Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

Ging ja schon los, als wir noch mit rot-schwarzen Under Armour-Menschen frisch bestochen durch das Stadion des FC ST. PAULI, ja, hier schon einmal, ST. PAULI, lieber Clueso, dazu später mehr, pilgerten. Kleiner Tod lichtete wie üblich fantastisch viele formidable Fotos future-fähiger Visionen ab und kann das auch viel besser als ich, also dort vorbeischauen! 

Wie bereits die letzten Male fand ich besonders spannend, das mal nicht nur der tradierte Dünkel deutscher Bildungsbürgerkinder, sondern auch mit Einreiseschwierigkeiten kämpfende Menschen z.B. aus dem Sudan visuelle Räume eröffneten:


Das spannende bei einer Galerie in einem Fussballstadion ist ja gerade, wie die Gänge umdefiniert werden durch die Werke. Michael Fritz belehrte die vom Sponsoren Geladenen profund über Probleme von aus dem Sudan stammenden Künstlern und zitierte dabei viel aus dem grundlegenden Essays „Dear deutsche Kulturstiftung – Africa is not a country“ von Safia Dickersmann (das ich online nicht mehr finde). 

Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird. Kann aber auch sein, dass ich das, Eigenständigkeit ignorierend, hinein gucke, das wäre ja auch typisch. Trotzdem: So eine Fragestellung ist gerade in Zusammenhängen, in denen Menschen es sich leisten können, „Kommerzkritik“ zu üben, also bei uns im Stadion, von höchster Relevanz. 

Obgleich gerade Viva con Agua sich wie ich finde zu recht oft der Kritik ausgesetzt sieht, als U-Boot der Welthungerhilfe einfach nur die Attitude paternalistischer „Entwicklungshilfe“ für urbane, weiße Hipster fit zu machen, schätze ich ja sehr, dass die Akteure gerade deshalb in der Millerntor-Gallery oft genau da hin gehen, wo es weh tut (auch wenn viele das gar nicht merken, weil es sie nicht betrifft). Und übrigens bei Kritik auch nie beleidigt sind. Sie versuchen zumindest, trotz immer wieder aufscheinender, ethnographischer Bildwelt diese auch aufzubrechen. Wie gelungen das ist, das können andere treffsicherer beurteilen als ich; mir scheint es zumindest mehr als nur „gut gemeint“ zu sein, weil auf Ebene der Protagonisten und Subjekte doch überproportional häufig andere Menschen als sonst beim FC St. Pauli in Erscheinung treten. Wobei das Kriterium, dass auf allen hierarchischen Ebenen der Organisation auch Nicht-Weiße agieren, definitiv nicht erfüllt wird.

Dank white Privilege ist es für mich wohl leicht, das auszuhalten und da auch noch gerne hinzugehen. Ja, sagt sich leicht dahin.  Und ich gehe da sehr gerne hin und empfinde die Millerntor-Gallery  für FC St. Pauli-Verhältnisse als die multidimensionalste und avancierteste Veranstaltung, weil der Bruch und vielleicht ja auch Aufbruch da am spürbarsten ist (was sich auch im Publikum zeigt). 

Nun drang gestern bereits im Vorfeld durch, dass mit Max Herre und Clueso recht „große“, chartsaffine Namen die Bühne betreten würden. Im Falle von Max Herre finde ich persönlich die Bezüge, die er in Interviews herstellt:

Ich habe mich seit Jahren immer mal wieder mit Klezmer beschäftigt und mag vor allem die Harmonik sehr. Mit meinen Studiokollegen Samon Kawamura und Roberto Di Gioia habe ich musikalisch etwas herumgeforscht und kam auch in Berührung mit verschiedenen chassidischen Sachen. Mich interessierte vor allem die Geschichte des osteuropäischen Klezmers, der ja auch mit dem argentinischen Tango verwandt ist. Damit habe ich musikalisch experimentiert, und plötzlich war die Musik da.

Was fasziniert Sie daran?

Die Musik hat mir in gewisser Weise den Text diktiert. Ich habe mich in Berlin-Tel Aviv auf eine Reise begeben. Nämlich auf die Suche nach der Geschichte meiner Tante und die meiner Großtante.

Quelle: Jüdische Allgemeine

oft spannender als die Musik, die dann dabei rauskam; als gestern alle zu „Anna (immer wenn es regnet)“ abgingen, fand ich sogar die Kurt-Schwitters Passage irgendwie obszön. Bin ich vielleicht auch zu alt für, dieses „deutscher Hip Hop“- Ding war nie meins und die von Herre beschworenen Curtis Mayfield und Kurtis Blow sind mir doch lieber (und um Klassen besser). Trotzdem ja schön, wenn Menschen ihrer verflossenen Jugend nostalgisch nachfühlen im Stadion zum Herre-Sound (ist ja auch typisch FC St. Pauli, verflossene Jugend zu konservieren).

Na, und dann kam Clueso. Das hat mir schon harsche Kritik eingebracht, dass ich für den immer so schwärme und hat mit Sicherheit auch mit seinem zauberhaften Lächeln und den schönen blauen Augen zu tun (eine Freundin hat mal gesagt, der sei auch nur so erfolgreich, weil er weiß ist, und da ist ja was dran – die Geschichte weißer, heterosexueller Quotenmänner, deren Erfüllung je nach gesellschaftlichem Bereich zwischen 75 und 95 % zu erfordern scheint, wird ja ständig geschrieben, ohne dass die Quote Erwähnung fände). Ich mag seine Texte (mal ab von den misogynen, die sich bei ihm auch finden), finde die Stimme sexy, die Herangehensweise an den unverstellten Flow des sprachlichen und musikalischen Materials häufig sehr gelungen, weil da anders als bei mir das Bildungsbürgerliche fehlt und so Entdeckungen möglich werden. 

Also: Ich bin da schon irgendwie Fan und mache mir nur Sorgen, dass er zu sehr auf das Bild des „Neuen, deutschen Poeten“ mit ach so viel Gefühl und Gitarre sich fixiert und sich etwas zu oft mit teils fragwürdigen Dinosauriern des Deutschrock von Lindenberg bis zu den Puhdys ablichten lässt (deren „Alt wie ein Baum“ gestern im Schlagermove-Zelt lief, als ich nach Hause ging. Dann doch lieber Renft.) 

Viva con Agua unterstützt er seit 9 Jahren, und nun war er auf einer Äthiopien-Reise dabei. Ich durfte das bei Facebook ein wenig verfolgen, und das war schon faszinierend, wie alle Bild- und Tondokumente fortwährend zwischen der Kolonialtradition des weißen Helfers auf Zivilisierungsmission, umgeben von lachenden, schwarzen Kindern, und einem Sich-Öffnen für das Faszinosum dieses afrikanischen Staates und seines Musik- und Alltagslebens changierte. Fast schon kurios der Mitschnitt eines Konzertes des Goethe-Instituts in Adis Abeba, da Max Herre, Clueso und dessen Kumpel Norman Sinn mit derart großartigen Musikern aus dem Ethio-Jazz-Umfeld auf der Bühne standen, dass man bei ihren verschämten Deutschrap-Einlagen schon spürte, dass auch sie spürten, wie sie gegen diese Virtuosen komplett abkackten. 

Daraus entstanden ist ein Song mit: Samuel Yirga. „Aand Nen“ heißt der – hier der Clip (auch in dem sieht man dieses Changieren zwischen ethnographischem Blick, blödem Pop-Gepose mit 90er-Jahre-Lippenbewegen zum Song und echtem Interesse an der Subjektivität derer, denen sie begegneten). 

Samuel Yirga ist beim  Label von Peter Gabriel unter Vertrag, blutjung, lebt in Adis Abeba und definitiv eine Entdeckung. Danke an Clueso und Co, dass sie mir solche Künstler nahe bringen! 

Gestern deutete Yirga seine Fähigkeiten eher an, eindrucksvoll, und doch wirkte es etwas weichgespült für ein Mainstream-Publikum. In den Passagen, da er an seinem Piano so richtig los legte und sich in Blues- und dissonante Afro-Skalen hinein und wieder hinaus begab, da erœffnete sich schon eine atemberaubende musikalische Welt. Und zwar eine, die belegte, wie albern es ist, zwischen „Ethno- und World-Music“ als Partikularphänomen und globalem Pop zu unterscheiden (zudem Herre und Clueso sich nun wirklich anböten, eine Ethnologie deutscher Gegenwartskultur zu betreiben). Yirga spielte auch noch einen traditionellen, äthiopischen Popsong, der komplett unter die Haut ging, mir zumindest. Dass die ganzen offenkundig per BILD zum Cluesogucken Animierten bei diesem zum Smalltalk übergingen, das war nicht nur unhöflich, die haben auch wirklich was verpasst.

Na, und neben dieser echten Entdeckung zeigte sich doch noch die Klasse eine Clueso, über die ein Jan Delay mit seinen Backgroundsãngerinnen, die alle mehr können als er selbst, nicht verfügt: Er nutzte schlicht seine Popularität, einen Raum für Samuel Yirga zu eröffnen. Später kursierten Fotos bei Facebook, die zeigten, was ich vor Ort gar nicht wahrnahm: Dass Clueso zu Thomas Hübner wurde, der fasziniert vor diesem Mega-Musiker auf der Bühne hockte, fast kniete, und so gar keinen Anlass sah, sich in den Vordergrund zu spielen. Als er danach „Love the People“ anstimmte, glaubte ich ihm wieder und war erneut ganz verzaubert.

ABER: „Hamburg City“? Bitte? Konsequent sprach er das Publikum so an – im Stadion des FC ST. PAULI! ST. PAULI, lieber Clueso, nicht „Hamburg City“. Auch Viva con agua konnte nur auf diesem Humus wachsen, den dieser Verein bereit stellt, und in keinem anderen Stadion wäre so was möglich, dass die Gänge derart umdefiniert würden. Dieses „Hamburg City“ ging mir so auf die Nerven, dass ich als einziger (!!!) den „Saaaaaankt Paulihiiiiiiiiii“-Ruf anstimmte. Und KEINER stimmte ein. Stattdessen machten sich Menschen um mich herum lustig. In unserem Stadion! 

Also, lieber Clueso, Du Schwarm meiner schlaflosen Nächte, es ist toll, dass Du da warst, Danke!, aber wenn Du mal wieder unter MEINER Haupttribüne sein solltest, mach Dir doch bitte klar, wo Du gerade bist.

All das musste ich dann noch unserem Präsidenten buchstäblich brühwarm berichten bei einem leckeren Gin Tonic. Der DJ im Hintergrund trug nicht nur einen schnieken, bunten Streifenanzug und Lippenstift, sondern spielte auch zauberhafte 70er-Disco-Tracks, später house;  wir plauschten über Divine und Baltimore – und ja, dieses raren, queeren Momente am Millerntor macht eben doch nur die Gallery von Viva con agua möglich. 

31 Antworten zu “„Hamburg City“? Kunst aus dem Sudan und Samuel Yirga in der Millerntor-Gallery #6

  1. Berenike Juli 22, 2016 um 7:42 am

    Großartiger Text, danke dafür! Nur an einer Stelle muss ich deutlich widersprechen. Die Rede ist hiervon: „Mir schien wie schon beim letzten Mal neben der politischen Dimension die Auseinadersetzung mit der frühen Moderne und damit immer auch der sich damals öffnende Bruch zwischen KUNST und Kunsthandwerk prägend für diese Künstler aus den afrikanischen Ländern zu sein, was unter postkolonialen Bedingungen auch kein Zufall wäre, haben sich die Werke der Avantgarde des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts zur Hochzeit des Kolonialismus doch häufig durch sich-erhebende Praxen der Appropriation, der kulturellen Aneignung vermeintlich „primitiver“ Kunst, erst die Aura verschafft, die Nicht-Weißen regelmäßig aberkannt wird.“ Zumindest wie mir aus meinem Studium der Kunstgeschichte geläufig ist, jedenfalls ist das die gängige kunstgeschichtliche Historiographie, war die Perspektive der Avantgarde um 1900 bis 1920, etwa Picassos und Braques die, dass die europäische Kunst am Ende ihrer Entwicklung angelangt sei und dass die Adaption afrikanischer Kunst, die als vitaler, vom kreativen Potenzial her weiterführender als die europäische angesehen wurde ein notwendiger Entwicklungsschritt sei. Für Generationen von KunsthistorikerInnen wurde es geradezu zur Pflicht zu den Masken der Dogon zu pilgern, wenn auch nur die Wenigsten tatsächlich bis nach Mali gereist sind. Auch die Südsee-Romantik Gauguins hatte, auch wenn sie sich in Hochzeiten des Kolonialismus abspielte, weniger etwas Paternalistisches als vielmehr den Charakter eines in der Verehrung „edler Wilder“ aus der Zeit der Aufklärung fußender verehrender Begeisterung für das Exotische in Verbindung mit einem Angeekeltsein von der europäischen Kultur/Zivilisation. Was Du da über kulturelle Aneignung vermeintlich „primitiver Kunst“ schreibst ist meines Erachtens eine Übertragung heutiger Cultural-Studies-.Perspektiven auf eine Zeit, in der die in Frage stehende künstlerische Avantgarde völlig anders dachte, teilweise zu exotischen Kunstformen geradezu aufschaute. Dass die Mehrheitsgesellschaft darauf mit Rassismus und Ausgrenzung reagierte ist eine andere Sache, wer aber von „Kulturbolschewismus“ und „entarteter Kunst“ redete gehört nun mal in ein ganz und gar anderes Lager.

  2. momorulez Juli 22, 2016 um 8:46 am

    Danke für Deinen Kommentar!

    Der Witz ist ja, dass auch ungeachtet dessen, wie nun Picasso oder Braque selbst ihr Tun verstanden oder die „Demoiselles“ oder auch „Les Fauves“ kunstgeschichtlich z.B. in Relation zu Cézanne als dessen der Entwicklungslogik immanenter, notwendiger Schritt, der in die (in der „islamischen Kunst“ eh schon ewig etablierten) Abstraktion gedeutet wurden oder werden: Die Masken hingen auch weiter im „Völkerkundemuseum“, während sich eine auf Abstand und als vermeintliche „Veredelung“ verstandene Kunst als vermeintlich „autonome“, letztlich aber bürgerlich-institutionalisierte eben auch von White Supremacy nährte.

    Picasso galt als Genie; die, die Masken fertigten, jedoch nicht, die erfuhren noch nicht mal Individualisierung.

    Was sich später auf dem Kunstmarkt schlicht fort schrub, dieses Überschreiben, der einzige, der da ein entsprechendes Renomé erfuhr, war Basquiat, der all das in seinem Werk ja auch thematisierte (kann dazu nur den Aufsatz von Bell Hooks in „Outlaw Culture“ empfehlen).

    Auch bei Praktiken der Beurteilung von Werken wird häufig das, was Nicht-Weiße treiben, unter „Kunsthandwerk“, „fokloristsich“ usw. verbucht, „Ethno-Kitsch“.

    Du hast eine ähnliche Bewegung auch in der Musik; da tauchen nun ganz allmählich auch mal James Brown, Marvin Gaye, Aretha Franklin (als Sängerin, nicht als Künstlerin) oder Stevie Wonder als maßgeblich auf (gerade da, wo z.B. Max Herre verortet ist) – im Zentrum stehen aber weiterhin Elvis, die Beatles, Dylan, der Punk, Grunge und Co – und Fela Kuti z.B. wird meistens ignoriert, Adele wird gefeiert und Beyoncé unter Handwerk verbucht.

    Die ganz in der Tradition der Stones ja ähnlich arbeitet wie Picasso einst.

    Das ist letztlich ein symbolisches Ausbeutungsverhältnis, um Dünkel zu befeuern.

    Und der Witz on top ist, dass ohne Ende Weiße, die wie ich allenfalls bruchstückhaft die US-Literatur und -Diskussion zu dem Thema kennen, die in afrikanischen Ländern so gut wie gar nicht, mittlerweile sogar auf diesem hier nun skizzierten Kaum-Wissen ganze Uni-Karrieren aufbauen, während Nicht-Weiße wieder außen vor bleiben – und bei denen ist der Paternalismus oft noch ausgeprägter als bei Konservativen.

    Was auch mir anzukreiden ist, weil ich ja keine Ahnung habe, wie die Künstler aus dem Sudan das nun selbst beschreiben würden, was sie da machen. Oder wie Samuel Yirga selbst seine Zusammenarbeit mit Herre, Sinn und Clueso einordnet.

    Ich träume ja immer von Institutionen rund u. den FC St. Pauli, wo so was kontinuierlich statt finden kann, um es jenseits des Events zu vertiefen. Die verhindert aber notfalls das „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ zusammen mit Aufsichtsratsmitgliedern.

    Gauguin: Wie Du schon schreibst, hat der ganz maßgeblich zur Etablierung des „Exotismus“ und des „edlen Wilden“ beigetragen. Auch da ist dann ja weniger seine Intention wichtig als das, was dabei raus kam und strukturell wirkte, eben einfach das Positiv zum kulturkonstitutiven Rassismus.

    „Entartete Kunst“: Diese Sicht und Vernichtungspraxis bewegte sich auch im „Supremacy“-Paradigma und wollte unter gar nicht so völlig anderen Prämissen wieder „rein halten, was sie als “ verschmutzt“ betrachtete, mal sehr kurz gegriffen. Daraus lässt sich aber gar kein Einwand gegen die Appropriations-Kritik ableiten, denke ich.

    Die waren übrigens erschütternd erfolgreich; wessen Bücher da nun verbrannt wurden mal ab von Thomas Mann und Bertolt Brecht, das weiß kein Schwein mehr, der gesamte Beitrag jüdischer Kulturen in Deutschland wurde tatsächlich sehr nachhaltig ausradiert, auch wenn es über Klezhmer vermittelt zum Teil zurück kehrt auf den Dancefloor oder über Adorno vermittelt unterschwellig präsent bleibt, und Tucholsky, Mehring oder Toller rezipiert doch fast niemand mehr, oder Else Lasker-Schüler.

    Und die Abstandspraktiken zu nicht-weißen Vermächtnissen besteht ja ungebrochen im nicht-nazistischen, aber tatsächlichen Sinne fort und hat sich im Zuge allgemeiner Verteilungskämpfe in den letzten 25 Jahren eher noch mal verschärft.

    Die Musikkultur, die ansonsten so am Millerntor gepflegt wird, ist mal ab von der auch mit Appropriation getränkten Ska- (hier wird ja nicht das gemacht, was das TwoTones-Label programmatisch betrieben hat) und Reggae-Aneignung auch eine fortwährende Austreibung zugunsten von Punk und Hardcore, und explizite Bezüge zu Detroit und Chicago in der House-Aneignung finden ja meines Wissens auch nicht statt. Cool, dass die Millerntor-Gallery auch Amewu ludt, dessen Texte sind wichtiger als meine Blog-Beiträge.

    Abschlusspointe: Einen Text, wo ich „Samuel Yirga“ kombiniert mit „Kunst aus dem Sudan“ in die Überschrift schreibe, liest fast niemand. Deshalb noch mal Danke dafür, dass Du auf ihn eingehst. Hätte ich oben drüber geschrieben „Clueso in der Millerntor-Gallery“ oder auch „Wir St. Paulianer sind die Geilsten: Wir helfen!“, dann hätte das ohne Ende „Likes“ gegeben – und das bestimmt nicht nur wegen des Bekanntheitsgrades von Clueso. Wofür er nun auch nix kann.

  3. Berenike Juli 23, 2016 um 12:00 am

    Zunächst mal gibt es in der kunsthistorischen Theorie keinen Unterschied zwischen „Kunst“ und „Handwerk“, angewandte Kunst, z.B. Architektur wird seit etwa 40 Jahren als gleichberechtigt neben „freier Kunst“, z.B. Malerei anerkannt. Diese ganze Unterordnung der angewandten Kunst unter l´art pour l´art ist Thema der Zeit vor 1960.

    „Gauguin: Wie Du schon schreibst, hat der ganz maßgeblich zur Etablierung des „Exotismus“ und des „edlen Wilden“ beigetragen. Auch da ist dann ja weniger seine Intention wichtig als das, was dabei raus kam und strukturell wirkte, eben einfach das Positiv zum kulturkonstitutiven Rassismus. “

    Nee, hat er nicht. Der Mythos vom „edlen Wilden“ enstand 100 Jahre davor. Der Plot bei Gauguin ist der, dass die Südsee-Welt besser sei als die europäische, was etwa auch bei Margaret Mead fortwirkt. Der ganze Konstruktivismus/Dekonstruktivismus etwa seit Levy-Strauss fusst drauf.

    „Tucholsky, Mehring oder Toller rezipiert doch fast niemand mehr, oder Else Lasker-Schüler.“ Bitte? Standarliteratur im Schulunterricht deutscher Gymnasien, SchülerInnen stöhnen eher darüber, mit solchem „alten Kram“ gequält zu werden – bitte: das ist nicht meine Position.

    Zu St. Pauli-Interna indes kann ich überhaupt nichts sagen,meine Welt bewegt sich so zwischen Kreuzberg, Otto-Suhr-Institut und HDK.

  4. momorulez Juli 23, 2016 um 12:24 am

    Beigetragen hat Gauguin da aber schon zu und der bewegte sich natürlich nicht im luftleeren, sondern im historischen Raum wie wir auch. Und noch bei Delacroix sieht das ja alles ganz anders aus, dessen „Orientalismus“. Und diese letztlich ja „Natur“-Konstruktionen, in denen sich auch Gauguin bewegte in seinen Fantasien der besseren Südsee-Welt, die eben als geschichtslose Welt Frauen und People of Colour vorbehalten blieb, die ist ja Teil des Paradigmas. Klar, das haben dann die Dekonstruktivisten zerlegt.

    Ich persönlich kann mich ja für Picasso auch trotz alledem begeistern; Gauguin halte ich für letztlich indiskutabel unter heutigen Bedingungen als Bezugspunkt, an dem angeknüpft werden könnte.

    Und das mit dem Kunsthandwerk, also, vielleicht ist das an der HdK ja mittlerweile anders, hier an der HfbK zum Beispiel definitiv nicht, ich bin da eingeschrieben😉 – es gab mal so eine Phase rund um „Lieber Maler, male mir“ von Kippenberger, wo Fragen gestellt wurden, die mir längst im Sinne weißer Privilegienabsicherung komplett verschwunden scheinen, trotzdem auch hier immer noch eifrig mit Bad Painting und Co gespielt wird, was bei Nicht-Weißen so gar nicht akzeptiert würde, wenn es nicht zumindest irgendwas vermeintlich „typisches“ wie Graffiti einbezöge. „Genialer Diletantismus“ wird da auch je nachdem sehr unterschiedlich rezipiert.

    Noch da, wo sich der Diskurs rund um Kunst, so weit ich ihn verfolge, mal „Afropunk“ oder asiatische Regionen öffnet (letzteres ja, weil da Geld sitzt und sich neue Märkte heraus gebildet haben), ist immer diese Unterscheidung konstitutiv, die zwischen Handwerk als Basis und „richtiger Kunst“ als dem, was sich davon abhebt.

    Wenn so was in Schulen gelehrt wird, dann freut mich das natürlich, Else-Lasker-Schüler und Co – da bin ich nun auch tatsächlich seit 30 Jahren raus. Da magst Du dann recht haben. Aber als ich mal anlässlich des Bücherverbrennungs-Jahrestages bei Twitter in die Runde fragte, wessen Werke da nun verbrannt wurden, mussten ALLE erst mal googeln – während die meisten ihren Thomas Bernhard, ihren Beckett und ihren Thomas Mann drauf haben und Brecht alle Scheiße finden, obwohl sie sich nie mit dem beschäftigt haben.

    Die St. Pauli-Interna halte ich übrigens für generalisierbar😉 …

  5. berenike Juli 27, 2016 um 8:32 pm

    Also, das ist völlig faszinierend, danke sehr dafür! Wenn ich nach Hamburg komme werde ich mir das ansehen. Wobei ich mir ja die Frage gestellt hatte wie ich mir sudanesische Kunst vorzustellen hätte, etwa klassisch arabisch oder so wie die Masken oder völlig anders – aber das ist ja nicht „sudanesisch“, sondern sind die kontemporären, multinationalen Perspektiven eingewanderter Menschen. Sowas ist übrigens durchaus auch mal in Kunstmuseen zu sehen.

    Trotzdem will ich zu dem anderen Thema doch noch ein paar Takte sagen. Zunächst mal ist mit dem patriarchalen Mythos der kapitalistischen Moderne der weiße Mann stehe für Rationalität und historisches Bewusstsein und Frauen sowie nichtweiße Menschen für die Natur und seien ahistorisch auch nicht alles zu erklären und herzuleiten. Zunächst mal war Delacroix, auch wenn der Bilder im orientalistischen Stil gemalt hat kein Orientalist im eigentlichen Sinne, sondern Historienmaler. Ein typischer Orientalist war z.B. Ingres. Der Orientalismus, von dem hin es keine Verbindung zu Gauguin gibt (die Orientalisten dominierten jene Salons, von denen die Impressionisten als „Verrückte“ ausgeschlossen blieben) romantisierte den „Orient“ nicht als Natur, sondern als Welt wilder sexueller Gelüste und sadomasochistischer Exzesse. Mit der tatsächlichen Sexualmoral araboislamischer Gesellschaften hatte das nichts zu tun, es schuf ebenso wie die in jener Zeit entstehenden Römerromane („Quo Vadis“, „Ein Kampf um Rom“) vielmehr Projektionsräume für Fantasien die in jener viktorianisch-bonapartistisch-wilhelminischenZeit mit ihrer rigiden lustfeindlichen Moral als höchst unanständig galten. Nicht umsonst war das die Zeit in der Freud seine Konzeption der Triebsublimation ersann. Kein Wunder bei einer solchen Kunst! Die orientalistischen Bilder waren so etwas wie getarnte Pornos, die zugleich äußerst doppelmoralisch den Mythos von der Überlegenheit der weißen „Zivilisation“ über die Gesellschaften der eben erst besiegten NordafrikanerInnen zelebrierten.

    Die ganze Kunst der Klassischen Moderne war ein Bruch mit diesen Traditionen, selbst wenn das im Rezeptionszusammenhang eines kolonialistischen Zeitalters nicht immer deutlich wurde. Da ist der Orientalismus wie die heroische Historienmalerei eine in Frankreich in der Tradition Voltaires stehende Richtung, während Gauguin rousseauisch war: Die Verachtung der „Zivilisation“, die Romantisierung des „Naturzustands“ als bessere Welt. Immerhin siedelte Gauguin selber in die Südsee über, um aus der europäischen Gesellschaft auszusteigen. Das ist eine Linie die sich in den Naturistes, dem Wandervogel, den Beatniks und Hippies fortsetzte ebenso wie in der Anthropologie Margaret Meads, die es fertig brachte, die hochhierarchisierte Kastengesellschaft Polynesiens als ursprünglichen Kommunismus „freier Wilder“ und die dort praktizierte Kinderausbeutung als Erziehung zur Freiheit misszuverstehen. Die Richtung des Orientalismus korrespondiert bis heute mit dem Herrenwitz, die des romantisch-projektiven Naturismus eher mit den Gedankenwelten grün-alternativer Szenen, vgl. dort zeitweise sehr verbreiteter Indianer-Schamanen- und Hexenmythen.

  6. momorulez Juli 27, 2016 um 8:59 pm

    Ich danke Dir sehr für die Aufklärung und die Ausführungen! Ungefähr das meinte ich ja mit „bei Delacroix sah das noch anders aus“, weil neben allem, was Du treffend beschreibst, mir zumindest da noch so was wie ein Respekt vor dem Gegenstand bzw. den Gemalten sichtbar zu sein scheint und ein „Individualisierungswille (angesichts der heutigen Islam-Debatten ja doppelt interessant, was Du schreibst) (ich habe jetzt aber, typisch für mich, gerade nur seine Männerbilder im Kopf und nehme ggf. alles zurück, wenn ich noch mal auf die Darstellung von Frauen achte) – während diese Affirmation des „natürlich-primitiven“ sich noch viel tiefer in Rassismen verstrickt. Zumindest bei Gauguin.

    Was ich ja dabei immer wichtig finde, ist, gar nicht nur bei der eigenen, auch kritischen Kunstgeschichtsschreibung stehen zu bleiben, sondern eben zu gucken, ob und wie und was bei denen, über die Europäer so herzufallen pflegten, zu Feldern etwas zu finden und entdecken ist, die u.U. mit der europäischen Institution „Kunst“ auch gar nicht im selben Sinne was zu tun haben, deren Autonomie ja nun auch erst historisch recht spät erst behauptet wurde. Und die trotzdem ästhetisch wegweisend waren und sind. Damit das nicht immer alles so selbstreferentiell wird.

    Was die Künstler da aus dem Sudan äußern und an Kunst machen, das haut mich schon auch ziemlich von den Socken, muss ich sagen, und es steht halt auch völlig quer zu dem, was gemeinhin über den Sudan hierzulande kursiert. Und da wittere ich ästhetisch und politisch Potenziale, wie auch bei Samuel Yirga, die zukunftsweisend sind.

    Was hier im Stadion noch zu sehen sein wird, das weiß ich gar nicht – ich vermute, dass das, was oben auf dem Foto zu sehen ist (also im Eintrag selbst), weil es direkt an die Wand gemalt wurde, da auch erst mal bleibt. Das kann dann bei Stadionführungen oder an Spieltagen angeguckt werden. Deren Galerie selbst ist in Khartum. Über Viva con Agua können da aber bestimmt auch Kontakte hergestellt werden, wenn in HdK- und Otto-Suhr-Institut-Zusammenhängen Interesse besteht (oder halt über Facebook). Weil, Gauguin hin, Delacroix her, ich glaube, das, was die machen, ist aktuell schon wichtig, glaube ich.

  7. Berenike Juli 28, 2016 um 5:07 pm

    Na ja, das ist bei Gauguin aber ein Positiv-Rassismus – für ihn sind die Menschen aus Polynesien die besseren Menschen und Vorbilder, er verachtet die europäische Zivilisation, und daran knüpft eine ellenlanger Entwicklungsstrang in der Ethnologie, wie gesagt zum Beispiel bei Mead. Das ist erst seit Levy-Strauss aufgelöst worden, und auf dieser verkitscht-projektiven Sicht des „Natürlichen“ fusst noch die Hippie-Bwegung.

  8. Berenike Juli 28, 2016 um 5:08 pm

    @ wenn in HdK- und Otto-Suhr-Institut-Zusammenhängen Interesse besteht (oder halt über Facebook). hake ich mal nach.

  9. momorulez Juli 28, 2016 um 5:13 pm

    Prima!

    Und Positiv-Rassismus gibt es nicht, schon gar nicht dann, wenn mit romantisierenden Naturbegriffen hantiert, vorgestellt oder gemalt wird. Ggf. ist das dann Rousseauismus, der noch innerhalb der rassistischen Matrix operiert.

  10. Berenike Juli 29, 2016 um 6:16 pm

    Hmm. Ich bestreite, dass es EINE rassistische Matrix gibt, sondern halt sehr viele unterschiedliche Rassismen und Sexismen, die von unterschiedlichen Menschengruppen verschieden gelebt werden. Viel mehr interessiert mich aber Deine Kritik an romantisierenden Naturbegriffen, da lerne ich gerne dazu.

  11. momorulez Juli 29, 2016 um 7:52 pm

    Rassismus ist, glaube ich, schon immer auf eine idealisierende Vorstellung von „weiß“ bezogen mit damit korrespondierenden, historischen und institutionellen Entwicklungen und Gesellschaftsformationen. Neulich bei Facebook wurde in einer Schrifttafel treffend zwischen schlichtem Vorurteil und Stereotypen, tief sitzenden Ressentiments und Rassismus dahingehend unterschieden, dass letzterer auch über die institutionalisierte und symbolische Macht verfügt, seine Vor- und Fehlurteile und Ressentiments gesellschaftlich durchzusetzen. Das ist ja bei Sexismus oder auch Heterosexismus ebenso durchdeklinierbar. Das kann sich dann in diversesten Formen zeigen, von formalrechtlicher Segregation bis zu informellen Regeln, wer welchen Job kriegt und wer nicht, aber bleibt das nicht auf immer das gleiche Zentrum der Hierarchiebildung bezogen?

    „Romantisierende Naturbegriffe“: Ich meine damit nur zum Teil das, was als das „Naturschöne“ beschrieben werden kann. Das ist ja auch ein recht komplexes Thema für die Kommentarsektion. Ich verstehe darunter ein Ineinanderfallen normativer und ästhetischer Paradigmen, die im Rahmen einer rousseauistischen „Zurück zur Natur!“-Erzählung ihre kulturell bestimmten, moralische. Vorstellungen ins vermeintlich „Natürliche“ hinein projizieren und das dort verklären, also romantisieren. Was bei allen Vorlieben für das Schauerliche – da wirst Du Dich besser auskennen – auch Bilder waren, die in der kunstgeschichtlichen Epoche der „Romantik“ los ging.

    Das Paradebeispiel ist ja der später als Fake entlarvte „Papalagi“, so weit es exotisierende Erzählungen betrifft. Die gibt es aber ebenso in „Naturrechts“vorstellungen Ratzingers, da wird das Normative explizit, in der Öko-Bewegung und in Blut- und Bodenlehren. Das korrespondiert aber auch eng mit den Bildern vom „edlen Wilden“, die Du oben skizzierst hast dann, wenn es nicht auf das angewandt wird, was als „eigene Kultur“ verstanden wird. Bei ganz vielen „zivilisationskritischen Ansätzen“ wirkt das unterschwellig fort.

    Das Coole an der frühen Moderne ist ja, dass u.a. durch Cézannes Diktum von der „Harmonie parallel zur Natur“ solche Naturalismen sich auflösten (auch in Disharmonien usw.) – was aber in diversen ästhetischen Praktiken im Nicht-Euro-Raum nun schon viel früher der Fall war. Diese Diskussion hat in diesem Blog eine gewisse Tradition, und eine meiner liebsten Aussagen eines Schweizer Künstlers war einst, dass es sich bei ursprünglich zu Performance-Zwecken verwendeten westafrikanischen Masken schlicht um das intelligentere Kunstwerk handele als bei dem, was dann Expressionisten daraus gemacht haben. Dann ist das Denken auch raus aus Paradigmen, die „Naturvölker“ konstruieren und das dann wahlweise als „überwundene Vorgeschichte“ oder im Rahmen von Entfremdungsplots interpretieren.

  12. Berenike Juli 29, 2016 um 8:27 pm

    @Rassismus ist, glaube ich, schon immer auf eine idealisierende Vorstellung von „weiß“ bezogen mit damit korrespondierenden, historischen und institutionellen Entwicklungen und Gesellschaftsformationen.

    Was machst Du dann mit einem chinesischen Rassismus, der sich gegen Mongolen, Langnasen und Schwarze richtet und das Reich der Mitte mit seiner YIN/Yang-Balance ins Zentrum der Welt stellt oder der in Japan verbreiteten Auffassung, dass es außerhalb Japans nur Barbaren gäbe? Was mit der Verachtung für Khoikoin, Nama, Dama und San bei den Zulu? Wo steht da eine idealisierende Vorstellung von „weiß“ im Mittelpunkt? Und aus der US-Bürgerrechtsbewegung, wohlgemerkt der Schwarzen, wurde ja auch ein Teil der Black-Power-Ideologie als reverse racism kritisiert.

  13. Berenike Juli 29, 2016 um 8:36 pm

    @„Romantisierende Naturbegriffe“: Ich meine damit nur zum Teil das, was als das „Naturschöne“ beschrieben werden kann. Das ist ja auch ein recht komplexes Thema für die Kommentarsektion. Ich verstehe darunter ein Ineinanderfallen normativer und ästhetischer Paradigmen, die im Rahmen einer rousseauistischen „Zurück zur Natur!“-Erzählung ihre kulturell bestimmten, moralische. Vorstellungen ins vermeintlich „Natürliche“ hinein projizieren und das dort verklären, also romantisieren. Was bei allen Vorlieben für das Schauerliche – da wirst Du Dich besser auskennen – auch Bilder waren, die in der kunstgeschichtlichen Epoche der „Romantik“ los ging.

    Das fand da nur einen ersten Höhepunkt, los ging das in der Aufklärung mit Rousseau selbst und der Begegnung von Cook&Co mit den Menschen der Südsee. Was ich im Focus habe ist eine bipolare Entwicklung: Einerseits der Strang Voltaire – die europäische Aufklärung mit ihrem Fortschrittsbegriff wird absolut gesetzt, alles außerhalb davon Befindliche ist die Barbarei – und andererseits der Strang Rousseau, einen naturrechtliche und romantisierende Begründung der Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung oder sogar des bloßen Eskapismus. Der Strang Kant-Hegel-Marx-Adorno behagt mir dabei sehr viel eher;-)

    Jedenfalls ist vieles, was als Antirassismus firmiert selbst Bestandteil des Rousseauismus, in der Variante des Tieremondisme und Straßenfest-Multikulti, um das mal auf eine platte Parole zu bringen.

  14. momorulez Juli 29, 2016 um 8:52 pm

    Ich denke einfach, dass es Sinn macht, sich da zu fragen, ob und inwiefern es sich in allen Fällen anbietet, im selben Sinne von „Rassismus“ zu reden wie bei den Formationen, wo – jetzt mal sehr allgemein geschrieben – das kulturalistisch und biologistisch (über „Abstammung“) aufgeladene koloniale Paradigma wirkt. Und dazu sollte in jedem Fall genau hin geguckt werden, weil sich daraus in Ruanda oder Brasilien halt unterschiedliche Entwicklungen draus ergeben haben, die dennoch auf das bezogen bleiben, was ich oben geschrieben habe.

    Ob es sich bei den „Langnasen“ dann noch um rassistische Perspektiven handelt, dazu kann ich Dir auch nix sagen, das ist ja auch so eine „White Supremacy“-Masche, sich so zwischen Tür und Angel omnikompetentes Wissen internationaler Spezifka anzumaßen, so als gefühlte, kleine Alexander von Humboldts (ja, ich auch). Zudem Teile China ja auch kolonisiert waren.

    DASS die auf „weiß“ bezogenen Abstandspraktiken in diversen postkolonialen Konstellationen wirken. da hatte ich das Glück, wenigstens in Grundzügen auch nicht-weiße Quellen zur Verfügung gehabt zu haben dank Leuten, die sich da besser auskennen als ich.

    Zulu war neulich schon bei Facebook mal Thema; außer dem bahnbrechenden Aufsatz von Bell Hooks zu Basquiat, der sich lediglich mit Elementen der Zulu-Kunst beschäftigt, weiß ich da nix drüber – außer, dass es gerade im Trend liegt, nun insbesondere schwarzen Südafrikanern, so lange ist die Apartheid nun auch noch nicht her, ganz besonders krassen Rassismus zu diagnostizieren. Aufgrund der in der Tat scheußlichen Mord- und Gewalttaten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. Da verfüge ich über keine Expertise; dass es nicht das gleiche ist wie Freital, davon ist auszugehen, und insofern stellt sich da die Frage, ob es sich da um Rassismus handelt. Da gibt es halt auch ohne Ende „Entlastungsdiskurse“, „guck mal, die da sind doch genau so“, glaube ich.

    Deshalb plädiere ich aber schon dafür, wenn wir hier miteinander diskutieren, vielleicht erst mal den Rassismus-Begriff da anzuwenden, wo wir uns besser auskennen (und das kann ich nur bei mir selbst beurteilen und noch besser bei dieser Frage Andere🙂 ).

    Und da ist dann die eher relevante Frage, wie es sich mit Antisemitismus aktuell verhält und mit dem Fortwirken eines antislawischen Rassismus, glaube ich. Da wird es dann schwierig.

  15. momorulez Juli 29, 2016 um 8:56 pm

    Ach so, PS: Das mit dem „Reverse Racism“ können ja gerne Teile der schwarzen Bürgerechtsbewegung kritisieren, das würde ich denen dann auch überlassen, anstatt dass ich als Weißer es nun in Anschlag bringe und mir zueigen mache, um Rassismuskritik abzuwehren. Es wird auch unter Schwulen alles Mögliche behauptet, was Heten dann gerne mal gegen mich wenden – das diskutiere ich dann ggf. mit anderen Schwulen, Heten sollten lieber sich selbst hinterfragen oder einfach mal zuhören.

  16. momorulez Juli 29, 2016 um 9:08 pm

    Eine hatte ich noch nicht beantwortet: Kant-Hegel sind in Rassismusfragen nun nicht gerade anknüpfungsfähige Stränge, denke ich – bei Kant finden sich noch mitten in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ echte Klopper gegen „naturverfallene Südseebewohner“. Bei dem findet sich zwar meines Erachtens auch das Gegengift zur eigenen Lüge; dass manche im angloamerikanischen Raum sich weigern, den noch zu lesen, finde ich so dramatisch nun aber auch nicht. Aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit können auch andere befreien. Bei Adorno wird’s komplizierter; es schadet aber auch nicht, gleich Sen oder W.E. DuBois zu lesen. Was dann auch gegen Straßenfest-Symbolpolitik helfen kann.

  17. berenike Juli 29, 2016 um 9:45 pm

    Ich habe in China selbst erlebt, wie es sich anfühlt als „fremde Teufelin“ bezeichnet zu werden (verstehe selbst ein wenig Mandarin und ganz bißchen Kantonesisch), und die Abwertung der „Barbaren“ lässt sich bruchlos bis in antike Zeiten zurückverfolgen, völlig unabhängig von der kolonialistischen Zeit in China. Diese erklärt allerdings, wieso sich China unter Mao so extrem antiimperialistisch aufstellte. Nach hardcore-traditionellem chinesischem Verständnis gefährden nichtchinesische Menschen schon durch ihre Existenz die Harmonie des Kosmos, nicht weniger als das. Die gleichen BürgerrechtlerInnen, die 1988 (war das 88?) auf dem Tien-An-Men-Platz Menschenrechten einforderten überfielen zeitgleich Studierendenwohnheime und verprügelten Studierende aus Tansania, Mozambique und Madagaskar.

    @Und da ist dann die eher relevante Frage, wie es sich mit Antisemitismus aktuell verhält und mit dem Fortwirken eines antislawischen Rassismus, glaube ich. Da wird es dann schwierig.

    Vor allem mit einem Antiislamismus/Antiarabismus. Aber auch hier: Es gibt antislawischen Rassismus bei den Deutschen, und es gibt massiven Antiislamismus/Antirarabismus unter Russlanddeutschen. Kaum ein Milieu in Deutschland ist so massiv „fremdenfeindlich“ wie die Ex-AussiedlerInnen.

    Alle Menschen sind in der Grundtendenz rassistisch geprägt. Überall auf diesem Planeten, abgesehen vielleicht von Gegenden auf Papua-Neuguinea oder im Transhimalaya, wo noch nicht einmal gewusst wird dass es Fremde gibt.

    Wenn ich Dich beim Wort nehme läuft es darauf hinaus, Rassismus- Patriarchats- Sexismusdiskussionen nur nach dem Grabe-wo-du-stehst-Prinzip zu führen, Selbstzensur inbegriffen. Damit wäre dann ein allgemeiner Wahrheitsbegriff aufzugeben.

  18. momorulez Juli 29, 2016 um 10:38 pm

    „Alle Menschen sind in der Grundtendenz rassistisch geprägt.“

    Na ja, das meine ich ja mit „Entlastung“, womit ich nicht verniedlichen will, was Du In China erlebtest, aber ob das das Gleiche ist, was Schwarze in Deutschland erleben, das wage ich doch zu bezweifeln. Und das ganze China-Schwarze-Menschen-Thema: Ich vermute, dass es auch da Quellen gibt, die das profunder analysieren als ich zumindest. Zu den Ex-AussiedlerInnen bin nun wieder ich zu vorurteilsgeprägt, um mich dazu zu äußern, und das,obwohl ich da allenfalls einen kenne und sonst nix weiß.

    Aber: Offenkundig konntest Du ja problemlos hin- und wieder abreisen, und nun hier die rassistische Matrix zu kritisieren und dagegen anzugehen heißt ja nun nicht, Schlimmes, was anderswo passiert, gut zu finden. Aber solche Universalien wie eine naturalistische Anthropologisierung von Rassismus, die hier nicht das erste Mal so kommentierend behauptet wird, was wäre denn da die politische Konsequenz draus?

    Und wie kommst Du auf „Selbstzensur“, nur weil ich nicht die Position vertrete, nicht zu jedem Thema automatisch kompetent zu sein und gleich alles besser zu wissen? Das kannste auch an Sokrates oder Kant fest machen sogar …

    „Allgemeiner Wahrheitsbegriff“: Der zeigt sich für mich ebenso im Werk von John Coltrane, Pharoah Sanders, Miles Davis‘ oder Archie Shepps, von Stephen King oder in „How to get away with murder“. Und im I Ging. Und in den Ethio-Jazz-Skalen von Samuel Yirga auch, bei Clueso eher nicht.

    Und ich gehe mittlerweile tatsächlich a.) davon aus, dass der Zugang zu „Wahrheit“ umfassender zu verstehen ist, als es die philosophische und auch wissenschaftliche Tradition glaubt und b.) dazu der akademische Diskurs deshalb nur Teile beträgt, weil der dortige Diskurstyp weder praktisch noch theoretisch an der 1. und 2. Person Singular orientiert operiert. Kurioserweise landen bei beiden Pointen ja Naturwissenschaftler häufiger als Geisteswissenschaftler.

  19. berenike Juli 29, 2016 um 10:57 pm

    @Aber solche Universalien wie eine naturalistische Anthropologisierung von Rassismus, die hier nicht das erste Mal so kommentierend behauptet wird, was wäre denn da die politische Konsequenz draus?

    Was soll daran naturalistisch sein, was anthropologisierend? Das behauptest Du. Ich habe nur den Standpunkt vertreten, dass Rassismus nicht an Europa gebunden ist. Wenn das als anthropologische Grundkonstante aufgefasst werden sollte, dann etwa in dem Sinne wie die Dialektik der Aufklärung, allerdings im Weltmaßstab verstanden (wenn schon der Mythos Aufklärung ist, dann eben auch bei den Maya). Die politische Konsequenz daraus? Rassismus bekämpfen, immer und überall, by any means necessary. Den EuropäerInnen, zu denen ich selbst gehöre gehört ihr Rassismus um die Ohren gehauen. Aber den chinesischen, arabischen, schwarzen RassistInnen eben auch.

  20. momorulez Juli 29, 2016 um 11:02 pm

    Zum ersten Link, das halte ich ja für „Derailing“, was das steht, auch und gerade das zu Foucault, durchaus mein wichtigster Einfluss, aber was der so in seinen späten Vorlesungen zum Thema gesagt hat, na ja.

    „Die aktuelle gesellschaftswissenschaftliche Definition von „Rassismus“ ist: Vorurteil plus Macht.
    Hierzu auszugsweise eine ausführlichere Rassismusdefinition (Übersetzt aus: Brunson Phillips, Carol & Louise Derman-Sparks: Teaching/Learning Anti-Racism. A Developmental Approach. New York: Teachers College Press, 1997, S. 2.)
    „Wir definieren Rassismus als institutionalisiertes System von wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Beziehungen, welches dafür sorgt, dass eine ‚racial group’ gegenüber den anderen privilegiert ist, Macht hat und diese erhält. Individuelle Teilhabe an Rassismus geschieht dann, wenn das objektive Resultat von Verhalten diese Beziehungen verstärkt, unabhängig davon ob eine subjektive Intention dahinter steht“ (Derman-Sparks 1997, 2)“

    Quelle: http://www.derbraunemob.de/faq/

    Das ist schon das, was aus Black Communities auch 2016 noch weitestgehend so distribuiert wird; dass das in Abständen zu „weiß“ funktoniert, kann sogar im „Herr der Ringe“ betrachtet werden. Ob und inwiefern eine ähnliche gesellschaftliche Konfiguration in China vorliegt, das weiß ich nicht. Den zweiten Link lese ich deshalb morgen mir in Ruhe durch.

  21. momorulez Juli 29, 2016 um 11:09 pm

    „Alle Menschen sind in der Grundtendenz rassistisch geprägt.“

    Ist keine naturalistische Anthropologisierung? „Alle Menschen sind x“ ist zumindest eindeutig anthropologisch und universal.

    Und ob das irgendwas ändert, wenn ich nun „arabischen Rassisten“ irgendwas um die Ohren haue, das sei mal dahin gestellt – dass auf Seite schwarzer Menschen nun in den Zusammenhängen, wo ich mir Aussagen zutraue, Rassismus vorliegt, das halte ich aufgrund der soeben zitierten Definition doch für mindestens zweifelhaft wenn nicht falsch. Die Machtverteilung ist zu offenkundig.

  22. berenike August 7, 2016 um 11:42 pm

    @kann sogar im „Herr der Ringe“ betrachtet werden – Wie das denn? Der Herr der Ringe greift altindogermanische Hell-Dunkel-Mystizismen auf, die sich durch die germanische und keltische Mythologie ziehen, aber viel älter sind und sich auch schon im altiranischen Avesta und sogar bei den Hethitern finden lasen. Da geht es um die Gleichsetzung des Bösen mit der Finsternis, der unheimlichen Nacht, in der die Menschen schutzlos der Gefahr ausgesetzt sind und der Sonne als Gegenmacht, letztlich dem Kampf zwischen Licht- und Sonnengottheiten einerseits und Menschenopfern fordernden chtonischen Göttern der Unterwelt, die als lichtlose Höhle vorgestellt wurde. Die Menschen, die solche Mythen einst ersonnen haben wussten noch nicht einmal, dass es dunkelhäutige Menschen überhaupt gibt. Tolkien hatte ausdrücklich erklärt, dass er Orks, Zwerge, Elben usw. nicht als sog. „Rassen“ verstehe, sondern als mythologische Inkarnationen von Prinzipien, als symbolische Platzhalter wie sie in Märchen und Träumen Ängste und Sehnsüchte repräsentieren. Der europäische Rassismus wiederum ist genauso alt wie seine beiden Wurzelideologien – der Kolonialrassismus (frühe Neuzeit) und der Antisemitismus (spätes Mittelalter) und lässt sich weiter nicht zurückverfolgen. So sehr ich dem Anliegen zustimme, Alltagsrassismus und verbreitete Klischees aufzudecken wird doch in aktuellen Diskursen, der „Braune Mob“ ist da nicht frei von, einiges vermengt, das überhaupt nicht zusammen gehört – bis zu solchem Unsinn, den Kinder-Abzählreim „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ als Beleg von dieser Gesellschaft inhärentem Rassismus zu lesen. Der schwarze Mann, vor dem Kinder sich nicht fürchten sollen, ist der Schornsteinfeger. Völlig geschichtslos werden da aktuelle Rassismen in Zeiten und Verhältnisse rückextrapoliert, die damit nichts zu tun haben können.

  23. berenike August 8, 2016 um 12:06 am

    Rassismus funktioniert immer als eine Rationalisierung und Legitimierung von Macht, er ist nicht auf eine bestimmte Gesellschaft oder ethnisch sich definierende Gruppe beschränkt. Insofern ist das auch keine anthropologische Grundkonstante, sondern ein Wirkungsprinzip von Macht an sich. Ob das nun für europäische oder chinesische Menschen gilt, Ashanti und Yoruba oder z.B. die alten Azteken erscheint mir da eher zweitrangig. All diese Gruppen haben soziale Ungleichheit und z.B. Sklaverei, im, letzteren Fall massenweise Menschenopfer durch angenommene kollektive Unterschiede legitimiert.

  24. momorulez August 8, 2016 um 8:25 am

    Beim „Herr der Ringe“ ging es mir nicht um die Bücher, sondern um die Filme, wo nun alle visuellen „Phänotypendiskurse“ Whiteness abfeiernd ins Bild gesetzt sind. Und auch wenn Antisemitismus sowieso strukturell in der Anlage und der Kanonisierung dieses Schriftenbündels, das als christliche Bibel gilt, drin steckt und sich schon bei Augustinus findet, gilt halt nicht, dass das Auffächern der Historie von etwas auch dessen aktuelle Wirkungsweise erfasst. Was dann auch Schornsteinfeger betrifft – an die kein Mensch mehr bei dem Kinderlied denkt, während es z.B. in Worte fasst, was Oury Jalloh anschließend wiederfuhr. Und das ist dann die aktuelle Frage. Diese ganzen Hell/Dunkel-Metaphorik hat übrigens sehr wohl auch Rassismus genährt und tut das noch, was auch kunstgeschichtlich eine Rolle spielt, weil die Linse, die optische, komplett auf weiße Haut und deren Darstellung ausgerichtet ist.

    Deine Expertise zu China in Ehren; im konkreten Fall, also hier im Blog, ist das einfach Derailing, bei dieser Diskussion unter diesem Eintrag, und was da stimmt, das kann ich nicht beurteilen. Dass es auch einen ausgeprägten Rassismus gegenüber als „Asiaten“ Gelesenen hierzulande gibt, ist da schon relevanter.

    Das, was sich hier nun nachvollziehen lässt, ist ganz typisch für den Umgang mit dem Thema in Deutschland: Unter einem Text, der sich u.a. dafür begeistert, dass Clueso seine Popularität nutzt, den virtuosen, äthiopischen Musiker Samuel Yirga zu featuren, wird mal kurz zur Kenntnis genommen, dass es im Sudan Super-Künstler gibt, um dann Weltwissen über China, Tolkien und europäische Kunstgeschichte im Allgemeinen zu verbreiten und letztlich in Rassismusfragen schlauer als der „Braune Mob“ zu sein, dessen Headlinerin in Rio Vorträge zum Thema hält, mit Angela Davis zusammen arbeitet und den ganzen Bell Hooks-Strang in Deutschland überhaupt erst etabliert hat und weiter dachte. Nein, das ist aber unmöglich, so was ohne krude Belehrungen offen zu rezipieren, da wissen dann immer alle alles immer schon besser und lassen das Begreifen ihrer Whiteness als Teil einer Herrschaftsstruktur schon mal gar nicht zu. Ethio-Jazz interessiert dann auch nicht mehr, wichtig ist vor allem, immer wieder letzteres zu betonen und diesen impertinenten, schwarzen Aktivisten erst mal einem vom Schornsteinfeger und China zu erzählen (die lesen ja zum Teil hier mit).

  25. Hanneswurst August 8, 2016 um 11:26 am

    Zunächst mal geht es wirklich um ein ganz bestimmtes Projekt und die für die meisten Weißdeutschen völlig unbekannte Perspektive auf aktuelle sudanesische Gegenwartskunst. Darin liegt die Stärke dieses Threads. Zum anderen kann ich in dem, was Berenike da aufführt aber auch kein Derailing erkennen, eher erscheint mir das wie eine Erweiterung der Perspektive zum unendlich viele sehr interessante Facetten. Ob ein Kommentarraum in einem Blog dafür der richtige Ort ist, die Frage stellt sich allerdings.

  26. momorulez August 8, 2016 um 11:48 am

    Diesen Kommentar jetzt verstehe ich auch🙂 – den konnte ich frei schalten, @hanneswurst.

    „Derailing“ heißt ja buchstäblich „auf ein anderes Gleis umlenken“. Den Schuh muss ich mir schon auch selbst anziehen oder auch nicht, wenn ich mit dem „Herr der Ringe“ um die Ecke komme.

    Dieses Umlenken geschieht durch die Fokusverschiebung. Und die liegt meines Erachtens schon vor, wenn der Bezugsrahmen zu allgemein wird.

    Die Frage, ob es denn stimmt, dass in der Kunst aus dem Sudan sich mit der frühen Moderne auseinandergesetzt wird und warum das so sein könnte und was das ggf. mit Gauguin zu tun hat (bei der letztjährigen Millerntor Gallery gab es einen, glaube ich äthiopischen Künstler, wo mir ein Gauguin-Bezug sich noch deutlicher stellte, mir wäre bei dieser Sicht aber ggf. vorzuwerfen, dass ich überhaupt Interdependenzen zur europäischen Kunstgeschichte sehe, vielleicht brauchen die die ja auch gar nicht und ich sehe gar nicht, was da gemacht wird) verschiebt sich hin zur chinesischen „Langnasen“-Aussage und dem Versuch, daraus eine Universaltheorie des Rassismus aus der Betroffenenperspektive weißer Menschen in China zu gewinnen mit der Pointe, dass ja alle überall böse sind und es Kulturdünkel auch anderswo gibt.

    Für mich zumindest und in meinen Augen ist das so ein Stilmittel wie jenes, dass, wenn über den Holocaust geredet wird, mit Sicherheit irgendwer wahlweise mit Großmuftis, den Armeniern oder der Vernichtung der so genannten „Indianer“ kontert, um eine Universalhistorie des Völkermords zu behaupten – womit ein Bezugsrahmen eröffnet wird, der jene Konfigurationen, deren Teil mensch selbst ist, aus dem Blick geraten.

    Und, im Zusammenhang dieser Diskussion, auch noch davon weg, unter welchen Bedingungen im Sudan unter Äthiopien Kunst gemacht wird und wie Menschen sich, durch Wissen um Kolonialgeschichte belehrt, dazu verhalten kann (wo Äthiopien einen Spezialfall bildet). Wo ggf. die Frage nach der zunehmenden Intensität chinesischer Wirtschaftsinteressen in afrikanischen Ländern ggf. wirklich ein interessanter und weiter führender Bezugsrahmen sogar spezifisch möglich wäre.

    Was dabei dann verschwindet ist zudem Spezifik, die sich in der Gauguinschen Exotisierungssicht zeigt.

    Und on top belehrt ein mutmaßlich weißer Mensch mal wieder schwarze Aktivisten darüber, wie das mit Rassismus wirklich funktioniert (also den „Braunen Mob“).

    Du magst aber Recht damit haben, dass das eine Kommentarsektion überfordert.

  27. berenike August 8, 2016 um 2:17 pm

    Zunächst sollten wir vielleicht lieber eher hochhalten was uns verbindet als das was uns trennt. Ich finde das Thema des Threads ja hochspannend und werde mich mit dieser Kunst auch auseinandersetzen. Im Übrigen habe ich niemanden belehren, sondern nur meine Standpunkte und Erfahrungen zu verschiedenen hier en passant berührten Themen mitteilen wollen.

  28. momorulez August 8, 2016 um 2:28 pm

    Gerne können wir uns auf das Verbindende einigen! Diese Belehrung schwarzer Aktivisten durch Weiße über das, was wahrlich Rassismus sei, ist halt Teil der „Dominanzkultur“ nach Rommelspacher und empirisch allgegenwärtig. Sobald wir uns freilich wieder auf das konzentrieren, wo wir uns einig sind, entsteht die Situation ja auch gar nicht mehr. Und zu diesem Zwecke besorge ich mir jetzt einfach mal die e-mail-Adresse der Künstler aus dem Sudan und frage, ob die Lust auf ein e-mail-Interview haben. Um auch mal meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und nicht nur rumzulamentieren.

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