Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

Alle Tage wieder .. ja, bei zeit.de.

Herrschaftstabilisierende Argumentationsverweigerung im Schreihals-Akkord.

Aktuell: Simon Urban. Einer von den Schriftstellern, die zu lesen mich nicht interessieren würde.

Simon Urban ist einer, der über die eigene Irrelevanz hinaus zu wachsen versucht, indem er sich an eine mehrheitsgesellschaftliche, medial akut weit verbreitete Mode andockt.

Eine, die öde wäre, würde sie nicht schlicht die Macht jener absichern, die gewöhnt sind, zu dem zu werden, was sie sind, indem sie Andere abwerten.

Um den Abgewerteten im nächsten Schritt heldenhaft TROTZDEM mit Gönner-Geste „Toleranz“ zuzusichern – bei Wohlverhalten. Wozu gehört, über jeden noch so doofen Witz über meinereins herzlich mitzulachen.Witze über solche wie Urban gibt es leider nicht. Die enstehen aber gerade. Das macht die wütend.

Ja, eben weil einzig das Recht auf Erniedrigung, also SEINE Freiheit, gewahrt bleiben soll. Nur diese ist für ihn maßgeblich: Bei jedem noch so blöden blöden Tuntenwitz, jeder krachledernen Abstandswahrung zu vermeintlich „Primitiven“ und der johlend begröhlten Inszenierung der Abweichung von „weiß“ und „männlich“ gilt: a.) wahnsinnig witzig und b.) total liberal.

Die Freiheit der Anderen interessiert ihn nicht. Also die derer, die er als „Randgruppe“ konstruiert. ICH, also der Urban, steht im Zentrum, nicht DIE DA.

„Sämtliche Randgruppen melden dann noch mehr Ansprüche an, neue Randgruppen erfinden sich.“

Das Unangehme an vielen weißen, mutmaßlich heterosexuellen Männern (die Google-Suche nach „Simon Urban – heterosexuell“ ergab viele Ergebnissen zu „Homosexualität und Fussball“, kurioserweise) ist ja ihr sterotypes Sprachverhalten und die mangelnde Originalität ihrer Gedanken.

Nun variieren sie gerade in annähernd gesichtlosen (mit Bart) Horden Broders Ausführungen darüber, dass angeblich alle Muslime fortwährend beleidigt wären, und übertragen sie auf alles und jede, nur nie auf sich selbst.

Das kombinieren sie sie mit Anti-Political-Correctness-Parolen aus den USA, die derzeit Trump die Wähler zutreiben, und sagen und schreiben wie üblich alle das gleiche.

Ex-Autonome, linke Critical-Whiteness-Hasser und Uni-Professoren, die in den USA zu Moral forschten, aber gar nicht wirklich verstanden haben, worum es in deren Fall geht, nämlich um die Relation der 1. und 2. Person Singular, und nicht, wie Kant glaubte, um die der 1. und 3. Person.

Sie verbreiten endlos gähnende Langeweile und schon sprachlich Kunstfeindlichkeit angesichts der mangelnden, stilistischen Inspiration. „Publizisten“ von Mario Barth bis hin zu eben Simon Urban schreiben fortwährend alle voneinander ab – so liest sich das zumindest – und das nur, weil sie das sadistische „Hab Dich nicht so!“ und „Heulsuse“ auf Schulhöfen derart unüberwindbar verinnerlicht haben, dass es sie, ganz Mann, zu Sätzen wie den folgenden geradezu zwanghaft treibt:

„Sie bringen mich weder dazu, von verletzten agnostischen Gefühlen zu reden, noch weine ich mich vor lauter Diskriminiertwerden in den Schlaf.“

Toll, Du! Was’n Typ!

Da fragt sich die geneigte Leserin, was da eigentlich in und aus ihm spricht. Er selbst ist ja offenkundig nicht, sonst käme da irgendwas Eigenes raus aus den Fingern, die in die Tastatur tippen.

Der Witz ist ja der der: All diese gleichförmig und normalisiert vor sich hin Tönenden, die ent-individualisiert in ihrer imaginären Umkleidekabine bis in die Endlosigkeit hinein den Dicken symbolisch weiter quälen, weil Macht so geil macht, die im Geiste unaufhörlich nasse Handtücher auf Ärsche klatschen lassen und dabei lautstark über Klassenkameradinnen lästern, sich wechselseitig der Heterosexualität versichernd und auch, zu keiner „Randgruppe“ zu gehören, solche, die bleischwere Texte über „Opfernarzißmus“ oder auch „Mimosen“ oder auch die „Unfähigkeit, andere Subjektivitäten zu ertragen“ verfassen (die sie ja selbst nicht aushalten), sind vor allem eins: Fortwährend beleidigt.

Weil sie wie die Pennäler schon wieder dabei ertappt wurden, irgendeinen sexistischen, rassistischen, homophoben, klassistischen und ableistischen Mist abgesondert zu haben mit ebensolcher Routine, wie andere Leute scheißen.

Und aufgrund der angesichts dessen so tief sitzenden narzißtischen Kränkung bei gleichzeitig unrettbarer Autoritätsfixierung, die überall Herrschaft wittert nur nie da, wo sie wirklich ausgeübt wird, retten sie sich dann fernab jeglicher Argumentation in eine Sphäre vermeintlicher Unangreifbarkeit. Eben jene, die sich schnell in das erstarrte Lächeln verwandelt, das Laurence Olivier in „Der Marathon-Man“ aufsetzte. Eben jene Maske der angeblich kühlen Vernunft, die zeigt, was sich – Horkheimer und Adorno zufolge – der Manne Furchtbares antun musste, um zum selbstbeherrschten Subjekt zu werden.

Dieses kollektive Beleidigtsein derer, die gewöhnt sind, Abwertung und Diffamierung für „Freiheit“ zu halten und sich über jene zu belustigen, die sich auch noch wehren, weil sie ja wissen, dass sie eh zur Mehrheit gehören und deshalb stärker sind, wird nun massenmedial ohne Ende als pathische Projektion in die Welt posaunt.

Besonders lautstark von jenen, die sich auch noch für vollends aufgeklärt halten und natürlich LÄNGST all das Herabwürdigen hinter sich gelassen haben, ENDGÜLTIG jeden Sexismus, jeden Rassismus, jede Homophobie überwanden und IMMER was anderes tun, aber NIE das – und die deshalb das alles gar nicht mehr so meinen, während sie es praktizieren.

Sie fühlen sich massiv in ihrer heilen Pausenclown-Welt bedroht und hätten gerne alles weiterhin so, wie sie es immer schon gewohnt waren: Sie selbst bewohnen die Podien, alle lauschen ihrer angestammten Weisheit gebannt, und jeder, der zu widersprechen wagt, wird nach Vorbild der „Extremismustheorie“ zum „Radikalen“ erklärt.

Sie überschreien alles, was es wagt, sich ihnen in den Weg zu stellen, mit geiferndem „Tugendterror“-Geschrei, die Fackel zur Hexenverbrennung schon in der Hand (solche Praktiken waren nämlich einst auch bei solchen wie ihnen üblich und nicht etwa bei frühneuzeitlichen Feministinnen) und behaupten das als Argument.

Während sie keinen einzigen Grund benennen, wieso nach einem rassistischen Präsidenten benannte Gebäude auch weiterhin so heißen sollten. Oder was passierte, wenn Trigger-Warnungen beachtet würden – welche Denkräume sich dann eröffnen könnten, das interessiert Besitzstandswahrer wie Urban oder DIE ZEIT-Redakteure auch gar nicht. Lange Texte, kurzer Verstand. Die wollen weiter vor sich hin wesen in der Jauche ihres abgestandenen Wissens.

Was sich ändern könnte, wenn die Geschichte von Minderheiten auch zwischendurch mal erzählt würde, ohne dass Nicht-Betroffene sich angesichts von „Trauma-Porn“ insgeheim freuen, dass es SIE nicht getroffen hätte, uff, in Sicherheit – das interessiert diese Betonköpfe auch nicht.

Sie wollen auch gar nicht wissen, wie Microaggressionen wirken, und wischen alle Argumente diesbezüglich autoritär vom Tisch, um wie bei der Wahl des Getränks in der Stammkneipe ihr Gewohnheitsrecht notfalls den Mob herbei prügeln zu lassen, den sie publizistisch anfeuern.

Sie interessiert nicht, wieso nun eigentlich immer wieder Shakespeare und T.S. Eliot auf dem Lehrplan stehen oder inwiefern die „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant ggf. problematisch hinsichtlich der Frage nach Geschlechterrollen, Sexualität, Ethnizität und interpersonellen Beziehungen gelesen werden kann (obwohl das in Deutschland sogar bis in die 90er üblich war, bevor der Rollback einsetzte) – und ob nicht andere Lektüren als die immergleichen den Wissensfortschritt der Menschheit viel weiter bringen könnten. Noch Schopenhauer, der zutiefst misogyne Grantler, las die Upanishaden und ließ sich inspirieren – nee, bitte heute doch nicht mehr so was und wenn, dann als Ethnologie.

Nein, fortwährend beleidigt, dass ihre (und meine) ach so hehre Kultur vielleicht nicht nicht nur die Krönungsmessen humaner Gipfel-Schöpfungen beinhalten könnte, sondern hinterfragbar ist und Anderes vielleicht eher in die Zukunft weist, verhindern sie brutal jeden Fortschritt, indem sie ihre institutionelle Macht notfalls mittels zeit.de skrupellos ausüben.

Dieser unangenehme Sadismus, der sich durch all die Texte dieser mehrheitsgesellschaftlichen Absicherungs-Kampagnen zieht, zeigt sich auch in Formulierungen wie der folgenden:

„Ein Motiv verbindet dabei ihre Proteste: Menschen, denen lange niemand zugehört hat, fordern nun in schrillsten Tönen maximale Aufmerksamkeit.“

Witzig! „Denen lange niemand zugehört hat“ – hahahaha! Auch so eine Schulhof-Sottise.

Hier wird noch die Marginalisierung als solche gegen die Betroffenen gewandt, auch eine dieser typischen Operationen, „alle traumatisiert, deshalb psychisch krank und nicht ernst zu nehmen von mir Gesundem“ – und das ganz außerordentlich aufmerksamkeitsheischend. Denn warum schreiben denn Rudi Novotny, Khuê Pham und Marie Schmidt so einen Text? Um ignoriert zu werden? Und handelt es sich bei Formulierungen wie:

„Schafft man mit stalinistischen Methoden wirklich eine bessere Zukunft?“

nicht um „schrille Töne“ (ja, auch mein Text hier ist voll davon, dazu später mehr)? Oder solche Sätze:

„Während im ganzen Land Donald Trump mit Sexismus und Rassismus einen Wahlsieg nach dem anderen einfährt, bauen die neuen Radikalen ihre Universitäten zu Trutzburgen der Empfindlichkeit aus. Die jungen Akademiker ziehen sich aus der Gesellschaft zurück und errichten ihre eigene Welt, in der sie allein von Glaubensbrüdern umgeben sind. Das ist die Beobachtung des Internetphilosophen Eli Pariser, der den Begriff der „Filterblase“ erfunden hat: Internetnutzer bekommen auf Webseiten von Google oder Facebook nur jene Informationen zu sehen, die ihnen entsprechen und gefallen. Andere Sichtweisen werden herausgefiltert.“

Die AutorInnen pointieren wieder nur einen reinen Selbstwiderspruch: Sie bekämpfen massiv ein Eindringen anderer Gedanken in IHRE Filterblase rund um Shakespeare, Kant oder T.S. Eliott. Die Filterblase des Kanons halt. Jegliche Infragestellung wird ja vehement abgewehrt. Fortwährend erheben sie in Texten uniform die Forderung, auch ja die Tradition unhinterfragt und vor allem bar jeglichen Arguments zum Maßstab aller Dinge zu erheben, ganz so, wie die AfD das „christliche Abendland“ zu verteidigen behauptet. Sokrates‘ Wissen des Nicht-Wissens ist ihnen dabei völlig abhanden gekommen wie auch jede andere Form der Neugier.

Und zudem ignorieren sie, dass gerade WEIL, wie Trumps Erfolge, Brexit, AfD und Sarah Wagenknecht belegen, ein Verbleiben in der eigenen Filterblase jenen, die NICHT zur Mehrheitsgesellschaft gehören, gar nicht möglich ist. Menschen studieren ja nicht nur, die fahren Bus, sitzen im Stadion und gehen in Kneipen – das Einfordern anderer Räume wird da zur Überlebensnotwendigkeit, gerade WEIL Menschen nicht ans Kreuz ihrer Diskriminierung genagelt bleiben wollen. Es wird ihnen ja überall sonst bei jedem Schwulenwitz irgendjemand erzählen, sie sollten mal bloß nicht beleidigt und so empfindlich sein.

Dass eben DAS, also auch Herr Urban und die Autoren des Textes über „die neuen Radikalen“, Denken verhindert und Fortschritt verunmöglicht und nicht etwa eine unentwegte Kant-Hermeneutik alleine dieses ermöglicht, auf die Idee kommen sie gar nicht. Was so alles in Kunst, Literatur und Wissenschaft möglich wäre, würden diese gesellschaftlichen Felder mal nicht nur auf Böden der Diskriminierung bewässert!

„Demokratie aber lebt von Auseinandersetzung, vom Kampf, vom Krieg der Meinungen.“

Ja, eben.

Warum wollen die beleidigten Beleidiger in ihrer narzißtischen Kränkung nun fortwährend nur ihre eigenen Sichtweisen gelten lassen? Wieso weichen sie in kuriosen Manövern jedem Argument aus und formalisieren sich stattdessen einen Stalinismus-Wolf? Warum generieren sie so fortwährend Safe Spaces für SICH und setzen diese hochaggressiv durch, indem sie jedem Marginalsierten über’s Maul fahren, er sei ja nur beleidigt, bis diese – endlich! – alle wieder schweigen und verstummen?

Ob Urban oder die Autoren des Textes über die „neuen Radikalen“: Sie tun NICHTS ANDERES, als sich IHRE Filterblase möglichst rein zu halten.

Entsprechend auch der Diskurs des angestachelten Mobs in der Kommentarsektion: Ein einziges „Halt’s Maul!“ gegen jene, die ihrer eigenen Weltsicht nicht die Füße küssen und das Recht auf Herabwürdigung Anderer fortwährend bestätigen .

Und nun sind sie ständig beleidigt, wenn nicht allesamt fortwährend applaudieren, dass nun ausgerechnet SIE partiell auf solche Gewaltmittel verzichten und Ausgrenzung und Diffamierung etwas raffinierter und gewaltfreier betreiben als zuvor. Es sei denn, es geht um „Asylbewerber“, die kann man auch Flugzeugsesseln tackern und ersticken lassen, so what, laut Frau Wagenknecht wollen ja „die Menschen“ wieder in Sicherheit leben, und Flüchtlinge scheinen dieser Spezies in ihren Augen nicht anzugehören. Damit das alles so bleibt, schreibt z.B. Simon Urban Artikel für zeit.de. In denen er nicht argumentiert, sondern denunziert und sich dafür noch als weltweiser Freiheitskämpfer in beklemmender Selbstreferentialität abfeiert.

Wenn ich alleine an all diese fortwährend beleidigten und empörten weißen heterosexuellen Männer denke, die dieses Blog streiften und die schon ausrasteten, wenn ich  nur das schrub, „weiß-männlich-heterosexuell“ – und die sich dann in ihre angestammten Safe Places zurückzogen.

Was nun alles gerade in Deutschland besonders unangenehm konnotiert ist, der entnazifiziertesten aller Nationen, da über mehrere Generationen Menschen „Migrationshintergründe“ und ein geheimes Fortwirken kultureller Prägungen angedichtet, während der eigene Faschismushintergrund zumeist ignoriert wird – und herrje, was da an beleidigten Reaktionen aufbricht, verweist mensch auf diesen, das ist buchstäblich lebensgefährlich.

Na ja, aber früher war ja alles besser.

Nicht wahr, Herr Haidt?

„Können wir ihr dann nicht einfach sagen, dass sie sich schämen sollte, dass sie ein Idiot ist? Das haben wir früher gemacht. Die Studienzeit war früher eine Zeit des Ausprobierens. Am Ende des Studiums hatte man sich von den Eltern abgenabelt. Heute haben viele Studenten täglich Kontakt zu ihren Eltern und verlangen dazu von den Uni-Angestellten, als Ersatzeltern zu fungieren. Wir haben an den Unis viele Psychotherapeuten und Minderheitenbeauftragte. Damit erziehen wir eine Generation zur Abhängigkeit.“

Mal ab von dem für einen Psychologieprofessor entlarvenden ableistischen Vokabular, das auch der Übersetzung geschuldet sein mag: Es kann ja sein, dass all die Frauen, Schwarzen und LGBTIQ-People zu Ihrer Zeit noch nicht so präsent waren und Sie auf deren Rücken sich in aller Ruhe innnerhalb ihrer weißen Mittelklassewelt abnabeln konnten wie ebenso, dass Sie über die Privilegien verfügten, komplett ungestört von Minderheitenbeauftragten im universitären Zusammenhang ihr persönliches Empowerment zu durchleben – aber statt nun beleidigt zu sein, dass das alles nicht mehr so ist, sondern dass sie sich mit Ansprüchen konfrontiert sehen, die mal nicht ihrem Klassenstandpunkt entsprechen: Wieso verhindern Sie so aggressiv einen Fortschritt des Wissens?

Worin besteht die „Abängigkeit“ denn, wenn sich Institutionen heraus bilden, die ausnahmweise mal nicht exklusiv Menschen fördern wie Sie? Welche Institutionen haben Sie denn gefördert, und wie gelang Ihnen ausgerechnet als Angestelltem einer Universität „Unabhängigkeit“?

„An den Unis vor allem durch affirmative action, also positive Diskriminierung benachteiligter Gruppen. Die führt dazu, dass asiatischstämmige Studenten besser abschneiden müssen als der Durchschnitt, um auf die Uni zu gelangen. Bei Schwarzen ist es das Gegenteil. Das Ergebnis: Auf der Uni haben Asiaten die besten Noten, die Schwarzen die schlechtesten. Affirmative action fördert Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen, das wiederum befeuert Rassenkonflikte. Das Resultat ist die Black-Lives-Matter-Bewegung, die ich für sehr wichtig halte. Aber: Die Universitäten sind die antirassistischsten Institutionen dieses Landes. Jeder hier ist antirassistisch. Das ist unsere Religion.“

Mal ab von diesem billigen Coup, das, was einem Wissenschaftler nicht in seine Individual-Hermetik passt, zur Religion zu verklären: Könnte die Notenverteilung nicht auch andere Gründe haben als nun ausgerechnet die „Affirmative Action“? Liegt es nicht vielleicht daran, dass solche sarrazinesken Thesen über „Asiaten“ und „Schwarze“ wie auch die Beurteilung der „Affirmative Action“ die Benotung durch Professoren, also auch die durch Herrn Haidt, der ja das denkt, was er da sagt, beeinflussen?

Und vielleicht beeinflusst auch, dass mehrheitsgesellschaftlich etablierte Rationalitäten nicht jedem, der Marginalsierung erfahren hat, im selben Sinne ohne Selbstverleugnung zugänglich sind, weil sich in Sub- und hybriden -Kulturen Formen der Vernunft heraus gebildet haben, die schlicht avancierter sind als das, was Herr Professor Haidt wissenschaftsfeindlich zementieren möchte?

Das spiele ich am Beispiel von Haidts Forschungen zur Moral in einem eigenen Eintrag gerne noch einmal genauer durch. An der ist aufzuzeigen, was diese ganze beleidigte Mundverbieterei durch Mehrheitsgesellschaftler mit ihren alles dominierenden Formen des narzißtischen Gekränktseins fortwährend verhindert: Den Fortschritt des Denkens, der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur.

Weil das ewige Wegbeißen von Maßstäben, die aus dem Wissen über Lobotomien an Schwulen, der Zustimmungspflichtigkeit des Gatten dazu, dass die Frau arbeiten ginge oder auch der Deportation der „Brown Babies“ in die USA, der „Bell Curve“ usw. GELERNT haben, einfach nur zu Stagnation führt. Und die möge allmählich mal ein Ende haben.

PS: Klar ist das hier auch ein „Wie Du mir, so ich Dir“-Text, und klar nervt das. Das passiert aber gewissermaßen notwendig, verlasse ich Sphären halbwegs sicherer Diskussionsorte und lese z.B bei DIE ZEIT – angesichts zunehmender Gewalt gegen Homosexuelle und Transmenschen, gegen Nicht-Weiße (übrigens auch im Fall der Anschläge und Amokläufe, die gerade allerorten diskutiert werden, waren diese Opfer) und einer sowieso omnipräsenten Gewaltandrohung gegen Frauen eben NICHT primär durch „Araber“ greifen schnell Mechanismen des „Reptilienhirns“: Der Reflex, das eigene Überleben, in diesem Fall das psychische, abzusichern.Wäre es möglich, all die skizzierten Formen des Wissens und Denkens auch zu diskutieren, OHNE dass Mehrheitsgesellschaftler das wahlweise ignorieren oder über einen herfallen, das wäre ja super! Lassen sie aber nicht zu.

Im Gegensatz zu mutmaßlich Herrn Urban ist es zudem konstitutiv für das eigene Werden bei Schwulen – sich eben gegen das „Heul doch!“ zur Wehr setzen zu müssen. Im Sinne der Selbstachtung. Maso sein kann beim Sex ja Spaß machen, aber um die Effekte dieser Agitation, wie sie z.B. von Seiten zeit.des betrieben wird, zu betrachten, braucht mensch ja nur mal in „die schwule Sub“ zu gucken.

Und das fortwährende Konfrontiertwerden mit mehrheitsgesellschaftlichen Zumutungen und DEREN autoritären Vorgaben, wann ich wie empfindlich zu reagieren habe und meistens halt nicht, hält fortwährend vom Denken des Neuen ab.

Weil mensch doch wieder an dem pubertären Generve von Herrn Urban hängen bleibt.

Genau dafür sind aber „Safe Spaces“ da, für Andere als nun gerade mich noch viel entscheidender und wichtiger.

Wollen Gesellschaften produktiv bleiben, so sollten sie tunlichst nicht mehr Herrn Urban Gehör schenken, sondern lieber der aktuellen Bachmann-Preis-Trägerin.

Mache ich ab jetzt auch wieder.

 

 

 

 

 

2 Antworten zu “DIE ZEIT, ihr Kampagnenjournalismus und warum Simon Urban mutmaßlich auch einfach nur beleidigt ist

  1. KleinerTod Juli 31, 2016 um 1:48 pm

    Traurig, daß diesen Text zu schreiben notwendig war – daß es immer mehr solcher roll back Versuche gibt. Schon so lange nicht mehr auf den einschlägigen Seiten mit entsprechenden Bezeichnungen. Daß die Überschreier ihr Mobbing fortführen, um ja nicht anderes als sie selbst zulassen zu brauchen. Immer und immer wieder und irgendwie immer lauter.

    Danke für diesen Text.

  2. momorulez Juli 31, 2016 um 2:04 pm

    Das Gruselige ist ja, dass es tatsächlich und ganz im Wortsinne notwendig ist. Ich habe ja sogar Blogpause gemacht, um mal lieber Saxophon zu üben und einfach mal wieder Geld zu verdienen und mich nicht ständig an diesen Leuten zu rejben.

    Aber ob im Job, beim ganz normalen Zeitunglesen, woauchimmer: Es stürmt ja überall auf Dich ein.

    Und nachdem DIE ZEIT nun im Tagestakt neue Texte dazu raus haute – irgendwann muss es dann raus, damit es sich nicht im Kopf weiter dreht. Die ganzen hassgesätigten Diskussionen führen ja mittlerweile dazu, dass ich mich bei der Arbeit nicht mehr so richtig oute. Weil ich auf die Folgediskussionen einfach Lust mehr habe.

    Ich habe ja zudem vor kurzem an einem Seminar teil genommen, wo es mal anders war: Eine schwarze Expertin hat es geleitet, es wurde darauf geachtet, dass Weiße a.) vorher begründen mussten, wieso sie teilnehmen wollen, und b.) war ich, glaube ich, der einzige weiße Mann in der Runde und noch ein paar weiße Frauen, sonst nur People of Colour, deutliches Frauen-Übergewicht.

    Du glaubst gar nicht, wie komplett anders das war! Und zwar definitiv BESSER. Das war keine „Zensur“ oder „Übermächtigung“, sondern ich habe einfach, weil die Gruppendynamik völlig anders war, aus der heraus wahnsinnig viel gelernt. Gerade dann, wenn diese Abwehr, die bei Sätzen über weiße Menschen einsetzt, einfach mal runter geschluckt wird, öffnet sich gerade dann, wenn so einer wie ich auch mal die Klappe hält, ein völlig neuer Denkraum. Das war sehr faszinierend.

    Natürlich wurde die Veranstaltung aus der Uni, in der sie statt fand, rausgemobbt …

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