Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“: Halbierter Meilenstein einer Diagnose der Gegenwart

7 Jahre nach Erscheinen regt sich nun auch eifriges Rauschen im hiesigen Blätterwald, umweht ein Werk, das in Frankreich – zu recht – vehemente Diskussionen auslöste: Didier Eribons „Rückkehr nach Reims„.

Das Buch rüttelt auf, weil es zwei Quellen seines Werdens als politisches Wesen eindrucksvoll analysiert: Die Herkunft aus der Arbeiterklasse wie auch eine typisch schwule Biographie. Eribon fundiert das strukturell Wirksame in konkreten Situationen seiner Lebensgeschichte. So zum Beispiel in Momenten, in  denen er, das Arbeiterkind, mit bürgerlichen Freunden zusammen traf:

„Zwei Freunde, die mit und nebeneinander zu existieren versuchen, sind immer auch zwei Verkörperungen der Sozialgeschichte, und manchmal lässt die Trägheit des Habitus auch in der engsten Beziehung zwei Klassen aufeinander prallen. Verhaltens- oder Ausdruckweisen müssen nicht im mindesten aggressiv oder verletztend gemeint sein, um dennoch genau so zu wirken. In bürgerlichen Kreisen oder bereits im Milieu der Mittelschicht begegnet man zum Beispiel regelmäßig der Annahme, man habe schon immer „dazugehört“. Ähnlich wie Heterosexuelle, die von Homosexuellen so sprechen, als könne ihr Gesprächspartner auf keiner Fall zu dieser stigmatisierten, belächelten oder herabgesetzten Spezies gehören, haben Bürgerliche einen Umgangston, der immer schon voraussetzt, dass man ihre kulturellen und existentiellen Erfahrungen notwendigerweise teilt. Sie merken nicht, welche Übergriffigkeit in dieser Annahme steckt (…)“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1699-1703 des eBooks)

Touché!

Eribon gelingt es so, zwei Weisen des Diskreditiertwerdens und sozialer Determinanten an Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Jean-Paul Sartre geschult so zu entfalten, dass die Klassenfrage und jene, was es heißt, durch die Beschimpfung zu dem zu werden, was mensch ist, eben schwul, zu verbinden wie auch zu kontrastieren. Er verbindet abstrakte Strukturanalyse, die Schilderung von Subjektivierungsweisen und deren Aktualisierung in alltäglichen Beziehungen und Kommunikationen vortrefflich.

Und das alles im Rahmen einer Autobiographie.

Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so vieles schon gewusst, zu nahe sind Eribons Quellen an denen, aus denen ich schöpfe, und er war on top mit Foucault und Bourdieu befreundet;  und ich habe doch endlos markiert und unterstrichen. Weil es so pointiert und treffsicher beschreibt und zusammenfasst, dieses Buch, was aktuell von Relevanz ist.  Es fasziniert im Vollzug des Denkens und des Aufbrechens jenes Mythos, dass personales Erfahren, Praxis, Lebensläufe und soziale Strukturanalyse nichts miteinander zu tun hätten.

Eribon schildert, wie er nach dem Tod seines Vaters nach Reims zurückkehrt und beim Anblick alter Fotos sein Aufwachsen im Arbeitermilieu ihm gegenwärtig wird, dass er im durchdünkelten Frankreich so lange abzustreifen suchte. Weil es eben einen Habitus, eine Haltung und Verhaltensweisen hervor brachte, die zu Ausgrenzung und tief empfundener Scham führten: Oh je, die Herkunft könnte identifiziert werden! Und weil bestimmte Karrieren ihm verwehrt blieben.

Da spielen zwar französische Spezifika hinein, weil eine „Kultivierung“ des Selbst und des Auftretens dort noch andere Wucht entfaltet als in einem Land, da die Currywurst, die die Gattin ihm nicht briet, zur Kanzlerpopularität beitrug und bier- und grobschlächtiges Getue, leere Zitate des entkernten „Proletarischen“, als „bodenständig“ gelten – dennoch ist das, was Pierre Bourdieu als „Distinktionsgewinn“ bezeichnete, in der BRD selbstverständlich genau so wirksam. Nur sind die Regularien des Einsatzes sozialen Kapitals teils andere – wie nicht zuletzt die Inszenierung der so genannten „Unterschicht“ im Privatfernsehen belegt, freilich immer unter dem Banner des „Populären“.

Das Buch schildert rückblickend ein französisches Milieu, da die Anbindung an die Kommunistische Partei eine Selbstverständlichkeit war in der Annahme, diese würde die Interessen der Arbeiter vertreten.

Nun wird in eben diesen gesellschaftlichen Bereichen zwar halb verschämt, aber dennoch der Front National gewählt – weil geglaubt wird, dass dort Restbestände der Interessenvertretung gegen „migrantische Konkurrenz“, deren Existenz ihnen fortwährend suggeriert wird, gegeben sei.

Damit offenbart Eribon eben jene Tiefenschicht, die den Trump-Wahlkampf befeuert, die Brexit-Zustimmung animierte und vielleicht sogar verständlich macht, wieso gerade in der ehemaligen DDR die Rechte so stark ist – aufgrund eines tief sitzenden Antikommunismus im Westen gab es zwar Ansätze in der SPD, Partei der so genannten „Kleinen Leute“ zu sein. Diese Haltung war jedoch erst zu dem Zeitpunkt kurzfristig erfolgreich, als auf Restbestände klassenkämpferischer Positionen komplett verzichtet wurde, und diese „Kleine Leute“-Phase dürfte bereits mit Helmut Schmidt wieder vorbei gewesen sein.

„Die entfremdete Weltanschauung (den Ausländern die Schuld geben) verdrängt den politischen Begriff (gegen die Herrschaft ankämpfen).“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1345 des eBooks)

Denn die linken Parteien hatten einen Funktionswandel von der Interessenvertretung zum Vehikel bürgerlicher Dominanz vollzogen:

„Nicht mehr von Ausbeutung und Widerstand war die Rede, sondern von den „notwendigen Reformen“ und einer „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Nicht mehr von Klassenverhältnissen und sozialem Schicksal, sondern von „Zusammenleben“ und „Eigenverantwortung“. Die Idee der Unterdrückung, einer strukturierenden Polarität zwischen Herrschenden und Beherrschten, verschwand aus dem Diskurs der offiziellen Linken und wurde durch die neutralisierende Vorstellung des „Gesellschaftsvertrages“ ersetzt, in dessen Rahmen „gleichberechtigte“ Individuen (gleich? was für ein obszöner Witz) auf die Artikulation von Partikularinteressen verzichten (…).“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1232-1236 des eBooks).

Beeindruckend ist, wie Eribon den Wandel von Anhängern der Kommunistischer Partei zum Front National ohne jede Beschönigung rekonstruiert: Rassistisch und homophob sei es in seinem Umfeld freilich vorher schon ganz genau so zugegangen.

Und genau an diesem Punkt überholt die Entwicklung das Buch von Eribon: Gerade bei Pegida und Co ist durch „national kombiniert mit sozialrevolutionär“ ja längst eine Herrschaftskritik entstanden, da sich die weißen Deklassierten und ihre Stichtwortgeber unter den rechtsliberalen Wirtschaftsprofessoren (ja, einer von den wurde auch rausgemobbt), ein in der Tat kurioses Bündnis, weil nun letztere genau für die Idologie sorgten, die deklassierte, zusammen eine Herrschaftskritik heraus brüllen und im Netz verbreiten, die radikaler wohl kaum sein könnte. Da werden alle möglichen Versatzstücke von Habermas über Foucault bis hin zu Gramsci geplündert (ohne dass irgendwer von denen diese Autoren kennen würde) und diese völkisch neu zusammengesetzt und im „Widerstand“ gegen die halluzinierte Übermächtigung durch die „Islamisierung“ ein Freiheitspathos beschworen, das nur sich selbst, nicht aber die Freiheit Anderer respektiert.

Interessanterweise hat auch das Jean-Paul Sartre schon in den 50ern analysiert.

Umgekehrt ist das Nachspüren der Motivlage weißer Arbeiter- und Arbeitsloser aus ihren akuten sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen heraus die große Leistung, die Eribon in seinem Buch vollbringt. Sie birgt allerdings die Gefahr, in ein „Pegidaverstehertum“ abzugleiten, wie es von Gabriel bis Wagenknecht immer wieder aufbricht – anstatt vielleicht einfach mal eine europaweite (!!!) und global orientierte (!!!) Wirtschaftspolitik zu fordern, die fortwährende Deklassierungs (wahlweise) -Erfahrungen oder -Fantasien verhindert und beides auch zu unterscheiden weiß.

Zugleich zerlegt Eribon gekonnt den historischen Fetisch „Arbeiterklasse“ auf der akademischen Linken, eben jenes Kuriosum, dass die SDS-Anhänger nach ’68 in den Fabriken agitieren ließ, wo sie aber keiner haben wollte – und beschreibt diesen Fetisch als Abstraktum, dem er, der eben dieser entstammte, nun gerade auch huldigte, während er seine Herkunft zugleich verbarg und ihre Folgen abstreifen wollte:

„Mein jugendlicher Marxismus war also ein Instrument meiner eigenen sozialen Desidentifikation“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 812 des eBooks)

Die Schilderungen der Platzzuweisung des Arbeiterkindes, das sich aber deshalb mit seinem Platz nicht abfinden konnte, weil es schwul war und in dieser Welt schlicht untergegangen wäre, sind außerordentlich eindrucksvoll zu lesen.

Was in „Rückkehr nach Reims“ nur in Andeutungen geschieht ist eine Reflektion dessen, wie denn nun die Frage nach dem Weißsein und Abweichungen davon und die Klassenfrage zusammen hängen.

Das unterscheidet Eribon nicht nur erneut von einem seinen Vorbilder, Jean-Paul Sartre, der sich sehr intensiv mit dieser Frage auseinander setze. Es zeugt auch  von einem zu engen Fokus der Rezeption internationalen Denkens. Abgesehen von Frantz Fanon findet eine intensivere Auseinandersetzung lediglich mit John Edgar Wideman und dessen Romanen statt.

Das Leben derer ist gemeint, die nun auch nicht erst seit „Tee im Harem des Archimedes“ in Banlieues gepfercht leben oder die Folgen des Algerien-Kriegs bis heute täglich spüren. Der das Weltbild des Front National eben auch nachhaltig prägte wie auch das derer, die wissen, dass Massaker an People of Colour noch mitten in Paris verübt wurden, ein solches bildet zum Beispiel eindrucksvoll den Hintergrund des Films „Caché“ von Michael Haneke. Die Perspektiven der einst Kolonisierten tauchen bei Eribon gar nicht auf und auch nicht das Echo dieses Teils der Historie in der französischen Gegenwart (wozu leider ebenso das Kapern postkolonialer Theorien durch hochaggressive Islamisten gehört, die eben auch als Rattenfänger mit sozialrevolutionärem Pathos glänzen und teils geradezu eine Verballhornung linker Tradition auf Basis vermeintlicher Gottesgesetzlichkeit betreiben; der Londoner Anjem Choudary mag da als paradigmatisch gelten für das, was in Frankreich ebenso vertreten wird).

Lauscht mensch ergänzend Alexis Jenni, Autor von „Die französische Kunst des Krieges„, so lernt sie unter anderem, wie als eine Art Negativ die Erfahrungen der Kolonisatoren, eben der unzähligen Soldaten in Algerien und ihrer Nachkommen, Erfahrungen, über die nie gesprochen wurde, noch das Weltbild des Front National befeuern: Jene, die damals ihre „Feinde“ im Kampf waren, tauchten nun „auf einmal“ an jeder Straßenecke auf – und daraufhin sprossen und sprießen Fantasien umgekehrter Kolonisierung in den Hirnen der Betroffenen und ihrer Kinder.

Das ist ein Aspekt, der mir unterbelichtet scheint: Weiße, heterosexuelle Menschen WISSEN ja um die Macht, die sie ausüben, noch da, wo sie sie verleugnen – deshalb wird diese Macht noch bei Antidiskriminierungsagitation von Seiten Nicht-Betroffener so vehement verteidigt, trotz aller linksliberalen Ignoranzübungen. Und da sie nun auch vernunftbegabt sind, wissen sie auch, was Assymmetrie und Reziprozität, also Wechselseitigkeit, bedeuten – und so leben sie in fortwährender Panik einer Umkehrung der Verhältnisse: Dass man ihnen das antun könnte, was sie aus Gewohnheit Anderen antun oder auf was sie eben gönnerhaft verzichten.

Diese Angst spornt nun die AFD ebenso wie „Critical Whitness“-Kritiker auf der Linken an (und da meine ich nicht jene, die aus Perspektive der Antisemitismusforschung argumentieren, da klafft nämlich tatsächlich eine große Lücke im Diskurs) und all die Agitatoren gegen Politial Correctness: Die wittern eine mögliche Umkehrung schon da, wo Betroffene mal nicht nur dabei stehen bleiben, die eigene Diskriminierung zu beklagen, sondern Vorstellungen entwickeln, was wäre, wenn diese nicht mehr statt fände. So sichern sie ihre Macht fortwährend ab.

Ein Phänomen, das das nächste eindrucksvolle Kapitel in Eribons Buch entfaltet: Die Beschreibung schwuler Sozialisation. Uff. Liest mensch das als Betroffener, ist die nächsten Wochen Wunden lecken angesagt. Das letzte Fünftel des Buches behandelt eben diese Erfahrungen – der fortwährenden Beschimpfung. Gewaltdandrohung, der Verletztlichkeit schwuler Orte (zuletzt in Orlando einmal mehr eindrucksvoll und überdeutlich vor Augen geführt): Er beschreibt, wie scheißegal der marxistischen Linken mit ihrem Wilhelm Reich und ihrem Freudomarxismus schwules Leben war, all den Varianten linker „Dekadenzkritik“, die aus dem „Eingedenken der Natur im Subjekt“ eine Entfremdungstheorie formten, bei der im Falle einer befreiten Gesellschaft so eine „Pathologie“ wie „Homosexualität“ im Sinne eines psychisch gesunden, natürlichen Lebens schlicht verschwinden würde. Ja, das IST eine linke Traditionslinie: Einfach eine höhere Form des Vernichtungswillens, der ansonsten in fortwährenden Beleidigungen sich äußert:

„Jedes Mal, wenn der unendlich oft wiederholbare Akt der Verunglimpfung mich getroffen hatte, fühlte ich mich von einem Messer durchbohrt; ich fühlte mich terrorisiert, weil man mir in jedem ein einzelnen Fall zu verstehen gab, was ich war und zu verstecken suchte; weil man mir mein Schicksal zuwies; weil man mich für immer und überall zu demjenigen machen wollte, der sich der Denunziation und dem Fluch, den sie ausspricht, nicht entziehen kann.“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, Pos. 1991 des eBooks)

Und er erläutert, ja, die Freundschaft mit Foucault verband ihn, von der NOTWENDIGKEIT, sich als etwas anderes zu erfinden als dem, wozu gesellschaftliche Verhältnisse uns machen.

„Ich könnte mir die metaphernreiche, blühende Sprache Genets zu eigen machen und schreiben, dass irgendwann die Zeit kommt, wo man den Rotz, mit dem man bespuckt wird, in Rosen verwandelt, die Beschimpfungen in Blumenkränze und Sonnenstrahlen. Es ist der Moment, in dem die Schande in Stolz umschlägt … . Und dieser Stolz ist durch und durch politisch, weil er die Mechanismen der Normalität und Normativität auf radikale Weise herausfordert“

(Eribon, Didier, Rückkehr nach Reims, Pos. 2244 des eBooks)

Happy Pride!

Dass neue Formen auch linker Homophobie und allerlei raunendes, unterschwelliges Querfrontgetue sich nun genau damit nicht abfinden können, zeigt sich multidimensional: Die einen verweisen darauf, mensch solle sich doch „bloß nichts auf seine Marginalisierungserfahrung einbilden“ und schon gar nicht glauben, sie sei politisch von Relevanz, relevant seien allenfalls ökonomische Fragen. Die nächsten verbuchen dieses „sich neu erfinden müssen“ unter „neoliberalen Selbstoptimierungen – und Flexibilisierungen“, ein Spiel der Wirtschaft, in das Schwule ja nun am besten passen würden in ihrer Bindungslosigkeit und nur deshalb mag Hillary Clinton sie so sehr (eine Variante dessen im Werk Bourdieus führt Eribon an in „Rückkehr nach Reims“, der Hass auf die „Ästheten“, und auch, wie er beim großen Soziologen dann intervenierte). Andere wiederum hassen es, wenn der Schwule sich nicht zuallererst an dem Werden durch Beschimpfung orientiert und anschließend möglichst auch dabei bleibt. Er habe sich auch weiterhin an denen, die beschimpfen und schwadronieren, zu orientieren – wahlweise an deklassierten Jugendlichen, denen ja allenfalls zu vermitteln sei, „denen da“ nicht gleich auf die Schnauze zu hauen, oder an sowjetischen Mütterchen, die ja gar nicht etwas akzeptieren könnten, was hier vor gar nicht so langer Zeit nun auch noch verboten war.

Das ist ja auch eine der Fallen der Vorgehensweise von Eribon: Es gibt ja, ja, manchmal nur, diese merkwürdige Befriedigung bei Nicht-Betroffenen, während sie seitenlange Schilderungen von Diskriminierungs- und Gewalterfahrung konsumieren – weil manche das brauchen, dass es auch ja so bleibt. Was sich immer dann zeigt, wenn positive Forderungen formuliert werden, Marginalisierte Machtsansprüche erheben oder ihre Sichtweise als produktiv und gesellschaftlich relevant begreifen. Ehrliches Mitgefühl bei Herabwürdigung mag statt finden, was für eine Welt es jedoch wäre, in der diese ausbliebe, das will bloß nicht gedacht  werden – dann weichen nämlich noch irgendwielinke St. Paulianer auf Denkstereotypen aus, wie sie auch Trump-Fans formulieren: Einem „Black live Matters“ schallt dann eben ein „All lives matters“ entgegen. Oder in DIE WELT faselt einer, der vermutlich ein Leben lang von klassenbezogenen weißen, heterosexuellen Männer-Seilschaften profitierte (durch die gelangt man auch in den Auftschtsrat des FC St. Pauli, by the way), vom „Privileg des Großstadt-Schwulen“, der durch ebensolche Professoren-Freunde protegiert worden sei: Diese imaginierten „Schwulen-Klüngel“, -Lobbies usw. sind ja auch so eine Angstfantasie von Mehrheitsgesellschaftlern.

An all den Ausführungen zeigt sich neben der nur ansatzweisen Öffnung des Diskurses von Eribon hin zu postkolonialen Fragestellungen eben das nicht minder große Manquo seines Buches: Lesben, Bi-Menschen oder Transgender gibt es bei ihm ebensowenig wie Feminismus. Allenfalls die Autobiographie von Simone de Beauvoir dient der Inititiation ins Bürgerliche, den Pariser Intellektuellenzirkeln.

Von der grundsätzlichen Stoßrichtung her ist sein Anliegen, „traditionslinke“ Fragestellungen mit den Entwicklungen seit Foucault in der Queer Theory und schwuler Geschichtsschreibung zu verbinden, dem gegenüber durchaus offen. Und von Stuart Hall bis hin zu Bell Hooks und Diskussionen gerade im Umfeld der „Black lives Matters“-Bewegung haben das Feld viele vor ihm auch schon tiefgründiger beschritten.

Dennoch holt das Buch vermutlich viele LeserInnen an dem Punkt ab, an dem sie gerade stehen, und darin besteht sein Wert. Es verbindet die Frage nach Klasse und „sexueller Sozialisation“ mit Fragestellungen der Rolle der Intellektuellen – und das packend, pointiert und klug. Und vielleicht ist es sogar gut so, dass es gerade jetzt und nicht schon vor ein paar Jahren in Deutschland erscheint, wo die Querfronten mir immer dominanter zu werden scheinen.

 

 

 

 

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