Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie die Geschäftsführer des FC St. Pauli 90 Minuten lang …

… eine Frage abwehren wollten, die die taz anschließend dennoch stellte

Oder: Was macht Sportjournalismus? Wozu ist er da?

Womit vertreiben sich die mutmaßlich müden Kollegen vom Abendblatt oder den 11Freunden ihre ggf. trüben Tage, was geht in denen von MOPO und BILD vor, die Tag für Tag Zeilen schinden und sie sich aus den wund getippten Fingern saugen müssen? Lesen sie heimlich Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“ und wagen es nicht, das den Kollegen zu verraten, dass sie gar nicht wie alle anderen auch „Frauentausch“ und ähnliche Formate gucken, wenn gerade kein Fussball läuft? Um Hohn, Spott und Ausgrenzung zu vermeiden, verschweigen sie solche Lektüren halt lieber?

Hassen sie heimlich Stutzen, Bälle und Rasen, meiden phobisch allzu grüne Parkflächen? Schreiben im Verborgenen – nur  für die Schublade! – Thriller über Serienkiller, deren Trillerpfeifen beim Morden schrillen, während sie ihre Opfer mit Freistoßspray verzieren oder ihnen Spielernoten aufs Rückrad tätowieren? Oder wachen sie nachts aus Alpträumen auf, weil sie ihre Leser als wabernde Zombie-Apocalypse imaginierten, die,  auf sie eindringend, Headlines wie „Lienen will nicht mit der Mistgabel essen“ hungrig schmatzend ihnen entgegen stöhnen vorm finalen Biss (und andere Lyrik aus des Sportjournalisten-Hirn)?

Fragen, die gestern allesamt NICHT gestellt wurden. Hätte mich schon interessiert.

Andreas Rettig und Thomas Meggle, kaufmännischer und sportlicher Geschäftsführer des FC St. Pauli, hatten zum Hintergrundgespräch geladen. Neben den Erwähnten versammelten sich auch Fanzine-Macher und Blogger, alle lauschten gebannt in der Viva con Agua-Loge im Millerntor-Stadion.

Wir erfuhren viel: Dass Freiburg einen immens höhren Anteil an Fernsehgeldern zur Verfügung habe als wir, dass der FC St. Pauli hohe Investitionen fortwährend tätige in Stadion und Infrastruktur und das auch – aus Überzeugung! – durch den Verkauf des Stadionnamens nicht zu lindern sei. Dass andere Vereine ihre U23 abmeldeten, wir nicht. Dass Umsatz nicht gleich Etat sei. Dass der Rückerwerb der Merchandising-Rechte ja erstmal koste, bevor er Einnahmen generiere. Dass auch auf Rekorderlöse aus Spielertransfers Steuern zu entrichten seien und mensch nie genau wisse, wann die Vereine, wo die Jungs nun spielten, das Geld überweisen. Dass in Software zur Spielersichtung- und beurteilung investiert werden müsse und diese ja nicht nach Namen und Beliebtheit bei den Kollegen vom Print ausgewählt würden, sondern auch nach Funktion im Kader, Spielertyp, links- und rechtsfüßig, groß und klein, in- und ausländisch (inwiefern ein höherer Anteil ausländischer Spieler sich negativ auf den Teamgeist auswirke, wie behauptet wurde, erschloss sich mir nicht) wie auch aufgrund von Fähigkeiten je nach Spielsituation: Ein Fafa Picault sei auch dazu da, in der zweiten Halbzeit, wenn mehr Räume entstünden, diese zu nutzen. Funktionale Differenzierung nennt das der Soziologe, früher sprach mensch von Arbeitsteilung.

Pointe: Auch in der nächsten Saison sei der Lizenzspieleretat nicht erheblich höher als in dieser, und die Mannschaft sei doch schon super gebaut (und ein toller Stürmer auch schon verpflichtet). Wie der Tabellenplatz und der Saisonverlauf ja belegten. Und in der Tat: Trotz manch kuriosen Heimspiels ist Meckern ja nicht wirklich angesagt, sondern eher ein fettes Dankeschön dem Team entgegen zu schmettern – zudem der Großteil derer im Kader uns auch vorm Abstieg zuvor bewahrte.

Die Botschaft: Sonnenklar. Info-Dump, um denen, die täglich schreiben wie auch den Besserwissern in den Kommentarspalten „sozialer Medien“ die Parameter zu skizzieren, in denen sich die Handlungsmöglichkeiten der Verantwortlichen bewegen. Eine gewisse Gereiztheit war spürbar, denen all das nun überhaupt so haarklein aufbereiten zu müssen. War ja so überraschend alles nicht und neu ebensowenig.

Aber: Ging nicht der Vortrag ein wenig an der Zielgruppe vorbei?

Oder, anders gefragt: Geht es bei der Berichterstattung rund um Fussball und all die kneipenabendfüllenden Diskussionen rundherum überhaupt um INFORMATION oder gar WISSEN?

Ist es nicht eher der Reiz der Meinung, des Gerüchts, der Spekulation und vor allem des BEURTEILENS Anderer, der Lust anstachelt und das Spiel aum Laufen hält? Ist Grundlage des Kommentierens gar das Abwägen, faktenbasiert? Interessiert das noch wen?

Ich wage es ja kaum zu vermuten, und bestimmt irre ich, aber, wenn es denn gar möglich ist, dass des nachts in Ohmachtsgefühlen und Schweiß gebadet der Sportjournalist seine LeserInnen als ihn selbst zitierende Zombies erträumt und übermüdet solche Bilder und Stimmungen Gedanken über jene, die frisch geschriebene Zeilen in der U-Bahn lesen werden, beeinflussen KÖNNTEN – ja, manchmal kommt mir der Gedanke einer unterschwellig vergeltungsfreudigen Haltung, die Texte antreibe, eine gewisse Wut und Verachtung den Lesenden gegenüber könnte spürbar sein, das ist unfair und ungerecht, ich weiß -, ist dann so Profanes wie tatsächliche Handlungsspielräume überhaupt wichtig? Oder ist es nicht vielmehr unterhaltsamer für fast alle Beteiligten, wenn Ängste geschürt werden, dass wichtige Spieler gehen könnten, dass vor lauter Selbstzufriedenheit wichtige Maßnahmen gar nicht als solche erkannt würden und, wenn schon die ewig gleichen Berichte zu verfassen sind, wenigstens ein klein wenig das Gefühl eigener Macht dadurch angefüttert wird, dass Unruhe verbreitet und ein Hauch von Zwietracht gesät und geerntet werden KÖNNTEN?

Hey, that’s Entertainment! Drei Regeln gibt es für gute Dramaturgie: Konflikt! Konflikt! Konflikt! Steht zumindest in „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“. Und anschließend noch ein verächtliches „Für immer zweite Liga“ ausstoßen …
Als Thomas Meggle und Andreas Rettig ihre Ausführungen beendet hatten, stellte der Verteter der taz die Frage – sinngemäß – doch noch. „Sagt mal, wollt ihr nicht noch ein wenig Geld in die Hand nehmen, um ein paar richtige Granaten zu verpflichten?“ Wie gesagt: Sinngemäß. Aus der Erinnerung zitiert.

Andreas Rettig zeigte sich angesichts der Frage enttäuscht.

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