Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Neues Trikot, neue Möglichkeiten? Sozialprojekte von „Under Armour“

Im Eintrag zur Trikot-Präsentation hatte ich es ja angekündigt: Teil des Deals mit dem neuen Ausrüster „Under Armour“ (das über kurz oder lang mit Sicherheit „Under Amour“, französisch gesprochen, hier heißen wird) ist, dass auch ein 6stelliger Betrag in soziales Engagement fließen wird. So interessierte es mich, was die Marke in den USA in dieser Hinsicht bewirkt hat. Philipp Walter, Marketingleiter Deutschland, erwies sich als äußerst hilfreich und auskunftsbereit.

Knauserig scheint die Firma nicht zu sein: Unter anderem steckte ihr CEO Kevin Plank 5 Millionen Dollar in ein „Community-Center“ in Baltimore:

„The 10,000-square-foot project will be located at 1100 E. Fayette St. in the space formerly known as the Carmelo Anthony Center. The project, a partnership between Under Armour and the Living Classrooms Foundation, will include a covered turf field, workforce development and entrepreneurship center, dance and yoga studios, a recording studio and neighborhood kitchen. A classroom for science, technology, engineering and mathematics (STEM) will also be part of the building.“

Wenn ich das richtig verstehe, ist das eine Mischung aus kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung.

Interessant ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Living Classrooms„-Stiftung; nicht nur ich  werde dabei an jene Folgen von „The Wire“ denken, in denen das dortige Schulsystem fiktional, aber profund recherchiert nachempfunden wurde.

Es handelt sich um eine gemeinnützige Organisation, die seit 1985 ihrer Selbstdarstellung zufolge Schüler dabei unterstützt, ihre Potenziale auch entfalten zu können. „Empowerment“ als Begriff taucht ausdrücklich auf. Es animiert dazu, Ressourcen zu nutzen, die Bildung und die Vorbereitung auf Jobs betreffen – und das, indem städtische, natürliche und maritime Orte als „lebende Klassenzimmer“ genutzt werden.

Einen Schwerpunkt bildet das Erleben des Hafens von Baltimore; ein Bezug, der für St. Pauli ebenso spannend ist. Die zum Stadtteil und seinem Umfeld gehörenden Schulen sind nicht unbedingt Institutionen für die Gewinner des allen aufgenötigten Konkurrierens in dieser Gesellschaft. Die „Stadtteilschule am Hafen„, auf drei Standorte in der Neustadt, St. Pauli und Altona verteilt,  ist wundervoll divers, bietet sogar bilinguale Klassen an – und doch kursieren Sprüche wie jene, dass es eine von den Schulen sei, wo die Schüler landeten, die sonst keine Bildungseinrichtung haben wolle. Eine Situation, die nun bei manchen Akteuren dazu führte, den „Hamburger Schulfrieden“ wegen des Abgemeierten-Status der Stadtteilschulen aufkündigen zu wollen. Das sind angesichts der Potenziale, die sich dort ballen, wozu in der Regel u.a. Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzbildung gehören, auch krude Sichtweisen. Über die Verwendung des Geldes von Under Armour werden Vereinsgremien entscheiden; es schadet bestimmt nicht, in diese Richtung zu gucken. Was aber mit Sicherheit auch schon geschieht.

In Washington unterstützte Under Armour die Errichtung eines, wenn ich „Turf-Field“ richtig übersetze, Kunstrasenplatzes. Ich vermute, dass das einer dieser Plätze sein könnte, die aus geschredderten und recycleten Turnschuhen etc. gebaut werden. Und auch der Sportstätten-Mangel im Viertel ist ja bekannt.

Generell unterteilt in den USA Under Armour sein Engagement in „Freedom“, „Power in Pink“ und „Win“ und überschreibt es mit „Globale Menschenfreundlichkeit“, also „Philanthropy“. „Freedom“ engagiert sich meinen Recherchen und den mir zur Verfügung gestellten Links zufolge in der Zusammenarbeit mit der Kriegsversehrtenorganisation „Wounded Warriors„. Nun kann mensch von der Pentagon-Politik alles Mögliche, Gutes wie Schlechtes, denken und dazu vertreten, und z.B. in Abu Ghraib eingesetzte Soldaten haben ihren Opfern wie dem Gedanken der Demokratie und einer menschenrechtsbasierten Politik  Unsägliches angetan.

Umgekehrt geht es auch in Marvin Gayes „What’s goin‘ on“ um einen Vietnamkriegsheimkehrer, und einige der ergreifendsten und wirkungsgmächtigsten Filme handeln von traumatisierten und schwer verletzten „Veteranen“ – in Deutschland „Willkommen zu Hause“ mit Ken Duken, in den USA „Geboren am 4. Juli“ von Oliver Stone. Sie stellen kraftvolle, pazifistische Appelle dar, und disabled people zu unterstützen ist immer richtig und kann auch dazu führen, Ableismus zu bekämpfen. Es handelt sich auch nicht (!!!) um eine Zusammenarbeit mit der Armee als solcher.

Die „Wounded Warrior“-Organsiation nun ganz konkret kann ich allerdings politisch nicht einschätzen, und analoge Initiativen sollen in Deutschland auch keine Rolle spielen.

Ergänzend gewährt Under Armour Behörden, Armeemitgliedern oder auch Feuerwehrleuten einen 10%-Rabatt- nach Auskunft von Phillipp Walter ist das in den USA nicht unüblich und wird auch von Mitbewerbern so betrieben. Gespendet wird zudem an jene, die im Bereich der „Nationalen Sicherheit“ tätig sind, somit auch Polizisten. Das birgt nun nicht nur seit der „Black Lives Matters“-Bewegung zwar eine gewisse Brisanz – in Toronto, Kanada, z.B. blockierten Aktivisten eine Pride-Parade, weil sie sich in der Gegenwart der Polizei nicht sicher fühlten.

Das sind allerdings Zusammenhänge, wo sogar ich finde, dass es zwar schön wäre, wenn Sportartikelhersteller dergleichen reflektieren würden, es aber doch sehr unwahrscheinlich ist, dass eine große Marke sich in solchen Fällen positioniert.

„Power in Pink“ ist das US-Label Under Armours, das sich um Frauen sorgt:

„UA POWER IN PINK celebrates the women who use fitness to stay healthy and serves as a platform to raise awareness about breast health.“

Eine Übertragung auf den deutschen Markt sei nicht vorgesehen, wohl aus guten Gründen. In der Fanszene gab es ja schon mal – zu recht! – Diskussionen darüber, wieso es Pink eigentlich nur für Frauen im Fanshop gibt.

Der für den FC St. Pauli relevante Bereich ist „Win“, im Rahmen dessen die oben skizzierten Projekte wohl initiiert wurden und in den auch das meiste Geld gesteckt wird laut Auskunft von „Under Armour“:

„The WIN Initiative is one of Under Armour’s community impact programs. Using sport and recreation as a catalyst, Under Armour invests in places and programs that empower and inspire people of all ages to transform their community. Quite simply, we believe sports are the heartbeat of a thriving community.“

Hier fokussiert sich das Unternehmen vor allem auf Jugendliche, einen Schwerpunkt bildet die Errichtung von Sportstätten, und die Unterstützung von gemeinnützigen Organisationen gilt hier programmatisch.

So weit also ein Überblick über die Aktivitäten des neuen Ausstatters.

Alles dessen Eigenauskunft zufolge, eine Primär- oder vor Ort-Recherche war mir in diesem Fall nicht möglich.

Alles Rumgoogeln hat auch keine gravierenden Kritikpunkte gefunden – außer einem ganz lustigen Fall aus den Nuller-Jahren, da Under Armour wohl kurzfristig nervös wurde, weil das hypermaskuline Auftreten und der Look der Marke wie auch diese sexy eng anliegende Unterwäsche nun gerade ein schwules Publikum in Fitnesscentern besonders ansprach. Aber selbst in dem Fall wurde darauf verwiesen, dass die Antidiskriminierungsverlautbarung des Unternehmens ganz ausdrücklich auch sexuelle Identität einschließe.

Verbindungen zur NRA, der US-Waffenlobby, gibt es laut Auskunft von Philipp Walter ausdrücklich NICHT.

Es ist nun immer möglich, kapitalismuskritisch solche Zusammenarbeiten ganz generell zu verdammen.

Aber ich halte das oft eher für das Denken jener, die es sich leisten können – weil ihnen die Eltern das Studium bezahlen, sie einen Beamtenjob haben oder Ähnliches.

Reines Benefiz- und Ehrenamtsengagement ist meines Erachtens häufig viel problematischer, weil wieder jene, die über Zeit und eine solide, finanzielle Grundausstattung verfügen, Felder okkupieren, in die lieber mal investiert werden sollte – sei es vom Staat oder auch von privater Seite.

 

 

 

 

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