Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Reine Geschmackssache? Neue Trikots – und ist das Verschwinden des Regenbogens auch das Ende „reiner Symbolpolitik“ des FC St. Pauli? 

„Welcome Hell!“ So der zentrale Slogan des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli.

Die Hölle. Also das, wo manch fundamentalistischer Christ unsereins ja hin wünscht. Also uns, die einst „Sodomiten“ genannt wurden, bevor normalisierungswillige Psychiater „Homosexualität“ erfanden, damit es etwas gab, wogegen sich von nun an als „heterosexuell“ gelabelte, also nicht weiter klinisch zu Erforschende weil „normal“, abzugrenzen hatten. Um die Geschichte arg zu verkürzen und zurück in die Hölle  zu kommen. Oder auch dem Marketing des neuen Ausrüsters des FC St. Pauli, Under Armour. Das heißt „Unter der Rüstung“, beinhaltet also eine Verheißung. Wie ja die Hölle auch immer schon, weil da in christlicher Tradition nicht nur richtige Bösewichte angeblich landeten, solche, die gegen Gebote wie „Du sollst nicht töten“ oder „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ verstießen, sondern unter Protestanten noch verschärft auch einfach jene, die frei sind und Spaß haben wollen.

Mensch glaubt es ja kaum, aber Letzteres taucht manchmal auf Ebene der „Kommerzkritik“ sehr wohl wieder auf, auf jener des Geißelns von Sexismus aber nun gerade nicht – und ist zentrales Thema unter anderem in Goethes „Faust“. Auch ein ziemlich sexistisches Machwerk.

Drum: Ist diese Partnerschaft mit „Under Amour“ nun ein Teufelspakt, und sind es eher die lustvollen oder die bösen Seiten des Mephistotelischen, die sich da eröffnen, oder auch nichts von alledem?


Quelle: Kleiner Tod 

Zu Ablauf und Resultaten der gestrigen Trikot-Präsentation haben die vom Magischen FC  und der Kleine Tod ja schon formidabel und ausführlich, zudem perfekt illustriert geschrieben.

Als ich so den Weg mit schritt, den Zukunft unsere Mannschaft am „I will“ vorbei durch rot und schwarz sich ebnen wird, den Gegner verschreckend, wusste ich auch nicht so genau, ob ich nun im nervtötenden Anachronismus konservativer Punk- und Hardcore-Auslegungen ersticken würde oder nicht vielmehr das Ganze auch ganz lustvoll mir als schwulen SM-Club imaginieren könnte. Beim neuen Spielertunnel – siehe die Fotos beim Kleinen Tod – verstärkte sich letzterer Eindruck noch, da ließe sich schon was mit anfangen. Bei der Gestaltung der Wände auf dem Weg dahin hatten immerhin auch Künstler aus dem FC St. Pauli-Umfeld wie Rambazamba mitgewirkt, prima, um diese charmante Darkroom-Atmosphäre zu schaffen. Ein paar Bilder von Tom of Finland dazwischen fehlten mir aber irgendwie doch.
Ja, es geht eben NICHT um reine Geschmacksfragen. Nie. All das Gerangel um Look, Feel, Outfit, Musik, Wandgestaltung und auch Trikotdesign bewegt sich nicht außerhalb sozialer und geschichtlicher Räume.

Es gibt nicht das individuelle, bürgerliche „Geschmacksurteil“ in der Unschuld interesselosen Wohlgefallens, von dem Immanuel Kant einst träumte.

Genau das war ja die Sensation der Trikots, die Jason Lee im Auftrag von „Hummel“ für uns gestaltet hatte: Die Vielfalt der Bezüge von Aquaman bis zu Sex Pistols-Covern, Keith Haring und Animal Print im Post-Punk, die thematische Zuwendung zu queeren Symboliken und auch zu der Lampedusa-Gruppe haben das eindrucksvoll belegt.

Die Orientierung am „Klassischen“ ist immer auch ein bürgerliches Statement gegen die vermeintlich schrillen und grellen Haltungen Geotherter und Deklassierter. Auch das war schon zu Goethes Zeiten so. Und wiederholte sich im New Yorker CBGB zu Zeiten von Patti Smith (die mit dem berühmten Cover zu „Horses“ das aber sogar thematisierte und Gender -Kategorien aufmischte) auch in Abgrenzung gegen die quietschbunten und mit Glamour, Glitter und Pailetten sich feiernden queeren People of Colour der Disco-Ära. Mir ist es jetzt auch scheißegal, ob das in irgendeiner Fankneipe am Thresen verstanden wird – aber wenigstens ist der eine oder da ja bierschwul🙂 …

Und nein, lieber geschätzter Andreas Rettig, das ist auch zu billig, nun zu sagen, die neuen Trikots seien eben wie der FC St. Pauli: Wenig Form, viel Inhalt. Das hängt schon zusammen, Form und Inhalt. Und hinter das, was Jason Lee für den FC St. Pauli geleistet hat, fiel das Präsentierte zunächst mal deutlich zurück.

Zu Beginn war ich drum eher etwas entsetzt über das, was „Under Armour“ gestern mit viel Aufwand uns vorführte: Ein Business-Sprech-Vortrag von irgendeinem ranghohen Offiziellen, den ich problemlos auch selbst hätte schreiben können, ich höre mir so was ja nun auch seit mehr als zwanzig Jahren an. Textbausteine. Trailer, auf grausige Musik irgendwo zwischen Metallaica und Hardcore geschnitten, die so auch schon bei BRAVO TV ’93 in Sepultura-Beiträgen hätten laufen können. Eine ganz lustige Skype-Schaltung zur Mannschaft deshalb, weil die Spieler auch nicht so recht wussten, was sie sagen sollten und Christopher Buchtmann immerhin zu berichten wusste, dass die Trikots schön eng und sie deshalb für den Gegner nicht so leicht zu fassen seien. Der Moderator fragte bei allen interessanten Punkten auch dann nicht genauer nach, wenn Oke Göttlich und Andreas Rettig wirklich Spannendes zu berichten gehabt hätten. Und alles, was im Vorfeld diskutiert wurde über Bezüge zum Blackwater-Nachfolger Akademi oder auch zu Bezügen zur US-Waffenlobby NRA blieb, weil Werbeveranstaltung, ausgespart. Ist das St. Pauli-like? Trivial ist das nicht, weil sich z.B. nach dem Massaker an LGBT-People in Orlando, darunter maßgeblich Latinas und schwarze Menschen, „Gays against Guns“ formierte, explizit gegen die NRA gerichtet. Ich habe beim Rumgoogeln in keinem der Fälle eine engere Verknüpfung gefunden als z.B. die Zusammenarbeit von Under Armour mit Grosshändlern, die Messen beliefern, wo auch die NRA auftritt, finde aber nicht, dass das Thema zu den Akten gelegt werden kann.

ABER: Ich will ja gar nicht nur meckern, weil das eigentlich ganz großartig war gestern😀  … und ja, ich wurde ja auch mit einem Trikot, Speis, Trank und After-Show-Party bestochen, es war sehr schön und ich danke Under Armour für all das und mühe mich trotzdem redlich um Unabhängigkeit.

Es war auch sehr schön, weil der FC St. Pauli ja schon deshalb so großartig ist, weil die Kommunikationswege so kurz und offen sind. Zum Positiven:  Zur Beziehungsanbahnung nach Baltimore wurde tatsächlich eine Delegation von 16 St. Paulianern sowohl aus dem sportlich-ökonomischen Bereich als auch aus den Vereinsgremien geschickt, und so unangenehm besetzt ich letztere mal ab vom Präsidium zum Teil finde, so cool ist das als Ausweis demokratischer Kultur natürlich. Under Armour stellt zudem eine sechsstellige Summe für soziale Projekte zur Verfügung – ob das nun eher 100.000 oder 999.999 Euro sind, wollte Andreas Rettig auf direkte Nachfrage nicht beantworten. Sie statten auch Jugendspieler  und Nachwuchs aus, was  Talente locken kann. Vorbild sind Projekte in Baltimore, wo z.B. auch Sportplätze aus geschreddertem Sportausstattungsabfall gebaut wurden, Schulen bemustert und versorgt  und Müllentsorgung gefördert wurde. Genaueres dazu wurde mir per Mail vom Marketingleiter Deutschland noch versprochen, Philipp Walter, dazu blogge ich dann noch, der sich als ganz außerordentlich zugänglich erwies und so einem dahergelaufenen Blogger wie mir anschließend auf der Terrasse des „Übel & Gefährlich“ für ausgiebiges Fragen zur Verfügung stand.

Deutlich wurde die Bereitschaft, in einem auf mindestens 5 Jahre angelegten Engagement behutsam und mit offenen Ohren auf die Spezifika des FC St. Pauli zu reagieren und nicht auftrumpfend allesamt nach dem Motto „Wir bringen schließlich das Geld mit“ zu überrumpeln. Einzig merkwürdig war die Unterscheidung zwischen Sport und Politik. Aber wenn die Kommunikation so bleibt, wozu auch gehört, dass über die zu fördenden Sozialprojekte Vereinsgremien entscheiden, ist mehr Musik drin als nur Hardcore-Gitarrensound in dieser Zusammenarbeit …

Bleibt nur die Frage: Wohin ist der Regenbogen verschwunden? Da hat sich ja in Teilen des Vereins bis hin zu mutmaßlich denen, die die Kapitänsbinde tragen, so eine Haltung eingeschlichen, dass es sich z.B. bei queeren Ansprüchen um Partikularinteressen einer Minderheit handele, angesichts derer dann Heterosexuelle von Fall zu Fall nach eigenem Ermessen autoritär verfügen könnten, wann diese nun von Belang seien oder auch nicht. Das ist aber weder dem Grundgesetz noch den Vereinssstatuten zufolge (zumindest nicht denen des FC St. Pauli, bei 1910 e.V. könnte das anders sein) so und Kern jeder diskrimierenden Struktur. Das ist auch dann falsch, wenn es üblich und Hetero-Gewohnheit ist – schon wegen „Was Du nicht willst, dass man Dir tu …“.

Nun hat, gewitzt, Oke  gestern, darauf angesprochen – zugegeben zwischen Bier und Gin -, erwidert, dem Verein würde so oft vorgeworfen, er würde lediglich Symbolpolitik  betreiben, und so was wäre ja auch der Regenbogen am Ärmel (das Lichterkarussell opponierte da zurecht) – da wolle der Verein doch nun mal allmählich wirklich strukturell ran und in diesen Fragen grundsätzlich voran schreiten.

Word! Ich bin dabei und allzeit bereit🙂 …

Eine Antwort zu “Reine Geschmackssache? Neue Trikots – und ist das Verschwinden des Regenbogens auch das Ende „reiner Symbolpolitik“ des FC St. Pauli? 

  1. Pingback: UA: das neue Trikot der Saison 2016 / 2017, ein neuer Spielertunnel und die Millerntor Gallery | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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