Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: August 2016

Die Netflix-Serie „The Get Down“: Scheitern, das Räume öffnet und Musik, die ihre Geschichte selbst erzählt

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Eine eher randständige Szene pointiert gelungen, worum es in der Netflix-Serie „The Get Down“ geht: Ezekiel „Zeko“ Figuero (Justice Smith), die Hauptfigur, angehender Rapper und virtuoser Wortartist, folgt einer Essens-Einladung seines millionenschweren, zukünftigen Chefs. Er ist der erste Teilnehmer eines Praktikumprogramms, das Jungs aus der Bronx den Weg ins geregelte Leben ebnen soll. Seine Ausflüge nach Downtwon Manhattan sind treffend mit Kiwanukas „Black Man in an White World“ unterlegt.

Nach einem heroischen Auftritt im Flur des Konzerngebäudes, da Ezekiel seinem „Förderer“ mitteilt, diesem die Chance geben zu wollen, von Anfang an auf seinem Weg dabei sein zu dürfen, weil dieser später davon profitieren würde (auch verweigert er die Rolle des „Ghetto-Maskottchens“), lädt der ihn zum Diner in seine Villa ein. Die Tür des Prachtbaus öffnet Ezekiel die höhere Töchter des Patriarchen. Sie trägt über ihrer Bluse eine Mixtur aus tradiert sittsamem Samt- und nietenbesetztem Hundehalsband. Anschließend bei Tisch amüsiert sie sich darüber, dass Ezekiel noch nie was von Punk und den Ramones gehört habe.

Es ist das einzige Mal, dass Punk in „The Get Down“ Erwähnung findet. Das ist sozial ebenso treffsicher skizziert wie auch erstaunlich bei einer Serie, die 1977 spielt. Und die ins rechte Licht rückt, welche Relevanz „widerständige weiße Musikkultur“ tatsächlich hatte, historisch.

Vermutlich ist geboten, tatsächlich, wie es mir eher zufällig passierte, Hallbergs „City on Fire“ und „The Get Down“ Mehr von diesem Beitrag lesen

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Wenn Vorfreude sich zu Nachwehen wandelt: FC St. Pauli – Eintracht Braunschweig 0:2 


Hey, endlich wieder Fussball! 

Das dachten wir vorher. 

Schon kurz nach Anpfiff verglomm das noch gar nicht so richtig entfachte Feuer prompt. Jenes, das doch gerade erst wieder entzündet war, innerlich Bereitschaft lebend, all das magische Räucherwerk aus Leidenschaft, Glücksempfinden, Angstbewältigung, ja, auch Funken sprühenden Entsetzens und in Stichflammen sich entladender Begeisterung  in schneller Folge, gepaart mit braunweiß glühender Zuneigung zu Männerbeinen auf dem Platz, eben das ganze Repertoire, das Menschen in diesem Stadion im besten Fall verzaubert, auf dem Altar des Spiels in ritueller Ergebenheit zu  drapieren und den Fussballgöttern auf dem Platz zu opfern. Nachdem die Glut in der Sommerpause unterschwellig weiterschwelte.

Nein, die Flammen der Hingabe erfuhren eine 90minütige, nasskalte Dusche. Sie löschte das Glühen zusehender Erlebnisbereitschaft und löste es auf in einer Art Gegenzauber zu Glaube und Hoffnung. Ja, ganz verpilchert könnte ich jetzt schreiben „aber die Liebe bleibt!“, aber da kann mensch ja eh nix machen, dass die einfach da ist und sich hämisch ins Fäustchen lacht, verlässt der durchaus Frust gewohnte Fan das Stadion wie ein begossener Pudel …

Was also war des Pudels Kern? 

Keine Ahnung. 

Was kann die Welt Dir schon gewähren? Entbehren sollst Du, sollst entbehren! So fühlte sich das Spiel zumindest an. Sogar die Verständnis- und  Erkenntnisfähigkeit schrumpelte zum scheiternden Humunculus-Experiment im Reagenzglas des Alchemisten. Heraus kam nur ein Klumpen unansehnlichen Matsches wie aus einer Pfütze am Rande des Doms. 

Kennst Du das Stadion, wo nur noch Fehlpässe blühen? 

Das war ja das Schlimme: Diese komische Rat-, Fassungs- und Konzeptionslosigkeit im Spiel, die, ich zitiere einen Facebook-Freund, die Gegengerade in einen Elefantenfriedhof verwandelte (muss ich als Haupttribünensitzer gerade schreiben, ich sitz da auch nur so gerne, weil ich mich in dem Umfeld ausnahmsweise mal so richtig blutjung fühlen kann) – eine Mannschaftsleistung, die auf zwei Halbzeiten gedehnt den Sound eines Luftballons, aus dem die Luft entweicht, erzeugte. Da standen sie dann wie arme Toren und hatten so viel Punkte wie zuvor. 

Und das nach diesen sensationellen, na, 65 Minuten in Stuttgart. 

Die gleichen Sportler-Persönlichkeiten nun wie vom Irrlicht in den Sumpf des fussballerischen Trugschlusses und Fehlschusses gelockt. 

Ja, Braunschweig spielte eklig, aber sehr gut, aber dass unsere im Gegenzug herum gaukelten wie Hobby-Magier, denen ständig die gezinkten Karten aus dem Ärmel fielen und das Kanichen ausgebüxt war, so dass nur noch vertrocknete Möhrenstummel aus dem Zylinder sie zogen und beim Entfesselungstrick sie sich immer weiter nur verhedderten … 

Das Drama nahm ja schon lange vor dem Spiel seinen Lauf, als ausnahmsweise mal ein SONG gespielt wurde, „Back to black“ von Amy Winehouse, und mitten hinein die Braunschweiger Fans mit ihren wilhelminische Marschtrommeln losballerten. 

Und dann, als die ja wirklich, danke!!!, Glückwunsch, Ehrfurcht, unglaublich grandiose Fahnenchoreo (tolle Fotos wie immer beim Kleinen Tod) auf allen Tribünen den Schall dämpfte und Visionen wie im schamanischen Trance erzeugte, dass all die Energie sogleich sich orgiastisch entladen würde … nö. 

Nix mit Ekstase, nix mit Fussball, der so kosmisch schwingt wie anderswo „in Zungen sprechen“ in Leiber fährt.

Wie schreibt „Grenzenlos 1910“ so treffend? „Erst haben wir schlecht gespielt, und dann hatten wir Gonther„. Normalerweise läge es mir fern, auf einzelnen Spielern rumzuhacken, selbst auf solchen, die mit Hilfe der Lokalpresse ihre Wechselwünsche proklamieren – aber dass einer wieder zum Kapitän gewählt wurde, der in der letzten Sasion sang- und klanglos die Regenbogenkapitänsbinde verschwinden liéß, dass manche sich schon fragten, ob er sie vielleicht ganz putinesk für „Homo-Propaganda“ hielte, das mag in den Augen vieler eine Petitesse sein . In meinen nicht. Ich will keinen Mannschaftskapitän des FC St. Pauli auf dem Platz sehen, der klammheimlich Solidarität entzog, aus welchen Gründen auch immer. Und verzaubert wird so das Spiel der Mannschaft bestimmt auch nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass der heilige Geist unter dem Millerntorrasen sich wehrt und Rutsch- und Stolperfallen erzeugt. 

Ich bin ja sonst stets bereit, die Schönheit des Scheiterns wortreich abzufeiern, das Liebenswerte des Sichüberrennenlassens poetisch zu umschwärmen, das Tun statt des Siegens zu besingen, Fehler statt Heldenmut zu lieben und das Zarte und Weiche angesichts dieser so unangenehm straight aufspielenden Braunschweiger für den Atem wahrer Kunst zu halten. So war es aber diesmal auch nicht, dass das nun ginge. Dafür war es zu trübe, zu lau, zu profan. Und es beruhigt mich auch nicht, wenn Lienen nun proklamiert, sie müssten sich jetzt erstmal finden. 

Wo haben sie sich denn in der Vorbereitung gesucht?

Im magischen Rezeptbuch scheint das nicht gewesen zu sein. 

Wirkte eher wie der Aufprall falscher Wunsch-Vorstellungen auf den grauen Asphalt der Realität statt wie die Wiederverzauberung der St. Pauli-Welt. 

Das mit der Wunscherfüllung klappt ja nur, wenn mensch die wieder vergisst und sich ganz der Sinnlichkeit des Hier und Jetzt hingibt, so den Zauber des Seins wieder spürt. Ist der Kopf zu voll, kommen Beine ins Rutschen – und der Gegner netzt ein. 

Fafalogie und Azizisophie: VFB Stuttgart – FC St. Pauli 2:1 

Der Zattoo-Stream hakte ständig (einen funktionierenden Fernseher habe ich ja gar nicht mehr). Ein enthemmt in Nerventode hinein faselnder Peter Neururer verstörte. Ein Sport-1-Kommentator, der sprach, als würde er mit Krähenschnabel Nieten, treudeutsche Sinnsprüche formend, auf  Bundesgrenzschutzuniformen tackern. In schneidend zurechtweisender Manier traktierte er verbal unaufhörlich.

Das Zuseh- und Zuhörsetting bot sich so suboptimal dar – ganz, wie auch die Geräuschkulisse der Stuttgarter Horde auf den Rängen schauderlich erklang. Ein wenig so, als sei der Frust angesichts lebenslang durchlittener, sinnentstellter, aber immer aggressiv spaßbewehrter Junggesellenabschiedsrituale zu einem akustischen Verlauf mutiert, der vom Grellen des Pfeiffkonzerts in ein Triumpgeheul wölfisch-wagneresker Siegfried-Karrikaturen sich verwandelte.

Das kurze Glück sei ihnen gegönnt, doch warum nun gleich zwanghaft Antimusik produzieren, liebes Stuttgarter Publikum, wo doch Fafa Picault zuvor euch Groove, Beat und Spannungsaufbau lehrte? Ganz II und V der Dur-Jazzkadenz in Personalunion – er erzeugte die Spannung treibender Spielrhythmen, die Aziz Bouhaddouz  im 0:I so stilsicher auflöste.

Das war ja schon dolle in Halbzeit 1, vor allem der fafalogische Wirbel, der azizisophisch pointiert auch noch im Pfostentreffer sich entlud.

Dieses Spiel leicht vor der 1 des Takts wie bei südamerikanischen Claven, mal nicht laid back phrasiert, kein Dexter Gordon-Sound diesmal, in der ersten Halbzeit 1, sondern vorwärtsverteidigend, bis in Netz des Gegners die Läufe quer durch ausgeklügelte Akkordfolgen in Halbton-Ganzton-Schritten spielend. Einmal zwar nur vollendet, so what,  und doch immer spielästhetisch expressiv einen Sound kreierend, der die Vorfreude auf folgende Spiele dieser Saison anstachelt und bestimmt immer neu zum Tanze uns rufen wird!

Wie so oft, wenn der Spannungsaufbau so steil geht und die Komposition dramaturgisch vortrefflich verdichtet erklingt, entstand irgendwann ein Bruch. Waren es die Auswechslungen? War es dieser eine Solist aus der gegnerischen Blaskapelle namens Maxim, der merkwürdig entkoppelt über Marschetüden der Stuttgarter schwebend ihrem Spiel sonst fremde Melodien schenkte, dass unsere Jungs Ryo vorne auf einmal alleine ließen, weil sie überrascht lauschten, dass ein wenig Musik nun doch dem VFB entwich?

Fragen über Fragen, die nur bei einer funktionalen Analyse, nicht jedoch einer der Schönheit taumelnder Helden sich stellen.

Denn der Glanz der Zukunft scheint nur auf, wenn zwischendrin die Improvisation über den harmonischen Rahmen honigsüßer Lienen-Arrangements auch mal die falschen Töne trifft und Skalen zwischendurch verwechselt.

Dorisch über alles blasen, das konnte eben doch nur Miles Davis (das wird über ihn zumindest behaupte, das er das tat), und unser „Kind of Braun-Weiss“ soll ja eh nur die melancholische Unterströmung bleiben, die wahren Jubel erst ermöglicht, weil um den Blues sie weiß. Eben dann, wenn erneut fafalogisch die neue Kreation der rhythmisch virtuosen Kompa-Rap-Post-Punk-Prämissen das Millerntor zur azizisophischen Conclusio erbeben lässt. Und die heißt Tor.

Bin mir nach gestern sicher, dass solche fussballerischen Syllogismen ganz musikalisch uns von nun an noch oft erfreuen werden.

Leerer Formalismus, das falsche Allgemeine und strukturelle Dominanz: Die Debatte um die „Hate Speech“-Broschüre der Antonio Amadeu-Stiftung

Jetzt habe ich sie auch mal gelesen – die Broschüre „Geht sterben! – Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ der Antonio-Amadeu-Stiftung.

In Blogs überregionaler Tageszeitungen verbreiten angesichts derer mutmassliche Möchtegern-Noltes wiederholt vermeintlich begründete Ängste vor dem „Internet-Gulag“ und allgegenwärtiger Zensur, im Jahr 2016 heroisch den Weltkommunismus und allerortens präsenten Stalinismus‘ bekämpfend.

In meinen Augen nähren sie so Vorstellungen eines „freien, gesunden Volksempfindens“, das sich, angeblich in den Widerstand gedrängt, den Attacken aggressiver Minderheiten ausgesetzt sieht und so in legitimer Gegenwehr zu allen rhetorischen Waffen greift. Um mit diesen wildwütig um sich zu schießen.

Am allerliebsten auf Frauen dreschen sie auf ein (Anetta Kahane, Julia Schramm). Fast, als hätten sie zu viel Nietzsche gefrühstückt und müssten nun mit Peitschen bewehrt tradiert verinnerlichte Erziehungsansprüche des Mannes als solchem ausleben.

Andere wiederum gröhlen reflexartig „aber die Linksexremen“, erklären Polizisten zur marginalisierten, von „Hate Speech“ („ACAB“) tief traumatisierten Minderheit – um im Gegensatz zu dem „Zensur“-Geschrei wenigstens Mehr von diesem Beitrag lesen

Der FC St. Pauli bei der Hamburg Pride? Nö. Warum nicht? Hier die Antwort.

Der Abend der Trikot-Präsentation – jener von Under Amour. Es ist regnerisch. Wolken ziehen ins Irgendwo. Die einen saufen Bier, die anderen Gin. Der Grill duftet oder stinkt, je nach Nase. Alle blicken gen Altona in die Ferne.

Die fehlenden Regenbogenärmel der Profimannschaft bestimmen die Diskussionen auf der Dachterrasse des „Übel & Gefährlich“. Ein Bloggerkollege berichtet von einer türkischstämmigen Trans*person in seinem Umfeld – und auch davon, wie unendlich viel dieses Symbol am Ärmel der Shirts einer Profifussballmannschaft diesem Menschen bedeutet hätte. Obgleich da ansonsten gar keine Beziehung zum FC St. Pauli bestünde.

Mir ja auch.

Er schwenkt um auf Berichte von einem New York-Besuch: Wie er die dortige Pride-Parade erlebt habe, tief beeindruckt von deren Wucht und zudem auch noch umschwärmt von jenen, die ihn „cute“ fanden. Ja, das schmeichelt. Dort sei ihm ebenso wie beim Gucken der Netflix-Serie „Sense8“ klar geworden: In den USA sind Diskussionen bzgl. dessen, was NACH der Diskriminierung kommen KÖNNTE, 20 Jahre weiter fortgeschritten als hier.

Und nu? Wie können deutsche Diskussionen, Verlautbarungen und auch Änderungen der Strukturen, in denen Menschen agieren, an diese Entwicklung Anschluss finden?

Das ist nicht nur eine der großen Fragen dieses Blogs, sondern sollte es seinem Selbstverständnis nach auch für den FC St. Pauli sein. Wenn Roger Hasenbein aus dem Aufsichtsrat in der Mopo verkündet, Mehr von diesem Beitrag lesen