Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens noch an einem Punkt knapp vorbei zu schrammen, wo sich artikulierende Wut zwar punktuell, nie jedoch strukturell in Gewalt umschlagen kann, weil sie Legitimation erfährt. Dass ohne Ende Gesetze, Gerichte und politisches Personal fast immer Polizisten, selten Demonstranten schützen, ignorieren sie und verschieben somit die Diskussion von Fragen struktureller Macht zum Episodischen.

Vieles des multimedialen Gegeifers, das sich bis hinein in ZDF-Sendungen zog, macht sich an der Biographie Anetta Kahanes fest. Sie hat in der DDR der Stasi zugearbeitet und meines Wissens, ich schreibe das aus der Erinnerung, noch zu Zeiten deren Bestehens mit dem Regime gebrochen – und das, ich liefere die Quellen nach, nachdem sie bei Aufenthalten in „sozialistischen Bruderländern“ auf dem afrikanischen Kontinent mit dem Fortbestehen eines tiefgreifenden Rassismus auch bei den Realsozialisten sowie ebenso mit einem nicht minder präsenten Antisemitismus im offiziell „antifaschistischen“ SED-Staat konfrontiert wurde. Es ist immer möglich, gelungene und weniger gelungene Aufarbeitungen von Stasi-Vergangenheit ins Visier zu nehmen, dem muss sich Frau Kahane auch stellen – es ist jedoch unlauter, international heftig diskutierte Fragen rund um „Hate Speech“ nun gewissermaßen exklusiv in ihrer Biographie zu verankern. So weltbewegend im Wortsinne ist die nun auch wieder nicht. All die Diskussionen rund um „Black Live Matters“ versus „Blue Lives Matters“, Veröffentlichungen von Judith Butler aus vergangenen Jahrzehnten, die Neocon-Agitation in der USA der 90er und vieles andere mehr belegen, dass dieser Zusammenhang ein argumentativ nicht einlösbarer ist.

Nun macht Hans, Wurst, Meier und Müller im Netz mobil gegen die Stiftung, der Frau Kahane vorsteht, greift massiv auch deren Finanzierung an – wie mir scheint nach Vorbild der vernichtungswilligen Attacken auf Professuren zur Gender-Theorie. Ich verlinke solche Quellen nicht.

Die Antonio Amadeu-Stiftung ist nach einem aus rassistischen Motiven ermordeten Schwarzen benannt und scheint, das ist hochproblematisch, ein rein weißes Team zu beschäftigen.

Ich habe als „Kern“ des Agierens der Stiftung immer vor allem wahrgenommen, eine Brücke zu schlagen zwischen den eher aus den postkolonialen Studien sich speisenden Rassismuskritiken und der Abwehr eines postnationalsozialistisch sich positionierendem Antisemitismus. Das Anliegen ist wichtiger denn je, wo doch häufig gerade in dem postkolonialen Paradigma Antisemitismus sich an der schlichten Existenz des Staates Israel entzündet (so z.B. jüngst auch punktuell in der „Black Live Matters“-Bewegung; auch die Theorien des „Homonationalismus“, by the way, die alles andere als nur falsch sind, kippen gerne mal in diese Richtung um). Weil dessen Geschichte fälschlich und bruchlos im Zusammenhang des Kolonialismus im ganz und gar allgemeinen diskutiert wird, was so der Realgeschichte des Zionismus einfach nicht gerecht wird (und der von Menschen in Südafrika ebenso wenig).

So sehr ich mit dem Anliegen sympathisiere und somit auch dem Versuch, das Klaffen einer Lücke im „Critical Whiteness“-Diskurs zu schließen, so unzureichend finde ich, von weißer Seite das Wissen der Black Communities zu kapern und diese selbst wieder nur außen vor zu halten – was direkt zu dem überleitet, was ich an der Broschüre für kritikwürdig halte. Freilich ohne ins Horn dieses ganzen „Zensur“-Geschreis abzugleiten, das sich an die Biographie Kahanes heftet.

Weil: NICHTS von dem, was gerade allseits kolportiert wird und wie üblich mit „Stalinismus“-Diagnosen geschichtsklitternd um sich wirft, als wolle es die, deren Deportation und Zurichtung Alexander Solschenizyn in „Archipel Gulag“ beschrieben hat, möglichst lautstark verhöhnen, trifft zu.

All diese Befürchtungen der „Bespitzelung“, die unter Umgehung richterlicher Instanzen in das ganz und gar Eigene des lediglich privat sich äußernden, politischen Subjekts eindränge, werden durch die Broschüre nicht eingelöst. Gemeint ist vermutlich, „Hate Speech“ bei Twitter und Facebook den Betreibern der Netzwerke zu melden. Was genau ist das Schlimme daran, wenn Menschen nicht mehr wüst beschimpft und diskrediert werden? Ich habe solche Forderungen in der Broschüre selbst auch nicht gefunden, habe ich das überlesen?

Auch keine Forderungen nach nicht-staatlichen Tribunalen – stattdessen wird auf die schwierige Rechtslage auch aufgrund der Unschärfe des Begriffs „Hate Speech“ ausdrücklich hingewiesen und stattdessen auf die Rechtssprechung bzgl. der Volksverhetzung, der Beleidigung, der Schmähkritik sowie der Holocaust-Leugnung als relevant verwiesen.

Das in der Tat schwierige Thema, wann z.B. staatlich interveniert werden KÖNNTE, auf das übrigens auch Judith Butler in „Hass spricht“ verweist, wird gar nicht erörtert – wieso also jene zusätzlich ermächtigen in Minderheitenbelangen, die einst auch Homosexualität kriminalisierten und Segregation durchsetzten und die mittels „racial profiling“ agieren?

Die tatsächliche Rechtslage hingegen skizzieren profund die AutorInnen.

Allenfalls ein Ministervorwort und eine staatliche Unterstützung der Broschüre selbst kann dann kritisiert werden, wenn Ministerien neuerdings für gesellschaftliche Entwicklungen ganz grundsätzlich gar nicht mehr als relevant betrachtet würden, was durch die Verfassung meines Wissens nicht gedeckt wäre und schon gar nicht durch die Verpflichtung der Exekutive auf die Grundrechtsparagrafen akzeptieren würde. Vermutlich wegen der „BRD GmbH“ …

Die AutorInnen stellen in der Broschüre lediglich verschiedene Weisen dar, mit Kommentarsektionen, Social Media-Plattformen wie Foren oder auch sozialen Netzwerken umzugehen. Z.B. „Hate Speech“ ignorieren, kommentieren, gegen argumentieren, ironisieren, löschen? So skizzieren und typisieren sie und mühen sich um nachvollziehbar Schemata, beurteilen zu können, wann es sich um „Hate Speech“ handelt und wann nicht.

Dass diese Mischsphären aus Privatwirtschaft und demokratischer Öffentlichkeit schon aus Haftungsgründen letztlich die Verantwortung bei den Betreibern ansiedelt und diese selbst politische und gesellschaftliche Akteure sind, das wird kurzerhand wegdiskutiert, um einen imaginierten Machtmissbrauch immer dann zu behaupten, wenn die eigene Position keine Bestätigung erfährt. Ohne dass sie auf ihren eigenen Macht-Background befragt wird.

Opfer von Shistorms, Angehörige nicht-dominanter Gesellschaftsgruppen, kommen in der Broschüre „Geh sterben!“ zu Worte. Solche, deren Leben sich seitdem nachhaltig geändert hat. U.a. trauen sie sich nicht mehr im selben Sinne, sich öffentlich zu äußern und schauen sehr genau hin, wo sie das tun; sie entwickeln Symptome wie Alpträume, ihre Leistungsfähigkeit bleibt u.U. eingeschränkt.Es gibt längst eine rege Publizistik bis in den Suhrkamp-Verlag hinein, dergleichen hämisch unter „Mimosen“, „Opfernarzißmus“ und sonstwas zu verbuchen. Schlimm genug, aber nirgendwo zensiert.

Obgleich es ist ja in der Tat ziemlich gut erforscht ist, dass aggressive Diskriminierung im Sinne gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sich wie lebenslanges Mobbing auswirkt und z.B. auch die schulischen und studentischen Leistungen betroffener Gruppen beeinträchtigen kann.

„Getriggert“ wird dann, wenn sich Betroffene eben dieser Gruppen einem solchen Shitstorm durch gesellschaftliche Mehrheiten und dominante Gruppen ausgesetzt sehen; inwiefern das z.B. im Leben von Frauen generell eine vorherrschende Struktur auch im sexistischen Arbeitsalltag ist, das bleibt in der Broschüre eher randständig erwähnt – und auch, ob da nicht zwischen als weiß und als schwarz gelesenen Frauen noch einmal ein ganz erheblicher Unterschied bestehen könnte. Dazu später mehr.

Zu den Folgen dieses Mobbings äußert sich profund die Diplompsychologin Dorothee Scholz. Sie zeigt auf, dass die Folgen dessen nicht nur zu Isolation und Suchtverhalten führen, sondern bis in den Suizid reichen können. Das ist auch der Hintergrund der höheren Selbstmordrate bei LGBTIQ-Menschen, das wird halt ein/e jede/r durch fortwährende Beleidigung sozilaisiert, wie Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“ so eindrucksvoll ausführt. Ich kenne auch kaum einen Aktivisten der von „Hate Speech“ betroffenen Gruppen, der das lange aushält, öffentlich zu referieren und zu diskutieren. Die verbalen Attacken, offenen Aggressionen und unterschwelligen bis offenen Gewaltandrohungen sind zu heftig, um sich dauerhaft in der Öffentlichkeit zeigen zu können.

Dieses ist schon der erste Punkt, wo die lauthals „Zensur“ Schreienden in einen krassen Selbstwiderspruch geraten: Ihre gesamte Agitation dient ja der Wahrung des Beibehaltens der von ihnen dominierten Strukturen – des Maulstopfens, Niederschreiens und aus der Öffentlichkeit Verdrängens. Es hat die selben Folgen wie Zensur. Nur eben in dem Sinne, dass „die Macht von unten kommt“, dass also die Gruppen, die solche ausüben, das auch ohne staatliche Förderung ganz alltäglich hervorragend hinbekommen, dass Andere die Schnauze halten.

Ihre gesamten Attacken führen zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Kommunikationsweisen – indem die immer gleichen Bevölkerungsgruppen so lange zu bedrohen und einzuschüchtern, nieder zu lamentieren und verächtlich zu machen sind, dass diese auch ja wahlweise verstummen oder auch ganz aus Öffentlichkeiten verschwinden.

Eben das ist ja wohl das Ziel, wenn z.B. die Finanzierung der Antonio Amadeu-Stiftung aus Steuergeldern angegriffen wird – sie soll vermutlich vernichtet werden und möglichst für immer schweigen, indem ihrer wirtschaftlichen Basis der Garaus gemacht wird. Die wohl griffigste Formulierung für „Hass“, „der Wille, zu vernichten“, wird in reicher Metaphorik im Vorwort von Anetta Kahane eher verunklart.

Das ist ja auch die Pointe all des wackeren Kämpfertums für „die Meinungsfreiheit“, die noch da, wo „gegen rechts“ Kampagnen entstehen, ein „systemkonformes Ausgrenzen Andersdenkender“ behauptet, sich eine „Linksgrünversiffte Gutmenschendominanz“ einbildend: Sie selbst sind es ja, die shitstormartig über alle Andersdenkenden herfallen und das zum gesellschaftlichen Programm erheben. Also: Wahlweise ausweisen, verbieten, vertreiben, in die Unsichtbarkeit drängen, verschweigen ist deren Methode.

Und eben nicht nur das: Sie attackieren auch Andersseiende und Anderslebende fortwährend und ohne Unterlass und liefern dadurch einen Legitimationsdiskurs, gegen diese „in Notwehr“ ggf. auch Gewalt auszuüben. Oder auch einfach so. Tunten halt.

Gerade bei der AfD, die auch weiterhin einen liberalen Anstrich sich zu geben versucht, wird dieses am deutlichsten: Sie wollen, dass Schwule, Lesben und Transgender wie auch Muslime kurzerhand verschwinden. Möglichst komplett – manche ganz aus dem Land, andere aus jeder Öffentlichkeit, wo sie nicht unter sich sind. Kurz: Sie machen schlicht das, was sie Anderen vorwerfen.

Im Namen der „Meinungsfreiheit“. Daraus lässt sich dann aber – aus deren eigener Argumentation – auch kein Grund gewinnen, wieso sie nicht selbst in den Gulag geschickt werden sollten. Ich fände das falsch und verwerflich, so was zu tun, aber sie selbst können dagegen gar nichts haben, wenn das als „Meinung“ gewertet wird. Auch die FAZ-Blogger können nach eigenen Parametern gar nicht formulieren, wieso denn eine „Meinung“, die Zensur fordert, illegitim sei – im Sinne der Meinungsfreiheit wäre diese ja legitim, so, wie die so daher schreiben.

Mal ab davon, dass ja völlig unterbelichtet bleibt, was eine „Meinung“ überhaupt ist. Entweder sind Aussagen belegbar, dann sind es Tatsachenbehautungen, die wahr oder falsch sein können – und falsche Tatsachenbehauptungen können auch ohne die Antonio Amadeu-Stiftung justiabel sein. Oder es sind Wert-Aussagen – die sind am schwersten begründungsfähig und insofern auch die, die sich einer Diskussion am ehesten entziehen. Oder aber es handelt sich um Normenbegründungen, und auch diese können falsch oder richtig sein, je nachdem, was ihr Bezugsrahmen ist. Aussagen können funktionale Erfordernisse behaupten, es kann sich um Befehle handeln, um Forderungen, so oder so zu handeln oder auch Poesie – und all das ist teilweise folgenschwer, teilweise auch nicht, und es tritt zumeist an dominante oder auch nicht dominante gesellschaftliche Gruppen gekoppelt auf.

Häufig, nicht immer, unterscheidet sich diese Kopplung je nachdem, ob es sich um die an eine mehrheitsgesellschaftliche Gruppe oder auch nicht handelt. Im Falle der Agitation gezielt gegen Frauen erlischt das Mehrheitskriterium und es bleibt gewalthaltige Dominanz, die sich allerorten zeigt.

Was in dieser ausdifferenzierten Sichtweise auf Sprachformen nun „Meinung“ bedeutet, ist mir zumindest selten klar.

Im Alltagsgespräch geht das alles sowieso wüst durcheinander, so sind Menschen halt; die Unschärfe ist sogar systematisch auffindbar und gewünscht, um Stories und Erzählungen zu ermöglichen, wie Albrecht Koschorke treffsicher in „Wahrheit und Erfindung“ ausführte. Gerade WEIL Erzählungen so schillern, sind sie so reizvoll, und auch das ist einer der Gründe, aus denen heraus es tatsächliche Argumente so schwer haben. Und die meisten Erzählungen sind die aufmerksamkeitsheißender, weißer Männer – übrigens. damals im Juzi …

So ist ein Großteil dessen, was als „Meinung“ sich behauptet, auch an irgendeinen „Masterplot“ angelehnt und plaudert im Rahmen dessen; manche FAZ-Blogger haben gerade mal wieder diese Geschichte von der Übermächtigung durch Mielke und Co ausgebuddelt. Das funktioniert als Geschichte,  wahrt sich eine Spannung wie in einer Film-Erzählung, „Das Leben der Anderen“ und so – funktioniert aber nicht als Argument. Und so ist es bei den meisten der aktuellen Verlautbarungen.

Meines Erachtens ignoriert das auch die Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung sträflichst. Sie bewegt sich im Rahmen dessen, was als liberale Formalisierung tatsächlich den „Moralisierungsvorwurf“ nach sich ziehen kann – und das im Rahmen des falschen Allgemeinen.

Zwar wird am Rande kurz erwähnt, wieso „Kartoffel“ nicht die selbe Wirkung hat wie das N-Wort – aber nur ungenügend, warum das so ist.

Die Broschüre formuliert ansonsten, auch Heiko Maas, Justizminister, tut das so, allerlei gute Gründe für die Wahrung der Menschenwürde – vergisst dabei jedoch zu erwähnen, welche Gruppen nun im allgemeinen Entwürdigungserfahrungen systematisch durchlaufen, also zumeist Ziel von Hate Speech sind. Klar, die werden alle erwähnt in der Studie, aber nicht, WARUM gerade diese ins Visier geraten.

Die feheldne Analyse gründet in einer gesellschaftlich nie und nirgends aufzufindenen Symmetrie-Konstruktion und einer falschen Verallgemeinerung, die es auch liberalen Twitterern erlaubt, das „ACAB“ mit rassistischen Beschimpfungen gleichzusetzen (manche sehen ja auch „Hate Speech“ bei „Gegen rechts!“ am Werke, als gäbe es das Grundgesetz gar nicht).

Zudem enstehen so Vorstellungen, als würden People of Colour in Deutschland mehrheitlich Streife fahren, anlassbezogen Demonstranten verprügeln oder Razzien wegen Stromkabeln in der Bernhard-Nocht-Strafe in Kampfmontur durchführen. Das ist einfach auch dann sachlich falsch, wenn nun gelegentlich z.B. türkischstämmige oder auch schwarze Polizisten sich in Anstellung befinden.

Der gesamte Staatsapparat bis in Universitäten, Jobcenter und „Service-Center“ hinein bleibt weiß dominiert.

Die Kritik der Moralisierung greift ja immer dann, wenn solche tatsächlichen, nicht imaginierten Hegemonien ausgeblendet bleiben, weil dann sozusagen von einer realen, nicht etwa kontrafaktischen Gesprächssituation im Sinne der Habermasschen Diskurethik ausgegangen wird: Alle haben die gleichen Möglichkeiten, sich zu äußern und Gründe anzuführen usw.. Das ist gesellschaftlich nicht und annähernd nirgends der Fall, deshalb schreibt Habermas ja auch „kontrafaktisch“ und „idealisiert“. Und wenn bei Entwertungsbeschreibungen stehen geblieben wird, ohne institutionelle und strukturelle, gesellschaftliche Gegebenheiten einzubeziehen, dann verschwimmt auch der Unterschied zwischen „Vorurteil“ und tatsächlichem Rassismus. Letzterer besteht dann, wenn die Macht gegeben ist, ihn auch durchzusetzen.

Wenn am Oberlandesgericht die Regenbogenflagge weht, dann freut mich das – in genau solche Gebäuden wurde freilich auch der Paragraph 175 vollstreckt, vom Verfassungsgericht noch gestützt.

Das Signal ist ein doppeltes: Wir als Vollstrecker von Mehrheitsinteressen könnten Dir die Entkriminalisierung jederzeit wieder entziehen. Das weht da mit. Aktuell setzt das Verfassungsgericht auf Symmetrie. Die Kanzlerin freilich macht deutlich, dass ihr das aus Bauchgefühlsgründen egal ist.

Das ist aber die Struktur, um die es in der „Hate Speech“ nun tatsächlich geht: Die Fälle, die in der Broschüre untersucht werden, sind durchgängig solche, wo wahlweise dominierende (Männer) oder mehrheitsgesellschaftliche (hetero-weiß-ggf. christlich oder atheistisch) Gruppen aggressiv ihre Privilegien absichern.

Nur dass eben das, was mutmaßlich die aktuelle Situation nicht nur in Deutschland so brisant macht, dabei komplett ausgeblendet bleibt (vermutlich wegen des Kampfes gegen den Weltkommunismus): National sind das die Folgen von Hartz IV. Darin besteht nun tatsächlich eine tiefe Ironie, wenn mit Heiko Maas ein Mitglied einer Partei, der diese Massendiffamierung zu verantworten hat, von „Menschenwürde“ schwadroniert.

Das nun ausgerechnet im Osten, wo ökonomische Gleichheitsversprechen fortwesen, größere Bevölkerungsanteile auf Hartz IV angewiesen sind, sowieso ein Zukurzgekommenendiskurs die Erzählungen prägt und sich nicht schrittweise, sondern schlagartig die Deindustrialsierung vollzog, Pegida und AfD so stark sind, ja, wen wundert’s? Klassisch linke Diskurse lösen sich dort in völkischen Nationalismen auf, auch das hat Eribon treffsicher analyisert bezogen auf Frankreich, es werden politisch Konkurrenzen zu „Zuwanderern“ suggeriert (während gleichzeitig allesamt ignorieren, dass die Zuwanderung im Westen dafür sorgte, dass die DDR einem recht hohen Wohlstandsniveau beitreten konnte und mit den Steuern und Sozialbeiträgen der „Migranten“ dann die Ost-Rente finanziert wurde). Und keiner sieht ein, wirtschaftspolitisch mal wieder andere Wege zu gehen, von denen alle was haben. Die SPD schon mal gar nicht.

Und auch wenn durch die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland Sonderbedingungen aufgrund derer herrschen, die sich durch die Realgeschichte und ihren Verlauf narzißtisch gekränkt fühlen und Juden den Holocaust nie verzeihen werden, die sich deshalb rund um die Dresden-Story ballen und bündeln, um sich als aufrechte Opfer fühlen zu können, ist das Phänomen beim Brexit, bei Trump, beim Front National und Orban ja durchgängig strukturell ähnlich: WIR zuerst!

Die, die sowieso gewöhnt waren, zu dominieren und nun das, was sie als Konkurrenz und Angriff auf ihre Deutungshoheit erfahren, absichern wollen durch A Priori-Berechtigungsfantasien und allerlei Legendenbildung, schlagen zu und wollen, dass das alles so bleibe wie sie glauben, dass es „immer schon“ gewesen wäre.

Die anderen mögen verschwinden.

Das Ganze tritt gekoppelt an die oben erwähnten Masterplots auf, und was auch immer über den Weg läuft, bauen sie in ihre Erzählungen ein und imaginieren sich illusorisch als gallisches Dorf, das gegen Imperien kämpft: Es geht ja ständig um angeblich übermächtige Eindringlinge und illegitim Herrschende.

Der Heimatfilm halt, jene Erzählung, die schon die 50er Jahre befriedigte, indem nun die eigenen Leute, die Nazis, nach außen projiziert wurden, welche die heile, natürliche und gesunde Ordnungen zerstört hätten. Das gleiche Muster regt aber noch jeden Zombie-Film an.

So fantasieren Menschen Geflüchtete in eine „Invasorenarmee“ um, die die „Islamierung mittels Terror“ vollbringen wolle und natürlich ganz wie die Russen einst an die „weiße Frau“ ran wollten – eben jene, die ja zugleich erpresserisch Vergewaltigungen durch weiße, deutsche Männer lediglich erfindet, um diese zu unterjochen. Die sie ihr anschließend per Mail androhen, schreibt sie dreisterweise feministisch.

Selbst in Kindergärten dringen nun angeblich kranke Schwuppen ein, um die heile Welt der Kindheit durcheinander zu bringen, wo ungestört nur brave, cis-Gender Heteros heran wüchsen, gäbe es diese Devianten nicht – und derweil ziehen noch „die Konzerne“ und „die Juden“ sowieso immer schon hinter den Kulissen dieser theatralischen Dramatisierung die Fäden, während sie sich an Börsen breit machen und „uns“ beherrschen“ wollen. Mittels Zensur und „Lügenpresse“.

Diese „Wirs“ dabei sind erstaunlich konstant bis in die linke Subkultur hinein, und notfalls zückt der gemeine, weiße, heterosexuelle Mann noch die Hartz IV-Karte, indem er Schwule, „den Juden“ gleich, allesamt als Reiche imaginiert (machen „Antideutsche“ ja auch so im Falle „der Juden“), denen er nur die Party angeblich finanziere – um ihnen zudem noch mit auf den Weg zu geben als Parameter eigenen Denkens den Ekel normaler Angehöriger des „Wir“ angesichts behaarter Ärsche als maßgeblich zu begreifen (zum Traditionsbestand des Antisemitismus gehörte übrigens immer auch das Unterstellen „sexueller Perversionen“).

Interessanterweise hat dieses „Wir“ versus „die“ als „hate Speech“-Struktur der Möchtergern-Satiriker vom ZDF aufgegriffen; klar, da macht die Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung es ihm aufgrund der falsch verallgemeinernden Formalisierungen auch leicht. Wenn diese „Wirs“ unspezifisch bleiben und nicht auf tatsächliche, institutionell abgesicherte Dominanzstrukturen bezogen bleiben, erscheinen sie austauschbar – in einer materialen Analyse sind sie dieses eben nicht, weil noch das „Wir“ der Marginalisierten der Effekt mehrheitsgesellschaftlicher Dominanz bleibt und Ziel ist, diese zu überwinden.

In den die „Hate Speeach“-Akteure stützenden Masterplots gibt es dann zwei Formen des Eindringlings: Die „inneren“ und die „äußeren“ Feinde.

Der Antisemitismus war so erfolgreich (und ist es dann, wenn es z.B um das Beschwören der untergründig unheimlichen Macht des „Zentralrates der Juden“ geht, der angeblich die Mehrheit unterdrücke, bis heute), weil er die teils offensichtlichen, teils mittels Assimilation teuflisch verborgenen Zersetzungstätigkeiten dieser Gruppe als „inneren Feind“ beschwor – analog waren auch die Linken immer solch Vaterlandslose, die von innen heraus zerstören wollten. Und vieles davon entstand als Reaktion auf die rechtliche Gleichstellung von Juden im 19. Jahrhundert, by the way, ursprünglich, wenn ich nicht irre, vom „Besatzer“ Napoleon auf den Weg gebracht.

Und aktuell wollen DIE DA nun überall „Denkverbote“ errichten, PC-Dikatoren durchsetzen, illegitim mittels Verschwulung und Gender-Verunsicherung den Volkskörper infizieren und mittels Tugendterror vor allem weiße, heterosexuelle Männer bedrohen und gängeln. So bilden die „Hate Speeach“-Akteure es sich zumindest ein.

Das ist der Plot, der in dem letztlich auch manch FAZ-Blogger aktuell wildert, die finsteren Machenschaften verborgener Netzwerke zwischen DIE ZEIT und der Antonio-Amadeu-Stiftung scheinjournalistisch „entlarvend“ – das Offenkundige halt, dass Netzwerke im realen Institutionendschungel schlicht wirken, überall und unterschiedliche, als Skandal offerieren und mit DDR-Institutionen analogisierend. Das nebenbei Ergoogelbare wird dann zum „Entreißen der Maske“ wie im „Phantom der Oper“. Von mir aus auch wie das Enttarnen des Doppelagenten als Drahtzieher im Spionage-Thriller – weiterhin in der Analyse von Erzählweisen gedacht. Mehr als Storytelling ist das ja auch nicht.

Ergänzend fokussiert sich die Story auf äußere Feinde, die zu inneren geworden sein könnten: Die „Islamisierung“ ist gemeint –  in Abgrenzung zu dem, was unter „Islam“ als Chiffre für all das, was als Verdrängtes die eigene Geschichte prägte,  könnte das bei manchen erst Sympathien mit solchen wie mir erzeugen. Kann aber falsch sein. Andere schreiben dann halt „Sei froh, dass Du nicht wie im Islam gehängt wirst und nörgel nicht über das bißchen „Hate Speech“.“ Dritte kommentieren bei der CSD-Solidarität des FC St., wir sollten mal abwarten, bis der Islam herrsche – derweil spazierte die türkische Gemeinde wie auch ein Moscheenverband bei der Pride-Parade mit.

Und all diese fortwährenden Assimilationsforderungen, die täglich irgendein Mandatsträger auswirft, der neueste Coup „schreibt deutsch in sozialen Netzwerken!“ – also, wenn es da nicht um das Aufrechterhalten von Dominanz geht, worum denn dann? Die fortwährende Furcht vom Schweinefleischverbot bis zum Händeschüttelnverweigern zeigt ja nur, wie panisch dieses „Eigene“ in die Mythos-Bildung, bedroht zu sein, hinein schwappt. Was sich verschwörungstheoretisch dann in Fiktionen wie jenen, „die Eliten würden Austausch der eigenen Bevölkerung betreiben“, ins gemeingefährlich Tragikomische des Storytellings verwandelt.

Das Changieren der beiden Plots rund um innere und äußere Feinde belegt jeweils auch eine Haltung zu den Gruppen, denen das „Wir“ unzulässige Herrschaft unterschieben will: Während es den imaginierten „Islam“ noch irgendwie ernst nimmt, verdrängen zu können und die „Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit“ im Falle von Juden („jüdische Weltverschwörung“ usw.), Schwulen und Lesben („Homo Lobby“, die ja auch nur instrumentalsiert würde, um Eugenik-Programme mittels Leihmutterschaft durchzusetzen) noch als möglich angesehen wird und Feministinnen ebenso als übermächtig per „Gender-Mainstreaming“ Massenkastrationen bewirken könnten, haben als „schwarze Menschen“ Gelesene solche ja noch irgendwie Respektsbekundungen hinsichtlich ihrer Möglichkeiten nicht zu „befürchten“.Die schlägt der deutsche klassistisch-rassistisch eh der Putzkolonne zu, und zu Kunstgeschichte haben die schon mal gar nichts zu sagen.

Da greifen andere Mechanismen, und auch da springt die Broschüre einfach zu kurz, indem alles mit allem vermengt im Sinne eines falschen Allgemeinen.

Da ist es schon unerlässlich, „White Supremacy“ MIT zu kritisieren – übrigens erst recht, seitdem eine Kulturalisierung der Idee der Menschenrechte als weiße, teils gar christliche Erfindung so nachhaltig griff.

Deshalb ist die Gewalt, der schwarze Betroffene begegnen, auch die roheste, brutalste – sei es nun nun die verbale Variante in „Hate Speech“ oder auch die tatsächliche im Falle von vermeintlichen „Drogen-Razzien“ oder im Falle von Oury Jalloh. Da sich Weiße angewöhnt haben zu glauben und das global auch brutalstmöglich durchsetzten, selbst Motor von Vernunft, Humanität, Zivilisation, Fortschritt, Wissenschaft, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zu sein, ignorieren sie fortwährend, wie all das als Barbarei auf Andere projizierte im Eigenen wieder aufbricht, und das noch bei Volksfesten in Deutschland, wenn mal wieder einer gejagt wird,  im eigenen Handeln, Denken und Verhalten die Bahn sich schlägt.

Harmloser, ein wenig nur, gehört dazu auch die fortwährende Belehrung, die es besser wissen – jeder Nicht-Weiße, der intellektuelles Profil gewinnen könnte, wird erstens gehasst und zweitens fortwährend zurecht gewiesen, um auch ja die Möglichkeitkeit auszuschließen, dass er oder sie es tatsächlich besser wissen könnte. Das stört den Plot. Dabei ist das meistens so.

Dass es beim Bachmannpreis jüngst anders lief, das zeugt dann doch von einer gewissen Lernfähigkeit, weiter so.Das gibt Hoffnung.

Diese ganze Sauce, selbst historisch immer schon „weiter“ zu sein, zeigt sich auch in dem Umgang mit „dem Islam“ – dass die politischen Bedingungen nun alles andere als unabhängig von westlicher Intervention entstanden sind, die dafür sorgten, dass die Fundamentalismen Machterhalt absichern (oder von undemokratischen Militärregimen im Gegenzug gemeuchelt werden); dass es ein diffiziles Wechselspiel mit westlichem Einfluss war, das Modelle wie Salafismus und Wahabitentum ermöglichte, die heute in „den Islam“ als Ganzen projiziert werden; dass zudem beides ziemlich moderne Strömungen sind und keineswegs mittelalterliche, wie auch der deutsche Nationalismus ein modernes Phänomen ist – das wird ignoriert zugunsten von mehrstufigen Denkweisen, wo das Eigene immer auch das fortgeschrittenste sei. Was im Ergebnis sogar so sein kann; aber nicht in der Lesart dessen, dass es aus „kultureller Überlegenheit“ sich speise. Und was das denn wäre – das ist nicht zu diskutieren, indem Menschen es voraus setzen.

„Critical Whiteness“ moralisiert ja gerade NICHT ausschließlich, weil es eben nicht wie Maas und die Amadeu-Stiftung in kontrafaktischen Symmetrien und dem falschen Allgemeinen operiert – es macht klar, wie die Hierarchiebildungen, die sich aus Konstruktionen des Abstands zu „weiß“ und neuerdings „westlich“ ergeben, individuell wie auch instituionell, in Geschichtsschreibung und auch auf Ebene der Masterplots als Heldensagen wirken.

Und genau deshalb fällt immer da, wo es darum geht, die „Hate Speech“ auch am krassesten aus: Z.B., wenn in DIE ZEIT der Tarzan-Film kritisiert wird oder aber weiße „Entwicklungshelfer“ (!!!) darauf hin gewiesen werden, dass sie da vielleicht auch mit einem Fuße im kolonialen Paradigma schreiten.

Natürlich sind diese Muster trickreich, neuerdings lesen Menschen sogar Teju Cole, um die korrupten Schwarzen in Westafrika zu beschwören.

All das taucht in der Broschüre der Amadeu Antonio-Stiftung nicht auf.

Sie ist ein teils guter, teil oberflächlicher Einstieg in die Materie. Es ist gut dass sie den Schwerpunkt auf Antisemitismus legt – aber das Verblüffende ist: Von alledem, was nun im Netz an Unterstellung sich findet, taucht nichts darin auf.

Sie ist ein Anfang. Angloamerikanische Communities sind jedoch viel weiter (und das nicht aus kultureller Überlegenheit, sondern aus weiter gehender Reflektion marginalisierter Sichtweisen); aber um das Allgemeine irgendwann denken zu können, muss erst das Spezifische auf jeweils das Territorium, wo Menschen sich auskennen, bezogen durchgearbeitet werden (um nicht gleich wieder auf Brasilien oder Ruanda auszuweichen).

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Broschüre ein guter Anfang ist. Ein Anfang ist sie aber.

 

 

 

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