Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Melancholie: Nur mal eben den neuen Computer ausprobieren …

Verloren. Wieder verloren.

Höre die Playlist „Melancholie des Jazz“ eines Streamings-Dienstes; Herbie Hancock liebkost so unvergleichlich, wie eben nur er es konnte, die Piano-Tasten. Ein Saxophon seufzt dazu und singt von Wehmut.

Es wird Herbst da draußen und alle Klischees von den sich färbenden Blättern blala, ist eher was für ZDF-Krimis, das formuliere ich nicht weiter aus; eine Trompete setzt ein und wie verselbständigt gleichen die inneren Bilder plötzlich den Filmen jener Tage. „Außer Atem“ und so.

Als die Exis allmählich wichen und sich etwas vorbereite, das noch nicht da war und später unter „’68“ subsummiert doch den Style der Anzüge von Miles Davis oft sehr mißlungen konterkarierte.

Miles Davis, DAS wäre eine coole Entscheidung für den Literaturnobelpreis gewesen, würde er noch leben. Ja, genau, gerade, weil er ohne Worte so viel sagte und so radikal neuen Sinn erschloss, atmosphärisch dicht, bildstark und wirklich innovativ. Einer, der nicht einfach nur mit Rimbaudschen Mitteln Gospel und Traditionals entkontextualisierte und überschrub.

Dies ist der zweite Anlauf, diesen Text zu schreiben, um den neuen Computer auszuprobieren. Ja, war an der Zeit, bei dem anderen, der mir so lange so treu seinen Speicherplatz schenkte und unverdrossen diente, war es ein wenig so, wie es zumindest scheint, dass es zwischen Trainer und MAnnschaft das bestimmende Verhältnis sein KÖNNTE: Das W-Lan-Empfangsdingens hatte einen Wackelkontakt.

War immer erst mal ein Neustart nötig, damit es wieder lief. Und manchmal behauptete es gar kontrafaktsich: „Keine Hardware installiert“. Ein wenig so wie Spieler, die es eigentlich total drauf haben, gehäuft mitten im Spiel ganz und gar mysteriös vergessen, welche Programme sie sich antrainiert haben – obwohl sie die ja eigentlich grandios beherrschen. Aber: Kurz mal futsch, das alles. Oder auch etwas länger futsch. Manchmal ganze Halbzeiten lang futsch. Aber wenn es schon meinem Computer so geht – das sind ja zudem Menschen, keine Maschinen.

Immerhin, eine neue Erfahrung macht dieses Neugerät, in das ich schreibe, gerade. Eine, die noch keiner meiner Rechner machte. Das kann ja ein gutes Omen sein: Erstmals zerstöre ich nicht sofort im ersten Anlauf durch fortwährendes Aschen auf die Buchstaben, in die ich tippe, prompt die Tastatur . An E-Zigaretten nuckeln ist zwar so, also, so – so ganz und gar nicht den Sound einatmend, der in verrauchten Jazzkellern einst Sätzen wie „Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es nicht ist“  Nikotin-Drive verlieh. Das Liquid „Dubai Nights“ schmeckt aber trotzdem richtig gut. Ry4 gibt es auch, da muss ich immer an R2D2 denken.

Und Camus, der heute vermutlich Telefonkonzerne in München beschreiben würde, wenn er dem Absurden sich widmete, Fahrstühle literarisch erkundete und von Wohnungen berichten würde, solchen, die übers Netz gemietet wurden, wo ansonsten andere Menschen lebten und nun Interimsnutzer die Bilder von Hippie-Müttern der Bewohner fasziniert betrachteten, die die Wänden zierten, also Camus, der schrub noch von Sisyphos als glücklichem Menschen. Glücksgewinn durch das immer wieder neu den Fels den Hügel Hinaufrollen und doch scheitern, weil er kurz vor dem Gipfel das Steingut wieder in die Tiefe fährt – ich habe das nie gelesen, wie nun genau das Glück sich darin verbergen könnte und weiß es deshalb bis heute nicht. Aber vielleicht würde das Wissen ja aktuell helfen?

Das ist alles so traurig, weil die Mannschaft so außerordentlich sympathisch ist und die volle Bereitschaft in mir lodert, für Hedenstad, Dudziak, Buchtmann und die Anderen unaufhörlich zu schwärmen. Da ist so ein Wille tief in mir, ihnen zuzuschmachten und noch das Fatale innerlich zum Leuchten zu bringen. Und sei dieses Glimmen und Flimmern auch mit so viel Melancholie erfüllt wie Cannonball Adderleys „I guess I’ll hang my tears ot dry“. Das läuft hier gerade.

Und nun gucke ich mir die Auswärtsspiele noch nicht mal mehr an. Ja, doof, Frustation vermeiden durch Ausweichen ist ja auch nicht zielführend. Aber was wäre es denn dann?

Manche finden ja, dass Cannonball Adderley, dieser Altsax-Virtuose, auf dem legendären“Kind of Blue“ fehlplatziert gewesen sei.

Ist das wohl meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten, und während ich im Geiste gerade durch Paris irre wie Jeanne Moreau in „Fahrstuhl zum Schaffot“, klar, die irrte nicht zu Adderley, sondern zu Miles Davis, und zu „Kind of Blue“ schweife wegen der Cannonball Adderley-Assoziations-Brücke, passt auch nach Niederlagen, von der Stimmung her – denn  „Kind of Blue“ gilt als DAS Album des modalen Jazz.

Fehlplatziert sei Adderley gewesen, weil er noch in der Logik des Blues improvisierte, der „kadenziell“ organisiert war und ist: Größtmögliche Spannung erzeugen und dann auflösen.  Coltrane habe sich hingegen ganz auf das Modale eingelassen. Der spielte auf seinem Saxophon teilweise so schnell, dass die Töne fast gleichzeitig erklangen und so Akkorde bildeten. Ein magischer Kontrast formierte sich so zum schwebenden Stil von Miles Davis, der sich immer zwischer unterdrückter Wut und Resignation bewegte und so Atmosphären schuf, die herbstlich schillerten und das auch noch ganz ohne Klischee.

Aber zurück zum Modalen: Während zuvor noch die Jazz-Kadenz z.B den BeBop antrieb, löst sich „Kind of Blue“ zwar nicht vollständig, aber eben doch in Songs wie „So What“ von diesem Schema und erkundete die Modi, die entstehen, wenn z.B. die C-Dur-Tonleiter vom D an aufwärts gespielt wird – und die dazugehörigen Akkorde. Das nennt sich „dorisch“ (und entspricht in der europäischen Tradition den „Kirchentonleitern“). Beginnt mensch auf der 5. Stufe, dem G, nennt mensch es mixolydisch – die Intervalle, die Tonabstände, folgen einer anderen Ordnung in dieser Skala, und das hört sich spannend an.Aber anders anders spannend als Spannung und Auflösung.

„So What“ besteht so nur aus der Abfolge zweier Akkorde, die in keinem „kadenziellen“ Verhältnis zueinander stehen. Diese werden jeweils in langen Sequenzen wiederholt , und durch das Repetitive ensteht der meditative „Zen-Effekt“ des Albums – das ist eine andere Form von Spannung als die der Dramaturgie.

DAS immerhin ist ja dem Spiel der Mannschaft zuzugestehen: Lässt mensch sich in ästhetischer Perspektive darauf ein, wie sexy Jungs energiereich taumeln, einfach so Spielzüge hintereinander platzierend, dass gar kein Suspence im klassischen Fussballsinne mehr entsteht und sie einfach einer anderen Logik folgen als der des Thrillers,so dass etwas ganz Neues, fast kein Fussball mehr, entsteht, und fasst es als Choreographie der Wiederholung des Absurden im sisyphosschen Sinne auf, dann – ja, dann. Aber auch nur dann.

Weil eben nicht jede Ästhetik in jeden Kontext problemlos überführbar ist, könnte eine Prise mehr Adderley durchaus helfen. Mehr Blues. Spannung und Entspannung, die durch Auflösung im Toreschießen entsteht.

Vorbereitet ist das ja alles akustisch: Gospel und Blues als zwei Seiten einer Historie, die sind ja ganz plötzlich beim FC St. Pauli präsent. Und wenn schon bei „Ein Kessel Braun-Weißes“, ausgerechnet da, die grandiose, unerreichte, unübertroffene Love Newkirk auftritt, Fafa Picault ergreifend  und echt toll bei „Amazing Grace“ einstimmt und vor Spielen zu meiner riesengroßen Freude auch noch Donna Summers, auch sie im Gospel-Chor ausgebildet, „Mac Arthur’s Park-Suite“ erklingt, einer meiner Alltime-Lieblings-Songs, das war super!; dann ist doch der Weg eigentlich gewiesen, geebnet, vorbereitet, der zu beschreiten wäre.

Wovon könnte denn sonst noch sooooo viel gelernt werden?

Diese Playlist, die ich hier gerade höre, die ist allerdings auch derart  schön, aktuell tönt traumhaft Yusef Lateef mit „Like it is“ aus den Boxen, dass ich ja fast schon bereit bin, mich ganz der Melancholie zu ergeben und sie zu einfach nur zu genießen …

Vielleicht müssen wir das, was Adorno über den Begriff schrub, dass durch ihn hindurch zu gehen sei, um ihn aufzulösen, auch mit den Gefühlen des Scheiterns, des Verlierens und der anschließenden Melancholie tun.

Sich dem ganz hingeben, es einfach mal auskosten, statt es abzuwehren, hinnehmen – und dann, ganz plötzlich, wenn schon keine mehr damit rechnet, gehen Tore auf, an die zu schießen wir schon gar nicht mehr glaubten …

 

27 Antworten zu “Melancholie: Nur mal eben den neuen Computer ausprobieren …

  1. lalberth Oktober 22, 2016 um 10:00 pm

    Während ich hier gerade ein Pause beim Improvisieren über Hancocks Cantaloupe Island einlege. F mixolydisch, Db mixo#11, D dorisch, F mixolydisch.

  2. momorulez Oktober 22, 2016 um 10:23 pm

    Passt ja🙂 … irgendwie. Um das habe ich bisher noch’n Bogen gemacht. Modal ist für’s Sax, wenn mensch weiß, wo eigene Grenzen liegen, und mit iRealpro ja ganz dankbar.

  3. lalberth Oktober 22, 2016 um 11:15 pm

    Mein Lehrer hat damit den Aufschlag gemacht. Hausaufgabe für diese Woche: Improvisieren üben. Ist für den Bass ja auch Pflicht, irgendwie. Ich versteh zwar noch nicht ganz, welche Modi auf welche Akkorde passen, aber das werde ich auch noch rausfinden.

  4. momorulez Oktober 23, 2016 um 12:08 am

    Ich probiere das mit dem mit Improvisieren ja seit bald 4 Jahren, mein Lehrer nach dem Wiedereinstieg hat sofort mit dem II-V-I los gelegt (Jazz-Kadenz; Blues ist I IV-V). Und da spielste dann halt „Normal“-Dorisch-Mixolydisch drüber. Man solle das „denken“ und „spüren“, sagte er, was nur geht, wenn mensch die Intervall-Struktur wirklich hört und somit peilt, und das mit dem Hören dauert echt; und ja, es kommt sogar was bei raus, wenn ich damit rum spiele, wenn sich das auch ganz auch ganz anders anhört als bei den Großen🙂 …

    Das mit der Zuordnung zu den Akkorden ist zumindest im ersten Schritt gar nicht soooo kompliziert.

    Dorisch auf Moll-Akkorde, Blues- oder mixolydisch auf Dominantseptakkorde, und Dur (im Sinne der ersten Stufe) auf Dur, aber auch mit der 7. So wurde es mir beigebracht.

    Weiß jetzt natürlich nicht, wie das mit dem Bass geht (vermutlich mit den Arpeggien, also 1-3-5-7 jeder Skala), und das ist ja noch meilenweit und Jahrzehnte entfernt von den Gr0ßen, was ich da vor mich hin probiere. Die das jeweils vom Akkord- und Tonleitermaterial ausgehend noch mal ausbauen und dann noch „Inside“ (mit dem Akkordmaterial) und „Outside“ (dissonant) gespielt haben, und dann biste irgendwann auch beim Zwölfton.

    Coltrane hat andere Muster gespielt, ohne 7 z.B., glaube ich, die ja maximale Spannung erzeugt, aber das z.B. bei „Giant Steps“ im „Dreieck“ durch den Qunintenzirkel, da gibt es coole Analysen bei Youtube. Und das verstehe ich auch immer allenfalls im Ansatz.

    Und wenn all das dann eines Tages gewusst wird, heißt das ja nicht, dass es auch gespielt werden kann.

    Was aber gar nix macht, weil so auf „Amateur-Nieveau“ schon das bißchen Wissen riesig Spaß machen kann. Habe so ein paar Apps, wo dann zu „Vamps“, also rhythmisch wiederholten Mustern oft vom Bass (der ja bei „Kind of Blue“ nicht minder essentiell ist als das Piano), stundenlang die Skalen gespielt werden können. Auch Halbton-Ganzton und so. Und das macht echt Spaß, weil Du irgendwann diesen „Skalen-Sound“ zumindest erahnst und damit rumprobierst. Was jedes Mal eine Welt eröffnet … in die mensch sich allmählich, tastend, hinein begibt.

  5. lalberth Oktober 23, 2016 um 11:07 am

    Also die Pentatonik gehr ja immer.😉 Aber feag mch in einem halben Jahr nochmal. Bemerkenswert finde ich, dass es einen Unterschied macht, ob ich einzelne Skalen kann, oder eine Verbindung zwischen diesen herstellen muss. Also ich greif dann trotzdem noch daneben, wenn ich zwischen den Skalen wechsel. aber Du hast recht. Es stellt sich schon bald das Gefühl ein, Jazz zu spielen. An die Grössen mag ich gar nicht denken. Mingus ist eh von einer andren Galaxie.🙂

  6. momorulez Oktober 23, 2016 um 11:27 am

    Ich frag Dich in einem halben Jahr noch mal🙂 – und das ist auf Gitarre/Bass, finde ich, auch schwieriger zu greifen und zu merken, weil das nach so einer eigentümlichen Logik angeordnet ist. Beim Saxophon ist das ja wie auf der Blockflöte, nur ohne Gabelgriffe und mit Extraklappen im normalen Tonbereich. Und es geht einfach hoch und runter. Dafür gibt es da halt die ganzen Sound- und Intonationsprobleme. Und das frustriert schon, dass mit 3 mal die Woche eine Stunde üben die Entfernung zu all den Sounds der Großen der Abstand derart groß ist … also nicht nur zur Technik.

    Pentatonik mag ich komischerweise nicht. Am häufigsten übe ich harmonisch Moll und Blues-Tonleitern. Die haben so eine inhärente Dramatik. Das finde ich cool🙂 …

  7. lalberth Oktober 23, 2016 um 12:39 pm

    Die Pentatonik ist halt spannungsarm. Dorisch gefällt mir sehr gut, bei Mixolydisch habe ich immer das Gefühl, auf der Stelle zu treten… und klar, würdest Du Dich mit Sessions über Wasser halten müssen, würdest Du vermutlich auch mehr Spielerfahrung haben. Die hatten doch häufig vier oder mehr Stunden am abend zu spielen. Mehrmals die Woche. Jazz ist ja gleichzeitig so unglaublich kolloborativ, selbst die grossen Solisten hatten ja zumindest Zeitweise ihr festes Trio, Quartett, Quintett usw. Das verlangt Anpassung und triggert Lernprozesse.

  8. momorulez Oktober 23, 2016 um 1:01 pm

    Ja. Und Charly Parker hat zeitweise noch on top 11 Stunden täglich geübt, Sonny Rollins ist auf die Williamsburg-Bridge gegangen, um da den ganzen Tag zu spielen. Im Saxophonforum.de diskutieren auch ein paar Profis mit, die ebenfalls schreiben, dass sie so viele Gigs haben, dass sie gar nicht mehr richtig üben … manche der Theoriethreads zu Funktionsharmonik, Skalenmazerial und Co da sind auch echt ganz lehrreich, auch wenn sie natürlich anders rangehen als beim Bass. Die Basslinie ist nur extrem häufig auch das, was dann die „Solisten“ (klar sind Bassisten im Jazz auch Solisten) an melodischen und rhythmischen Ideen entwickeln. Das kann mensch auf „Kind of Blue“ ja zum Teil auch ganz gut hören. Auch die Sachen, die Joshua Redmann mit seinem Trio, also Schlagzeug, Bass und er, gemacht hat, sind superspannend – die drei sind aber auch derart begnadet, Hallelujah. Das ist echt Weltklasse. Unglaubliche Musiker. Habe die zwei Mal live gesehen, einmal noch mit Piano dabei, das waren echt Erweckungserlebnisse. Und Redmann hat ja auch vor allem dadurch gelernt, dass sein Vater ihn jn Brooklyn einfach mit auf die Bühne geschubst hat, ganz wie Du’s schreibst.

  9. lalberth Oktober 23, 2016 um 1:15 pm

    War das seine Tour mit the Bad Plus?

  10. momorulez Oktober 23, 2016 um 2:01 pm

    Nee, das war einmal hier beim Elbjazz und einmal in der Autostadt in Wolfsburg, ausgerechnet. Wo sie etwas angestrengt los legten, aber die letzte halbe Stunde war derart grandios, dass Nicht-Jazz-Fans, die ich dabei hatte, völlig perplex vor Begeisterung waren. Reuben Rogers und Gregory Hutchinson heißen die anderen beiden. Superbeeibdruckend, die beiden.

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  12. mark793 Oktober 26, 2016 um 12:07 pm

    Mit ähnlichen Begründungen könnte man auch einen Literatur-Nobelpreis für Muhammad Ali fordern, wo der doch das poetische Repertoire ganz weit in den nonverbalen und körpersprachlichen Bereich erweitert hat.😉

  13. momorulez Oktober 26, 2016 um 12:28 pm

    Why not? Der Witz ist doch, dass der Begriff von Literatur, der durch den Preis an Dylan noch zementiert wird, andere, sprachliche Traditionen tatsächlich ausgrenzt – orale Überlieferung, tatsächlich und nicht theatralisch Dialogisches, was im Gospel und im Hip Hop jeweils eine erhebliche Rolle spielt und im Jazz, weil der im Blues gründet, eben auch. Und wieder andere Erfahrungen, wie sie z.B. in Ginsbergs „Howl“ eine Rolle spielten, der daraufhin jahrelang mit Prozessen belegt wurde (die er irgendwann gewann) und der für Dylan ja auch wichtig war, haben sowieso kaum oder eben sehr indirekt Eingang gefunden, obgleich es ja lauter schwule Nobelpreisträger gab. Ich finde tatsächlich, dass Sprache und Literatur weiter zu fassen sein müssten, wenn es nicht im Bourdieuschen Sinne um reine bürgerliche Distinktion sich drehen soll. Und wenn Du Dir noch mal ergoogelst, warum Muhammed Ali nicht mehr Cassius Clay heißen wollte, ist das auch gar keine schlechte Idee. Es gibt übrigens im ZDF-Archiv höchst rassistische Satiren aus den 60ern zu ihm, wo sich die Autoren über ihn, das „Großmaul“, und sein „I’m the greatest“ mit Mitteln der Literaturkritik lustig machen. U.a. darauf hat nun Miles Davis in seiner Musik fortwährend reagiert, indem er ständig neue Sprachen erschuff, die das vor Abwertung triefende Vokabular dominanter Sprache eben zugleich unterlief als auch toppte. Da steckt eine Negation buchstäbliche herrschender Literatur drin, die selbst literarisch ist – wie in der abstrakten Kunst ja auch ein Kommentar, nur eben ein negierender, zum Abbild enthalten ist. Ist eher die Frage, wieso nun ausgerechnet „die Literatur“ da Schritte nicht vollzogen hat, die in anderen Künsten selbstverständlich gemacht wurden. Wozu auch das Performative gehört, also auch Ali – klar, es haben auch Dramatiker den Preis bekommen, und Dylan tritt auch auf, trotzdem. Auch Thomas Mann hat sich ja nicht zufällig nicht nur im „Dr. Faustus“ damit beschäftigt.

  14. mark793 Oktober 26, 2016 um 6:42 pm

    Ich vermag Deinem Gedankengang zwar zu folgen, aber vermutlich hänge ich doch noch zu sehr an einem enger (von mir aus auch: bildungsbürgerlicher) gefassten Literaturbegriff, als dass ich virtuosen Jazz als preiswürdige Kategorie in diesem Zusammenhang sehen würde. Irgendwo wird es dann beliebig, mit einem völlig entgrenzten Sprach- und Literaturbegriff ließe sich auch für irgendwelche Primaballerinen oder von mir aus auch für Serena Williams und ihr Weltklassetennis den Literatur-Nobelpreis rechtfertigen.

    Dass es mal was Krudes gab mit Muhammad Ali und Literaturkritik, hatte ich noch ganz entfernt im Hinterkopf, daher auch mein Gedanke an ihn.

  15. momorulez Oktober 26, 2016 um 7:35 pm

    Ich glaube nicht, dass solche Gedankengänge zur Beliebigkeit führen, sondern zu – vielleicht – anderen Kriterien. Was ja nix Schlechteres sein muss. Ich bin ja eigentlich auch eher ein sehr auf Sprache im engeren Sinn fest gelegter Mensch, so im Allgemeinen, und seitdem ich mit dem Saxophon rumdiletiere, merke ich noch mal verstärkt, wie unglaublich eingeengt und tatsächlich ausgrenzend das ist, was so im Allgemeinen goutiert wird – und auch all die inszenierten Flapsigkeiten, mit denen ich zum Teil sogar mein Geld verdiene, die so als „populär“ gelten, brechen das ja nicht auf. Miles Davis hat da aber wirklich was aufgebrochen (nicht nur er, klar). Und wenn Du durch die Modi dudelst, das ist eben nicht völlig weit weg vom Handke lesen.

    Primaballerinen und Hochleistungssport sind noch insofern interessant, weil da die Körperdisziplinierung halt mit rein spielt. Aber Serena Williams noch mal durchzudenken hätte auch was😀 – zu Tennis kann ich mich nur tatsächlich so gar nicht äußern.

  16. Helena Oktober 27, 2016 um 10:46 pm

    Äh, Momo, so etwas wie Ironie oder Sarkasmus merkste nicht, oder?

  17. momorulez Oktober 27, 2016 um 10:50 pm

    Nein, nie. Dazu brauche ich kluge Kommentatorinnen, die mich darauf hinweisen. Da bin ich ganz wie Sheldon Cooper.

  18. ziggev November 3, 2016 um 9:03 pm

    lustigerweise gucke ich hier gerade zufällig mal wieder rein, wo ich nach Tennisarm wieder anfangen will zu üben: mit ganz „unmusikalischen“ Fingerübungen. Grundlage: die Chromatische ! Ist ne sehr gute Grundlage, wenn du soweit bist, dass du bereits den Ton hörst, der da hin soll. Mit der Chromatischen weißt du wenigstens, wie du da schnell (coltranemäßig) hinkommt, und du brauchst dann auch keine Mathematik mehr zu. (Was ich eigentlich immer höre, ist Blues.) Die wirkliche Krux bei „den Skalen“ ist meiner Erfahrung nach, dass du, insbesondere auch bei der „Alterierten“, möglichst alle Arpeggien, Sequenzen u. Umkehrungen üben solltest. Du hast immer wieder andere Klanggestalten! (auch mal mit der „Blues“ ausprobieren, siehe z.B. Blues Connotation v. Coleman) Und diese Akkordzerlegungen (z.B. C7/9/11/13 bezeichnet ja im Grunde eine Skala!) sind natürlich wichtig, wenn es um Akkordfolgen geht. Wenn ich mich ransetzen würde, das mit den Akkordwechseln zu üben, würde ich mir Lester Young vornehmen. Mir schien, als ich da mal n bisschen rumanalysierter, dass der mit fast minimalen Mitteln die schönsten Ergebnisse erzeugt. D.h., er spielt sehr viele akkordeigene Töne (siehe Pentatonik), beim Wechsel ändert sich dann oft nur ein Ton. Aber wie !

    Eine andere Technik, die ein Freund von mir auf dem Sax anwendet bzw. unterrichtet, ist die „1-2-3 / 1-2-3-4“ -Methode. Je nachdem, wie viele Ganztöne du nacheinander spielst, hast Du ne andere Akkordstufe (123-1234 Tonika; 1234-123 SD; 123-123 Dom.) oder bist in der nächsten Tonart. Wie immer: dann damit das Gehör trainieren !

    Was man sehr schön, finde ich, an der „Blues“ lernen kann (ich finde: sollte!), ist, dass man alle Töne spielen kann, es kommt nur darauf an, wann (und wann nicht: Pausen benutzen!). Wieder: Blues Connotation (Coleman). So klingt auf der Dominante im Blues lustigerweise (als Durchgangston) die b5 (von der Tonika aus gesehen) ganz gut; wir hätten also die b7 & die maj7 ! Eben dies auch bei der „Ch.Parker-Skala“ : im Prinzip Mixo+große 7 (meine Privattheorie: die Doppedominante klingt an). Wenn du also weniger akkordton-bezogen, mehr skalenmäßig spielst, fand ich es faszinierend, charakteristische Skalenabschnitte oder Tonkombinationen aus einer Skala gewissermaßen „kontextbefreit“ an anderen Stellen aufzufinden. (Das ist der Grund, weshalb bei mir immer alles auf Blues hinausläuft😉 ) Z.B. „Blues“ – „Alterierte“; harm Moll – „Alterierte“; Mixo. – „Blues“; — Phrygisch – „Alterierte“; Lyd. – Phrygisch – „Alterierte“; Lokr. – Phrygisch – „Alterierte“ (naja, bei den letzten dreien handelt es sich genaugenommen um die funktionsharmonischen Ableitungen der sog. „Alterierten“. —– „Jeden Ton spielen; kommt nur darauf an, wann„: Mir hat mal jemand mit allen Finessen vorgerechnet, dass es eine Skala geben kann über „So What“; na, rate mal: die Halb-Ton-Ganz-Ton … (gut, um die Leute auf der Session aus dem Konzept zu bringen😉 )

    Die Pentatonische kannst Du eigentlich ganz gut in funktionalen Zusammenhängen benutzen (akkordeigene Töne); wenn Du hörst, zu welchem Ton du hin willst: Gut, wenn du die Chromatische (sehr) schnell spielen kannst😉 !! Im Prinzip macht der Walking Bass nichts anderes. (Die Dorische ist für meine Ohren besonders gut für Modalen Jazz geeignet; die None klingt einfach immer schon sehr schön „schwebend“ – aber hier erzähle ich wohl nix neues.) Und natürlich in Kombination: Pentatonische-„Blues“; Pentatonische-Dur; Pentatonische-Mixo. Übrigens: Wenn du den Quintenzirkel fünf Töne hochspielst, hast du, na was: die Pentatonik – mach damit meinetwegen, was du willst … Im „Fünfeck“ durch den Quintenzirkel? Soviel zur Ehrenrettung der Pentatonischen😉

    Für die Eigenständigkeit des Basses als improvisierendes Instrument beim Zusammenspiel steht eigentlich der früh verstorbene Scott LaFaro, der bei Bill Evans berühmt wurde (z.B. „Gloria’s Step“, früher sehr viel gehört). Für ein Bass-Solo oder das Improvisieren eignet sich hier die Pentatonische natürlich weniger. Schließlich spielst sonst ja du ohnehin viele akkordeigene Töne (es sei denn, du bist Scott LaFaro😉 ), obwohl dem Walking Bass natürlich kaum Grenzen gesetzt sind. Aber Riffs bzw. Akkordzerlegungen kommen auch im Jazz vor, da bluesverwandt. Bei

    https://de.wikipedia.org/wiki/David_Baker_(Musiker)

    hab ich mal ein Notenbeispiel gesehen, wo er (für den Blues) auf der „Alterierten“ basierende Sequenzen oder Riffs, also immer dieselbe Figur, nur immer auf den verschiedene Stufen, vorschlägt. Habs ausprobiert – und hörte sich natürlich irre an ! Muss man allerdings erstmal drauf kommen😦 (Merke: immer auch Arpeggien u. Sequenzen üben!😉 )

    Naja, da der Bass sowieso so tief ist, dass viele den harmonischen Bezug oder eben Nicht-mehr-Bezug ohnehin nicht mehr hören, hab ich bei seltenen Bass-Solos manchmal Inside-Outside gespielt. Also: richtig-irgendwas-richtig-irgendwas usw.

  19. ziggev November 3, 2016 um 9:09 pm

    oh, Fehler !!!

    bei „den letzten dreien“, bei denen „es sich genaugenommen um die funktionsharmonischen Ableitungen der sog. „Alterierten“ Phrygisch handelt, muss stehen:

    Phrygisch – „Alterierte“; Lyd. – „Alterierte“; Lokr. – „Alterierte“

  20. momorulez November 3, 2016 um 9:20 pm

    Danke für all die Tipps (die wohl auch an Lars gingen). Ich habe nur auch mit den Arpeggien so meine Probleme – ich spiele die ja in allen Varianten immer wieder incl. der 7, aber dabei entsteht halt in meinen Ohren einfach keine Dramatik, und die brauche ich in der Musik.

    Ich muss das jetzt eh noch sehr oft lesen, was Du geschrieben hast, weil ich mir das im Kopf zwar mittlerweile alles irgendwie rekonstruieren kann, aber nur analytisch mit Grübeln – in den Fingern oder auswändig habe ich das einfach nicht parat und kann mir das auch immer alles gar nicht merken. Das ist aber trotzdem toll und hilfreich, was Du geschrieben hast! Weil ich das ja gerne in den Fingern und im Gehör hätte. Dazu brauchte ich nur allmählich mal andere Musiker und nicht nur Playalongs und Apps, glaube ich, dass das mal wirklich Kommunikation wird …

  21. ziggev November 3, 2016 um 9:43 pm

    war wieder nicht so richtig was. Wo ich immer ganz gerne rungefrickelt hab, charakteristische Skalenabschnitte oder Tonkombinationen aus einer Skala gewissermaßen „kontextbefreit“ an anderen Stellen aufzufinden, war das hier:

    „Blues“ – „Alterierte“; harm Moll – „Alterierte“; Mixo. – „Blues“. Funktionsharmonischen Ableitungen der sog. „Alterierten“ : Phrygisch – „Alterierte“; Lyd. – „Alterierte“; Lokr. – „Alterierte“

    Und, was ich noch vergaß. Schau mal, dieser Satansbraten ! (Playlist)

  22. ziggev November 3, 2016 um 10:12 pm

    ja, verstehe. bei der Gitarre hast du ja immer die Griffe und Muster, die die Leitern ergeben. D.h., du hast dann recht schnell Bilder im Kopf. Ohne es gleich richtig zu hören oder es auch nur i.S. der Harmonielehre verstanden zu haben, hast du gewissermaßen, wie Chinesisch, schon mal ne Schrift und kannst auf diese Weise bei solchen „Erklärungen“ gewissermaßen „mitschreiben“, die Bilder merken – und später nachvollziehen. Und du kannst, zwar meist nur nacheinander, Harmonien mit Tonfolgen vergleichen.

  23. ziggev November 3, 2016 um 10:18 pm

    hast du mal versucht, Lester Young nachzuspielen ?

  24. ziggev November 4, 2016 um 12:12 am

    bei Take The A-Train in C beispielsweise spielst du im Prinzip immer C-Pentatonik. Bedenke, der Jazz hat viel mit Blues zu tun. Kannst Du Harmonien einprogrammieren? Eine Möglichkeit ist, einfach die ganze Zeit C-(dur)-Pentatonik zu spielen, und immer wenn was nicht passt, ne Blue-Note oder was Chromatisches auszuprobieren, bis Du findest, was klingt. Im Detail wie folgt.

    Auf C fröhlich die Pentatonik rauf und runter. Nimm dann ruhig D #11 (oder lyd. b7) als nächsten Akkord. Tipp: mit der None (die hast du nämlich auf D#11). Die None ist das e (gehört zu C pentatonisch). Zum spielen änderst du jetzt nur 2 Töne g->ges; a->as. Du wirst hören, dass sich das c jetzt ziemlich komisch anhört. Die geänderten Töne kannst Du auch chromatisch ansteuern. Also von oben runter: a, as, g, ges. (wie gesagt, Dominant- und Blues-Skalen kann man immer schön chromatisch von der Tonika runterspielen). Die C-Pentatonik hat als Moll-Parallele Am. Mit den geänderten Tönen hast Du ne Leiter, die ziemlich wie ne Blues-Leiter klingt.

    Das c hört sich so komisch an, weil die Töne von e aus gespielt, e, ges, as, sich ziemlich wie die E- Pentatonik anhört, Man erwartet das h usw. Immer, wenn Du ne Pentatonik hast, probierst Du die Blues-Leiter aus. Also versuchst Du, das as von unten anzusteuern. Wie haben also eine Mischung aus E (dur) Pentatonik oder E-Blues u. A-Blues auf D#11.

    Wie bekannt, sind C-dur und Am interchangeble. Darum spielst Du auf Dm, wieder mit None (e gehört zu C pentatonisch), wieder die C-Pentatonik, aber als Blues-Leiter. Beim Blues kannst Du, wie Du sicher weißt, diese schöne Moll-Dur-Geschichte machen, also es->e. Du lässt also die C-dur-Pentatonik wie ne C-Moll-Pentatonik klingen. Dadurch hast du aber das f von D-Moll! Dieser Effekt ergibt sich, wenn Du A-Blues mit C-Blues abwechselst. Den C-Dur-Pentatonik-Effekt behältst Du aber bei, indem Du das b vermeidest, sondern beim a bleibst. Damit man hört, dass Du in D bist, spielst Du prägnant – drama! – ein paar mal das d (ja, wir sind in C-Blues, Du ziehst es zum eb).

    Jetzt kommt G7(b5). Jetzt dürfte klar sein, was jetzt passiert. Du spielst A-Blues bzw. C-Pentatonisch und spielst mit der Moll-Terz. Oder, schließlich die Dominante, Mixo., alles, was geht! Damit man hört, dass Du in G bist, spielst Du prägnant – drama! – ein paar mal das g (ja, Du bist in C bzw. A-Blues, Du gehst chromatisch vom g runter zum f – und weiter bis zum es !)

    Du spielst also im Prinzip immer C-(dur)-Pentatonik bzw. C-Blues und A-Blues abwechselnd, nur dass du auf D7/9(#11) „zufällig“ das a „vergisst“ und das ges (eignetlich fis) irgendwie mit einbaust.

    C/“A“ („E“)/C/C bzw. A/C

    Der zweite Teil ist auf F. Jetzt kommt auch das f zu seinem Recht ! F-Pentatonik, den Rest wie oben.

    Als nächstes würde ich ein bisschen mit Akkordzerlegungen probieren (wofür die Pentatonik schon ne gute Übung ist).

  25. momorulez November 4, 2016 um 8:32 am

    Solche Sachen mache ich sogar relativ viel. Ich spiele ja die ganze Zeit zu „iRealPro“ und auch verschiedenen Apps, die z.B. das Modale oder „Contemporary“ in Vamps simulieren, wo ich dann ewig Dorisch, Mixolydisch oder auch Halbton-Ganzton drüber spiele. Oder auch auch auf einzelne, geloopte Akkorde die „Terzen schichte“, auf jeden Akkordton, kommt auch gut, auch bei denen mit Upper-Structures. Und von den Blues-Tonleitern kann ich mir mittlerweile auch einige merken😀 – und das kommt z.B. cool, beim „Blue Bossa“ zwischen D-Blues und D-Harmonisch-Moll zu wechseln und dann zu F-Dorisch überzugehen oder bei Tracks, die eher dem Blues-Schema folgen, auf die Dominantseptakkorde abwechselnd Mixolydisch, die „dazugehörige“-Blues-Tonleiter und die der parallelen Moll-Tonart im Sinne der 6. Stufe zu spielen. Bei alledem kommt auch durchaus was raus.

    Ich merke nur immer wieder, dass ich mir Musik eher rhythmisch-dramaturgisch erschließe als harmonisch. Deshalb komme ich bei Pentatoniken wenn, dann nur mit der Moll-Pentatonik klar. Da fühle ich was. Dur, die Stufe I, macht mich irre.

    Wenn ich aber immer wieder zu den gleichen Apps spiele, dann passiert mir rhythmisch zu sehr immer das gleiche. Programmiere mir deshalb auch ständig Beats/Rhythmen z.B. in der „Figure“-App, ohne Harmonien und übe darüber Tonleitern allerlei Varianten, was sich in der Aufnahme hinterher oft am besten anhört. Das hilft mir nur beim Gehör nur eingeschränkt weiter.

    Lester Young gehört natürlich unbestritten zu den Göttern und ich höre den auch; richtig spannend finde ich aber weiterhin Redman, Coltrane (unerreichbar, klar), Sanders und, konträr vom Sound, die „populären“ Geschichten von Archie Shepp, z.B. dieses Gospel-Album. Grover Washington jr., noch mal was ganz anderes, ist für mich auch immens wichtig, und wenn ich denn überhaupt Ambitionen hätte, jemand nachzuspielen, dann wäre das eher Ben Webster. Nur dass ich Subtone irgendwie nicht kann😀 – das sind alles ganz andere Sound-Konzepte als Young. Und ich höre da total auf den Sound. Und nachspielen kann ich eh nicht. Ich lerne irgendwie anders – ich gucke/höre mir Formen schon immer sehr genau an, ob nun einst an der Uni oder im Job, muss dann aber was „eigenes“ draus bauen. Und einen hohen Wiederkennungswert habe ich, glaube ich, sogar jetzt schon auf den Aufnahmen. Aber ob Dritte das mögen würden, weiß ich natürlich nicht😀 – es ist doch sehr die alte Gießkanne, also selten dieses sanfte, schmeichelnde, was die Leute von Lester Young oder Stan Getz kennen. Ich steh halt doch eher auf Wagner als auf Mozart …

    Aber 1000 Dank für die Hinweise, ich probiere da mal mit rum!

  26. ziggev November 4, 2016 um 3:14 pm

    ah, so – verstehe. jetzt kann ich mir ganz gut vorstellen, was Du da so machst … lustig, mir geht es immer so, dass bei mir, wenn ich solche Erklärungen, notwendigerweise in der theoretischen Sprache verfasst, obwohl ich natürlich nicht zu denen gehöre, die das auch gleich „hören“, gewissermaßen die entsprechenden Gehirnwindungen anfangen, mitzuschwingen. Klangfarben gibt es dann schon.

    leider ist das reine Skalenspielen auf der Gitarre recht öde. Du kannst z.B. nicht einzelne Töne dynamisieren oder Schichtungen effektvoll einsetzen. Soll es ohne Funktionsharmonik abgehen, muss ich immer gleich an anfängerhaftes, endloses Rumgeschrammel auf der dorischen über II-V denken, nee, geht nicht. Da höre ich lieber gleich mal nach Indien rüber. Toll: Debashish Bhattacharya – Raga Bhimpalasi. Sonst fällt mir nur noch Terje Rypdal ein.

    Was die Gitarre bei diesen absolut irren Sixties-R&B-Soul-Jazz macht, brauche ich Dir ja nicht lange auseinanderzusetzen. Und der Weg dorthin ist ja auch klar. Am Groove arbeiten, Mikro-Timing. üben, üben, üben. Geht natürlich am besten mit nem guten Bassisten und Drummer. Du glaubst nicht, wie wenig gute Drummer es gibt. (Wenn Du einen kennst, melde Dich gerne mal!)

    Und da vom Skalenspielen sich ans Spielen über Changes ranzutasten für die Gitarre schlecht geht, bleibt nur der steinige Weg, sich möglichst viel Material draufzuschaffen. (Es ist ja nicht so, dass ich ins Charlie Parker Omnibook nie reingucken würde.) Wie es an der Uni mal hieß, es sei ratsam, irgendeinen „größere“ Philosophen mal ganz zu lesen, kann ich nur sagen, dass es sich wirklich auszahlt, von irgendjemandem sich mal ganz genau angucken, was der da im Einzelnen genau macht. Hab ich auch schon oft von Freunden gehört. Und seien es nur 8 oder 12 Takte. Ich brauche jedenfalls dieses Material, sonst fange ich an, mich selber zu langweilen. Sind oft nur gute Vorsätze, nur zu wahr. Aber von den paar Malen, wo ich das mal gemacht habe, lebe ich heute noch. Im Mikrokosmos tun sich Welten auf. Ich glaube, was die Changes angeht, kann das alle Theoriebücher ersetzen (o.k. Ornette Coleman ist der Gegenbeweis😀 )

    Leider hab ich kein Smart Phone oder sowas. Würde ich auch eher für Eigenkompositionen benutzen – die fast alle für modales Spielen konzipiert sind …😀 schönes Wochenende!

  27. momorulez November 5, 2016 um 8:17 pm

    Selbstverständlich Dir auch! Sitze hier gerade in einer Hotel-Lobby am Rande einer deutschen Großstadt nach einem tatsächlich mal spannenden, arbeitsreichen Tag und hätte gerade riesig Lust, hier loszusaxen. Habe es natürlich nicht dabei. Und es würde auch nicht goutiert, befürchte ich.

    Das mit dem „wenigsten einen“ und den großen Philosophen ist ja richtig.Unter Saxophonistinnen gilt neben dem „Licks lernen“, was ich gar nicht mache, das „Soli transkribieren“ als Königsweg. Was ich auch noch nie gemacht habe. Bei Redman sollte ich das allerdings eigentlich wirklich mal machen. Auf dem „Back East“-Album spaziert er saxend ja auch ein wenig in Richtung Indien. Aber so als Hobby-Clown am Tenor sollte ich vielleicht die Latte für mich nicht immer so aufblasen, dass sie mich schlicht erschlägt und ich dann alles nur noch doof finde, was ich so versuche …

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