Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn Vorfreude sich zu Nachwehen wandelt: FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig 0:2 


Hey, endlich wieder Fussball! 

Das dachten wir vorher. 

Schon kurz nach Anpfiff verglomm das noch gar nicht so richtig entfachte Feuer prompt. Jenes, das doch gerade erst wieder entzündet war, innerlich Bereitschaft lebend, all das magische Räucherwerk aus Leidenschaft, Glücksempfinden, Angstbewältigung, ja, auch Funken sprühenden Entsetzens und in Stichflammen sich entladender Begeisterung  in schneller Folge, gepaart mit braunweiß glühender Zuneigung zu Männerbeinen auf dem Platz, eben das ganze Repertoire, das Menschen in diesem Stadion im besten Fall verzaubert, auf dem Altar des Spiels in ritueller Ergebenheit zu  drapieren und den Fussballgöttern auf dem Platz zu opfern. Nachdem die Glut in der Sommerpause unterschwellig weiterschwelte.

Nein, die Flammen der Hingabe erfuhren eine 90minütige, nasskalte Dusche. Sie löschte das Glühen zusehender Erlebnisbereitschaft und löste es auf in einer Art Gegenzauber zu Glaube und Hoffnung. Ja, ganz verpilchert könnte ich jetzt schreiben „aber die Liebe bleibt!“, aber da kann mensch ja eh nix machen, dass die einfach da ist und sich hämisch ins Fäustchen lacht, verlässt der durchaus Frust gewohnte Fan das Stadion wie ein begossener Pudel …

Was also war des Pudels Kern? 

Keine Ahnung. 

Was kann die Welt Dir schon gewähren? Entbehren sollst Du, sollst entbehren! So fühlte sich das Spiel zumindest an. Sogar die Verständnis- und  Erkenntnisfähigkeit schrumpelte zum scheiternden Humunculus-Experiment im Reagenzglas des Alchemisten. Heraus kam nur ein Klumpen unansehnlichen Matsches wie aus einer Pfütze am Rande des Doms. 

Kennst Du das Stadion, wo nur noch Fehlpässe blühen? 

Das war ja das Schlimme: Diese komische Rat-, Fassungs- und Konzeptionslosigkeit im Spiel, die, ich zitiere einen Facebook-Freund, die Gegengerade in einen Elefantenfriedhof verwandelte (muss ich als Haupttribünensitzer gerade schreiben, ich sitz da auch nur so gerne, weil ich mich in dem Umfeld ausnahmsweise mal so richtig blutjung fühlen kann) – eine Mannschaftsleistung, die auf zwei Halbzeiten gedehnt den Sound eines Luftballons, aus dem die Luft entweicht, erzeugte. Da standen sie dann wie arme Toren und hatten so viel Punkte wie zuvor. 

Und das nach diesen sensationellen, na, 65 Minuten in Stuttgart. 

Die gleichen Sportler-Persönlichkeiten nun wie vom Irrlicht in den Sumpf des fussballerischen Trugschlusses und Fehlschusses gelockt. 

Ja, Braunschweig spielte eklig, aber sehr gut, aber dass unsere im Gegenzug herum gaukelten wie Hobby-Magier, denen ständig die gezinkten Karten aus dem Ärmel fielen und das Kanichen ausgebüxt war, so dass nur noch vertrocknete Möhrenstummel aus dem Zylinder sie zogen und beim Entfesselungstrick sie sich immer weiter nur verhedderten … 

Das Drama nahm ja schon lange vor dem Spiel seinen Lauf, als ausnahmsweise mal ein SONG gespielt wurde, „Back to black“ von Amy Winehouse, und mitten hinein die Braunschweiger Fans mit ihren wilhelminische Marschtrommeln losballerten. 

Und dann, als die ja wirklich, danke!!!, Glückwunsch, Ehrfurcht, unglaublich grandiose Fahnenchoreo (tolle Fotos wie immer beim Kleinen Tod) auf allen Tribünen den Schall dämpfte und Visionen wie im schamanischen Trance erzeugte, dass all die Energie sogleich sich orgiastisch entladen würde … nö. 

Nix mit Ekstase, nix mit Fussball, der so kosmisch schwingt wie anderswo „in Zungen sprechen“ in Leiber fährt.

Wie schreibt „Grenzenlos 1910“ so treffend? „Erst haben wir schlecht gespielt, und dann hatten wir Gonther„. Normalerweise läge es mir fern, auf einzelnen Spielern rumzuhacken, selbst auf solchen, die mit Hilfe der Lokalpresse ihre Wechselwünsche proklamieren – aber dass einer wieder zum Kapitän gewählt wurde, der in der letzten Sasion sang- und klanglos die Regenbogenkapitänsbinde verschwinden liéß, dass manche sich schon fragten, ob er sie vielleicht ganz putinesk für „Homo-Propaganda“ hielte, das mag in den Augen vieler eine Petitesse sein . In meinen nicht. Ich will keinen Mannschaftskapitän des FC St. Pauli auf dem Platz sehen, der klammheimlich Solidarität entzog, aus welchen Gründen auch immer. Und verzaubert wird so das Spiel der Mannschaft bestimmt auch nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass der heilige Geist unter dem Millerntorrasen sich wehrt und Rutsch- und Stolperfallen erzeugt. 

Ich bin ja sonst stets bereit, die Schönheit des Scheiterns wortreich abzufeiern, das Liebenswerte des Sichüberrennenlassens poetisch zu umschwärmen, das Tun statt des Siegens zu besingen, Fehler statt Heldenmut zu lieben und das Zarte und Weiche angesichts dieser so unangenehm straight aufspielenden Braunschweiger für den Atem wahrer Kunst zu halten. So war es aber diesmal auch nicht, dass das nun ginge. Dafür war es zu trübe, zu lau, zu profan. Und es beruhigt mich auch nicht, wenn Lienen nun proklamiert, sie müssten sich jetzt erstmal finden. 

Wo haben sie sich denn in der Vorbereitung gesucht?

Im magischen Rezeptbuch scheint das nicht gewesen zu sein. 

Wirkte eher wie der Aufprall falscher Wunsch-Vorstellungen auf den grauen Asphalt der Realität statt wie die Wiederverzauberung der St. Pauli-Welt. 

Das mit der Wunscherfüllung klappt ja nur, wenn mensch die wieder vergisst und sich ganz der Sinnlichkeit des Hier und Jetzt hingibt, so den Zauber des Seins wieder spürt. Ist der Kopf zu voll, kommen Beine ins Rutschen – und der Gegner netzt ein. 

2 Antworten zu “Wenn Vorfreude sich zu Nachwehen wandelt: FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig 0:2 

  1. Pingback: Fehlstart perfekt – blutleerer #FCSP im Fahnenmeer gegen Braunschweig | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Zaphod August 14, 2016 um 9:12 pm

    „wie Hobby-Magier, denen ständig die gezinkten Karten aus dem Ärmel fielen und das Kanichen ausgebüxt war, so dass nur noch vertrocknete Möhrenstummel aus dem Zylinder sie zogen“

    So traurig das ganze Spiel auch war, wenigstens darüber hab ich herzhaft lachen müssen. Soo passend.😀

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