Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, bei uns sei ja längst alles gut, fällt er deutlich hinter das zurück, was er auf dem Podium einer hochkarätig besetzten Diskussion rund um Sexismus und Homophobie im Fussball – Gäste waren u.a. Sookee und Florian Lechner, Ort die Gegengerade, Anlass das erste „Fussball und Liebe“-Festival – selbst verkündet hatte: Dass nun mal strukturell sich etwas ändern müsse im Verein.

Das erste Zeichen dieser Veränderung: Die Regenbogenbinde verschwand bereits zuvor vom Kapitänsarm. Nun ist der auch vom Ärmel weg. So, als sei dieses eine Frage, die je nach Tagesform und anderen Belangen mal Relevanz habe und mal eben nicht.

Drum: Wie verhält sich der FC St. Pauli in der aktuellen Pride-Week?

Viele werden sogar kritisieren, wenn vor Hotels und selbst bei Starbucks auf einmal Regenbögen hängen. So was zieht manchmal sogar ganz unangenehme Gegenreaktionen nach sich, die manchmal in Homophobie umschlagen können – als handele es sich bei Seins- und Lebensweisen, die quer stehen zur herrschenden Heterosexualität, sozusagen um eine Art Vehikel des Kapitalismus.

Ich sehe das anders und genieße es, durch die Stadt zu laufen, in der ausnahmsweise sichtbar ist, dass es solche wie mich überhaupt gibt. Wie ja auch immerfort auf dem Dach unserer Geschäftsstelle sie weht, die Regenbogenflagge, zu nicht nur meiner Freude.Was super ist, wie auch die tollen Malereien auf der Gegengeraden zum Thema begeistern.

Was akut an Aktionen von Seiten des FC St. Pauli geplant sei, das fragte ich nun also per Mail den Pressesprecher des FC St. Pauli, Christoph Pieper.

Er rief prompt zurück: Am Samstag zur Parade würde sich der Verein per Social Media deutlich Pro Homo bekennen. Ansonsten sei nichts geplant.

Dieses habe sich ergeben aus einem Mailverkehr mit dem „Aktionsbündnis gegen Sexismus und Homophobie“ Ende Juli. Da sei es allerdings dafür, z.B. einen Wagen zu anzumelden, tatsächlich schon zu spät gewesen. Wäre ja mein Wunsch gewesen, ein FC St. Pauli-Wagen mit Teilen der Mannschaft. Vorne weg Sören Gonther, der Vickys „Ich liebe das Leben“ anstimmt. Das können bei der Pride Parade bestimmt viele auswendig und sofort mitsingen.

Auch sonst habe das Aktionsbündnis verschiedene Gründe genannt, nicht an der Parade teilzunehmen.

Das wollte ich natürlich genauer wissen und mailte Dirk Brüllau an – keineswegs Sprecher des Bündnisses, aber in diesem seit Jahren aktiv. Mitbegründer von „Queerpass“ und zudem einer, der jahrelang bundesweit schwule Fussball-Fanclubs koordinierte, großartige Leistung. Aus dem Mail-Verkehr kann ich mit seinem Einverständnis zitieren.

Die Gründe, die er anführt:

  • Das Aktionsbündnis sei auf die Fanszene des FC St. Pauli fokussiert – bloße Sichtbarkeit bei Anlässen, die nicht auf ihre vereinsinterne Arbeit wirkten, ließen sie bleiben. Lieber 3 gute Aktionen am Millerntor als eine schlechte beim CSD.
  • politisch und sozial engagierte Fussballfans kennen die Organisationen, die auf dem Antidiskriminierungsfeld aktiv sind, und können sich auch dort engagieren, ohne dass diese sich auf der Pride Parade präsentieren müssten.
  • frühere Teilnahmen von Queerpass (oder auch der Volxparkjungs) hätten gezeigt, dass queere Fussballfans zwar wahrgenommen würden, aber sich keine Synergien ergäben.
  • Das Aktionsbündnis wolle sich vor keinen Marketingkarren spannen lassen.
  • Das Bündnis verfüge über nicht genug Aktive, um Sinnvolles auf die Beine zu stellen.

Zum 10jährigen Bestehen des Aktionsbündnisses und dem 15jährigen von QueerPass würden sie ggf. mal größere Aktionen anvisieren.

Das sind ja alles gute Gründe, die zu akzeptieren sind; ich muss sie nun aber nicht für richtig halten, so weit es den FC St. Pauli als Ganzen betrifft in all seiner Vielseitigkeit.

Formal verhält sich der Verein korrekt im Sinne von „Respekt vor den Gremien“ – bei dem Aktionsbündnis handelt es sich zwar nicht um ein Vereinsorgan, aber um eine hochverdiente, geschichtsträchtige und autonome Plattform. Es ist natürlich richtig, wenn Vereinsangestellte sich erst einmal an jene wenden, die sich ihre Lorbeeren da erworben haben und ihnen als Ansprechpartner eingeführt wurden

Umgekehrt: Können die angeführten Gründe denn Gründe für den FC St. Pauli sein?

Wie kann es dazu kommen, dass die Frage an das Aktionsbündnis – zudem noch zu spät – sozusagen delegiert und der Aktenordner dann geschlossen wird?

Und das, wo auch noch explizit darauf hin gewiesen wird, dass es dem u.a. an Personal mangelt?

Was ja auch daran liegen könnte, dass Teile des Aufsichtsrates und anderer Fanszene-Gremien fortwährend behaupten, bei uns sei eh alles längst in Ordnung, warum soll man sich dann auch engagieren? Und das, obgleich kaum Lesben, Schwule und Trans*personen in dem Gremien- und Aktivitätendschungel des Vereins aktiv sind.

Sollten nicht alle Signalleuchten alarmiert blinken, weisen Aktivisten, die sich unendlich aufgerieben haben, darauf hin, dass sie Angst hätten, nur vor einen Marketingkarren gespannt zu werden und dass sich ansonsten eh nichts ändere? Das sind auch definitv keine Fragen an den Pressesprecher des FC St. Pauli, das ist mir schon klar.

Kann der FC St. Pauli die Sichtweise übernehmen, nur auf die Fans, die sowieso schon da sind, zu wirken – hat er nicht viel mehr aktiv Sorge dafür zu tragen, dass auch Schwule und Lesben, die noch nicht da sind, sich zu dem Verein hingezogen fühlen und  Zielgruppen, in denen mal ab vom Schwärmen für David Beckham oder Cristiano Ronaldo Fussball nicht die gleiche Rolle spielt wie in der Mehrheitsgesellschaft, obgleich sich da was verschoben hat, ins Stadion zu locken? Klar sind da auch schon welche, aber wäre da nicht mehr drin?

Wieso werden vor der Pride-Week nicht in Eigeninitiative schwule und lesbische Medien angesprochen, um in dieser Community auch wahrgenommen zu werden als tatsächlich aufgrund hoher Strahlkraft recht mächtiger Supporter (auch in die Politik hinein)?

Dass ein letztlich eben auch als Wirtschaftsunternehmen agierender Verein nicht unbedingt die Kommerzialitätsvorwürfe der alternativen Veranstaltungen im Gängeviertel oder in der Flora sich zueigen machen kann, okay – aber schon die Kritik letzterer, dass das Motto „Normal ist, wer Menschen achtet“ Normalitätsverständnisse formuliere, wo doch jede Normierung abzulehnen sei, ließe sich für den doch so „anderen Verein“ sogar aufgreifen und weiter entwickeln.

Ich hatte im Vorfeld auch beim Verein angefragt, ob er nicht z.B. der Nr. 1 der Forderungen der diesjährigen Pride-Parade, nämlich die aktive Unterstützung queerer Flüchtlinge  bei gleichzeitigem Agieren gegen die Asylrechtsverschärfung, nicht gerade auch durch den FC St. Pauli, der neuerdings „seinen“ FC Lampedusa, großartigerweise „hat“, aktive Förderung Ziel sein könnte oder ob nun gezielte Maßnahmen der Homophobie-Prävention in der Jugenarbeit angestrebt würden. Wäre ja ein prima Anlass gewesen, das zu verkünden. (Ich finde übrigens auch die anderen Forderungen der Parade durchaus avancierter als zu Zeiten, da sich die Paraden fast ausschließlich auf die Homo-Ehe fokussierten – Bezugnahmen auf Antirassismus sind allerdings ausbaufähig, gelinde gesagt).

Die Antwort war sinngemäß, dass die Akteure im Verein auf das reagieren müssten, was von selbst anklopfe. Vermutlich wegen einer zu dünnen Personaldecke.

Sind das angemessene Strukturen für einen Verein, dessen „Markenkern“ Antirassismus und Antihomophobie beinhaltet? Da können auch die eh schon mehr als ausgelasteten Mitarbeiter nichts dafür, das sei betont. Ich will auch keinen Unwillen unterstellen, beileibe nicht. Ich stichel im Sinne einer besseren Zukunft – von der ich weiß, dass sie zur FC St. Pauli-Programmatik gehört.

Das jedoch an ein ausblutendes Aktionsbündnis, das händeringend nach Nachwuchs sucht (kann jede jederzeit anklopfen!), sozusagen zu übergeben und selbst nicht über die Strukturen zu verfügen, die vielleicht auch bei Aktionen UNTERSTÜTZEN oder EIGENE INITIATIVEN wagen könnten, um dann das Aktionsbündnis INS BOOT ZU HOLEN – ist denn das dem Selbstverständnis entsprechend, dass so was ausbleibt?

Immerhin haben wir mit Levi’s einen neuen Sponsor, der z.B. mit der Harvey Milk-Stiftung zusammen arbeitet und in San Francisco Pride Collections heraus gibt. Der im Viertel auch Musikprojekte mit benachteiligten Jugendlichen fördern will (kurioserweise gerade im Fall des Punk, egal).

Soll heißen: Der Verein verfügt über Bündnis- und auch Finanzierungsmöglichkeiten, die das Aktionsbündnis gar nicht haben kann. Der Verein muss ein Interesse daran haben (und das hat er ja auch), in die Gesellschaft hinein zu wirken und nicht nur im Stadion selbst (anders als das Aktionsbündnis). Das ist auch Teil seiner Satzung.

Und alleine die Regenbogenärmel haben Pressemeldungen bis hin nach Australien beschert. Der Verein ist eh auf Marketing angewiesen und muss sich drum auch nicht fürchten, vor einen Karren gespannt zu werden.

Und der Verein muss, meint er die Regenbogenflagge auf dem Dach und die eigene Satzung ernst, und mir wäre nichts aufgefallen, was dagegen spräche, meines Erachtens auch auf der größten Demo für Homosexuellen- und Trans*rechte in Norddeutschland unübersehbar präsent sein. Ganz automatisch und ganz von selbst. Weil die Gründe des Aktionsbündnisses nicht identisch mit den seinen sein können.

Dafür müssen jedoch Strukturen geschaffen werden, dass nicht immer alles an zwei, drei Leuten hängen bleibt.

Das hat Oke Göttlich, unser Präsident, ja bei der Trikot-Präsentation auch angekündigt –  vielleicht ist der bisherige Fail im Falle der Pride Week ja ein willkommener Anlass, den Worten Taten folgen zu lassen.

Und es ist ja nicht so, dass Konzepte dazu nicht längst vorlägen …

 

3 Antworten zu “Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

  1. dante August 4, 2016 um 11:08 am

    Kannst Du mal den Artikel in der Mopo verlinken, wo Hasenbei sagt, bei uns sei „längst alles gut“. Danke.

  2. momorulez August 4, 2016 um 11:29 am

    http://www.mopo.de/sport/fc-st-pauli/st–pauli-aufsichtsrat–in-manchen-punkten-sind-wir-stinknormal-geworden–24408926

    Letzte Antwort, „Wir tun was“. Was denn? Regenbogenflagge am Ärmel – ja, klar, Idee des Hummel-Designers. Regenbogenflagge auf dem Dach – ja, klar, zunächst und ursprünglich Initiative und meines Wissens auch Finanzierung durch das Aktionsbündnis, die zweite wurde dann von der Mannschaft gestiftet, was super ist! Meeske freute sich damals allerdings vor allem über den so preisgünstigen Marketing-Effekt, was dessen Einsatz in der Lampedusa-Frage aber nicht schmälern soll. Ja, Malereien auf der Gegengeraden und auch alle zwei Jahre ein Aktionstag, das ist ja schon alles was und cool. Aber halt nix Strukturelles.

    Es geht aber auch nicht darum, Roger nun irgendwie ans Bein pissen zu wollen, sondern um ganz und gar Konstruktives: Was könnte denn das sein, das Strukturelle? Die ersten Reaktionen aus dem Verein zeigten gestern, dass das auch so angekommen ist.

  3. Pingback: #FCSP Saisonstart beim VfB knapp verstolpert – und vom CSD 2016 in Hamburg | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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