich PC.

    Das nur mal als Anstoß.

  2. momorulez November 12, 2016 um 10:25 pm

    Das Pathologisieren bezieht sich nicht auf Kristina Schröder, das war tatsächlich eine Anspielung auf alte und neue Blog-Texte ehemaliger Mitstreiter. Das wird oben nicht deutlich, der Text steckt voller solcher Anspielungen, die ich durch Verlinkungen aber auch nicht deutlich machen will, weil es da weniger um derenTexte als um Stereotypien bei Irgendwielinken geht. Das muss ich oben noch einbauen.

    Zu der „Safe Space“-Thematik habe ich hier im Blog schon viel geschrieben. Implizit fordert Eribon die ein, die sind ja die Antwort auf die Diskriminierungserfahrung als Schwuler, die er im letzten Teil des Buches beschreibt. Und es ist tatsächlich so, dass Du einfach nicht zum Denken kommst, wenn Du fortwährend mit diesem Mist konfrontiert wirst, und Dich das jedes Mal völlig raus wirft, weil das sehr tief sitzt, was da mit Dir gemacht wird – was eben heißt, dass jene, die nun eh schon durch Diskriminierungserfahrung sozialisiert wurden, fortwährend auf der Strecke bleiben und dass so auch kein Fortschritt des Wissens möglich ist. Zudem der Mist ja wirkt in der Situation und auf die Situation.

    Wie nun Antisemitismus erforscht werden soll, ohne dass die grausamen Texte gelesen werden, das weiß ich auch nicht. Umgekehrt habe ich als nicht-jüdisch selber gemerkt, wie die wirken, diese Texte, als ich mal eine Arbeit darüber geschrieben habe, selbstverständlich in kritischer Hinsicht. Ganz schlimm, wie das wirkt. Da gilt dann einfach, eben das, was Juden als Betroffene als Kriterium angeben, wie, wann und warum es thematisiert wird, einfach sehr ernst zu nehmen, und ihnen nicht fortwährend Stürmer-Zitate unaufgefordert um die Ohren zu hauen, nie jedoch Quellen wie Elie Wiesel zu thematiseren. Letzteres ist die Struktur, die in der Lehre in Deutschland üblich ist, und im Falle schwarzer Menschen noch viel krasser. Da ist es im Sinne der Wissenschaft und eines rationalen Diskurses sogar notwendig, Wege zu finden, das aufzubrechen, und da ist „Safe Space“ ja nur einer. Schwarze Freundinnen von mir empfehlen, nur da teilzunehmen, wo auf allen Hierarchieebenen People of Colour agieren, und das zu recht. Weil Du ansonsten die dominante Struktur nicht aufgebrochen bekommst, die Ideologien wie „White Supremacy“ zementieren.

    Verkriechen kannste Dich doch eh nicht. Wenn Du die Universität verlässt, umgibt es Dich sowieso. Im Job, im Supermarkt, überall.

    Wenn Du aus der schwulen Kneipe kommst und in das nächste Viertel gehst, hörste unter Garantie irgendwen, der Dritte als „Schwuchtel“ beschimpft.

    Diese, ich sag mal, von Eribon beschriebene „Arbeiterscham“ wird dann mobilsiert, wenn Du das Dir zugewiesene städtische Terrain verläßt und die Lobby des „Atlantik“ oder Geschäfte am Neuen Wall betrittst oder Dich ein privater Sicherheitsdienst da verscheucht – Rassismus und Heterosexismus begegnen Dir immer und überall.

    Und Klassismus begegnet Dir auch, wenn Du im Seminar sitzt, ja. Letzteres ist auch ein riesiger Konflikt rund um Blogs wie meines, denen mensch nun auch Klassismus ohne Ende nachsagen kann (obwohl ich am Neuen Wall mich dank „sozialdemokratsichen Stallgeruchs“ auch nicht souverän bewege). Das finde ich persönlich auch noch unauflösbar, das mit den „Rationalitäten“ ist aber ein Versuch, das irgendwas draus zu machen.

  3. Mrs. Mop November 13, 2016 um 10:33 am

    Ein Haufen Holz, den Du hier durchforstest, dafür erst mal danke. Und ich werde Deinem Beitrag bestimmt nicht gerecht, wenn ich mich (aus akutem Zeitmangel) an den Schlusssätzen aufhänge, die mir massive Verdauungsbeschwerden bereiten: „Natürlich wurde Clinton auch dafür gehasst, dass eine Frau sich Kompetenz und Machtansprüche zugesteht und damit ihr Gegenüber mühelos toppt.“

    Sicherlich gibt es viele Leute, die Clinton dafür hassen. Geschenkt. Aber die Niederlage Clintons mit weitverbreitetem Sexismus zu erklären, greift zu kurz. Weil es ignoriert, dass Clinton wegen ihrer bisherigen und künftig zu befürchtenden (namentlich Außen-)Politik gehasst wird. Wer an letzterem während des laufenden Wahlkampfes Kritik äußerste, wurde pauschal als Sexist abgebügelt. Ganz schlechter Stil, weil es ein autoritäres „end of debate“ signalisiert und sich das Clinton-Lager damit gegen jegliche Kritik teflonisiert hat.

    Übrigens auch gegen vielfache Kritik von feministischer Seite. Letztere, darunter namhafte poc-Autorinnen, haben Clintons so-called upper-class-feminism in der Luft zerrissen. Ich selber habe einen veritablen feministischen Tobsuchtsanfall bekommen, als Madeleine Albright (saubere Kampfgenossin, nicht wahr? Fast so sauber wie Henry Kissinger /sarc) an Clintons Seite trat mit den markigen Worten „there‘s a place in hell for every woman who doesn‘t support the female candidate“. So was ist keine Argumentation, das ist kleingeistige sexistische Vereinsmeierei. There‘s a special place in hell für Politikerinnen, die im Jahr 2016(!) mit solcher – steinzeitlicher, plumper, durch und durch unfeministischer – Rhetorik auf Bauernfängerei gehen.

  4. momorulez November 13, 2016 um 11:23 am

    Das stimmt alles, und das ist auch wichtig zu ergänzen, Danke! Auch und gerade die Kritik von den PoC-Feministinnen an Clinton – was Antje Schwupp schreibt, das stimmt aber eben auch: Einem Hillarius Clinton wäre all das viel eher vergeben worden. Da ist die Bereitschaft, so was hinzunehmen, viel größer.

    Und darauf hinzuweisen beurteile ich meinerseits tatsächlich nicht als schlechten Stil, sondern als ein Teil eines natürlich komplexen Mosaiks. Die Bereitschaft, nun in irgendwelchen dialektischen Schlenkern Trump zu legitimieren, die auch auf der Linken ausgebrochen war, finde ich viel problematischer. Zudem da auch eine Priosierung stattfindet – dass auch angesichts seines Vizes die Lage nach der Wahl Trumps für Schwule, Bi-Menschen, Transgender und Intersexuelle sich nachhaltig verschlimmern könnte, wird damit als nicht so wichtig behauptet. Und in den Fragen ist Hillary schon fit und wird ja z.B. von Zizek genau dafür auch angegriffen. Das hat bei dem ja Tradition. Auch, dass schon Trumps Wahl an sich Rassismus legitimiert als mögliche Position, wird nun durch den Hinweis auf die Außenpolitik Clintons nicht relativiert. Wo ich an irgendeinem Punkt aber tatsächlich auch nicht mehr wusste, was ich da glauben darf und was nicht, und Allesbescheidwisser bin ich da auch nicht – da wurde so viel Mythisches gestreut aus dem Lager der putinesk Neufriedensbewegten, die übrigens die ersten sind, die „sibirische Mütterchen“ wichtiger finden als Schwule und Lesben, dass ich irgendwann merkte: Beurteilen kann ich das nicht wirklich.

    Zudem der Clinton-Hass ja schon aufbrach, als Bill noch nicht mal Präsident war. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie sich massive Attacken wegen seiner Gattin auf ihn eindrangen, weil die eben für genau das nicht nur, aber auch steht, was ich oben schreibe.

    Ich will damit nichts delegitimieren, was Du schreibst, aber nun in ihrem Fall, ausgerechnet bei einem Gegner wie Trump, das nun auszusparen, das ist auch nicht wahr, denke ich.

  5. Mrs. Mop November 13, 2016 um 2:02 pm

    Zum schlechten Stil wird es dann, wenn es als General-Abwehrmechanismus instrumentalisiert wird, um sich gegen jedwede Kritik zu immunisieren.

    „Auch, dass schon Trumps Wahl an sich Rassismus legitimiert als mögliche Position, wird nun durch den Hinweis auf die Außenpolitik Clintons nicht relativiert.“ Kommt drauf an, wie man „Rassismus als möglicher Position“ ins Verhältnis setzt zu „Rassismus als tatsächlicher Position“ und sich fragt, ob letztere nicht längst als de-facto-Element der Politik Clintons/Obamas zu erkennen ist? Sicher kann es einem grausen vor dem, was unter einer Trump-Regierung vorstellbar ist wie z.B. der angekündigten, aber noch nicht existenten 10(?) m hohen Mauer an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, dann sollte es einem aber ehrlicherweise auch grausen vor der längst existenten (nicht von Trump gebauten) extrem militarisierten Grenze zwischen beiden Staaten, wegen der jährlich Hunderte von Mexikanern in der Wüste krepieren.

    Und ja, beängstigend die Ansage Trumps hinsichtlich rigider Bekämpfung illegaler Immigration, nur, es hat nachweislich kein Präsident jemals Massendeportationen von Immigranten in so großem Umfang durchgezogen wie Obama. Aber irgendwie fand das niemand beängstigend, außer vielleicht ein paar Immigranten.

    Stichwort Außenpolitik: Trump hat die Wahl in Florida gewonnen, obwohl als fast sicher galt, dass dieser Bundesstaat Clinton „gehört“. Florida ist reich bevölkert von Latinos, von denen haben signifikant mehr als Latinos in anderen Bundesstaaten Trump gewählt. Und das, wo Trump sich das Maul über Mexikaner als „notorische Vergewaltiger“ zerrissen hat. Unglaublich, oder? Spinnen die alle, die Latinos (und Latinas!!) in Florida? Nein, die spinnen nicht, die empfanden bloß das Großmaul mit den rassistischen Sprüchen als weniger bedrohlich als jene Politikerin, die Honduras 2009 ins totalitäre Verderben gestürzt hat (militärisch forcierter regime change, death squads). Seither hat sich Honduras gemausert zum Land mit der höchsten Gewaltrate der ganzen Welt, besonders der Gewalt gegen Frauen, weswegen es nicht verwundert, dass es aus Honduras Massenfluchtbewegungen in die benachbarten USA gibt, Menschen, die einfach nur noch ihre Haut retten wollen, und es auch nicht verwundert, dass darunter extrem viele Frauen sind. Worüber man sich aber schon etwas wundern darf, ist, dass eine gewisse Frau Clinton als Secretary of State so tatkräftig wie unnachgiebig diese fliehenden Menschen nach Honduras zwangsdeportiert hat, zurück ins von ihr selbst angerichtete Verderben. Brown latino people, you know. Racism, anyone? Ach iwo, doch nicht Frau Clinton.

    Noch ein Blick nach Haiti: Dort hat die Clinton Foundation nach dem großen Erdbeben gewütet und Spendengelder in großem Stil abgezockt und veruntreut. Die Bevölkerung ging fast leer aus und lebt nach wie vor im Elend. Haiti, black people, you know. Racism? Aber doch nicht die Clintons! Dummerweise leben inzwischen sehr viele haitianische Immigranten in Florida, und weißt Du, welcher derbe, aber aufschlussreiche Straßenwitz dort nach Trumps Wahlsieg die Runde macht? „Haitis Rache“.

  6. momorulez November 13, 2016 um 3:38 pm

    Danke auch für all diese Infos. Und ich muss bei den konkreten Geschichten auch passen, außer, dass relational immer noch mehr Latino/Latinos meines Wissens Clinton trotzdem gewählt haben – was nun aber gar nix heißen muss. Ist jetzt ja auch nie ausgeschlossen, dass die da ebenso desinformiert sind wie ich auch.

    Ich beziehe mich meinerseits halt aktuell auf Artikel wie diesen hier:

    http://www.theroot.com/articles/politics/2016/11/we-owe-donald-trump-as-much-respect-as-he-gave-us-during-his-run-for-president/?utm_medium=social&utm_source=facebook&utm_campaign=socialshare

    oder den:

    http://attitude.co.uk/during-the-next-four-years-the-lgbt-community-will-have-to-fight-like-its-stonewall/

    und auch hierzulande verfasste Berichte wie den hier:

    http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/donald-trump-demonstration-oakland-reportage

    Betrifft eher die innenpolitische Lage in den USA, ja.

    Und es würde mich ehrlich gesagt wundern, wenn da nun unter Trump sich erheblich was ändern würde, was die Außenpolitik betrifft, oder dass nicht so ganz klar ist, welches Verhältnis zu Putin sich da nun tatsächlich etablieren wird oder bereits etabliert hat. Zudem diese angeblich nur großmäulige Haltung Trumps nun keineswegs nur symbolisch bleiben muss. Das habe ich mittlerweile auch mehrfach gelesen: Der wäre dann ja eh nur isoliert, den nähme keiner ernst, besser als die aggressive Clinton. Schaun ‚mer mal.

    Das letzte Mal, als ja exakt die gleiche Überraschung eintrat, war mit Al Gore nun auch kein unbeschriebenes Blatt am Start – und dann kam Bush.

  7. momorulez November 13, 2016 um 3:55 pm

    Zur Vertiefung für alle, die potenziell mitlesen:

    https://www.washingtonpost.com/blogs/post-partisan/wp/2016/03/10/hillary-clinton-needs-to-answer-for-her-actions-in-honduras-and-haiti/

    Interessanterweise habe ich bei „Clinton Obama Honduras“ auch nur englischsprachige Links ergoogelt, das lässt schon auch tief blicken (alle Diskussionen, die ich kenne, drehen sich bisher vor allem um Syrien, die Ukraine und Putin). Deshalb noch mal Danke für den letzten Kommentar.

  8. Mrs. Mop November 13, 2016 um 8:55 pm

    Natürlich hat die Mehrheit aller US-Latinos Clinton gewählt, das stellt niemand in Abrede. Andererseits sind die 29 % aller Latinos, die Trump gewählt haben, auch keine verschwindende Minderheit; es ging mir darum, mal drüber nachzudenken, womit das womöglich zusammenhängen könnte anstatt in das altbekannte (bei Linken sehr beliebte!) Schema zu verfallen, dass Trump-Wähler sowieso alle dumm, rassistisch, sexistisch, ill-educated, ill-informed usw. seien. Es könnte ja Leute geben, die Gründe hatten, Trump für das kleinere Übel vs. Clinton zu halten, während zu Wahlkampfzeiten aus allen Rohren das Gegenteil propagiert wurde.

    Ah, ja!, die anti-Trump-Demos, die gerade in den USA Hochkonjunktur haben (siehe Dein Link). Ich empfehle mal als erhellendes Antidot die Videos von Tim Black, he‘s a Black, wie der Name schon sagt, außerdem bekennender Bernie-Sanders-Anhänger und Clinton-Gegner. Hier liest Tim den – seiner Meinung nach ziemlich spät wachgeküssten – Protestern ordentlich die Leviten, ein großartiger Rant, I love it:

    Auch sehr schön: Tim setzt sich mit der Frage auseinander, ob alle Trump-Wähler Rassisten sind:

    Der Typ trinkt bei seinen Sendungen immer Unmengen von Kaffee und hat im übrigen einen exzellenten Musikgeschmack. Du müsstest ihn eigentlich mögen🙂

  9. Mrs. Mop November 13, 2016 um 8:57 pm

    Huch! Ich werde das nie raffen, wieso WordPress bei Links zu Videos immer gleich die Videos selbst publiziert, bitte vielmals um Entschuldigung, war nicht meine Absicht.

  10. momorulez November 13, 2016 um 9:15 pm

    Du musst einfach das http:// davor weg nehmen, glaube ich. Und ich höre mir das auch alle gerne durch; diese Dialektik freilich, nun unbedingt Leuten, die jemanden wie Trump wählen, also jemanden, der sich drastisch und offen sexistisch und rassistisch gebärdet und einen Vize gekürt hat, der nun ganz handfest gegen LGBTIQ vorging, für die mit dem richtigen Drive zu behaupten, das ist es ja gerade, was unter sowohl Linken zumindest einer bestimmten Ecke und FAZ- und Welt-Feuilletonisten längst üblich geworden ist. Ich finde es ja völlig richtig, wie Du oben ganz konkret auf das, was Obama und Clinton verbrochen haben, zu verweisen. Aber mal bezogen auf das, was der Hintergrund dessen ist, vor dem wir hier gerade diskutieren, nämlich LePen, AfD, Putin-Einfluss und Brexit, ist das ja eine Art rhetorischer und reflexiver Selbstmord für mich, mich nun in Trump-Versteherei zu üben. Wie gesagt, ich höre es mir durch, und vielleicht denke ich dann auch anders, aber … zudem das alles übirgens sexistische Perspektiven immer noch nicht widerlegt.

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